SietzenerKnnilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang My Freitag, den 28. Juni Nummer Die Allen und die Jungen. Von Theodor Fontane. „Unverständlich sind uns die Jungen" Wird von den Alten beständig gesungen; Meinerseits möcht ichs damit halten: „Unverständlich sind mir die Alten." Dieses am Ruder bleiben Wollen In allen Stücken und allen Rollen, Dieses sich unentbehrlich Vermeinen Samt ihrer „Augen stillem Weinen", Als wäre der Welt ein Weh getan — Ach, ich kann es nicht verstahn. Ob unsre Jungen, in ihrem Erdreisten, Wirklich was Besseres schaffen und leisten, Ob dem Parnasse sie näher gekommen Oder bloß einen Maulwurfshügel erklommen. Ob sie, mit andern Reusittenoerfechtern, Die Menschheit bessern oder verschlechtern. Ob sie Frieden sän oder Sturm entfachen, , Ob sie Himmel oder Hölle machen — Eins läßt sie stehen auf siegreichem Grunde: Sie haben den Tag, sie haben die Stunde; Der Mohr kann gehn, neu Spiel hebt an, S i e beherrschen die Szene, s i e sind dran. Otto Freiherr von Taube. Von Dr. Max Sidow. Obwohl das dichterische Werk des Freiherrn Otto o. Taube weder seinem Umfang noch seiner Bedeutung nach so gering ist, daß es in der enormen Bücherproduktion unserer Tage verschwinden müßte, so hat es doch noch immer nicht den Erfolg gefunden, der ihm zukommt. Dieses Mißverhältnis zwischen Anerkennung und Wert beruht wohl zum großen Teil auf der Sonderstellung, die der Jdeenkreis, in dem sich Taubes Schaffen vorzugsweise bewegt, zu den herrschenden Gedankenströmungen einnimmt. Gleichwohl ist der gedankliche Inhalt dieses Werkes durchaus nicht so abseitig, wie es einem flüchtigen Beurteiler scheinen könnte, es sei denn, daß man die Zukunft im Hinblick auf die Gegenwart abseitig nennen wollte. Und Zukunft allerdings ist es, um die Otto v. Taube ringt, freilich nicht die Zukunft eines einzelnen Menschen oder gar die seiner eignen Person; allein die Zukunft des deutschen Volkes und Wesens erfüllt ihn, und nur die Sorge um diese Zukunft trieb ihn, in seinen Romanen, in zahlreichen Novellen und Aufsätzen an der nahen Vergangenheit und Gegenwart Kritik zu üben. Diese Kritik ist ein wesentliches Merkmal in Taubes geistiger Haltung. Keineswegs aber handelt es sich bei ihr um eine zerstörende, zersetzende Kritik, um ein Niederreißen des als schlecht Erkannten und um ein Unvermögen zum Neuaufbau; sie kennzeichnet sich vielmehr durch ein stark ausgeprägtes Verantwortlichkeitsgefühl, sie ist in stärkstem Grade wirklichkeitsbetont und darum fruchtbar. Daher bedeutet denn auch das zweite Element in Taubes Werk, das wir als ein sehr ausgesprochenes Formgefühl, ja, als einen sehr bewußten Willen zur Form erkennen, durchaus keinen Widerspruch zu jener kritischen Natur. Im Gegenteil, die Eigenart von Taubes kritischer Veranlagung fordert geradezu die Form, da das Maß der Kritik die Wirklichkeit ist; Form aber bedeutet stets etwas Abgegrenztes, nie etwas bloß Erträumtes, nichts Verschwommenes und Zielloses, sondern eben Ziel und Grenze und darum Wirklichkeit. Wenn Otto o. Taube sich oft und gern einen „Römling" nannte, so will das nicht etwa heißen, daß er seinem Wesen nach undeutsch ist, sondern vielmehr, daß er, der wie wenige das deutsche Volkstum liebt, über dieser Liebe die Fehler und Schwächen des deutschen Geistes nicht vergißt. Um stch nicht selbst zu vernichten, bedarf das zu Schwarmgeisterei, zu Utopien und zu Ewigkeitsdünkel neigende deutsche Wesen einer Ergänzung, die Taube zu finden glaubt in der Klarheit und Schärfe des romanischen Geistes, im Sinn für Wirklichkeit und Form — mag tnan diese Form nun im Politischen Staat und Vaterland, im Künstlerischen Bild und Gestalt nennen. Daß diese Ergänzung eine Notwendigkeit ist, beweist die nie gestillte Sehnsucht der Deutschen nach der Welt des Südens, beweisen zweitausend Jahre deutscher Geschichte. ,Jtfu5 dieser geistigen Atmosphäre und in steter Wechselwirkung von schöpferischer Kritik und Formwillen erwuchs Taubes Werk, und zwar in zwei deutlich von einander unterschiedenen Schaffensperioden, von denen die erste mehr lyrisch, die zweite mehr episch betont war. Taubes erstes eigenes Buch war ein Gedichtband, den er bescheiden „V e r s e nannte. In ihm erscheint die unmittelbare Anschauung der Dinge, die lebendige, sprudelnde Empfindung noch ungebändigt; das strenge Matz der vom Dichter bevorzugten klassischen Formen ist noch nicht durchweg mit dem Inhalt organisch verbunden, fremde Einflüsse, mögen sie nun von Hofmannsthal, George oder d'Anmmzio kommen, sind unverkennbar. Um vieles gereister ist der Lyriker Taube in den späteren Bänden „G e - dichte und Szenen" und „Neue Gedichte", in denen aus der Einheit von verhaltenem Gefühl, gemeinsterter Form und edelster Sprache uns Sehnsucht und Erfüllung, Liebe und Schwermut, Wunsch und Entsagung wie mit einer dunklen, lautlosen Flamme entgegenbrennen. Das epische Schaffen Taubes galt vor allem dem Gesellschaftsroman großen Stils. Im „V e r b o rg e n e n Herbst" gestaltet er die frühe Reife eines jungen und dennoch schon vollendeten Menschen, den er „als ein Beispiel naher Verklärung" mitten hinein in das bunte Treiben einer studentischen Verbindung, in eine Schar noch unausgeglichener, gärender Altersgenossen stellt. In seinem zweiten Gesellschaftsroman „Die Löwenpranke s" spannt Taube den Rahmen weiter. Zwar unterwirft er auch hier zumeist nur einen bestimmten Stand seiner Kritik, doch an Stelle eines engbegrenzten Kreises tritt nunmehr die Weite einer großen