Geheuer ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Montag, öen 28. Januar Nummer 8 Jahrgang (929 Eisgang. Don Theodor KraMer, Der Tauwind kommt das Engtal her und lockert Wall und Wachten auf; die Eichenkronen braufen teer, das Grundeis birst im Oberlauf. Er birst und steigt» es tost und tanzt und übersurrt den Ufersaum, in scharfe Scheiben ausgestanzt, und kappt im Flußland Baum um Baum. Die tiefen Schollen aber greift die Flut» die zwischen ihnen schwillt und sie vorbei an Pfeilern schleift, bis flach- und breit wird öds Gestldi Gustav Adolfs Page. Rouelle von Conrad Ferdinand Me'y'eit. I. 3n dem Kontor eines unweit St. Sebald- gelegenen liürembergisch-rn Patrizierhauses saßen sich Later und Sohn an einem geräumigen Schreibtisch.' gegenüber, der Abwickelung eines- bedeutenden Geschäftes Mil gespanntester Aufmerksamkeit obliegend. Beide, jeder für sich auf seinem Stücke Papier, summierten sie dieselbe lange Reihe' von Posten, um dann zu wünschbarer Sicherheit die beiden Ergebnisse zu vergleichen. Der schmächtige Jüngling, der dem Vater aus den Augen geschnitten war, erhob die spitze Aase'zuerst von seinen zierlich geschriebenen Zahlen. Seine Addition war beendigt-und er wartete'auf den bedächtigeren Vater nicht ohne einen Anflug von Selbstgefälligkeit in dem schmalen sorgen- yasten Gesichte — als ein Dienet eintrat und ein Schreiben in großem Format mit einem schweren Siegel überreichte. Ein Kornett von den schwedischen Karabinieren habe es gebracht. Er beschaue sich- setzt nebenan den Ratssaal mit den welöberüymteN Schildereien und- werde' pünktlich in einer Stunde sich wieder einfindem Der Handelsherr erkannte auf den ersten Bück die kühnen Schriftzüge der Majestät des schwedischen-Königs Gustav Adolf und erschrak ein men g über die große Ehre' des eigenhändigen Schreibens: Die' Befürchtung lug' nahe, der König; den er in seinem neiierbäuten Hause, dem schönsten von Nüremb-erg, bewirtet und gefriert hatte. Mochte bei stinem- patriotischen Gastsreunde ein Anleihen machen. Da er aber unermeßlich begütert war und die Gewissenhaftigkeit der schwedischen Rentkammor zu schätzen wußte, erbrach, er das- königliche Siegel ohne sonderliche Besorgnis' und sogar Mit dem Anfänge eines prahlerischen Lächelns. Kaum aber hatte' er die' wenigen- Zeilen des in königlicher Kürze' verfaßten Schreibens überflogen, lvurdk er bleich wie über ihm die Stukkatur der Decke, welche in hervorquellenden Massen und aufdringlicher Gruppe die Opferung ÄsaatÄ' durch- den eigenen' Vater Abraham- darstellte. Und sein guter Sohn, der ihn beobachtete', erbleichte ebenfalls, aus der plötzlichen Entfärbung des- vertrockneten Gesichtes auf ein großes Unheil ratend. Seins Bestürzung wuchs, als ihn der Alte über das 'Blatt weg mit einem- wehmütigen Ausdrucke- väterlicher Zärtlichkeit betrachtete. „Um Gottes willen," stotterks- der Jüngling, „was ist es, Vater?" Der alte Leubelfing, denn diesem vornehmen Handelsgesthlechte gehörten die beiden an, bot ihm das Blatt mit zitternder Hand. Der Jüngling las: Lieber Herr! W-jsend und Uns wohl erinnernd, daß der Sohn des Herrn den Wunsch nährt, als Page bei- Uns sinzutteten', melden- hiermist daß, dieses heute geschehen und oöllg werden Mach dieweil Unser voriger Page, der Bax Beheim seliger t' (ni ! nachträglicher Ehrenmeldung des vorvorigen, Utzen Volkamers seligen f, und des fürdervor-gen, Götzen TuchetS seligen f) heute bei währendem Sturme nach beiden ihm'e von einer Stückkugel abgerissenen Beinen in Unfern Armen sänstigiich entschlafen ist. Es wird Uns zu besonderer Genugtuung- gereichen, w eder Einen aus der evangelischen Reichsstadt Nüremberg, welcher Stadt Wir fürnehmlich gewogen sind, irr Unfern nahen Dienst zu nehmen. Eines- guten Unterhaltes und täglicher christlicher Vermahnung- seines Sohnes kann der Herr gewiß sein. Des-Herrn wohl affektionierter Gustavvs- Adtiphus Rex. *0 du meins Güte," jammerte der Sohn, ohne sein- zages- Herz, vor dem Vater zu verbergen, „jetzt trage ich meinen Totenschein ick der Tasche und Ihr, Vater — mit dem schuldigen Respekt gesprochen- — seid der Ursacher meines frühen Hinscheidens, denn wer als Ihr könnte dem Könige eine jo irrtümliche Meinung von meinem Wünschen und Begehren beigebracht haben? Daß Gott erbarm'!" und er richtete seinen Blick aufwärts zu dem gerade über ihm schwebenden Messer des gip- senen Erzvaters. „Kind, Lu brichst mir das Herz!" versetzte der Alte mit einer kargen Träne. „Vermaledeit sei das Gias Tokayer, das ich zuviel getrunken —" „Vater," unterbrach ihn der Sohn,, der mitten tm Elend den Kopf wo nicht oben, doch klar behielt,. „Vater, berichtet wie sich, das Unglück et eignet hat." „August," beichtete der Alte mit Zerkkirfchung, „du weißt die große Gasterei, die ich dem Könige'bei- feinem ersten Einzüge gab. Sie kam mich teuer zu stehen —" „Dreihundertneunundneunzig Gulden elf: Kkeuzest Vater, und ich habe nichts davon gekostet," bemerkte der Junge weinerlich, „denn ich hütete die Kammer mit einer nassen Bausche über dem Äuge." Er wies aus jein rechtes. „Die Gustel, der Wildfang, halb unsinnig und närrisch vor Freude, den König zu sehen, hatte mir den Federball ins Auge ge- schm ssen, da gerade ein Trompetenstoß schmetterte und sie glauben ließ, der Schwede halte Einzug. Aber redet, Vater —" „Rach abgetragenem Essen bei den Früchten und Kelchen, erging ein Sturm von Jubel oben durch den Saal und' uttlen