GietzenerKmiilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1929 Montag, den ZV. September Nummer 76 Verhaßtes Ich. Von Edmund Finke. Ich bin zu schwer. Ich bin zu leicht. Von meinen Ufern ist kein Regenbogen geschmeidig über diese Welt gezogen. Ich gehe neben meinem eignen Abgrund her. Ich bin zu leicht. Ich bin zu schwer. Ich bin zu leicht. Ich bin zu schwer. Zu tief verstrickt ins Ich und doch bedenken mich Worte nur, sie weiter zu verschenken. Wozu? Warum? Da eins dem andern gleicht? Ich bin zu schwer. Ich bin zu leicht. Ich bin zu schwer. Ich bin zu leicht. Ich schwebe festgehalten zwischen beiden Räumen, wo Menschen Ich sind und ihr Ich nur träumen, bin grenzenlos begrenzt und ungefähr. Ich bin zu leicht. Ich bin zu schwer. Casanova und Gloria Scherer. Von Hermann Linden. An jenem Nachmittag, als der Chevalier de Seingalt, vor drei Stunden den Vleikammern entsprungen, gesucht und gehetzt von Häschern, in äußerster Rot und Bedrängnis war, sah er die Tochter des Schuhmachers Scherer. Gefaßt von der Liebe zu seiner Vaterstadt, wollte er noch einmal vor dem Verlassen einen Blick auf das noch immer karnevalstolle Venedig werfen und war daher aus der Tiefe des Schiffes in das ihn der Koch, ein guter Freund, versteckt hatte, rasch nach oben ge- klettert. Da ging sie vorbei, Gloria Scherer, hutlos, einen kleinen Korb im Arm und di« süße Fröhlichkeit ihres Angesichts und die gazellenhafte Leichtigkeit ihres Ganges ergriffen ihn so, daß er Gefahr und Polizei vollkommen vergaß, über das Landungsbrett sprang und hinter dem Mädchen einherlief, obwohl jeder Schritt des Pflasters Todesgefahr für chn war, denn er war ein der schwarzen Kunst angeklagter Mann. Die Tenöre der Gondoliere schwangen sich in weichen Arien über die Paläste und Lagunen. Der geflügelte Löwe auf dem Markusplatz funkelte in der Sonne wie brennendes Gold. Das Rokoko hatte sich in feiner ganzen eleganten spitzenreichen Schönheit öffentlich ausgestellt, durch die Schlitze der Larven glitten die Augen ineinander, ohne daß man wußte, wem sie gehörten. Unbeschwerte Seligkeit trieb blühenden Unsinn, dessen Entschuldigung seine Grazie war. Hastig ging der Chevalier, der als Fischer verkleidet war, sich im Gehen eine froschgrüne Larve vor das braune Gesicht bindend, hinter dem Mädchen her und erreichte sie gerade in dem Augenblick, als ein langer Zug singender junger Stutzer sie in ihre Mitte nahm, um einen Tanz um sie herum aufzuführen. Das Mädchen schien aber dazu keine Lust zu haben, wohl nur, weil sie kein« Zeit hatte, und versuchte den jungen Männern zu entkommen, was ihr aber nicht gelang. Casanovas Stern hatte es gut mit ihm gemeint, er hatte den Anlaß, den er sich wünschte. Der Sprung, mit dem er in die Gruppe hineinschnellte, war von solcher enormen Wucht, daß drei der Dandics zu Boden flogen und die übrigen in einer Seitengasse verschwanden. Der Chevalier zog einen Fuß nach hinten, machte eine feine Verbeugung, als hätte er eine Dame von Welt vor sich, und bot dem Mädchen seine Unterstützung und Be- glcltung an. Gloria nahm sie lachend an. Nachdem sie einige Minuten schweigend gegangen waren, die der Chevalier henutzte, um einen tiefen, prüfenden Blick in die großen grauen Augen an seine Seite zu tun, blieb das Mädchen vor einem Palazzo stehen. „Warten Sie einige Minuten, Signor", flüsterte sie, ein leises, zuckendes Lächeln' um die Mundwinkel, „ich will nur schnell dem Marchese Gonzaga seine Schuhe bringen, dann können wir noch ein bißchen spazierengehen." Casanova mckte und setzte sich auf die eiserne Stange des Lagunengeländers. Die ^ .ftzuten zerrannen, mehr, als er gedacht hatte. Da saß er nun, der jWyrige leichte Vogel, angeklagt der Alchimie und anderer finsterer Runste und vieler Betrügereien, der Tod war bereits auf seinen Schatten getreten, aber er hatte ihm einen Stoß zu geben verstanden, daß er wie- Oer ’bs Unsichtbare versank. Er betrachtete seine Hände, sic waren hart und hager geworden in der Hitze der Bleikammern. Seit drei Stunden war er aus ihnen entkommen. Ueberall streiften die Häscher umher, um lyn zu suchen. Ein Preis war auf seinen Kopf ausgesetzt. Gut versteckt zijcher, gingen sie mit schlechter Haltung auf icht sein, Casanova galt ': Häscher, daß er der Ijatte er in der Tiefe des Schiffes gesessen, der böse Geist hatte ihn wieder nach oben gelockt. Und da war dieses Mädchen vorbeigeqangen, dieses schone große, schlanke, fremdländische Mädchen mit dem fröhlichen Gesicht und den grauen, geheimnisvollen Augen, das Wesen Weib hatte wieder wie immer mit Btttzesschnelle Macht über ihn gewonnen. Was bedeutete das Leben, der Tod, die Vleikammern, die Häscher, die Gefahr gegenüber dem Versäumnis, ein solches Mädchen ungekannt davongehen zu lassen? Trotz solchen Gedanken unterließ er nicht in diesem Augenblick, sich das Halstuch vors Gesicht zu schlagen, denn es kamen schwarze Polizeisoldaten in die Gasse hereingeschwenkt, die jeden Gehenden und Sitzenden argwöhnisch musterten. An ihm, einem simplen Fischer gingen 11--:z einem kurzen Blick vorüber. Ein Mensch, der in so r " ' ' - dem Geländer hockte wie er, konnte der Gesuchte niu, als eine brillante Denkmalsfigur, nur vergaßen die Häscher, daß 'er der Sohn einer Schauspielerin war, wenn auch einer schlechten. Jedenfalls gingen sie vorüber und der Chevalier reckte sich wieder gerade und nahm das Tuch vom Gesicht. Gloria Scherer kam aus dem Haus, eilig bestürzt ein wenig zerzaust. Der Marchese scheint mehr als seine Schuhe gewollt zu haben, dachte Casanova. Sie gingen wieder den Weg zurück und standen bald auf der kleinen Piazetta am Dogenpalast. Casanova warf einen verstohlenen Blick auf die Säulenreihe des Baus, an den zwei dunkeln Säulen, zwischen denen die Todesurteile verlesen wurden, blieben die Augen mit einem höhnischen Ausdruck