Gesellschaftsschicht. Der Blick ist umfassender geworden, Probleme der Zeit werden einbezogen, der Mensch wird zum Glied der Gemeinschaft, die Gemeinschaft zum Bild und Sinnbild des Volkes, das wiederum gleichwertig als Nation im Ring der anderen Nationen steht. Bemerkenswert ist, mit welch unbestechlicher Scharfsicht Otto v. Taube in diesem vor dem Kriege entstandenen Roman die internationalen Verwicklungen jener Jahre, die Spannung zwischen Deutschland und Frankreich, Italiens Krieg um Tripolis gegen die Pforte, die mexikanischen Wirren dargestellt, und wie richtig er damals schon kommende Ereignisse, wie etwa die politische Entwicklung Italiens bis zu unseren Tagen, vorausgesagt hat. Mitten in diesem Zeitbilde aber steht, wie eine Gestalt der Renaissance, der junge Carl Löwenpranke, eine „blonde Bestie" von schier Nietzschescher Prägung. In seinem dritten Roman „Das O p f e r f e st" führt Taube die Gesellschaftskritik folgerichtig weiter zur Kritik an der Volkheit. Der Schwarmgeist Henner Dippel, der als germanischer Heilsbringer das deutsche Wesen zum Weltgewissen aufzurütteln sich berufen glaubt, der Wotan, Baldur und Thor beschwört, und schließlich bas altgermanische Roßopfer mit Holzpferdchen vollzieht, dieser irregeleitete, törichte „ewige Deutsche" wird zum Urbild aller deutschen Fehler und Schwächen, wird zum Symbol der grübelnden, lebensfremden Ueberheblichkeit. Diese bittere Satire erhält im Zusammenhang mit Taubes Gesamtwerk, wozu wir außer zahlreichen Novellen (ein Teil davon ist in dem Bande „Adele und der Dich- t c r" gesammelt), Essays und Uebersetzungen noch die ausgezeichnete Rasputin- Biographie rechnen müssen, über alle Verneinung hinaus Fruchtbarkeit und Größe. Erziehung des Menschen zur klaren Erkenntnis der Wirklichkeit, Erziehung des Volkes zur Volkheit und Nation: das ist Aufgabe und Ziel Otto v. Taubes, darin liegt die Bedeutung feines Werkes, eines Werkes, über das män getrost die Worte aus dem „Verborgenen Herbst" schreiben darf: „Das Außerordentliche kann nicht spurlos vergehen!" --------- J Nicht über allen Meeren wirst du fahren. An Rudolf Alexander Schröder. 1 Von Otto Freiherrn von Taube. Nicht über allen Meeren wirst du fahren: Und feien's helle Meere von so glatten. So blanken Flächen, wie sie keinen klaren Gewässern gleichen, die du je befahren. Und feien's Meere, deren Flut den matten Weichgrauen Seiden mit den glauchen Schatten Vergleichbar ist, du wirst sie nicht befahren. Auch gibt es Meere, deren grüne Tiefen Gleich einem Längstvertrauten dich bestricken Und dir mit innigen Geschwisterblicken Gedanken wecken mögen, die da schliefen. Und Meere, die von goldenem Glanz durchschossen, Der sich zur Stunde, da die Glocken riefen, Als wie ein Honigstrom darein ergossen. Und Meere, die von weißer Milch durchflossen. Und Purpurmeere, dunkles Veilchenschimmern, Und Meere mit perlmutterfarbenem Glimmern. Und Meere gibt es gierender Gefahren Mit Angst und Ahnung unter jachen Wellen, Mit Stürmen, die um ihre Klippen gellen, An denen Planken, Mast und Kiel zerschellen, Und die doch manch ein Siegender befahren — Trotz ihrer Schlünde, die da offen gähnen, Der Todesrosse mit den weißen Mähnen: Das sind die Meere gierender Gefahren! Begegnung mit Napoleon. Von Friedrich 6 d) n n d. Mein Freund Doktor Leander, dessen Erlebnisse und Abenteuer zum Teil in meinem Buch „Das Leben der Schmetterlinge" ausgezeichnet sind, erßäljlt'C i Ich fuhr auf einem kleinen Personenfrachtdampfer von Marseille nach Korsika, um auf der Insel naturwissenschaftlid)« Studien zu treiben. Bei der Reise durch das Thyrenischc Meer waren von den dreiundfünfzig Mitreisenden fünfzig seekrank, und nur drei: ich, ein aus Tonkin nach Korsika reisender französischer Hauptmann, und ein Mann aus Marseille, namens Ferat, fanden sich zu den verschiedenen Tischzeiten an der Tasel ein. Es war zwar «ine kleine, dennoch für mich red)t unterhaltende Gesellschaft, denn der Hauptmann, der übrigens mit Deutschland sympathisierte und auf England schimpfte, erzählte viele Geschichten aus seinem Koloniab leben. Ferat hingegen, ein ausmerksamer düsterer Zuhörer, verhielt sich schweigsam. Er war ein hagerer, baumlanger Mann, von etwa fünfzig Jahren, dessen Gesicht auffallend den Zügen Napoleons I. glich, freilich einem Napoleon, der gewissermaßen aus einem Zerrspiegel im gläsernen ' Labyrinth eines Jahrmarkts hsrausschaute, so schmal und langgezogen, mit wunderlich verschobenen Massen war sein Gesicht. Er ließ sich kaum in das notdürstigste Zwiegespräch ein, auch nicht mit dem Kolonialhauptmann, seine Zurückhaltung war schnurrig hoheitsvoll, als entstamme er einem alten, vornehmen, etwas lächerlichen Geschlecht; sein verunstalteter Cäsarenkopf blieb immer ernst und voll übertriebener Würde. In Korsika angekommen, quartierte ick) mich in Ajaccio im „Hotel des Palmiers" ein, wo man mich bereits seit Tagen erwartete, ich hatte brieflich ein Zimmer aus einige Wochen gemietet. Der Wirt erkundigte sich höflich nach dem Verlauf der Reise, und fragte beiläufig, ob ich aus dem Schiff etwa die Bekanntsd>rst Napoleons gemacht habe. „Sie meinen wohl Monsieur Ferat, der wie Napoleon aussieht?" „Eben den ..." bestätigte der Wirt. „Ein sonderbarer Mann", deutete ich an. Der Wirt zwinkekrte vertraulich, befriedigt darüber, daß auch id) Ferat für einen kuriosen Kerl hielt. Und jo erfuhr ich denn, daß Ferat, der alljährlich nach Korsika reiste, auf der Insel allgemein „Napoleon" genannt wurde. Er war ein reicher Kaufmann