über den Platz durch das Kops an Kopf versammelte Volk. Alle wollten sie den König sehen. Humpen dröhnten, Gesundheiten wurden bei offenen Fenstern ausgebracht und oben und unten t-ejauchzt. Dazwischen schreit eine klare, durchdringende St'mme: „Hoch Gustav, König von Deutschland!" Jetzt wurde es mäuschenst $ denn das war ein starkes Ding. Der König spitzte' Sie Ohren und strich sich, den Zwickel. „Solches darf, ich nicht Bären1,, sagte er. „Ich bringe ein Hoch der evangelischen Reichsstadt' Nürcmb'erg!" Nun bricht erst der ganze Jubel aus. Stücke werden auf dem Platze gelöst, alles geht drliber und drunter! Nach einer Weile drückt m'ch dis Majestät von ungefähr in eine Ecke. „Wer hat den König von Deutschland hoch leben lassen, Leubelfing?" fragte er mich unter 8er Stimme. Nun sticht mich alten betrunkenen Esel"die P'rahlsucht" — Leubelfing schlug sich vor die Stirn, als klage' er sie an, ihn nicht- besser beraten zu haben — „und- ich antwortete: „Majestät, das tat mein Sohn, der August. Dieser spannt- Tag und Rächt daraus, als Page in (Euren Dienst zu treten." Trost meines Rausches wußte ich, daß der königliche Leib- dicnst von Götz Tücher versehen wurde und der Bürgermeister Volkamer nebst dem Schöppen Beheim ihre Buben als Pässen empfohlen- hatten. Ich sagte es auch nur, um hinter meinen Nachbarn, dem- alten Tücher und dem Großmaul, dem Beheim, nicht zurückzubleiben. Wer konnte denken, daß der König die ganz« Nüremberger Wäre in Bayern verbrauchen würde —" „Aber, hätte der König mich mit meinem blauen Auge holen lassen?" „Auch das war vorbedacht, August! Der verschmitzte Spitzbube, der Eharnace, lärmte im Vorzimmer. Schon dreimal hatte er sich melden lassen und war nicht mehr abzutreiben. Der König ließ ihn dann ekn- kreten und hudelte den Ambassadsnv vor uns'- Patriziern, daß einem deutschen Mann' das Herz im Leibe lachen mußte: Nichts von alledem hatte- ich in der Geschwind'gkeit unerwogen gelassen „So viel und so wenig' Weisheit! Vater!" seufzte ö'er Sohn. Dann steckten, die beiden- die Köpfe zusammen, Um etw Remedur zu suchen, wie' sie es nannten:, jetzt' unter der Stimme flüsternd, welche sie vorher in ihrer Aufregung, uneingedsnk 8er im Nebenz-mmer hantieren- den Angestellten und Lehrlinge, zu dämpfen vergessen hatten. Aber sie fanden keinen Rat und ihre Gebärden wurden immer' ängstlicher und peinlicher, als im GanM draußen ein markiger Alt dos Leiblied Gustav Adolfs- anstimmte: „Betrage Nicht, dir Häuflein- Kein, Ob- auch, die Feinde' Willens' fein. Dich gänzlich zu zerstören!". und ein- iaNMnfchlän-kes Mädchen Mik' lustigen Äugelst ktirzgeschnlttenen Haarest knabenhaften Formen und ziemlich r'ckt'ermäßgeü Manieren eintrat. „Willst du uns die Ohren zersprengen, Base?" Mnkten die beiden LrUbelsinge. Sie, das trubfef ge Paar musternd,, erwiderte: „Ich komme Euch zum Essen zu' rufen. Was hät's gegeben, Herr Ohm und Herr Vetter? Ihr habt ja beide ganz, bleiche Nasenspitzen!" Der zwischen den H'lslosen liegende Brief, den das Mädchen ohne weiteres ergriff, und als sie die kräftig hingeworfene Unterschrift des König; gelesen, mit leidenschüftlichM Augen verschlang, erklärte ihr den Schrecken- „Zu Tisch«, Herren!" sagte sie und- schritt den- beiden voran in Bös Speisezimmer. Hier aber ging es Lew gutherzigen Mädchen selber nahe, wie den Leubekfing'en jeder Bissen im Münde quoll. Sie' ließ abtragen, setzte ihren Stuhl zurück, kreuzte die Arme, sch-'ug unter ihrem blauen Rocke, an dessen Gurt' die Tasche und der Schlüsselbund hing, ein schlankes Bein über das andere Md ließ; horchend und nachdenkend, den- ganzen verfängstchen HondÄ fta) vortragen, denn sie schien vollständig zum Hause zu gehören und sich darin mit ihrem kecken Wesen eine entschiedene Stellung erobert zu haben. Die Leubelfinge erzählten. „Wenn ich denke," sagte dann das Mädchen mut g, „wer es war, der das Hoch auf den König ausbrachte!" „Wer denn?" fragten die Leubelfinge, und sie antwortete: „Niemand anders als ich." „Hol' dich der Henker, Mädchen!" grollte der Alte. „Gewiß hast du den blauen schwedischen Soldatenrock, den du dir im Schrank hinter deinen Schürzen aufhebst, angezogen und dich in den Speisesaal an deinen Gatzen hinangeschl.ch-n, statt dich züchtig unter den Weibern zu halten. „Sie hätten mir den hintersten Platz gegeben," versetzte das Mäd- Zornig, „die kleine Hallerin, die große Holzschuherin, die Hochmut ge Ebnerin, die schiefe Geuderin, die alberne Creherin, tutte quante, Ne dem Könige das Geschenk unserer Stadt, die beiden silbernen Trinkschalen, die Himmeiskugel und die Erdkugel, überreichen durften." „Wie kann ein schamhaftes Mädchen, und das bist du, Gustel, es nur über sich bringen, Männertracht zu tragen!" maulte der zimperliche Jungluig. „Das heißt," erwiderte das Mädchen ernst, „die Tracht meines Vaters, wo noch neben der Brusttasche das gestüpfte Loch sichtbar ist, das der Degen des Franzosen gerissen Hot. Ich brauche nur einen schrägen ^.slick zu tun' — sie tat ihn, als trüge sie die väterliche Tracht — »so sehe ich den Riß und es wirkt wie eine Predigt. Dann," schloß sie, aus dem Ernst nach ihrer L.rt in ein Lachen überspringend, „wollen mir die Weiberrocks auch gar nicht fitzen. Kein Wunder, daß sie mich schleckst kleiden, bin ich doch bis in mein vierzehntes Jahr mit dem Vater und der Mutter in kurzem Habit zu Rofss gesessen." „Liebe Base," jammerte der junge 'Leubelsing