SietzeiierZaiMenblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1929 Samstag, den 50. März Nummer 25 Der Engel am Grabe des Herrn. Von Heinrich von Kleist. Als still und kalt mit sieben Todeswunden Der Herr in seinem Grabe lag; das Grab, Als sollt' es zehn lebend'ge Riesen fesseln, In eine Felskluft schmetternd eingehauen, Gewälzet mit der Männer Kraft, verschloß Ein Sandstein, der Bestechung taub, die Türe: Rings war des Landvogts Siegel ausgedrückt: Es hätte der Gedanke selber nicht Der Höhle unbemerkt entschlüpfen können: Und gleichwohl noch, als ob zu fürchten sei. Es kann' auch der Granitblock sich bekehren, Ging eine Schar von Hütern auf und ab Und starrte nach des Siegels Bildern hin: Da kamen bei des Morgens Strahl, Des ew'gen Glaubens voll, die drei Marien her, Zu sehn, ob Jesus noch darinnen sei; Denn er, versprochen hatt' er ihnen, Er werd' am dritten Tage auferstehn. Da nun die Frau'n, die gläubigen, sich nahten Der Graheshöhle: was erblickten sie? Die Hüter, die das Grab bewachen sollten, Gestürzt, das Angesicht in Staub, Wie Tote um den Felsen lagen sie; Der Stein war weit hinweg gewälzt vom Eingang; Und aus dem Rande saß, das Flügelpaar noch regend. Ein Engel, wie der Blitz erscheint, Und sein Gewand so weiß wie junger Schnee. Da stürzten sie, wie Leichen, selbst, getroffen. Zu Boden hin und fühlten sich wie Staub, Und meinten gleich im Glanze zu vergehn; Doch er, er sprach, der Cherub: „Fürchtet nicht! Ihr suchet Iesum, den gekreuzigten — Der aber ist nicht hier, er ist erstanden: Kommt her und schaut die öde Stätte an!" Und fuhr, als sie mit hocherhobnen Händen Sprachlos die Grabesstätte leer erschaut. In seiner hehren Milde also fort: „Geht hin, ihr Frau'n und kündigt es nunmehr Den Jüngern an, die er sich auserkoren, Daß sie es allen Erdenvölkern lehren Uno tun also, wie er getan!": und schwand. Tag der Verjüngung. Ein« Ostergeschichte von Friedrich Frekfa. Aus den Dörfern des Tales schwangen sich die Klänge her Osterglocken empor zu dem vlaßblauen Morgenhimmel. Zuerst kam die Glocke von Jthe, dann von Schallbrunn, die mit dumpfem Gebell das Helle Gebimmel von Jthe zu stören trachtete, aber bald stimmten die anderen Dörfer mit an und endlich erwachte auch die Glocke des ehemals Herzog- lichen Städtchens Glückshausen, das auf fünf Kirchen zugleich die Freuden der Auferstehung verkündete. Ms letzte mischte sich in den auf- steigenden Chor die große Festglockc der Burgkirche, und als sie ihre Stimme erhob, erwachte der Ooerbibliothekar Geheimrat Dr. Birkensahm in seinem sauberen, grünen Schlafzimmer, deffen mahagonifarbene Möbel den behaglli^n Geschmack der fünfziger Jahre verrieten. Der Herr Geheimrat walzte in dem zweischläfrigen Bette behaglich seinen mageren Körper in eine ausgekühlie Stelle. Er griff auf den Nachttisch, setzte die goldumränderte kleine Brille auf die Nase und griff dann zu dem Merk- kalender, in dem er als fürsichtiger Mann eingetragen hatte, was der neue Tag an Pflichten ihm auferlegte. . Aber schon schalt er sich: „Dummkopf, es ist, ja Ostern!" und ver- achtllch legte er das ledergebundene Heft wieder auf den Nachttisch zurück, streckte alle Biere von sich und stöhnte befriedigt: „Ostern — Ferien!" Dann verschränkte er die Hände hinter dem Kopf und schaute auf die weiße Decke, gleich als ob die schönsten Bilder auf ihr erblühten. „Ostern — Ferien!" sagte er, und darnach stand er auf, streifte ein paar dunkelgrüne Samchosen über seine Beine, deren Füße er mit großen Filzpantoffeln bekleidete, er zog die Schnur um die Hüften fest, ergriff den mit Katzenfell gefütterten grünsaminen Schlafrock, setzte eine grüne Kappe auf den kahlen Kopf und begab sich, mit den Händen auf dem Rücken, in das kleine Bibliotheks- und Arbeitszimmerchen, das sich gleich zur Linken des Schkafgemaches befand. Er öffnete das Fenster, schaute von seinem Häuschen, bas unmittelbar neben dem Barockbau der großen und berühmten Bibliothek stand, hinab in die Tiefe. Unten drängte sich frisch knospendes Gebüsch an die Mauersteine empor, der Wildbach, der zur Verteidigung des Schlaffes miteinbe- Szen war. von einem der alten, kriegstüchtigen Fürsten, rauschte, gewellt durch die Regengüsse der letzten Tage. Ueber den Buckel des Berges hinab sah er die roten Dächer des Städtchens, über denen blauer Dunst das Kaffeekochen der Bürgerschaft verriet. Prüfend zog Birkensahm die Luft ein, als wolle er sich überzeugen, daß der Herrgott sie recht dem Ostertag abgestimmt hatte, bann schloß er das Fenster zur Hälfte, nickte in den frischen Zug einen Lehnstuhl, holte sich eine etwas abgeschabte, alte Reisedecke und griff bann In das Fach rechts, aus dem er einen in braune Pappe gebundenen Biedermeierband mit rotem Schildchen entnahm, einen Band der Goeiheschen Gesamtausgabe letzter Hand. Er schlug auf und las, wie er es seit fünfzig Jahren zu tun pflegte, den Osterspaziergang. Und in der Tonfülle des Weimarer Meisters — „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche" — mischte sich der abschwingende Klang der Glocken draußen. Vorsichtig, als hätte er einen liturgischen Gottesdienst beendet, schloß er das schmale Buch und stellte es wieder in seine Reihe zurück. Dann faltete er die Hände und dachte ober dämmerte, denn zu klaren Gedanken wuchs es nicht zusammen: „Das also ist das Ewige und wir selbst sind das Endliche". Die Sonne hatte ihn erreicht und sie tat ihm wohl. Er nahm sie in sich auf, wie ein Kind eine Wohltat aufnimmt: beglückt, aber ohne besondere Dankbarkeit. An der Türe klopfte es. herein!" rief der Geheimrat und herein trat in Schwarz gekleidet mit weißem Häubchen