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Und geb' dir Zähne mehr in deinen kleinen Mund, Und immer was dafür zu beißen! Der Holzhaufen. Von A. M. Frey. Witwe Schlei bekam vormittags gegen elf Uhr eine mächtige Fuhre Brennholz ungefähren. Beim Bauern bestellt und nun von ihm ab* geliesert. Er stach mit der Mistgabel in die Klötzchen und warf sie rasselnd vom Wagen vor bas Häuschen, Um zwölf Uhr war er fertig. Da lagen sie nun wir burdjeinanber, zwar ganz nah ben Kellerfenstern, aber noch lange nicht unten im Keller selbst. Witwe Schlei sah beunruhigt auf ben Bauern, der bie Rechnung präsentiert hatte und nun ben Pferbestrang einhing, weil er gleich nach der Bezahlung losfahren wollte. Sie holte das Geld und äußerte ängstlich: Wie kriege ich bas Holz nur unter Dach und Fach? Morgast, könntet Ihr nicht —" „Nein, ich kann nicht, liebe Frau," lehnte der Bauer ab. .„Ich mutz heim. Ist auch Essenszeit." „Ihr könnt bei mir essen," lockte die Witwe. „Und heut nachmittag, da könnt Ihr bann —" Der Bauer war schon im Abfahren. „Keine Zeit, nichts zu machen," sagte er nur und rückte zum Abschied am Hut. „Schafft es nur selber," lachte er noch. „Es wird euch nichts schaden." Witwe Schlei wußte schon, was gemeint fei: ihre fette Veranlagung. Sie war wütend auf den Bauern und seinen rohen Spott, beschloß, nie wieder bei ihm zu bestellen — aber mehr noch war sie in Sorge wegen des Holzberges. Wenn sie selbst auch gleich nach Tisch anfin'g — sie wurde nicht fertig, ehe die Dunkelheit einbrach. Und in der Nacht, bis zum nächsten Morgen, wurde sicher von dem Liegengebliebenen viel fort« lestohlen. Ob sie Witwe Schlump zur Mithilfe herbeiholte? Aber die chwatzte mehr, als daß sie arbeitete, und trank für fünf Personen Kasse. Sich aus der Nachbarschaft eine Dienstmagd leihen — die faul war und die man obendrein bezahlen mußte? Nein! Lieber selber anpacken, daß die Schwarten krachen! Bekümmert wollte sie sich dem Pickelsteiner zuwenden und wenigstens erst einmal speisen — da meldete sich ein Handwerksbursch ober was er war: ob er nicht eine Kleinigkeit zu futtern bekommen könne. Witwe Schlei durchblitzte es: dich schickt mir Gott! „Ja —” sagte ste gemacht streng und zögernd. „Ihr könnt vielleicht etwas bekommen, etwas Anständiges obendrein. Aber hinterher sollt Ihr auch ein bißchen was leisten." Und sie erzählte ihm di« Sache mit dem Brennholz. Auweh — dachte der Wanderbursch. Aber bann trat er dem Plan boch innerlich näher. — Ein Mittagessen fei nicht genug, begann er zu handeln; da müsse schon etwas Gage bezahlt werden. „Lohn auch noch!" schrie die Witwe. „Für den Happen Arbeit!" „Gar nicht so wenig", sagte der Bursch bedenklich. Er maß den Holzhaufen mit ben Angen. „In einer Stunde könnt Ihr fertig fein," behauptete sie und glaubte selbst nicht entfernt daran. Da durchblitzt« es ben Wanderburschen seinerseits. Er hatte einen Einfall. „Gut!"' rief er hell. „Ich will feste schuften, und wenn ich in einer Stunde damit fertig bin, soll mirs recht sein. Aber Ihr müßt mir für die Stunde fünfzig Pfennig bezahlen." In zwei Stunden wird er fertig, macht eine Mark — rechnete die Witwe; das ist di« Sache wert. „Schön," schloß sie ab. „Dreißig Pfennig für die Stunde höchstens, bas ist mein letztes Wort. Aber wehe, wenn Ihr nicht fleißig seid! Ich sitz' am Fenster und seh euch zu." Der Bursche sagte gar nichts mehr, er schaut« nur noch nach dem Topf auf dem Herd in der Küche. Witwe Schlei teilte großmütig aus; ein dickes Stück Brot bekam er auch. Den Teller aß er leer, aber das Brot quetschte er heimlich in die Hosentasche. Dann sprach er: „Ich komm' gleich wieder. Ich will bloß mal um di« Wegecke und dem Schuster einschärfen, er muß meine Stiefel in einer Stunde genagelt haben." Und damit ging er. Witwe Schlei war so starr ob der Frechheit, daß sie ihm nicht einmal „Gauner elendiger!" nachrufen konnte. Daß sie ihn nie wiedersehe, davon war sie überzeugt. Aber dem war nicht so. Der Bursch ging um die Ecke — nicht zum Schuster, sondern zum Kameraden, der im Wiesengraben hockte, bettel- ungewandt war und auf des anderen Rückkehr wartete. „Karl," sagte der Kämmling, „es gibt was zu verdienen." Und er erzählt«. — „Aber nicht so, wie der fette Geizkragen will," enthüllt« er, „wollen wir verdienen, sondern ganz anders. In zwei Stunden soll ich fertig fein mit dem Holzhaufen. Ich sag dir, Karl, ich werd's in fünfen noch nicht schaffen und will dabei doch heftig arbeiten. Denn — paß auf! — was ich zum einen Kellerfenster hineinwerfe, das schmeißt du heimlich zum anderen wieder heraus auf die Straße." „Das wird schief gehen, Anion", sagte der schüchterne Kerl sorgenvoll. „Das wird nicht schief gehen", ermunterte der Anton. „Dafür sorge ich sckon. Du kommst ungesehen in ben Keller, ich dirigiere dich. Wir wollen der Alien das Holz so lange rein- und rausroerfen, bis wir beide genug haben. Ich weiß schon, wo sie hockt und späht: am Fenster über der Lucke, durch die ich bas Zeug hinunterschaffe. Zu der Lucke, wo du zu tun hast, kann sie nicht Hinschauen." Dann zog er bas Brot aus der Hosentasche und gab es bem Genossen. Und indes der sich stärkte, sah auch er die Welt im rosigen Licht und war bereit zum Angriff. Es glückte, was Anton sich zuerst zurechtgelegt hatte. Karls dünner Körper glitt lautlos durch eine der geöffneten Lucken ins Finstere. Und bann, ehe man zu schaffen anfing, begab sich Anton ins Häuschen zur Witwe, bie ihren beglückten Augen nicht traute und freudestrahlend ein weiches Herz bekam. Er sagte: „Da bin ich