nicht ohne eine Mischung von Zärtlichkeit, „seit dem Tode deines Vaters bist du hier wie das Kind des Hauses gehalten, und nun hast du mir das eingebrockt! Dr lieferst deinen leibhaftigen Vetter wie ein Lamm auf die Schlachtbank! Der Utz wurde durch die Stirn geschossen, der Götz durch den Hals!" Ihn überlief eine Gänsehaut. „Wenn du mir wenigstens einen guten Rat wüßtest, Base!" „Einen guten Rat," sagte sie nachdrücklich, „den will ich dir geben: halte dich w:e ein Nüremberger, wie ein Leubekfing!" „Ein Leubelsing!" giftelte der alte Herr. „Muh denn jeder Nürem- berger und jeder Leubelsing ein Raufbold sein, wie der Rupert, dein Vater, Gott hab' ihn selig, der mich, den Aeltern, er ein Zehnjähriger, auf einem Leiterwagen entführte, umwarf, heil blieb und mir zwei Rippen brach? Welche Laufbahn! Mit Fünfzehn zu den Schweden diuch- gegangen, mit Siebzehn eine Fünfzehnjährige vor der Trommel geheiratet, mit Dreißig in einem Raufhandel das Zeitliche gesegnet!" „Das heißt," sagte das Mädchen, „er fiel für die Ehre meiner Mutter —" »Weißt du mir keinen Rat, Guste?" drängte der junge Leubelsing. „Du kennst den schwedischen Dienst und die natürlichen Fehler, die davon frei machen. Aus was kann ich mich bei dem Könige gültig ausreden?" Sie brach in ein tolles Gelächter aus. „Wir wollen buh," sagte sie, »w>e den jungen Achill im Bildwerk am Ofen dort unter die Mädchen stecken, und wenn der list'ge Ulysses vor ihnen das Krieaszeua aus- dreitet, wirst du nicht auf ein Schwert losspringen." „Ich gehe nicht!" erklärte der durch diese mythologische Gelehrsamkeit Geärgerte. ,Hch bin nicht die Person, welche der Vater dem Könige ge- sch wert hat." Da fühlte er sich an seinen beiden dünnen Armen gepackt. Ihm den linken klaubend, jammerte der alte Leubeif.ng: „Willst du mich ehrwürdigen Mann dem Könige als einen windigen Lügner hinstellen?" Das Mädchen aber, den rechten Arm des Vetters drückend, rief entrüstet: „Willst du mit deiner Feigheit den braven Namen meines Vaters entehren?" „Weißt du was," schrie der Gereizte, „gehe du als Page zu dem König! Er w rd, bubenhaft wie du aussiehst und dich beträgst, das Mädchen in dir ebensowenig vermuten, als der Ulysses am Ofen, von dem du fabelst, in mir den Buben erraten hätte! Mach' dich aus zu deinem Abgott und bet' ihn an! Am Ende," fuhr er fort, „wer weiß, ob du das nicht schon large in dir trägst? Träumest du doch von dem Schwe- denkonig, mit welchem du als Kind in der Welt herumgesahren bist, wachend und schlafend. Als ich vorgestern auf meine Kammer ging, an der deinigen vorüber, hörte ich deine Traumstimme schon von weitem. Ich brauche wahrlich mein Ohr nicht ans Schlüsselloch zu halten. .Der König! Wache heraus! Präsentiert Gewehr!'" Er ahmte das Kommando mit schriller Stimme nach. Die Jungfrau wandte sich ab. Eine Purpurröte war ihr in Wangen und Stirne geschossen. Dann» zeigte sie wieder die warmen lichtbraunen Augen und sprach: „Nimm dich in acht! Es könnte dahin kommen, wäre es nur, damit der Name Leubelsing nicht von lauter Memmen getragen wird!" Das Wort war ausgesprochen und ein kindischer Traum hatte Gestalt gewonnen als ein dreistes aber nicht unmögliches Abenteuer. Das väterliche Blut lockte. Des Mutes und der Verwegenheit war ein Ueber- fluß. Aber die maidlich- Scham und Zucht — der Vetter hatte wahrhaftes Zeugnis abgelegt — und die Ehrfurcht vor dem Könige taten Einspruch. Da ergriff sie der Strudel des Geschehens und riß sie mit sich fort Der schwedische Kornett, welcher das Schreiben des Königs gebracht hatte und den neuen Pagen ins Lager führen sollte, meldete sich. Statt in die grauen Mauerbilder Meister Albrechts hatte er sich in eine lustige Weinstube und in einen goldgesiillten grünen Römer vertieft, ohne jedoch den Glockenschlag zu überhören Der alte Leubelfing, in Todesangst um seinen Sohn und um seine Firma, machte eine Bewegung, die Knie seiner Richie zu umsangen, nicht anders als um den Körper seines Sohnes bittend der greise Priamus die Knie Achills umarmte, während der junge Leubelsing an allen Gliedern zu schlottern begann. Das Mädchen machte sich mit einem krampshoften Gelachter los und entsprang durch eine Seitentür gerade eine» Augenblick ehe sporsuklirrend der nett eindrang, ein Jüngling, dem der Mutwille und das Lebensfeuer aus den Augen spritzte, obwohl er in der strengen Zucht seines Königs stand. Auguste Leubelfing wirtschaftete hastvoll, wie berauscht in ihrer Kammer, packte einen Manteisack, warf sich eilfertig in die Kleider ihres Balers, die ihrem schlanken und knappen Wuchs wie angegossen saßen, und dann auf die Knie zu einem kurzen Stoßseufzer, um Vergebung und Begünstigung des Abenteuers betend. Als sie wieder den untern Saal betrat, rief ihr der Kornett entgegen; „Rafch, Herr Kamerad! Es eilt! Die Rosse scharren! Der König erwartet uns! Nehmt Abschied von Vater und Vetter!" und er schüttet« mit einem Zug den Inhalt des ihm vorgesetzten Römers hinter seinen feinen Spitzenkragen. Der in schwedische Uniform gekleidete Scheinjüngling neigte sich über die vertrocknete Hand des Alten, küßte sie zweimal mit Rührung und wurde von ihm dankbar gesegnet; dann aber plötzlich in eine unbändige Lustigkeit übergehend, ergriff der Page die Rechts des jungen Leubelfing, schwang sie hin und her und rief: „Lebt wohl, Jungfer Base!" Der Kornett schüttelte sich vor Lachen: .Hol' mich, straf' mich — was der Herr Kamerad für