und weißer Schürze die Haushälterin, Witwe Hödlinger, die den fürstlichen Oberbibliothekar seit dreißig Jahren versorgte, einstmals in der Hoffnung, sie würde, obwohl ihr Mann nur ein Instrumentenmacher gewesen sei, es dennoch mit der Zeit zur Oberbibliothekarin bringen. Aber Birkensahm war nicht von jener Art, die sich durch Listen eines Weibes betören lassen. Er war immer sehr gut und freundlich gewesen zu ihr, aber ihren geheimen Ehrgeiz schien er nicht zu verstehen. Und gemach hatte sie sich daran gewöhnt, in ihm unseren Herrn zu sehen. „Dars ich bas Frühstück auftragen?", fragte sie. „Nein," erwiderte der Oberbibliothekar, „erst muß ich mich ankleiden. Aber sagen Sie, sind die Eier gut geworden?" Die Witwe nickte und tauchte einen Augenblick durch die enge Pforte zurück und kam bann wieder mit dem braunen irdenen Napf, in dem selbstgefärbte Ostereier lagen, rote und grüne und jene scheckigen, die aurch bas Kochen mit Zwiebeln erzeugt werden. Jedes einzelne nahm der alte Herr in bie Hand und legte es bann wieder zurück. Endlich kniff er ein Auge zu und sah die Wirtschafterin an: „Und wie war's mit dem Verstecken?" „Drei habe ich versteckt, Herr Oberbibliothekar." „Drei?4, sagte der Alte enttäuscht. „Voriges Jahr haben wir fünf versteckt!" „Aber nachher waren sie auch ganz erschöpft, denn der Herr sind doch kein junges Kind mehr!" Etwas brummelte der Alte, bann nickte er. Die Frau zog sich zurück. Er wusch und rasierte sich, legte seinen schwarzen Leibrock mit einem weißen Halstuch an; nur bie großen Filzgaloschen zeugten von der Behaglichkeit des Tages. Als er in bas kleine Biedermeierzimmer trat brächte die Wirtschafterin den Osterkuchen, schöne gelbe Butter, Weißbrot, Eier natürlich, aber der alte Herr schaute sich mißtrauisch um. Dann sagte er zu sich: „Karl, erst frühstücken, bann Eier suchen!" Und es war so, als ob es ihm fein Vater gesagt hätte vor sechsundsechzig Jahren, als er noch ein kleiner Knabe war. Die Wirtschafterin erzählte, es würden drei Paare in der Schloß - kirche aufgeboten und äußerte sich über deren Familienverhältnisse. Aber der alte Herr war nicht in dieser Zeit. Er sah sich als Knaben sitzen und war ganz verloren in Gedanken, was wohl der Osterhase alles gebracht hatte. Danach verließ die Wirtschafterin das Zimmer, und vorsichtig strich, ek an den Wänden entlang, um die Eier zu finden. Dann fand er das eine in der Ecke des Fensters und das zweite in einem Fache des Wirtschaftssekretärs. Aber das dritte fand er nicht. Ganz aufgeregt wurde er. Schließlich rief er die Witwe: „Wo ist das letzte Ei versteckt?" Da kicherte sie und sagte: „Ja, das letzte Ei, das können doch der Herr Oberbibliothekar leicht finden." Und wieder suchte er. „Helfen Sie mir doch ein bißchen!", bat er. „Nein, das wäre unredlich gegen den Oster- Hafen!" sagte die Frau. Wieder irrte er durch das- Zimmer, bückte sich. „Nein," rief sie, „am Boden ist es nicht. Wie würde ich denn so fein, daß ich dem Herrn Geheimrat, wenn er den guten Rock an hat, am Boden herumkriechen lassen würde!" Und endlich sand er's. Sie hake es in ein' rotes Zwirnnetz getan und unten an der Hängelampe befestigt und sang: „Bemooster Bursche zieh ich In der Tür stand der Oberbibi an ihn, und da er sie suhlte, einen Menschen, der ihm nahe war, strich er über das Haar, über den Nacken, ein-, zwei-, dreimal. Endlich kam er zu sich und sagte: „Wollen uns gut vertragen bis zum nächsten Ostern." Sie schaute ihn mit großen, glänzenden Augen an. „Auf morgen", sagte er, strich ihr noch einmal ums Sinn, ging in sein Schlafgemach und legte sich nieder. Die Witwe dachte aber noch lange nach: wird es nun morgen sein, daß ich Oberbibliothekarin werde? Davon stand aber nichts in den Träumen des alten Mannes geschrieben, der in seinem Bette sanft zwischen feiten schaukelte, bis seine Seele von einer Welle ergriffen wurde, die sie hinansführte in die Nacht der Auferstehung. vn v« vn ^berbibliothekar und schaute ihm nach; ,Lugend" seufzte er ohne etwas zu denken. Die Witwe aber drückte sich dagegen wehrle und behauptete, er sek noch jung genug, um das allein machen zu können. Und dann gab er der Witwe einen Kuß auf die Wange und lief hinaus in die Mondnacht. Er schwang sein Stöcklein und sang: „Bemooster Bursche zieh ich aus". -Ei« sind eint Schlimme!" sagte er. Sie wurde ganz rot und ging be- friedigt hinaus. „Eine Stimme" hotte er zu ihr gesagt, das hatte er Ganz andächtige Äugen machte di« Frau und sah ihn dankbar an. Er freute sich. „Sie sind wirklich jünger geworden, Hödlingerin", sagte er. „Sie können fast einen alten Knaben noch zu dummen Streichen verführen", und er zwinkert« mit den Augen zusammen. Sie wurde ganz rot: sollte doch noch der Tag kommen, wo sie Oberbibliothekarin wurde? Nun, sie hatte nach dem Osterlamm nur noch ein Apfelkompott mit Preiselbeeren geben wollen, aber soviel Güte mußte belohnt werden, und rasch lief sie in di« Küche und bereitete in aller Eile ein Omelette ans Enteneiern, das sie mit Rum abbrannte. Der Geheimrat aß es, still in sich versunken. Er dachte an die süßen Speisen, die er bei der Großmutter bekam. Eier aß er dann soviel, daß er zwei Stunden hinterher stillsitzen mußte, um nicht zu platzen, wie die Kinder sagten. Danach ging er in das klein« Mauergärtchen, in dem er drei Schritte auf und ab gehen konnte. Hier war es auch schön heiß. Er wurde müde und setzte sich, aber die Witwe hatte Obacht gegeben und brachte die alte Reisedecke, in die sie ihn hüllte, damit er sich nicht erkälte. Und so sah er da, verloren in die andere Zeit, es war Ja Ostern. Da war eines gewesen. Das war nun her — wieviel« Jahr« war's denn her? O, vierzig, fünf- undvierzig, achtundvierzig Jahre! Da war er Bibliothekar geworden in der Hauptstadt und er wollte sich mit der Tochter des Oberbibliothekars zu Ostern verloben, kam am Sonntag mit einem großen Blumenstrauß In Papier in das Haus geschritten, das in einer der vornehmen Bitten* (tragen der Stadt lag. Das Mädchen öffnete ihm, sah seinen Zylinder und den Strauß und fragte: „Um Gottes willen, wollen Sie Fräulein Irene besuchen? Fräulein Irene werden Sie nicht finden und —" „Was ist?" fragte er, „was ist gewesen?" Da schluchzte das Mädchen und sagte: „Sie ist mit dem relegierten Oberlehrer davon am Karfreitag, und der Herr Geheimrat tft ihr nachgereist und die Frau hofft, es wird noch olles gut." Er hatte in die Westentasche gegriffen und dem Mädchen das fitbeme later« tuet gegeben, wie er es sich vorher vorgenommen hatte, als er feinen llrauß unter den Mantel getan und war wieder fortgegangen. Und das Mädchen war die Frau des tollen Oberlehrers geroorben und der — Ja, Gottes Wege sind wunderbar — der hatte später trotz allem einen großen Namen erworben in der Politik, im Parlament. Schade um das Mädchen Irene. „Der Herr Archivrat ist gekommen!", meldet« die Witwe und schien sich noch um fünf Jahre verjüngt zu haben, denn der Archiovat hatte sie um die Hüfte gefaßt und hatte ihr gesagt: „Alles aus Ostertollheit, Höd- Cngerin, Sie sind aber immer noch rund und fest. Das ist ja ein wahrer Staat." Die beiden alten Herren setzten sich bei zwei Flaschen Burgunder in die Ecke der Bibliothek, während der Himmel sich rötete und di« fernen Dachziegel von Glückshausen zu glühen begannen. Und sie spielten ihre zwei Schachpartien wie an jedem Sonntag und Feiertag. Eine gewann unfehlbar der Oberbibliothekar, und die zweite gewann diesmal der Archivar. Es war dunkel geworden. Die grüne Arbeitstampe wurde entzündet. Sie rauchten ihre Zigarren. „Gott," sagte der Herr Archivar, „als wir damals in Heidelberg studierten und von da nach Tübingen wanderten, den Neckar hinauf, weißt du noch?" — Sie lachten beide, denn sie dachten an ein Wirtshaus mit einer feschen Wirtin und ihrer Tochter, und der Herr Archivrat hatte der Wirtin schön getan und der Oberbibliothekar hate das Töchterchen gestreichelt, nur gestreichelt. Der Archivrat war böse gewesen, und noch heute neckte er den Oberbibliothekar damit, daß er damals die Partie gewonnen hatte. Der Oberbibliothekar schüttelte den Kopf und sagte: „Nun, jetzt beginnt das Turnier." Und der Archivrat griff in die Rocktasche und buchte stchs sorgfältig eingewickette Eier hervor und der Oberbibtiothekar wählte sich sechs aus dem irdenen Topf und nun begannen sie das Spiel der Knaben um die (Eier. Sie stießen erst vorsichtig, dann schneller werdend, mit den Spitzen aneinander und westen Spitze di« andere eindrückte, der hatte das andere Ei zu dem seinen dazugewonnen. Nun, biestnal gewann der Oberbibtiothekar die Parti« und mit vier Eiern behauptete er den Sieg. „Das Abendessen ist gerichtet!" meldete die Hödlingerin, und die beiden Herren gingen zu Tisch. „Hödlingerin, Sie müssen mithalten", sagte der Archivrat und tat feinen Arm um ihre Hüfte, und der Oberbibliothekar verfehlte nicht, auch Den seinen um ihre Hüfte zu tun. Da war die Witwe ganz glücklich und setzte sich zu den beiden alten Knaben und sie aßen ein Lammragout und «inen guten Ostersisch und grünen Salat. Danach kam der Osterkiichen und ein paar Flaschen Rheinwein. Und der Archivar ging an die Wand und nahm eine Guitarre und fang Studentenlieder. Und der Oberbibliothekar hielt mit. Zwischen ihnen beiden saß gerührt, Tränen in den Augen, die Witwe, denn auch sie hatte sich an den Wein gehalten. Endlich fangen sie wie drei Eulen auf einer Stange das Lied: „Am Brunnen vor dem Tore". Draußen schlug die Schloßglocke zwölf. „Es ist Zeit", sagte der Archivar, und sie erhoben sich und geleiteten ihn in das kleine Treppen- vorgemach. Der Oberbibliothekar half ihm in den Mantel, obgleich er sich PaMon. (Eine Dach-Novell«. Bon Sophie Lederer-Eben. Man schrieb das Jahr 1729. Frau Anna Magdalena Bach saß, in Schwarz gekleidet, am Fenster auf eichenem Podest, dessen breite Stufen in einen schmalen, langge- streckten Raum hinabführten. Der lag in sinkendem Schneelicht. Die Diele war blank gescheuert, blank die zinnernen Wandleuchter und Weinkrüge an den Wänden. Bon den Stufen des Podestes duftete Kalmus. Denn es war bald Ostern. Schwer ruhte Anna Magdalenas Gestalt in breitem Lehnstuhl; ihre schmale Künstlerhand stützte tief, müde die etwas zu hohe Stirn, von der das dunkle Haar glatt zurückgestrichen war. Wie dichte Trauerschleier lagen die Wimpern über lebenssehnsüchtigen, verweinten Augen, die sich wie halt- und trostsuchend an polyphon geführte Stimmen klammerten und an die frommen Worte, die darunter geschrieben waren. Sie las in ihrem saffianledergebundenen ,Maniatenbüchlein", dos Johann Sebastians, ihres Mannes, feste, liebevolle Hand verriet. Für die Tochter des Kammermusikers Wülken aus Weißenfels, die schon als Kind an den Quartettabenden ihres Vaters mitgeroirtt und dann eine berühmte Sängerin geworden, war es ein Kleines, die Stimme zu entziffern und innerlich zum Klingen zu bringen. Aber sie wollten heute, in Trauer und Rot, nicht zu ihrer Seele sprechen. Vier Tage war es her, daß man ihr ältestes Kind begraben hatte — nun schon das dritte in sechs Jahren! Die anderen beiden, lebensschwach, waren sanft einge- fchlafen. Aber die kleine Mario — die war so schwer gestorben! Reich — sie mochte nicht weiterlesen in dem Trostbuchlein! Immer wieder muhte sie ihr Herz