zurück, aber ich hab mir's überlegt: unter fünfzig Pfennig die Stunde mach' ich's nicht." Witwe Schlei bewilligte sofort die erhöhte Forderung. Ihrem erleichterten Gemüt war es unmöglich, abzulehnen. Dann begann Anion endlich zu arbeiten. Karl aber auch. Witwe Schlei saß am Fenster, strickte und guckte über die Brille. Anton gefiel ihr zunehmend. Ein netter flinker Kerl, ein beweglicher Junge, wie er sich da unaufhörlich bückte und armweis, mit schwitzender Stirn, bas Holz an bie Lucke trug und hinabfeuerte, daß es dumpf durchs ganze Haus schallte. Was bas ein Gepolter, im Keller und auf der Straße — als seien mindestens zwei an der Arbeit. Weiß Gott, er schaffte für zwei! Was hatte sie gleich im ersten Augenblick gedacht —: den schickt mir Gott? Ja, wirklich, so war es! Der konnte wahrhaftig bequem in zwei Stunden fertig werden. — Bequem für Witwe Schlei, war gemeint. Aber in zwei Stunden war er nicht fertig — und in dreien auch nicht. Sie fing an, unsicher nach dem Regulator zu schielen. Alle fünf Minuten erwartete sie den letzten Arm voll Holz, aber wenn sie sich vorbeugte, sah sie durch die Scheiden immer noch einen seltsam hohen — einen ansehnlichen Haufen, der sie teils befremdete, teils befriedigte. Schließlich ging sie hinaus auf die Straße. Anton gönnte sich sogleich eine Pause, als er sie anrücken sah, und das war auch für Karl unten das Zeichen, sich mäuschenstill zu verhalten. „Na —" versuchte es die Witwe unsicher. Sie wußte durchaus nicht, was sie eigentlich sagen sollte. „Ja", lachte der Bursch treuherzig und ganz Bereitschaft, weiterzumachen. „Warum werdet Ihr denn gar nicht fertig?" fragte sie, plötzlich finster, plötzlich sehr mißtrauisch, weil dies doch völlig unerklärlich war. Da tag ja noch und streckte sich bis zur Hausecke ein Riesenhaufen. „Ich versteh' Euch nicht", äußerte der Bursche gekränkt. „Ihr seht doch selbst, wie ich es mir sauer sein laste. Daß Ihr einen Berg Holz für viel kleiner angesehen habt als er ist, das ist nicht meine Schuld." „Na ja —" sagte die Witwe wieder ratlos. „Ihr könnt doch froh fein, wenn da Jo viel Holz ist", meinte der Bursch. „Je mehr Ihr habt, desto mehr haht Ihr." Das hatte seine Richtigkeit. Witwe Schlei sah es ein. Sie hatte ben Haufen weit unterschätzt. War das nicht zuletzt ein Gewinn? Der Bauer mußte sich zu seinen Ungunften gewaltig vertan haben. Geschah ihm recht, bem Flegel! Welch ein Glück, daß der Bengel dahergekommen war! Sie allein hätte ja eine Woche an dem Holz verstaut. Das heißt, die Hälfte wäre natürlich mittlerweile von der Straße weggeklaut worben. Nein, sie wollte gern bie paar Stunden Arbeit bezahlen. „Also, macht weiter," befahl sie, „damit Ihr wenigstens vor dem Abend ganz aufgeräumt habt." Und ging wieder ins Haus. . Anton griff neuerdings zu und wollte sich schon überlegen — da bie vierte Stunde zu Ende ging —, das Spiel nicht lange mehr fortzuführen --als ein Mann in feiner Nähe auftauchte und „Pst!" machte — zweifelsohne so geheimnisvoll, dnmit Witwe Schlei ihn nicht bemerke. Der Mann deutete durch Gesten an, daß er wisse, es hocke einer heimlich im Keller, — und daß er die ganze Gaunerei durchschaut habe. Verflucht! sagte sich Anton, jetzt ist alles hin! Er wollte schon vorerst einmal fliehen und Karl seinem Schicksal überantworten, da packte ihn der Fremde hastig, doch durchaus nicht unfreundlich am Aermel und flüsterte schnell: er wolle eigentlich nicht stören — nur mitmachen. Er könne sich gut dem Betrieb einfügen. Nichts wolle er verraten, wenn man auch ihn zu etwas kommen lasse. Er sei der Nachbar — arm und verfeindet mit diesem reichen Biest, der Witwe Schlei. Und da sei noch eine Kellerlucken, nach seinem Anwesen zu; durch diese Lucke könne man zur Abwechslung das Holz auch einmal wandern lassen. Er nehme es dort in Empfang und bringe es gern in Sicherheit. Witwe Schlei merkte, daß nicht gearbeitet wurde. Sie öffnete das Fenster. Aber schon hatte Anton sich wohl oder übel mit wildem Nicken einverstanden erklärt mit des Nachbars Vorschlägen und war wieder am Holzauflesen, indes der Nachbar um die Ecke glitt und die Oeffnunq der dritten Lucke durch Karl im Keller veranlaßte. Alles in Ordnung; Witwe Schlei schloß beruhigt das Fenster. Ja — nun begann ein bemerkenswerter Turnus mit den Klötzen: hinein in den Keller, und gleich durch zwei Löcher wieder hinaus! Jetzt hatte am meisten der Karl zu tun, er mußte seinen Freund Anton und gleichzeitig Witwe Schleis Nachbarn aus der Finsternis heraus bedienen. Aber auch oben begann es zu dämmern und finster zu werden und der Nachbar trug übers Gartengrundstück ungeschoren Korb um Korb davon, in seine Klause. Alle waren befriedigt — nicht nm wenigsten Witwe Schlei; sie sah endlich den Holzhaufen unbezweifelbar kleiner werden — denn immer weniger wurde ja das, was Karl dem Anton zurückkommei? ließ, weil er in der Hauptsache den Nachbarn versorgte mit Material, das nicht wiederkam. Schließlich war es so, daß Anton das letzte Häufchen Holz hinabwarf, welches Karl unten säuberlich zusammensuchte und dem Dritten als letzte Gabe hinten heraus weiterreichte. Kein Stück Holz war mehr auf der Straße. Im Keller freilich war auch kerns Dort war nur noch Karl — der sich hinausschwang zum Loch und dem Genossen durch Zeichen zu verstehen gab, er werde ihn drüben im Graben erwarten, wie heute schon einmal. , Anton aber ging zur Witwe und bekam echs Stunden Arbeit bezahlt. , »Wollt Ihr nicht bei einem Bauern in der Nähe im Heu schlafen," fragte sie, „und morgen wiederkommen und mir die