SietzenerKmilienblStter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1(929 Montag, -en 29. April Nummer 55 Die Grenadiere. Bon Heinrich Heine. Rach Frankreich zogen zwei Grenadier, die waren in Rußland gefangen. Und als sie kamen ins deutsche Quartier, sie ließen die Köpfe hangen. Da hörten sie die traurige Mar: daß Frankreich verloren gegangen, besiegt und zerschlagen das große Heer, — und der Kaiser, der Kaiser gefangen. Da weinten zusammen die Grenadier' wohl ob der kläglichen Kunde. Der eine sprach: „Wie weh wird mir, wie brennt meine alte Wunde!" Der andre sprach: „Das Lied ist aus, auch ich möcht mit dir sterben, doch hab ich Weib und Kind zu Haus, die ohne mich verderben." „Was schert mich Weib, was schert mich Kind, ich trage weit bessres Verlangen; laß sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind, — mein Kaiser, mein Kaiser gefangen! Gewähr mir, Bruder, eine Bitt': Wenn ich jetzt sterben werde, so nimm meine Leiche nach Frankreich mit, begrab mich in Frankreichs Erde. Das Ehrenkreuz am roten Band sollst du aufs Herz mir legen; die Flinte gib mir in die Hand und gürt mir um den Degen. So will ich liegen und horchen still, wie eine Schildwach, im Grabe, bis einst ich höre Kanonengebrüll und wiehernder Rosse Getrabe. Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab, viel Schwerter klirren und blitzen; dann steig ich gewaffnet hervor aus dem Grab, — den Kaiser, den Kaiser zu schützen. Novelle in Weitz. Von Ernst P e n z o l d t. Der kleine Trommler Rens Collignon marschiert als letzter der Nachhut der Großen Armee in Rußland. Er hat seine große Bürenmütze längst verloren und trägt eine Haube von Schnee über den braunen Haaren. Denn es schneit seit drei Tagen in großen freundlichen Flocken vom Himmel. Ren« Collignon ist sehr müde und feine große bunte Trommel so schwer, daß er fürchtet, zurückzubleiben. Die Soldaten vor ihm sind alle wie er beschneit und müde von der Wanderung. Ein Geruch von Brand ist noch in ihren Kleidern und Haaren. Rens Collignon ist aber schon ganz von Sinnen und nur noch Marsch, gequälter Rhythmus. Er ist verstummt und beinahe bereit, hinzusinken mit den großen freundlichen Flocken, aufzugehen im Weißen, und er spürt, daß ihm leichter wird. „Gib mir die Trommel, Rens Collignon", hört er neben sich sagen und wird einen Augenblick wach von seinem Namen. Der andere tritt hinter ihn; er hat die große Trommel genommen. Dann ist es wieder still wie vorher, endlose Wanderung im Weißen. Und immer kommt es noch leise, Weiß an Weih, vom Himmel im Weißen versinkend. Sonst ist aber nichts ringsherum, kein Dorf, kein Tier, kein Baum. Da wendet sich plötzlich Rens Collignon um, daß er ihn sehe, der für ihn seine Trommel trug. Und jener trug sie wirklich noch, obgleich es doch so unsinnig war, zu denken, daß man je wieder trommle. Collignon sah den andern an und erkannte ihn freundlich. Doch geriet er dabei ins Taumeln und fiel seitwärts, Als er im Schnee lag, begehrte er nicht mehr aufzustehen. Schlafen, so war ihm, und alles ist wieder gut. Er sah noch einen Augenblick Unzähliges leise und leicht senkrecht auf sich herabschweben, dann schlos- sen sich seine Augen, ganz gab er sich hin dem süßen gefährlichen Schlaf. Nicht gleich nahm es der andere wahr. Schläfrig und stumpf war er wie alle. Nun aber bückte er sich hinab zu dem müden, beschneiten Gesicht und rüttelte Collignon: „Aufstehen, du! Wach auf!" rief er. Er griff ihm ins Haar und versuchte ihn hochzureißen. „Collignon," brüllte er, „vorwärts, oder ich lasse dich liegen. Collignon, die Kosaken kommen! Es ist letzt nicht Zeit zu sterben!" Aber Collignon mochte nicht. „Schlafen", sagte er unwillig leise. Schon waren die Soldaten so weit, daß sie im Blicke zergingen. Und dann sah man nur noch rings den ewig fallenden Vorhang sanfter, vergänglicher Flocken. Sie schwebten unendlich herab, Weißes zu Weißem. Der also Vereinsamte warf die Trommel von sich und schlug zornig mit dem Riemen den schlafenden Collignon. Schon verschneiten die Spuren, als der Trommler sich regte. Er schrie laut auf, denn die Hiebe brannten auf seinen frierenden Händen. Der andere aber war stark und hob ihn statt der Trommel, bereit ihn zu tragen, wenn er nicht gehen wollte. Ein Schluck Branntwein machte Collignon vollends wach. Dann trug ihn der Geführte auf dem Rücken mit sich, den schwindenden Spuren des Heeres zu folgen. Da aber Collignon merkte, daß es dunkler wurde, erschütterte ihn das Vergängliche und, da er noch ein Knabe fast war, begann er leise zu weinen. Der andere sagte kein Wort. Als er einmal rastete, fragte ihn Collignon, wie er denn heiße: Er nannte sich: Marcel Rossignol. Es hatte zu schneien aufgehört, und als die Ebene blau vom Abend wurde, sagte Collignon, daß er jetzt wieder gehen könne, und nahm sich zusammen. Nach einer Weile aber, da es schon finster war — nur der Schnee leuchtete matt — merkten sie, daß sie die Spur verloren hatten, im Kreise gegangen waren. „Ist das nicht deine Trommel, Collignon", sagte Marcel und stieß mit seinem Fuß an einen großen Schneepilz. Sie war es. „Nicht weinen jetzt", brummte Marcel. Es genügt, daß wir leben, auch fern und ganz verlassen ..." „Aber um meinetwillen .. begann Collignon. Marcel setzte sich auf die Trommel. „Was willst du? Wir könnten ebenso gut auf dem Marktplatz von Aubigny sitzen, und es hat eben geschneit. Macht es dich furchtsam, daß es nun nicht so ist?" Sie waren ja nun unendlich verlassen in der weiten Ebene. „Was ist dein Beruf, Collignon?" fragte Marcel. „Dichter", antwortete schüchtern der Trommler. Er sagte es, obgleich es doch unsinnig war, es jetzt zu denken, hier bei der großen bunten Trommel in Schnee und Nacht, ganz nah am Tode, und er lächelte. Marcel schrieb ihre