SiehenerKimilienblStter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1929 Montag, den 29. Juli Nummer 58 Säer. Bon Hans Franck. D, daß ich mit vollen Händen so wie du dort Schritt um Schritt — Erd und Himmel schreiten mit, deine Würfe zu vollenden — o, daß ich mit vollen Händen, Sämann, so wie du den Samen säte und zum „Amen! Amen!" Erd und Himmel sich verbänden! Ist Bewahren nicht Verschwenden? Nur aus den Vernichtungsbränden steigt der Vogel Morgenrot. Tod ist Leben, Leben Tod. Nirgend Anfang, nirgend Enden. O, daß ich mit vollen Händen — erfüllenden Ruhe. . ,,,,,, „ . Als ich aufwachte, fühlte ich, daß ich ein Erlebnis gehabt hatte. Kem Erlebnis ist stärler als das, woran nur die Seele gebaut hat und wovon die Dinge der faßbaren Welt ausgeschlossen sind. Ich entließ ohne Bedauern alle Gedanken, die mich sonst erfüllt hatten, ich war leicht und frer. Wer die wunderbare Kraft der Loslösung von gegenwärtigen Dingen und das Aufblühen aus den Wurzeln seines Seins heraus erlebt hat, nimmt auf einmal andere große Zusammenhänge zwischen Mensch und All wahr, als wenn er nur mit kurzsichtigen Augen den kleinen Kreis der Wirklichkeit absucht. In mir blühte die Kindheit auf: Warme weite Erde, Wälder und Tiere, und ich darin nicht abgesondert, vielmehr ein Teil von ihnen mit ihrer Sprache und dem gemeinsamen Blut der Erde. Aus diesen Erinnerungen lief mein schwarzweißer Terrier auf mich zu, rieb seine kälte Schnauze an meiner Hand und sah mich an. Mir fiel eine Begebenheit ein, die ich durch ihn erlebt hatte. Sicher hat das Tier seinen Sinn für die zarten Erschütterungen m der körperlosen Welt noch nicht verloren, wie der Mensch durch den lauten Lärm des Alltags. Es war in der Nacht zum ersten August 1914. Die Dunkelheit war schwül und bedrückend, aber ich hatte nicht gewagt, das Fenster zu offnen, denn die unheimlichen Gerüchte von Krieg, Blut und Gefahr hatten meme denn die unheimlichen Gerüchte von Krieg, Blut und Gefahr hatten meme kindliche Phantasie auf das äußerste gereizt. Mein Gemüt war erschüttert, grauenhafte Pest-, Kriegs- und Hungerbilder quälten meme unbewaffnete Kinderseele. Ich horchte auf die geringsten Geräusche, ich zitterte, ich war in Schweiß gebadet, ich jammerte leise, aber die Erwachsenen nebenan schlissen. Ich litt unter ihren unvorsichtigen, unklaren Anspielungen, dre fie am Tage machten, und niemand erlöste mich. , Es mochte die Mitte dieser qualvollen Nacht sein, als mein Hund draußen vor der Haustür leise zu winseln anfing. Ich entsetzte mich vor den sonst so bekannten Lauten, sie klangen unheimlich und schienen Gefahr zu verkünden. Es überlief mich, ich rührte mich nicht. Der Hund heulte lauter und kratzte an der Tür, aber nichts in der Welt hätte mich dazu gebracht, meine Hände unter der Decke hervorzuziehen, sie der Dunkelheit prerszu- geben und das Licht anzuzünden. Der Terrier. Von Edith Winkelmann. Ich habe lange nicht mehr an das alte Herrenhaus an der russischen Grenze gedacht, bas einmal meine Heimat war. Lange Zeit wußte ich nicht mehr, wie glücklich ich einst dort war. Heute weiß ich es wieder, denn ich hatte heute einen Traum, der immer noch nachklingt. Ich sehe meine Umgebung an, und sie ist mir fremd,.dafür erfüllt mich plötzlich lebendig die Welt meiner Kindheit. t ~ , Das war mein Traum: Ein warmer, dämmernder Sommerabend schloß die Erde ein, und ich saß aus dem Balkon des alten Gutshauses. Zwischen den dunllen Parkbäumen schaukelte der Vollmond wie eine helle Glaskugel, die eine Hand von oben in sansten Wellen schwingen ließ. Fledermäuse huschten leicht durch die Luft und vermehrten die Stille durch ihre lautlose Bewegung. Ich fühlte den Kopf meines kleinen Terriers aus meinen Knien und hatte sein festes Ohr zwischen meinen Fingern. Aus der Erde stiegen und vom Himmel fielen Brückenbogen aus silbernem Netzwerk, die sich bei mir trafen und deren Pfeiler ich war. Ich war die Mtte und hielt die flimmernden Fäden mit unirdischem Glück fest, ich umfaßte die Bereinigung von Himmel, Erde, Mensch und Tier, die alle einen unsagbaren Frieden in mich einströmten. Das All war in mir mit seiner heiligen gesetz- Jch horchte verzweifelt, endlich hörte ich meinen Vater nebenan scheltend ein Streichholz anstreichen und atmete befreit auf. Als er leise die Tür zu meinem Zimmer öffnete und der rote Lichtschein auf mein Bett fiel, richtete ich mich auf. Mein Vater erschrak vor dem abgezehrten Gesicht mit den brennenden Augen. „Was fehlt dir denn?' „Mein Gott, der Krieg, der Krieg!“ « Ich sprach so gequält, daß er ratlos war. „Dreh dich um und schlafe! Es gibt keinen Krieg, und damit basta!" Er brummte und schalt auf den Hund. „Hör nur einer den Rumtreiber draußen! Warte, Freundchen, das Geheul wird dir schon vergehen!" Er ging durch den langen Flur und schloß die Haustür auf, ein quiekender Schmerzlaut jagte mir, daß der Hund unsanft über feine Ungehörigkeit belehrt worden war. Ich erwartete jetzt seine trippelnden Schritte auf den Holzdielen, aber niemand kam, statt dessen begann das Tier stärker zu heulen als vorher. Aus den Ställen hörte ich das Rasseln der Ketten, einzelne Kühe brüllten ängstlich, ich sprang aus dem Bett und lief dem Lichtschein nach. Ich sah die dunkle schwere Gestalt meines Vaters suchend vorgeneigt, vor den Stufen der Treppe aber saß ein kleiner Schatten mit aufwärts gerichteter Schnauze und schickte langgezogene Klagetöne nach Osten. Dann lief er einige Schritte fort, blieb stehen und sah meinen Vater auffordernd an. Mein Vater wurde unruhig, ich sah, wie er den Kops schüttelte. Er ging hinein und zündete die Laterne an, die immer im Flur bereit stand. Er bemerkte mich nicht, ich war nur ein schmaler Schatten an der Wand. Es war eine dunkle Sommernacht, in der man nur die Umrisse der Bäume und Gebäude gegen den Himmel sah, doch konnte der Mond nicht weit sein, denn der Horizont hatte einen hellen