GietzenerKmiilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1929 Sreitag, den 29.Nsvemder Nummer 93 oasxa Kleiner Borasch. Bon Paul Appel. Du sinnst Vergehen, Weil ein harter Winter die Gassen schlägt Und Laub von Bäumen rieselt Deinen Schultern zu? Siehe des Borasch kleines Blau am Gartenrand! Auf Winkelkraut geboren, adelfromm. Wärmt es des Gitters scharfen Schnitt In scheuen Schlingen, Einfach einsam, Beichte bietend jeder Stirn. Sieh nur der Kelche Helle Anmut! Fühle das kleine Blau, in Demut zierlich! Es naht und schmiegt sich deinen Augen, Klingt durch der Stäbe kurzes Ziel Und wandelt, lächelnd dem Vergehen, Deiner Seele zu, Im Angesicht der Sonne Kus; Und das Ermessen der verbundnen Kraft, Zu der wir beten. Zufälle! Zufälle! Von Norbert Jacques. Die drei Begebenheiten, die jetzt zu lesen sind, habe ich dem Leben abgeschrieben, ohne etwas hinzuzutun. Sie sind Bekannten von mir und mir selber widerfahren, und ich weiß nicht, ob sie einfach und eindeutig als von Zufällen komponierte Erlebnisse zu deuten sind, oder ob sie nicht doch einen Weg in ein anderes Land gehen, in dem die Dinge unseres Lebens in einen Zusammenhang eingereiht werden, der Absichtslosigkeit nicht kennt ... ob sie nicht von einem Sinn beherrscht werden, der mit unsichtbarer Kraft unsere Handlungen oder das, was uns begegnet, in ein ewiges Fließen einbettet, in das immer wieder unser Dasein unabhängig von unserem Willen oder der bewußten Mitwirkung unseres Willens in letzter Absicht mündet. In der Zeit, in der ein Teufel auf Deutschland losgelassen zu sein schien, der Zeit, die man mit dem Schreckenswort „Inflation" kennzeichnet, war das Leben an der Grenze unter dem Zauberblick der gesunden und festen Geldwährung jenseits noch wesentlich erregender, als das der Bewohner des Binnenlanoes: denn diese hatten nicht täglich unter den Augen, daß es Völker mit geordneten Verhältnissen gab, denen nicht die Bestandsbedingungen von einer Stunde zur anderen wegrutschten. Die Grenze war für jedermanns Einbildungskraft wie eine erste Stufe ins Paradies, und der Schweizer Franken, die Guinee, der Dollar klangen in einer himmlischen Sphärenmusik herüber — unerreichbar zumeist. Aber damals gab es Menschen, denen scheinbar diese Himmelskonzerte osfen- standen. Und so zog die Grenze auch aus dem Binnenland Persönlichkeiten an, die aus dem Unglück des einen und aus dem guten Zustande des anderen Landes Geldquellen herausschlugen, dafür aber um so zündender auf die Phantasien derer wirkten, die es sahen und nicht nachmachen konnten. In dieser Zeit war es, daß die Frau unseres Hausarztes in Lindau eines Tages bei einem damals bekannten Politiker einen Besuch machte. Das Haus, das dieser Mann bewohnte, war eine große Villa, die unmittelbar am Ufer des Bodensees lag, von der Straße aber durch eine Gartenanlage getrennt war. Die Besucherin verabschiedete sich und war im Begriff, durch die Tür, die zum Garten und zur Straßenseite ging, das Haus zu verlassen, und stand noch in der Tür. Mit einemmal stürzte jemand durch den Flur, der bis zur Seeseite durchging, hinter der Dame her. Mit einer Hand faßte er sie an der Schulter, und mit der anderen fuhr er gewaltsam und mit einem rohen Stoß in den Ausschnitt der Bluse hinein und lief sofort zur Tür hinaus weiter. Von der Plötzlichkeit und Gewaltsamkeit des Ueberfalls halb ohnmächtig an die 2Land gesunken, wähnte die Dame, sic sei von einem Unbekannten mit einer Waffe ins Herz gestochen worden. Aber sie erholte sich bald, als sie spürte, daß sie überhaupt nicht verwundet worden war. Da stand ein Polizeibeamter vor ihr, der sie fragte, ob sie nicht einen Mann habe durchgehen sehen. Sie berichtete aufgeregt, was sich zugetragen hatte. „So schauen Sie doch bitte einmal in Ihrer Bluse nach", drängte der Beamte, als er von dem Griff erzählen härte. Die Dame faßte hin. Cs geriet ihir ein Päckchen in die Hand, das sie herauszog. Der Polizist riß es auf. Es waren Schweizer Banknoten, viele Tausende von Franken, nach damaligem Begriff ein großes Vermögen. Der Beamte lief in den Gurten, auf die Straße. Der Fremde war fort. Der Polizist hatte ihn in jener Zeit, wo man gegen alles Fremde mißtrauisch war, am See anhalten wollen. Der andere war aber geflüchtet, in das Haus geraten, durchgelaufen, auf die Dame gestoßen und hatte auf die geschilderte, etwas heftige und ungewöhnliche Weise ihr das Geld zugesteckt. Er wurde nie gefunden. Nie hatte sich jemand später um das Geld gekümmert. Es ist nie aufgeklärt worden, wer der Besitzer war, weshalb er es der Dame in die Bluse steckte, weshalb er floh, woher das Geld kam oder wohin es sollte. « Es gibt Dinge, die irgendwo im Unbekannten ihren Ablauf nehmen und durch Jahrzehnte und Menschenleben hindurch in einer Vorbestimmung, deren Mechanik unerkenntlich bleibt, deren Sinn und Zusammenhang aber bei Gelegenheit augenfällig werden, auf bestimmte Menschen weitergehen. Ich besitze einen Ring. Ich weiß von ihm eigentlich nichts, als daß er 1778 der Liebe zweier Menschen zueinander entstammte, was an den eingetriebenen Symbolen und Initialen zu erkennen ist. Aber daß er mit mir einen besonderen Zusammenhang haben muß, zeigen die Hartnäckigkeit und die Sonderbarkeit und Häufung im Zufälligen, mit denen er zu mir sich zurückfand, als ich ihn am ersten Tage, wo ich ihn besaß, verlor. Anfang Dezember 1917 sah ich bei dem hannoverschen Antiquar einen Barockring aus einem hellen Gold und von einer besonderen Merkwürdigkeit und Schönheit der Arbeit. Ich kaufte ihn, um ihn als Geschenk meiner Frau mit nach Hause zu nehmen. Es war ein Wintertag mit viel neugesallenem Schnee, und ich steckte ihn, glaube ich, gleich an meinen Finger, zog wohl die Handschuhe drüber und ging zu Fuß durch die Eilenriede nach der Seehorststraße, in der ich bei einem Freunde wohnte. Ich vergaß bei der Wanderung durch die strenge Kälte auf den