aus Marseille, der sick) für einen Nachkommen des großen Korsen ausgab, und mit närrischer Leidenschaft Napoleonreliquien sammelte. Jahr um Jahr durchstöberte er die Insel nach Andenken, ohne freilich viel Erfolg zu haben, denn die korsischen Erinnerungszeichen waren längst in dem dortigen Napoleonmuseum geborgen. Wie mir aber der Wirt berichtete, hatte Ferat im vergangenen Jahr ein großes Gartengrundstück im Innern der Insel erworben, samt einem Bauernhaus, weil in diesem Garten angeblich Napoleon als korsischer Junge von einem der alten Bäume Obst geklaut hatte. Ferat, sehr stolz auf seinen Kauf, ließ «ine Tafel anbringen, mit der französischen Aufschrift „Garten des jungen Napoleon", und einer Erklärung, die lang war wie ein Roman. „Sie werden das Vergnügen haben, mit Napoleon auch hier an einem Tisck) zu speisen, er wohnt nämlid) bei mir", meinte der Wirt. Und so war es. Aber „Napoleon" taute auch in Ajaccio nicht reckst auf, er war, dem Beispiel des echten Napoleons folgend immer wortkarg, brütete vor sich, als wälze er gewaltige Pläne, prägte seine bronzene» Gesichtszüge wie ein ewiger Schauspieler, und liebte es, einsame Spaziergänge zu unternehmen oder weite Ausslüge, auf der Suche nach neuen historischen Schaßen. Ich beachtete ihn wenig, zumal ich auch häusig unterwegs war, um meine Studien zu verfolgen, mich an dem wunderbaren Golf von Ajaccio herumtreibend, wo das Meer Algen, Muscheln, Quallen und allerlei Getier ans Land und in meine Botanisier- und Jnsektentrommel spülte. Eines Tages, ich hatte den jd-rulligen Franzosen längere Zeit nicht gesehen, weilte id) im Innern der Insel in einem kleinen Dorf. Der echte Napoleon hatte damals, seinen Landsleuten zum Geschenk, in der Nähe einen großen Aquädukt vorübergeführt, dessen Bogen tiefe Täler und Schluchten überspannten, das Wasser floß weither, Dörfer und Hauptstadt speisend. Auf schwindelnder Höhe wanderte ich auf schmalem Steiurand an der Wasserleitung entlang, um die Flora und Fauna dieses Aquädukts zu ersorschen. Wasserpflanzen hatten sich darin angesiedelt, Algen und Moose, auch mancherlei Getier lebte darin, so Blutegel, Frösche und Wasserkäser. . „ „ ,. Ab und zu schlängelte auch ein« Ringelnatter im Wasser, hmunter- schwimmend nach Ajaccio. Das Wasser war also reichlich bewohnt, und Sh deshalb auck) mehr einem Bach als einer Leitung von Trinkwasser. entdeckte sogar verrostete Blechbüd)s«n und sortgeworfene Schuhe aus dem Grund der Rinne, was aber nach Ansicht der Korsen dem Wohlgeschmack keinen Abbruch zu tun schien; ein Eingeborener, dem ich später von Fröschen, Ringelnattern, Konservenbüchsen und alten Schuhen in seiner Wasserleitung erzählte, meinte harmlos, das schade gar nichts, das Wasser flösse ja, ehe es in den Brunnen laufe, durch ein ! eisernes Gitter... Ich ging also auf dem schmalen Steig des Aquädukts dahin, über bie tiefen Schlechten und Täler, dem Ursprung zu, der in dem ansteigenden Bergland zu suchen war. Nad) einiger Zeit kam ich durch ein enges Tal und drang zu einer Höhle vor, die sich wie ein Tor auftat und den steinernen Weg des Wassers herausschickte. Nicht sogleich trat ich ein. Zu Unter Hand in einer flachen Mulde entzückte mich ein Feld blühender Asphodelen, eine ganze Flur hochgeschossener Pslanzen, ein üppiger Lilien- gorten, der unter der heißen Sonne aufstrahlte. Es waren wohl an Die tausend weitzblllhender Stengel, die in der Einsamkeit und Abgeschiedenheit des Tales wuchsen, und es waren wohl ebenso viehe Zirpen und Zikaden, die in dem Liliengarten geigten und schrillten, als feierten he ein wildes Jnsektenfest. Die Grillenmufik erfüllte das Tal mit ihrem ununterbrochenen Schwirren, Wehen und Zirpen, ein betäubendes Konzert war im Gang, das diesem Insekten-Heerlager entschallte, so schwirrend, als risse eine Hand fortgescßt an einer gläsernen, zwischen Erde und Himmel gespannten Saite. Da das Wasser lautlos in feinem bett strömte, verfolgte mich der Lärm der Zirpen bis tief in die Hohle, in die ich nun hineinklettert«. ,, r _ Unterweltsstimmung kam über mich. Die Flut schoß schwarz an mir vorüber durch das Tor, das ein ametystleuchtendes Stück des Himmels ausschnitt: ich wurde an die Odyssee gemahnt, an die griechische Unterwelt und an die Asphodeloswieseii, darauf die Seelen der Verstorbenen als Zikaden zirpten, gleich den Grillen, die mir jetzt ihre tierische W nachschickten. Und so, angerührt vom Schauer der antiken Legende, stolperte ich im matten Schein des verlorenen Tageslichtes vorwärts. Plötzlich gewahrte id) vor mir, es mochte in einer Entfernung von fünfzehn Meter sein, ein schwebend weißes Viereck, einer weihen W ähnlich oder einem bleichen Fenster, eingefugt in die schwarz«. Ms- war es nur? Wahrscheinlich doch bloß eine Inschrift, die hinwies aus Die Bedeutung der Quelle und den Bau. Ofsensichtlich, es konnte nichts anderes sein. Gebückt schob ich mich näher und schräg auswärts, umslu ten und besprochen von dem Geschwätz des von oben herabgleitenden Kapers, das hinmurmelte wie die Seufzer Verstorbener. Das Viereck nahm an Größe und Deutlichkeit zu, und nun sah ich plötzlich über der oberen Kante ein blasses Oval stehen, wie ein riesiges Ei. Sonderbar! Indes ich nun immer näher kam, wurde aus dem Viereck ein nötiger Quader, den ich endlick) als einen Kalksteinblock erkannte. Cs m ein behauener Stein von der Größe und Höhe eines Tisches, der irgen einmal hier aufgestellt worden war, denn weit und breit gab es re Kalkfelsen, das ganze Gebirge hatte sich aus