Schimmer. Man muß die merkwürdige Gespensterluft eines östlichen Gutshofs um Mitternacht einmal erlebt haben, um begreifen zu können, daß ich tapfer war, wenn ich in einiger Entfernung über den Hof folgte. Der weiße Hof lag im Dunkel, der Schein der Laterne ließ für Augenblicke Leiterwagen, Stalltüren, Pflüge, Mauern auftauchen, um sie sofort wieder in die Finsternis zurücksinken zu lassen. Ich fühlte von allen Seiten Feindseligkeit, gierige kalte Hände schienen von überall nach meinen nackten Beinen zu greifen, und ich machte mich so schmal vor Entsetzen, daß ich wie auf einer Wolke von Angst schwebte. Schreien durste ich nicht, mein Vater hätte mich zurückgeschickt, und ich wollte lieber sterben, als den tröstenden Lichtschein verlassen, um allein umzukehren. So folgte ich zitternd und lautlos bis an das schmale Tor zwischen Schafstall und Scheune, wo der Hund endlich stehen blieb und mit gesträubtem Rückenhaar durch die Latten spähte. Dieses Tor führte auf endlose Wiesen hinaus, die sich weit nach Rußland hinein erstreckten. Jetzt lag ein dichter weißer Rebel auf ihnen. Mein Vater hob die Laterne und sah scharf hinaus. Der Hund gab keinen Laut mehr, sondern drückte sich zitternd an seinen Herrn. Plötzlich zuckte mein Vater zusammen und fuhr zurück. Ein solches Zeichen von Erschrecken hatte ich bei ihm noch nie gesehen, und meine Ängst nahm zu. Ich beugte mich weit vor und sah etwas Seltsames: Aus dem geduckten und geballten Nebel vor uns lösten sich unaufhörlich schwere Gestalten. Sie wuchsen bis zur Höhe eines Mannes, blieben eine Zeitlang mit gesenktem Haupte stehen und folgten dann wandernd einer endlosen Reihe gleicher Gestalten, die chnen in der Richtung nach Osten vorangingen. Es war ein unübersehbarer Zug, dessen Spitze am Horizont verschwand, während immer neue Gestalten emporwuchsen. Es war em ungeheures Nebelheer, das in schwebender Lautlosigkeit in die weite Oeds von Rußland zog. Ich weiß nicht, wie lange wir ohne Regung da gestanden haben. Plötzlich ging der Mond auf, die Nebelwanderer fielen zusammen, nichts als zäher, gestaltloser Nebel wälzte sich am Boden hin. Aber ein paar hundert Meter von uns entfernt ergoß sich blutroter Schein über den Himmel, in regelmäßigen Abständen schickten Brände stelle Flammen empor, furchtbare Zeichen drohenden Schicksals. Der Hund winselte, ich seufzte, mein Vater blieb ruhig. „Die Russen haben ihre Wachthäuser angesteckt, der Krieg ist aus- gebrochen!" , In mir erstarrte alles. Ich fühlte, daß eine Welt, die ich liebte, eme friedliche, sichere Welt, zusammensiel, und ich spütte die furchtbaren Stöße der Geburt einer neuen Zeit über die Erde beben. Wir schliefen in dieser Nacht nicht, denn wir fühlten, daß wir nicht nur Abschied von der Sicherheit eines beglückten Lebens, sondern auch Abschied von unserer Heimat nehmen mußten. — Ms wir aus der Flucht wenige Tage spater zum letzten Male auf das alte Herrenhaus zurücksahen, schlugen aus den Fenstern Flammen heraus, bösen Händen gleich, die uns zum Abschied winkten. Nur der Giebel war noch unversehrt, und seine Weinranken spielten tm Winde. Zu meinen Füßen kauerte zitternd mein kleiner, mit uns heimatlos gewordener Terrier und der Wagen holperte stoßend über die von schweren Kanonen aufgewühlten Wege. Flrmdernfang. Bon Irmgard v. Faber du Faur. Hinter dem Wald liegt das Dorf. Es liegt eingebettet zwischen seine Felder in einem grünen friedlichen Umkreis, den die blaue Ferne gegen den Himmel umreißt. Die Häuser aus rotem Backstein mit dem tragenden Fachwerk dazwischen sind breit und niedrig und tragen eine schöngeformte Kappe aus Stroh, unter der sie wohlbehütet hervorschauen. Sie liegen weit auseinander, jedes von seinen Wirtschaftsgebäuden, wie es sie eben nötig hat, umgeben. Die Straße zwischen ihnen ist breit, darauf wandern die Kühe des Dorfes morgens und abends, schwarz und weiß, ein großer ruhsamer Zug. Die Pferde setzen ihre schönen Hufe auf sie, wenn sie zur Weide gehen im fröhlichen Schritt, und die Fohlen, jung und übermütig, um die Stuten springen, oder wenn sie eingeschirrt am Wagen kommen und mit seinen Rädern tiefe Rinnen fahren. Auch die weiße Gänseherde hebt den Staub der Dorfstraße auf. Wenn es geregnet hat, find die blondhaarigen Bauernkinder da, rühren mit ihren braunen Füßen die Pfützen auf, spritzen sich an und lachen. Im Dorf ist ein voller, schwerer erdwarmer Geruch. Das Erdreich haucht seinen starken Brodem und das Heu aus der Scheune und der Dung vor dem Stall. Das aufgetürmte Brennholz bringt den Waldduft dazu von Sonne und Harz. Die Tiere tragen jedes einen befonderen Dunstkreis um sich, und die Blumengärten schütten ihre süßen Schwaden dazwischen Auf einem First ist ein Storchennest mit jungen Störchen. Der alte Storch steht auf dem Dach. Er zeichnet sich sehr merkwürdig mit seinem Weiß und Schwarz und roten Beinen gegen den Himmel ab, steht so seltsam wie ein Traum, lauschend in sich geneigt wie ein Träumer. Biele Stimmen sind über dem Dorf wie viele Glocken, die läuten den ganzen Tag und geben alle zusammen Ruhe. Die Rinder brüllen aus den Ställen und von den Weiden. Die Tauben gurren, Enten und Gänse sind den ganzen Tag nicht still, der Hahn und die Hühner wissen es auch nicht bester, zwitschernde Schwalben durchstreichen die Luft, Hunde und Katzen tun hin und wieder das ihre, dazu rauscht der Wind in den Bäumen, die Fliegen summen und die Bienen läuten tief und sonnenfeierlich. Die Menschen rufen fich auch manches zu, aber viel zu sagen ist nicht ihre Art. Man hört mehr ihre Tätigkeit als ihre Stimmen: Sensedengeln, Hammerfchlag, Peitschenknall, Wäfcheklopfen vom Ententeich her, und der Pumpbrunnen vmß viel knarren vom Morgen bis in die Nacht. Die Menschen auf dem Dorf arbeiten viel und schwer, sie legen sich totmüde abends nieder und doch scheinen sie nicht mehr zu tun, als ein Baum, der dasteht und grünt und seine Früchte