Ring. Doch während des Essens fiel er mir plötzlich wieder ein. Ich schaute meine Hand an, dort war er nicht. Durchsuchte meine Taschen. Vergeblich. Ich hatte den Ring verloren. Ich verließ Hannover am selben Abend. Da wegen der Zeitumstände, des Schnees ufw. keine Aussicht bestand, ihn wiederzubekommen, meldete ich den Verlust nicht an und gab mir überhaupt keine Mühe mehr mit dem Ring, vergaß ihn. Im Sommer darauf traf bei mir am Bodensee ein Päckchen ein, darin lag er. Es war folgendes geschehen: Meine Freunde, denen ich den Ring beschrieben hatte und gezeichnet, hatten, ohne es mir mitzuteilen, den Verlust in einem Inserat angezeigt. In diesem Inserat hatten sie nicht ihre Namen, sondern nur ihre Wohnung angegeben. An einem Junitag kam ein junges Mädchen ins Haus und zeigte den Ring vor. Sie erzählte, sie sei Verkäuferin in einem Laden, in dem die Herrschaft ihre Blumen kaufe. Sie habe im Dezember ein Inserat gelesen mit der Wohnungsangabe und aus jener Ursache gewußt, wer die Aufgeber seien. Sie habe dessen Inhalt behalten und habe vorgestern die Kammer ihres Bruders, der Anstreicherlehrling sei, aufgeräumt. Da habe in der Lade des Tisches zwischen anderen Sachen dieser Ning gelegen, auf den nach ihrer Erinnerung die Beschreibung zu passen schien. Von dem Jungen, den sie zur Rede gestellt, erfuhr sie, er habe ihn im März, als der Schnee weggeschmolzen war, in der Eilenriede im Schmutz gefunden. Sie möchte also anfragen, ob dies vielleicht der verlorene Ning sei. Es war mein Ring. Er hatte sich durch Winter und Schnee, aus dem Sumpf des aufgeweichten Weges, durch die Unmoral der Zeit, durch die linehrlichkeit oder den Leichtsinn oder die Besitzgier eines jungen Burschen Über die Ehrlichkeit seiner Schwester, die weitere Zufälligkeit, daß meine Freunde Kunden ihres Ladens waren und das Inserat zu mir zurückge- sundeu. Es ist ein Ring, den genau vor 150 Jahren ein verliebtes Herz dem anderen geschenkt hatte. Ich hatte ihn der Frau schenken wollen, die ich liebe. Der erste Kreislauf ist also geschlossen und dir, o geliebter Ring, steht von meiner Hand hinaus ein schöner Weg frei in die Jahrhunderte der Liebe. * Die erstaunlichste Zufallsgeschichte aber, bei der es um ein Leben ging, erzählte mir Dr. R., der Dozent an der Universität von Quito in Ecuador, und ein bekannter Botaniker ist. Dr. R. ist geborener Qesterreicher, war ursprünglich aktiver Offizier, studierte dann in Wien Medizin und hat sich bei Ausbruch des Krieges wieder reaktivieren lassen. Bei den Kämpfen um Przemysl, die er als Leutnant mitmachte, wurde er gefangen genommen, einem Transport eingereiht, der nach Moskau kam, und dort in einer Kaserne eingekerkert. Eines Morgens kommt ein Soldat in feine Zelle und sagt ihm, er sei zum Tode verurteilt worden. Der Soldat habe Befehl, den Leutnant gleich in den Hof der Kaserne zu führen, wo er mit zehn anderen zusammen erschossen werden sollte. . N., durch die unerwartete Eröffnung betäubt und der Sinne beraubt, folgt ohne Widerrede. Erst allmählich auf dem Gang durch die Flure der Kaserne klärte sich ihm der Verstand wieder. Er wurde sich nicht einmal des Furchtbaren bewußt, dem er entgegenging, und da äußerte sich die Angst vor dem Bevorstehenden auf die bekannte Weise ... Man kam an einer Abortanlage vorbei, die in einem der Flure eingebaut war, und R., dessen Vater ein hoher Beamter in Krakau gewesen war, wo er seine Jugend verbrachte und russisch gelernt hatte, bat den Soldaten austreten zu dürfen. Der Soldat erlaubte dies und sagte, er warte im Flur auf ihn. Als R. die Anstalt wieder verlassen wollte, sah er, was ihm beim Eintreten in der Aufregung nicht aufgefallen war, daß sie mehrere gleichartigen Türen hatte, und er erkannte nicht mehr die, durch die er herein- gekommen war. Er ging aufs Geratewohl durch die nächste Tür und war in einem Flur, den er nie gesehen hatte. Er schritt diesen Flur entlang, kam an eine Tür, die aus einen Hof führte. Der Hof war vollkommen verlassen und menschenleer. Er gewahrte in der abschließenden Mauer ein Tor, das offenstand. R. ging über den Hof zu diesem Tor, sah in eine Straße und trat zwischen die Menschen, die ihren Geschäften nachgingen. Benommen von dem Unerwarteten dieser Vorgänge, zweifelnd ob er nicht alles in einem Traum erlebe, und jeden Augenblick darauf gefaßt, angehalten und zuriickgesührt zu werden, ging er die Straße entlang, bog in eine andere ein und entfernte sich immer weiter von der Kaserne. Niemand hielt ihn an, niemand folgte ihm, niemand fragte ihn, niemand kümmerte sich um ihn, und suchte ihn. Er lebte ungehindert einige Tage in Moskau, sagte sich dann ober, daß er trachten müsse, diesen Zwischenzustand zu ändern, war in großer Not, wie er das anstellen könnte, und kam zu keinem Entschluß. Da begegnete er auf der Straße einem alten Bekannten, einem russischen Arzt, der zugleich wie er an der Universität in Wien studiert hatte. Diesem, der als Militärarzt Dienst tat, erzählte er seine merkwürdige Rettung durch die falsche Tür. Der Russe verhalf ihm dazu, als Arzt in ein österreichisches Kriegsgefangenenlager nach Sibirien zu kormnem Dort blieb er drei Jahre bis zum Ende des Krieges ungestört und wurde eines Tages nach Oesterreich zurückgeschickt. Hochössn, Händler und Schleusen. Dmuiden, Hollands jüngste Industriestadt. Von Georg B i e f e n t h a l. Man nehme drei Symbole der Macht: Cuxhaven, Gelsenkirchen, Geestemünde, und vereine sie zu einer Miniatur; lasse dazu den Namen butterweich auf der Zunge zergehen, so daß daraus „Ei ’meube" wird — das ist Hmuiden, ein Weltzentrum des Fischhandels, Vorhafen von Amsterdam und Mündung der großen holländischen Lust- und Speiseröhre: des Nordseekanals. Kommt der Sturm von Osten, dann dröhnt das Klingen der Hochöfen über die Stadt, der einzigen niederländischen Hochöfen. Und fern an der Peripherie recken sich die Schornsteine der