SietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang My Freitag, den 30. August Nummer 67 Pflügender Bauer. Von Irmgard von Faber du Faur. Du gingst am Pfluge wie ein Stier getreu, die Herren kamen jagend angesprengt und ... waren wie ein leichter Wind vorbei. Du gingst am Pflug, die Stirne tief gesenkt. Da wurde mir aus deinen schweren Plagen das größte Schauspiel, das ein Mensch gesehen: Es konnte Gott in seinen Schöpfungstagen nicht anders durch die Erdenfurchen gehen. Das Fräulein vom Stern. Anekdote von Wilhelm Schäfer. Marianne vom Stein, des Reichsfreiherrn Schwester, war von seiner unbeugsamen Art, nur kränklich und schon ein ältliches Fräulein, als der Minister aus Preußen fluchten mußte. Um den Plackereien der Kriegszeiten zu entgehen, war sie Stiftsdame in Wallenstein geworden, wo sie äußerlich das Dasein alter Damen teilte, die zwischen der häuslichen Absonderung ihrer Familien auf die leeren Plätze geraten sind und lesend, musizierend, auch wohl mit einer Partie Tarock die unnützen Tage füllend, wenn sie nicht irgendwo mit Handarbeiten oder sonst der Wirklichkeit die kleinen Liebesdienste tun. Doch auch dergleichen war damals staatsgesährlich; denn als nach dem verunglückten Putsch des Freiherrn von Dörnberg in Kurhessen eine gestickte Fahne geftmden wurde, hing irgendwie ein Faden daran, der den Franzosen den Weg nach Wallenstein zeigte, wo sie tatsächlich von einem Fräulein von Baumbach in aller Heimlichkeit gestickt worden war. Eines Abends langte dort eine geheime Widmung an, die alten Damen mit schlimmen Ankündigungen zu ängstigen, so daß ihrer neun am nächsten Morgen dort abreisten und Marianne vom Stein die alte Oberin samt einer halbtauben Dechantin nur mit Mühe dabehielt. Sie kannte aus eigener Erfahrung die Hinterhältigkeit solcher Warnungen und vermutete gleich, daß es den Franzosen mehr um das Stistsvermögen von dreihunderttausend Talern als um die Fahne ginge. Fünf Tage später wurde Wallenstein frühmorgens von Husaren umzingelt, als ob es eine Festung wäre, und durch die Machtvollkomnienheit ihrer Karabiner gedeckt, begann ein Kommissär die peinliche Untersuchung. Es war ein Franzose von der .Zentralgewalt in Mainz, ein lang aufgeschossener Mensch, der seinen Schnurrbart in einem schwarzen Röllchen unter der Nase trug, um die Hasenscharte zu verdecken, er trat den Damen zunächst nicht bösartig und mit der sichtbaren Absicht entgegen, eine weltmännische Figur zu machen. Die Oberin, ein verdattertes altes Frauchen, das schon die Karabiner auf ihre Brust gerichtet sah, wollte ihm weinend ihre Unschuld beteuern. Marianne vom Stein aber drängte sie zu der Dechantin in den Stuhl zurück, der sie danach wie ein Kind weinend auf dem Schoß saß, und führte die Unterhaltung mit so kalter Würde, daß der Franzose seine geplanten Versuche bald aufgab und diese Stiftsdamen die umgedrehte Weltordnung höhnisch spüren ließ, wo ein Bedienter — denn das war er gewesen — auch einmal drei adelige Fräulein nach seinen Launen kujonieren konnte. Er machte ihnen zum Schluß, während draußen ein Frühlingsgewitter gemächlich heranbullerte und die Oberin vollends blaß werden ließ, ein Protokoll, das die festen Versicherungen ihrer Schuldlosigkeit als überführte Ausreden und ziemlich alle Punkte der Anklage als Geständnis enthielt. Danach quartierte er sich mit den Husaren im Stift ein, die Antwort von Mainz auf den Bericht abzuwarten. Es dauerte fast eine Woche, bis sie kam, unterdessen stolzierte der mit der Hasenscharte in den Gemächern, den Gärten und Feldern des Stiftes herum, als ob er der Gutsherr wäre und die drei Stiftsdamen als Unumgängliche Gäste hatte. Jeden Nachmittag um sechs Uhr ließ er im Speisesaal die Tafel aufs sorgfältigste Herrichten, wobei ihm seine Erfahrung sichtlich zustatten kam, und ließ die Damen dazu bitten. Die eingeschüchterte Oberin, die heimlich dem Fräulein vom Stern und seiner Unbeugsamkeit das ganze Unglück zuschrieb, wäre jedesmal gegangen, wenn nicht Marianne sie und die andere mit bestimmter Gewalt tm Zimmer gehalten hätte, während der Kommissär allein an seiner Tafel faß. Als ob die beiden nicht von den Husaren, sondern von ihr gefangen wären, so mußte sie aufpassen, daß sie die sorglos offenen Tore nicht doch noch kopflos zur Flucht benutzten und so den Franzosen das erwünschte Eingeständnis ihrer Schuld gaben. Am sechsten Tage endlich kam der Reiter wieder mit dem Bericht aus Mainz; die Angeklagten sollten in vier Tagen dort erscheinen. Die Oberin, die sich schon erschossen in einem Festungsgraben sah, konnte ihren Jammer nicht mehr verhalten, auch die Dechantin verlor die Schweigsamkeit der tauben Ohren und klagte den gefährlichen Eigensinn an; Marianne gab dem Pächter am nächsten Morgen die letzten Anweisungen, packte die beiden Alten mit einem Husaren als Wächter in den geschlossenen Wagen und setzte sich selber zu den andern auf den Bock, indessen der Kommissär in seiner Kalesche nachfuhr'und rechts und links Husaren ritten. Es war im Juni, als diese Fahrt geschah, die durch ein gutes Stück von Deutschland führte. Die Sonne schien wieder nach langem Regen und die Wiesen standen vor dem ersten Schnitt. Von den dunklen Tannenhöhen hingen die Buchenwälder bis dicht an die Dörfer herunter, überall war die heimelige deutsche Hügellandschaft, in der nur manchmal am Horizont die blauen Rücken höherer Berge standen oder ein Fluß aus einem fernen Tal glänzte: immer wieder aber trennten Grenzpfähle mit neugestrichenen Landesfarben diese Landschaft in die Gebiete der Rheinbundfürsten ab, die um ihrer Existenz willen Vasallen Napoleons und Könige oder Großherzöge von seinen Gnaden geworden waren. Marianne hätte nicht die Schwester des reichsunmittelbaren Freiherrn vom Stein fein müssen, um diese Fürsten