bringt. Denn was sie tun, ist notwendig tmb in seinem Sinn leicht zu überblicken: sie sorgen für sich, ihre Kinder und ihre Tiere. Was sie tun, ist einfach. Sie machen alles, wie man es immer machte, und wie es gut war. Sie tun, was der Tag fordert, und lassen fich damit genügen. Sie gehorchen dem Zwang und haben doch bis ins kleinste zu jeder Stunde die freie Wahl. Neben dem Nützlichen ehren sie auch das Unnützliche: die Schwalben, den Storch, die wunderlichen Vögel, die kommen und gehen. Sie pflegen die schönen unnützen Blumen im Garten. Sie backen Kuchen zu ihren Festen, die Frauen der kleinen Besitzer gemeinschaftlich im großen Backofen des Dorfes. Sie bringen am Sonntag, wer vom Hause ins Kirchdorf geht, chren Toten Blumen aus dem Garten aufs Grab. Der Nebel des Abends verkündet ihnen einen neuen heiteren oder grauen Tag. Die Nacht löscht früh alles Licht aus. Dann liegt das Dorf dunkel im schimmernden Korn. Hier und da brüllt ein Rind aus dem Schlaf. Geisterhaft, kaum erkennbar steht der Storch vor dem Nachthimmel auf seinem Dach. Hebet die schwarzen Bäume fährt der Sternwagen auf. i * Weiße Wellen zeichnen den Strand in der Nacht. Dort liegen die dunklen Schiffe, Seite an Seite auf den Sand gezogen, breite Fischerboote mit einem Mastbaum. Wie alte Sagen streicht es um die Schiffe, wenn sie schwarz und schwer in den Nachthimmel ragen, uralte einfache Form, Ding, Schicksal und Gleichnis. Der Mond tritt einen Augenblick hell aus den Wolken. Da laufen dunkle Gestalten die Dünen herab zu den Schiffen. Männer, die kleine vollgepackte Handkarren ziehen. Dort hilft ein Hund, schwarz und weiß, wird ausgespannt und springt um seinen Herrn. Der nimmt aus dem Karren die hohen Wasserstiefel, in die er hineinsährt, die Netze, die er im Boot i verstaut. Ein Junge füllt einen Sack mit Sand als. Ballast. Andere kommen noch verspätet die Dünen herunter zu ihrem Schiff gerannt und haben es eilig. Jetzt helfen alle Männer, die am Strande find, zusammen ein Boot ins Wasser schieben, eins nach dem andern, alle Boote, die heute nacht i fahren. Das große Segel hebt fich hinauf. Der Hund am Strand heult. Das Wasser rauscht unter dem vordringenden Bug. Bier Mann sind an Bord. Einer am Steuer, einer am Segel. Die beiden Jungen auf den Bänken dazwischen ziehen fich die schweren Mäntel über den Kopf und legen sich auf die Seite. Jetzt ist für sie nichts zu tun, und doch müssen sie um Mitternacht aus dem Schlaf. Denn die Leute wollen morgen -rische Flundern | haben. Die beiden anderen schauen nach Wellen und Wind. Ein Boot überholt । sie, und im Borbeifahren tönt ein Spottwort herüber. Der Alte am Segel antwortet. Der eine von den Jungen hört nichts davon, der andere richtet sich auf seinen Händen auf, schaut dem Segel nach und rollt sich wieder zusammen zu seinem Schaukelfchlaf. Der Wind ist ungünstig. Sie müssen kreuzen. Sie setzen das Focksegel auf. Sie verkleinern es wieder. Der Mond ist in den Wolken untergegangen. Die Lust ist düster. Das Land ist ver- fchwunden. Nur der Leuchtturm zeigt mit feinem Blinken die Richtung. Das andere Schiff ist im Dunkeln verloren. Die Wellen steigen und finken. Das Meer ist rund, finster und wüst. Darüber steigt der Himmel auf und wölbt fich verfchlosfen, das Schiff schwankt auf und ab und geht einen Weg, der nicht da ist. Es ist winzig klein geworden. Die Menschen darin schweben in'einer grauen Unendlichkeit. Der Wind weht eisig kalt. Jetzt find fie wohl in der richtigen Höhe und fangen an, ihre Netze zu suchen. Endlos hebt sich Welle hinter Welle, die kleine Fahne, die die Netze bezeichnet, ist nicht zu sehen. Es ist schwer ihren Ort zu bestimmen, es ist noch zu dunkel, vom Land ist nichts sichtbar. Nun taucht das Boot wieder auf, das nahe von ihnen seine Netze gelegt hat. Das gibt einen Anhalt. Sie kreuzen eine Stunde und länger. Neber dem östlichen Himmel liegt ein rötlicher Schein. Die Gesichter der Fischer werden erkennbar. MKS nimmt Farben an. Das Meer hebt fich kn grünen Wellen. Ein roter Berg taucht dahinter empor, steigt langsam, steigt und hebt sich als eine große rote Kugel über die Flut. Die grünen Wellenberge schaukeln blutrote Matten. Langsam beginnt die rote Kugel in ihrer Mitte zu scheinen wie ein Feuer und steigt als ein leuchtendes Licht, steigt und verschwindet hinter violetten Wolkenmassen. Wer der Tag ist da. Die beiden am Steuer und Segel suchen wieder vergeblich das andere Boot. Da endlich ragt etwas über die Flut, eine kleine verblichene Fahne, aber sie denken: es ist die der anderen. Sie fahren hin. Es ist doch die eigene. Sie nehmen sie herein und ziehen den Anker herauf. Jetzt werden auch die beiden Jungen wach. Die Arbeit beginnt. Das Segel wird eingezogen. Der Mastbaum wird umgelegt. Einer setzt sich ans Ruder, die drei anderen ziehen die Netze triefend und schwer herauf und arbeiten fie sich aus den Händen. Ein Retz folgt nach dem anderen, aus dünnem braunen Garn, das tückisch die Fische verwirrt. In manchem Retz hängt viel Muschelzeug und Tang, und nur hie und da eine Flunder oder ein Dorsch oder Knurrhahn. Dem alten Fischer, der das Segel bedient, gehört das Schiff nicht. Ihm gehört nur die Hälfte der Netze. Wie seine Netze au der Reihe find, zählt er die Flundern, wie fie heraufkommen, sechzig in einem Retz find viel, oft bleibt es darunter. Er überschlägt den Gewinn, denkt an den Winter mit zugefrorener See, wo oft für Wochen kein Schiff hinauskann. Es ist ein llägliches Leben. Schon sein Batet ist nach ein paar schlechten Landungen, die ihm stundenlang das Eiswasser um die Brust trieben, von seinen kleinen Kindern weggestorben. Sein Bruder ist auf einem Fischkutter verschollen. Er fährt jede Nacht hinaus und hat kaum das Leben. Jetzt sind alle Netze innen. In den letzten war kein großer Fang. Der Anker mit der schwimmenden Fahne wird wieder hinabgelassen, und die neuen Netze werden gelegt, wieder eine