Scheite im Keller aufschichten? Es kann nicht so durcheinander liegenbleiben. Ich will Euch noch beschäftigen, ich bin einverstanden mit euch." „Nein", murmelte der Bursch und verbarg ein Schütteln, denn ihn begann zu grausen. „Das Aufschichten müßt Ihr schon selber machen, und dazu mögt Ihr euch ja Zeit lassen. „Richtig", sagte sie, sehr zufrieden, weitere Ausgaben doch vermeiden 3« können. „Gute Nacht." „Gute Nacht", erwiderte der Bursch und lief schon. Oie Spinne von Oongga. Von Friedrich Koch-Wawra. . Es wurde Nachmittag, Abend, Mitternacht. Am Firmament glitzerte ein Meer von kleinen Perlen und über dem Palmenwäldchen leuchtete in strahlender Pracht das Kreuz des Südens. Und noch immer saßen wir mit Mynheer van Straelen vor dem Pfahlgebäude, das die Malaien von Dongga ihren Gästen einzuräumen pflegen. „Jawohl, meine Herren, es ist so wie ich sage. Sieben sind hinein- gegangen, und der Himmel soll mich in meinem eigenem Frikassee schmoren, wenn ich je einen wiedergesehen hätte. Ich verwette mein altes Leben darauf und das Ihrige dazu, daß der deutsche Professor heute noch lebte wenn er auf mich gehört hätte. Aber nein, er wollte in die Höhle blieb darin. Darum Hände weg von einem solchen Abenteuer, das steben ehrenwerten Gentlemen die vorwitzigen Hälse gekostet hat." „Ihr Wort in Ehren, Mynheer van Straelen, aber sagen Sie uns um alles in der Welt, was jenen ehrenwerten Herren eigentlich die Hälse gekostet hat. Daß durch die Temperaturunterschiede in den unterirdischen Sangen schreckhafte Zerrbilder entstehen, ist eine längst bekannte Sache. Aber das braucht doch Niemanden das Leben zu kosten." „Nichts für ungut, junger Herr! Ich war einmal in der Schlucht. Es mögen 30 Jahre her sein jetzt. Das Grausen packt mich, wenn ich heute daran denke. Machen Sie sich nicht lächerlich, Mynheer, mit Ihren Temperaturunterschieden! Mir saß der Tod im Nacken. Ich zitterte am ganzen Körper, als ich das Licht des Tages wiedersah. Im Übrigen denken Sie an Soejadongga. So nennen die Malaien die Schlucht: Soe- zadongga — Tal des Todes!" Still und tief war die Tropennacht. Aus der niederen Hängematte drangen die gleichmäßigen Atemzüge meines Gefährten Sascha. Die schwarzen Heimchen zirpten nicht mehr. Aber ich schlief nicht auf meinem Kissen. Soejadongga— Tal des Todes! Es stand bei mir fest, daß >ch morgen, während der Abwesenheit meines Gefährten in Soejadongga eindringen würde... Cs war ein heißer, sonnenheller Morgen, als Sascha mit dem Hollander Olivier van Straelen auf die Jagd ging. Als sie eine gute Stunde weg waren, traf ich meine Vorbereitungen für den großen Augenblick, wo ich sicher, aber gleichmütig in meinen Stiefeln zu sterben haben wurde. Ich gürtete die Pistole um, steckte die elektrische Lampe mit einer neuen Batterie zu mir und barg mit besonderer Sorgfalt die kleine Jn- lektionsspritze mit unserer gesamten Dosis Morphium, die genügt hätte, um einen Elefanten um die Ecke zu bringen, in meiner Brusttasche. So brauchte ich keine Gefahr zu fürchten. Wurde ich wirklich von der Außenwelt abgeschlossen, oder die bösen Soejadongga-Geister bereiteten mir einen qualvollen Tod, so konnte ich mich mit dem Medikament in den Adern gemächlich zum ewigen Schlaf niederlegen. Mein Weg führte steil bergan, und mehrmals hielt ich kurze Rast um einen Blick seitwärts auf die scharfen Gipfelzüge der „Säge" zu werfen, die wie eine Insel aus trotzigem Urgestein inmitten schiefer- blauer Palmenwalder lag. ' ...Die Sonne stand hoch am Himmel, als ich vor dem Eingang zur Hohle Soeiadongga ankam. Eine muffige Luft, wie in dem verkampfer- ten Verlies eines Althändlers, kündigte mir an, daß ich die Schwelle zu Soeiadongga bereits überschritten hatte. Vorsichtig tastete ich mich an der Wand der Schlucht entlang. Der Lichtschein aus dem oberen Spalt war so schwach, daß man in dem geräumigen Gang kaum eine Pferdelänge weit sehen konnte. Einmal hielt ich die Hand an den Mund und rief etwas. Da kam ein Widerhall von irgendwoher. Als ich zum erstenmal die elektrische Lampe aufflammen ließ, bot sich meinen Augen ein unvergeßliches Bild: Ich stand an der Wand eines großen glitzernden Hohlraumes, der in feinem Innern einen tiefen, spiegelklaren See barg Da — was war das? Dort lag ein Kahn. Zur Hälfte im Wasser, mit einem Stein beschwert. Durch mehrere Lecks war das Wasser eingedrungen Wer mochte ihn benutzt haben? Ich tastete mich weiter durch einen Gang, dessen Wände sich fettig anfühlten. Ein rötlicher Lichtschein von oben her schien mir wie ein Gruß von der Außenwelt. Da —mein Gott! Ich fühlte, wie mir das Blut in den Adern erstarrte. Vor mir stand ein Mann mit einem unförmigen bleichen Gesicht. Wie festgebannt stand das Wesen in der Mitte des Ganges. Jetzt bewegten sich feine breiten Lippen, feine Hände wollten nach mir greifen. Da wurde mir siedend heiß meine Sinne versagten den Dienst. Das Letzte, was ich fühlte, war, wie ich mit dem Kopf an der Gipswand hinunterglitt... Als ich ans der tiefen Ohnmacht erwachte, empfanden meine wieder- belebten Sinne sofort die drohende Gefahr. Ich kroch am Boden weiter und während ich mit fieberhafter Eile der Stelle zustrebte, wo das rötliche Licht von außen her in die Höhle drang, stieß ich mit dem Kopf an Steine und spitze Ecken. Nur heraus aus diesem Felsenkessel! Heraus! Ich rannte gedankenlos den Weg zurück, den ich gekommen war. Dem Stand der Sonne nach zu urteilen, mußte ich wohl an die zwei Stunden dort oben gelegen haben. Als ich im Malaiendorf ankam, traf ich sogleich Mynheer van Straelen. „Wo