Namen groß in den Schnee und teilte sein Brot mit Rene, ehe sie sich aufmachten, weiterzugehen. Sie schwiegen wieder lange. Einmal ragte ein Arm, eine starre Hand aus dem Schnee, wie ein Ast beschneit. Sie sahen es beide und verschwiegen ihre Gedanken. Marcel begehrte nur immer ein kleines Licht in der Ferne zu sehen oder einen Hund zu hören. Manchmal meinte er wirklich einen kleinen Schimmer im Hintergrund der Nacht zu schauen. Aber es war wohl nur Sehnsucht, die es erschuf, als sei es. Er hörte auch Schlittenglöckchen und dachte an warme dampfende Pferde so stark, daß sich das Finstere formte und groß und warm auf ihn zukam. Da packte ihn Collignon: „Ein Pferd!" schrie er. Da raste es schon dunkel vorbei und war wieder Nacht. Später aber begegnete ihnen ein Baum; da war es nicht mehr so einsam. Dort rasteten sie, daran gelehnt und wärmten einander. Jeder meinte, der andere schlafe, und wachte mit Mühe. So wachten sie beide. Als es hell wurde, sahen sie, daß sie nahe bei einem Bauernhof genächtigt hatten. Collignon sah ihn zuerst, und sie gingen hin. Sie klopften an und ein kleiner Junge im Schafpelz öffnete. Er erschrak nicht vor ihnen, sondern sagte etwas auf russisch, das „Soldat" bedeuten mochte, und ließ sie freundlich ein in die heiße Stube. Es ist wohl seltsam, dem Tode entronnen zu sein, dachte Marcel, und es ist nicht anders, als ob eine Tür geht. So selbstverständlich und gar nicht wunderbar ... Sie sahen eine junge Frau in der Stube stehen, eine Schale heißer, dampfender Milch in den Händen. Es gelüstete sie sehr, davon zu trinken. Sie gab ihnen beiden und sie lachten, da sie sich nicht verstanden. Es war aber keine Feindschaft gegen sie, so elend waren Renö und Marcel. Vom Ofen kletterte der Bauer herab, und Knechte und Mägde sahen neugierig durch die kleinen Fenster herein. Draußen war Sonne. Marcel trug Rens, der Kim Sitzen schlief, auf das Ofenbett, und beide schliefen tief bis zum ;d. Als Collignon erwachte, sah er das Gesicht der jungen Frau über sich geneigt. Sie machte sch, sch, wie einem Kinde. Marcel sah es und staunte ob des Hellen Haares der jungen Frau, so blond war sie, fast weiß. Nun trugen auch die beiden Soldaten zottige Schafspelze und halfen den Knechten ein wenig. Sie wohnten auch im Stall mit den Pferden ganz nahe. Abends saß Marcel noch wach auf der Futterkiste und sah heiter zu, wie Collignon schlief. Am Tage saß die junge Fran in der Stube und ließ geschickt die Spindel tanzen. Rena Collignon saß bei ihr und las ihr, obgleich sie ja nichts davon verstand, seine Sonette mit lauter Stimme vor. Er hielt dabei das kleine rote Buch weit von sich und hob begeistert die Hand empor. Die junge, Frau lächelte: „Oh, sagte sic, als er stolz geendet, und bewunderte ihn, weil er lesen konnte. Auch Marcel mußte lächeln, der gerade dazu kam. Dann aßen sie alle zusammen aus einer Schüssel in der engen, heißen Stube. Am Mittag ober spannte der Bauer den Schlitten an, heimlich die Kosaken zu holen. Der kleine Franzose Collignon aber hatte ein feuriges Herz. Ach, es war wunderbar, dem Tod entronnen zu sein und zu lieben. Die junge Frau aber lachte ihn aus, als er entzückt und bebend vor ihr nieder- kniete. Sie stand auf und wärmte die Hände am Ofen, als sei niemand da. Renö Collignon kniete noch, die Hand auf dem feurigen Herzen mit gesenkter Stirn. So lieh ihn die Frau allein. Ihr «einer Knabe im Schafspelz öffnete nach einer Weile die Tür und lugte hinein, sagte freundlich das Wort, das Soldat bedeuten mochte, erschrak aber, da er Rens knien sah. Da entlief er zu seiner Mutter. Als RenS abends so lange nicht in den Stall kam, wurde Marcel unruhig. Er fand die junge Frau in der heißen Stube am Spinnrocken, aber die Spindel tanzte nicht. Sie wußte nicht, wo Collignon geblieben war. Aber der Junge deutete ins Freie. „Ach Collignon", sagte Marcel und machte sich auf, den Verliebten zu suchen. Er sah seine taumelnde Spur in den Schnee gebrochen und folgte ihr mit der Laterne tief in die Nacht hinein. Einmal muhte RenS gestolpert sein, denn der Schnee war zerstört. Immer wieder ries Marcel des Gefährten Namen durch die hohle Hand in die Finsternis. Aber der Wind riß ihn fort. Marcel fand den Törichten im Schnee liegen mit geschlossenen Augen, Rauhreif an Wimpern und Haar. Renös Hände aber waren zerrissen vom Frost. Er begehrte nicht aufzustehen. Schlafen, so war ihm, und alles ist wieder gut. Marcel bückte sich zu dein müden bereisten Angesicht und rüttelte Collignon. Aber Collignon mochte nicht. Da teilte Marcel seine Wänne mit ihm und erweckte ihn zum zweiten Male; er hob ihn auf. Der Wind ruhte und Flocken schwebten herab auf die beiden, als sie sich ins Unbekannte, Weiße wandten zu neuer mühseliger Wanderung. .Komm, RenL!" sagte Marcel, und sie gingen. Da formte sich plötzlich das Finstere, groß und warm kam es von allen Seiten, braune, dampfende Pferde und dunkle feindliche Reiter mit tödlichen Lanzen. „Marcel, die Kosaken!" schrie Collignon und stellte sich vor den Gesährten. Er hielt das kleine rote Buch der Sonette weit von sich und hob begeistert die Hand. Die Lanze fuhr durch seinen Hals tief in Marcel Rossignols Herz. Sie sahen noch einen Augenblick unzähliges Weißes leise und freundlich auf sich herniederschweben. Dann gaben sie sich ganz hin dem süßen unendlichen Schlaf. Die deutsche Zarin. Zum 200. ffiebttrfstoge der Großen Katharina. Von Liane v. G e n tz k o w. Es müssen besondere Schicksalssterne am Himmel gestanden haben in jener Stunde, als in Stettin die kleine Prinzessin Sophie von Anhalt- Zerbst die großen blauen Augen zum ersten Male aufschlug. Aus einem der zahllosen kleinen deutschen Fürstenhäuser stammend, die politisch nichts bedeuteten, Tochter eines preußischen Gouverneurs, war