lange Kette unten ans dem Grund, Netz an Netz, hin und wieder oben ein verblichenes Fähnchen, daß sie morgen den Ort erkennen werden. Wenn kein Rebel ist, geht es wie heute. Sonst können sie stundenlang suchen. Sie richten den Mastbaum wieder aus, jeder nimmt seinen Platz ein, und segeln heimzu. Sie holen ihr Frühstück heraus, das braucht keine große Zeit. Dann gehen sie daran, die Flundern aus den Netzen zu nehmen und in die« mitgebrachten Kisten zu werfen. Die Fische leben nod), aber was können sie tun. Sie schnellen ein paarmal in die Höhe und bleiben zuckend liegen. Es sieht aus, als schämten sie fich, so vor den Blicken zu liegen, denn sie sind für den Grund geschaffen und nicht für das Licht, die armen platt- gedrückten Gesellen mit ihrem kleinen, hilflosen Fischmund. Wenn sie noch richtig fallen, aber die Menschen werfen sie auch so, daß fich unten nach oben wendet, und da kommt es an den Tag, fie haben auf der unteren Seite keine Sput von Farbe, fie festen aus wie mißgebildet und Leichen von Fifchen und dazu auglos. Ihre beiden Augen sitzen auf der farbigen, fchönbraunen Seite, aber auch da sitzen sie ungleich, als hätte sie ein Kind mit ungeschickten Fingern hineingesteckt, und als hätten sie nicht viel den armen Geschöpfen zu sagen. Und doch hatten sie ein Leben da unten auf dem Grund, wie jedes Geschöpf der Welt, ihr Dasein, in dem ein Retz aus Not und Freude sie festhielt und worinnen ihnen wohl war. Aber jetzt hat sie ein anderes Netz gefaßt. Was jetzt noch ist, dafür gibt es keine Sinne mehr, außer dem Schmerz. Das Land ist nal), iveiße Dünen mit blaugrünent Schilsgras. Menschen kommen heruntergelaufen. Sie sahen die Boote kommen und bringen die Karren zur Bergung des Fanges. Der schwarz und weiße Hund heult aus und springt ins Wasser zu seinem Herrn, der ihn in der Nacht verließ und nun im Tagesschein nach schwerer Mühe zurückkommt. Das Gefängnis im Meer. Ein Reifebrief von Mont 6t. Michel. Bon Liesbet Dill. Man statte mir in Paris versichert, es fei unmöglich von Rouen nach dem St. Michel zu fahren, man müfse wieder über Paris zurück. Aber ich wollte Paris nicht mehr sehen und erst recht nicht mehr Rouen. Ich komme mit viel Umsteigen endlich abends nach Pondardon wo uns die kleine Bahn mitnimmt, nach dem Mont St. Michel. Schon von weitem steigt die Stadt aus dem Meer auf, die alten Häuser, aufeinander getürmt, eng um die Abtei geschart, die sie trotzig überblickt, eine Festung, von den Engländern emst erstürmt, mit einer blutigen Geschichte. Der Kontrast dieser trotzigen, die Horizontale des Meeres vertikal durchstoßenden Erscheinung des Mont St. Michel in diefer stillmelancholischen Landschaft, mit der Abtei, in der die Verkörperung des Gottesgedankens einen festungsartigen Zuschnitt erhalten hat, ist geradezu überwältigend. Diese ungegliederten, festungsartigen Baumaffen, selsverwachsen und wie aus Felsen gehauen, steigen empor in den Himmel in transzendentaler Aufgelöstheit und Erlösung. Das Auge schweift vom Horizont des Meeres an den vertikalen düsteren Massen empor bis zu den im Aetherblau zerfließenden feinen Türmchen mit ihren Spitzen und Nadeln aus grauem Granit. Das Bähnchen hält. Abend ists und kühl, das Meer hat sich zurückgezogen, die Stadt liegt in einem Meer von weißem Schlamm, durch okii die Krevettenfchifser mit ihren Netzen stelzen. Ein Hausknecht türmt die Koffer auf feinen Handwagen und führt die Fremdenherde nach dem alten Hotel, das in der engen Gaffe am Eingang der Stadt liegt. In der bretonischen Vorhalle bäckt eine alte Frau über einem offenen Kammfeuer m langstieliger Pfanne ihre berühmten Omelettes, die Spezialität des Haukes. Ueberall liegen große rote Langusten, frisch aus dem Meer gefischt. . . w Patronesse komplimentiert uns über enge steile Treppen, über Hofe uno Straßen, schwindelnd hoch, in die Dependance. Mein helles ZimmeraM ist sehr einfach, aber mit einem winzigen Balkon und dem weiten freien Blick aufs Meer. Tief unter mir liegt die Stadt. . Im Wappen der Ritter des Mont St. Michel find Muscheln und t Bischofsstab. In der Ferne bewegen sich kleine graue, wollige puni - Schafherden, die auf mageren Weiden heimwärts ziehen, der voran. Wenn das Meer steigt, ist der Mont St. Michel eine Jnftl, die . diesem silbernen Meer schwimmt, jetzt ist es niedrig, !l baise, sagt die pat nesfe, es ist eine Schlammfläche, lose zitternd vor dem Meer, das langsa den weichen Sand durchsickert. ----Die Bewohner leben vom Fischlang. Der Lachs hat hier einen besonders feinen Geschmack, He Seezungen, M Schollen und die grauen crevettes, die man zum Frühstück bekommt. Die alten Häuser stammen aus dem 16. und 16. Jahrhundert, dicht aneinander gedrängt, mit engen, schmalen Wegen, die zwischen ihren Fassaden durchführen. In den kleinen Geschäftchen sind Rouener Fayencen ausgestellt, Reiseandenken, Bilder und Kataloge, und überall liegen vor den Türen der kleinen Weinbars frische Hummern, Hammelherden weiden in der Nähe, man bekommt viel Hammelfleisch hier ... Hier wohnten schon die Römer, die den Druidenkult trieben. Im 11. Jahrhundert wurde das Kloster gegriindet, später ein Gefängnis für Staatsgefangene. Wenn man durchgeht, erschrickt man vor den lebensgroßen Wachsfiguren, die in ihren Zellen sitzen, alles Staatsgefangene, politische Verbrecher. — Man sieht Barböe in seiner Zelle am Tisch sitzend, traurig, resigniert; ein gefangener Maler, mit der Restauration beauftragt, ließ sich an einem Seil in einen der Türme herab und entdeckte mit der Laterne eine Menge menschlicher Gebeine derer, die dort verhungert waren; er entfloh entsetzt. Man sieht den sterbenden Dubourg, in seinem Kerker liegend, der hier von den Ratten angefressen wurde, ein schrecklicher Anblick, und das Riesenrad, das die Munition heraufbesörderte, in dem acht Männer hingen. In der alten Kirche steht eine Mutter Gottes von Lourdes mit schwarzem Gesicht, düster, trotz