ist Ihr Kamerad?" fragte er. „Mein Kamerad? Ja, der muß doch bei Ihnen fein. Sie sind doch zusammen auf der Jagd gewesen." „Nichts von Jagd, Mynheer. Es war viel zu heiß. Bei solcher Hitze kommen die Affen nicht heraus. Nach zwei Stunden waren wir schon zurück, und da ist er weggegangen, wollte hinauf zur Höhle, He, he, dachte mir’5 doch gleich, daß Sie auch dort sein würden! Haben Sie ihn denn nicht getroffen?" Ich hatte keine Ruhe mehr. Sascha war gewiß in die Höhle ein- gebrungen. Mynheer van Straelen erklärte sich zu jedem Dienst bereit. Nur in Soejadongga einbringen, das könnte er nicht. _ „Das ist, weiß Gott, kein Zeichen von Schwäche, junger Freund. Sie haben ja den Boten des Todes mit eigenen Augen gesehen. Nehmen Sie das als Warnung hin und versuchen Sie nicht, das Geheimnis von Soejadongga zu entschleiern, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist. Das einzige Opfer der Schlucht, das ich selbst gesehen habe, war der deutsche Professor vor sieben Jahren. Einer von uns fand die Leiche am Ausgang der Höhle. Schneeweiß war sein Gesicht und die Adern traten hervor wie schwarze Linien. Keine Wunde war an seinem Körper, keine einzige. Sieht so ein Mensch aus, der eines natürlichen Todes gestorben ist?" Letztes Rot lag auf goldenen Berghäuptern, als ich zum zweitenmal vor dem engen Felsspalt stand. „Keine zehn Pferde bringen mich in die Höhle hinein!" jammerte der Holländer. Die Sorge um meinen Kameraden gab mir die Kraft, den Gedanken seiner Rettung ins Werk zu setzen. Vorsichtig tastete ich mich durch die Schlucht. Unberührt lag der Kahn an seiner Stelle. Kein noch so kleines Zeichen verriet, daß jemand außer mir die Stille des Berg- schlundes gestört habe. Ich ging weiter durch den Gang mit den fettigen Wänden. In der Rechten die entsicherte Pistole, in der linken Hand die Lampe mit dem Scheinverstärker. Diesmal sollte mich nichts aus der Fassung bringen. Der erste „Bote des Todes", und mein Schuß würde ihn zur Strecke bringen, wenn er ein leibhaftiger Mensch wäre. Da kam noch einmal das Grauen über mich. Einen kurzen Augenblick nur, dann war ich Herr meiner Sinne. Dort lag ein Mensch am Boden, das Gesicht zur Erde gekehrt. Ich rannte hinaus... Ins Freie. Lief über Klippen und Steingeröll. „Hallo, Mynheer van Straelen!" Der Holländer tarn mir entgegen. Wir gingen zusammen der Stelle zu, wo Sascha Wassiljewitsch lag. Van Straelen hielt sich in respektvoller Entfernung. Aber schließlich half er mir tragen. „Dort liegt noch eine Pistole. Mynheer. Nehmen Sie sie mit!" Es war die Waffe meines Gefährten, die entsichert am Boden lag. Dis Ahnung, daß mit dieser Waffe ein Kampf stattgefunden haben mochte, trieb mich zu höchster Eile an, meinen Kameraden ins Freie zu schaffen. Bis in die späte Nacht hinein saß ich am Boden und hielt die Hand meines Kameraden, die Hand — eines Toten. Am Abend des folgenden Tages wurde Sascha unweit der Stelle, wo er des rätselhaften Todes gestorben war, begraben. Kein Wundmal bedeckte feinen Körper. Nur zwei kleine Pünktchen auf feiner Wange, wie die Bißwunde einer Schlange, waren als Besonderheit zu bezeichnen. Im übrigen war seine Haut von einer ausfallend weißen Farbe, und die Adern im Gesicht sahen aus wie schwarze Stränge... Ich habe mit vielen Borneo-Kennern über die Geheimnisse der Felsschluchten gesprochen. Keiner vermochte sie zu erklären. Als ich gegen Ende des Jahres 1922 mit meiner Dissertation beschäftigt war, kam mir ein Buch zu Gesicht: Jan Eoolmans, die Eroberung 1t % in mal -rte Iflil Ich en. mn er Raft, ' zu efer- an- irch !° ^rg- llii- mb der rbe am mn af- ng doch w chon he, ihn ein- M|! M dsr- iter röt- kopf iusl Dem tum ich zur ifer- e zu der war inge rief mal um whl- Da nem gen. inen von lott! ein das Lip- )eif3, wie ■I von Borneo. Darin heitzt es: „So braucht man also die Fata morgana nicht zu fürchten, ruhig muß man bleiben, und vor allem nicht schießen! Denn durch den Schuß werden die schwarzen Kreuzspinnen aus ihren Verstecken gelockt und finden sofort den Weg zu Mensch und Tier. Und so sie gebissen haben, da tritt sofort der Tod ein. Wer deshalb in der Schlucht von der Spinne überrascht wird, der laufe, so schnell er kann und befehle seine Seele unserem Herren und Vater im Himmel!" Dessen aber bin ich gewiß, daß Sascha Wassiljewitsch in der Schlucht geschossen hat. wo be- ge, ch- be, ls- ag. >en zu nd mb. nen von ein« sche !us» Ster» ?ine ior- i Bom Palast der Medici. Von Prof. Dr. Walter Bombe. Jeber Besucher von Florenz kennt den prächtigen Palast der Medici, den sich Cosimo der Alte an der Via Larga, der Breiten Straße, heute Via Martelli, um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts durch seinen Hausarchitekten Michelozzo erbauen ließ. Jeder Baukünstler und jeder Kunsthistoriker bewundert in ihm bas unübertroffene Musterbeispiel eines monumentalen Wohnhauses der Renaissance. Die Loggia an der Ecke, der prächtige Hof mit feinen Säulenhallen, die klare und übersichtliche Verteilung sämtlicher Räume auf gleicher Höhe, die Großräumigkeit des Ganzen und die wundervolle Ausstattung des Inneren erregten Bewunderung bei den Zeitgenossen und späteren Geschlechtern. Hier hat Michelozzo zuerst die Abstufung der Rustika in den einzelnen Stockwerken zur Anwendung gebracht. Während im Erdgeschoß die Quadern nur an den Kanten bearbeitet, sonst aber roh belassen sind, zeigt das erste Stockwerk bearbeitete Blöcke, deren Fugen tief einschneiden, und der Oberstock nur noch in den vertieften Fugen einen Anschein von Rustika. Das