van Geldernschen Papierfabriken. „Mushrooms growths" nennt der Amerikaner jene Städte, die — der Name sagt es — „wie Pilze aus der Erde schießen". Und ein „mushroom growth" ist für ihn, der seinen „Trip to Europe" üblichermaßen mit Holland beginnt, Pmuiden — jetzt wundert er sich, nicht weit von den idyllischen Dörfern der Zuiderfeeküste, von den Tulpenfeldern und stillen Grachten der großen Städte, neben dem ganz Unamerikanischen also, auch solches zu finden. Denn Vmuideu wächst in einem Tempo, das ihm behagt. Vor fünfzig Jahren wurde der Nordseekanal gebaut. Damals stand hier nur das Haus des Schleusenwächters, der seinerseits wieder das Märchen von den einsamen Dünen erzählt, die Zufluchtsorte waren für Melancholiker aus Zandwoort und Scheveningen. Jetzt erlebt er noch den Bau der neuen Schleusen. Die werden, wenn sie 1930 fertig sind, die größten der Welt fein, größer als die Panama-Schleusen, nämlich 400 Meter lang und 50 Meter breit, mit einem Tiefgang von 15 Meter. Der Nordfeekanal mündet in einem Delta, jetzt wird für die Schleuse ein dritter Wasserarm gebaut: seit sieben Jahren arbeiten sie hier, haben 20 Millionen Kubikmeter Sand ausgegraben und die Landschaft in eine Art Gebirge verwandelt, gruppiert um eine mächtige Talsohle, in der ein Wald von Be- tonpsählen wächst. Schon stehen die Wände und die Verschalungen aus Granit — Spundwände aus Dortmund, Granit aus Sachsen und eins der drei Schleusentore schwimmt schon herum, hoch wie ein Haus und fast ebenso lang und breit, das paßt natürlich dem alten Schleusenwächter gar nicht. Es ist ihm zu ungemütlich geworden, in den Straßen der jungen Stadt Überwiegt der rotbraune Serienbau aus Klinkersteinen-Zweckbauten moderner holländischer Architekten, die in dieser Art jetzt ganze Städtchen, etwa Hilversum, oder Vororte wie die in Amsterdam, errichten. Der Bau der Hochöfen wurde bereits während des Krieges projektiert, als man Holland von der Zufuhr fremden Roheisens unabhängig machen wollte. Man hat die schwarten, eisernen Ungeheuer nicht recht populär machen können bei der Masse des holländischen Kleinbürgertums, dessen ganze Liebe noch immer dem Acker und der See gehört. Zudem ist man vielfach gezwungen, unter recht ungünstigen Bedingungen zu arbeiten. Erz und Kohle müssen bei teurer Fracht von fern herangeschafst werden, Kohle zum größten Teil aus Limburg, aber auch aus Deutschland. Aber man wird darauf aufmerksam gemacht, daß Ozeandampfer von 12 000 Tonnen und mehr bis zu den Werken vordringen können, ohne daß ihre Fracht — rostrotes Erz aus Spanien und Nordafrika, schieferblaues aus den nordischen Ländern — auf Flußdampfer umgeschlagen zu werden braucht. Das lebende Material mußte ebenso von jenseits der Grenze herbeigeholt werden wie das tote: die Arbeiter, in erster Linie die Spezialisten, sind Deutsche oder haben doch wenigstens lange in Deutschland gelernt. Auf dem Wege zum eigenen Auto haben fie’s hier vorläufig zum eigenen Fahrrad gebracht. Man braucht gar keine Kontrolluhr: wenn der Pförtner die abgestellten Räder nachzählt, und es sind 250 bei jeder Schicht, dann stimmt's, dann sind sie alle am Werk. Man hat Pech gehabt mit den Hochöfen. Da brach die große Bunkerbrücke und ist heute noch nicht wieder hergestellt, dann mußte einer der beiden Hochöfen plötzlich „überholt" werden, jetzt arbeitet nur noch der andere, der pro Tag 300 Tonnen Spezialeisen produziert. Das sind — ästhetisch gemeint — nicht jene Werke, wie wir sie aus Westfalen kennen, aus dem Ruhrrevier. Hier stehen die schwarzen Türme gegen das Gran eines Meeres, und wenn der Arbeiter auf dem Podest auch nur eine Minute Zeit hätte, dann sähe-er nicht nur, daß eine Schalttafel mit Hebeln und Uhren vor ihm steht, daß dahinter Erzkörbe auf- roärtsgleiten und Kohlen über Transportbändern wandern, er hörte nicht nur, daß hinter ihm der Ofen dröhnt — er würde auch entdecken, daß zwischen den Eisengerüsten und hinter den Wolken aus Staub und Ruß das Meer glänzt, er würde den Wellenschlag sehen und den weißen Schaum, den Streifen am Horizont und fern das Segelschiff. Der Wind, von der Nordsee herübergeblasen, wirbelt die schmutziggraue Schlacke auf, treibt sie vor sich her und verwandelt den Hof, wo das glühende Eisen in Formen fließt und langsam erkaltet, in eine phantastische Schneelandschaft, das Meer schickt mit dem Kühlwasser winzige Muscheln in die Röhren, da setzen sie sich fest, wachsen und verstopfen alles. Beinah ein Idyll. Gleich um die Ecke, fünf Minuten hinter Koks, Eisen, Elektrizität, Ammoniak, beginnt der Wald, es ist, wenn man so sagen darf, ein deutscher Wald, mit Buchen, Eichen, jungen Birken, Farnkraut. Nur die Ruhe über den Wipfeln fehlt, in diesem Bannkreis dröhnt und pfeift der Ofen, und man muß schon, ihm zu entgehen, bis zu den fernsten Dünen her- unterlaufen. Trotzdem lebt Umuiden weniger vom Schleusenbau und von den Hochöfen — Pmuiden lebt von Fischen. Und von dem, was so dazu gehört, also z. B. von Kühleis, denn da wären die großen Eisfabriken, deren Produktion täglich viele tausend Kilo erreicht, und in deren Kühlräume so ganz nebenbei Millionen zartester Exporthühnereier ihren Sommerschlaf halten. Es hat also einer die Absicht, sich in Pmuiden als Fischhändler niederzulassen, en gros natürlich, und tatsächlich ist es kein schlechtes Geschäft, nur eben ist die Zulassungskarte zum Fischmarkt in Dmuiden mindestens ebenso schwer zu erhalten wie die zur Berliner Börse. Aber schön, er hat die Beziehungen, man hat ihn gewogen, gewogen und nicht zu leicht befunden, hat ihn mit Männerhandschlag in den Verein der Fischgroßhändler aufgenommen, und er trägt wie seine Kollegen mit Stolz jene Medaille im Knopfloch, durch die er eben als Kolleg« ausgewiesen ist, und die im Zeichen Umuidens mehr Ansehen verleiht als der Hausorden der Dränier, und schließlich zieht er in eins jener winzigen Bureaus, die wie