des goldgleißenden prächtigen Gewandes, schwerfällig und bäurisch, eine Frau aus dem Volk.... In dem kleinen Museum schnurrt der Führer alles herunter. Man beschaut die alten Bilder und feinen Elfenbeinschnitzereien der Mönche, die schwerfälligen Kunstschlösfer, die man vor tausend Jahren vor Festungen und Gesängnisse legte, eiserne Truhen, die heute kaum zehn Männer schleppen könnten, wurden als Schmucktruhen der Könige auf ihren Ausflügen mitgeführt, silberne, kostbare Schnhschnallen der Mönche, Weinkrüge aus Ton, Sonnenuhren, Wärmpfannen für Kranke. In den Klöstern gab es keine Oefen, nur der alte Abt hatte einen Kamin im Speisesaal. Die Mauern dieser Gebäude sind sehr dick. Diese schlichte Gotik in grauem Granit, die man überall hier findet, diese festen Mauern und steinernen Treppen, der reizende Hof, mit bunten Ziegeln gedeckt und roten Granitsäulen, sind wunderbare Beweise einer schöpferischen Kraft. Diese tiefen, unheimlichen Gewölbe, mit den dicken Säulen aus dem Jahre 1215, die Spitzentreppe „escalier de dentelles" aus grauem Granit, nur für Schwindelfreie, dieses Refektorium, in dessen schräggestellte Fenster nie ein Sonnenstrahl bringen kann, die Kirche mit der breiten Terrasse, aus der die Gefangenen abends spazieren gingen, erzählen von Pelerinagen, von Wundern und Visionen der Mönche, von blutigen Kämpfen und eingekerkerten Eremiten. Alle diese eiskalten Kerker, in die man gebückt hineingeht, sind feucht, dumpf, fchreckliche Höhlen mit eisernen Gittern und schweren Schlössern, wie für wilde Tiere, in denen die Staatsgefangenen schmachteten, ohne Licht, ohne Luft, und zur Untätigkeit verdammt.... Es läutet zum Diner im Hotel „Au bonne Omelette de la mere P.“ Im großen Speisesaal stehen viele kleingedeckte Tische. Das Menü: Cr firne normandaise, gebackene Merlen mit Zitronentunke, ein Tournedos mit Champignons, Salate, Pornrne srites, ein Käsepudding, das berühmte Omelette, das etwas nach Rauch schmeckt, Blätterteiggebäck, dazu roter Burgunder ... Pension 50 Frs. Die Bretagne ist noch billig. Abends mache ich einen Rundgang um die Festung, die für die Ewigkeit erbaut scheint. Die Sonne sinkt, alles färbt sich rosa, der Himmel und der Sand und das Meerwasser. Einige Autos, die hier am Strand übernachten, gleichen winzigen Kinderfpielzeugen von hier oben. Auf den Festungsmauern sitzen Engländer, Shagpfeise rauchend oder Aufnahmen machend. An den Buden kaufen sich die Amerikaner Ansichtskarten mit dem Mont St. Michel im Mondschein, süß und kitschig, aber sehr beliebt... Die Chauffeure spielen Fußball auf dem festen weißen Strand, Schwalben streichen um die Abtei, der Mond zieht herauf, voll und bleich am hellblauen Abendhimmel, wie bestellt für die Amerikaner. Mondschem- nacht aus dem Mont St. Michel. Eine weite silberübergossene Fläche, die einem stummen Meer aus Silber gleicht, umschwimmt diese Stadt. Der Mond leuchtet in mein stilles, weißes, kleines Zimmer. Ich kann nicht schlafen. Die Nacht ist viel zu schön dazu . . . Unten glänzen noch em paar Lichter, in den engen Gassen sitzt man vor den Haustüren, die Spitzengalerie der alten Abtei glänzt zu mir herüber, und alle Sagen, die sich um diese Stadt weben, werden wach. Ferne schwimmt die graue, bretonische Küste, rechts schimmert die grüne Normandie. Sterne funkeln über dem weißen Land, das einem Schneefeld gleicht, das Meer umfließt die schwarze stille Felseninsel fern im Meer, deren dunkle Silhouette sich vom zartblauen Nachthimmel abhebt und die nicht mehr von Menschen bewohnt ist. Es ist so hell, daß man um zehn Uhr abends noch auf dem Balkon lesen kann. Mädchen, bretonische Lieder singend, ziehen durch die engen Gassen, der Ranch aus den Schornsteinen der Hotels steigt wie Opferrauch der Altäre zum Abendhimmel auf. Man fühlt sich langsam in eine Art Verzauberung versinken. In der Frühe kommen wieder neue Fremdenherden nut neuen Autos an, neue Handkoffer werden auf dem Bahnhof aufgeladen, neue Gäste ^in das alte bretonische Gasthaus und die Mutter P. bäckt unaufhörlich rühmten Omeletten in dem Kamin, in dem das Holzfeuer nie ausgeht. Die Patroneffe empfängt die Gäste, teilt die Zimmer ein. Den Abfahrenden widmet man keine Aufmerksamkeit mehr, sie werden mit zerstreuter Höflichkeit bedient, dieser Höflichkeit für anderthalb Tag ... Es ist Hochsaison, Reisezeit, der kleine Zug schüttet neue Gäste aus, die alle das Haus der wfire P. schluckt. Reue Pfannkuchen werden angerührt, die Tische gedeckt, neue Pfirsiche schüttet die Patronesse in die Porzellankörbchen. Uno die fetten Guides, die gar keine Bewegung haben in der Abbey, in der Kirche, dem Mufeum, leiern dasselbe her. Wie in einer Mühle geht das so, Tag Tür Tag im Sommer. Selbst im Winter hat man hier keine Ruhe, sagt Madame . . . Und das Meer gleitet fort und kommt wieder, still, umfängt den Mont St. Michel zärtlich und sanft plätschernd, hebt die Boote auf feinen Rücken und trägt sie fort, weit--weit--in blaue Fernen ... Künstliches Blut. Von Dr. Th. A. Maaß. Das Nervensystem des menschlichen Körpers wirf) gern als eine außerordentlich ausgedehnte und sicher funktionierende Telegraphenanlage bezeichnet. Gute und schnelle Nachrichtenübermittelung ist gewiß wertvoll. Aber von dem Telegramm, das die herrlichste Lebensmittelsendung in Aussicht stellt, wird kein Hungernder satt. Die Sendung muß auch wirklich eintreffen. Versagen die zu diesem Behufe benötigten Transporteinrichtungen, dann ist der Wert alles Hin- und Hertelegraphierens äußerst illusorisch. Wird zwar sür kurze Zeit die Lebenshoffnung, nicht aber auf die Dauer die Lebensfähigkeit aufrecht erhalten. Der auf die Lebensmittel-Zufuhr von auswärts Angewiesene wird trotzdem verhungern. Der Selbstversorger ist wesentlich besser dran. Wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß kaum jemand in der glücklichen Sage ist, für alle Bedürfnifse des täglichen Lebens