haften. Sie setzten sich auf eine Treppe. Er nahm die Larve ab. „Mussen Sie nicht wieder zurück auf Ihr Schiff?" flüsterte Gloria, mit der Hand auf den Schoner weisend, an dem eben die letzten Segel hochgebunden wurden. Der Chevalier war erstaunt. „Woher wissen Sie denn, daß ich von diesem Schiff kam?" fragte er. einen Finger drohend erhoben. „Ach, man hat doch Augen im Kopf", lächelte Moria zurück. „Und die hat ein Gott mit eigner Hand eingesetzt!" sagte der Chevalier galant. Schweigen. Einige verirrte graue Tauben flogen vorbei. Die Luft dröhnte von den tausend Liedern, die überall gesungen wurden. Gloria Scherer sah den Mann an ihrer Seite einmal aufmerksam an. Eigentlich war das ein recht sonderbarer Fischer, dachte sie, so einen hatte fie noch nie gesehen. Wohl hatte er jene starke, sehnige Gestalt, die zu seinem schweren Beruf erforderlich war, auch hatten seine Hände etwas Hartes und Verbranntes, als hätten sie viel in heißer Sonne gearbeitet: dennoch hatten die Hände etwas Herrenhaftes. Aber der Kopf, der Kopf was hatte der Mann für einen interessanten Kopf. Er stieg aus dem gelben Hemd heraus, kühn und scharf wie der Kopf eines Adlers, das Gesicht war braun wie eine Vronzeplakette, das Mächtigste in diesem Gesicht waren die Augen, sie saßen wie schwarze, glühende Diamanten unter den Lidern; wenn sie sich öffneten, strömte eine Glut heraus die fast schmerzend war. Da sagte das Mädchen auf einmal schnell: .Sie sind auch kein richtiger Fischer, Signor!" Ueberrascht antwortete der Chevalier: Kind?" „Was denn, mein schönes „Nun, vielleicht sind Sie am Ende sogar der Kapitän!" Da lachte der Abenteurer, und Gloria wurde rot vor Verlegenheit. „Reden wir lieber von Ihnen, mein schönes Kind," sagte er, „ich kann nun die Frage umdrehen: Sie sind auch keine Italienerin, nicht wahr?" „Mein Vater ist ein eingewanderter Deutscher aus Augsburg. Aber meine Mutter ist eine Venezianerin, er hat sie in Augsburg kennengelernt. Sie war an einem Wandertheater, aber sie hat nicht viel gekonnt und da war sie froh, daß sie einen Mann gefunden hatte, der ihr versprochen hatte, mit ihr nach.Venedig zurückzureisen." „Ihr Vater ist Schuhmacher?" fragte der Chevalier in langsamem Ton. „Ja, wir haben sehr gufe Kundschaft hier", erwiderte Gloria leise. Wieder lachte der Chevalier so laut und seltsam wie vorhin. „Nun, dann find wir ja in der Branche verwandt!", rief er, „nur hoben meine Vorfahren etwas früher damit aufgehört, für die andern Schuhe zu nähen. Mein Großvater war der letzte der Casanovas, der so etwas tat." Da legte die schöne Gloria erregt ihre Hand auf den Arm des Chevalier und rief: „Was für einen Namen haben Sie da genannt, Signor?" „Den Namen meiner Familie", sagte Casanova einfach. „Unseliger," hauchte fie, „sind Sie der Chevalier de Seingalt, der seit Jahren das Tagesgespräch unserer Stadt ist, der vor drei Stunden, wie man sagt, aus den Vleikammern entsprungen ist, den die schwarzen Häscher Überall suchen? Sehen Sie, sehen Sie, da kommen schon wieder einige!" Casanova band sich schnell seine grüne Larve vor das Gesicht und flüsterte zu seiner Begleiterin hinüber, ohne Anstalten zu machen, sich «Achtend zu entfernen: „Ein Chevalier de Seingalt hat keinen Anlaß, sich zu verleugnen, Signora. Wie heißen Sie übrigens?" „Gloria Scherer", erwiderte das Mädchen ganz still. Der Chevalier erhob seine Hand und streichelte ihr rotbraunes Haar. „Weshalb haben Sie denn das Schiff verlassen?" kam es aus ihrem Mund. „Weil ich nicht versäumen wollte, Ihre scharmante Bekanntschaft zu machen", lächelte er. „Kennen Sie nicht Frauen genug?" „Für mich sind Sie in diesem Augenblick die Frau!" „Ja, aber nur für diesen Augenblick!" „Er wird sich wiederholen, Gloria, ich werde wiederkommen!" Er stand neben ihr, sie hatten sich beide erhoben, sie spürte einen Geruch von Rosenöl, der von seiner Haut ausging, und ein süßer Reiz stieg ihr ins Blut. Sie vergaß die Polizei und das Schisf. Es war ein großer und herrlicher Augenblick. Sie kostete ihn aus, aber auch er kostete ihn aus. Da hatte er nun dieses große, schlanke, schöne deutsche Mädchen im Arm, er sah die grauen, rätselhaften Augen zärtlich auf stch geheftet, er küßte sie auf den Mund, noch einmal, vielmals, er trank den Genuß des gefährlichen Glücks lange und leidenschaftlich, aber er vergaß in den Minuten des seligen Taumels keineswegs der zu bleiben, der er war, sein umsichtiger Verstand ging ihm niemals durch, lieber die Schulter des Mädchens hinweg beobachtete er genau das Schiff, es hatte sich schon einige Meter vom Kai entfernt. Da erwachte das Mädchen aus der süßen Umklammerung und schrie laut auf: „Das Schiff, das Schisf, Chevalier, Ihr Schiff fährt weg, wie furchtbar!" „Aber nein," sagte der Abenteurer, „was ist denn schon dabei, keine Aufregung, mein Kind!" Und mit einigen Schritten war er am Ufer, wie ein Hecht schoß der Körper in das blaue Wasser hinein. Sie sah ihm nach, wie er das Schisf erkletterte, sie sah seiner winkenden Hand nach, bis sie im Horizont untergegangen war. Er war fort. Mit langsamen Schritten ging sie nach Hause. Einige der schwarzen Polizeisoldaten rannten an ihr vorüber. Sie lächelte. Vielleicht kam er wirklich wieder ... eines Tages. Im Lande des silbernen Reiters. Von E. Schmitt-Hauser. (Nachdruck verboten.) Der Zug rattert seinen gleichmäßigen Takt durch die abendlich erblassende Landschaft: weite grüne Wiesen, goldene Breiten zitternder Hafer; schwerer Roggen steht noch vereinzelt, um eine rostrote Stute hüpft in grotesken Sprüngen ein Fohlen. Land, Land — kaum irgendwo ein Dorf, selten nur ein Mensch auf Feld und Weg. Kein Lied, keine Glocke, still, ganz still ist es, bedrückend fast, trotz der freundlichen Abendsonne. Wir sind im Osten. Im Abteil zufällig alles Reisende, die von weither kommen: Wien, Wiesbaden, aus