als Sinnbild der deutschen Zänkerei zu hassen, nun aber auf ihrem Bock kamen sie ihr wie die weinerlichen Damen in dem Wagen vor. Und obwohl sie ihren ^Vruder nicht verstand, daß er nach Preußen gegangen war statt zum Kaiser, wohin ihr jeder gute Deutsche in dieser landesverräterischen Zeit zu gehören schien, so billigte sie doch mehr als früher während dieser gewaltsamen Wagenfahrt sein Ziel, aufzuräumen mit der deutschen Kleinfürstenschaft. Es war mehr als eine Stiftsdame aus Wallenstein. Was da am Abend auf dem Kutscherbock durch das finstere Festungstor von Kastel rumpelte und nachher auf der Fähre über den breiten Rheinstrom hinüber in das neugebackene Rheindepartement einqebracht wurde. Es war die gefährliche Gesinnung des landesflüchtigen Ministers Stein, mit der die Hasenscharte um der mißachteten Manieren willen in einen bösen Zustand geraten war; ganz ahnungslos, und auch die Bureaukraten von der Zentralgewalt in Mainz, durch ihn berichtet, merkten nicht, wen sie da hatten. Sie ärgerten sich als Sachverwalter der Revolution an ihrem freiherrlichen Hochmut in den Verhören, und da sich unterdessen das Fräulein von Baumbach freiwillig mit dem Geständnis in Mainz ein- gefunden hatte, sie allein habe die Fahne in aller Heimlichkeit gestickt — wodurch der Rechtsgrund der französischen Absichten auf das Stiftsvermögen ebenso klar wie durchscheinend wurde — so daß sie die drei zu Unrecht beschuldigten Stiftsdamen auf freien Fuß setzen mußten: da ließen sie die beiden andern in Mainz vorläufig einen felbstgewählten Aufenthalt nehmen, das Fräulein vom Stein sollte erst noch um seiner hochmütigen Gesinnung willen eine schimpfliche Strafe erleiden. Es war kein Urteil der Zentralgewalt, es war die Rachsucht mißachteter Behörden, der sich Marianne vom Stein nun ausgeliefert sah, als sie wie eine böse Sieben nach einer hämischen Sitte die Gasse kehren sollte. Die Kommissäre versprachen sich einen Spaß davon, wie sich das Gasfenvolk an dieser Freiherrin mit seinem Unflat auslassen würde und ahnten nicht, wie übel ihre Rachsucht auslaufen sollte. Denn als sie am Morgen das Fräulein vom Stein hinausführten vor die Präfektur und sie vor den ersten Neugierigen den Besen in die Hand nehmen sollte, während die Trommler anfingen, ihre Felle zu schlagen: machte es sich, daß ihr zufällig mit der Hasenscharte ein Herr von Holm in den Weg trat, der hier zu den Franzosen in den Staatsdienst getreten war und den sie kannte. Irgendein verlorener Instinkt der Ritterlichkeit trieb den alten Galan, bestürzt zu ihr zu treten, als wenn er ihr mit seinem Einfluß aus der peinlichen Strafe helfen könnte: sie aber, die in diesen Tagen der Gefangenschaft an nichts so bitter als an solche Ueberläufer gedacht hatte und wie diese Rheinbunddeutschen den traurigsten Teil der französischen Beamtenschaft ausmachten; sie riß dem Büttel den verweigerten Besen als Waffe aus der Hand und begann zu kehren, daß der saubere Herr sich augenblicklich in einer Staubwolke befand und seine Schienbeine mit einem Satz auf die Treppe retten mußte; unter dem Gelächter des Volkes, das die Gebärde nicht mißverstand. Nachdem Marianne vom Stein aber nun einmal den Besen in der Hand hielt und sich darin verstanden sah, was es hier auszukehren galt, lag es nicht mehr am Büttel, sie zu treiben. Die Trommler vor ihr konnten lange Beine machen, um nicht in ihren Besen zu geraten, so saß ihr der Zorn in den Händen. , , Sie hatte wie ihr Bruder viel in Mainz gewohnt und war bekannt. Darum standen manche in der Gasse, die ihren Namen wußten; doch war es keiner von ihnen, sondern ein fremder Wandersbursch, mit dem Felleisen auf dem Rücken durch das drängende Volk aufgehalten, der mit einer stillen Gebärde zuerst den Hut abnahm. Irgend etwas daran mochte in den andern die Ahnung auslösen, was für ein Zeichen ihrer eigenen Demütigung dieses Schauspiel war; bald standen ihrer viele mit dem Hut in der Hand, bis auch die Buben es nicht mehr wagten, die Mutze Ms dem Kopfe zu behaltens als ob ein Priester mit dem Sakrament durch die katholischen Mainzer Gassen käme, so feierlich geehrt wie nie im Leben ging das Fräulein vom Stein mit ihrem Besen durch die entblößten Häupter hin. Und ob ihr fast die Arme obfielen, sie kehrte, weil sie den Atem der Feierlichkeit suhlte, und wieviel Hunderten sie mit ihrem Leidensgnng ans innerste Herz rührte, als ob aus dem Volk — nicht von den Fürstenhösen — vielleicht doch einmal die Kraft und der Mut zum Kehraus aufstehen könnte! Die Trommler dursten nicht aufhören und auch der Büttel vermochte nichts gegen den Befehl, so daß Hunderte von Franzosen aus den Fenstern ingrimmig das Schauspiel erblickten und den Sinn der Handlung erkannten. Bis endlich der Leutnant der Wache nach dem Lärm sah und kurzerhand den Zug kassierte. Es wurde keine Gewalttätigkeit begangen an dem Tag und auch dem Fräulein, das auf der Wache fast ohnmächtig hinsank, weil es zuviel für feine Kräfte gewesen war, konnte nichts Widerfätzliches nachgewiesen werden; aber es ging bis in die Nacht hinein eine Unruhe in den Mainzer Straßen, daß der Gouverneur selber nach der Ursache sah. Der freilich kannte den Namen Stein und wußte gleich, was für einen Vogel er da im Käfig hatte; doch auch, was für eine Ungeschicklichkeit mit ihm begangen war, so daß der Kommissär schon am Abend selber seinen Verweis erwartete. Die Sache schien wichtig genug, dem Kaiser Meldung zu machen; auch wurde das Fräulein vom Stein danach mitten im Frieden als Kriegsgefangene mit allen Ehren nach Paris gebracht. Sie war krank, als sie dort anlangte, bevor der badische Gesandte ihre Ungefährlichkeit auf Diplomatenwegen beweisen konnte; auch unternahm sie nichts mehr zum Werk der Freiheit, weil ihre Kräfte hinfällig waren; trotzdem blieb