Selbstversorger zu fein: Der Landwirt kann beim Versagen der Kohlentransporte erfrieren, der Zechenbesitzer bei Lahmlegung der Lebensmittek- zufuhr verhungern. Die für die wichtigsten Lebensfunktionen des menschlichen Körpers (und Geistes) verantwortlichen Organe sind keine Selbstversorger. Sie sind mehr oder minder vollkommen auf die Zufuhr von außen angeWiefen. Nahrungsmittel, Rohstoffe, Brennmaterial, sogar der für alle Verbrennungsvorgänge notwendige Sauerstoff müssen ihnen zugebracht werden. Ihre Fertigprodukte werden nicht an Ort und Stelle verbraucht, sondern kommen dem Gesamtorganismus nur dann zunutze, Wenn sie dorthin verteilt werden, Wo ein Bedarf vorliegt. Sogar die Abgase der Verbrennung (Kohlensäure) müssen eine weite Transportstrecke zurücklegen, bis sie durch die Lungen den Körper verlassen können. Die bedeutungsvollen Wechselbeziehungen der Organe, die Beeinflussung der Tätigkeit des einen durch die des anderen, wird heute viel weniger der nervösen als der stofflichen Verbindung zugeschrieben: Die von dem einen produzierten Reizstoffe gelangen direkt zu dem anderen und beeinflussen seine Tätigkeit. All diese unendlich wichtigen und verwickelten Aufgaben hat einzig und allein das große Transportunternehmen des Körpers, der Blutkreislauf, zu leisten. Sein richtiges Funktionieren ist die Vorbedingung alles Lebens, fein Versagen bedeutet Tod. Die leider nicht seltenen krankheit- oder todbringenden Störungen des Blutumlaufs können im wesentlichen aus zweierlei Ursachen entstehen. Einmal sind sie in der Kraftzentrale, im Herzen, zu suchen, dessen Arbeitsminderung oder gar -Einstellung zwangsläufig schwerste Beeinträchtigung oder völliges Daniederliegen der Blutversorgung aller Körperorgane zur Folge haben muß. Dann aber können sie auch im Blut selbst zu finden fein, das durch Veränderung seiner Zusammensetzung oder Verringerung seiner Menge nicht mehr imstande ist, seine lebenswichtigen, schwierigen Aufgaben richtig und ausreichend zu erfüllen. Die Blutmenge, die dem menschlichen Körper zur Verfügung steht, ist verhältnismäßig gering, sie beträgt nur etwas über 5% oder 7ig des Körpergewichts. Der gesamte Blutbestand eines erwachsenen Menschen von 70 kg Gewicht beträgt also nicht viel mehr als 3% Liter. Es ist daher keineswegs erstaunlich, daß schon verhältnismäßig geringfügige Blutverluste zu empfindlichen, allerdings meist rasch vorübergehenden Störungen des Allgemeinbefindens führen können, große aber unfehlbar zu schwersten Schädigungen oder zum Tode führen müssen. Die Fähigkeit, einigermaßen bedeutende Blutverluste überleben zu können, verdankt der Organismus der großen Erneuerungsfähigkeit des Bluts. Recht starke Blutverluste werden durch Aufsaugung von Körper- slüssigkeit und erhöhte und beschleunigte Bildung von Blutkörperchen in den hierzu bestimmten Organen ausgeglichen. Hat aber der Blutverlust eine bestimmte Höhe überschritten, so ist der im ganzen schwer geschädigte Organismus nicht mehr imstande, aus eigener Kraft den Verlust wettzumachen. Seit altersher war es daher heißes Bestreben ärztlicher Kunst, in solchen Fällen hilfreich einzugreifen. Am bestrickendsten war immer der Gedanke, gleiches durch gleiches zu ersetzen, für das verlorene Blut neues znzuführen. So ist auch heute noch das Verfahren der direkten oder indirekten Blutübertragung aus den Gefäßen eines gefunben Spenders in die Adern des durch schweren Blutverlust Geschädigten die beste Methode, allerdings nur in der verfeinerten und differenzierten Form, in der sie jetzt zur Anwendung kommt. , . Früher bestand die allgemeine summarische Auffassung: Blut ist Blut. Danach verwendete man zur Blutübertragung geeignet vorbereitetes Tierblut oder bestenfalls das irgendeines beliebigen, gerade erreichbaren menschlichen Blutspenders. In dieser verallgemeinernden Form war das Verfahren meist nicht nur vollkommen erfolglos, sondern die erwartete Hellwirkung schlug oft ins Gegenteil um. Diese Mißerfolge waren es, die die Blutübertragung durch lange Zeit der Vergessenheit oder, richtiger, der Ablehnung durch die Schulmedizin anheimfallen ließ. Ihre Wiedererweckung und Rehabilitierung verdankt sie der genauen Erforschung der Eigenheiten des Bluts. Diese zeigte, daß die biologischen Eigenheiten des Bluts selbst innerhalb nächst verwandter Tierklassen so weit voneinander abttuchen, daß das des einen dem anderen gegenüber geradezu zerstörende Eigenschaften besitzen konnte. Die Verwendung von Tierblut zum Blutersatz beim Menschen war dadurch von vornherein ausgeschlossen. Darüber hinaus zeigte sich aber, daß auch innerhalb der großen Tier- klasse Mensch so weitgehende Verschiedenheit in der Arteigenhert des Bluts bestand, daß das eines Menschen durchaus nicht immer mit dem des anderen verträglich war. Glücklicherweise sind diese Verschiedenheiten nicht so mannigfach, als daß sie sich nicht in einige Wenige Typenklassen cinorbncn ließen. Diese werben durch die sogenannten Blutgruppen bestimmt und sind nach deren Vorhandensein leicht erkennbar. Eine gefahrlose und sicheren Erfolg versprechende Blutübertragung ist nur dann weitgehend gewährleistet, Wenn Spender und Empfänger ziir gleichen Blutgruppe gehören. Weitere selbstverständliche Voraussetzung Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Llniverf itätS-Duch- und Steindruckerei. A. Lange, Gießen. ffi, daß der Spender vollkommen gesund ist, damit nicht womöglich mit feinem Blute Krankheitskeime in den Körper des Empfängers dringen. Unter Berücksichtigung dieser Umstände ist es nicht immer möglich, beim Eintreten plötzlicher lebensbedrohender Blutverluste, in der unbedingt gebotenen Eile einen geeigneten Blutspender herbeizuschaffen. Selbst dann nicht, wenn die Blutlieferanten, die dank der schnellen Regeneration des Bluts im gesunden Körper in verhältnismäßig kurzen Abständen ihrer menschenfreundlichen Tätigkeit obliegen