Urgestein, aus Granu, - baut. Möglicherweise befand ich mid) in einer uralten Hohle, Die ei i einem barbarischen Götterkult gedient hatte, und der weiße Quader:w ein marmorner Opferaltar, von Vorzeitmenschen weit hergeholt, uno Ehren heidnischer Götter in die Höhle gewälzt. .. ... Und das blaue Oval? Darüber war keine Täuschung möglich, war der Kopf meines Reisegefährten, der langgezogene, verzerrte j» ) „Napoleons". Ferat saß aus einer Fesenstufe wie auf einem Stuyi Ms dem magischen Unterweltstisch, hatte die Hände auf den Mitten . gelegt und starrte ohne Regung, in einer fürchterlichen Anstrengung Nickst über allen Meeren wirst du fahren! Wo sind die Meere mit den grünen Tiefen, Die Meere, die, wenn Abendglocken riefen, Wie Mild) und Honig waren, wo die hellen Wie Seide, wo die schwarzen Todeswellen, Die Meere aller Wonnen und Gefahren? Nicht über allen Meeren wirst du fahren! — Sie aber schwellen an den fernen Küsten, An felsigen, die nach den Nebeln ragen Und ruhevoll ein steinern Lächeln tragen Gleich vielerscihrenen Greisen; an die Wüsten, Die selber weite gelbe Dünenmeere, An Küsten, die vom Schatten alter Wälder- Bedeckt, an Küsten fetter Weizenfelder, An Küsten, die von einer vollen Schwere Der Gürten triefen, wo die trauten Stätten Der Menschen sich in grünen Hainen betten: O Herbst, da Schiffern, die zu lang gelitten Vom salzigen Weh, der überreifen Quitten Herzstärkender Geruch von goldenen Hängen Entgegenweht, und zu berauschten Sängen Die Saiten schwirren in dem Abendblaun! Du aber wirst nicht alle Küsten schaun! Von allen Früchten wirst du nicht genießen, Nicht alle Blumen wirst du, die da sprießen. Zu Kränzen winden, nickst auf allen Weiden Und Hügeln schreiten, wo du neue Herden Von Tieren, die da zahm gehalten werden, Und Tieren, die in wilden Rudeln weiden, Erblicken magst; wirst nicht auf allen Rossen Dich tummeln, nicht mit jeglichen Geschossen Nach jedem Ziele werfen: Länder, Meere Sind dir und deinem innersten Begehre Versagt; verschlossen Freuden und Gefahren! Denn nicht auf allen Meeren wirst du fahren! Und eines wisse noch: in fremden Gauen, Da sitzen abendliche Spinnerinnen, Und andere Mädchen tanzen auf den Auen In Nebelschleiern, andere weilen drinnen In prunkenden Gemächern: alles Fraueii, Die lächeln können und mit weichen Händen Dich streicheln können und allein im Tasten Bedrückendes unfc alles Arge wenden. Nicht wird dein Haupt in ihrem Schoße rasten, Sticht wird ihr Haar an deine Wange streifen, Du wirst sie niemals kennen, nie begreifen. — Und in der Schar der weitentfernten Frauen Und auf den fremden, abendlichen Auen Singt vielleicht eine abseits der Gespielen, Singt vielleicht eine unter allen vielen Bon einem, den sie ewiglich zu suchen Geheißen ist, von einem süßen Kummer, Den kaum sie kennt und singt sich in den Schlummer: Du wirst sie nie und ihre Stadt besuchen, Wirst niemals euer beider Sehnen stillen, Und lebst in diesen deinen kurzen Jahren Allein für sie, allein um ihretwillen ... Denn nicht auf allen Meeren wirst du fahren. > Fern! 5er all- lenannt ' einen enschast t Insel rsischen um gc- ngenen ; n, samt s korsi- at sehr Rsischen I ne lang i einem cht auf, artkarg, anzenen -pazier- ) neuen häufig rnmder- liischeln, er- und eit nicht >er echte 'r Nähe ler und mptstadt teinrand ; Aquä- , Algen sche und inunler- >nt, und ckwasser, whe auf i Wohl- r, dem \ b allen )abe gar rrch ein über die eigenben iges Tal den stei- ein. Zu lühender 1 r Lilien- 1 an die schieden- pen und erten sie rem un- Konzert Wirrend, rbe und em Beit )öhle, in an mir Jjimmels e Unter« torbenen )e Musik rbe, flol- s. ung von en Tafel je. ®as s auf die ichfs an« mflüftert Wassers, «ihm an r oberen in mäch- Es war r irgend es keine ranit, er- • die einft aber war , und zu lief): das > Schädel chl hinter en Black . jung und tätigteit gesehen haben; aber Ludwig, der fie kannte wie ein Bruder, ging immer auf sie und ihre Wünsche ein. Er war einverstanden, als sie während eines Hungerjahres am Fuße der Wartburg ein Hospital mit achtundzwanzig Betten errichtete und selbst die Kranken darin pflegte. Als er das Kreuz nahm und sie verlieh, die ihr drittes Kind erwartete, erfüllte fie der Abfchiedsfchwerz ganz, und doch war ihr zuweilen der Gedanke gekommen, daß sie, wenn er nicht wäre, er und die Kinder, daß sie dann die Welt verlassen und Gott, das heißt den Armen und Kranken, dienen würde. Da er starb, war ihr Weg ihr vorgeschrieben; die Bemühungen ihres mütterlichen Oheims, des Bischofs von Bamberg, sie wieder zu verheiraten, wies fie energisch zurück. Sogar der Kaiser, Friedrich II. von Hohenstaufen, soll um sie geworben haben und von ihr mit Bezug auf ihr Gelübde zurückgewiesen fein. Auch das Gute, das von der Religion Geforderte, durfte man damals - nur mit Einwilligung der Kirche tun. Schon zu Ludwigs Lebzeiten und mit (einem Einverständnis stand Elisabeth ihr Beichtvater zur Seite, Konrad von Marburg, ein vornehmer, angesehener Mann, vermutlich aus. dem ältesten Marburger Burgmannengeschlecht, das wie die anderen un« , terhalb der Burg wohnte. Er förderte ihren Hang wohlzutun, widersetztes sich ihr aber auch, wenn sie darin zu weit zu gehen schien; so lieh er es zum Beispiel nicht zu, daß sie auf ihr ganzes Vermögen verzichtete, da. ihr der Besitz ja ermöglichte, Gutes zu tun. Wohl auf Konrads Betreiben, der feinen Heimatort liebte und ihm auch das Stadtrecht verschaffte, wies Ludwig feiner Frau Marburg als Witwensitz an; dorthin ging sie, nachdem sie die Gebeine des verstorbenen Landgrafen im Kloster Reinhardsbrunn beigefetzt hatte. In Marburg ließ sie in Fachwerk ein Hospital errichten, das sie dem heiligen Franziskus weihte, und das sie mit zwei Wienerinnen bezog. Nach zwei Jahren eines.; Lebens unermüdlicher Aufopferung starb Elisabeth vierundzwanzigjährig?