Gleiche ist bei den Gurtgesimsen der Fall, bereit oberes feiner und zarter gebildet ist als das untere, und diese stufenweise Verfeinerung des Baustoffes nach oben wird auf das wirksamste unterstützt durch die allmählich abnehmende Stockwerkshöhe. Ein vielfach nachgeahmtes, prachtvolles, vielleicht nur zu schweres Kranzgesims schließt den Bau nach oben ob. Die kleinen, hoch gelegenen Fenster im Erdgeschoß und ein Kranz von Zinnen nebst Wehrgang an der Gartenmauer gaben dem Bau in seinen unteren Teilen den ernsten, feftungsartigen Charakter. Die Spuren dieses Zinnenkranzes sind jetzt, nach den Wiederherstellungs- arbeiten, deutlich zu erkennen. In der Mitte des Säulenhofes stand einst der Bronzedavid Donatellos, und in der Mitte des anschließenden Gartens ein Zierbrunnen, den Donatellos Gruppe der Judith mit Holofernes krönte. Donatello hat vielleicht auch die schönen Medaillonreliefs über den Säulenhallen des Hofes, nach antiken geschnittenen Steinen entworfen. Eine breite Treppe führt hinauf zu der berühmten Hauskapelle, deren Farbenpracht nach einer sorgfältigen Reinigung wieder in der ursprünglichen Frische erstrahlt. Die Reise der heiligen drei Könige nach Bethlehem zieht auf einem Bildteppich in einer prachtvollen Reiterprozession an uns vorüber, mit den Bildnissen der Medici, des Malers Benozzo Gozzoli selbst und mit dem ganzen reichen Gefolge einer italienischen Fürstenreise der Renaissance. In weniger als zwei Jahren hat der rasch schaffende Benozzo diese Fresken bei künstlicher Beleuchtung gemalt, und nur bei Kerzenschein entrollte sich den Zeitgenossen die Pracht des völlig fensterlosen Raumes. Das einzige kleine Fenster der Hauskapelle wurde erst 1659 eingebrochen, als der neue Besitzer des Hauses, Francesco Riccardi, die neue Treppenanlage Herstellen ließ, der die Kapelle beinahe zum Opfer gefallen wäre. Von der Sakristei, die man für spurlos verschwunden hielt, ist während der Wiederherstellungsarbeiten der obere Teil mit einem schönen Friese zum Vorschein gekommen. Das Altarbild mit der Anbetung des Kindes von Fra Filippo Lippi befindet sich jetzt im Berliner Kaiser-Friedrich-Museum. In den mit auserlesenen Kunstwerken geschmückten Räumen des neuen Palastes hauste Cosimo, der „Pater Patriae", während der lebten zwölf Jahre seines Lebens, nach ihm sein Sohn Piero, und später hielt Cosimos Enkel, Lorenzo il Magnifico, hier sein glänzendes Haus, das er und seine Vorfahren mit einem märchenhaften Reichtum an .Minst- mcrten aller Art geschmückt hatten. Piero der Jüngere, Lorenzos Sohn, fügte den ererbten Kunstschätzen neue hinzu, aber als König Karl VIII. von Frankreich in Florenz einzog, stürmte der Pöbel den stolzen Palast, und der König selbst raubte unter dem Vorwande, die Medici seien ihm große Summen schuldig, Kunstwerke und Juwelen im Werte von 100 000 Scudi, nach heutigem Geldwert melr als zwei Millionen Mark. So wurde an einem Tage der kostbare Kunstbesitz zerstreut, an dem die größten Künstler jener Zeit geschaffen hatten. Alles, was die späteren Großherzöge aus dem Hause Medici an Kunstwerken aufhäuften, erreicht kaum an Wert die Sammlung erlesener Stücke, die der Herrscherwille des Magnifico in einem Leben zusammengebracht hat, das nur dreiundvierzig Jahre zählte. Aks nach der elfmonatlichen Belagerung durch die Truppen Kaiser Karls V. die Stadt sich am 12. August 1530 ergab, wurde Alessandro bei Medici erblicher Herzog und der Palazzo Medici feine Residenz, ■aber die Herrschaft des zügellosen jungen Fürsten sollte nicht von langer Dauer sein. Lorenzino, der Genosse des leichtsinnigen Alessandro bei manchem Liebeshandel, ermordete ihn 1537 in einem Zimmer seines Hauses, das mit dem Palast in Verbindung stand. Die Leiche des Herzogs wurde heimlich in die alte Sakristei von San Lorenzo gebracht und dort in aller Eile bestattet. Statt des unbeliebten Lorenzino wählte der Florentiner Senat den Sohn des Giovanni delle Bande Stere, des ruhmvollen Anführers der „schwarzen Banden", Cosimo bei Medici 3um Herzog, der mit Hilfe spanischer Truppen den Aufstand der Flo- J-fntiner Republikaner bekämpfte und den Bau Michelozzos zu seiner Residenz machte. Dann kam die Zeit, als Cosimos Gemahlin die bleiche, stolze E1 eo - Nora da Toledo, den Palast bezog und spanisches Zeremoniell und steife Eleganz am Florentiner Fürstenhof einführte. Aber bald wurde ihr der Palazzo Medici zu eng, und darum siedelte sie zuerst in den Palazzo Recchio und später, 1549, in den Palazzo Pitti über, den Ammanati für sie ausbauen mußte. Das schöne Haus in der Via Larga aber blieb unbewohnt, und im Jahre 1659 verkaufte es Großherzog Ferdinand II. für 41 000 tocubi an den Marchese Gabriel!» Riccardi der es einem Umbau im barocken Geschmacke der Zeit unterzog, wöbe! ein Teil der Sakristei, der Hauskapelle und die Treppe der Medici zerstört wurden. Im Jahre 1715 wurde der Palast nach Norden um sieben Fenster vergrößert, ein Marstall und eine mit Büsten geschmückte Terrasse wurden hinzugefügt. Einen durch den Neubau gewonnenen großen Saal schmückte Luca Giordano mit Fresken, welche die Mediceer als Lichtgottheiten darstellten, und mehr als fünfzig Statuen wurden an den Wänden aufgestellt. Aus dem alten väulenhofe Michelozzos aber machten die Riccardi ein Museum, indem sie antike Büsten, Bruchstücke von Reliefs und Inschriften an den Wänden anbrachten. Mit der Erwerbung des Palastes durch den Staat im Jahre 1814 beginnt eine neue Phase in der Geschichte des Palastes, die unrühmlichste von allen. In barbarischer Weise