Späße vorbringt! Mit Gunst und Verlauf, mir fiel es gleich ein: das reine alte Weib, der Herr Vetter! in jedem Zug, in jeder Gebärde, wie sie bei uns in Finnland fingen: Ein altes Weib auf einer Ofengabel ritt — Hol' mich, straft mich!" Er entführte mit einem raschen Handgriff dem auswartenden Stubenmädchen das Häubchen und stülzte es dem jungen Leubelsing auf den von sparsamen Flachshaaren umhangenen Schädel. Die spitze Rase und das rückwärts fliehende Kinn vollendeten das Profil eines alten Weibes. Jetzt legte der leichtbezechte Kornett feinen Arm vertraulich in den des Pagen. Dieser aber trat einen Schritt zurück und sprach, die Hand auf dem Knopfe des Degens: „Herr Kamerad! Ich bin ein Freund der Reserve und ein Feind naher Berührung!" „Potz!" sagte dieser, stellte sich aber seitwärts und gab dem Pagen mit einer höfuchen Handbewegung den Vortritt. Dis zwei Wildfänge rasselten die Treppe hinunter. Lange noch ratschlagten die Leubelfinge. Daß für den jungen, welcher feine Identität eingebüßt hatte, des Bleibens in Nüremberg nicht länger fei, war einleuchtend. Schließlich wurden Vater und Sohn einig. Dieser sollte einen Zweig des Geschäftes nach Kursachsen, und zwar nach der «usblühenden Stadt Leipzig verpslanzen, nicht unter dem verscherzten patrizischen Namen, sondern unter dem plebejischen .Laubsinger", nur auf kurze Zeit, bis der jetzige August von Leubelfing neben dem König vom Roß auf ein Schlachtfeld und in den Tod gestürzt sei, welches Ende nicht werde auf sich warten lassen. Als nach einer langen Sitzung der Vertauschte sich erhob und seinem Bild im Spiegel begegnete, trug er über seinen verstörten Zügen noch das Häubchen, welches ihm der schwedische Taugenichts aufgesetzt hatte. II. Höre, Page Leubelfing! Ich habe ein Hühnchen mit dir zu pflücken. Wenn du mit deinen flinken Fingern in den dringendsten Füllen dem Könige meinem Herrn eine ausgehende Naht seines Rockes zunähen oder einen fehlenden Knopf ersetzen würdest, vergäbest du deiner Pagen- würde nicht das geringste. Hast du denn in Nüremberg Mütterchen oder Schwesterchen nie über die Schulter auf das Nähkiffen geschaut? Ist es doch eine leichte Kunst, welche dich jeder schwedische Soldat lehren kann. Du rümpfst die Stirne, Unfreundlicher? Sei artig und folgsam! Sieh' da mein eigenes Besteck! Ich schenk' es dir." Und die Brandenburgerin, die Königin von Schweden, reichte dem Pagen Leubelfing ein Besteck von englischer Arbeit mit Zwirn, Fingerhut, Nadel und Schere. Dem Könige aus eisersüchtiger Zärtlichkeit überallhin nachreisend, hatte sie ihn mitten in seinem unseligen Lager bei Nüremberg, wo er einen in dasselbe eingeschlossenen, vom Kriege halb verwüsteten Edelsitz bewohnte, mit ihrem kurzen Besuche überrascht. In den widerstrebenden Händen des Pagen öffnete sie das Etui, enthob ihm den silbernen Fingerhut und steckte denselben dem Pagen an mit den holdseligen Worten: „Ich binde dir's aufs Gewissen, Leubelsing, daß mein Herr und König stets proper und vollständig einhergehe. „Den Teusel scher' ich mich um Nähte und Knöpse, Majestät", erwiderte Leubelfing unmutig errötend, aber mit einer so drolligen Miene und einer so angenehm markigen Stimme, daß die Königin sich keineswegs beleidigt fühlte, sondern mit einem herablassenden Gelächter den Pagen in die Wange knisf. Diesem tönte das Lachen hohl und albern, und der Reizbare empfand einen Widerwillen gegen die erlauchte Fürstin, von welchem diese gutmütige Frau keine Ahnung hatte. fFortsetzung folgt.) Vom Wesen der Musik. Von Dr. Karl Storck. Auf dem Gebiete der Musik lieg! manches ganz anders als bei anderen Künsten, und man braucht nicht ausübender Musiker zu sein, um sich näher mit dem Wesen der Musik zu beschästigen. Viel mehr Menschen — zumal vorn deutschen Volke gilt dae -- haben ein fruchtbar zu machendes Verhältnis zur Musik, als etwa zur Literatur und zur bildenden Kunst. Es gibt nur ganz wenige Leute, die für Musik ui empfänglich fh d, die nicht darüber hinaus geradezu Liebe zur Musik empfinden. Man braucht nur zu bedenken, daß es in der Literatur und in der bildenden Kunst ein Seitenstück zu ungeheuer großen zahlen der reproduzierenden Musiker nicht gibt. Musikalisch ist der Mensch, der Musik stark zu empfinden fähig ist. Dagegen kann man bis zu einem ganz beträchtlichen Grade musikiechnifch reproduzieren, ohne musikalisch zu sein. Bei der bildenden Kunst ist es außerordentlich schwierig, sich so tief in die Formgebung, die gestaltenden Kräste, die inneren Lebensgesetze, zu versenken, daß wir so ganz nachzuleben vermögen. Auch bei der Literatur gehört große ästhetische und geistige Schulung dazu, um nicht bloß am Stoff« r Kor^ sseuer königs ihrer ihres laßen, ebung ^egenr ig er- >üttet« feinen i über 3 und nbän- ungen Bafel* is der fiel es jeder f dem ungen Hödel. Profil i den Hand d der (3 egen sänge sicher änger j Oieser h der erzten , nur i König l Ende einem noch hatte. Ulken. dem iahen agen« ober ist es kann. Sieh' dem nger» ichkeit Bager kriege eascht. nthob i mit lfing, er* Kiene ’ines» • den bern, Fürst.) i an- , um Men- ir zu ilden- iylich Man •nben mben emp- lichen r bil» ■arm» nfen, ehört stoss« und qö der Süßere« Form einer Dichtung haften zu bleiben. Bei Sek Musik dagegen sind Wir geradezu gezwungen, wenn wir ein Musikstück spielen, in des Künstlers Lande zu gehen; das Werk enlsteht durch uns in diesem Augenblick neu, so wie wir es in die