zerfleischen mit der Erinnerung an die Erstickungsangst und bte Todesqualen des Kindes, das an der Bräune zugrunde gegangen war. Das Ungeborene unter ihrem Herzen, — trug sie es wieder für den frühen Tod? O, — es war nicht leicht, das Eheweib eines der Bache zu fein! Geburten folgten da auf Geburten, — Verluste auf Verluste! Bachs erste Frau, mit ihrem zarten Körper, hatte das alles in den frühen Tod gebettet! — Und während sie dies dachte und meinte, sah sie durch die verschlungenen Gänge des Vorgartens Philipp Emanuel kommen, — den Sohn der Ersten, — federnd in Schlankheit. Gleich darauf schmiegte er sich bittend an ihr Knie: „Nicht mehr meinen, Mutter! Emanuel erträgt es nicht!" Sie küßte das seidige Haar. „Laß dich vorn Vater trösten, gute Mutter!" Er hob das Kantatenbüchlein auf, das bei feiner stürmischen Umarmung von ihrem Schoß herab geglitten war, reichte es ihr. Und mit einem Ausdruck, der fein feines, langgestrecktes Gesicht um Jahre älter erscheinen ließ: „Niemand tröstet roie der Vater" — Änna Magdalena war wieder einsam. Aber ihre Augen waren heller. Die sonnige, liebreiche Art Philipp (Emanuels hatte etwas in ihr freigetaut. Innerlich ruhiger versenkte sie sich in das meisterlich planvolle polyphone Gebäude der Kantate: „Gottes Zeit". Mit schauernder Andacht hörte Jie die tiefen Stimmen die Mahnung an den Tod rufen; aber die süße Klarheit und Reinheit der Knabenstimmen jubelte ihr die Verkündigung vom ewigen Leden entgegen. Fülle und Kraft eines starken Mannesherzens überfluteten sie. Ja — (Emanuel hatte recht: wer vermochte so zu trösten roie er, dem Leden und Tod sich zu einem einzigen Ring, zu einer einzigen freudigen Bejahung ewigen Ledens zusammengeschlossen? Er kannte kein Auf und Nieder! Er war wie ein Gott! Das war oft schwer für sie, — fein Weid, seine Gefährtin! An den Sterbebetten der Kinder hatte er aufrecht gestanden, wo sie zusammendrach! Rätselvoll — verschlossen — ihr fast fremd in seiner Lebenszuversicht angesichts des nahenden Todes! Nein, — nicht mit Worten tröstete ein Starker roie er! Er tat es durch fein ewiges Werk. Sie ertrug die Einsamkeit nicht länger mit dieser Fülle im Herzen! Sie mußte zu ihm, der wenige Zimmer von ihr entfernt an der Passion zu den Worten des Matthäus arbeitete, die er im November begonnen und nun fast vollendet hatte. Am Karfreitag würde sie ihre Erstaufführung in der Thomaskirche erleben. Anna Magdalena erhob sich, tastete sich in Dunkelheit über ein paar Schwellen, strich mit den schmalen Fingern an Gobelinwänden entlang, Sinti, ohne anzuklopfen, roie ein Schatten, im Studierzimmer ihres annes. Die oben auf dem hohen Schreibpulte brennende einzige Kerze erhellte die Decke. Der untere Teil des Zimmers lag verschaltet. So sah sie ihn nicht gleich: er saß unbeweglich da, — man konnte die großen, regelmäßigen Zuge nur ahnen. Der Blick war unter den starken Brauen hervor wie ins Wesenlose gerichtet, die Hände gefaltet. Betete er? Seine Augen waren schon schwach. Als er seine Frau erkannte, streckte er die Hände nach ihr aus. „Wie schön, daß du kommst. Mein Gebet rief dich! Und mit sinkender Stimme: ,Lch stecke in meiner Passion! Seit vielen Tagen! Ich kenne mich nicht mehr!" „Wie!" rief Anna Magdalena bestürzt und erschüttert von dem Ausdruck seines Gesichtes: „Nie hat deine Intuition versagt!" „So tut sie es jetzt! Die Passion wird nicht fertig! Ich finde Gethsemane nicht!" — Anna Magdalena war gekommen mit Augen. Koch nie getan. (Er aber setzte sich wieder nieder in seinen Stuhl, zündete di« Pfeife an und dachte, roie listig der Großvater die Eier im ©arten zu verstecken pflegte. Sa, war bas eine Freude, wenn sie zu sechsen überall nachschauten. Aber einmal, damals waren es zwölf, war er in den Goldfischteich gefallen und mußte zur Strafe nach Hause und ins Bett gehen. Nun ging er ein wenig spazieren in der Sonne und freute sich über die Menschen, di« geschäftig und festlich vom Tal ins Schloß hinauf- kamen und die Aussicht genoffen. Er ging zum Gärtner und kaufte einen Strauß Anemonen. Die brachte er zum Mittag feiner Wirtschafterin mit. Ganz andächtige Augen machte di« Frau und sah ihn dankbar an voll Glanz. Nun war das Licht ausgelöscht. „Die „Passion wird nicht fertig, wenn du nicht hilfst, mein Weib!" Leise, tiesbewegt, begann die Frau zu sprechen: „Du hast uns die Passion neulich auf dem Klavichord vorgespielt. Erinnerst du dich, wie tief es uns ergriff? So völlig hattest du in deiner reiner Seele die Hoheit unschuldigen Leidens widergespiegelt 'und in deinem Werk zum Ausdruck gebracht. Willst du an dir irre werden? Niemand hat den Heiland so begriffen, wie du! Keiner von denen, die bisher Passionen schrieben und aufsührten! Keiner von ihnen hat so ein göttliches Herz!" — „Gott ist mir jetzt fern!" sagte Bach. „Und du bist mir jetzt so nahe wie noch nie in unserem Leben!" —> „So hilf mir, — wenn ich dir so nahe bin! Vielleicht bis du Gottes Bote!" Sie biegt fein Haupt an ihre Brust: „Ecce homo! Welch' ein Mensch bist du!" — Und eindringlich flüstert die Frau: „Denk an die Blumen im Garten Gethsemane! Wie sie dufteten in der Nacht! Denk an den Engel vom Himmel, der ihn tröstete! Dann wird dir's lebendig!" „Nicht Schönheit, nicht Trost hat dieser Garten, Anna Magdalena! Die Jünger schlafen! Sie verlassen ihn alle! Er aber hebt an zu zittern und zu zagen und fällt auf sein Angesicht nieder in seiner Not. Ich war nie so verlassen. Ich habe nie gezittert und gezagt. Ich habe immer inbrünstig auf Gott vertraut. Ich kann dies nicht leben!" — „Du bist dennoch auf dem Wege nach Gethsemane!" — Er hört es kaum, ist wieder in