Bade- zellen die erste, zweite, dritte Galerie der Markthallen rings umgeben. Nun muß er bas Frühaufstehen lernen, der Betrieb beginnt noch weit vor Morgengrauen. In der Nacht haben die Fischerkutter festgemacht. Nicht nur Holländer. Auch wetterfeste Norweger, Deutsche, Franzosen, Engländer, die von ihren Reedereien jeweils dorthin dirigiert werden, wo gerade die günstigste Marktlage ist, mal nach Geestemünde, mal nach Grimsby, mal nach Fmuiden. Manche kommen von großer Tour aus Island, haben so für 10 000 Gulden Ware an Bord. Zwischen ihnen grüne Boote mit braunen Segeln, das sind die Fischer von Urk, dem Inselchen in der Zuidersee, die immer den Spott der anderen auszuhalten hoben, weil sie sich nur Sonntags waschen. Dafür aber sehen sie aus, wie ein fischfangender Holländer eben auszusehen hak: hohe schwarze Mützen haben sie und rote Blusen mit goldenen Knöpfen. Um zwei Uhr morgens werden die großen Jalorsien l)ochgezogen, die die Kais von den Hallen trennen. Die Leuchtfeuer des Vorhafens blinzeln sacht, der Scheinwerfer ohrfeigt unentwegt den Mond, im Lichte der Bogenlampen beginnt das Löschen der Fracht. Fischberge, schon während der Fahrt sortiert, werden an Deck geschaufelt, leere Körbe fliegen hinüber, werden eins zwei gefüllt, drei vier über Laufplanken in die Halle gezogen — was haben sie mitgebracht? Kabeljaus und Schellfische haben sie mitgebracht, Heringe aus Kattwyk, den Heil und den Steinbutt, zu fünf Gulden das Stück und 95 Pfund schwer, Schollen haben sie mitgebracht, Rochen und Haie, den Salm und di« Seezunge, und bauen cs appetitlich und zierlich auf — beim bann erscheinen die Miehmacher, Vorposten ber Käufer. Sie durchwandeln die Halle gemessenen Schrittes, stochern indigniert in den Fischkästen und murmeln was von schlechtem Fang. Die Fischer werden ungemütlich, „was die Augen des Kabeljaus glänzen nicht mehr?! Herr!!"— Die Duellanten messen sich. Die Leuchtfeuer blinzeln nicht mehr, ber Scheinwerfer ohrfeigt nicht mehr ben Mond, es wird Tag, Regentag, und drinnen ist ber Fischabschlag in schönstem Gange. Da sind die Silberbetreßten, Beamte des Staates, die den Verkauf regulieren. Die Händler versammeln sich um ihr Objekt, ber Mann mit ber silbernen Tress« ruft einen Preis, der viel zu hoch ist, etwa 50 Cent für das Kilo Kabeljau, und bann zählt er rückwärts, so schnell seine Zunge nur kann, 49, 48, 47, 46, ... noch verharren die Händler in Schweigen ... 35, 34, 33, halt, schreit einer. Und das ist der Käufer. Das alles geht rasend schnell, bar bezahlt wird nichts, die Händler haben vorher einen Betrag deponiert, der Fischer bekommt eine Quittung, ber Staat seine Prozente — unb in vier Stunden sind insgesamt 200 OOö Kilo Fische verkauft, für etwa 50 000 Gulden. Unten in den Kellereien, wo sich staut, ivas nicht sofort exportiert, sondern gebacken, geräuchert, gesalzen wird, enthüllt sich auch das Geheimnis des Seelachses. Junge Haifische, gehäutet, zerkleinert und in zierliche Glasdosen gefüllt — da hätten wir Seelachs. Dieser und jener Händler ist Gulden-Millionär — gewesen, im Krieg, als das blockierte Deutschland jeden Preis mit Handkuß zahlte. Nur haben sie dann ihr Geld in deutscher Mark angelegt, um es während ber Inflation ebenso schnell wieder zu verlieren.-- Inzwischen haben ein paar Fischsonberzüge, die auf bem Bahnhof nebenan bereit standen, den Kauf über die Grenze gerollt, was heute früh in Vymuiden ausgeladen wurde, kommt morgen schon in Süddeutschlanb und in ber Schweiz, in Oberitalien und in Frankreich auf den Markt. Der Rest den Belgiern! Was man morgens nicht los wird, holt mittags ein Paketboot nach Antwerpen. „Die effen alles!" Wer weiß, wie sich die Prnuidener amüsieren, und welch geheimen Lastern sie fröhnen! Abends jedenfalls sind die Straßen so leer, daß der Polizist erschrickt, wenn ein paar Holzpantinen von fern daherklappern. Man hat einen Strand, auf dem alles erlaubt und nichts verboten ist, aber es ist kein Hotel da und keine Bar und kein Strandkorb, nur ein Verschönerungsverein. Ein Bagger vollführt Lärm und zerstört Meeresidylle, die Hochöfen sehen zu und über die Dünen klettern drei magere Ziegen. Am Sonntagabend findet auf dem Marktplatz allgemeiner Gedankenaustausch statt, in der einen Ecke singt die Heilsarmee, in der andern aber wird „französischer Schmuck" verkauft, nicht für zwei Gulden und nicht für einen, sondern ausnahmsweise für einen halben. Zwar: im Cafe klimpert ein Klavier, aber sie tun solches ohne Fröhlichkeit, trinken wortlos ihr Bier, und gehen heim. Kein Geschäft für Gastwirte. Woraus besteht das Licht? Von Louis Viktor de Vroglie, Träger des Physiknobelpreises für 1929. Vor kurzem wurde dem französischen Physiker de B r o g - l i e für seine hervorragenden Forschungen auf dem Gebiete der Elektronentheorie der diesjährige Nobelpreis für Physik verliehen. Wir find in der Lage, unseren Lesern eine Darstellung des augenblicklichen Standes der Lichttheorie und der Ergebnisse seiner eigenen Arbeiten aus der Feder des neuen Nobelpreisträgers bringen zu können. Es dürfte kaum möglich sein, die Bedeutung des Lichtes im Gesamtbilde der Naturerscheinungen zu überschätzen.' Das Licht ist nicht nur lebensnotwendig, sondern die Physik hat uns sogar gelehrt, daß die Substanzen der Materie sich mit dem Licht in ständigem Energieaustausch befinden, so daß der Zustand unserer Umwelt nicht mit Unrecht als eine Art von Gleichgewichtsverhültnis zwischen Materie und Licht bezeichnet werden kann. Daraus ergibt sich, daß die Frage nach den Eigenschaften des Lichtes und die Bestimmung der von ihm abhängigen Erscheinungen von allererster Bedeutung ist. Ein derartiges Studium ist zwar im Altertum schwach skizziert worden, es hat sich jedoch erst seit dem 17. Jahrhundert richtig entwickelt. Von dieser Zeit an hat die Entdeckung einer wachsenden Anzahl von Lichtphänomen, deren Beobachtung immer