dem liederfrohen Schwabenland, dem volkreichen Industriegebiet. Erlebnisse und Eindrücke werden erzählt. Aber allmählich legt sich die große Stille da draußen über di« bunten Bilder, sie verblassen, man wird stumm wie das schweigende Land. Die Uniform des Schaffners ist polnisch — wir sind im Korridor, diesem tiefen Riß durch deutsches Land... Virbalis-Wirballen die Grenzstation ins Land des silbernen Reiters. Litauen, der in Versailles geschaffene neue Staat beginnt. Sein Wappen — ein silberner geharnischter Reiter mit geschlossenem Visier, gedeckt vom Schild mit dem Doppelkreuz, auf bäumendem weißen Roß hebt sich wirkungsvoll von dem roten Grund — ist überall, wo nur immer möglich, angebracht. Der junge Staat prägt sich durch das Symbol ins Auge und Empsinden seines Volkes sehr eindringlich ein. Ein anderes fällt auf: die vielen Uniformen aller Art. Die Zollbeamten an der Grenz« in Khakifarbe mit hohen ReitfUefeln und Sporen machen einen ganz militärischen Eindruck. Paß- und Zollkontrolle geht schnell vor sich. Gepäck der nach Riga reisenden Passagiere bleibt undurchsucht. Sehr scharf wird auf neue Kleidung, Strümpfe usw. untersucht. Hoher Zoll belastet auch die Einfuhr von Luxuswaren, Obst, Spielzeug usw. In der Hauptstadt Kaünas-Kowno bezahlt man für eine Apfelsine 1 Lit = 42 Pf., für ein halbes Pfund Weintrauben 4 Lit = 1,68 Mark! Auf dem Lands find solche Kostbarkeiten überhaupt nicht anzutreffen. Kaunas war Festung und wurde nach dem Staatsstreich Pilsud- fkis, der Litauen die größte und schönste Stadt Wilna durch Handstreich entriß, die Hauptstadt des Landes, Sitz der Regierung und aller militärischen und zivilen Verwaltungen, besitzt eine Universität, ist erz- bischöfliche Residenz, kurz das Zentrum des Landes. Die Regierung ist sehr eifrig dabei, durch Neubauten, Straßenverbesserungen, Autoverkehr usw. sie aus dem Niveau der vernachlässigten Kleinstadt einer miß- beliebten Provinz Rußlands, die Litauen früher war, herauszuheben und ihr westlichen Kulturcharakter zu geben. Dem Fremden scheint noch nicht allzu viel getan, aber die Einheimischen versichern, daß der Unterschied gegen früher außerordentlich fei. In Kaunas kommt der deutsche Reisende noch gut mit der deutschen Sprache zurecht. Der Handel wird zum größten Teil von Juden besorgt, die ausnahmslos deutsch sprechen; selbst in den winzigsten Orten. Von den innerpolitischen Kämpfen des Landes merkt der Reisende nichts. Der Kriegszustand macht sich nur in strenger Paßkontrolle bemerkbar und durch das Verbot, die Straßen zwischen 1 Uhr nachts und 6 Uhr früh zu betreten. Die strengen Maßnahmen der Regierung verhindern eine wirkliche Fühlungnahme mit der Bevölkerung, die in ihren Urteilen über Landesangelegenheiten sich nur sehr vorsichtig äußert. Die deutschen Minderheiten sind fast noch zurückhaltender. Mit Eifer geht man nur auf die Polenfrage ein — das entrissene Wilna und die Bedrückung der litauischen Minderheiten in Polen sind im Bewußtsein des Litauers in jedem Augenblick lebendig. Zieht man eine Parallele zur deutsch-litauischen Minderheitenfrage, wird man entweder schweigend angehört, oder man versicherte, daß es sich um gelegentliche Mißgriffe handelt. Zum Beweise, daß auch die Schulfrage sich weit glimpflicher anlasse, als man in Deutschland glaube, wird darauf verwiesen, daß maßgebende litauische Familien ihre Kinder in das deutsche Gymnasium in Kaunus schickten. Fährt man tiefer ins Land hinein, fällt die Wirkung der litauischen Agrarreform auf: statt geschlossener Siedlungen kleine Einzelwirtschaften, die auf primitive Weise bearbeitet werden. Die Häuser aus Holz, meist aus rohen halbierten Baumstämmen aufgestellt, deren Zwischenfugen mit Moos verstopft find, ein verwittertes tief heruntergezogenes Strohdach, düster, moosbewachsen. Armselig und kümmerlich das ganze Anwesen. Beim Hause der charakteristische Brunnen der russischen Landschaft, der seinen Hebelarm steil zum Himmel reckt. Was dem aus Deutschland kommenden Besucher an diesen Anwesen besonders aus- sällt: keine Farbe, keine Blume belebt sie. Bei uns blüht selbst am kargen Häuschen des armen Landwirts ein Strauch, ein Blumenbrett, irgendwo, und fei es nur ein Streifen am Fensterrahmen, hellt ein bißchen Farbe die Eintönigkeit auf, findet bescheidener Schönheitssinn feinen Ausdruck. Hier nichts, was über die dürftigste Notwendigkeit hinausgeht. Die Bevölkerung ist kinderreich, sehr arm und ohne die Möglichkeit, mehr aus dem fruchtbaren Boden herauszuholen, als die 3)1 en fd) en traft vermag. Schwer zu tragen ist auch noch an der schlechten Ernte des Vorjahres. Man sieht ihre Wirkung an Mensch und Tier. Dieses Jahr ist es besser, und emsig wird auf den Feldern gearbeitet, den Segen einzuheimsen. Bei Radviliski teilt sich das Eisenbahnnetz. Der „große" Zug Berlin—Riga braust davon, und der Verkehr ins Innere beginnt. Der westliche Mensch muß sich umstellen auf östliches Tempo, das Sparten heißt und Gemächlichkeit. Radviliski, wie vertraut dem deutschen Ohr. Hier war jahrelang ein wichtiger Punkt der Heeresverwaltung Ober-Ost... Wenn hier noch irgendein Litauer, den man um Rat fragt, ein deutsches Wort versteht und gar eines erwidern kann, dann ist es eine Kriegs- erinnerung. Sonst hilft man sich mit der Zeichensprache. Am Büfett verlange ich ein Glas Tee und glaube das Getränk unter diesem Namen international akkreditiert, aber man schüttelt nur den Kopf. Nun, der Zeigefinger, mit dem ich zuerst auf ein dampfendes Teeglas und bann auf mich beute, verschafft mir den Genuß. Oh, arbatos, sagt die Büfettmamsell. Liebe Zeit, soll einer wissen, daß der Tee arbatos heißt. Weit geht der Blick über die flache Ebene, hie und da noch Reste des Waldreichtums, der früher der Landwirtschaft ihren Charakter gab. Der unerbittliche Krieg hat ihn