Brüten versunken, i— vergißt fast, daß sie im Zimmer ist. Aber die Augen der Frau wachen _ brennen in sein Gesicht. Sie faßt plötzlich die halb niedergebrannte Kerze. Es ist wie Verklärung über ihren Zügen. „Komm", sagt sie K, ergreift seine Hand, öffnet die Tür zur angrenzenden Diele. Es in Augenblick, als sänken sie in die Nacht. Der Schatten des Leuchters füllt den Raum, kurz und gespenstisch flackert die sterbende Kerze über Gruppen von Lebensbäumen und Palmen, die nach der Beerdigung noch die Ecken der weiten Diele füllen. Begräbnisgeruch lagert über dem Kaum. Dort, in der Mitte, wo es so schwarz und leer ist, hat der Sarg gestanden. „Sie ist bei Gott", stammelt Johann Sebastian Bach. „Ja, — aber ehe sie zu Gott ging, hat sie gelitten! Erinnere dich ihrer Qual und ihrer Todesangst!" Wie ein seltsamer Befehl klingt es. Zwei Augen brennen in der Dunkelheit in die des Mannes. Unausweichlich, stark wie Todesflammen. In Anna Magdalenas Seele quillt es empor, — Bilder über Bilder. Alles, was ihr Mutterherz zerriß, ist wieder lebendig. Aber sie hat jetzt keine Tränen. Die furchtbaren Bilder schlagen Wurzel im Hirn des Mannes. Er sieht, wie die kleine Brust seines Kindes um Atem ringt, er hört, wie das heisere Stimmchen fleht: „Vater, Mutter, — verlaßt mich nicht!" — Der Arzt steht am Krankenbett — sein Gesichtsausdruck wird von dem fünfjährigen Kinde ängstlich belauert, feine Hoff- Mngslosigkeit gedeutet. Es schreit auf, klammert sich an die Eltern: „Gibt ie» denn kein Mittel, mich zu retten?" Wie eine furchtbare Vision bannt es den Meister. Aber sie ist zugleich Offenbarung. .In Mit-Leiden blutet das starke Herz. Noch am gleichen Abend schreibt er die große Doppelarie von Gethsemane, in der die Holzbläser seufzen und mit unerhörter Gestaltungskraft das Zittern und Ragen des Herrn in über dem Generalbaß pochenden Sechzehnteln gelebt ist. Und setzt so den Schlußstein zur größten Passion aller Zeiten und Völker. Ostern in der bildenden Kunst. Von Dr. Ulrich Baltzer. Air sich nach dem Zusammenbruch des alten römischen Reichs in Europa fo etwas wie eine neue Kultur herausbildete, war es die Kirche, die in vielen, wenn nicht in allen Punkten dieser neuen Schöp- hing Ziel und Zweck setzte. So ist es nur natürlich, daß, wie sie alle Tätigkeiten des Lebens befruchtete, sie selbstverständlich und in erster Linie die gesamte Kunst unter ihre Obhut nahm. In keinem ihrer vielen Zweige, vor allem ober nicht in der Malerei konnte etwas geschehen, das nicht von der Kirche und ihren Organen sanktioniert war. Dieser Einfluß konnte sich bis in das Zeitalter der Nenaisiance hinein so mächtig erhalten, weil Kirche und Mnstler sich in einem Kulturkreis Und einem Kulturbedürfnis zusammenfanden und aus ihm heraus in gleicher Weise Dienst an der Menschheit verrichteten. Nach dieser Periode haben nur das Barock und im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts die Kunst der Nazarener solchen Einklang zu schassen gewußt. Das ganze Mittelalter hindurch war also die Kunst Europas in Uster Linie eine religiöse Kunst und in immer neuen Erfindungen und Anregungen haben die größten und auch die kleineren Mnstler ihre Motive aus der Heiligen Schrift und aus dem Leben der Heiligen ge- lchöpft und das Kirchenjahr mit der Melodie ihrer Mnst zum Besten der Menschheit begleitet. Hinzu kam, daß die Geschichte und die Entwicklung des kirchlichen Glaubens, wie sie das alte und das neue Testament überliefern, der produktiven Phantasie der Künstler entgegen fam. Mystik und Mythik, beide für Künstler gleich starke Quellen, stossen hier — ost durch keine Dogmata beschwert — und ermöglichten vtm Mnstler, ungehemmt fein eigenes Herz sprechen zu lassen. So war dem Mnstler — ganz gleich welcher Nation — das neue Testament ta erster Linie das Buch der Wunder, der gläubigen Hingabe an Ehristus und feine erlösenden Taten. Und das alles steigerte sich zum größten Wunder, zu der Auferstehung des Gottessohnes zu Ostern und zu seiner späteren Himmelfahrt. Es ist ein schönes Schauspiel für den künstlerisch empfänglichen Menschen, zu sehen, wie gerade die besten Künstler aller Nationen ron diesem Glauben an Christi Auferstehung beseelt sind und wie sie ihm «ald durch die Gewalt ihrer Farben, bald durch die Macht ihrer Linien "usdruck zu geben sich bemühen. Mannigfaltig sind die Lichterfcheinungen, von denen die Heilige Schrift erzählt, von natürlichen und übernatürlichen ist in ihr die Rede, und es ist, als ob sie gerade die Mnstler an die Probleme ihrer Mnst heranführen wollte, als ob sie sie aus ihnen heraus entwickeln wollte. Zu den größten deutschen Meistern, der erst vor nicht viel mehr Sie ungefähr einem Menschenalter wieder in das Bewußtsein seiner Nation eingedrungen ist, gehört Matthias Grünern äl d. Der Utttefc franke, der schon seinen Zeitgenossen mit der Gewalt seiner Ekstase aber auch mit der Realität seiner Malereien ein merkwürdiges Geheimnis war, schuf die große Folge des Jsenheimer Altars und in ihr eine Auferstehung, die ein Phänomen in des Wortes wahrster Bedeutung auch heute noch ist. Zu derselben Zeit, als der verborgene Deutsche fein großes Werk vollendete, malte Michelangelo an der Decke der Sixtinischen Kapelle fein unsterbliches Werk: Hier die höchste plastische Formenklarheit, dort die reine Lichtmalerei, die ohne Zeichnung entstand und die nur durch die Mischung der Farben und in allererster Linie durch das Wunder des Lichts wirken sollte und unheimlich wirkt. Nur auf die Allgewalt des Lichtes ist diese „Auferstehung" gegründet. Wie durch einen Erdbebenstoß hat sich der Deckel des Sarkophages geöffnet, die