sie berufen, eine der mächtigsten Frauen der Welt zu werden, eine von den ganz wenigen, die man neben den bedeutendsten Herrschern nennt. Fast jeden Winter ihrer Kindheit verbrachte sie am Berliner Hof, und Friedrich der Große förderte einen Heiratsplan, der zuerst ihr Unglück, dann ihren Ruhm begründete. Mit 15 Jahren kam sie nach Petersburg und wurde durch die regierende Zarin Elisabeth dazu ausersehen, die Braut ihres Neffen und Thronfolgers Peter von Holstein-Gotiorp zu werden, der durch seine Mutter ein Enkel Peters des Großen war. Die Prinzessin trat zur russischen Kirche über, erhielt den Namen Katharina und wurde im September 1745 mit dem Großfürsten Peter, der ein Jahr älter war als sie, getraut. Umgeben von Kälte, Mißtrauen und Abneigung, an einem nur halbzivilisierten, ausschweifenden, intriganten Hof, verheiratet an einen wenig gebildeten, launenhaften, schlecht erzogenen jungen Menschen, der sich in Rußland unglücklich fühlte und aus seiner Abneigung gegen seine Gattin kein Hehl machte, hat die Großfürstin die 16 Jahre ihrer Jugend hindurch eine schwere Lehrzeit durchmachen müssen. An Geist und Begabung dem Hof weit überlegen, arbeitete sie zielbewußt daran, sich weiterzubilden und sich Einfluß zu verschaffen, um einst eine große Rolle spielen zu können. Ihre Memoiren, die einzige ihrer zahlreichen schriftstellerischen Arbeiten, die dauernden Wert hat, schildern lebendig jene Zeit mit ihrem diplomatischen Geschick, alles in einem für sie günstigen Licht erscheinen zu lassen. Längst hatte sich die Großfürstin ihre Partei geschaffen, als Peter III. 1762 den Thron bestieg und seine Unfähigkeit sofort in Maßnahmen bewies, die allgemeine Unzufriedenheit weckten. Die Zarin fühlte sich bedroht, oder — gab vor, es zu jein: der Zar sollte mit der Absicht umgehen, sie selbst und den kleinen Zarewitsch Paul, an dessen Legitimität er wohl mit Recht zweifelte, zu verstoßen und seine Geliebte Elisabeth Woronzoff zu heiraten. Die Partei der Zarin, an der Spitze die Brüder Orlow, von denen Gregor ihr begünstigter Liebhaber war, ergriffen die Initiative. In der Nacht vom 8. zum 9. Juli 1762 begab sich Katharina von ihrem Lustschloß Peterhos nach Petersburg und gewann die Garde für sich, die ihr huldigte, während in der Kasanschen Kirche ihre Erhebung zur Herrscherin verkündet wurde. Der entthronte Zar, schwach und unentschlossen, fand nicht die Kraft zu irgendeiner Gegenmaßnahme und wurde wenige Tage später durch Alexis Orlow und andere ermordet. Wie es heißt, geschah dies ohne Wissen und Willen der Zarin; jedenfalls haben die Mörder hohe Ehrenstellen eingenommen und Gregor Orlow blieb noch lange Jahre ihr Günstling. So hatte Katharina den blutbespritzten Thron von Moskau, der von je ohne zu schwanken Verwandtenmörder, Verschwörer und Aufrührer trug, in der fast traditionellen Art bestiegen — durch Revolution und Mord —, und auf den klugen feinen Rokoko-Kopf der deutschen Prinzeß senkte sich die schwere Krone der großen Barbaren Iwan und Peter. Eine Frau als Zar von Rußland! Eine Frau Selbstherrscher des halb- asiatischen Reiches, das ungeheure Zukunftkeime in sich barg! Ein berauschender Gedanke für einen unbändig ruhmsüchtigen Charakter. Das wichtigste Ersordernis für einen russischen Zaren besaß Katharina — absolute Fruchtlosigkeit. So blieb ihr auch das Glück treu. An Kronprätendenten fehlte es nicht; 1774 tauchte noch einmal der Schatten des ermordeten Peter auf; ein Donkosak gab sich für ihn aus, begeisterte halbwilde Stämme, gewann leibeigene Bauern, stürmte Kasan, bedrohte bereits Moskau. Aber der Enderfolg war auf feiten Katharinas. Schon 1775 war der Aufstand zusammengebrochen und die Rädelsführer hingerichtet. Ein anderer Prätendent letzt« fett feinem ersten Lebensjahr in Ge- fängnifsen, Iwan, ein Nachkomme von Peter des Großen älterem Bru- der; bei einem Versuch, ihn aus Schlüsselburg zu befreien, wurde er 1764 ermordet. Auch eine geheimnisvolle Frau erschien außerhalb der russischen Grenzen, bezeichnete sich als Tochter der verstorbenen Zarin Elisabeth und fand Unterstützung und Glauben. Durch einen Vorwand auf ein russisches Kriegsschiff gelockt, wurde sie von Alexis Orlow entführt und verschwand spurlos in einem russischen Kerker oder Kloster. Obwohl Katharina im Gegensatz zu ihrem Gatten es verstanden hatte, bis zu einem gewissen Grade Russin zu werden, warb sie doch stets um den Beifall des westlichen Europas, des Europas der Aufklärung. Sie wechselte schmeichelhafte Briefe mit Voltaire, Diderot, D'Älembert und bezeichnete sich in einem Brief an den berühmten Schweizer Arzt Zimmer- mann mit einer gewissen Koketterie als „Republikanerin". Aber als die Saat aufging, die jene Lieblinge der aufgeklärten Fürsten gesät hatten — als der Sturm der französischen Revolution losbrach, schreibt die Zarin jenes andere Wort, das so viel ehrlicher klingt: „Ich kann nicht an die großen Talente der Schuster und Schneider für Regierung und Gesetzgebung glauben." Mit tiefer Verachtung sah sie auf Ludwig XVI., als er den Eid auf die neue Verfassung leistete. Bei aller Eitelkeit war Katharinas Vorliebe für Künste und Wissenschaften echt; sie nahm auch Bestrebungen der Frauenbewegung vorweg, als sie zum ersten Direktor der russischen Akademie eine Frau ernannte, die Fürstin Daschkow. An den Aufgaben der Akademie, die darin bestand, die russische Sprache zu vervollkommnen, die Literatur zu fördern und das erste russische Wörterbuch zu verfassen, arbeitete die Zarin praktisch mit. Unbestreitbar sind ihre Bemühungen um die innere Verwaltung Rußlands, um Gerichts- und Schulreformen, um Landwirtschaft, Hebung der Industrie und des Außenhandels. Der von ihr ausgearbeitete Entwurf eines Gesetzbuches von 1769 enthält sehr humane