größere Sorgfalt forderte, eine umfassende Wissenschaft, die O p t i k, zu schaffen gestattet, deren Gebiet sich ständig erweitert hat. Wie in den anderen Wissenszweigen hat man sich jedoch auch in der Optik nicht damit begnügt, Tatsachen zu beobachten und zu registrieren: man hat vielmehr versucht, sich von dem Wesen des Lichts ein Bild zu machen, indem man die bekannten Tatsachen auszudeuten und neue vorauszusehen trachtete. Seit dem Beginn dieser Bestrebungen haben zwei große Theorien über das Licht die Physiker beschäftigt. Di« eine von ihnen behauptet, daß das Licht durch bewegliche Elementarkörperchen erzeugt wird, und daß die Lichterscheinungen auf die Bewegung unendlich schneller minimaler Projektile zurückzuführen sei: das ist die sogenannte Emifsionstheorie, welcher der Engländer Isaac Newton ihre ursprüngliche Fassung gegeben hat. Die andere bildet sich eine wesentlich andere Idee vom Licht; nach ihr wäre es die Fortpflanzung einer Erschütterung, einer Welle, wie man sie an der Oberfläche des Wasserspiegels beobachten kann, oder besser einer solchen, wie sie sich durch die Luft fortsetzen und den Schall erzeugen: die W e l l e n t h e o r i e ist das Werk des Holländers Christian Huyghens und wurde durch den Franzosen Augustin Fresnel vervollständigt. Die Voraussetzung dieser zweiten Theorie ist die Lehre von der Existenz eines sehr subtilen Elementes, des „Aethers", der selbst die härtesten, durchsichtigen Körper durchdringt und dessen Erregungen das Licht bilden. Nach einem Kampfe zwischen beiden Theorien, der drei Jahrhunderte gewährt hat, ist man wohl oder übel zu einer synthetischen Theorie gelangt, die annimmt, daß die elektrischen Wellen, die Wärmestrahlen fJnfra-Rot), Licht, Ultraviolett und Röntgenstrahlen — also alle Arten von Strahlung — durch Wellen und Körperchen gleichzeitig gebildet werden, die engstens miteinander verbunden sind. Da die Entwicklung dieser synthetischen Theorie jedoch sehr kompliziert ist, bietet die Optik zurzeit den Eindruck einer Krise. Ich kann hier nur sehr kurz andeuten, in welchem Sinne die neue Lichttheorie sich entwickelt. Nach der alten Auffassung betrachtete man die Wellen, als ob sie sich von einem Punkt« aus verbreiteten, und glaubte, die Bibrationscnergie sei in kontinuerlicher Form auf die Welle verteilt. Das steht jedoch im Widerspruch mit der Erzeugung von elektrischem Strom unter Einfluß des Lichtes, denn aus dieser „photoelcktrischen" Erscheinung — die neuerdings erforscht worden ist und schon in der „Photozelle" zu den wunderbarsten Anwendungen geführt hat — ergibt sich, daß die Strahlungsenergie in Elementarladüngen enthalten sein muß. Trotz dieser photoelektrischen Erscheinung, trotz der von dem Deutschen Max Plank aufgestellten Quantentheorie, muß man jedoch den Begriff der Welle festhalten, um in der Definition einer Wellenlänge und Frequenz fortsahren zu können und um die Interferenz, d. h. diese Tatsache, nach der Licht zu Licht gefügt, Finsternis ergeben kann, erklären zu können. Um eine fo!d;e Jnterferenzerscl-eiming zu beobachten, ist die Verwendung einer ziemlich erheblichen Menge von Lichtenergie notwendig, sei es, daß man — wie es meistens Üblich ist — eine rasche Beobachtung mit einem dichten Lichtbündel anstellt, sei es, daß man eine sehr lang- dauernde Beobachtung wie etwa eine photographische Zeitaufnahme mit einer winzigen Intensität vornimmt. Unter allen Umständen ergibt sich aber die Unmöglichkeit, Interferenzen herzustellen ohne eine beträchtliche Anzahl von Lichtquanten oder „Photonen" Mitwirken zu lassen. Wenn man also ein Jnterferenzexperiment macht, so wird man immer zu dem Ergebnis kommen, daß dort, wo die alte Wellentheorie ein Maximum von Licht voraussah, wenige oder gar keine Photonen auftreten werden. Die Verteilung der Lichtenergie in den Jnterferenzzonen ist demnach bei Amvendung. der neuen Theorie dieselbe, die die klassische Theorie voraussah, obwohl nach ihr die Lichtenergie in Elementarkörperchen zerstreut statt in kontinuierlicher Form verbreitet wird. Diese wenigen Hstlweise mögen genügen, um den Weg anzudeuten, auf dem man jetzt die Resultate der Wellentheorie mit der Hypothese einer Quantenstruktur zu vereinigen sucht. Die bedeutfame Tatsache, die man heute als selbstbegründet betrachtet, ist die, daß das Licht gleichzeitig ans Wellen und Urkörperehen besteht, die übrigens in engstem Zusammenhänge stehen und, nach dem Ausdruck des Dänen Niels Bohr, „zwei Komplementärfronten der Wirklichkeit" bilden. Eine ganz neue Tatsache von großer Bedeutung hat dazu beigetra- gcn, die tiefe Bedeutung dieser Theorie von Dualismus des Lichtes zu bestätigen. Das Elektron ist eines der Elementarbestandteile der Materie, bisher halte man es immer für ein einfaches Urkörperchen gehalten. Mußte man nicht aber — nach der Feststellung der engen Verbindung von Wellen und Elementarteilchen — auch mit diesen Urkörperchen Wellen in Verbindung bringen? (Amu. der Red.: Diese Wetten werden in der Physik heute allgeniein nach Louis de Broglie als bc Broglie- strahlen bezeichnet.) Sollte man nicht dem Elektron gegenüber den entgegengesetzten Irrtum von dem aus der Optik begangen haben? Mit ändern" Worten: während Fresnel und seine Nachfolger die Urkörperseite zu sehr aus den Augen verloren und sich nur auf die Wellentheorie geworfen hatten, hatte man sich andererseits zu sehr an den rein körperlichen Anblick des Elektrons gehalten und hier die Wellenfrage vernachlässigt. Wenn man das zugibt, kommt man zu folgendem Schluß: mit Elektronbündeln muß man zur Erzeugung von Interferenzerscheinungen gelangen können, die denen der Lichtbündel entsprechen. Vor wenige» Jahren noch wäre ein solcher Schluß als völlig widersinnig erschienen. Seit zwei Jahren jedoch hat diese kühne Annahme sich nachprüfen lassen. Man hat mit Elektronen Interferenzen erzielt, die Länge der mit ihnen verbundenen