können, in einer straffen Organisation zusammengefaßt sind, was namentlich im Ausland schon vielfach oet Fau ist. Aus diesen und vielen anderen Gründen ist es stets Bemühen der experimentellen Medizin gewesen, einen künstlichen, jederzeit herstellbaren und immer vorrätigen Blutersatz zu schaffen. Die Grenzen des Erfolgs solcher Bemühungen sind im voraus gezogen. Blut enthält als wichtigsten Bestandteil die Blutkörperchen, das sind lebende funktionstüchtige Zellorganismen. Die Erschaffung, solcher aus unbelebter Materie ist bisher noch nie gelungen. Der Weg bis zu diesem Ziele ist weiter, als der von dort bis zum Homunkulus wäre. Den im Laboratorium hergestellten Ersatzmitteln, physiologischen Salzlösungen, künstlichen Seren oder wie sie sonst heißen mögen, fehlen die lebenden Zellelemente und damit deren lebenswichtige Leistungs- Möglichkeiten. Trotzdem ist ihr großer Wert nicht in Abrede zu stellen. Solche Lösungen sind, sofern sie in ihrer chemischen Zusammensetzung und ihrem physikalischen Verhalten der Blutflüssigkeit gut entsprechen, wohl imstande, bei Blutverlusten nicht zu hohen Grades lebensrettend zu wirken. Ihr Hauptwerk besteht darin, daß sie bei Einführung in die Venen die durch de« Blutverlust verursachte mangelnde Flüssigkeitsfüllung des Gefäßsystems Mit deren verderblichen Einfluß auf Blutdruck und Herzarbeit ausgleichen. Ist diese momentane Gefahr gebannt, so ist dem Organismus damit eine Frist gegeben, durch eigene Aufbautätigkeit das in seinen Adern kreisende veroünnte und zellarme Blut durch neugebildetes vollwertiges zu ersetzen. Ob ihm dies gelingt, hängt von der Höhe des Blutverlustes und dem Allgemeinzustand der Organe ab. Vor kurzem wurde nun der naturwissenschaftlichen Abteilung der Pariser Akademie der Wissenschaften durch den bekannten Physiologen Richet ein von Dr. La Normet gefundenes Verfahren des Blutersatzes vorgelegt, das allen bisher bekannten gegenüber nicht unbeträchtliche Vorzüge zu besitzen scheint. Auch bei diesem Mittel ist die Grundlage eine v,7Sprozentige Kochsalzlösung. Dieser setzt Normet aber bestimmte Mengen einer zweiten Lösung zu, die genau bemessene Mengen der Metalle Natrium, Kalzium, Magnesium, Eisen, und sehr geringe Mengen Mangan in Form ihrer zitronensauren Salze enthält. Die theoretische Begründung, die Dr. Normet für die erhöhte Wirksamkeit seiner Lösung gibt, wird fraglos in Fachkreisen auf Widerstand stoßen. Die Tatsache, daß sie eine solche besitzt, scheint jedoch einwandfrei bewiesen. Alle bisher zum Blutersatz verwendeten Mittel versagten im Tierversuch in 70 von 100 Fällen, wenn der Blutverlust des Hundes 50 ccm pro Kilo Körpergewicht erreichte. Da die Gesamtmenge Blut beim Hunde etwa ein Zwölftel seines Körpergewichts ausmacht, entspricht dies einem Verlust von 60 %. Wurde in diesen Fällen, ja selbst in solchen, in denen die Entblutung noch wesentlich weiter getrieben wurde, selbst bis zu dem enormen Blutverlust von fast 80%, die zitrathaltige Lösung verwendet, jo trat stets eine — mindestens vorübergehende — vollkommene Erholung ein. Die ganz geringe Anzahl von Versagern war auf unglückliche Rebenumstände zurückzuführen. In allen anderen Fällen trat bei den Tieren, die sich gegen Ende der Entblutung im Zustande des Todeskampfes befanden, auf Einverleibung der Normetschen Lösung in unglaublich kurzer Zeit so weitgehende Wiederherstellung em, daß die Tiere sich erhoben Nahrung nahmen und wenigstens eine Zeit lang den Eindruck normaler Tiere nicht solcher in deren Adern zum größten Teil Wasser kreiste machten. Die Flüssigkeitsmengen mit denen die besten Erfolge erzielt wurden betrugen zwei Drittel bis vier Fünftel der verlorenen Blutmenge. Die bei Menschen erzielten Erfolge sollen ebenfalls vielversprechend sei«. Das Normetsche Mittel scheint die Suche nach einem hochwertigen künstlichen Blutersatz einen wesentlichen Schritt vorwärts gebracht zu haben. Es dürste geeignet sein die momentane Gefahr großer Blutverluste wefent- kich einzuschränken und dadurch dem Betroffenen die Möglichkeit zu geben die unvermeidliche Wartezeit bis zur Herbeischaffung eines geeigneten Blutspenders zu überstehen. ist das Beryll nicht nur äußerst hart unb" von kristallinischem Gefüge, sondern es hat auch den sehr hohen Schmelzpunkt von 1285 Grad, während das Aluminium schon bei 658 Grad schmilzt. Diese hohe Schmelztemperatur verursachte bei seiner Darstellung ungeheure Schwierigkeiten, weil die meisten Falze, die sich zur Gewinnung von Beryllium durch Elektrolyse — entsprechend der Darstellung des Aluminiums — eignen würden,. bei der Abscheidungstemperatur des Berylliums bereits verflüchtigt sind. Die zweite große Schwierigkeit war die Abscheidung des Sauerstoffs und die dritte die Beschaffung geeigneter Baustoffe für die Gefäße zur Elektrolyse und für die Elektroden. Erst Stock und Goldschmidt gelang es, Beryllium in Form sog. Reguli, das heißt in Gestalt kleiner Kegel, wie man sie auf der Kegelbahn hat, zu erzeugen. Auf Grund dieses Verfahrens bildete zunächst eine Studiengesellschaft unter der Führung von Siemens & Halske die Darstellungsweise des Berylliums weiter durch und ergründete seine Eigenschaften zunächst rein wissenschaftlich. Nunmehr hat sich die genannte Firma entschlossen, im Einverständnis mit den Erfindern Beryllium technisch in größerem Maßstabe zu erzeugen, und zwar soll zunächst eine Tonne jährlich hergestellt werden. Die Hälfte davon wird die Firma Siemens & Halske selbst verwenden, die andere Hälfte stellt sie der Allgemeinheit zur Verfügung. Während der Preis für 1 Gramm Beryllium zuerst 200 Mark betrug, also 200 000 Mark für 1 Kilogramm, wird künftig das Gramm 1 Mark, also das Kilogramm 1000 Mark kosten. Dieser Preis von 1000 Mark für 1 Kilogramm Beryllium schließt natürlich die Verwendung reinen Berylliums mit wenigen Ausnahmen so gut wie gänzlich aus. Aber man muß sagen, das schadet