ihre Tat lebendig, bis der Kehraus begann. Doch heißt es, daß Marianne vom Stein den Kehrbesen in den Jahren danach noch manchmal gern in die Hände genommen hätte, wenn nicht auch ihrem Bruder des Staubes zuviel gewesen warf. Engelbert Humperdinck. Zu seinem 75. Geburtslage. Bon Anton Maye r. Engelbert Humperdincks 75. Geburtstag am 1. September 1929 gibt uns Veranlassung, eines allzu früh Vergessenen zu gedenken; die mitleidlose Zeit ist über seine Werke hinweggeschritten und hat in ihnen etwas zerstampft, das wert gewesen wäre, erhalten zu bleiben. Der außerordentliche Erfolg von „Hänsel und Grete 1", einer sympathischeren Oper, als es etwa „Cavalleria rufticana" ober „Bajazzo" sind, deren Leierkastenmelodieu des „Intermezzo" und des „Lache, Bajazzo" immer noch häufig auf unseren Opernbühnen zu hören sind, ist vollkommen verklungen, und von Humperdincks anderen Schöpfungen ist es ganz still geworden — höchstens, daß das melodramatische Märchen von den „Königskindern", nicht gerade sein glücklichstes Werk, auf die Bühne gebracht wird und wegen des Textes Schiffbruch leidet. Humperdinck war Norddeutscher, Mecklenburger: in Neustrelitz ist er geboren. Aus dem Konservatorium in Köln und der Musikschule in München studierte er und bewies seine Begabung auf die einzige Weise, in der man sie auf ähnlichen Instituten und kurz nach ihrem Verlassen beweisen kann: er gewann sämtliche verfügbare Stipendien, nämlich die nach den Komponisten Mozart, Mendelssohn und Meyerbeer genannten — cs ist übrigens eigentümlich, aus wie verschiedenen Regionen der Musik die Paten der Stipendien stammen, die ihm sozusagen seinen Lebensunterhalt gewährten; später blieb er in seinem Schaffen ganz einheitlich und diesen Paten, denen er eigentlich zu Dank hätte verpflichtet fein müssen, ganz abgewandt. In den Jahren 1879 bis 1881 war er in Italien, dem alten klassischen Kunstlande der Musik und Malerei, und folgte den Spuren der früheren mit „Rompreifen" des Pariser Konservatoriums bedachten Schülern, wie B e r l i o z, in der Stadt der Päpste. Nach einem vierjährigen Aufenthalt in Deutschland kam er einem Ruf als Lehrer an das Konfervatorimn zu Barcelona nach, dem er bis zum Jahre 1887 angehörte. Von Spanien aus kehrte er an die Stätte feiner ersten Studienjahre, nach Köln, zurück, um dann wenige Jahre später eine neue Lehrstelle, und zwar am Konservatorium in Frankfurt, anzunehmen, wo ihm 1896 der Professortitel verliehen wurde. Endlich, im Jahre 1900, fand er feinen Weg nach Berlin; bis 1920 wirkte er als Vorsteher einer akademischen Meisterklasse an der Hochschule und wurde auch Mitglied der Akademie. 1921, kurz nach feinem siebenundsechzigsten Geburtstage, ist er gestorben. Es ist merkwürdig an diesem Leben, daß es zum allergrößten Teil der Lehrtätigkeit geweiht war. Humperdinck beherrschte sein Fach aus das beste und zeigte sich vielleicht gerade deswegen als ein fo guter Vermittler musikalischer Weisheiten, weil das Elementar-Schöpferische in ihm weniger stark ausgeprägt war als das feine Nachcmpfinden und Verstehen größerer Gestalter und jenes merkwürdigen Musikstoffes, dessen Kenntnis gute Wirkungen, begründete Effekte und angenehme Melodien entstehen läßt, ohne den Menschen zum Höchsten, zur genialen Gestaltung, zu führen. Man könnte die musikalische Materie noch am ehesten mit dem zu knetenden Ton in der Hand eines Bildhauers vergleichen; der weiche Stoff gibt, hat der Künstler die in ihm liegenden Möglichkeiten erkannt, die gewünschten Formen in reizvoller Weise, je nach Art der betreffenden spezifischen Begabung wieder, ohne daß der Bildner die Kräfte Michelangelos oder Rodins besitzen müßte; so formte sich auch der Musikstaff zu mannigfachen Gebilde», und zwar ist die Kunstfertigkeit, diese hervorzubringen, durchaus erlernbar. Es ist ganz auffällig, daß wirklich große Genies, wie Mozart, Beethoven, Wagner niemals in diesem Sinne Lehrer gewesen sind: unter ihren Händen formte sich der Musikstosf nicht zu jenen mehr ober weniger gefälligen Gebilben, sondern wuchs zu ganz unberechenbaren riesenhaften Werken, die mit menschlicher Krast gar nicht zu übermitteln sind, sondern eben nur durch sich selbst wirken können. Alle drei genannten Meister haben, wie einige andere der ganz Begnadeten auch, keine Schüler, sondern nur Nachahmer und Epigonen gehabt; nach Humperdincks Tode hat sich indessen an der Berliner Hochschule der Fall bereits zweimal wiederholt, daß außerordentlich begabte, mit dem Musikstoff auf bas innigste vertraute Komponisten, benen die geniale Gestaltungskraft im letzten Sinne fehlt, mit ihrer Lehrtätigkeit die besten Erfolge erzielt haben — Ferruccio Busöni und Arnold Schönberg. Es ist kein Wort darüber zu verlieren, daß ihre musikalische Linie mit Humperdincks Ausdruck nicht das geringste zu tun hat; als Anreger gehen sie auch natürlich weit über ihn hinaus, besonders Busoni. Gemeinsam ist aber allen dreien, daß sie keine Nachahmer und Epigonen haben, sondern Schüler. Humperdincks Kunst hat sich an Wagner gebildet — er war selbst ein Epigone, aber ein sehr geschmackvoller, was man sonst nicht eben von allen Epigonen »behaupten kann. Der große Wurf, „Hänsel und Gretel", gelang ihm, indem er Wagners gigantische Prinzipien und deren Durchführungen auf die Verhältnisse einer Märchenoper übertrug und im Gegensatz zu den orchestral in der reichsten Weise durchgesiihrten und kontrapunktisch keineswegs unkomplizierten Stellen einfache und entzückende Kinderlieber brachte, die jeder kannte und schmunzelnd mit- Smmen konnte: „Suse, liebe Suse, was raschelt im Stroh"; und „Ein ännlein steht im Walde". — Kindern und Erwachsenen war es eine Freude, die altvertrauten Melodien nun in pikanter Rhythmisierung und origineller Instrumentation zu hören. Viele