- Ob es wahr ist oder nicht, daß von ihrem Leichnam Wohlgeruch ausging,' ein jenseitiger Hauch umgab sie und hätte fie dem Volke als Heilige kenntlich gemacht, wenn sie auch nicht vom Papst nach dem üblichen Prozeß und bezeugten Wundern kanonisiert wäre. Konrad von Marburg hatte bei allen Handlungen Elisabeths mit- , gewirkt. Sein Verhalten, und was in feiner Seele vorging, ist nicht leicht zu erklären; denn während er zuweilen um ihrer Gesundheit willen ihren Hang sich zu opfern mäßigte, befahl er ihr, die beiden Dienerinnen, die zugleich Freundinnen waren, zu entlassen und anstatt ihrer zwei häßliche, schmutzige alte Frauen anzunehmen, um sich in Geduld und Demut zu üben. Vielleicht befolgte er damit die unmenschliche, wenn auch weise Maßregel der Kirche, die es denen, die sich Gott gelobt haben, verbietet, ihr Herz an einzelne Menschen zu hängen; Elisabeth hatte wohl die zärtliche Gewohnheit des Liebhabens, soviel ihr auch schon entrissen war, und wieviel Erbarmen sie auch über die Leidenden ergoß, nicht ganz abtun können. Man könnte glauben, daß ihr Tod seine Strenge noch verschärft habe; denn zwei Jahre danach begann er in Marburg Ketzer auszuspüren und zu verfolgen, wodurch er Haß erweckte und fein eigenes Ende herbeiführte. Unter denen, die er der Ketzerei anklagte, befand sich der Graf Heinrich von Sayn. Um dem schimpflichen Feuertode zu entgehen, bekannte sich der Gras schuldig und demütigte sich; aber die Rache behielt er sich vor. Auf einer Reichsversammlung in Mainz, wo auch Konrad von Marburg mar, erhob er Anklage gegen ihn und verlangte Untersuchung. Da Konrad um Aufschub bat, wurde zunächst nicht auf des Grafen Klage eingegangen; einzig der Erzbischof von Trier sprach zu Heinrichs Gunsten. So ungerechtfertigt geblieben, überfiel der Gras den von Mainz heimkehrenden Konrad und tötete ihn, der kläglich um fein Leben bat. Er wurde in der Hofpitalkapelle des Marburger Franziskus- klosters begraben, und feine Gebeine wurden später in die Elisabeth- kirche übertragen. Ein Jahr nach Elisabeths Tod war es, daß ihr Schwager, Ludwigs jüngerer Bruder Konrad, im Kampfe mit dem Erzbischof von Mainz Fritzlar zerstörte und mit dem Banne belegt wurde, von dem er sich nur durch schwere Buße lösen konnte. Von diesem merkwürdigen Manne könnte man glauben, daß er Elisabeth nahegestanden habe, oder daß ihm zur Zeit seines Umschwungs der Sinn für das Ueberirdifche ihres Wesens aufgegangen fei; denn namentlich er war es, der, nachdem er in den Deutschen Orden eingetreten war, ihre Kanonisation und den Bau der Kirche über ihrem Grabe betrieb. Am 1. Mai 1236 wurden die Gebeine der neuen Heiligen mit großer Feierlichkeit im Beisein Kaiser Friedrichs II. und seiner jungen Frau Isabella erhoben. Auch ihre Verwandten, ihre drei Kinder, die thüringischen Landgrafen und Gräfinnen, andere Fürsten, Grafen, Edelleute, Bischöfe waren in großer Zahl gekommen. Der Kaiser, der büßermäßig gekleidet und barfuß war, aber die Krone trug, stieg zuerst in die Gruft hinab und half den Bischöfen, die Leiche aufzuheben, die in der Nacht vorher von Franziskanerbrüdern in Purpur eingehüllt war; so wurde sie dem Volke zur Schau gestellt. Beim Hochamt fang der Erzbischof von Mainz die Messe. Sinnvoll und schön ist es, daß da, wo Elisabeth lebte und starb, heute der Stadtteil der ärztlichen Wirksamkeit ist, wo sich Kliniken aller Art befinden. Von dem Hospital zwar, das Elisabeth errichten ließ, und wo sie ihr kurzes Leben beschloß, ist nichts übriggeblieben; es wurde abgebrochen, als der Bau der Kirche so weit fortgeschritten war, daß die zum Hospital gehörige Kapelle und das Grab der Heiligen darin aufgenommen werden konnten. Der Name Firmaneiplatz erinnert noch an die Jnfirmaria, ein Haus für kranke Ordensbrüder und Pilger, das im Siebenjährigen Kriege bei der Beschießung durch die Franzosen ab- brannte. Beim Hinwegräumen des Schuttes der dazugehörenden Kapelle fand man in einem Reliquienbehälter ein zu einem Ringe gewundenes goldblondes Haar, von dem man annimmt, daß es Elisabeths sei, um so mehr, als sie auf mittelalterlichen Bildern stets blond dargestellt wurde. Oestlich von der Kirche stehen noch einige feste Giebelhäuser von den Gebäulichkeiten des Deutschen Ordens; denn Elisabeths Schwager Konrad gründete hier eine Kommende, deren Komtur er wurde, und der auch die Elisabethkirche gehörte. Auf ihrer anderen Seite ragt in das Geäst von Bäumen hinein ein bohes Kruzifix, das die Grabstätte des letzten katho- » lijchen iibfomturs czeichnet. Einst war der ganze Platz von Mauern lohenden Wildheit geradeaus in den blauen Ausschnitt des Tores. Sein ’Änblirf war ebenso überrasthennd wie befremdend. Was mochte er nur treiben? War er verrückt geworden? Er beachtete mich nicht. Ohne mir öen kleinsten Seitenblick zu gönnen, wiewohl ich dicht bei ihm stand, verharrte er in feiner Haltung, und selbst, als ich ihn vorsichtig am Arm berührte, weil ich glaubte, er fei gestorben oder eingeschlafen, rührte er Heb nicht. Unverwandt blickten feine Augen dem schwarzsilbern hin- iooenben Wasser nach, den tausenden kleinen Wellen, fein Gesicht hatte ben Ausdruck einer starren Ekstase, einer versteinerten