verschlungen. Ms Knüppeldämme über di« elenden Wege endete er, als Heizmaterial im kalten Winter. Das Bahnhofsgebäude klein, aber ein sauberer, weißer Steinbau. Der Wartesaal gibt sich großstädtisch. Weiße Decken auf allen Tischen aus — Butterbrotpapier. An der Wand ein Prospekt der schweizerischen Bundesbahnen mit bunten Bildern von Locarno und dem Züricher See. Ausgerechnet die Schweiz in Radviliski. Die Wirkung auf den Fremdenverkehr im Bergland muß enorm sein. Krähenschwärme begleiten mit ihrem rab-rab den Zug, der uns endlich von mühseligen Wartestunden erlöst, noch eine ganze Strecke und vollenden die Melancholie der dunkelnden Landschaft. Auf irgendeinem ... ischki soll ich aussteigen, aber hier ist, wenigstens für mein Ohr, alles „ischki". Nachdem ich bei der dritten Station, die ausnahmsweise auf „wisch" endet, wieder pantomimisch frage, ob ich aussteigen soll, gräbt der Schaffner aus seinen Kriegserinnerungen di« Worte aus: Zwölf, schloffen, schloffen ... Ich folge dem Rat und schlöffe auf der wunderbar breiten Polsterbank der russischen Eisenbahnwagen bis zum richtigen „... ischki", wo der Zug mit nur einstündiger Verspätung eintrifft. Dort stolpere ich in der spärlich erhellten Nacht über einige Gleise, erkenne bann den Gast- freunb, werde auf ein niedriges Wägelchen gehoben, dann warten wir noch geduldig dreiviertel Stunden, ehe der Bahnübergang frei wird. Dann rast der schwarze „Juduk" mit uns los, so daß mir auch noch das Hören vergeht, sehen tue ich ohnehin nichts. Zwei Stunden schmerzlicher Wagenfahrt bringen mich endlich ans Ziel... Durch Wissen zum Heilen. Die Fortschritte der modernen Lepra-Bekämpfung. Von Dr. Th. A. Maaß. (Nachdruck verboten.) Kampfhandlungen, bei denen jeder kleinste Teilerfolg Stadt und Welt unter Fanfarengeschmetter mitgeteilt wird, enden gewöhnlich mit einer Enttäuschung. Das kann daran liegen, daß trotz aller Zwischensiege der letzte, entscheidende Sieg ausbleibt. Ader selbst wenn er errungen wurde, wenn ein gewaltiger Vorstoß gelungen, die Stellung des Feindes schwer erschüttert ist, wird er vorn unbeteiligten Beobachter gern mit der Frage „ist das alles?" abgetan. Der Vernichtungswille, die Eroberungslust der aus gesicherter Ferne, unberührt von allen Schwierigkeiten und Gefahren, dem Kampfe Zuschauenden, ist immer unbegrenzt, ihre Kritik von, erbarmungsloser Härte. Werden ihre, stets außerordentlich hoch gespannten Erwartungen durch die Schilderungen erfolgreicher Einzelaktionen noch weiter angeregt, dann kennen ihre Ansprüche keine Grenzen mehr: Was auch erreicht wurde, es bleibt hinter dem, was sie erwarten und verlangen können, weit zurück. Sehr deutlich zeigt sich diese Einstellung bei allem Ringen und allen Erfolgen der Wissenschaft, besonders der Medizin. Die überscharfe Kritik, die hier von Laien an allen Leistungen geübt wird, steht in einem argen Mißverhältnis zu der grenzenlosen Schätzung, die allen Fortschritten der Technik gezollt wird. Die Bewunderung für diese ist jetzt einmal so eingewurzelt, daß sie auch nicht durch verfrühte Oesfentlichkeit gemindert werden kann. Wenn hier überlaut das Kreißen von Bergen verkündet wird und schließlich ein winzig kleines Mäuslein entspringt, bann sind all die unenblii lein Gr Und Weltbe! lehern Problei wünscht sonders Seuche, mindest So lichkeit surchtb« Wei daran die die allgemc Ich ab Der ein feit Europf nur eil staunen noch je Mensch sigen 3 stillten lichste We halt ir und ih geschich ljunber Aufgal dessen zahlrei großen starken tigen, genüge Wo ■ • Hunde: durch 1848 t Osten, sollen Millio Mensä Island sötzigei ersten Zerstö: dern. „A r n schiede , dieser '* tungst der fri Kreise Konfli Wl worde langfa durch ®ä schwer immer schicht« an g(i freier stand, nicht langfa auf bi zinisch weiser Gc ihrer alte h neue, alle C soweit ist - Di junge: hunbe M Lepra Heilb« nichtu angefi Versa Sym Sowe den, an se, in he n. en ?n, ist en ch- in« id- us af- ir= ?tt, nn NN eit bie die en er. tet, er- ’ft= ißt ier )es Zs- er- len >er nn tt- )es ib. ier >Q5 te- rn- ee. m- ad- md em js: er- wo in Ift- vir rb. >as rz- nd die en rfe -m rt- cht eit eit ier ier be, >er igc >er )e- tik y- el- m- er- unendlich vielen blinden Technikanbeter willens und fähig, dem Mäus- lein Größe und Ansehen des Elefanten beizulegen. Und doch vollbringt gerade die Medizin oft Leistungen, die es an Weltbedeutung mit allen Wolkenkratzern, automatischen Maschinen, Fern- sebern und Tonfilmen aufnehmen können. Harren auch viele ihrer Probleme noch der,, im Interesse der leidenden Menschheit sehnlichst erwünschten Endlösung, so ist das was in den letzten Jahrzehnten, besonders im Kampfe gegen bodenständige oder zeitweise auftretende Seuchen erzielt wurde, allen Spitzenleistungen auf anderen Gebieten mindestens ebenbürtig. So ist es der Heilkunde in erbittertem, von der europäischen Oeffent- lichkeit kaum beachteten Ringen gelungen, über einen der ältesten und sichtbarsten Feinde der Menschheit, den Aussatz, zu triumphieren. Wenn sich dieser Kampf für uns so unmerklich abspielte, mag das daran liegen, daß wir unser Hauptaugenmerk stets den Dingen widmen, die die eigene Person betreffen und bedrohen, und unser Interesse an allgemeinen Menschheitsfragen im Quadrat der Entfernung vom eigenen Ich abnimmt. Der Aussatz, die Lepra, ist nun glücklicherweise heute in Europa ein seltener, in absehbarer Zeit hoffentlich ganz unbekannter Gast. Aber Europa ist nur ein kleiner Abschnitt der bewohnten Erde, beherbergt nur einen kleinen Teil der 1,8 bis 1,9 Milliarden Erdenmenschen. Erstaunen und Erschütterung wird es auslösen, daß vor wenigen Jahren noch jeder Fünfhundertste von diesen, also insgesamt 3 bis 4 Millionen Menschen von der furchtbaren Krankheit heimgesucht wurden. Die riesigen Menschenreservoire Ostasiens, Indien und namentlich