und moderne Ansichten; u. a. sagt sie: Jede Strafe, die den menschlichen Körper ver- stümmeln kann, muh abgeschafft werden ... Die Anwendung der Folter widerspricht der gesunden Vernunft ... Das sicherste aber schwerste Mittel, um die Menschen besser zu machen, ist die Erziehung ... Die Landwirtschaft wird niemals da gedeihen, wo der Bauer kein Eigentum besitzt ... Almosen ersetzen nicht die Verpflichttmg des Staates, jedem Bürger eine sichere Existenz, Nahrung, Kleidung und eine der Gesundheit zuträgliche Lebensweise zu schulden usw. Sie hatte alle Eignung zu einem bedeutenden Herrscher, aber sie wollte zuviel, ein Fehler, von dem mittelmäßige Naturen verschont bleiben. Ihre Pläne waren teilweise überstürzt und nicht zur Reife gekommen. Ihr ruheloser Ehrgeiz, gestärkt durch ihre blendenden Erfolge in der Außenpolitik, trübte ihren Blick später für die inneren Nöte des Landes. Durch die Teilung Polens, die Türkenkriege, die Rusflfizierung der Ostseeprovinzen vergrößerte sie Rußland um 550 000 Quadratkilometer und chus aus ihrem Reich einen Machtfaktor in der europäischen Politik. Die Schatten fehlten bei so blendendem Licht nicht. Unnatürlich für eine Mutter war ihr Verhalten gegenüber ihrem einzigen Sohn Paul, den sie eifersüchtig von der Regierung sernhielt und dem gegenüber fie immer eine eisige Kälte zur Schau getragen hat. Haßte fie in ihm wirklich den Sohn Peters III. und würden demnach die Romanows ihren Namen doch zu Recht tragen? Oder erstickte die Herrschsucht bei dieser eigenartigen Frau jede andere Regung? Da ihr Privatleben dem eines asiatischen Sultans ähnlich war, so hoi zu Unrecht gerade diese Seite ihres Lebens viele berufene und unberufene Federn in Bewegung gesetzt. Uebrigens hat von ihren Günstlingen doch nur einer entscheidenden Einfluß auf sie gehabt — Potemkin, der Orlow verdrängte. Es ist richtig, daß er Millionen für sich verschwendete — aber schließlich verdankte die Zarin gerade ihm ihre außenpolitischen Erfolge. . . .. So unbeständig sie in ihren Leidenschaften war, so treu und dankbar war sie als Freundin. Ihre nächste Umgebung schilderte sie als die liebenswürdigste Gesellschafterin, heiter, ohne Launen und ohne eine Spur von Despotismus, dazu eine sehr anmutige Erscheinung, deren Reize ihr jahrelang treublieben — eine echte Dame des Rokoko, die den Geist der Salons von Westeuropa nach Halbasien zu verpflanzen suchte. Als Katharina am 17. November 1796 starb, ging mit ihr eine der markantesten Frauengestalten der Weltgeschichte hin, groß in ihren Vorzügen, groß auch in ihren Fehlern, aber eine Frau, die es verstanden hatte, das angefangene Werk Peters des Großen fortzuführen und aus Rußland, bisher einem Staat zweiten Ranges, jene gefürchtete und mel- umworbene Großmacht zu schaffen, die die Geschichte Europas und der Welt im folgenden Jahrhundert verhängnisvoll stark bestimmen sollte. Die Sprache der Tiere. Von Ludwig Zukowsky. Obwohl die Forschung mancherlei interessante Ausschlüsse über bä Verständigungsweise der Tiere gegeben hat, stehen wir dem -W» dieser wichtigen Lebensäußerung noch verhältnismäßig fern. Die 6° ' schungsergebnisse haben gelehrt, daß vielen Tieren ein durch Lome Y- vorgebrachtes, ausgeprägtes Verständigungsvermögen eigen ist, das °i mals in ihrem Kampf ums Dasein eine bedeutende Rolle fjielt. Forscher haben dieses Verständigungsvermögeu als „Sprache bezeichne'' Solange der Begriff ..Sprache" als willkürliche Aeußerung von w gungen und Gedanken durch artikulierte Laute unter Verbindung ein bestimmten Zwecks aufgcfaßt wird, muh der Verständigungsweist vrei Tiere der Rang einer Sprache zugesprochen werden. Aus der im reiche unzutreffenden Lautsprache hat sich offenbar die heutige geglieoe Wortsprache des Menschen entwickelt. Die Lauiäußerung der Tierei n wie die des Menschen stets einem bestimmten Zweck unterworfen, eve i hängt der Umfang des Lautschatzes innerhalb einer Tierart immer mu o bestehenden Bedürfnis im engsten Zusamenhang. Wenn als Tau { gelten kann, daß vielerlei Naturvölker noch heutigentags in Begnu , Ausdruck soweit zurückstehen,, daß sie nur „Eins, Zwei, Drei und V zu zählen vermögen, so muß sestgestellt werden, daß die Kluft zwu / Wie es überall in der Wissenschaft, besonders im nahmen gibt, die der mit Mühe ausgestellten Theorie über di! n Wesen Die 8or- aute her> das oft* ;(t Bielr gezeichnet von Re- ing ein« -jse viel« im Tier- ^gliederte Tiere if* 'n, ebenso r mit dem Tatsache -griff ^nd nd Viele l zwische" >fte Beispiel für das stumme Säugetier" ist die Giraffe? Hier schasst sich das Tier selbst einen geschickten Weg zur Verständigung. Sie erfolgt, wie viele Afrikaner in neuerer nachgewiesen haben, durch das Schlagen mit dem Schwanke. Durch viele Eigenschaft geben die langhalsigen Steppentiere ihre Wahrnehmungen und Erregungen zu erkennen. Auf die „Wedelzeichen geben alle Mitglieder der Herde aufs schärfste acht und handeln je nach Ursache und Bedeutung. Vielen Anttlopen sind gleichfalls diese Wedeizeichen eigen, obwohl sie Erregungen auch durch Stampfen mit den Laufen zu erkennen geben. Erfolgt ein Gefahr verkündendes Wedelzeichen innerhalb der Herde, fo stürzen die Mitglieder unter blitzschneller Verständigung m wilder Flucht dahin. Diese Zeichensprache finden wir bis zu den Kleinsten im Tierreich- hinab. Durch plötzliche Verständigung gelingt es dm Mitgliedern großer Vogelschwärme, blitzschnelle Wendungen auszufuhren. n Ge- i Bru. r 1764 ssischm ifabeth uf ein rt und . hatte, { tts um g. Sie rt und । immer- | als die tten — Zarin an die Gesetz- als er Wisien- -orweg, nannte, rin befördern n prak- ßerroal- rtfchaft, rbeitete noberne 1er uer- ■ Folter chwerste ... Die igentum , jedem iundheit aber sie bleiben, ommen. in der Landes, der Ossi tter und ilitik. clich für n Paul, über sie m wirk- is ihren ei dieser , , . 