eigentlich fast gar nichts: denn Beryllium ist ein so spröder Stoff, daß es sich außerordentlich schwer verarbeiten und vor allen Dingen nicht ziehen läßt, falls es nicht durchaus chemisch rein ist, so daß man also keine Töpfe und andere Formstücke daraus herstellen kann. Es hat sich aber gezeigt, daß schon ganz geringe Zusätze von Beryllium/insbesondere zu Küpser und Nickel, die Eigenschaften dieser Stoffe außerordentlich verbessern. Man erhält auf diese Weise Bronzen mit einem Gehalt von 2 bis 3 v. H. Beryllium, die zunächst weich sind, sich also sehr leicht bearbeiten lassen, und kann die Werkstücke dann durch Abschrecken und Anlassen vergüten und sie so in einen federharten Stoff verwandeln. Noch geringere Zusätze, in der Größenordnung von etwa 0,02 bis 0,04 v. H. Beryllium zu Kupfer, verbessern den Kupferguß durch Entziehung des Sauerstoffs ganz außerordentlich und erhöhen insbesondere seine elektrische Leitfähigkeit sowie seine Bruchfestigkeit, diese auf mehr als das Doppelte. Die Berylliumlegierungen zeigen nämlich neben ihrer großen Härte, die der des besten Stahles gleichkommt, eine ganz besonders bemerkenswerte Eigenschaft: Sie altern nicht und zeigen keine Ermüdungserscheinungen. So hat man z.B. Wendelfedern aus Stahl im Vergleich zu Berylliumbronzefedern gleicher Abmessungen Schwingungen ausgesetzt, um die Ermüdung festzustellen. Die Stahlfedern brachen nach zwei Millionen Schwingungen, während die Berylliumfedern bis jetzt drei Millionen Schwingungen ausgehalten haben, ohne irgendeine Veränderung zu zeigen. Die Reichsbahn hat bet elektrischen Lokomotiven die Federn an Bürstenhaltern, die bisher immer nach drei Wochen durch neue ersetzt werden mußten, durch solche aus Berylliumbronze ersetzt, die bis jetzt sechs Monate im Betrieb und trotzdem noch wie neu sind. Aus demselben Grunde werden Beryllebronzefedern bereits an den Wählern in den Selbstanschlußämtern verwendet. Man denkt auch daran, die Federn an den Fahrgestellen von Flugzeugen aus Berylliumbronze herzustellen. Auch Brillenfassungen aus vergoldeter Berylliumbronze zeigen eine erhöhte Haltbarkeit. Haarnadeln für Bubiköpfe will man aber nicht aus Berylliumbronze Herstellen, trotzdem dies eine hübsche junge Dame in einer Zuschrift an die Firma Siemens & Halske gewünscht hat. Aus reinem Beryllium macht man Fenster in neuartigen Röntgenröhren, da diese Fenster für die Röntgenstrahlen die zehnfache Durchlässigkeit haben wie die bisherigen Aluminiumfenster. Die nächsten Arbeiten gelten den Eisen-Beryllium-Legierungen, und es sind auch auf diesem Gebiete allerlei Ueberraschungen zu erwarten. Vor allen Dingen wird man dahin kommen, daß man die Bearbeitbarkeit der nichtrostenden Stahle erheblich verbessert, indem man die Werkstücke aus weichen Legierungen herstellt und sie dann durch Vergütung härtet. Näheres läßt sich aber darüber zur Zeit noch nicht sagen. Von der Leichtigkeit des Berylliums wird man vorläufig keinen Nutzen haben. Legierungen geringer Mengen mit Aluminium sind nicht besser, aber wesentlich teuerer als Duralumin und ähnliche Erzeugnisse. Mit Magnesium kann man Beryllium aber nicht legieren, weil das Magnesium schon unterhalb des Schmelzpunktes des Berylliums verdampft. Auch in Amerika hat man Versuche zur Darstellung des Berylliums im großen gemacht, und zwar hat man hauptsächlich Beryllium-Alu- minium- Legierungen hergestellt, die etwa ein Drittel Beryllium enthalten und sich infolge ihres Aluminiumgehaltes noch gut bearbeiten lassen. Man erstrebt damit die Schaffung eines Baustoffes hauptsächlich für Luftschiffe und Flugzeuge, stößt aber damit insofern auf Schwierigkeiten, als der hohe Preis des Berylliums eine solche Verwendung auf absehbare Zeit ausschließt. Diese Arbeiten haben daher vorläufig nur einen wissenschaftlichen Wert. Deutscher Forschergeist dagegen hat die Wege gewiesen, auf denen man schon jetzt aus dem Beryllium einen geradezu ungeheuren Nutzen ziehen kann. Dieser Nutzen liegt neben der Verbesserung der Güte vieler Erzeugnisse vor allen Dingen in der Erhöhung der Betriebssicherheit durch den Wegfall der Ermüdungserscheinungen, die uns ja immer wieder Ueberraschungen bereiten. Dr. Kurt 31*'9- der im diesjährigen Siemens-Jahrbuch einen vorzüglichen Aufsatz über Beryllium veröffentlicht hat, hat vor kurzem in der Technisch-Literarischen Gesellschaft einen glänzenden Vortrag über Beryllium gehalten, der trog seiner Sachlichkeit und feiner Würze durch launige Einflechtungen ahnen ließ, welches große Vertrauen man bei der Firma Siemens & j)al5! auf diesen neuen Werkstoff setzt. Beryllium, das Wundermetall. Von Max Fischer. Rohberyll gibt es an vielen Stellen der Erde, sicher in so großen Mengen wie Kupfererze. Beryllkristalle hat man schon frühzeitig wegen ihres schönen Aussehens geschätzt und hat sie auch technisch verwendet. Schon der Kaiser Nero soll ein Einglas aus Beryll getragen haben, und auch fpäter hat man Brillengläser aus Beryllkristallen hergestellt, als man das Glas noch nicht so gleichmäßig Herstellen konnte wie jetzt. So konunt es, daß Beryll der Brille seinen Namen verliehen hat, die also eigentlich Berylle heißen müßte. Aber der Kaiser Nero und seine brillentragenden Nachfahren wußten noch nicht, daß ihre Vorfenster der Rohstoff zu einem ganz merkwürdigen Metall waren, das erst im Jahre 1798 von Vauquelin entdeckt wurde und zeitweilig ganz in Vergessenheit geriet. Erst der große Chemiker Wöhler, der uns auch die Darstellung des Aluminiums gelehrt hat, hat vor 101 Jahren aus dem Rohberyll zum ersten Male Berylliummetall dargestellt, aber nur in mikroskopisch kleinen Flitterchen. Dieses Beryll ist ein Leichtmetall, das nur f des Aluminiums wiegt, also ungefähr ebensoviel wie Magnesium, aus dem bekanntlich durch Zusatz von bis zu 1/M anderer Metalle das im Flugzeugbau und zu vielen andern Zwecken verwendete Letchtmetall Elektron hergestellk wird. Run