China, Brutstätten so vieler Krankheiten und Seuchen, sind auch der hauptsächlichste Herd der Lepra. Welche Bedeutung die Krankheit, die nicht einmal vor Kaiserthronen halt machte, — Konstantin der Große soll an ihr gelitten haben und ihr erlegen sein, — früher auch in Europa hatte, möge aus einigen geschichtlichen Daten erhellen. So wurde beispielsweise im 11. Jahrhundert ein besonderer Orden der Lazaristen gegründet, dessen einzige Ausgabe Pflege, Betreuung und Bewachung der Leprakranken war, und dessen Großmeister durch lange Jahre ein Aussätziger sein mußte. Die zahlreichen Erkennungs-, Abwehr- und Absperrungsmaßnahmen, die zum , großen Teil aus einer gewissen Ueberschätzung der fraglos vorhandenen i starken Ansteckungsgefahr entsprangen, wie die Klapper der Miselsüch- figen, ihre Verbannung aus der menschlichen Gemeinschaft usw., legen genügend beredtes Zeugnis ab. Während die Krankheit in Deutschland seit Mitte des 17. Jcchr- r Hunderts praktisch als erloschen anzusehen mar, — ein unbedeutendes durch Einschleppung aus Rußland erfolgten Wiederaufflackern im Jahre 1848 blieb glücklicherweise unbedeutend und räumlich begrenzt, blieb der Osten, Südwesten und namentlich der Norden viel langer heimgesucht. So sollen im Jahre 1862 in Norwegen auf eine Bevölkerung von nur zwei Millionen noch 2000 Leprakranke gekommen fein, also jeder tausendste Mensch von dem entsetzlichen liebel befallen gewesen sein. Auch die Insel Island beherbergte bis in neueste Zeit eine recht beträchtliche Zahl Aussätziger. Es ist überflüssig, den Verlauf der Krankheit, vom Auftreten der J ersten durchaus harmlos anmutenden Erscheinungen, bis zu furchtbarsten '' Zerstörungen, zum langsamen geistigen und körperlichen Verfall, zu schildern. Die Literatur aller Zeiten, von Hartmann von Aues „Armen Heinrich" bis zur Jetztzeit, hat das Thema in den verschiedensten Variationen behandelt. Wählte es immer wieder, weil sie in dieser Unerbittlichkeit des Schicksals, in der langsamen, bewußt und ret- ’* tungslos zum qualvollen Ende führenden Entwicklung der Erkrankung, in der freiwilligen oder erzwungenen Absonderung des Befallenen aus dem Kreise der Äesunben, Stoss zu tiefsten und erschütterndsten menschlichen Konflikten fand. Wie oft ist das Recht, ja sogar die Pflicht des Arztes diskutiert worden, solches Leid, dem gegenüber alle Heilkunst völlig machtlos, dessen langsam grausiger Lauf bis zum bittersten Ende genau vorauszusehen durch den Tod abzukürzen. Gäbe es aber noch irgendein Argument, das für die, aus tausenderlei schwerwiegender Gründe aller Art unbedingt abzulehnende, und doch immer wieder geäußerte Forderung spräche, so wäre es durch die Geschichte des Aussatzes ein für allemal aufs Gründlichste widerlegt. Denn an gleicher Stelle, wo noch vor nicht zu langer Zeit als einziger Befreier des Aussätzigen aus der furchtbaren Umstrickung, der finstere Tod stand, steht heute die strahlende Lichtgestalt der Heilung. Sie war nicht plötzlich da, als ein Geschenk gütiger Vorsehung, sondern wurde langsam, Schritt vor Schritt, aus der nebelhaften Ferne der Hoffnung auf den festen Boden der Erfüllung geführt. Das Leitwort alles medizinischen Strebens, „durch Wissen zum Heilen" war auch hier Wegweiser zum Gipfel. Genaueste Durchforschung des Wesens der Lepra, ihres Erregers, ihrer Aerbreitungswege, kritische Sichtung der zum Teil Jahrtausende alte Heilstrebungen, Versuche auf diesen weiterzubauen, oder vollkommen neue, wissenschaftlich begründete Heilvorgehen zu finden, führten zu dem alle Erwartungen weit übersteigenden Erfolge: Der schnellen und — soweit dieser Ausdruck in der Krankheitsbekämpfung überhaupt zulässig ( >st — sicheren Heilbarkeit des Aussatzes! 1 . Die Entdeckung des Erregers fällt an die große Aera der damals noch jungen bakteriologischen Wissenschaft, das letzte Viertel des 19. Jahrhundert. Mit der sicheren Feststellung des bakteriologischen Ursprungs der Lepra, mit der Erkennung und Isolierung ihres Erregers, war allen Heilbestrebungen die große Richtungslinie gegeben. Sie mußte auf Vernichtung der im Blute kreisenden oder an und in den Organen sest- angefiebelten Mikroorganismen zielen. Damit war auch über alle die Verfahren der Stab gebrochen, die sich nur gegen ein äußerliches Symptomen der Krankheit, die H a u t e r s ch e i n u n g e n, richteten. Soweit diesen, wie der Sonnen-, Licht- und Strahlenbehandlung oder j "en, von den Japanern viel benutzten, heißen Bädern, über ihre rein örtliche, falsche Hoffnungen vorspiegelnde Wirkung, überhaupt ein wirklicher Heilwert zu kommt, kann er nur recht eng beschränkt sein: Diese Verfahren können nur einige wenige, an der Körperobersläche gelegene Ansiedlungen der Erreger zerstören und bestenfalls die natürlichen Ad- wehrkräfte des Organismus stärken. Niemals aber kann es auf diesem Wege gelingen, der unzählbaren Hauptmacht der im Körper kreisenden oder in seinen tiefsten Tiefen verankerten Krankheitskeime Herr zu werden. Andererseits aber waren auch die Versahren, die häufig in der Bekämpfung der durch Bakterien verursachten Krankheiten großartigste Dienste leisten, die Behandlungen mit Serum oder abgeschwächten Bakteriengiften hier nicht von vollem Erfolge begleitet. Die in einzelnen Fällen deutliche Heilwirkung, blieb in anderen gänzlich aus ober war zum mindesten zu unvollkommen, um in dieser Behandlungsmethode die Befreiung der Menschheit von ihrer furchtbaren Geisel begrüßen zu können. Bessere, wenn auch keineswegs ideale Erfolge zeitigte die Anwendung verschiedener vom Körper leicht aufzunehmender Verbindungen der Schwermetalle, besonders des Goldes. Der siegreiche Angrisf, der zum großartigen Erfolg führte, geschah aus ganz anderer Richtung. Schon lange spielte in der uralten indischen Medizin das Chaulmoogra-Oel, aus verschiedenen