mögen diese anspruchslosen Liedereinlagen den dramatischen Teilen vorziehen; man sollte aber nicht vergessen, wieviel melodische Erfindung in diesen Partien liegt, schon im Vorspiel mit dem durchgehenden Thema des ganzen Werkes, im „Hexenritt" mit feinem polternden Humor, in den Hexenfzenen und schließlich in der berühmten Abendgebetsszene mit der Himmelsleiter und Engelapotheose: mag die Instrumentation zu dick fein -— gewiß hätte Mozarts Partitur hier anders ausgefehen — mag die Melodie (das Vorfpieltherna) nicht von höchstem Adel der Erfindung fein: es ist soviel echt Musikantisches in diesen Dingen, daß man alles grämelnbe und gelehrte Kritisieren lassen, und, Epigonentum hin, Nachwagnerei her, sich am Wohlklang der Komposition und an ihrer guten Struktur freuen sollte. Das Publikum ist ja sonst nicht so wählerisch und nimmt die banalsten Operettenschlager mit Vergnügen auf: hier ist eine ernsthafte Musik, ohne schwer zu fassende Genialität, sehr anständig gearbeitet und voller guter Einfälle — warum sollten wir zu stolz für sie fein? Humperdinck hat den Erfolg von „Hänsel und Gretel' niemals wieder erreicht; seine späteren Werke verloren sogar in ihrer Reihenfolge immer mehr an Anziehungskraft für das Publikum. „Häufel und Gretel" war 1893 als Protest in die Hochflut des „Verismo", der italienischen „Wahrheitsoper" — die natürlich genau so unrealistisch war, wie alle andern auch, da ohne Verneinung des Realismus keine Oper bestehen kann; man übersetzt denn auch „Verismus" besser mit „Blut- rünftigfeit" — geschlagen und hatte die „Konjunktur" der Opposition für sich. „Die Königskinder" (1898) fanden diese nicht mehr vor und litten außerdem an dem unglückseligen Zwitterwesen des Melodrams, an dem schon Mozart mit feiner „Zaide" scheiterte. 1902 ging „Dornrösche n" ganz unbemerkt vorbei, und allerdings war es nun auch genug mit den Märchen; man soll kein Genre übertreiben. Sehr unverdientermaßen aber ist die 1905 zuerst ausgeführte „Heirat wider Willen" in Vergessenheit geraten; das Werk steckt voll der feinsten Harmonik und Melodik. Seine Handlung spielt im französischen Rokoko und leidet an einem unzulänglichen dritten Akt am Königshof; die beiden ersten sind dagegen fluffig und amüsant. Die „Heirat wider Willen" zeichnet sich besonders durch gut geformte Gesänge aus, wie das entzückende ves-Dur-Bries-Lied im ersten Akt („Kommen Sie, Teure, ich will Sie erwarten"), die k^-Dur-Arie Montforts im Gefängnis, das sehr großartig aufgebaute Quintett am Schluß des zweiten Aktes und das den französischen Rokokostil auf das granziöseste imitierende Schäferlied der Heldin im letzten Auszug. Aber auch ebenso sind viele Schönheiten, zu finden, die eine Ausführung lohnen würden. Nicht unerwähnt bleibe Humperdincks reizende Musik zu „Was ihr wollt" mit den Narrenliedern, sowie zahlreiche andere Schaufpielmiisiken wie die zum „Stur m". Das Schlangenschiff. Bon Richard H u e 1 s e n b e ck. Auf meiner Frachtdampferfahrt nach Ostasien hatte ich oft (Belegenheit mit dem ersten Offizier zu plaudern, den wir in Schanghai wegen schwerer Krankheit ausbooten mußten und der dann, wie ich bei der Rückkehr gehört habe, bald daraus gestorben ist. Er erzählte mir, er fei einmal mit einem kleinen Frachtdampfer gefahren, der für einen europäischen Zoo Tiere transportierte. Cs gab einen Elefanten, mehrere Leoparden, viele Affen und eine Kiste mit einem Kobrapaar, das in sich zusammengerollt, scheinbar leblos aus Stroh, Erde und Pflanzenresten starrte. Die Mannschaft liebte den Elefanten wie ein Kind, taufte ihn Bobby, gab ihm Reste eigener Mahlzeiten zu fressen und streichelte ihm den Rüssel. Die Leoparden, die sich ziemlich gesittet benahmen, beachtete man wenig; die Eisenstäbe zwischen ihnen und dem Schiff trennten zwei Welten. Man hätte nichts von ihnen gewußt, wenn nicht hin und wieder ein seltsam scharfer Schwaden durch die Takelage gezogen wäre, der vom Monsum nicht herrühren konnte: der Raubtiergerueh. Die beide» eingeborenen Tierhüter steckten übrigens ohne Furcht die Hände in die Käfige; der Hindu behauptet von keinem Tier, es fei wild, er sagt, cs werde erst wild durch die Menschen, die mit ihm umgehen. Die Affen lebten sich schon am ersten Tag in eine Clownrolle hinein, die von allen freudig mitgefühlt wurde. Sie liefen teilweise frei an Bord herum, stahlen wo sie konnten, nahmen Prügel und Schelle gleichmütig hin, schossen Kobolz, enterten die Masten und mußten hin und wieder mit der Feuerspritze zur Räson gebracht werden. Der Höhepunkt der Komik wurde erreicht, als eine Meerkatze dem Kapitän die Mutze vom Kopf riß, gerade in dem feierlichen Moment, als dieser die Mittagshöhe aufnehmen wollte. Es folgte eine Disziplinauslockerung, die aus dem Schiff eine Art Zirkus mochte und vom „Salon" (wo die Leitung tagt), beforgt konftotiert wurde. Mit wirklich geringer Sympathie beobachtete man das Kobrapaar, und gerade die Weltabgewandtheit, die es zur Schau trug, steigerte die Abneigung. Matrosen sind primitive Leute! sie glaubten den Tieren einfach nicht, sie hielten sie für hinterhältig, bösartig, bissig, mochten die Hindus einwenden, was sie wollten. Diese behaupteten nämlich, wenn man den Kobras zur Abendzeit eine Schale Milch hinstelle, mache man sie sich zu Freunden. Der Lauf der Dinge gab den Matrosen Recht! denn eines schönen Tages — man schwamm auf der Höhe von Minikoi — waren die Kobras aus ihrer Kiste verschwunden. Der Proviantmeister entdeckte es, eher als die Hindus, die mit ihrer dummen Ruhe von nun an die helle Wut der Besatzung erregten. Das Schiff geriet in ungeheure Aufregung. Die Aussicht, eine Kobra, deren Bitz in kurzer Zeit tödlich ist, zwischen den Bettlaken zu finden, erfüllte selbst den Mutigsten mit klapperndem Entsetzen. Eine systematische