wurden die bunten Balkendecken weiß übertüncht, Zwischenstockwerke eingebaut und kleine Räumlichkeiten geschaffen, die teils zu Schreibstuben, teils zu Schlafkammern für über zweihundert „Guardie", teils zu Gefängnissen dienten. Das Verdienst, diesen unwürdigen Zuständen ein Ende bereitet zu haben, gebührt Professor Arturo Lina k er, der Jahrzehnte lang die Werbearbeit für die Wiederherstellung mit bewunderungswürdiger Ausdauer betrieb. Man begann damit, das erste Stockwerk wiederherzustellen und mit Bildteppichen zu schmücken; aber erst, nachdem die Gelasse des Erdgeschosses geräumt waren, konnten Restaurierungsarbeiten größeren Stiles beginnen. Sie führten zur Wiederauffindung der alten Eckloggia, die 1530, vielleicht aus statischen Gründen, geschlossen wurde. Die alsdann hier angebrachten „Kniefenster", die ersten ihrer Art in Florenz, hat kein Geringerer als Michelangelo geschaffen. Leider wurden in späteren Zeiten die Deckenmalereien des Giovanni da Udine, eines Schülers Raffaels, und die Lünetten Safaris, als man das alte Kreuzgewölbe der Loggia in ein Kappengewölbe verwandelte, zerstört. Eine zweite Loggia an der Rückseite des Palastes blickte in den Garten. Hier sind die alten Kompositsäulen unter späteren Stuckdekorationen zum Vorschein gekommen. Außer diesen beiden Loggien sind vier große Säle des Erdgeschosses zu neuem Glanze auferstanden. In diesen vier großen Hallen hat das M e d i c i - M u s e u m eine würdige Stätte gesunden. Dieses jüngste unter den Florentiner Museen enthält die Bildnisse der Mediceer und Abbildungen ihrer Stabt« Paläste, Landschlösser und der Villen draußen, vor der Stadt. Durch drei Jahrhunderte, vom Beginn des 15. Jahrhunderts bis zu ihrem Erlöschen 1737 hat diese Herrscherfamilie eine überaus rege und großzügige Bautätigkeit ausgeübt. Wir sehen Bildnisse Cosimos des Alten, seinen Sohn Piero und seines Enkels Lorenzo, den berühmten Anführer der „Schwarzen Banden", Giovanni delle Bande Nere, dessen Sohn Cosimo, den ersten Großherzog von Toskana, Katharina Medici, die Gemahlin König Heinrichs II. von Frankreich, Maria, die Heinrich IV. von Frankreich heiratete, den kunstsinnigen Sammler Ippolito und den Papst Leo X. Aber es fehlen auch nicht die letzten, schon ein wenig degenerierten Großherzöge, von denen Gastone, fett und kurz von Atem, in seiner Allongeperücke ein echter Typ der genuß- frohen Rokokozeit ist. Dagegen fehlen noch die Bildwerke, die einst den Hof und Garten schmückten, darunter die vor dem Palazzo Vecchio ganz sinnwidrig aufgestellte Bronzegruppe Judith und Holosemes von Donatello, der Bronzedavid Donatellos, der einst in der Mitte des Säulenhofes stand, ferner der Orpheus und der Laokoon B a n d i n e 11 i s, zur Rechten und zur Linken der wiederhergestellten Statue Herzog Alessandros von Bandinelli, des weiteren zu beiden Seiten des Portals der Gartenseite die antiken Marmorfiguren des Marsyas, die als monumentale Türhüter gedient haben. Hoffen wir, daß der Tag nicht mehr fern fei, an dem wenigstens einige der jetzt in Museen, Palästen und Gärten der Stadt zerstreuten Kunstschätze wieder in dieses Haus zurückkehren. Sidonie Beeskow. Novelle von E. A. G r e e v e n. Copyright by Carl Sünder Verlag, Berlin W 62. (Fortsetzung.) Während er mit mir spricht, fährt er in feiner Arbeit unbekümmert fort und nickt vergnügt vor sich hin, wenn wieder ein Teilchen des komplizierten Gehäuses blitzblank und funkelnd im Licht der Sonne spielt. Plötzlich richtet er sich auf und schaut über den Zaun auf den Weg, der zwischen Wiesen an kleinen Häuschen und Villen vorbei zur Stadt führt. „Heute früh" — sagt Onkel Josua — „war schon Besuch bei mir, ein merkwürdiger Besuch, die Fremde aus dem Löwen!" Ueberrascht schaue ich ihn an. „Jawohl, die Fremde. Sie fragte, ob bei mir vielleicht Zimmer zu mieten wären. Sie sucht eine ruhige Wohnung für längere Zeit. Senn sie will sich hier niederlassen." Ich spüre, wie etwas Fremdes sich nähert und an den Kreis unseres Lebens pocht; ich höre ihre Füße in nächtlicher Einsamkeit tasten und sehe in die dunkle Verlorenheit ihres Lebens. Wer von alledem sage ich nichts. „Wollen Sie denn vermieten, Onkel Josua?" „Ich könnte sehr wohl zwei Zimmer abgeben", antwortete er nachdenklich. — „Ich habe schon oft daran gedacht, auch der Einnahme wegen. Aber ich möchte nicht gern an die Fremde vermieten!" „Und warum nicht, Onkel Josua?" Onkel Josua nimmt ein weiches Tuch zur Hand und reibt vorsichtig über den Planetenbogen seiner Sonnenuhr, wie wenn er meine Frage überhört hätte; er steckt voll solcher kleinen Eigentümlichkeiten. Aber auch ich kann warten — mir eilt es durchaus nicht! Senn ich möchte wohl wissen, warum er an Siöonie Beeskow nicht vermieten will. Rach einer Weile legt er das Tuch zur Seite und steht mich ruhig an. „Weil diese Frau keine glückliche Bestrahlung hat! Ich fühle das, Herr Wiehl — glauben Sie mir! Wenn man ihr das Horoskop stellte — aber ich werde es nicht tun! — so würde es sich erweisen. Ich stabe mich seit Jahren bemüht, alle schädlichen Einflüsse auf mein Haus und meine Arbeit auszuschalten, soweit uns Menschen das möglich ist ... die Fremde würde mich stören! Darum kann ich sie nicht aufnehmen und wenn sie mir Gold böte! Ich hab' sie zur Frau Berg geschickt, da ist es ruhig und still wie hier!" Warum nur hat er sie zu Hannas Mutter geschickt, frage ich mich; warum nicht zum Lehrer, der doch auch vermietet oder zur Witwe Fuchs? Es ist Zufall, wenn es einen Zufall gibt. Natürlich ist es ein Zufall, denn Onkel Josua