Wellen geniessen und dabei Resultate erzielt, die den Annahmen der neuen Theorie entsprachen. Damit hat sich ein völlig neues Gebiet der Experimentalphysik eröffnet: die Spektroskopie der "Elektronen. Der Dualismus der Wellen und Quanten geht über den Rahmen der Optik hinaus. Cs zeigt sich bei der Materie wie beim Licht. Es ist also eines der großen Naturprinzipien, vielleicht sogar ihre Grundlage. Er ist aber gleichzeitig eines ihrer großen Geheimnisse, denn die wahre Bedeutung dieses Dualismus in seinem Grunds zu erfassen, erscheint sehr schwierig. Für den Laien ist ein Lichtstrahl etwas furchtbar Einfaches und unerhört Alltägliches. Der Forscher dagegen schlägt sich an die Brust und spricht zu sich selber: „Was wüßten wir nicht alles, wenn wir wirklich wüßten, was ein Lichtstrahl ist." , (Autorisierte Uebersetzung von H. A. v. M a l tz a h n.) Oer arme Spielmann. Erzählung von Franz Grillparzer. lSchlnß.) „In all diesen Widerwärtigkeiten war mir, gestehe ich's nur, der Griesler und seine Tochter ganz in den Hintergrund getreten. Nun da es ruhiger tburbe und ich anfing, zu überlegen, was etwa weiter geschehen sollte, kam mir die Erinnerung an den letzten Abend lebhaft zurück. Den Alten, eigennützig, wie er icar, begriff ich ganz wohl, aber das Mädchen! Manchmal tarn mir in den Sinn, daß, wenn ich das Meinige zu Rate gehalten und ihr eine Versorgung hätte anbieten können, sie wohl gar — aber sie hätte mich nicht gemocht." — Dabei besah er mit auseinander fallenden Händen seine ganze dürftige Gestalt. — „Auch war ihr mein höfliches Benehmen gegen jedermann immer zuwider. „So verbrachte ich ganze Tage, sann und überlegte. Eines Abends im Zwielicht — cs war die Zeit, die ich gewöhnlich im Laden zuzubringen pflegte — faß ich wieder und versetzte mich in Gedanken an die gewohnte Stelle. Ich hörte sie sprechen, auf mich schmähen, ja es schien, sie verlachten mich. Da raschelte es plötzlich an der Türe, sie ging auf, und ein Frauenzimmer trat herein. — Es war Barbara. — Ich saß aus meinem Stuhl angenagelt, als ob ich ein Gespenst sähe. Sie war blaß und trug ein Bündel unter dem Arme. In die Mitte des Zimmers gekommen, blieb sie stehen, sah rings an den kahlen Wänden umher, dann nach abwärts auf das ärmliche Geräte und seufzte tief. Dann ging sie an den Schrank, der zur Seite an der Mauer stand, wickelte ihr Paket auseinander, das einige Hemden und Tücher enthielt — sie hatte in der letzten Zeit meine Wäsche besorgt — zog die Schublade heraus, schlug die Hände zusammen, als sie den spärlichen Inhalt sah, fing aber gleich darauf an, die Wäsck)e in Ordnung zu bringen und die mitgebrachten Stücke einzureihen. Darauf trat sie ein paar Schritte vom Schranke hinweg, und die Augen auf mich gerichtet, wobei sie mit dem Finger auf die offene Schublade zeigte, sagte sie: 'Fünf Hemden und drei Tücher. Soviel habe ich gehabt, soviel bringe ich zurück/ Dann drückte sie langsam die Schublade zu, stützte sich mit der Hand auf den Schrank und fing laut an zu meinen. Es schien fast, als ob ihr schlimm würde, denn sie setzte sich auf einen Stuhl neben dem Schranke, verbarg bas Gesicht in ihr Tuch, und ich hörte aus den stoßweise geholten Atemzügen, daß sie noch immer fortweinte. Ich war leise in ihre Nähe getreten und faßte ihre Hand, die sie mir gutwillig ließ. Als ich aber, um ihre Blicke auf mich zu ziehen, an dem schlaff hängenden Anne bis zum Ellenbogen emporrückte, stand sie rasch auf, machte ihre Hand los und sagte in gefaßtem Tone: »Was nützt das alles? Es ist nun einmal so. Sie haben es selbst gewollt, sich und uns haben Sie unglücklich gemacht; aber freilich sich selbst am meisten. Eigentlich verdienen Sie kein Mitleid' — hier wurde sie immer heftiger — »wenn man so schwach ist, seine eigenen Sachen nicht in Ordnung halten zu können; so leichtgläubig, daß man jedem traut, gleichviel ob es ein Spitzbube ist ober ein ehrlicher Mann. — Und doch tut’s mir leid um Sie. Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen. Ja, erschrecken Sie nur. Jst's doch Ihr Werk. Ich muß nun hinaus unter die groben Leute, wogegen ich mich solange gesträubt habe. Aber da ist kein Mittel. Die Hand habe ich Ihnen schon gegeben, und so leben Sie wohl — für immer.* Ich sah, daß ihr die Tränen wieder ins Ange traten, aber sic schüttelte unwillig mit dem Kopf« und ging. Mir war, als hatte ich Blei in den Gliedern. Gegen die Türe gekommen, wendete sie sich noch einmal um und sagte: »Die Wäsche ist jetzt in an die mii Verantwortlich: Dr. HanS Thyrivt. — Druck und VSrlag: Brühl'fche LIniverfitäts-Vuch- und Steindruckerei. Ä. Lange, Gießen. Zeit vor- unb kam aus* Not auch Bei- und S den stehendes Wasser und schwimmende Habe. Als ich, dem Gedränge ausweichend, an ein zugelehntes Hoftor hintrat, gab dieses nach und zeigte im Torwege eine Reihe von Leichen, offenbar behufs der amtlichen Inspektion zusammengebracht und hingelegt; ja, im Innern der Gemächer zunehmen. So schritt ich weiter und weiter. Von allen Seiten Weinen Trauergeläute, suchende Mütter und irregehende Kinder. Endlich nur als i Frik eben in d Am! mite nien klein Pati 5 und grok sehr von liche liche konr trän die um kleir Sch, rech und aus nach viel sorg Dro meii in l dien Hine Kan Ma erzä Sch Siet und „Se gan wir geni Ma wir tön: ncri Fus ban tüch waren noch hie und da, aufrecht stehend und an die Gitterfenster angetrant, verunglückte Bewohner zu sehen, die — es fehlte eben an und Beamten, die gerichtliche Konstatierung so vieler Todesfälle sie und ihre Wege. „Wie es nun mit mir immer mehr herabkam, beschloß ich, durch Musik mein Fortkommen zu suchen; und solange der Rest meines Geldes währte, übte und studierte ich mir die Werke großer Meister, vorzüglich der alten, ein, welche ich abschrieb; und als nun der letzte Groschen ausgegeben war, schickte ich mich an, von meinen Kenntnissen Vorteil zu ziehen, und zwar