Suche nach den Bestien blieb erfolglos. Weder zwischen den Win- schen, noch unter den Persennings oder in den vielen Winkeln und Ecken, die der Gang der Ruderkette auf dem Hinterdeck bildete, war irgend etwas zu entdecken. Das Suchen, das man noch einigemal wiederholte, gestaltete sich überdies zu einer Tragigroteske, weil niemand vorangehen wollte und die Hindus, die den Mund so voll genommen hatten, sich ängstlicher als die andereir benahmen. Wunderbar blieb, daß der Käfig der Schlangen unverletzt war, so daß man sich nicht vorstellen konnte, wie sie die Freiheit gewonnen hatten. Was tun? In der ersten Nacht, nach dem Unglück, saß alles mit an- gczogenen Beinen auf dem Bett, von Schlaf keine Rede. Am anderen Tage stolperten übernächtige, aufs höchste gereizte Leute an Deck herum. Es blieb nur eins: umkehren und so schnell wie möglich einen Hafen an- laufen. Eine Deputation von Matrosen und Heizern begab sich zum Kapitän, um zu verlangen, was unumgänglich notwendig erschien. Der Kapitän aber, der gerade eine Differenz mit seiner Gesellschaft beigelegt hatte, zögerte, um seinen Auftraggebern großen Schaden zu ersparen. Vor der Schisfsnase lagen drei Wochen Himmel und Wasser. Man hätte also nach Kolombo zurückdampfen müssen. Konnte man den Leuten zu- muten, bis Suez mit den unaufgefundenen raub- und bißlustigen Kobras, zu fahren? Und wenn wirklich was passierte? Wer war verantwortlich, aus wessen Schultern kamen die verlorenen Menschenleben? Der Kapitän bewegte sich tagelang in richtigem Schüttelfrost. Er war Zögerer von Geblüt, konnte sich nicht entschließen; mal war er bereit, das "Schiss zu wenden, mal dachte er an die vielen Tausende, die man ihm vorrechneir würde. Eine verfluchte Lage. Der Schiffsfunker, ein Mann namens Hart- haus, gab der Mannschaft wegen seiner seltsamen Gewohnheiten mancherlei zu Lachen. Er wurde allgemein als Bücherwurm, Schreibteufel, Bureaufritze oder Hellseher bezeichnet. Während er die Hörer an die Ohren hielt, las er Goethes naturwissenschaftliche Schriften; wenn mau mit ihm zusammensaß, suchte er das Unterhaltungsthema in der Weise abzuwandeln, daß es statistische und wissenschaftliche Form annahm. Harthaus interessierte sich für viele gelehrte Dinge, obwohl Leute, die ernsthaft etwas verstanden, meinten, er sei ein blutiger Dilettant. Seine Gewohnheiten waren denkbar kleinlich, er versäumte nie, mit lieber» schuhen an Bord zu gehen, er schlief auf einem gestickten Kissen und besaß eine Sparbüchse, auf der in grellen Farben ein Förster zur Jagd auszog. An den Wänden seiner Kammer hingen die Köpfe berühmter Leute und unter ihnen stand je ein Spruch, den Harthaus aus den Klassikern ge- flnubt und nach seiner Ausfassung geändert hatte. 'Man lachte über ihn, hielt ihn für etwas irrsinnig, kam aber zu ihm, um in Dingen, die das gewöhnliche Wissen überstiegen, Rat zu holen. Man konnte nicht sagen, er sei unbeliebt. Daß Harthaus zum mindesten eine schwere seelische Schlagseite besaß, zeigte sich, als die Flucht der Schlangen bekannt wurde. Er verriegelte sich in seiner Kammer und konnte selbst durch Befehl des Kapitäns nicht zum Borschein gebracht werden. In der 'Rächt stieß er minutenlang Schreie aus, die in der Stille der tropischen Nacht den Menschen die Haare zu Kopf stehen ließen. Man hörte dumpfen Lärm in der Funker- fnbine: es flog was gegen die Wand, Holz wurde gebrochen, Teller zersplitterten. Die Erregung und Wut der Leute fliegen ins Ungemieffene, Meuterei rückte in nächste Nähe. Die Salongäste traten mit umgeschnall- tem Revolver aufs Deck, verfolgt von der murrenden Mannschaft. Nach außen hin blieb das Schiff trotz größter Spannung friedlich wie am ersten Tag, der Ozean gleichmäßig blau und die Furche, die das Ruder zog, binmantenperlenb und wunderbar. Der Dienst lief ab wie eine Uhr, der Steuermann trat an fein Rad, ein wenig bleicher als sonst, aber pünktlich auf die Minute. Der Kapitän hatte sich längst eine neue Mütze aufgestülpt, vorsichtig betrat er die Brücke, vorsichtig, den Blick schuh» wärts gewandt, ging er auf und ab, nahm das Fernrohr und legte es über die Reling. Bon Wenden war keine Rede mehr, in acht Tagen mußte Suez in Sicht kommen. Die etwas bessere Stimntung flammte eines Abends wieder zu hellster Erregung auf, als ein Trimmer in seiner Soje aufschrie und behauptete, von einer Kobra gebissen worden zu sein. Er hatte sich aber nur mit einer Nadel gestochen, die beim Hosenflicken im “ett liegen geblieben war. Der Kapitän zitierte ben Mann auf die Brücke unb machte ihn schrecklich herunter, obwohl der Trimmer einwand, daß seine Schreie im Lergleich mit den nächtlichen Schreien des Funkers kaum Aergernis erregen konnten. Die Sache mit Harthaus wuchs sich zu einem großen Skandal aus. Nachdem er tagelang getobt hatte, erschien er verstört und haarsträhnig M der Messe; man gab ihm zu essen, fragte ihn, was er habe, erhielt aber feine Antwort. Harthaus schloß sich wieder ein und begann sein Theater Bon neuem, bis es schließlich dem Kapitän, der selbst am Rand seiner Selbstbeherrschung stand, zuviel wurde. Die Funkbude wurde aufge- gesperrt &er m'*'3 wehrende Funker herausgeholt und ins Hospital Die ärztlichen Funktionen wurden vom vierten Offizier ausgeübt, der >n ruhigen Zeiten gern mit der angeeigneten Wissenschaft protzte, jetzt ober bescheiden erklärte, er verstehe nichts von Krankheiten. Trotzdem erhielt er vom Kapitän den Auftrag, zum Funker ins Hospital zu gehen, mild auf ihn einzureden und ihm, wenn möglich, eine beruhigende Tablette zu geben. Der Kapitän hatte einige Sromtabtetten bei sich, weil er an Schlaflosigkeit zu leiden pflegte, in der Apotheke fand sich außer Rizinusöl nichts Wesentliches. Die Schiffahrt war damals — zur Zeit der Erzählung des ersten Offiziers — unvergleichlich primitiver als heute, wo für Kranke jeder Art gesorgt ist. Die Versuche des Vierten, Harthaus Tabletten beizubringen, endigten mit einem Fingerbiß, den er von dem wild um sich schnappenden Funker erhielt. Man gab es schließlich aus, helfen zu wollen und beschränkte sich darauf, alle 'JJlorgen einen Napf mit warmem Essen durch eine Tiir- spalte ins Hospital zu schieben. Das Ende der Fahrt rückte näher und näher, eines Tages lag Port Twesik vor dem Schifssbug. Harthaus wurde von herbeitelegraphierten Sanitätern ins Irrenhaus abgeholt. Das Schiff sollte so lange in Quarantäne liegen, bis die Kobras gefunden waren. Man begann unter den erdenklichsten Vorsichtsmaßnahmen den ganzen Kasten auszuschweseln, ohne daß man auch nur einen Schlangenschwanz zu Gesicht bekam. Erft nach Wochen entdeckte man eine tote Kobra im Ausguck. Von der anderen hat niemand je wieder etwas erfahren. Die Nase. Bon Nikolaj W. Gogol. • (Fortsetzung.) „Gestatten Sie die Frage, wie ist Ihr Name?" „Was hat der Name damit zu tun? Ich kann meinen Namen nicht nennen. Ich habe viele Bekannte: Frau Staatsrat Tschechtarewa, Frau Oberstleutnant Palageja Grigorjewna Podtotschina ... Gott verhüte, daß man hiervon erführe! Sie können einfach schreiben: ein Kollegien- Assessor, oder besser noch — der im Range eines Majors stehende .. „Und der, den Sie suchen, war Ihr Leibeigener?" „Was für ein Leibeigener! Nun ja, gewissermaßen, aber bas wäre noch nicht so schlimm. Davongelaufen ist mir ... nun, — meine Nase." „Hur! Welch seltsamer Name. Und hat diese gewisse Nase Sie um eine große Summe bestohlen?" „Nase, Nase! — Sie verstehen mich nicht. Meine eigene Nase ist verschwunden, unbekannt wohin. Der Teufel hat seinen Spott mit mir getrieben." „Ja, wie denn? Auf welche Weise verschwunden. Ich verstehe nicht recht." „Auf welche Weise, das eben, kann ich Ihnen nicht sagen. Die Hauptsache ist, daß sie jetzt in der Stabt spazieren fährt unb sich für einen Staatsrat ausgibt. Unb darum bitte ich Sie, veröffentlichen Sie sofort, daß, wer diesen Herrn festkriegt, ihn unverzüglich zu mir bringen soll. Bedenken Sie, in der Tat, wie soll ich auskommen ohne diesen so sehr bemerkenswerten Körperteil? Das ist nicht dasselbe, wie wenn mir, sagen wir, die kleine Zehe am Fuß fehlen würde. Man zieht den Stiefel an, unb niemand merkt, daß was nicht da ist. Ich bin alle Donnerstage bei der Frau Staatsrat Tschechtarewa. Die Frau Oberstleutnant Palageja Grigorjewna und ihre reizende Tochter sind gleichfalls meine guten Bekannten. Und nun urteilen Sie selbst, wie soll ich denn jetzt ... ich kann mich ja nirgends mehr blicken lassen." Der Beamte dachte nach, was an seinen fest zusammengekniffenen Lippen zu sehen war. „Nein, eine solche Anzeige kann ich in meinem Blatt nicht bringen", — sagte er schließlich nach einem längeren Schweigen. „Wie? Warum nicht?" „So. —■ Die Zeitung könnte ihren guten Ruf verlieren. Wenn da jeder schreiben wollte, ihm sei seine Nase baoongelaufen. Ohnehin schon wird immer behauptet, es würden durch die Zeitung allerlei falsche Gerüchte unb Unsinn verbreitet." „Aber wenn doch meine Nase tatsächlich verschwunden ist!" „Ist sie verschwunden, gehen Sie zum Arzt. Man sagt, es gäbe solche Leute, die einem jede beliebige Nase anzusetzen verstünden. Uebrigens scheinen Sie mir, wie ich bemerke, ein rechter Spaßvogel zu sein." „Ich schwöre Ihnen, so wahr mir Gott heilig ist! Bitte, wenn's schon so weit gekommen ist, so will ich's Ihnen zeigen." „Wozu die Umstände" — erwiderte der Beamte, indem er seine Prise nahm. „Uebrigens, wenn es Sie nicht bemüht," suhr er mit einer Bewegung der Neugierde fort, „so wäre es doch interessant zu sehen." Der Kollegienassesfor nahm das Tuch vom Gesicht. „In der Tat, außerordentlich seltsam!" — sagte der Beamte, — „eine vollkommen glatte Stelle, glatt wie ein srischgebackener Pfannkuchen. Glatt bis zur Unwahrscheinlichkeit!" „Nun, wollen Sie immer noch streiten? Jetzt sehen Sie wohl selbst ein, daß hierüber etwas geschrieben werden muß. Ich werde Ihnen sehr dankbar dafür sein, und ich freue mich, daß dieser Anlaß mir das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft verschafft hat. —" „Etwas darüber zu schreiben, ist. freilich keine große Sache", sagte der Beamte. „Aber ich verspreche mir davon keinen großen Nutzen für Sie. Wenn Sie schon durchaus wollen, geben Sie es einem, der eine gewandte Feder führt, daß er es beschreibt als eine seltene Naturerscheinung. Und dann lassen Sie es drucken in der „Biene des Nordens" (hier nahm er nochmals eine Prise), zu Rutz und Fromm der Jugend (hier rieb er sich die Nase) ober so, aus allgemeinem Interesse." Der Kollegienassesfor verlor alle Hoffnung. Er schlug die Augen nieder, und dabei fiel fein Blick auf den unteren Teil einer Zeitung, wo allerlei Vergnügungen angezeigt waren. Ein Lächeln wollte sich in fein Gesicht schleichen, denn er hatte den Namen einer Schauspielerin, einer bekannten Schönheit, entdeckt. Und seine Hand griff unwillkürlich in die Tasche, ob er auch genügend Geld bei sich habe, — denn ein Mann von seinem Rang konnte natürlich nur auf einen teuren Platz gehen. — Aber der Gedanke an die Nase verdarb wieder alles! Der Beamte schien selber von dem UnglM Kowalews gerührt zu sein. In der Absicht, ihn ein wenig zu trösten, suchte er nach den passenden Worten für sein Mitgefühl. — „Es tut mir wirklich sehr leid, daß Ihnen diese Geschichte passieren muhte. — Ist Ihnen vielleicht ein Prieschen gefällig? Es vertreibt Kopfschmerzen und trübe Gedanken. Selbst bei Hämorrhoiden tut es gut." — Indem er dieses sagte, hielt er Kowalew seine Schnupftabakdose hin. Der geöffnete Deckel zeigte das Bildnis einer Dame mit Hut. Dieses unbedachte Anerbieten brachte Kowalew ganz aus der Fassung. „Ich begreife