1 r, fo Hal i berufene s gen doch , r Orlow ndete — olitischen dankbar liebens« Spur von teige ihr. Seift der eine der reu Vor- -rstanden und nur und viel- und der fällte. Ueber welche verschiedenartigen Lautäußerungen der Hund und die Katze verfügen, kann jeder Städter beobachten. Selbst das Bellen und Winseln des Hundes kann sehr verschiedenen Ursachen entspringen. Ursprünglich in Rudeln lebend, war eine Verständigung der Hunde durch Lautäußerungen notwendig und durch den Verkehr mit dem Menschen haben sie sich erhalten. Es ist sogar nachzuweifen, daß der Lautschatz oes Hundes durch den Umgang mit seinem Herrn um manche stimmliche Aeußerung bereichert wurde. Da der gewöhnlich paarweise lebende Löwe gelegentlich in Rudeln jagt und sich die einzelnen Stücke sogar das Wild zutreiben sollen, mußten diese Großkatzen sich notwendigerweise stimmliche Verständigungsmittel zunutze machen. Der Löwe besitzt weder einen Warn- noch einen Schrecklaut. Aus diesem Grunde ist es schwer, von ihm eine Lautäußerung zu erzwingen. Selbst das Brüllen kann nicht als eigentlicher Futterlaut bezeichnet werden. Anders die Hyäne, die m ihrer Lautäußerung nie versagt, stößt sie doch bei jeder Gel^enheit ihr schauerliches Geheul aus, insbesondere, wenn den Tieren Futter bar= gereicht wird. Die Verständigung der Tiere braucht nicht ausschließlich durch Kehlkopflaute hervorqerufen zu werden, sondern kann be,spiekweise bei den Elefanten oftmals durch Luftpressung und Muskeldruck des Rüssels erfolgen. Die meisten, von den Elefanten bekannten Laute werden auf diese Weise verursacht, einige andere durch ein eigenartiges Quietschen durch den Rüssel. " ‘ ’ Tlerelche, Aus- Hlul, Ulc „„ _______ —des Forschers spottend, die mühsamen Untersuchungen zunichte zu machen droht, so stehen wir auch angesichts der manchmal geringen Lautaußerung von Herdentieren vor einem Rätsel. Sie kann in einem Falle bis zum völligen Fehlen der Stimme führen. Das des' *•*- *’ oKtöilfen Tieren und manchen NaturMkem hinsichtlich des Vegnffs doch n ckt io groß ist. Nach eingehenden Jntelligenzprüfungen konnte sogar tmcbaeroielen werden, daß manche Menschenaffen bis zu einer höheren Zohl zu zählen vermögen als Vertreter bestimmter Naturvölker. Es konnte sich in erster Linie eine Sprache bei solchen Geschöpfen entwickeln, die in Gesellschaften leben und da gibt es im Tierelche eine aanxe Anzahl treffender Belege. Welche vielseitige Ausdrucksweise haben unsere auf mächtigen Felsen in Herden gehaltenen Mantelpaviane für alle möglichen Ereignisse, insbesondere für Vorfälle, die sich in ihrer Um- aebuna abspielen. Nach einigem Beobachten wird selbst der Laie fest- ltellen können, daß die aus bestimmten Anlässen hervorgebrachte Laui- Sußeruna dieser Vierhänder unbedingt eine Verständigung ergibt. Die Warn- und Schreck-, Futter- und Angst-, Zorn- und Freundschaftslaute, wiederholen sich überall bei ftlmmbegabten Tieren. Eine ebenso umfangreiche und ausgeprägte, allerdings aus zwitschernden und pfeifenden Lauten bestehende Sprache führen die kleinen Kapu- ttner-Asfen Südamerikas. Wieder anders unterhalten sich die verschiedenen Makakarten. Die Kurzschwanz-Paviane, zu denen der Mandrill und der Drill gehören, fuhren andere Aeutzerungen und Mienenipiele als die langschwänzigen Rassen der gelben, roten und grünen Paviangruppe. Dem Kenner antworten diese Assen gewöhnlich sebr schnell, wenn sie in dem ihnen verständlichen Idiom „angesprochen werden. Nach gewissenhaften Beobachtungen sind die Beweise dafür erbracht worden, daß Affen Aeußerungen anderer Asfengattungen verstehen gelernt haben. Andererseits schlugen diese Versuche bei solchen Affen fehl, die in Paaren oder Familien leben. Daher auch die Fehlschläge der Sprach- Erperlmente bei Gorillas und Drangs. Offenbar kommt also nur m Hchden ober in Herden lebenden Affen eine Verständigung zu, die als Sprache aufgefaßt zu werden verdient. Fragen wir nunmehr, welche Wege einzuschlagen sind, um eine Verständigung zwischen Mensch und Tier zu erzielen. Hier ist das beste Bei- piel, sich auf eine einsame Insel zu versetzen, auf der Menschen wohnen, von deren Sprache uns kein Wort geläufig ist. Was würden wir tun? Es käme wohl in erster Linie darauf an, die Handlungen der Insulaner zu beobachten unter gleichzeitiger Einprägung der dabei geäußerten Laute. Dabei werden wir bestimmte Laute mit bestimmten Handlungen verbinden lernen, bis uns das Wort auch ohne Handlung geläufig ist Ganz ähnlich gestalten sich die Anfänge zum Studium von Tierstirnmen. Be- fanbere Maßregeln müssen indes getroffen werben, will sich ber Mensch auch in gewissem Grade an der Verständigung von Tieren beteiligen. Sind dem Beobachter erst die Laute, über die ein Tier verfügt, bekannt geworden, so wird er ohne weiteres bestimmen können, welche Gemütsbewegungen in dem Tiere vorgehen ober welche Tätigkeit sein Beob- achtungsobjekt aufnehmen wird. Interessant ist die Tatsache, daß eine Art Gibbon, eine Menschen- afsenform, über einen Stimmen-Umfang einer ganzen Oktave verfügt. Ein in Carl Hagenbecks Tierpark gehaltenes Exemplar legte davon Zeugnis ab, sang das muntere Tierchen doch in den frühen Morgen- und späten Abendstunden mit wahrer Begeisterung die seine Stimmlage umfassenden Töne. Weiter ist die Verstärkung der Stimmen mancher Säugetiere durch Kehlsäcke als Resonanz-Apparate bemerkenswert. Der Drang und der Brüllaffe bieten hierfür Beispiele. Diese Eigenart wird aber auch bei Antilopen und Hirschen gefunden. Kinder des Volks. Von Alfred Bock. (Fortfetzung.) Lenes Erregung wuchs. . „Aus die Art helfen Sie mir zu meinem Rechte ^c^hundert Markl^ch mein’, da könnten Sie sehr zufrieden fein* e&9£tia^^it