Welt stellen, so ist es für uns und jene, die uns Mhören. Hierzu liegt die außerordentlich bereichernde und beglückende Kraft eines seelenvoUen Musizierens. Die Musik ist einerseits die konservativste aller Künste, andererseits ist sie mehr ais alle anderen auf das jeweilige Gegenwartsempfinden angewiesen. Sie ist die konservativste Kunst einmal hinsichtlich ihrer Technik. Rur in langen Kämpfen hat die Musik ihr Ausdrucksmittel erworben. Bon der Einstimmigkeit zur Mehrstimmigkeit, von der Entwicklung eines der Wesenheit der Menschenstimme nachgebildeten, jede einzelne Stimme als ein Individuum behandelnden polyphonen (Welklang-) Satzes zur harmonischen Auffassung, in der zu einer beherrschenden Melodie aus der Fülle des gesamten Tonmateriales die bereichernde Ausmalung gewonnen wird, und von dieser Stufe aus wieder zu einer neuen, mehr geistigen Polyphonie, in der das einzelne thematische Motiv als Ausdrucksmittel für ein Geistiges verwertet wird, ist ein ungeheuer weiter Weg. Es ist ein ganz wunderbarer, von keiner anderen Kunst gebotener Anblick, wie in der Musik von der einfachen Melodielinie aus allmählich die Erweiterung auf Vielstimmigkeit, wie die Verbindung von Instrument und Singstimme und bann wieder die Entwicklung der Instrumentalmusik als solcher langsam gewonnen und gemehrt wird; wie die Fähigkeiten der Instrumente gesteigert werden, wie mit einem Worte vor den Komponisten ein immer anwachsendes Material gehäuft wird, mit dem er nach Belieben schalten kann. Es geht eigentlich nichts verloren in der Musik, verhältnismäßig schnell kann der Folgende sich alles zu eigen machen, was seine Vorgänger erworben haben, und bann geht er weiter und mehrt den Besitz, nur der Geist, in dem er es tut, entscheidet, die Technik ist hier in einem Maße Schulfache, eroberungsfähig, wie in keiner anderen Kunst. Die Musik ist eine Welt für sich, mit ihren eigenen Mitteln, mit ihren eigenen Gesetzen. Diese musikalische Welt dient zu zwei grundverschie- denen Tätigkeiten, die allerdings niemals so scharf gesondert sind, wie es das Wort nun feststellen wird. Man kann diese beiden Richtungen scheiden durch die Worte „Musik als tönende Form" und „Musik als Ausdruck". Die sinnliche Well des Tones und der durch Ton und Rhythmus zu gestaltenden Form als Selbstzweck auf der einen Seite, auf der anderen die Musik als Seclensprach:, als reinstes und ausdrucksvollstes Mitteilungsmittel des menschlichen Innenlebens. Beide Wege führen zu unerschöpflichen Schönheiten, aus beiden können wir Höchsts Beglückung durch Kunst erleben. Der Musik fehlt das Geistige; sie drückt nur die seelische Empfindungs- Welt aus mit rein seelisch zu erfassenden Mitteln. Wenn unsere Seelen also nicht in Mitschwingung versetzt werden, so empfinden wir nichts, und so entsteht Leere. Die Musik verlangt die feinste Art des Hörens. Es handelt sich dabei einerseits, wenn auch weniger, um die Schärfe des Hörens, d. h. die Fähigkeit, möglichst kleine Tonunterschiede wahrzunehmen, andererseits hauptsächlich um die Frage, was wird vom Ohr als Wohlklang emp- funden. Hier haben wir nun die merkwürdige Tatsache, daß alle Be- reicherung des musikalischen Materiales zunächst als unangenehm, als hastlicher ober doch störender Lärm empfunden wurde. Gegen einen M o« Zart, ja gegen Rossini find genau so gut die Vorwürfe der Lärm- musik, der Diffonanzhäufung erhoben worden, wie gegen Wagner und Richard Strauß. Gerade weil für die musikalische Tonwelt kein Vorbild in der Natur draußen ist, weil diese Tonwelt ganz für sich geschlossen ist, wird unser Verhältnis zu ihr nur bestimmt durch das, was in dieser Welt bereits errungen ist. Unser Gehör muß gewöhnt werden, und zwar durch die Musik für Musik, andere Hilfsmittel gibt es da nicht. Für eine neue Klangverbindung ober Klangfolge in der Ausik können wir nur durch das Anhören dieser Klangverbindung ein ®efül)l bekommen. Wenn in der Dichtung an die Stelle einer ibeaiifti» Ichen Schilderung die realistische, Später bie naturalistische tritt, so bleibt für alle diese Fälle das Mittel der tatsächlichen Welt draußen zum Vergleich, zur Gewöhnung. Wenn ein Musiker eine ganz neuartige Akkord- Verbindung aufstellt, so mutet er unseren Ohren etwas zu, was diese vorher niemals haben empfinden können, wofür sie sich nirgendwo anders einstellen. Aber wir gewöhnen uns daran, und zwar fo fehr, safe dieses selbe zunächst so widerspenstige Gehör nach einiger Zeit das l“)on findet, was es vorher verurteilt hat, ja noch mehr, es vermißt diese neuartigen Klänge dort, wo sie nicht sind. Die frühere Musik „veraltet" für die Hörweise. Aus diesen Gründen gibt es nirgendwo mehr Einseitig» “** und Parteigeist als in der Musik. Je mehr das Reich bei musika- üfchen Technik erweitert worden ist, um so schwieriger ist dessen volle Beherrschung, nicht nur für den schöpferischen und ausübenden Musiker, sondern auch für den genießenden. Die Vernunft gebietet uns, dafür borge zu tragen, daß unser Genußvermögen und unsere Aufnahmefähigkeit möglichst vielseitig und umfasiend feien. Musik ist neben der Religion die vielleicht tiefste Aeußerung fee« k'sihen Lebens, kann wie kaum eine andere Kunst jeweils von den brei- testen Massen ausgenommen und genossen werben, ist — wenigstens in Deutschland — zu den meisten Zeiten mit dem gesamten Leben des Volkes inniger verwachsen als eine andere Kunst. Unsere Ausgabe muß also sein: Die