Glut. Unheimlich lab er aus. Unter seinen Augenbrauen hingen die Schatten wie Gewitterwolken die Stirn wuchs empor, fahl wie Kristall und Tropfstein, sein haar schien mit der Wölbung der Höhle zusammenzurauchen zu undurchdringlicher Finsternis. Dunkel und zottig wie zwei abwärtshängende Wurzelspitzen war sein Walroh-Schnizrrbart. Ich ließ ihn sitzen, den seltsamen Mann, störte ihn nicht weiter. Mich on ^r Wasserrinne entlang tastend, verlieh ich den Marmortifeh und fand im Hintergrund der Höhle den Ursprung der Wasserleitung. Ich wandte mich dann seitwärts, noch einmal zurückblickend auf „Nopoleon". Noch immer hockte er an seinem Zaubertisch, und sein Langschädel zeichnete sich von dem geringen Stück Himmelsfarbe, die ich noch wahrnehmen konnte, ^^Surth^c'ine Seitenschlucht verließ ich bald die Höhle, wieder hinaus- tretend in den heißen, blendenden Nachmittag. Ich durchzog den Aspho- bilqarten, und die Blütenflammen, knisternd vom Gezirp der Zikaden- beere umloderten mich und fchlugen über mir zusammen. Als ich nach einiger Zeit nach Ajaccio in mein Hotel zuriickkam, fragte mich her Wirt aufgeregt, was zwischen mir und „Napoleon" vorgefallen fei Napoleon" habe ihm voll Entrüstung erklärt, nie wieder mit mir an einem Tisch fitzen zu wollen. Ich sei ein ganz furchtbarer Mensch. Ich erzählte dem Wirt mein Erlebnis, und der gute Mann wußte nicht, was er davon halten sollte. Ferat aber wirf) mir aus. Ich vergegenwärtigte mir noch einmal das Hohlenbild. Hatte der sonderbare Mensch an dem Ovsertisch den Geist NapoleonsI. beschworen? Wie eine Art von Barbarossa kam er mir vor, der in seinem korsischen Snfftouferberg sah und in die alte Zeit hinunterlauschte. Oder hatte er «ich in seiner abwegigen Träumerei in der Gestalt Napoleons I. selber oesehen und die hinausrollenden Wasser waren seine Kriegsheere, die er in die Welt schickte beim Wirbel- und Geigenklang der Zikaden, seiner Schlachtmusik? Und so hatte er vielleicht, von seinem unterirdischen Feld- herrnsitz aus, Napoleons Kriegsplan, die Welt zu erobern, vollenden wollen, ich aber mochte ihn durch meine Hinzukunft in feinem wahn- vollen Werk gestört haben, ... So dachte ich, und ich sich ihn nicht wieder , Marburg und die Heilige Elisabeth. Von Ricarda Huch. Der offenbar gute Erfolg ihrer Essay-Sammlung aus der Geschichte der deutschen Städte hat Ricarda Huch ermutigt, in einem neuen Bande: „N eue Städtebilder (Verlag Grethlein & Co., Leipzig 199) eine gründliche Nachlese zu halten. Auch das Studium dieses neuen Bandes kann uns nicht veranlassen, unser Urteil über diese Art Städte-Monographie, die in leider recht vielen Fällen an das „Dünngedruckte" im Baedeker erinnert, zu revidieren. Um so williger geben wir zu, daß einige wenige Essays sich über dieses Niveau beträchtlich erheben, Essays, in denen die große Gestaltungskunst der Dichterin sich an einem adäquaten Stoff voll entfalten konnte. Als vielleicht bestes Beispiel greifen wir im folgenden einige Abschnitte aus dem Essay über unsere Nachbarstadt Marburg heraus. Im Jahre 1207 tarnen Heinrich von Ofterdingen und der Zauberer und Gesangsmeister Klingsor nach Eisenach, wo Landgraf Hermann von Thüringen auf der Wartburg Hof hielt. Ritter und Bürger tarnen Kling« for zu begrüßen und fragten den Sternkundigen, was er in den Äschen des Himmels gelesen habe; da sagte er, in dieser Nacht werde dem König Andreas von Ungarn eine Tochter geboren werden, die Elisabeth heißen und dem Sohne des Landgrafen die Hand zur Ehe reichen werde. Ihre Heiligkeit werde von Marburg aus durch Deutschland und die Welt strahlen und die ganze Christenheit erfreuen. Vierjährig wurde die Königstochter nach Eisenach an den Hof des Landgrafen gebracht, um mit ihrem künftigen Gatten, der damals elf Jahre alt war, zusammen auszuwachsen. Zwei Jahre später wurde ihre Mutter, Gertrud, aus dem ausgezeichneten Geschlecht der Grafen von Meran, von ungarischen Edelleuten ermordet, und bald daraus verfiel Ludwigs Vater in Geisteskrankheit und starb, infolge von Streitigkeiten mit Mainz mit dem Banne beladen. Die verlobten Kinder, die sich lieb hatten, werden trotzdem eine frohe Zeit miteinander gehabt haben. Ob aber die Kleine nicht im stillen Heimweh in sich ftug? Ober ob ihr als Crde von der Mutter, deren Schwester als Königin von Polen eine Heilige wurde, Heimweh nach dem Himmel angeboren war? Es ist überliefert, daß fie ein heiteres Temperament hatte, gern lachte und tanzte; so hatte sie vielleicht einen tätigen Geist in zartem Körper, war fie durch- filüht von dem göttlichen Trieb zu Helsen, zuzugreifen, wo es nottut, der sich mehr bei lebhaften als bei träumerischen ober sentimentalen Naturen finbet, wenn er auch mit zeitweiliger Melancholie wohl zu vereinen ist. Eie gehörte nicht zu benen, die ihr Interesse unb Gefühl auf einen ober ganj wenige Menschen beschränken; wohl liebte sie ihren Mann zärtlich, aber bies Glück erfüllte sie nicht ganz, es drängte sie, ihre fürstliche Würbe, ja ihre Liebe selbst wegzuwersen, unb sich den Armem den Schützlingen Gottes, aufzuopsern und dadurch selbst zum Kinde Gottes Zu machen. Als der Bericht von dem Leben des heiligen Franz zu ihr drang, empfand sie es als ihren Beruf, ihm nachzufolgen. Am Hofe mögen chunche mit Befremden und andere mit Unwillen den Umgang der froh- "chen jungen Fürstin mit den Armen und ihre verschwenderische Wohl- umgeben und bildete ein Reich für sich: denn die Komture! war retchs- unmittelbar und übte das Asylrecht aus. Gegenüber, durch eine Treppe