nicht, wie Sie in dieser Weise scherzen können", sagte er voll Schmerz und Zorn. „Sehen- Sie denn nicht, daß mir eben das fehlt, womit ich schnupfen könnte? Hol der Teufel Ihren Schnupftabak! Er widert mich an, und wäre es selbst ein echter Rapps und nicht dies gemeine Kraut, das Sie mir anbieten." —Und damit verließ er die Expedition der Zeitung und begab sich zum Polizeikommissar des betreffenden Reviers. Er trat zu ihm ins Zimmer gerade in dem Augenblick, als der Kommissar sich, zu einem Schläfchen ausstreckte und die Worte sprach: „Oh, wie süß "werde ich jetzt zwei Stündchen schlafen!" — woraus man bereits ersieht, daß eben dieser Augenblick für das Kommen des Kollegienaffesiors kein günstiger war. Dementsprechend empfing der Kommissar ihn nicht gerade herzlich. Die Zeit nach dem Mittagessen, erklärte er, sei nicht dazu da, polizeiliche Nachforschungen anzustellen. Die Natur selbst habe es so eingerichtet, daß man nach dem Essen ein wenig ruhen müsse (dem Kommissar waren, wie Kowalew bemerkte, die Aussprüche der alten Weisen nicht unbekannt), — und überhaupt, — einem anständigen Menschen hätte man die Nase nicht abgerissen. Das traf die Braue nicht, das traf ins Auge! — Kowalew konnte alles verzeihen, was bloß persönlich ihn betraf. Sobald es aber an Rang und Titel ging, kannte er keinen Spaß. So war er auch der Meinung, daß zum Beispiel in Theaterstücken wohl manches vorkommen durfte, was vielleicht für jüngere Offiziere nicht günstig war. Vom Major aufwärts aber durfte niemand lächerlich gemacht werden. — Dieser Empfang nun von feiten des Kommissars war mehr, als er vertragen konnte. Er bebte an Haupt und Händen und sprach mit dem Ausdruck höchster Würde: „So gestehe ich denn, daß, nach so beleidigenden Bemerkungen Ihrerseits, ich weiter nichts hinzuzufügen habe ..." und ging hinaus. Es dämmerte bereits, als er nach Hause kam, — todmüde von all dem vergeblichen Suchen. Seine Wohnung erschien ihm trübselig und widerte ihn an. Im Vorhaus, auf dem fleckigen Sofa, lag sein Diener Iwan auf dem Rücken und spuckte an die Decke, wobei er mit einiger Gewandtheit immer denselben Fleck traf. Diese Seelenruhe des Menschen machte ihn rasend. „Immer Dummheiten treibst du, Schwein!" rief er und schlug ihn mit der Mütze über die Stirn. Iwan sprang auf und beeilte sich, seinem Herrn den Mantel abzunehmen. In seinem Zimmer angelangt, warf sich der Major müde und verdrossen in einen Lehnstuhl, seufzte mehrmals und sprach schließlich zu sich selber: „Mein Gott, mein Gott! Womit habe ich dies Unglück verdient? Wenn's der Arm oder der Fuß wäre, es wäre nicht so schlimm. Aber ohne Nase ist der Mensch, weiß der Teufel, was: Nicht Huhn, nicht Vogel, — nicht Fisch, nicht Fleisch, — einfach zu nichts nutz, als: ihn zu nehmen und zum Fenster hinauszuwerfen. Und wäre sie mir noch im Kriege abgehauen worden oder im Duell, oder ich selbst wäre die Ursache gewesen! Aber so, — um nichts und wieder nichts, weg, verschwunden, hin! ... Aber nein, es kann nicht sein," — fuhr er nach einer Weile des Nachsinnens fort, — „es ist zu unwahrscheinlich, daß eine Nase verkorengehen kann, es ist einfach nicht zu glauben. Dies ist gewiß nur ein Traumgesicht, eine böse Phantasie. Habe ich vielleicht im Versehen den Spiritus ausgetrunken, mit dem ich mir nach dem Waschen das Gesicht abzureiben pflege? Iwan, der Narr, hat ihn nicht weggeräumt, und so habe ich in der Zerstreutheit danach gegriffen." Um sich davon zu überzeugen, ob er nicht betrunken sei, kniff sich der Major so schmerzhaft, daß er aufschrie. Dieser Schmerz machte es ihm zur Gewißheit, daß er wach und nüchtern sei. Vorsichtig näherte er sich wiederum dem Spiegel und knisf die Augen zu, in der Hoffnung, die Nase könnte etwa doch an ihrem Platze sein. Aber im nächsten Augenblick sprang er zurück mit dem Ausruf: „Welch ein possenhafter Anblick!" In der Tat, es war unbegreiflich. Wenn es ein Kopf gewesen wäre, oder ein silberner Löffel, oder die Uhr, oder sonst etwas derart, — aber daß es dies sein mußte, was verlorenging, und noch dazu in der eigenen Wohnung! ... Alle Umstände in Betracht ziehend, gelangte der Major Kowalew zu einer Mutmaßung, die er schließlich - für die wahrscheinlichste hielt, — nämlich: daß an all diesem niemand anderes schuld sein könne als die Frau Oberstleutnant Podtotschina, dieselbe, die den Wunsch hegte, er solle ihre Tochter heiraten. Freilich, ein wenig mit ihr tändeln, das tat er gern, — aber einer entscheidenden Aussprache war er aus dem Wege gegangen. Und als ihm die Frau Oberstleutnant geradeheraus erklärt hatte, sie wolle die Tochter mit ihm verheiraten, da war er mit seinen Komplimenten vorsichtig ein Stückchen abgerückt. Er sei noch zu jung, hatte er gesagt, er müßte erst noch fünf Jahr dienen, vor dem Zweiundvierzigsten sei es doch zu früh. — Und darum also, aus Rache sicherlich, hatte sie beschlossen, ihn zu verderben, und hatte irgendwelche alten Zauberweiber auf ihn losgelassen. Denn, daß ihm jemand die Nase abgeschnitten hätte, das war nicht anzunehmen. Niemand war bei ihm im Zimmer gewesen. Der Barbier Iwan Jakowlewitsch hatte ihn erst am Mittwoch rasiert, und während des ganzen Mittwochs, ja auch noch den ganzen Donnerstag über hatte er seine Nase gehabt, — dessen entsann er sich ganz genau. Außerdem hätte er doch einen Schmerz verspüren müssen, auch hätte die Wunde nicht so schnell heilen können, daß sie glatt wurde wie ein Pfannkuchen. Er erwog im Geist allerlei Pläne: sollte er die Frau Oberstleutnant auf gerichtlichem Wege zur Verantwortung ziehen, oder sollte er selbst zu ihr hingehen und sie entlarven? Seine Grübeleien wurden unterbrochen durch den Lichtschein, der durch die Türritzen drang und ihm anzeigte daß Iwan das Licht im Vorzimmer schon angezündet hatte. Bald