weiß nichts von jener ersten Begegnung. Aber ich weiß davon, und der Blick, mit dem die Fremde sich an Hanna Hämmerte, beunruhigt mich. Was kümmert es mich, ob Sidonie Bees- kow eine glückliche Bestrahlung hat ober nicht, es geht nicht um sie! Ich denke an Hanna, die fröhlich ist und voll warmen Lebens, schön und bedenkenlos wie ein Tier! An Hanna, die eine Stunde mit mir durch die Dämmerung geht! Ich will auf meiner Hut sein, denn da ist ein Fremdes, das an unser Leben rührt, eine Gefahr, die ich wittere! — Ich gehe durch die Wiesen, auf denen Birnbäume und Aepfel sich müde geblüht haben und Kohlweißlinge hin und her taumeln, und biege ein zu den Weiden am See, wo meine alte Werkstatt liegt. Ich werde mich vielleicht beeilen müssen, frischen Ton zu besorgen und meine Geräte bereit zu halten, denn es ist eine Gefahr im Verzüge. Ich darf nicht länger meine Tage im Traum verbringen und mit jeder Linie ihrer Bewegungen und dem Rhythmus ihrer Glieder meine Mappen füllen, die niemand sieht, von denen kein Mensch etwas weiß und Hanna am allerwenigsten! Es ist ein Rankenspiel um einen Traum, aber bei Gott! — es ist keine Gestaltung. Wenn ich noch einmal Thomas Wiehl fein will, dessen Werke draußen hoch im Preis standen, dann muß es bald geschehen. Wozu anders wäre ich sonst noch hier? — Einmal muß der Traum sich formen, in dem wir leben und weben, oder es ist zu Ende mit uns! Ich bin nicht mehr jung genug, um zu besitzen, und nicht alt genug, um zu verlieren. Aber ich kann, vielleicht, noch einmal Thomas Wiehl fein, der ich war, und meinen Traum gestalten! Nun ist Sidonie Beeskow bei uns eingezogen. Der Hausknecht vom Löwen hat zwei große Koffer und ihre lederne Handtasche herübergeschafft; man sieht es ihnen an, daß sie aus gutem Hause sind. Mutter Berg findet, daß Fräulein Beeskow alles in allem eine Pensionärin ist, wie man sie sich nur wünschen könne: ein bescheidener Mensch, der feiner Wege geht, selten klingelt und nichts als Ruhe haben will! Sie hat das blaue Zimmer am Ende des Korridors bekommen, dicht nben meinem, aber wir hören nichts voneinander und begegnen uns selten. Wir müßten schon sehr laut und heftig reden, wenn man im Nebenzimmer ein einziges Wort verstehen sollte. Lärm zu machen, ist gewiß nicht meine Art und, wie mir scheinen will, auch nicht der Ehrgeiz von Sidonie Beeskow. Wir bilden eine große Familie bei Tisch, fast wie im Hochsommer, wenn die Fremden das Haus füllen, und Mutter Berg hat wirklich alle Ursache, zufrieden zu fein, denn da sitzen bereits Gäste, die mittags und abends Wein trinken und nicht erst lang nach dem Preise fragen! Um euch nur einen zu nennen: den Fabrikanten Zollinger aus Stuttgart mit feiner hübschen, jungen Frau, die ihre Blicke von einem zum andern wirst und sich ersichtlich um Florian bemüht. Ihr Mann hat eine liebenswürdige Überlegenheit, sie gewähren zu lassen, und wenn es ihn an der Zeit zu fein dünkt, fo zieht er mit unmerklichem Lächeln Florian in ein ernstes Gespräch über Frachttarife und Holzzölle und alle möglichen Dinge, denen Florian durchaus nicht widerstehen kann. Er ist ganz offenbar ein kluger Gatte und ein schlauer Fuchs, dieser Herr Zollinger und für Onkel Josua und mich ein Quell geheimer Freuden! Zumeist kommt Florian als letzter zu Tisch, denn er arbeitet bis zum späten Abend und gönnt sich oft nicht einmal die Zeit, in Ruhe zu essen. Von Fräulein Beeskow hat er kaum Notiz genommen, aber man muß zu Florians Entschuldigung sagen, daß allerdings nicht das geringste in ihrer Erscheinung und in ihrem Wesen liegt, was jungen Menschen Eindruck machen könnte. Sie sehen an ihr vorbei und merken gar nicht, was für ein merkwürdiger Vogel da an unferm Tisch sitzt. Ach, und im übrigen denkt Florian einzig und allein an sein Sägewerk und allerlei Pläne für die Zukunft! Er spricht mit dem Fabrikanten davon, daß er sich ein Haus bei der Fabrik baiyn wolle. So gut geht es dem jungen Florian, daß er an Bauen denken kann! Frau Zollinger neckt ihn ein wenig, weil ein Haus- ohne Frau doch ein Unding sei, aber Florian schüttelt gleichmütig den Kopf. Eine Frau? — Daran ist immer noch Zeit zu denken, wenn das Haus erst 'mal fertig ist! Ich kann von meinem Platz aus sehen, wie Hanna sich zurücklehnt bei seinen Worten und ihn spöttisch betrachtet. Es zuckt um ihren Mund, und es liegt auch ein ganz klein wenig Furcht darin, wie immer wenn Hanna sich lustig macht über Florians unbeholfenen Ernst. Eine winzige, weibliche Furcht vor der Tatze des Büren. Ich bin nicht unerfahren und nicht blind; es sind Frauen genug über Thomas Wiehls Weg gegangen! Sidonie Beeskow sitzt mir gerade gegenüber neben Fräulein von Gillfeldt, die schon seit drei Jahren hier wohnt und von Mutter Berg stets neben die Neugekommenen dirigiert wird, weil sie eine besondere Gabe und Geduld hat, alles Wissenswerte aus den Leuten herauszulocken. Ader ich glaube nicht, daß sie mit ihren listigen Fragen bei Sidonie Beeskow viel Glück haben wird, denn die Fremde ist scheu und auf ihrer Hut; ganz vorsichtig gibt sie Antwort und legt ein Zögern zwischen ihre Worte, wie wenn sie überlege und wäge, was ein liebel« wollender an ihnen beuteln und drehen könne. — Daß sie vor Jahren einmal im Wiener Kamera-Klub photographieren gelernt hat und als junges Mädchen eine Sammlung von Gipsabgüssen schöner und seltsamer Hände begann, daß sie Beides nach einer Weile aufgab, liegen ließ und heute, wie sie sagt, nicht mehr den Mut aufbrächte, sich hinzu- setzen und eine Sache ganz zu tun — das wundert mich durchaus