Mucker deckt man die Schänd' nicht zu, daß fo ein armes Kind /ein Vater hast Güt mögen Jein, wer Sie wollen, die Schmutzigkeit halt ich nicht hinter -öynen Stadlern kam nun doch in Wallung. .... . ®as unterstehen Sie sich, Sie Sprlezl Haha! Ich zieh in meiner ®utheit den Beutel und laß mir von Ihnen Grobheiten wachen! Da hort Neinfach alles auf. Setzen Sie sich mit dem Herrn Schollas auseinander, ich tümmer’ mich den Teufel um Sie. cn Vielem Augenblick geht die Tür, und der Notarschreiber tritt ber* ein Die Stadlern hat ihn zu Tisch erwartet. Er ist (onntäghd) getleibd 7 „., , Strälißckien Nelken — die Lieblingsblume seiner Verlobten - in^der Hand Sobald er bie Lene Launsbach gewahrt, bleibt er wie anaewurzelt stehen. Sein ohnehin fahles Gesicht wird um einen Sitten bSeT ®ie tommt die Lene zu seiner Braut? Do hat sich etwas ab- aeloielt Teure!, jetzt heiht's, sich nicht verfchnappen. 9 ,Guck die Lene!" bringt er mit erheuchelter Gelassenheit heraus. So sind Sie wieder gesund? Das freut mich. LE MchNK'- _ Mr der Frau do - frag' ich dich aufs^Gewisien: !vas hast du mir versprochen, wie du das erstemal bet "".VeÄröchen? Das ich nicht wüßt'," wirft sich der Schollas in die Brust. ^efientoegenVws behalten. Wann ich vor Gott im Himmel ltiind' und sagen sollt', was du mir selbigmal eingeschwatzt l)ast, ich könnt' nicht anders wie jetzt: ,ßene, bau’ auf mich, ^ch bin wie ein auj» geschlagen Buch. Du mußt nur lesen. Da steht s: Treu bis in den Tod! D-r Gdireiber zuvst nervös an seinem Schnurrbärtchen. „Ich kann mich auf mein Gedächtnis verlassen. Das hab ich entschieden nicht gesagt." "»ü S’Ä“S.n L""Lch i*«, °° E--W «•" Meineid schwörst." Als Tastsprache sind uns die Verständigungszeichen bei den Ameisen den Bienen, und andern Insekten bekannt. Der Sang unserer mannigfaltigen, gefiederten Freunde ist uns geläufig. Der Kenner bringt es im Studium der Vögelst Immen zu einer solchen Fertigkeit, daß er jeden Vogel nicht nur an feinem Gesang, sondern auch an seinem Rufe erkennt. Jede Vogelart besitzt also ihre charakteristische Stimme. Auch hier ist durch die Lautäutzerung eine ge- wisse Verständigung möglich und dient wahrscheinlich in erster Lime dem Zweck des Zusammenfindens ber Geschlechter. Sodann kommt sie als Mitellungsgelegenheit in Frage, und zwar wird sie hier als Angst- und Warnruf, Alarm- und Futterruf, Balz- und Lockruf, unterfchieden. Jeder aufmertfame Beobachter weiß, daß der Hahn die Henne anders zum Futter lockt als wenn er feinen Harem auf eine Gefahr aufmerksam macht ober zum Aufmerken veranlaßt. Wir alle kennen den zeternden Alarmschrei der Amsel, den lockenden Schlag des Buchfinken, deni warnenden Ruf der beunruhigten, in Gefahr schwebenden Nachtigall. Ebenso bekannt ist die Nachahmungskunst der Papageien, die unter den Vögeln wohl über die besten Stimmittel verfügen. Ihr biologischer Wert ist zweifelhaft. Auf jeden Fall lernt der Papagei die von »hm nachgesprochenen Wörter und Sätze seiner Bedeutung nach nur zum geringsten Teil kennen. Schier unglaublich ist das Nachahmungstalent eines solchen Vogels. Imitiert er doch das Knarren einer Tür, das Sagen von Holz, das Pseifen des Windes, bas Bellen des Hundes, das Gackern des Huhnes u.a.m. Einen besonderen Rang in der Tonkunst nehmen die löge- nannten Spötter ein, von denen uns der Eichelhäher und die Elster gute Bekannte sind. Höchst eigenartig ist das Nachahmungstalent der nordamerikanischen Spottdrossel. Es gibt in ihrer Heimat kaum eine Bogelstimme, von dem wilden kreischenden Schrei des Adlers bis zu den zartesten melodischen Tönen der Singvögel, die von diesem Vogel nicht in erstaunlicher Weise nachgeahmt wird. Die Spottdrossel bringt es ertig, durch das Nachqhmen des Angstschreies eines Kükens eine Glucke bis für Verzweiflung zu bringen. Durch Ausstößen des Warnrufes des Dohlengrakels, einer amerikanischen Starenart, vermag sie in einer Schar dieser Vogel die größte Verwirrung anzurichten. So bestehen in der Lautäußerung der Tiere vielerlei Zusammenhänge nicht nur innerhalb der Arten, sondern auch in der ganzen höheren Tier- weit Wichtig ist dabei, daß sich auch die Geschöpfe derselben Gegend durchaus verstehen. Wohl sind uns diese Tatsachen gut betann. unb wir erkennen in dem Verstehen der einzelnen Geschöpfe wohl auch Ursache und Zweck aber vieles bleibt uns verborgen, weil ber meist von feinem ego- zcntrischen Standpunkt aus urteilende Mensch zu wenig bestrebt isst sich dem Gesichtswinkel der Kreatur und seiner Umgebung chiäupassen. Aus unseren Erwägungen kann festgestellt werden, daß der Ünterichied in der Ausdrucksweise zwischen Mensch und T,er in der «egliedciten La ^ Ivrache des Menschen liegt, wahrend In der höheren Tierwelt nur ein interjektives Sprechen angetroffen wird. Die Lautaußerung im engeren und weiteren Verbände der Tiere ist für sie als Verstandigungsmittel aber ebenso vollkommen und zweckmäßig wie die Sprache im Leben de- Menschen. _________ „Sie machen sich ja lächerlich. Ich kenne die Geseke besser wie Sie. Aus die Komödie läßt sich kein Richter ein. Jin übrigen Verde ich meine Schuldigkeit tun." Eine milde Wut erfaßt das Mädchen. „Ehnder tüt' ich mitsamt meinem Kind verhungern, als daß ich von dir ein' Pfennig nahm'. Weißt du, was meine Hausfrau, die Belloffen, spricht? .Spuck dem Schuft ins Gesicht.' Alleweil bin ich fertig mit dir!" Mit letzter Kraft sich aufrecht haltend, schägt sie schauernd ihr Tuch zusammen und wankt hinaus. 