zugänglich, befindet sich, die alte Michaelskapelle umgebend, ein Friedhof, wo die Pilger begraben wurden, die in Marburg starben, und der später als allgemeiner Begräbnisplatz diente. Von den Flügeln des Todes beschattet, ist der abgeschiedene Platz von der Zeit übergangen. Das Grab der Elisabeth im Chor eines der Kreuzarme der Kirche enthält ihre Gebeine nicht: ein seltsames Geschick hat sie verstreut, als sollten sie, seit nicht mehr Wallfahrer aus aller Weit zu ihr kommen, der Welt wiedergegeben werden. Philipp der Großmütige war auf dem Reichstage zu Worms gewesen, wo Luther widerrufen sollte, hatte aber dort noch keinen entscheidenden Eindruck empfangen, was sich schon durch seine Jugend erklärt: er war damals erst siebzehn Jahre alt. Ms Nachkomme Elisabeths durch ihre Tochter huldigte er ihr wie seine Vorfahren und veranstaltete Prozessionen zu ihren Ehren. Erst später, als er sich eingehend mit der neuen Lehre beschäftigt hatte, entschied er sich für sie und nahm nun an der der Stammutter seines Hauses dargebrachten Heiligenverehrung Anstoß. Seine Ueberzeugung muß echt und stark gewesen sein, daß sie seine Anhänglichkeit an die dem Familienstolz schmeichelnde Ueberlieferung zurückdrängte. Um die Wallfahrten zu ihrem Grabe ganz und für immer zu unterdrücken, begab er sich eines Sonntags im Jahre 1539 mit großem Gefolge in die Kirche und ließ trotz des Protestes von feiten des Londkomturs ihre Reliquien aus dem Sarge und aus dem Wandschranke in der Sakristei herausnehmen. Er befahl dann seinem Statthalter, Georg von Kolmatzsch, sie mit anderen Knochen zu vermischen und zu begraben. Als Philipp acht Jahre später in die Gefangenschaft des Kaisers geriet, und dieser ihm drohte, er werde ihn nach Spanien abführen lassen, wenn er ihm nicht die Gebeine der heiligen Elisabeth ausliefere, gestand der Statthalter, daß er damals jenen Befehl des Landgrafen nicht ausgeführt habe, und der Wille des Kaisers konnte infolgedessen erfüllt werden. Dieser gab die Reliquien dem damaligen Landkomtur zurück, der sie im Chor, wie es heißt, beisetzte, aber für gut fand, die Stelle zu verheimlichen. Im 17. Jahrhundert grub man em Skelett aus, das für ihres erklärt wurde, und das als Geschenk des Landgrafen von Hessen-Darmstadt an den Kurfürsten von Köln kam. Anderen Nachrichten zufolge waren die Gebeine Ende des 16. Jahrhunderts nach Wien gekommen. * Nicht ihr Entstehen, aber ihr Aufblühen verdankt die Ansiedlung am Fuße der vermutlich im 11. Jahrhundert von Otto von Nordheim erbauten Burg der holden Heiligen. Denn aus ihrer Lage konnte sie weder für den Ackerbau noch für den Handel Vorteil ziehen, und sie wäre vermutlich das bescheidene Anhängsel einer abseits liegenden, nur gelegentlich benutzten Burg geblieben, wenn nicht Elisabeths Grab und die Niederlassung des Deutschen Ordens Wallfahrer aus allen Ländern ein Zusammenströmen von Menschen und auch die Landesherren nach Marburg geführt hätten. So wie Elisabeth auf das Erblühen von Marburg, so scheint ihre Kirche auf seine Gestalt gewirkt zu haben. Die ganze Stadt, wie sie den Bergrücken, den das Schloß auf der Höhe in eine Spitze auslaufen läßt, hinaufsteigt, hat etwas von einer gotischen Kirche. Von allen Seiten her hebt sie sich aus dem Tal herauf, rückt und klettert, schwingt und stemmt sich und bezeichnet die erkämpften Stellen mit Giebeln und Türmen, bis sie endlich mit der Krone zusammenwächst. Auch die einzelnen Häuser sind von dem Geist des Ausschießens ergriffen: sie sind besonders schlank und hoch und müssen es ja auch sein, damit eins über das andere hinwegsehen kann. Die Schlankheit der Häuser und die Schwungkraft der Straßen, deren Stelle oft Treppen vertreten, geben der Stadt etwas Junges und Stürmisches. Vielleicht ist auch die Wissenschaft mit ihren Vertretern hier ewig jung oder verjüngt sich alljährlich, wenn die Natur ihr Füllhorn wendet, und der Flieder seine lila Dolden um das rosige Renaissanceportal am Schlosse schlingt, wenn die Kastanien ihre blühenden Kuppeln über den schiefergeschuppten Häusern entfalten und unten durch das hügelige stromdurchflutete Land Wanderlust in die blaue Ferne strebt. Tessiner Reisetagebuch. Von Max Geisenheyner. schlugen die Deckel hoch und zeigten ihre Waren. Mit meiner Enten- quietsche brach ich uns Bahn, und die freundlichen, gar nicht ausdringlichen Tessiner Landstraßengestalten waren so entzückt darüber, daß pe nicht zu einer Enttäuschung über die mißlungene Geschäftsanbahnung kamen. Sie machten vergnügte Gesichter, als hätten wir ihnen den ganzen Kramladen abgekauft. „Ah, bitte bambino" meinte der eine und winkte mir mit einem bunten, seidenen Tuch aus seinem Kasten nach. Auf dein Wege konnten gerade drei Personen nebeneinander gehen. Er führte dicht am Fuß des Monte Brs entlang, stieg auswärts, senkte sich und immer war der blaue See zur Rechten, links der Fels mit seinen Blumen, Büschen und Bäumen. Eine gute Stunde mußte man wandern, vorbei an einer Osteria in einer künstlichen Grotte mit sauber gedeckten Tischen und einem Büfett, beladen mit Chianti, Würsten, Früchten, Schnäpsen und weißen Broten. Noch einmal eine Steigung hart am Felsen und dann ein herrlicher Blick auf den See mit Lugano im Hintergrund und der Paradestellung seiner schönen Hotels. Auf den flankierenden Bergen die Dörfer mit ihren schrägen Ziegeldächern und zierlichen Kirchtürmen. Als hätte das alles ein genialer Architekt hingesetzt, bewußt und nach strengen Gesetzen ausbalanciert. Und doch wuchsen