Menschen durch gute Musik zur tzuten Musik zu erziehen, ihnen nur gute Musik zuzusühren, dafür zu sorgen, daß sie sich nur mit guter » gen standardisierter Amüsements. Dort wird alles mit riesiger Intensität । betrieben, eine Vergnügung übertrumpft die andere, aber dabei fehlt die | Freude am Leden selbst. In Bukarest reichen sich Vergnügen und Früh» I chkeit die Hand. Der Jazz ist hier niemals Alleinherrscher gewesen, man hört gerne süße, weiche Melodien, und in den ösfenilichen Lokalen muß man für einen Foxtrott eine Steuer bezahlen. Aber das Gespenst der Langeweile und der Uebersättigung findet keinen Eingang Li die rumänische Hauptstadt, der Zauber der Sorglosigkeit liegt über den meisten Gesichtern, man ist noch nicht gezwungen, den dienenden Wert der Arbeit zu überschätzen, man ist glücklich im Gefühle zu leben. Die Legende schreibt die Gründung Bukarests einem Hirten Bucur zu, nach einer anderen Auslegung jedoch stammt der Name der Hauptstadt von „Bueurie" (Freude) aus der Zeit Miceas des Alten (1387), der hier aus Freude über einen, Sieg über die Türken ein Schloß erbaute und eine Ansiedlung gründete. Bukarest hatte Jein wechfelvolles SchMal. es bildete seit dem 14. Jahrhundert den KriegMchaupIatz fremder Heere, iür« xfen, Slawen, Albaner sind über den BodM von Bukarest dahingHzogen, und alle hinterlassen dort einen GebraücD;ünd eine UeberlieferuAg. 3n •’öen Volksliedern mit ihrem mitreißendM-Tcmperament klingen alle diese Ueberlieferungen wie ein Traum naß). Auch Pest und Erdbeben haben Bukarest heimgesucht, dann folgte die phantastische Zrit der Phanariotenherrschaft, in der der walachisch? und moldauische FÜ< sten- thron von der Pforte an die meistbietenden Günstlinge versteigert wurde (in den Jahren 1716 bis 1821 wurde der Thron 36mal gewechselt), und jeder dieser Fürsten regierte nicht zum Wohl des Landes, sondern für das Heil seiner eigenen Tasche. Die Rumänen sind an dieser Mißwirtschaft nicht zugrunde gegangen, und das ist ein Zeichen großer Lebenskraft und Lebensbejahung im Volke. Bukarest entwickelte sich und wuchs und wurde zu einer der schönsten Städte Europas. Man kann monumentale Bauten und Paläste bestaunen, den König-palaft an der (Talea Dictoriei, das Parlamentsgebäude, das Nationaltheater, das Athenäum, einen Prachtbau mit großen Sälen für Konzerte und Veranstaltungen; aber ähnliche schöne und schönere Paläste gibt es auch in anderen Großstädten, typischer sind die Miniaturpaläste und kleinen Schlösser der Bojaren, die auch noch außen durch ihre Wohnungen ihre bevorzugte Stellung bekunden wollen und die sich fast souverän in ihren Häusern fühlen. Von einer gepflegten, märchenhaft anmutenden Schönheit sind die Bukarester Parks. Da ist der ausgedehnte Volksgarten „Cism giu', ferner der Park „Carols 1.", der Botanische Garten mit feinen Teichen und Blumenbeeten. Wenn sich die Abendröte oder der Mondschein über die Gärten breitet und wenn irgendwo die rumänische „Soina" in ihrer tiefen Schwermut erklingt, fo glaubt man, in ein Traumland versetzt zu fein, und kommt erst zur Besinnung, wenn man wieder in den Groß- stadttrubel der (Talea Vletoriei versinkt. Das rumänische Volkslied, dis „Soina" hat ihren Ursprung in der Schalmei des Karpathenhirten. Sie ist ein Lied, in dem die Sehnsucht jener zwanzig Generationen roiber« klingt, die auf den Bergen, „hinter denen die wunderbare Sonne des Orients untergeht", gelitten haben. Auch die moderne rumänische Musik sucht ihre Melodien in den Sorsschenken, in denen der Z geuner noch immer die Kobda, ein guilarrenähnliches Musikinstrument, schlagt und in denen die Mädchen noch immer den „Hora Reigen" tanzen Bukarest ist die Stadt der Gerüchte, politischer Leidenschaften und mancher Jntrignen. Wie alle Balkanvölker heben die Rumänen die große und die Heine Politik, aber man schart sich weniger um ein Programm als um dir Person bes Führers, man ist leidenschaftlich, und man kenirt ®enifl Hemmung««, am ei« Ziel zu erreichen, die x>ersSnlichen Anter« ss>en überwiegen die sachlichen, und diese Ehrlichkeit gefällt. Man ist in Rumänien |ebr nah am Vaterlande des Bakschisch! Das soll nicht heißen, hast die Rumänen unehrlich wären, im Gegenteil! Man braucht in den Hotels sein Zimmer nicht zu verschließen, es wird einem nichts gestohlen. Der Rumäne ist gastfreundlich und großzügig, und wenn sich gewisse Rumänen im Ausland den Ruf von Gentlemangaunern er- worben haben, wie z. B. der berühmte Manulesku. so scheinen diese Herrschaften Exportware zu sein; in ihrer Heimat begegnet man ihnen nicht. (£s gibt zwar Räuber in der Dobrudscha und in den Karpathen, die sich mit den Gendarmen und der Eeguranza in blutige Kämpfe ein- lassen, aber auch mit ihnen kommt der Reisende nicht in Berührung; Pe sorgen für die Aufrechterhaltung der Balkanromantik. Jeder weiß, daß Rumänien reiche Petroleumquellen besitzt, die, als der Krieg über das Land tobte, in Brand gesetzt und zerstört wurden. Heute befördert Rumänien wieder 1400 Tonnen Petroleum täglich ins Ausland. Rumänien hat auch Goldgruben, deren Ausbeute 1927 2009 Kilogramm betrug, Silber-, Zink-, Antimon- und Bleibergwerke. Es hat einen reichen Ackerboden und versorgt das Ausland mit Getreide, Mais und mit anderen landwirtschaftlichen Produkten, es ist ein reiches Land, mit dem Deutschland nun nach Abschluß des Handelsvertrages in weit engeren Verkehr, als es bisher der Fall war, treten kann. In