anfangs in geschlossenen Gesellschaften, wozu ein Gastgebot im Hause meiner Mietfrau den ersten Anlaß gab. Als aber die von mir vorgetragenen Kompositionen dort keinen Anklang fanden, stellte ich mich in die Höfe der Häuser, da unter so vielen Bewohnern doch einige sein mochten, die das Ernste zu schätzen wußten — ja endlich auf die öffentlichen Spaziergänge, wo ich denn wirklich die Befriedigung hatte, daß einzelne stehenblieben, zuhörten, mich befragten und nicht ohne Anteil weitergingen. Daß sie mir dabei Geld hinlegten, beschämte mich nicht. Denn einmal war gerade das mein Zweck, dann sah ich auch, daß berühmte Virtuosen, welche erreicht zu haben ich mir nicht schmeicheln konnte, sich für ihre Leistungen, und mitunter sehr hoch, honorieren ließen. So habe ich mich, ob zwar ärmlich, aber redlich fortgebracht bis diesen Tag. „Rach Jahren sollte mir noch ein Glück zuteil werden. Barbara kam zurück. Ihr Mann hatte Geld verdient und ein Fleischhauergewerbe in einer der Vorstädte an sich gebracht. Sie mar Mutter von zwei Kindern, von denen das älteste Jakob heißt, wie ich. Meine Berufsgeschäfte und die Erinnerung an alte Zeiten erlaubten mir nicht, zudringlich zu sein, endlich ward ich aber selbst ins Haus bestellt, um dem ältesten Knaben Unterricht auf der Violine zu geben. Er hat zwar nur wenig Talent, kann auch nur an Sonntagen spielen, ba ihn in der Woche der Vater beim Geschäft verwendet, aber Barbaras Lied, das ich ihn gelehrt, geht doch schon recht gut; und wenn wir so üben und hantieren, singt manchmal die Mutter mit darein. Sie hat sich zwar sehr verändert in den vielen Jahren, ist stark geworden und kümmert sich wenig mehr um Musik, aber es Hingt noch immer so hübsch wie damals." Und damit ergriff der Alte seine Geige und fing an, das Lied zu spielen, und spielte fort und fort, ohne sich weiter um mich zu kümmern. Endlich hatte ich's satt, stand auf, legte ein paar Silberstücke auf den nebenstehenden Tisch und ging, während der Alte eifrig immer fortgeigte. Bald darauf trat ich eine Reise an, von der ich erst mit einbrechendem Winter zurückkam. Die neuen Bilder hatten die alten verdrängt, und mein Spielmann war so ziemlich vergessen. Erst bei Gelegenheit des furchtbaren Eisganges im nächsten Frühjahr und der damit in Verbindung stehenden Ueberfchwemmung der niedrig gelegenen Vorstädte erinnerte ich mich wieder an ihn. Die Umgegend der Qärtnergaffe war zum See geworden. Für des alten Mannes Geben schien nichts zu besorgen, wohnte er doch hoch oben am Dache, indes unter den Bewohnern der Erdgeschosse sich der Tod seine nur zu häufigen Opfer ersehen hatte. 2(ber entblößt von aller Hilfe, wie groß mochte feine fein! Solange die Ueberfchwemmung währte, war nichts zu tun, hatten die Behörden nach Möglichkeit auf Schiffen Nahrung und stand den Abgeschnittenen gespendet. Als aber die Wasser verlaufen die Straßen gangbar geworden waren, beschloß ich, meinen Anteil an der in Gang gebrachten, zu unglaublichen Summen angewachsenen Kollekte s..... ‘ ‘ ch zunächst angehende Adresse zu befördern. Der Änblick der Leopoldstadt war grauenhaft. In den Straßen zerbrochene Schiffe und Gerätschaften, in den Erdgeschossen zum Teil noch ich an die Gärtnergasse. Auch dort hatten sich die schwarzen Begleiter eines Leichenzuges aufgestellt, doch, wie es schien, entfernt von dem Hause, das ich suchte. Als ich ober näher trat, bemerkte ich wohl eine Verbindung von Anstalten und Hin- und Hergehende» zwischen dem Trauergeleite und der Gärtnerswohnung. Am Haustor stand ein wacker aussehender, ältlicher, ober noch kräftiger Mann. In hohen Stiefeln, gelben Lederhosen und langherabgehendem Leibrocke sah er einem Landfleischer ähnlich. Er gab Aufträge, sprach aber dazwischen ziemlich gleichgültig mit den Nebenstehenden. Ich ging an ihm vorbei und trat in den Hofraum. Die alte Gärtnerin kam mir entgegen, erkannte mich auf der Stelle wieder und begrüßte mich unter Tränen. „Geben Sie uns auch die Ehre?" sagte sie. „Ja, unser armer Alter! Der musiziert jetzt mit den lieben Eltern, die auch nicht viel besser sein können, als er es war, schon hinnieden. Die ehrliche Seel saß da oben sicher in seiner Kammer. Als aber das Wasser tarn und er die Kinder schreien hörte, da sprang er herunter und rettete und schleppte und trug und brachte in Sicherheit, daß ihm der Atem ging wie ein Schmiedegedläs. Ja — wie man denn nicht überall seine Augen haben kann — als sich ganz zuletzt zeigte, daß mein Mann seine Steuerbücher und die paar Gulden Papiergeld im Wandschrank vergessen hatte, nahm der Alte ein Beil, ging ins Wasser, das ihm schon an die Brust reichte, erbrach den Schrank und brachte alles treulich. Da hatte er sich wohl verkältet, und wie im ersten Augenblicke denn keine Hilse zu haben war, griff er in die Phantasie und wurde immer schlechter und schlechter, ob mir ihm gleich beistanden nach Möglichkeit, und mehr habet litten als er selbst. Denn er musizierte in einem fort, mit der Stimme nämlich, und schlug den Takt und gab Lektionen. Als sich dos Wasser ein wenig verlaufen hotte und wir den Bader holen konnten und den Geistlichen, richtete er sich plötzlich im Bette auf, wendete Kopf und Ohr seitwärts, als ob er in der Entfernung etwas gar Schönes hörte, lächelte, sank zurück und war tot. Gehen Sie nur hinauf, er hat oft von Ihnen gesprochen. Die Madam ist auch oben. Wir haben ihn auf unsere Kosten begraben lassen wollen, die Frau Fleischermeifterin gab es aber nicht zu." Sic drängt mich die steile Treppe hinauf bis zur Dachstube, die offen« stand und ganz ausgeräumt war bis auf den Sarg in der Mitte, der, bereits geschlossen, nur der Träger wartete. An dem Kopfende saß eine ziemlich starke Frau, über die Hälfte des Lebens hinaus, im buntgedruckten Kattunüberrocke, aber mit schwarzem Halstuch und schwarzem Band auf der Haube. Es schien fast, als ob sie nie schön gewesen sein