schwere Platte ist zur Seite gestoßen, die Kriegsknechte liegen betäubt da, Christus schwebt empor. Die Macht feines Aufstiegs hat die grell weißen Leinentücher mit in die Höhe gerissen. Gleich dem Feuer eines Blitzes hebt sich sein roter Mantel aus dem Zickzack und eine leuchtende Aureole umgibt Haupt und stigmatisierte Hände des Auferstandenen. Das leuchtet und gewittert von gelben, rosa und blauen Tönen und Halbtönen, die Augen glühen als Mittelpunkt des Gesichts, das Körperliche ist seiner Schwere entkleidet, der Leib ist nicht mehr irdisch, sondern wie von himmlischem Lichte durchflutet. Das Wunder, die körperliche und seelische Transparenz, ist vollendet und um so stärker, je realistischer die Umwelt, die Gestalten der Kriegsknechte vom Maler konzipiert und durchgeführt find. Wie vom Blitz getroffen find sie zusammen- und hintenüber gesunken und die Gestik ihres Zusammenbruches wird als Ausgleich zu der heftigen Bewegung des Auferstehenden gegeben; beide Bewegungen sind verbunden durch den Lichtgaden des Leichentuches. Gerade durch diesen Ausgleich kommt in das Bild die unheimliche Ruhe, deren es zu seiner religiösen Wirkung bedarf. Alles wird schließlich eingefaßt von der wunderbaren Nacht- landschaft, von deren tiefblauem gestirnten Himmel sich die Aureole mächtig abhebt. „Bewegung ohne bloße transitorische Momente; Momentanstes und dennoch Gesetzlichstes, pulsierender Rhythmus und dennoch monumentale Ruhe." Etwa vier Menschenalter nach Grünewald lebte ein anderer germanischer Künstler, der ähnlich und mit gleicher Leidenschaft wie der Mainfranke das Licht und feine wunderbare Gestaltungs- und Ausdruckskraft liebte und zu benutzen wußte. Das war Rembrandts der Maler des Halbdunkels. Auch er malte eine Auferstehung. Aber nicht Christus ist der Mittelpunkt der Szene, sondern der Engel, der zu feinem Beistand entsandt ist. Er naht von links. Himmlisches Licht, das den finsteren Himmel jäh durchbricht, umgibt ihn und flutet mit keifen Abschwächungen auf Christus. Der Engel hat den Grabdeckel in die Höhe genommen und der Erlöser will sich gerade aufrichten. In überstürzter Hast taumeln und rutschen die Kriegsknechte von der Grabplatte herunter, sie bilden eine chaotische Masse, die sich in den Tiefen der Dunkelheit verliert. Das alles erinnert auch an Grünewald und feine religiöse und erhabene Kunst. Aber der Standpunkt der beiden Mnstler ist doch grundlegend verschieden. Für Rembrandt, den großen Menschen, steht der menschliche Affekt im Vordergrund der Handlung, für Grünewald ist es ein schlechthin religiöser Akt, der im Mystischen wurzelt und an dem der Mensch nur durch die Gnade teil hat. Und nun eine ganz andere Welt: der Romane, der Spanier Greco malt — ein Zeitgenosse Rembrandts — die Auferstehung; er nimmt ein auffällig hohes schmales Format. In der unteren Hälfte des überlangen Gemäldes ist die Unruhe sich drängender zuckender Körper, find nackte antike Leiber, und unmittelbar ans ihnen steigt Christus mit ruhiger segnender Gebärde in die Höhe. „Greco will ein Wunder malen. Christus, leuchtend wie eine gelbe Flamme, schwebt aus dem Schoß des Todes hervor; weder Grab noch ©arg sind sichtbar. Sein Leib ist nicht ein irdischer, der wieder belebt wurde, sondern ein verklärter, ätherischer. Ja wir haben keinen anderen Ausdruck, es ist ein Astralleib, der unbehelligt durch Schwert und Degen zwischen den Wächtern durchwandeln kann, von denen einige — ist es nicht seltsam — wie die Verdammten im „Jüngsten Gericht" eben aus dem Schlaf erwachen." Gewiß, der glühende Spanier gleicht dem deutschen Grünewald. Beide haben sie die mystische Hingabe an den auferstandenen Erlöser, an die Macht des Glaubens. Beide benutzen sie auch die göttliche Kraft des Lichts zum Aufbau ihrer Bilder. Ader der Spanier malt die verschlossene Welt eines strengen, eines richtenden Gottes, der Deutsche den überwindenden Christus, an dessen Erlösung auch wir dereinst teil haben werden. Das ist vielleicht das Größte an der deutschen Kunst und gerade an Srer Darstellung der Auferstehung des Herrn: das Göttliche und das enfchliche zugleich und in sich verbunden. Das herrlichste Beispiel gibt Albrecht Dürer in feiner großen Passion. Um das ungeöffnete Grab liegen die Gestalten deutscher Landsknechte, die Körper gelöst, wie sie der Schlaf überwältigte und wie in einem Wunder schwebt über dem allen Christus. Der Himmel reicht hernieder bis auf die Erde, der Schein der Heiligkeit umleuchtet sein Haupt, die Engel erwarten ihn. Die Vereinigung von Schlichtem, Menschlichem und Erhabenem, Göttlichem ist in einer Losung gegeben, wie sie nur das große vielseitige Genie vollenden kann. Das ist derselbe Dürer, der also dichtete: „Du, aller Engel Spiegel, Erlöser der Welt! Deine Marter sei für meine Sünden Entgelt. „Denn wer im Leben Gutes tut, den überkommt ein starker Mut, Und ihn erfreut des Todes Stund', da ihm die Seligkeit wird kund. Er fürchtet auch nicht Gott, der richtet, Denn er hat hier fein' Sach' geschlichtet. Durch Buße, womit er erwarb Gottes Gnad' auf Erden, eh' er starb." Verantwortlich: Dr. HanS Thtzriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Univerf itätS-.Buch- und Steindruckerei, V. Lange, Dietzen. Un^rrn Birnbaum. Von Theodor Fontane. (Fortsetzung.) Aenastiaungen und Aergernisse wie die vorgeschilderten kamen dann und wann vor, aber im ganzen, um es zu wiederholen, war die Bauzeit eine glückliche Zeit für unsern Hradscheck gewesen. Der Laden war nie leer die Kundschaft wuchs, und das dem Grundstück zugehörige, draußen an'der Neu-Lewiner Straße gelegene Stück Ackerland gab m die em Sommer