Rumänien ist das böse Gespenst aus dem Kriege, der Deutschenhaß, begraben und vergessen, und wenn die Rumänen als Lateiner sich auch gerne von der französischen Kultur beeinflussen lassen, so ist doch auch alles Gute aus dem Reiche ihnen herzlich willkommen. Eine Reise ins Land der Bojaren und ein Besuch ber Hauptstadt Bukarest hak sich für jeden gelohnt. Roch führen dahin keine ausgetretenen Touristenpsade, obwohl die Karpathen als Sommerausenthait in ihrer zerrissenen Wildheit und mit ihren land- schafliichen Schönheiten es nicht verdienen, vergessen zu werden. In Bukarest findet der Reisende neben allen Bequemlichkeiten viele fremdartige Eindrücke und spürt den Hauch de« Orients, der über das Schwarze Meer herüberwehr. Man ruht in Rumänien aus vom europäischen All- tag, von der Hetze noch Erfolg, von der amerikanischen Schminke, mit der das einst geistig innigere Leben der Länder der Alten Welt im letzten Jahrzehnt übertüncht worden ist. Im Zeitalter der Schnellzüge ist der Weg nach Bukarest nicht weit, und die Fahrt kostet weniger als nach Rom. Es kostet nicht mehr als einen Entschluß und ein Sichhinwegsetzen über das Hergebrachte. Brider auf SchallplatteM, Die Zaubereien des Herrn Baird. Von Frank W a r sch« ite r. Solange die Erfinder Phantasten waren, haben sie nichts Großes zustande gebracht. Erst als ihnen die moderne Wissenschaft die nüchterne Berechnung ermägUchte und damit ihrer ganzen Tätigkeit eine feste Basis gab, entstanden jene staunenswerten Erfmdungen, die heute das B-ld der äußeren Welt umgcftalten. Erfinder sind jetzt nüchtern und müssen es sein. Von der Mystik der Alchimie des Mittelalters ist heut« nirgends etwas zu spüren. Alles ist kühl, durchdacht, klar bewußt. Aber gerade auf der Grundlage dieser seelischen Haltung hat sich sine neue Phantastik entwickelt, die dem Menschen immer mehr zum Bewußtsein kommt. Wir wissen heute kaum noch, daß es eine Zeit gab, in der man in der Technik den Inbegriff des Nüchternen, Poefie- Jcjen und Häßlichen erblickte. Dabet ist diese Epoche noch gar Nicht so lange vergangen. Wer damals darauf hinwies, daß etwa die zweck- bestimmte Architektonik einer Eisenbahnbrücke ebenso „schön" sei, wie die einer Jahrhunderte alten Skeinbrücke, die malerisch über einen Fluß führt — der fand kein Verständnis für seine Anschauung. Heute fühlt man immer deutlicher, daß diese Sachlichkeit alles Technischen gleichzeitig eine neue Phantastik schafft, die jedem zum Bewußtsein kommt, wenn etwa ein Zeppelin-Luftschiff über den Ozean fliegt oder sonst eine großartige Leistung der Flugtechnik vollbracht wird. Und ebenso ist es auch mit dem Rundfunk und mit allem, was damit zusammenhängt. An den Rundfunk sind wir gewöhnt, das Fernsehen wird morgen bereits zum Alltag der Technik gehören. Aber die Erfindungen, von denen ich hier erzählen will, haben doch: etwas ganz besonders Ser« Muffendes. Richt etwa, als ob sie nun in ihrer technischen oder wissenschaftlichen Grundlage ein etwas so völlig Einzigartiges und Neues darstellten; jedem der sich mit diesem Spezialgebiet beschäftigt hat, werden die wissenschaftlichen Grundlagen dabei ohne weiteres verständlich, sogar geläufig fein. Nichtsdestoweniger handelt es sich um eine ganz besonders interessante Anwendung vorhandener Prinzipien und Erkenntnisse. Es gibt Erfinder, die bei" aller mathematischen Sachlichkeit ihrer Spekulationen doch teich! aus das Seltsame und Außerordentliche geraten. Zu ihnen gehört der große Edison, und in die gleiche Klasse ist auch, ohne daß man ihn gerade an umfassender Bedeutung mit diesem zu vergleichen braucht, der englische Erfinder Baird einzureihen, dessen Fernsehapparate aus der Londoner Funkausstellung so eindrucksvoll den Fortschritt der Fernsehtechnik demonstrierten. Baird ist Schotte von Geburt und vielleicht als solcher von vornherein besonders dem Seltsamen Zugeneigt, wenn es sich auch jetzt nicht mehr in Sagen und Märchen, sondern in Apparaten und Maschinen ausdrückt. Und gerade diese Neigung zum Wunderbaren hat diesen englischen Erfinder bei der Masse bis zu einem gewissen Grade populär gemacht, ihm aber gleichzeitig die Antipathie vieler Techniker eingetragen. Er galt lange Zeit in England und ganz gewiß schon im Ausland als ein geschickter Charlatan, von dem man behauptete, daß er in erster Linie verstehe, von sich überall reden zu- machen, daß aber in Wirklichkeit seine Erfindungen keinen besonderen Wert hätten. Dazu kam noch ein migewöhnkicher Lebenslauf. Seine Feind«, und er hatte deren viele, behaupteten, er sei eigentlich Strumpfwarensabrikant und in der Technik nicht mehr als ein geschickter Dilettant. Tatsächlich ist dies aber unrichtig. Der Mann hat in seinem Leben viel gesehen und auch verschiedene Berufe gehabt: er war einmal in Ostindien aus einer Zuckerplantage, und dann hat er sich auch einige Zeitlang bemüht, eine von ihm gemachte Eifmduna zur Strumpswarenhelstellung selbst auszunutzen — das ist richtig. Aber ursprünglich ist er ein durchgebildeter Ingenieur. Uebeigens hat er von seinen anderen Beschäftigungen nicht viel Erfolg gehabt, jo daß er um so lieber zu der reinen Technik zurückgekehrt ist. Eine seiner neuesten Erfindungen nun ist die Festhal- tung von sichtbaren Vorgängen aus Schallplatten. Wer das liest, wird zuerst an einen Druckfehler glauben. Man ist ge- wähnt, eine Schallplatte zu hör en: man kann sie auch sehen bekanntlich, aber