zeigte sich denn auch Iwan selbst, die Kerze in der Hand. Das Zimmer wurde hell. Die erste Bewegung Kowalews war: nach dem Taschentuch zu greisen und jene Stelle zuzudecken, an der es noch gestern eine Nass gab, — daß dieser dumme Mensch nicht die Maulsperre kriegte vor Schrecken, wenn er eine solche Seltsamkeit an seinem Herrn entdeckte. Iwan war kaum wieder hinaus, als sich vom Vorzimmer her eine unbekannte Stimme hören ließ. „Wohnt hier der Kollegienassessor Kowalew?" — fragte die Stimme. „Herein!" rief Kowalew, indem er aufsprang und die Tür öffnete, „der Major Kowalew ist hier." Ein Polizeibeamter trat herein, von angenehmem Aeußeren. Ein bräunlicher Bart schmückte seine runden Backen. Es war derselbe, der zu Beginn dieser Geschichte am Ende der Jsaksbrücke gestanden hatte. „Sie haben beliebt, Ihre Nase zu verlieren?" „So ist's!" „Sie ist gefunden." ,,Was Sie sagen!" rief der Major. Die Freude beraubte ihn fast der Sprache. Er starrte mit weitaufgerissenen Augen den Quartalausseher an, dessen volle Lippen und Wangen im flackernden Licht der Kerze glänzten. — „Auf welche Weise?" — „Durch einen seltsamen Zufall. Sie wurde gefaßt, als sie eben entwischen wollte. Sie saß bereits im Postwagen, der nach Riga fährt. Und ihr Paß lautete auf den Namen eines höheren Beamten. Und das Sonderbare ist, daß ich selber sie zuerst für einen Herrn ansah. Zum Glück aber hatte ich meine Brille bei mir, und da erkannte ich sofort, daß es bloß eine Nase war. Ich bin nämlich kurzsichtig, müssen Sie wissen, und so, wie Sie dort vor mir stehen, sehe ich nur, daß Sie ein Gesicht haben, aber sonst unterscheide ich weder die Nase, noch den Bart, noch sonst eine Einzelheit. Meine Schwiegermutter nämlich sieht auch so schlecht." Kowalew war außer sich vor Freude. „Wo ist sie denn? Wo? Ich laufe sofort hin." „Beunruhigen Sie sich nicht. Ich weiß, daß sie Jhiren unentbehrlich ist. Ich habe sie mitgebracht. Und sonderbar ist noch dieses: daß der Hauptbeteiligte an dieser Sache der Barbier, der Gauner, ist, der am Wosnessenski-Prospekt wohnt. Er ist bereits arretiert. Schon längst ist er mir verdächtig vorgekommen als Trinker und Dieb. Noch vor drei Tagen hat er in einem Laden ein Päckchen Knöpfe gestohlen. Ihre Nase ist noch genau so, wie sie war." — Und damit langte der Quartalaufseher in seine Tasche und holte die in Papier gewickelte Nase hervor. „Sie ist's!" schrie Kowalew, „sie, wirklich sie! — Ach bitte, bleiben Sie doch heute bei mir zum Tee." „So gern ich es täte, aber leider ist es unmöglich: ich muh von hier aus sofort zum Zuchthaus ... Die Lebensmittel find alle so sehr teuer geworden ... Bei mir im Hause wohnt auch noch meine Schwiegermutter, — und dann die Kinder, der Aelteste berechtigt zu allerlei schönen Hoffnungen, ein gescheiter Bengel. Aber wo soll man die Mittel für eine richtige Schulbildung hernehmen?" ... Nach dem Weggang des Ouartalaufsehers verharrte der Kollegienassessor eine Weile in einem merkwürdig unbestimmten Zustande, und es dauerte mehrere Minuten, ehe er wieder richtig sehen und fühlen konnte: so sehr hatte ihn die unerwartete Freude erschüttert. Er nahm behutsam die wiedergefundene Nase in seine beiden gehöhlten Hände und betrachtete sie genau. „Sie ist's, tatsächlich, sie ist's!" sprach er vor sich hin. „Siehe, da ist auch das kleine rote Bläschen auf der linken Seite. Gestern ist es hervorgesprossen." Er hätte vor Freude fast laut gelacht. Aber nichts auf der Welt ist von Bestand, und darum ist auch die Freude in der zweiten Minute nicht mehr so lebhaft wie in der ersten. In der dritten Minute wird sie noch schwächer, und schließlich, unmerklich, geht sie wieder in einen gewöhnlichen Gemütszustand über, — so wie auf dem Wasser Ringe, die durch das Hineinwerfen eines Steinchens entstanden, allmählich wieder in der glatten Fläche verschwimmen. — Kowalew begann zu überlegen, und es wurde ihm klar, daß die Sache hiermit noch nicht erledigt sei: Die Nase war wiedergefunden, jetzt aber galt es, sie wieder an ihren richtigen Platz zu bringen. „Aber wie, wenn sie an diesem Platz nicht hält?!" Mit dem Gefühl unbeschreiblicher Angst stürzte er an den Tisch und holte sich den. Spiegel. Daß die Nase ja nicht schief zu sitzen käme! Seine Hände zitterten. Vorsichtig, behutsam legte er die Nase an ihre Stelle an. Aber, o Entsetzen! Die Nase blieb nicht hasten ... Er hielt sie an den Mund, erwärmte sie mit seinem Atem und hielt sie von neuem an die glatte Stelle zwischen seine Backen. Aber die Nase wollte auf keine Weise dranbleiben. „Na, na, so steh doch, du Narr!" sprach er zu ihr. Aber die Nase war wie aus Holz und fiel auf den Tisch. Es klang, als wäre ein Pfropfen hingefallen. Das Antlitz des Majors verzog sich wie im Krampf. denn möglich, daß sie nicht halten will?" fragte er sich angstvoll. Aber wie oft er sie auch an ihre richtige Stelle anlegte, — alle feine Bemühungen blieben vergeblich. Er rief den Diener Iwan und schickte ihn nach dem Doktor, der im selben Hause wohnte. Dieser Doktor war ein stattlicher Mann, hatte einen wunderschönen, pechschwarzen Backenbart, eine frische, gesunde Frau, aß stets zum Frühstück rohe Aepsel und behandelte mit besonderer Sorgfalt seine Zähne, die er jeden Morgen dreiviertel Stunden lang nm fünferlei verschiedenen Bürsten bearbeitete. Der Doktor war sofort M Stelle. Nachdem er sich erkundigt hatte, wann das Unglück passiert sei, faßte er den Major Kowalew am Kinn, hob es und versetzte feinem Patienten mit Daumen und Zeigefinger einen so heftigen Stüber auf jene Stelle, wo sich vorher die Nase befunden hatte, daß dieser, zurückzuckend, mit dem Hinterkopf gegen die Wand schlug. (Schluß folgt.) Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universickät4-Buch- und Stein bruckerei, 2i. Lang«, Dietzen.