nicht, von ihr zu hören, aber es geht mir im Kopf herum, und ich gäbe manche Skizze aus meinen Mappen dafür, wenn ich die Hände sehen könnte, die Sidonie Beeskow gesammelt hat! Fräulein von Gillfeldt ist Künstlerin, wie sie behauptet, und radiert auf kleinen Blättchen jeden malerischen Punkt am See für eine Berliner Kunstanstalt. Ich glaube, sie wird sehr schlecht bezahlt, aber auf ihren Briesen steht: an die Kunstmalerin Freiin Annemarie von Gillfeldt, und darauf ist sie ebenso stolz wie auf ihren Namen. Einmal im Jahr fährt sie zum Familientag aller Gillfeldts nach Hannover- und sie würde lieber drei Monate hungern als auf diesen Tag verzichten. Auf dem Rückweg besucht sie dann Herrn Lewinski, ihren Verleger, und bespricht neue Schlachtfelder, die Rothenburg und Dinkelsbühl heißen. Auf mich sieht sie ein wenig herab, weil Herr Lewinski gesagt hat, Thomas Wiehl sei zwar vor Jahren ein Künstler von Rang gewesen, aber er verstünde nichts mehr aus sich zu machen. Vortrefflich gesprochen! Wenn ich Herr Lewinski wäre, ich würde akkurat dasselbe von mir sagen! Laßt die Toten ihre Toten begraben und gebt dem Leben, war des Lebens ist. Ich bin kein Freund von Friedhöfen, auch wenn ein Wall von Rosen sie bedeckt und Land und See und die Feme wie ein Märchen der Freude zu ihren Füßen liegen. Wenn ich tot bin, will ich ausgelöscht und vergessen sein; ich will die Welt nicht mehr beschweren mit meiner Mahnung an Vergänglichkeit und eitlen Schnickschnack. Ob dies Leben gut oder -schlimm, arm oder reich war — gleichviel, es war ein Leben, und damit soll es fein Bewenden haben! Ich hatte Augen zu sehen und Sinne zu fühlen; daß ich sie nutzte, war mein Recht, daß ich lebte, war mein Glück! Wenn das Feuer Der- loschen ist, soll man die Asche in alle Winde streuen und weitergehen. Nein, ich bin kein Freund von Friedhöfen, die den Menschen schwach machen und das Leben vergiften. Die vielgerühmte Weisheit der Totengräber ist eine kümmerliche Wichtigtuerei und nichts weiter! Wenn ich dennoch bisweilen auf den Friedhof gehe, so habe ich meine besonderen Gründe, und der Gärtner dort oben weiß schon, warum ich komme. Von Trauerweiden und Efeu hält er so wenig wie ich und züchtet viel lieber die schönsten Rosen. Er läßt blutrotes Leden funkeln gegen den blassen Tod, und das gefällt mir an ihm; wir sind mit den Jahren gute Freunde geworden. Von Zeit zu Zeit geh' ich zu ihm hinauf und hole mir ein paar Stecklinge für Frau Bergs Garten, und weil es Hanna in den Sinn kommen könnte, eine Rose in ihren Gürtel zu stecken. Dann gehen wir zusammen von Strauch zu Strauch, atmen die Fülle und den Duft des Ledens. Die Toten stören uns dabei nicht im geringsten! Der Gärtner hat vor kurzem eine neue und sehr seltene Sorte bekommen, auf die er viel Sorge verwendet, um sie in Blüte zu bringen. Er hat ihr besondere Erde gegeben und kennt ihre kleinsten Bedürfnisse und Wünsche; er spricht von ihr wie von einer Tochter. Da gehen Schritte hinter uns vorbei durch die Allee, und der Gärtner grüßt Sidonie Beeskow. Sie dankt und geht ruhig weiter, die Reihen der Gräber entlang bis zu dem neuen Teil des Friedhofs, der noch nicht bebaut und kaum angelegt ist. Wir schauen hinter ihr drein, und ich frage den Gärtner, woher er die Dame kenne. „Sie kommt fast jeden Tag hierher," erwidert er — „und gestern hat sie sich eine Grabstätte gekauft ... dort hinten, wo man die schönste Aussicht über den See hat und auf die Berge!" Ist es nicht ein wenig merkwürdig von meiner Nachbarin, daß sie kaum zwei Wochen hier ist und schon eine Grabstätte kauft? — Doch der Gärtner schüttelt den Kops: „Daran ist nichts Merkwürdiges, Herr Wiehl — eine Grabstätte kauft sich gar mancher, dem es hier gefällt und der ortsanfäffig werden möchte. Ader viel merkwürdiger ist, daß die Dame bereits zwei Grabstätten besitzt! Jawohl, sie selbst hat es mir erzählt! Eine in Thüringen und eine zweite in Braunschweig. Warum?" — der Gärtner lächelt und hebt die Schultern — „Sie sagte mir, daß ihr die Gewißheit Ruhe gebe,-dort wo es ihr gefiele, eine Stätte für Zeit und Ewigkeit zu haben." Dennoch bleibt es ein seltsamer Kauf, und es wäre das letzte, was ich täte und worüber ich mir den Kopf zerbräche. Laßt die Toten ihre Toten begraben, irgendwo wird auch einmal Raum fein für mich! Aber daß Sidonie Beeskow fo erpicht auf den Tod und um ihre letzte Ruhe fo besorgt ist, das macht mich lächeln. Und ich leg' es zu dem übrigen, das ich von ihr weiß. Es wird noch mehr hinzukommen, das fühle ich, es wird vielleicht mit der Zeit eine ganze Geschichte werden. Warten wir es ab und haben wir Geduld: ich bin nicht mehr so töricht, daß ich alles gleich am ersten Tag begreifen will! * Wenn man Onkel Josua und den Pfarrer von Andelshofen rede« hört, fo ist die Welt bis zum Rande gefüllt mit Mystik und unser Leben durchtränkt von rätselhaftem Geschehen. Und wir Menschenkinder, grob von Sinnen und plump, irren ewig weglos durch die silberzart gesponnenen Gewebe unsichtbarer Kräfte. Der Andelshofer ist ein belesener Mann und hat sich eine sonderbare Methode ausgeheckt, foürt Sagen und Märchen nach und den Geschichten von vergrabenen Schätzen und goldenem Kegelspiel im Berge. Mit Wünschelruten und siderischem Pendel ist er am Werk, deckt Gräber der Vorzeit aus und Siedlungen längst vergangener Geschlechter, holt Verborgenes ans Ligfi und läßt Verwestes auferstehen. (Fortsetzung folgt.) __ Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche LIniverfitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.