nicht das, was in ihr ausgezeichnet ist. Das soll nun anders werden. In den neuen Apparaten des Herrn Baird dreht sich zwar eine Schallplatte: aber hören tut man nichts. Statt dessen erscheint auf einem kleinen Spiegel, der sich zur Seite des Apparates befindet, ein bewegte» Bild der Vorgänge, die auf zunächst geheimnisvoll erscheinende Weise zu diesem Zweck ausgenommen wurden. Es ist, als hätte man vor sich einen kleinen Filmreproduktionsapparat, in dem ein Film abläuft. Wie kommt diese Merkwürdigkeit zustande? Die Erfindung hat sich aus den Fernsehexperimenten Bairds mit ziemlicher Leichtigkeit ergeben. Es darf als bekannt.vorausgesetzt werden, in welcher Weise bei den Fernsehversuchen aller Systeme ein Bild in eine Anzahl hellerer und dunklerer Punkte aufgeteft wird, deren Lichtwert in einen elektrische» Wert umgesetzt wird, welch letzterer dann die Sendewelle moduliert. Bei den Experimenten, die Baird anstellte, war das Endziel natürlich, am Empfangsort ans der aufgenommenen Welle wieder die Lichlwert« in den Rhythmus des Sendevorgangs zu gewinnen und daraus bann das bewegte L.cht naturgetreu zujammenzusetzen. Dabei ergab sich aber gleichzeitig ab und zu die Notwendigkeit, in den Empfänger Kopfhörer einzuschalten. In diesen nun mußte naturgemäß die gleiche Umwandlung statlsinden, die wir von jeher im Rundfunk gewöhnt sind, das heißt die Modulation der Wellen, mochten sie auch an sich von der licht- elektrischen Zelle herrühren, machten sich naturgemäß nicht als Licht, sondern als Ton bemerkbar: man hörte am Empfangs ort wechselnd« Töne, die natürlich nicht gerade immer einen sehr musikalischen Charakter trugen, Brummen, Zischen oder ähnlichen Geräuschen, die man ja vom Empfang her, mehr als einem lieb zu sein pflegt, gewohnt ist. Die erste interessante Beobachtung, die dabei gemacht wurde, war verblüffend, obwohl sie eigentlich ganz selbstverständlich ist. Es stellte sich nämlich heraus, daß für jedes gesandte Fernblld ein charakteristischer Ton im Kopshörer eiftstand. Wenn also etwa vor dem Sendeapparat Herr X. D. sah und gerade sein Mehr oder Minder schönes Profil in bi« Lichtquelle hielt und den Kopf ein wenig hin- und herbewegte — s» entstand im Empfänger ein ganz bestimmter Ton. Setzte sich aber nun Fräulein L. M. vor den Sendeapparat, so war die Folge, daß dort ein anderes Bild abgetastet wurde, das heißt, daß die Sendewelle in anderer Weise moduliert war. Man hörte demgemäß im Empfänger ganz ander« Töne, und es ergab sich, daß jedesmal eine bestimmte Art der Tonverbindung für das gesandte Fernblld, das heißt für die betreffende Person charakterisiert war. Die Journalisten, die bei den Versuchen anwesend waren, mußten mit Staunen seststellen, daß etwa das Prof I bei Herrn Zi recht unerfreulich klang, während das En-Face-Bilb des Herrn M. bedeutend schönere Musik macht«. Natürlich war das Ganz« nur ein Kontroll- und Zwischenvorgang: Baird konnte ebensogut die am Empfänger anlangenden Zeichen genau wie bei jedem anderen Fernsehsystem in Lichtpunkte wechselnder Intensität umsetzen, die dann mit großer Geschwindigkeit in der dem Original entsprechenden Weise, auf einer Fläche ungeordnet, das bewegte Bild ergaben. Aber dieser Zwischenvorgang war so sonderbar und interessant, daß Baird nun einen Schritt weiterging, was technisch ebenfalls keine Merkwürdigkeit darstellt, sondern nur eine Sache des Einfalls ist: er ließ di« sich im Empfänger bildenden Töne und Tongruppen auf einer Schallplatte aufzeichnen. Ließ er nun weiter diese Schallplatten aus einem gewöhnlichen Grammophon spielen, so konnte er die gleichen Tön« reproduzieren, die er vordem hörbar gewacht hatte. Da» war nun an sich nichts Brauchbares, denn es interessiert auf die Dauer keinen Menschen, wie das Profil des Fräulein Mi L. und das Bild des Herrn Z. brummt und kreischt. Jetzt war aber weiterhin nichts notwendig, um an Stelle der mit einer Membran versehenen Schalldose, welche für gewöhnlich beim Grammophon verwendet wird, jene andere einzu- ctzen, die ja auch jetzt schon allgemein bekannt ist: nämlich die Elekiro- challdose. Diese hat ja genau die umgekehrte E genschaft, die sonst vorher >ei diesem Verfahren angewendet war: sie setzt mechanische Werte, nämlich die von der auf der Schallplatte liegenden Nadel herrührenden. In elektrische Schwankungen um. Unb um diese elektrischen Schwankungen handelt es sich ja gerade. Denn sie enthielten das vom Fernsehsende- apparat aufgelöste Bild. Dies nun wieder zusammenzusetzen, könnte nicht schwer sein. Es handelte sich um den gleichen Vorgang wie bei jedem Fernsehempfänger: Nämlich die Schwankungen elektrischer Ströme in Lichtschwankungen umzusetzen und diese so anzuordnen, daß sich daraus wiederum das lebende Bild ergibt Das ist denn Baird auch eben!« i wie bei seiner sonstigen Fernsehapparatur gelungen, und so kommt jener merkwürdige Effekt zustande, von dem ich eingangs sprach: daß man bei Ablaufen der Schallplatte in einem seitlich befindlichen Spiegel sichtbare Vorgänge sieht, dagegen nichts hört. Ob dieses Verfahren einen praktischen Wert hat, steht noch dahin. Aber möglicherweise wird sich in späterer Zeit der praktische Nutzen dieser Erfindung zeigen. In jedem Fall hat man hier eine der kurioseste« Zaubereien der modernen Technik vor sich. verantwortlich: Or. Hans Thyrtott — Druck und Verlag: Vvühl'fche UniverfItäkS^Buch» und Stein drnckerst, R. Lang«, Dießen.