Hydnocarpus- und Gynocardia-2lrten gewonnen, eine bedeutende Rolle. Reben vielen anderen Heilwirkungen wurde ihm eine solche gegen den Aussatz zugeschrieben. Die zielbewußte Arbeit von Forschern aller Nationen konnte nicht nur die Richtigkeit dieser Ueberlieferung bestätigen, sondern es gelang ihr auch, auf dieser Grundlage süßend, die erste wirklicheHeil- m e t h o d e der Lepra auszuarbeiten. Der Weg der Chaulmoogra-An- roenbung ist durch einige Marksteine in einzelne Etappen zerlegt. Die Versuche, die Wirkung zu erhöhen und sicherer zu gestalten, indem das Del selbst nicht mehr äußerlich ober burch ben Magen, sondern in direkter Einspritzung unter die Haut gereicht wurde, gehen bis vor die Jahrhundertwende zurück. Ungefähr ebenso alt sind die Bestrebungen, aus dem Del das wirksame Prinzip rein darzustellen, um dadurch zu einem besser anwendbaren Präparat zu gelangen. Vollen Erfolg fanden diese Bemühungen im Jahre 1907. Damit war die Leprabehandlung wieder einen großen Schritt vorwärts gebracht. Eine weitere ganz außerordentliche Verbesserung, Beschleunigung und Erhöhung der Zuverlässigkeit erfuhr sie im Jahre 1915. Damals gelang es nämlich, das wirksame Chaulmoograprinzip in einer Form darzustellen, die seine gefahrlose direkte Einspritzung in die Blutbahnen erlaubte. Durch diese Anwendung wurde die Behandlung und Heilbarkeit so vorwärts gebracht, daß der Aussatz damit aufhörte, eine unentrinnbare Plage des Himmels zu sein. Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, daß, je früher die Behandlung einsetzt, ihr um so vollerer und schnellerer Erfolg beschieden fein wird. Es ist auch leider außer Frage, baß bort, wo die Krankheit in jahrelangem Wühlen schon zu schweren Drganzerstörungen geführt hat, keine Methode der Welt imstande sein kann, diese wieder auszugleichen. Aber selbst in diesen verzweifelten Fällen konnte dem weiteren Fortschreiten der Krankheit oft Einhalt geboten werden, und — ein in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzendes Moment — die von dem Kranken ausgehende Ansteckungsgefahr gebannt werden. Stärker als alle Worte überzeugen Tatsachen: Die Leprastation in Kulion auf ben Philippinen konnte in ben letzten Jahren von ihren fechsiausend „unheilbaren" Aussätzigen mehr als Tausenb geheilt entlassen. Wobei ihnen nur bie Verpflichtung auferlegt wurde, sich in regelmäßigen Abständen zu einer Nachuntersuchung vorzustellen. Bei diesen ergab sich das schöne Resultat, daß nach systematischer Chaulmoogra- behandlung die Entseuchung des Körpers eine so vollkommene und durchgreifende war, daß Rückfälle nur recht selten zu beobachten waren. Die Behandlung dauert etwa ein Jahr. Das ist im Hinblick auf den großartigen, lebensrettenden und Siechtum vorbeugenden Erfolg eine kurze, aus verschiedenen anderen Gründen aber eine reichlich lange Zeit. Es ist daher von außerordentlich hoch zu veranschlagendem Werte, daß es in jüngster Zeit Dr. M u i r von der Tropenmedizinischen Schule in Kalkutta gelang, die Behandlungsbauer auf die fast unglaublich kurze Zeit von sechs Wochen zusammenzubrängen. Das Mittel, mit bem er dies erreichte, war das von Tag zu Tag in seiner medizinischen Bedeutung höhergeschätzte Jod. Es gibt wohl in unserem ganzen Arzneischatz keinen anderen Stoff, der es an Vielseitigkeit des Anwendungsgebiets und an Spannweite der verwendbaren Mengen mit diesem aufnehmen kann: Bruchteile von Milligrammen muß der Mensch zu seiner Gesundhaltung mit der Nahrung täglich aufnehmen. Das Fehlen dieser winzigen Menge erzeugt ober begünstigt bie K r o p f b i l d u n g, ihr künstlicher Zusatz verhindert das Entstehen dieser Krankheit. Während nun bie allgemeine Erfahrung besagt, baß Stoffe, die schon in so kleinen Mengen deutliche Heilwirkung haben, bei verhältnismäßig geringfügiger Steigerung der Dosen zum vernichtenden Gift werden, liegt es beim Jod ganz anders. Steigerung dieser hochwirksamen Minima um das Zehntausendsache und mehr, verleihen ihm noch keine zerstörenden Gifteigenschaften. Von der großen Widerstandsfähigkeit des Gefamtorga- nismus gegen derartige, auf die Lepraerreger vernichtend wirkende Rie- fenbofen Jod macht Dr. Muir bei feinem Kampfe gegen ben Aussatz Gebrauch. Ausgehend von der Wirkung kleinster I o b k a l i g a b e n , ging er nach und nach dazu über, die fast unglaublich klingende Menge von 14 Gramm innerhalb eines Tages direkt in die Blutbahn der Lepra- kranken einzuspritzen und damit die vor kurzem noch unvorstellbare schnelle Heilung herbeizusühren. Selbstverständlich ist ein so drastisches Verfahren nicht ohne Gefahren. Der rapide Zerfall der Lepraknoten, bie. Ueberschwemmung des Organismus mit den aus diesen gelösten Erregern und deren Eiftprodukten erfordern strengste Individualisierung und sorgfältigste Beobachtung durch ben auf biefem Spezialgebiet erfahrenen Arzt. Ob die Zukunft nun das langsame und ungefährlichere Chaulmoogra- verfahren oder das schnelle, aber schwerer zu handhabende und gefährlichere Jobkaliverfahren, ober eine Kombination von beiden als Methode der Wahl bei der Aussatzbekämpfung anerkennen wird, bleibt abzuwarten. Jedenfalls kst der schon den ägyptischen Pharaonen und Moses als Sinnbild furchtbarster Schicksalsfügung bekannte Aussatz heute eine verhältnismäßig leicht und sicher heilbare Krankheit geworden. Der „arme Heinrich" von heute bedarf nicht mehr des Blutopfers einer unschuldigen Maid, um von seinem Leiden befreit zu werden! Das beispiellose Abenteuer des Hans pfaall. Bon Edgar Allan Poe. (Schluß.) Die Beschreibung der Flügel des Fledermausmannes auf Seite 21 ist nichts anderes, als eine wörtliche Abschrift von Peter Wilkins Bericht über die Flügel des fliegenden Insulaners. Schon allein diese Tatsache hätte Verdacht erregen müssen, sollte man meinen. Auf Seite 23 finden wir folgendes: „Welchen fabelhaften Einfluß muß unsere 13mal größere Kugel auf diesen Satelliten ausgeübt haben, als er noch unfertig im Schoß der Zeiten ruhte, als untätiger Gegenstand chemischer Affinitäten." Das ist ja sehr schön, aber niemals hätte ein Astronom eine solche Bemerkung gemacht, am wenigstens in einem wissenschaftlichen Blatte. Denn in dem beabsichtigten Sinne ist unsere Erde nicht nur 13mal, sondern 49mal größer als der Mond. Dieselbe Entgegnung ist auf alles in den nächsten Seiten folgende anzuwenden, wo als Einleitung zu irgendwelchen Entdeckungen auf dem Saturn der philosophische Korrespondent zu einer schulbubenhaften Beschreibung des Planeten übergeht. Dies im Edinburger „Journal of Science!" Aber besonders ein Punkt hätte die Täuschung verraten müssen. Angenommen, daß wir wirklich die Möglichkeit hätten, Tiere auf der Oberfläche des Mondes zu sehen, was müßte dann zuerst dem Beobachter von der Erde aus auffallen? Sicher weder ihre Gestalt, noch ihre Größe, noch sonstige Merkmale, sondern ihre sonderbare Stellung. Es würde uns scheinen, als ob sie mit den Fersen nach oben und dem Kopf nach unten liefen, wie die Fliegen an der Stubendecke. Der wirkliche Beobachter hätte einen unwillkürlichen Schrei des Erstaunens ausge- stoßen, obgleich er durch fein Wissen schon darauf vorbereitet war; der erfundene Beobachter hat diese Tatsache nicht erwähnt; er spricht davon, den ganzen- Körper solcher Wesen gesehen zu haben, obgleich er nachweislich nur den Durchmesser ihrer Köpfe bemerkt haben kann. Schließlich muß noch festgestellt werden, daß die Größe und besonders die Kräfte der Fledermausmenschen (z. B. ihre Fähigkeit, in einer so dünnen Atmosphäre zu fliegen, wenn der Mond überhaupt eine solche hat), sowie die meisten anderen Phantasiegebilde bezüglich des Lebens der Tiere und Pflanzen im Widerspruch zu allen sachgemäßen Beobachtungen über diese Dinge stehen, und daß die Analogie hier oft zu abschließender Beweisführung kommt. Vielleicht ist es auch kaum nötig, hinzuzufügen, daß alle Vermutungen, die Brewster und Herschel im Anfang des Artikels über „eine Ueberteitung von künstlichem Licht durch den Brennpunkt der Sehweite" zugeschrieben werden, zu jener Art von bilderreicher Sprache gehören, die man am besten mit „Salbaderei" bezeichnet. Es gibt eine wirkliche und sehr bestimmte Grenze für optische Entdeckungen bei Sternen. Eine Grenze, deren Natur nur genannt zu werden braucht, um verstanden zu werden. Wenn tatsächlich das Schleifen von großen Linsen alles wäre, was man dazu braucht, hätte der menschliche Scharfsinn schon längst diese Aufgabe erfüllt und wir besäßen sie in allen nötigen Größen. Aber leider steht im Verhältnis zur zunehmenden Größe der Linsen und ihrer raumdurchdringenden Kraft auch die Abnahme des Lichtes vom Objekt infolge der Strahlenstreuung. Und gegen diesen Uebelstand gibt es kein Heilmittel innerhalb der menschlichen Fähigkeiten; denn die Dinge sind nur sichtbar durch das Licht, das direkt oder zurückgestrahlt von ihnen ausgeht. Das einzige künstliche Licht, das Herrn Locke also helfen könnte, wäre dasjenige, das er selbst zu werfen fähig wäre, aber nicht auf den „Brennpunkt der Sehweite , sondern auf den wirklichen Gegenstand, der gesehen werden soll, nämlich auf den Mond. Es war leicht auszurechnen, daß, wenn das Licht, das von einem Stern kommt, so zerstreut ist, daß es so schwach wird wie das Licht, das von allen Sternen in einer klaren Nacht ohne Mondschein ausgeht, der Stern nicht mehr für irgendeinen praktischen Zweck sichtbar ist. Das Teleskop des Earl of Ross, das kürzlich in England gebaut wurde, hat ein speculum mit reflektierender Oberfläche von 4071 Quadratmeter; während das Herfchel-Telefkop nur eine solche von 1811 hat. Das Metall des Earl of Ross hat 6 Fuß Durchmesser, ist an den Kanten 5! Zoll und in der Mitte 5 Zoll dick. Das Gewicht ist 3 Tonnen, die Länge des Brennpunktes 50 Fuß. — Ich habe kürzlich ein sonderbares und ziemlich geistreiches kleines Buch gelesen, dessen Titel lautet: „L’homme dans la lune ou le voyage chimerique fait au monde de la Lune, nouvellement decouvert par Dominique Gonzales, Avanturier Espagnol, autrement dit le Courier volant. Mis en notre langue par J. B. D. A. Paris“ .. .* Der Autor erklärt, fein Werk aus dem Englischen eines gewissen D'Avisson (Davison?) übersetzt zu haben, obgleich eine schreckliche Zweideutigkeit in dieser Behauptung liegt. „J’en ai eu,“ sagt er, „^original de M. D’Avisson, medecin des mieux versez qui soient aujourd’huy dans la connaissance des Beiles Lettres, et sur tout de la Philosophie Naturelle. Je lui ai cette Obligation entre les untres, de m’avoir non seulement mis en main ce Livre en anglois, mais encore le Manuscrit du Sieur Thomas D’Anan, gentilhomme Ecossois, recommandable pour sa vertu, sur la Version duquel j’advoue que j’ay tir6 le plan de la mienne.“ (Ich habe das Original davon erhalten, sagt er, von Herrn D'Avisson, dem heute am besten über die Wissenschaft und besonders die Natur- * Der Mann im Mond oder die phantastische Reise in die Mondwelt, neu entdeckt von Dominique Gonzales, spanischen Abenteurer, auch Fliegender Kurier genannt. In unsere Sprache übersetzt von I. B. D. A. Paris ..." Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl Philosophie unterrichteten Arzt. Ich verdanke ihm dies unter anderem daß er mir nicht nur dieses englische Buch gegeben hat, sondern auch das Manuskript des Herrn Thomas D'Anan, eines schottischen Cdel- mannes, der wegen seiner Tugend empfehlenswert ist, und ich gestehe daß ich mich bei Abfassung meiner Schrift auf die {einige gestützt habe.") Nach einigen unwichtigen Abenteuern, etwa in der Art des @j[ Blas, die die ersten 30 Seiten ausfüllen, erzählt der Autor, daß er, als er auf einer Seereise erkrankte, von der Schiffsmannschaft mit einem Negersklaven auf der Insel St. Helena ausgesetzt wurde. Um die Möglichkeit Nahrung zu finden, zu vergrößern, trennen sich die beiden und leben [o weit wie möglich voneinander entfernt. Dadurch kommen sie dazu, Vögel zu züchten, die ihnen als Brieftauben dienen. Nach und nach lernen diese Vögel, Pakete von gewissem Gewichte zu tragen, und dieses Gewicht wird allmählich vergrößert. Schließlich kommt der Autor auf den Gedanken, die Kraft einer großen Anzahl dieser Vögel zu vereinigen damit sie ihn selbst in die Höhe tragen. Eine Maschine wird zu diesem Zwecke erdacht, und wir erhalten eine ausführliche Beschreibung bauen an der Hand eines Stahlstiches. Darauf sehen wir den Senior Gonzales mit Spitzenkrause und einer großen Perücke rittlings auf etwas sitzend das einem Besenstiel sehr ähnlich steht, und hochgehoben durch eine Menge wilder Schwäne (ganzas), von deren Schwänzen Schnüre zu der Maschine reichen. Die verschiedenen Ereignisse, die in der Erzählung des Tenors aufgeführt werden, stützen sich alle auf eine wichtige Tatsache die dem Leser fast bis zum Schluß vorenthalten wird. Die ganzas, mit denen er so gut bekannt wurde, waren keine Bewohner von St. Helena, sondern vom Mond. Seit Menschengedenken war es ihre Gewohnheit' jedes Jahr nach irgendeinem Punkte der Erde zu wandern. Natürlich mußten sie zur gegebenen Zeit wieder in ihre Heimat zurückkehren, und als der Autor einmal ihre Dienste zu einer kurzen Reise braucht, wird er unerwartet steil in die Höhe getragen und kommt in sehr kurzer Zeit beim Satelliten an. Hier findet er u. a., daß die Bewohner unendliche Freude genießen, daß sie keine Gesetze kennen, ohne Schmerzen sterben, daß sie 10 bis 30 Fuß hoch find, 5000 Jahre leben und einen Kaiser haben namens Jrdonozur; daß sie 60 Fuß hoch springen können, und, da sie nicht den Gesetzen der Schwerkraft unterworfen sind, mit Fächern umher- fliegen. Ich kann es mir nicht versagen, ein Beispiel der allgemeinen Philosophie dieses Buches zu geben. „Ich muß Ihnen nun erklären," sagt Gonzales, „wie der Ort aussah, auf dem ich mich befand. Alle Wolken waren unter meinen Füßen, oder wenn Sie wollen, zwischen mir und der Erde ausgebreitet. Was die Sterne anbetrifft, so sahen sie, da es dort, wo ich war, keine Nacht gab, immer gleich aus, nicht glänzend wie gewöhnlich, sondern blaß, (o ähnlich wie der Mond am Morgen. Aber wenige waren sichtbar und diese zehnmal größer (soweit ich es beurteilen konnte), als sie den Bewohnern der Erde erscheinen. Der Mond, der in zwei Tagen voll sein sollte, war von schrecklicher Größe. Ich darf nicht vergessen zu sagen, daß die Sterne nur auf der Seite der Kugel zu sehen waren, die dem Mond zugekehrt war, und daß sie um so größer erschienen, je näher sie ihm waren. Ich muß Ihnen auch mitteilen, daß, gleichviel ob es ruhiges oder stürmisches Wetter war, ich mich doch immer genau zwischen Mond und Erde befand. Davon wurde ich durch zwei Umstände überzeugt — meine Vögel flogen immer in gerader Linie, und immer, wenn wir versuchten auszuruhen, wurden wir unmerklich rund um die Erdkugel getragen. Denn ich stimme der Lehre des Kopernikus bei, der behauptet, daß sie nie aufhört, sich von Osten nach Westen zu drehen, nicht auf den Aequmoktialpolen, die gewöhnlich Weltpole genannt werden, sondern auf den Zodiakolpolen, eine Frage, über die ich mir vornehme, ausführlicher zu sprechen, wenn ich Muße habe, mein Gedächtnis aufzufrischen bezüglich der Astrologie, die ich in meiner Jugend in Salamanka gelernt, aber wieder vergessen habe." Trotz der Schnitzer ist das Buch nicht ohne Anspruch auf Beachtung, da es eine naive Probe gibt von den in damaliger Zeit geläufigen astronomischen Lehren. Eine davon behauptet, daß die „Schwerkraft" nur eine kurze Zeit über der Oberfläche der Erde anhalte; und infolgedessen hören wir, daß unser Reisender „rund um die Erdkugel getragen wird" u(«. Es sind noch mehr Reisen nach dem Monde geschrieben worden, aber keine wertvollere als die eben erwähnte. Die von Bergerac ist ganz bedeutungslos. Im dritten Bande der American Quarterly Review findet sich eine recht ausführliche Kritik über eine gewisse „Reise" von der erwähnten Art; eine Kritik, von der schwer zu sagen ist, ob der Astor darin mehr die Torheit des Buches oder feine eigene gänzliche, Unwissenheit in der Astronomie beweist. Ich vergaß den Titel des Buches, aber die „Mittel" der Reise sind noch viel schlechter erdacht als sogar die „ganzas" unseres Freundes Tenor Gonzales. Beim Graben in der Erde findet dort der Abenteurer ein gewisses Metall, auf das der Mond eine starke Anziehungskraft ausübt. Sogleich baut er daraus einen Kasten, der, nachdem man ihn von feiner Befestigung auf der Erde losgemacht hat, sofort mit ihm nach dem Satelliten fliegt. Die „Flucht des Thomas O'Rourke" ist ein nicht ganz so erbärmliches jeu d’esprit, das ins Deutsche übersetzt wurde. Thomas, der Held, war tatsächlich Wildhiitrr eines irischen Edelmannes, dessen Ueberspanntheit zu allerlei Erzählungen Stoff gab. Die Flucht wird auf dem Rücken eines Adlers unternommen aus Hungry Hill, einem hohen Berge der Bantry Bai. In diesen zahlreichen Broschüren ist die Absicht immer satirisch, da eine Beschreibung der Sitten auf dem Monde im Vergleich zu den unfrigen beabsichtigt wird. Nirgends wird der Versuch gemacht, die Einzelheiten der Reise selbst glaubwürdig zu gestalten. Die Autoren scheinen alle gleichmäßig unwissend in der Astronomie zu fein. In Hans Pfaall ist die Absicht originell, da der Versuch gemacht wird, die „verisimilitude in der Anwendung wissenschaftlicher Prinzipien (insofern die absonderliche Art des Vorwurfs es gestattet) bei der tatsächlichen Reise von der Sri* zum Monde durchzuführen. ~ 'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. N. Lange, Gießen.