einen besonders guten Ertrag. Dasselbe galt «uch von dem Garten binterm flaus; alles gedieh darin, der Spargel prachtvoll, dicke ©taugen mit gelbweißen Köpfen, und die Pastinak- und Dillbeete standen hoch in Dolden. Arn meisten aber tat der alte Birnbaum, der sich wehr als eit Jahren anstrengte. „Dat 's de Franzos, sagten die Knechte Sonntags im Krug, „de deiht'wat för em", und als die Pfluckenzelt glommen, rief Kunicke, der sich gerade zum Kegeln eingefunden hatte: „Hör Hradscheck, du könntest uns mal ein paar von deinen Franzofenbirnen bringen. Franzosenbirnen! Das Wort wurde sehr bewundert, lief raschvoni Mund zu Mund, und ehe drei Tage vergangen waren, sprach kein Mensch mehr von Hradschecks „Malvasieren", sondern blog noch von den „Franzosen- birnen" Hradscheck selbst aber freute sich des Wortes, weil er daran erkannte, daß man, trotz aller Stichelreden der alten ^eschke, mehr und mehr anfing, die Vorkommnisse des letzten Winters von der scherzhaften Seite zu nehmen. Ja, die Sommer- und Baumonate brachten lichtvolle Tage für Hrad- scheck, und sie hatten noch mehr Licht und noch weniger Schatten gehabt wenn nicht Ursel gewesen wäre. Die füllte, wahrend alles andere glatt und gut ging, seine Seele mit Mitleid und Sorge, nut Mitleid, weil er sie liebte' (wenigstens auf seine Weise), mit Sorge, weil sie dann und wann ganz wunderliche Dinge redete. Zum Gluck hatte sie nicht das Bedürfnis, Umgang zu pflegen und Menschen zu sehen, lebte vielmehr ein- gezogener denn je, und begnügte sich damit, Sonntags in die Kirche zu gehen. Ihre sonst tiefliegenden Augen sprangen bann aus dem Kopf so begierig folgte sie jedem Wort, das von der Kanzel her laut wurde, das Wort aber auf das sie wartete, das kam nicht. In ihrer Sehnsucht ging sie bann, nach ber Predigt, zu dem guten, ihr immer gleichmäßig geneigt bleibenden Eccelius hinüber, um, so weit es ging, Herz und Seele uor ihm auszuschütten und etwas von der Befreiung oder Erlösung zu Horen, aber Seelsorge war nicht seine starke Seite, noch weniger seine Passion und wenn sie sich der Sünde geziehen und in Selbsianklagen erschopft hatte, nahm er lächelnd ihre Hand und sagte: „Liebe Frau Hradscheck, wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen. Sie haben eine Neigung sich zu peinigen, was ich mißbillige. Sich ewig anklagen ist oft Dunkel und Eitelkeit. W r haben Christum und seinen Wandel als Vorbild, dem wir im Gefühl unfern Schwäche demütig nachstreben sollen. Aber wahren wir uns vor Selbstgerechtigkeit, vor allem vor der, die sich in Zerknirschung äußert. Das ist die Hauptsache." Wenn er das trocken-geschäftsmäßig, ohne Pochos und selbst ohne jede Spur von Salbung gesagt hatte, ließ er•bie Sache sofort wieder fallen und fragte, zu natürlicheren und ihm wichtiger bunkenden Dingen übergehend, „wie weit der Bau sei? Senn er wollte nvchstes Frühjahr auch bauen. Und wenn dann die Hradlcheck, um ihm zu Willen zu fein, von allen möglichen Kleinigkeiten, am liebsten und eingehendsten aber von Meinungsverschiedenheiten zweischen ihre rnMann und Zimmer- meister Buggenhagen geplaudert hatte, rieb er sich schmunzelnd und ^r sich hinnickend die Hand und sagte rasch und in augenscheinlicher Furcht, das Seelengespräch wieder aufgenommen zu sehen: „Und nun, hebe Frau Hradscheck, muß ich Ihnen meine Nelken zeigen." Um Johanni wußte ganj Tschechin, daß die Hradscheck es nicht mehr lange machen werde. Keinem entging es. Nur sie selber sah es so schlimm nicht an und wollte von keinem Doktor hören. „Sie wrsten ja doch nichts. Und bann ber Wagen und das viele Geld." Auf das letztere, „das viele Geld", kam sie jetzt überhaupt mit Vorliebe zu sprechen, fand alles unnötig oder zu teuer, und während sie noch das Jahr vorher für ein Poly- sander-Fortepiano gewesen war, um es, wenn nicht ber SImtsratm m Friedrichsau, so doch wenigstens'der Domänenpächterm auf Schloß Soli- kant gleich zu tun, so war sie jetzt sparsam bis zum Geiz Hradscheck ließ sie gemähten, und nur einmal, als sie gerade beim Schotenpalen war, nahm er sich ein Herz und sagte: „Was ist bas nur I^t, Ursel? Du rinnst dir ja jeden Dreier von ber Seele. Sie schwieg, drehte die Schlussel hin und her und palte weiter Als er aber stehen blieb und auf Antwort zu warten schien, sagte sie, während sie die Schlüsiel rasch und heftig bei- feite setzte: „Soll es alles umsonst gewesen sein? Oder willst du ... Weiter kam sie nicht. Ein Herzkrampf, daran sie jetzt häufiger litt, überfiel sie wieder, und Hradscheck sprang zu, um ihr zu helfen. Ihre Wirtschaft besorgte sie pünktlich und alles ging am Schnürchen, wie vordem. Aber Interesse hatte sie nur für eins, und das eine war der Bau Sie wollt' ihn, darin Hradschecks Eifer noch übertreffend, in mag- lichster Schnelle beendet sehen, und so sparsam sie sonst geworden war, so war sie doch gegen keine Mehrausgabe, die Beschleunigung und rascheres Zustandekommen versprach. Einmal sagte sie: „Wenn ist nur erst oben bin. Oben werd' ich auch wieder Schlaf haben. Und wenn ich erst wieder schlafe, werd' ich auch wieder gesund werden." Er wollte sie beruhigen und strich ihr mit ber Hand über Stirn und Haar. Ader sie wich ferner Zärtlichkeit aus und kam in ein heftiges Zittern. Überhaupt war es jetzt öfter so, wie wenn sie sich vor ihm fürchtete, 'mal sagte sie leise: „Wenn er nur nicht so glatt und glau wär’. Er ist so munter und spricht soviel und kann alles. Ihn ficht nichts an ... Und die drüben in Neu-Lewin war auch mit einem Male weg.