konnte. Vor ihr standen zwei ziemlich erwachsene Kinder, ein Bursche und ein Mädchen, denen sie offenbar Unterricht gab, wie sie sich beim Leichenzuge zu benehmen hätten. (Eben, als ich eintrat, stieß sie dem Knaben, der sich ziemlich tölpisch auf den Sarg gelehnt hatte, den Arm herunter und glättete sorgfältig die herausstehenden Kanten des Leichentuches wieder zurecht. Die Gärtnersfrau führte mich vor; da fingen aber unten die Posaunen an zu blasen, und zugleich erscholl die Stimme des Fleischers von , der Straße heraus: „Barbara, es ist Zeit!" Die Träger erschienen, ich zog mich zurück, um Platz zu machen. Der Sarg ward erhoben, hinabgebracht, und der Zug setzte sich in Bewegung. Voraus die Schuljugend mit Kreuz und Fahne, der Geistliche mit dein Kirchendiener. Unmittelbar nach dem Sarge die beiden Kinder des Fleischers und hinter ihnen das Ehepaar. Der Mann bewegte unausgesetzt, als in Andacht, die Sippen, sah aber dabei links und rechts nm sich. Die Frau las eifrig in ihrem Gebetbuche, nur machten ihr die beiden Kinder zu schaffen, die sie einmal vorschob, dann wieder zurückhielt, wie ihr denn überhaupt die Ordnung des Leichenzuges sehr am Herzen zu liegen schien. Immer aber kehrte sie wieder zu ihrem Buche zurück. So kam das Geleite zum Friedhof. Das Grab war geöffnet. Die Kinder warfen die ersten Handvoll Erde hinab. Der Mann tat stehend dasselbe. Die Frau kniete und hielt ihr Buch nahe an die Augen. Die Totengräber vollendeten ihr Geschäft, und der Zug, halb aufgelöst, kehrte zurück. An der Türe gab es noch einen kleinen Wortwechsel, da die Frau eine Forderung des Leichenbesorgers offenbar zu hoch fand. Die Begleiter zerstreuten sieh nach allen Richtungen. Der alte Spielmann war begraben. Ein paar Tage daraus — es war ein Sonntag — ging ich, von meiner psychologischen Neugierde getrieben, in die Wohnung des Fleischers und nahm zum Vorwande, daß ich die Geige des Alten als Andenken zu besitzen wünschte. Ich fand die Familie beisammen ohne Spur eines zurückgebliebenen besonderen Eindrucks. Doch hing die Geige mit einer Art Symmetrie geordnet neben dem Spiegel und einem Kruzifix gegenüber an der Wand. Als ich mein Anliegen erklärte und einen verhältnismäßig hohen Preis anbot, schien der Mann nicht abgeneigt, ein vorteilhaftes Geschäft zu machen. Die Frau aber fuhr vom Stuhle empor und sagte: „Warum nicht gar! Die Geige gehört unserem Jakob, und auf ein paar Gulden mehr oder weniger kommt es uns nicht an!" Dabei nahm sie das Instrument von der Wand, besah es von ollen Seiten, blies den Stau? herab und legte es in die Schublade, die sie, wie einen Raub befürchtend, heftig zustieß und abschloß. Ihr Gesicht war dabei von mir abgewandt, fo daß ich nicht sehen konnte, was etwa darauf vorging. Da nun zu gleicher Zeit die Magd mit der Suppe eintrat und der Fleischer, ohne sich durch den Besuch stören zu lassen, mit lauter Stimme fein Tischgebet anhob, in das die Kinder gellend einftimmten, wünschte ich gesegnet? Mahlzeit und ging zur Türe hinaus. Mein letzter Blick traf die Frau. Sie hatte sich umgewendet, und die Tränen liefen ihr stromweise über die Backen. Ordnung. Sehen Sie zu, daß nichts abgeht. Cs werden harte Zeiten kom- inen.'Und nun hob sie die Hand auf, machte wie ein Kreuzeszeichen in die Luft und rief: ,Gott mit dir, Jakob! — In alle Ewigkeit, Amen!' fetzte sie leiser hinzu und ging. „Nun erst kam mir der Gebrauch meiner Glieder zurück. Ich eilte ihr nach, und auf dem Treppenabsatze stehend, rief ich ihr nach: .Barbara!' Ich hörte, daß sie auf der Stiege stehen blieb. Wie ich aber die erste Stufe hinabstieg, sprach sie von unten herauf: .Bleiben Sie!' und ging die Treppe vollends hinab und zum Tore hinaus. „Ich habe seitdem harte Tage erlebt, keinen aber wie diesen; selbst der darauffolgende war es minder. Ich wußte nämlich doch nicht so recht, wie ich daran war, und schlich daher am kommenden Morgen in der Nähe des Grieslerladens herum, ob mir vielleicht einige Aufklärung würde. Da sich aber nichts zeigte, blickte ich endlich seitwärts in den Laden hinein und sah eine fremde Frau, die abwog und Geld herausgab und zuzählte. Ich wagte mich hinein und fragte, ob sie den Laden an sich gekauft hätte? .Zur Zeit noch nicht', jagte sie. — Und wo die Eigentümer wären? — .Die sind heute frühmorgens nach Sangeulebarn (in Niederösterreich, an der Bahn von Wien nach Eger) gereift.' — .Die Tochter auch?' stammelte ich. — .Nun freilich auch,' sagte sie, .sie macht ja Hochzeit dort.' „Die Frau mochte mir nun alles erzählt haben, was ich in der Folge von andern Leuten erfuhr. Der Fleischer des genannten Ortes nämlich — derselbe, den ich zur Zeit meines ersten Besuchs im Laden antraf — hakle dem Mädchen seit lange Heiratsanträge gemacht, denen sie immer auswich, bis sie endlich in den letzten Tagen, von ihrem Vater gedrängt und an allem übrigen verzweifelnd, einwilligte. Desselben Morgens waren Vater und Tochter dahin abgereist, und in dem Augenblick, da wir sprachen, war Barbara des Fleischers Frau. „Die Verkäuferin mochte mir, wie gesagt, das alles erzählt haben, aber ich hörte nicht und stand regungslos, bis endlich Kunden tarnen, die mich zur Seite schoben und die Frau mich anfuhr, ob ich noch sonst etwas wollte, woraus ich mich entfernte. „Sie werden glauben, verehrtester Herr," fuhr er fort, „daß ich mich nun als den unglücklichsten aller Menschen fühlte. Und fo war es auch im ersten Augenblicke. Als ich aber aus dem Laden heraustrat und, mich umwendend, auf die kleinen Fenster zurückblickte, an denen Barbara gewiß oft gestanden und herausgefehen hatte, da kam eine selige Empfindung über mich. Daß sie nun alles Kummers los war, Frau im eigenen Hause, und nicht nötig hatte, wie wenn sie ihre Tage an einen Herd- und Heimatlosen geknüpft hätte, Kummer und Elend zu tragen, das legte sich wie ein lindernder Balsam auf meine Brust, und ich segnete