diese Orte aus weiter nichts als einem einheitlichen traditionellen Gefühl, aus einem unbewußten Zusammenhang von Mensch, Haus und Landschaft, ein Zusammenhang, der vielen Deutschschweizern abgeht, sonst ständen ihre „Burgen" nicht so gräßlich dazwischen, wie Zuckerbäckereien eines wahnsinnig gewordenen Konditors. An der Steinwand, an der scharfen Ecke des Felsens, saßen ein paar Deutsche, betrachteten aus Ferngläsern das Panorama und ließen sich die Sonne aufs Gesicht scheinen. Damit aber der Bauch nicht zu kurz dabei käme, hatten sie die Westen aufgemacht, [o daß auch der blanke, oberste Knopf der Unterhose noch miterwärmt wurde. Dann kam Gandria. Man nehme den Klang dieses Namens in sein Ohr auf. Wer an den See von Lugano fährt und Gandria nicht gesehen hat, ist nicht wert, daß die Sonne ihn bescheint. Aber er muh so ein bißchen Schmugglergelüste im Blut haben. Nicht etwa, daß er in dieser Branche tätig sein sollte. Nein, es genügt, wenn er noch in die Romane seiner Jugendzeit „Die Brut des Schmugglers" oder „Der Weg zur Tiefe" verliebt ist. Ganz hingeduckt an dem klotzigen Fluß des Monte Bre, lag dieses Räuberparadies für einen Film. Als stiege man in einen hunderträumigen Keller hinunter, auf breiten und schmalen, steilen und slachen Steintreppen. Unser Reisegefährte, der Maler, wäre am liebsten gleich dageblieben, hätte gern mit einem Manne aus Gandria das Gewand getauscht und sich in der Kunst des Schmuggelns unterrichten lassen. Er hätte es auch sicherlich gelernt, denn heutzutage gehört zum Bildermalen mindestens ebensoviel Mut wie zu dem romantischen Geschäft der Berge. Auf halbem Wege ging es plötzlich zwei Stockwerke tief hinunter und bann wieber vier in bie Höhe. Von ben Bewohnern war kaum etwas za sehen. Ein paar harmlose, alte Weiber mit Kiepen auf bem Rücken, konnten unmöglich als Schmugglerbräute angesehen werben. Einen Ansichtskartenlaben gab es mit einem Fensterchen, in bem der ganze Borrat ausgebreitet war. Dahinter öffnete sich ein gewaltiger, steinerner Saal von großer Tiefe. Seine ganz Möbelausstattung bestand aus einem wackligen Sofa, das ganz weit hinten bie Wanb bezeichnete, bereu Fenster zum See hinausführten. Es roch ein bißchen kühl unb ein wenig dumpf, aber alles war sauber, orbentlich, hatte Charakter, Kraft und Trotz. Von ber engen Straße kam man ohne weiteres auf einen Balkon, ben ein Eifengitter umzog. Hier war man geborgen in ber großen Stille. Unten rauschte ber See eintönig, ein Raubvogel kreiste hoch im Blau, bie Berge hatten ihren blauen, silbernen Dunstschleier umgelegt, ein Huhn gackerte. In der Ferne schnurrte ein Motorboot. Wir tränten sausten, roten Tessiner Wein. Er ist zu jeder Tageszeit bekömmlich und steigt nicht in den Kops, ist ein wohlgezogenes Kind des Landes, artig und bescheiden. Am besten bleibt man in seiner Gesellschaft bis zum Abend sitzen, bei guten Gesprächen von wenig Worten. Wenn bann bie Berge wie große, graue Schiefertafeln durcheinanbergefchichtet dastehen und die Lichter ber Dörfer barauf wir mit gelber Leuchtkreibe eingezeichuet sind, bann erst ist es Zeit, aufzubrechen unb alle romantischen Gelüste in einen fröhlichen Abend in Lugano aufzulösen, derweil die Schmugglersuchboote mit ihrem Mondscheinauge lange, weiße Streifen über den vee werfen ... III. In Lugano gibt es hübsche Lüden. Man muß stehen bleiben, ob man will oder nicht. Daher ist es gut, etwas früher von zu Hause wegzugehen, wenn man ein bestimmtes Ziel hat. Vor allem sind die Kolonnaden gefährlich. Selbst bie kleinste Salami ist in bunkles, goldenes ober silbernes Papier eingewickelt. Jrgenb etwas kauft man immer ein unb stets bas, was man eigentlich gar nicht haben wollte. Meine Reisegefährten waren schon ein Stück vorausgegangen. Es sollte heute nach Ganbria gehen. Da sah ich neben den bunten, üppigen Gemüsestänben des Marktplatzes an die Säule einer Kolonnade angelehnt, sitzend, eine alte Frau, bie mit einer Hand eine leise quietschende, an einem kurzen Stock befestigte K,n- derspielzeug-Ente rotierte, während sie gleichzeitig in der anderen Hand eine Zeitung hielt und eifrig las. Als ich ihr bewundernd lange zusah, hielt sie mir die gestielte, gelbe, flauschige, kleine Quietsch-Ente entgegen und schon hatte ich sie. Nun aber schnell im Sturmschritt hinter den andern her. Sie standen schon und winkten entrüstet. Mein Entchen in der Faust drehend, die blaue Baskenmütze über bem braungebrannten Schübel, ben arg versauten aber nun erst wahrhaft eleganten Trench Coat flatternd um den Leib geschlungen, erreichte ich gerade noch die ab- fahrende Tram. Sie rasselte bis zum Fuß des Monte Brä. Hier loste sie gleich neben der Haltestelle ein gewaltiger Autobus ab, der ein Stuck den Berg hinan fuhr. . Run zweigte von der breiten Fahrstraße ber kleine Felsenpfad am Meere ab. Der Fußweg begann. Ein paar Handelsmänner standen da, große Küsten unter dem Arm, mit Ketten, Ringen und Medaillons. Sie Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Bruhl'sche Alpenrosenbrief. Von Josef Schänderl. Komm: meine Sehnsucht schwillt über jeden Rand, seit ich die Berge nicht mit dir empfand. Straff wie ein Bogen lieg’ ich gespannt. Komm: wie ein Pfeil fliegt, schwirren wir los zu zweit, stracks in der Berge Herz, hoch in die Einsamkeit, zur kühnsten Halde, bis hell ein Adler schreit — in rote Rosen sollst du gebettet sein, wild wie ein Bergbach brauft’s über dich herein, in blanke Felsen tlammre dich ein! LiniverfitLts-Buch. unb Steindruckerei, A. Lange, Gießen.