“ Solche Stimmungen kamen ihr von Zeit zu Zeit, aber sie waren flüchtig und vergingen wieder. „Morgen, Ursel, ist alles fertig." Und wirklich, als der andere Tag da war, bot ihr Hradscheck mit einer gewissen freundlichen Feierlichteit den Arm, um sie treppauf in eine der neuen Stuben zu führen. Es war bie, bie nach ber Kegelbahn hinauslag, jetzt bie hübscheste, hellblau tapeziert und an ber Decke gemalt: ein Kranz von Blüten und Früchten, um den Tauben flogen und pickten. Auch bas Bett war schon heraufgeschafft unb ftanb an ber Mittelwand, genau da, wo früher bie Bettwand ber alten Giebel- unb Logierstube gewesen war. Hradscheck erwartete Dank und gute Worte zu hören. Aber bie Kranke sagte nur: „Hier? Hier, Abel?" „Es sind neue Steine", stotterte Hradscheck. Ursel indes war schon von ber Türschwelle wieder zurückgetreten und ging den Gang entlang, nach ber andern Giebelseite hinüber, wo sich ein gleich großes, auf den Hof hinaussehendes Zimmer befand. Sie trat an das Fenster und öffnete; Küchenrauch, mehr anheimelnd als störend, kam ihr von der Seite her entgegen und eine Henne mit ihren Küchelchen zog unten vorüber; Jakob aber, ber holzsägend in Front einer offenen Remise stand, neckte sich mit Male, die beim Brunnen Wäsche spülte. „Hier will ich bleiben." Und Hradscheck, ber durch den Austritt mehr erschüttert als verdrossen war, war einverstanden und ließ alles, was sich von Einrichtungsgegenständen in der hellblau tapezierten und für Ursel bestimmten Stube befand, nach der andern Seite hinüberbringen. * Und siehe da, Frau Hradscheck erholte sich wirklich und sogar rascher, als sie selbst zu hoffen gewagt hatte. Schlaf kam, ber fcharfe Zug um ihren Munb wich, und als die schon erwähnten Manövertage mit ihrer Dragonereinquartierung tarnen, hatte sich ihr Aussehen und ihre Stimmung derart verbessert, daß sie gelegentlich die Wirtin machen und mit den Offizieren plaudern konnte. Das Hagere, Hektische gab ihr, bei der guten Toilette, bie sie zu machen verstaub, etwas Distinguiertes, und ein alter Eskadronchef, der sie mit erstaunlicher Ritterlichkeit umcourte, sagte, wenn er ihr beim Frühstück nachsah und mit beiden Händen den langen blonden Schnurrbart drehte: „Famoses Weib. Auf Ehre. Wie die nur hierher kommt?" Und bann gab er seiner Bewunderung auch Hradscheck gegenüber Ausdruck, worauf dieser nicht wenig geschmeichelt antwortete: ,Ha, Herr Rittmeister, Glück mutz der Mensch habenl Mancher kriegt s im Schlaf." * Das alles war Mitte September. Aber das Wohlbefinden, so rasch es gekommen, |o rasch ging es auch wieder, und ehe noch das Erntefest heran war, waren die Kräfte schon so geschwunden, datz die Kranke die Treppe kaum noch hinunter konnte. Sie blieb deshalb oben, sah auf den Hof und machte sich, um hoch etwas zu tun, mit der Neueinrichtung sämtlicher Oberzimmer zu schaffen. Nur die Giebelstube, nach der Kegelbahn hin, vermied sie. Hradscheck, der immer noch an die Möglichkeit einer Wiederherstellung gedacht hatte, sah jetzt auch, wie'» stand, und als der heimlich zu Rate gezogene Doktor Oelze von Abzehrung und Nervenschwindsucht gesprochen, machte sich Hradscheck auf ihr Hinscheiden gefaßt. Daß er darauf gewartet hätte, konnte nicht wohl gesagt werben; im Gegenteil, er blieb seiner alten Neigung treu, war überaus rücksichtsvoll und Nagte nie, baß ihm die Frau fehle. Er wollt' auch von keiner anderen Hilfe wissen und ordnete selber alles an, was in der Wirtschaft zu tun nötig war. Vieles tat et selbst. „Js doch ein Mordskerl", sagte Kunicke. „Was er will, kann er. Ich glaub’, er kann auch einen Hasen abziehen und Sülze kochen. An dem Abend, wo Kunicke so gesprochen, hatte die Sitzung in M Weinstube wieder ziemlich lange gedauert, und Hradscheck war noch keine halbe Stunde zu Bett, als Male, die jetzt oben bei der Kranken schlief, treppab kam und an seine Tür klopfte. „Herr Hradscheck, steihn's upp. De Fru schickt ml Se sulln rupp- koamen." . ___,, , . Und nun faß er oben an ihrem Bett und sagte: „Soll ich nach Kustnn schicken, Ursel? Soll Oelze kommen? Der Weg ist gut Sn drei Stunden ist er hier." „Sn drei Stunden ..." ,^Oder soll Eccelius kommen?" . „Nein," sagte sie, während sie sich mühevoll ausrichtete, „es geht nicht. Wenn ich es nehme, jo sag ich es." Er schüttelte verdrießlich den Kopf. „Unb sag' ich es nicht, so ess' ich mir selber bas Gericht „Ach, laß doch bas, Ursel. Was soll bas? Daran denkt ja keiner. Und ich am wenigsten. Er soll bloß kommen unb mit dir sprechen. Er meint es gut mit dir und kann dir einen Spruch sagen." Es war, als ob sie sich's überlege. Mit einem Male aber sagte sie: „Selig sind die Friedfertigen; selig sind die reinen Herzens sind; selig sm» die Sanftmütigen. All die kommen in Abrahams Schoß. Aber wohin kommen wir?" , , „ v „Ich bitte dich, Ursel, sprich nicht so. Frage nicht so. Und wozu?, D- j bist noch nicht soweit, noch lange nicht. Es geht alles wieder vorüber. | Du lebst unb wirst wieder eine gesunde Frau werden." Es klang aber alles nur an ihr hin, unb Gedanken nachhangend, 6« schon über ben Tod hinausgingen, sagte sie: „Verschlossen ... Und wae aufschließt, das ist der Glaube. Den hab' ich nicht ... Aber is noch ein anderes, das aufschließt, das sind die guten Werke ... Horst du. Du mutz ohne Namen nach Krakau schreiben, an den Bischof oder an seinen Bit - Und mußt bitten, daß sie Seelenmessen lesen lasten ... Nicht für tW Aber du weißt schon ... Und laß den Brief in Frankfurt aufgeben. W geht es nicht unb auch nicht in Küstrin. Ich habe mir’s abgespart öle» letzte halbe Jahr, und du findest es eingewickell in meinem Wascheschranr unter dem Damasttischtuch. Ja, Hradscheck, das war es, wenn du dachte!-, I ich sei geizig geworden. Willst du?" 1 (Fortsetzung folgt.)