3. Die Belloffen hatte ungeachtet ihres hohen Alters zwei Laufdienftc im Städtchen zu versehen, den einen beim Antiquar Süß, den andern beim Lehrer Bollhardt. Als die Lene Launsbach mit ihrem Bübchen zu ihr zog, jagte sie dem Antiquar, der ein Krippenbisser war, auf, dem Lehrer blieb sie treu. In ihren Jahren war's nicht mehr gefährlich, sein Herz an einen Mann zu hängen. Ja, ja, das schwätzte man so hin In der Aelte war man auch noch gedürstig, nur daß man's in sich hinein- würgen muhte. Spaß beifeit’! Für den Bollhardt wär' sie durchs Feuer gegangen. Das war ein Mann nach ihrem Geschmack. Dem sah die Gescheitheit aus den Augen und war menschenfreundlich und gut. Bei dem konnte man sein Herz ausschütten und fand immer ein offenes Ohr. Und erst sein Theo! Der vaterte sich, hatte mit elf Jahren eine Vernünftigkeit wie ein ausgewachsener Mensch. Das merkte man, wenn er von Sachen sprach, über die sich andere Kinder gewißlich keine Gedanken machten. Fragen stellte der kleine Bursch, daß man um die Antwort verlegen war. Und wenn er von seiner Mutter selig im Himmelreich erzählte, trat einem das Wasser in die Augen. Freilich könnt' er auch lustig sein. Theater spielen war sein ein und alles. Eine kleine Bühne mit Kulissen hatte ihm fein Vater geschenkt und allerlei seltsame Puppen dazu. Das war eine Seligkeit! Hatte sie die vier Stüberchen in Ordnung gebracht, kommandierte der Theo: ,Frau Belloff, setz' dich, jetzt spiel' ich dir was vor!' Dann kamen die Puppen angehopst und disputierten miteinander, zu possierlich. Zuletzt gab es einen Mordsspektakel. Der Theo bekam einen Kopf, rot wie Zinnober, und die Schweißtropfen liefen ihm über die Backen. Manchmal war auch der Herr Bollhardt dabei und wisperte ihr gemütlich zu: „Frau Belloff, was sagen Sie zu dem Hanswurst? Q Q" Der Lehrer wohnte am Markt in einem uralten Haus, dessen Fassade mit reichem Schnitzwerk und grotesken Fresken eine der Sehenswürdigkeiten des Städtchens bildete. Das Innere war völlig verwahrlost. Vier morsche Treppen führten in die Wohnung Vollhardls hinauf. Dieser nahm die engen, niedrigen Gelasse um der schönen Aussicht willen mit in den Kauf, die er hier in beträchtlicher Höhe genoß. Von den Fenstern flogen seine Blicke über die Stadt weit in die liebliche Landschaft hinaus. Bei klarem Wetter erkannte sein scharfes Auge das heimatliche Dorf. Bollhardt war eines Kleinbauern Sohn. Ungewöhnlich begabt, tat er sich in der Dorfschule dermaßen hervor, daß Pfarrer und Lehrer der Meinung waren, wenn dem Jungen die Gunst widerfahre, eine höhere Lehranstalt ober gar die Akademie besuchen zu können, werbe er in der Welt etwas Außerordentliches leisten. Sie wandten sich an einen Oeko- nomen, der ebensowohl wegen seines Reichtums als auch wegen seiner kirchlichen Gesinnung in Ansehen stand. Dieser bot die helfende Hand. Von dem Pfarrherrn gründlich vorbereitet, wurde Bollhardt in das Gymnasium der Provinzialhauptstadt ausgenommen und bestand das Matnri- tätsexaiuen. Daß er sich dem geistlichen Berufe widme, war seines Schutz- Herrn Wille. Der Abiturient erhob keinerlei Einwand dagegen und bezog als Student der Theologie die Universität. In strengem Kirchenglauben aufgewachsen, mußte er nun die Erfahrung machen, daß die wisienschaft- liche Doktrin der überlieferten Lehre von der Inspiration und Autorität der Bibel offen entgegentrat, daß sie die freie Kritik der kanonischen Schriften für sich in Anspruch »ahm. Alles in unserer Zeit, trug man ihm vor, dränge zu einer geschichtlichen und menschlichen Auffassung der Person Jesu hin. Aufgabe der Theologie sei cs, die Religion aus ihrer über- weltlichen Höhe in die realen und sittlichen Interessen des Lebens zu leiten und mit dem Kulturleben der Gegenwart zu versöhnen. Für die Gemütstiefe und Gewissenszartheit Vollhardls war es bezeichnend, daß er sich drei Jahre lang in schweren inneren Kämpfen wand. Endlich raffte er sich auf und legte seinem Gönner ein freies Bekenntnis ab. Er sei in seinem Kirchenglauben wankend geworden, er fühle sich außerstande, dermaleinst von der Kanzel seiner Gemeinde das Evangelium nach den Geboten der Kirche zu verkünden. Der Patron, aufs höchste aufgebracht, daß sein schönes Geld verloren und sein frommer Wunsch vereitelt war, zog die Hand von seinem Schützling ab. Dieser sah sich aller Mittel bar und von jeder Möglichkeit entfernt, einer anderen Fakultät sich zuzmvenden. Nun galt es, rasch zu handeln. Er bewarb sich um die Stelle eines Volksschullehrers, absolvierte eine Probedienstzeit, worauf er seine Bestallung erhielt. Seit neun Jahren waltete er im Städtchen feines Amts und unterrichtete im Geiste der Liebe, denn die Kinder waren ihm ans Herz gewachsen. Da er im Rufe eines Freidenkers stand, spionierte der Stadtpfarrer nm ihn herum, doch fand Bollhardt einen Rückhalt an dem Schulinspektor, der seine Fähigkeiten kannte. In einer Ehe von kurzer Dauer war ihm kein Glück beschickten gewesen. Bei voller Hingabe an seinen Beruf blieb^ihm Zeit, seinen Neigungen nachzugehen. Er sammelte Volkslieder und -vagen und gab ein stattliches Buch heraus. Ohne ein Sonderling zu sein, mied er die Kneipen, weil er das Kannegießern am Biertisch haßte. Seine Bücher daheim waren seine Freunde, und wenn es ihn unter die Menschen trieb, mischte er sich am liebsten unter das Volk, aus dem er selbst hervorgegangen. Er hatte eine Freibibliothek begründet, die sich regen Zuspruchs erfreute. Da stand er abends am Ausleihtisch, gab jeglichem, der kam, Bescheid. Hier bot sich bann auch Gelegenheit, ein verständiges Wort an den Mann zu bringen. Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Ein Jahr nach Gründung der Bibliothek kündigte Bollhardt öffentliche Borträge an. Die Spießer und Honoratioren schmähten, ein gnädiges Geschick habe das „Volk" hierorts vor dem Aufklärungsdusel bewahrt; nun müsse der leidige Schwärmer kommen und die Alarmtrampete blasen. Vollhardt hatte sich nichts anderes vorgesetzt, als Interesse für die Schätze der deutschen Literatur ,311 wecken. Und das gelang ihm in vollem Maße. Zuerst stellten sich schüchtern ein paar kleine Leute ein, bald reichte das Lokal nicht mehr aus, die Zuhörerschaft zu fassen. Die Philister, die Voll- Hardt verhöhnt hatten., schwiegen still. Das Geheimnis seines Erfolges bestand darin, daß er das Vertrauen seiner Pfleglinge besaß. Auch diese hatten ihre geistigen Bedürfnisse; allein sie offenbarten sich nur dem, der ihr Seelenleben, der ihr Stammeln verstand. Herkunft und Kenntnis des geringen Standes kamen Vollhardt dabei zustatten. So war er ganz in feinem Element. Das Schicksal hatte ihn aus dem Volk heraus im Kreislauf zum Volk zurückgeführt. Die Wegstrecke mit ihrer Bitternis hatte er überwunden. Trübsinn und Unfriede waren ihm fremd. Er stand nicht hoch und doch trug ihn dos Bewußtsein empor, auch an seinem Platz der Menschheit zu nützen.-- Es war an einem Sonntagvormittaa, daß die Bellosfen mit Staubtuch und Besen im Arbeitsstübchen des Lehrers hantierte. Auf dem kunstlosen Schreibtisch lagen allerlei Bücher und Zettel zerstreut. Behutsam fuhr sie zwischen durch, daß alles an feiner Stelle bleibe. Vor Jahresfrist war es ihr passiert, daß sie ein Schriftstück fortgeräumt und hinterher nicht mehr gefunden hatte. „Frau Belloff," sprach der Herr Vollhardt selbigmal, „'s war nur ein Stück Papier. Da wär' am End' nichts dran gelegen. Aber was drauf stand, das schüttelt man nicht aus dem Aennel. Wer weiß, ob ich's wieder zusammenbring'!" Und war betrübt hinaus- gegnngen. Sie hält' sich gerab „verroppen" können. Dem guten Mann das anzutun! Und sie suchte, bis sie schier durmelig war. Ja Prostemahl- zeii! Das Papier mar fort. Seit der Zeit hatte sie Manschetten vor dem Schreibtisch und rührte nicht um die Welt mehr etwas an. In derlei Sachen war der Herr Vollhardt häklig wie er überhaupt in feinem Haushalt auf Ordnung hielt. Seine und des Theo Wäsche legte er selbst in den Schrank. Die Waschgret, die Schlaubergern, nahm manchmal Chlor. Das war der Ruin für die Leinwand und gab Löcher und Risse. So was machte den Lehrer fuchsteufelwild. Kniffe und Pfiffe waren ihm verhaßt. Und daß er feine Sach' zufammenhielt, darin hatte er gewißlich recht. Am Effen knappte er sich nichts ab. Das schickte ihm die 'Adlerwirtin so reichlich, daß es abends noch langte. Obwohl er ein schmales Einkommen hatte, schenkte er unter der Hand viel fort. Freilich immer auf feine Art. Einmal kam ein armer Schlucker. Der gab sich für einen Lehrer aus. Er I)abe- feine Stelle verloren und wolle nach Amerika. Noch fehle ihm das Reifegeld. Der Herr Vollhardt faß gerade bei Tifch und lud den „Kollegen" ein, mitzuhalten. Beim Effen fragte er ihn freu’, und quer und hatte bald heraus, daß der Schnorrer fein Seb tag' fein Schulmeister war. Er ließ ihn ruhig fertig effen. Dann nahm er ihn gehörig ins Gebet. Der Mann fing ein Geheul an, zum Erbarmen. Er fei von Haus Schneidergefell, die Not habe ihn in die Lüge getrieben. Er habe sich redlich um 'Arbeit bemüht, in feinen Kleiderfetzen weife ihn: jeder Meister die Tür. Da holte der Herr Vollhardt einen 'Anzug herbei und obendrein ein paar feste Stiefel. Flugs zog sich das Schneiderlein um und war nicht mehr zum Wiedererkennen. Den Tag darauf fand er in Krainfeld Arbeit und schrieb einen wunderschönen Brief. Den las der Herr Vollhardt und tat so vergnügt, als ob ihm das leibhafte Glück über den Weg gelaufen sei. Mit den „besseren" Leuten im Städtchen verkehrte der Lehrer nicht. Seine Kollegen hielten sich von ihm fern, weil er im Geruch eines Demokraten stand. Schade um den gescheiten Mann! Das Damoklesschwert hing über seinem Haupt. Da brauchte bloß ein anderer Schulinspektor zu kommen, schnapp! ging's ihm an den Kragen. Dann forschte man wohl von oben: wer von seinen Kollegen ist Gutfreund mit ihm? Ja, hieß es, der geht zu ihm und jener. So, so! Das genügte, einen ums Amt zu bringen. Schade um den gescheiten Mann! Aber wie die Dinge nun einmal lagen, keine Vertraulichkeit mit ihm. Der einzige Mensch, der Vollhardt besuchte, war Herr Ambrosius Daquö, Fabrikant des weitbekannten russischen Magenlikörs, genannt Daquewitsch. Das war ein fideler Sechziger, dessen Verstand und Menschenkenntnis die mangelnde höhere Bildung ersetzten. Abgesehen von seinem Destillat liebte Herr Daquö auch sonst einen guten Tropfen. Dieweil ihm der „Rachenputzer" seines Freundes Vollhardt sozusagen ein Loch in den Magen fraß, hatte er ein für allemal aus „Gesundheitsrück- sichten" um die Erlaubnis gebeten, bei den abendlichen Besuchen seinen eigenen Wein trinken zu dürfen. Regelmäßig schickte er sein Faktotum mit einem Korb feiner Marken voraus. Der Lehrer profitierte davon und becherte mit. Zuweilen kneipten die beiden durch. Die Bellosfen war dahinter gekommen, doch schwieg sie fein still. Der Herr Bollhardt lebte so eingezogen, hatte Tag für Tag feinen Plack. Warum sollte der nicht einmal über die Stränge schlagen? Dann wußte sie aus eigner Erfahrung: So'n kleiner Schwipps war nicht zu verachten. Da' fühlte mein sich federleicht und aller Sorgen ledig. — — Das Arbeitsstübchen war blitzblank. Eben ging die Sellosfen daran, das Schlafzimmer in Ordnung zu bringen, als Vollhardt mit seinem Buben hereintrat. Der stattliche Mann mit dem freien Blick, der Junge, feinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten — die beiden konnten sich sehen lassen. Sie hatten den schönen Morgen benutzt und einen weiten Gang gemacht. Theo, der kleine Possenreißer, ließ allerlei Schnickschnnn los. Gegen ihre sonstige Gewohnheit ging die Alte heute nicht daran! ein. Dem Lehrer, der jede Falte in ihrem Gesicht kannte, fiel ihr genehmen auf, und er fragte freundlich: „Frau Belloff, wo fehlt's?" (Fortsetzung folgt.) — Druck und Verlag: Brühl'sche Aniverf itäts-Buch-- uttb Steindruckerei, D. Lange, Gießen.