GietzenerZamilienblötter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang l-29 Freitag, den 27. Dezember Nummer wl Die letzte Kerze. Bon Richard von S ch a u k a l. Die Kerzen bis auf eine sind still herabgebrannt. In ihrem flackernden Scheine wachsen an weißer Wand di« Schatten der Tannenzweige. Der Baum versinkt ins Grün. Ich träum' ins letzte Glühn und wandle verschneite Steige. „Kommt zu Tisch!" rief Peter. Sie sahen alle drei abwechselnd auf den Daum und auf Hilde, die den Dee einschenkte. Es waren die guten Dymphenburger Tassen und Großmamas Kornblumenservice. „Mutti," sagte Mara, griff nach Hildes Hand, drehte sie um und drückte einen weichen kleinen Tierkuh in die feste Handfläche. „In zehn Jahren, Mutti." sagte Frank und sah auf den Lametta- stern, „bin ich so alt wie Dati war, als ihr heiratetet — da feiert ihr alle bei mir!" „Ja, in deinem Wartezimmer!" meinte Mara. „0 Frank, hoffentlich habe ich dann Urlaub. — Dicht wahr, Mutti, dann bin ich schon Stationsschwester, dann muh eiire junge Schwester am Heiligabend mich vertreten!" „Dein, du kommst mit deinem Mann!" sagt« Peter. „Du wirst doa, heiraten, Mara!" „Wenn nur nicht Frank zuerst heiratet." sagte sie ernsthaft. „Er hat heut drei Weihnachtskarten bekommen, von Gerda und von Erika und von LorchenI Gerda sagt: „Dein Bruder sieht zu gut aus!" „Jh lieber!" sagte Frank, aber er war geschmeichelt. „Frank sieht aus wie Vati!" sagte Peter. „Weiht du dich noch zu besinnen?" fragte Hilde. Sie sah rasch auf, mädchenhaft errötet. „Du warst noch so klein damals." Dann erblaßte sie. „Es war auch Weihnachten." „Wir hatten ein ganz kleines Däumchen und einen Sirupkuchen." sagte Frank grüblerisch. Peter und ich sahen auf dem Sofa in der Ecke neben Großmama; und Onkel Superintendent stand dort am Büchertisch und sagte etwas zu dir und Dati —“ „And du weintest, Mutti," sagte Peter. „Wir dachten, Onkel Superintendent hätte dir und Schwesterchen etwas getan und wollten zu dir. Aber Großmama hielt uns fest. And Dati drehte sich um — und sagte: Werdet ihr wohl still sein, ihr Dackcr!" Sie sprachen es beide aus einem Mund. Dann fragte Mara: „War ich ein hübsches Taufkindchen?" Peter war leise aufgestanden. Er ging in die kleine Mädchenkammer, die sein Deich war, kramte und kam wieder. „Ich hatte es ganz vergessen!" Er legte etwas bunt Derschmiertes neben ihren Teller. „Es ist von seinem Stundengeld für die Dachhilfestunden beim Bubi Meyer!" verkündete Mara. Hilde knüpfte das Goldbändchen auf, das tannenbedruckte Papier schlug auseinander. Ein Päckchen Leibnizkeks lag da und ein ganz kleiner runder Dollschinken mit einer kleinen Schabracke aus Stanniol. „Das muht du verwahren fürs Bureau!" meinte Peter, „dann ist der erste Tag nicht so schlimm." Hilde seufzte. Ach, er war immer schlimm. And nie schlimmer als so nach Dem Fest. Dein, sie war keine Derufsfrau! Ganz zärtlich streichelte sie den Dollschinken. Sie sah in den Daum, blickte fort, ihre Augen suchten das Krippchen, das Bild drüben — „Ja, Kinder, am dritten Feiertag war's, — und unsere Wohnung war so kalt, ich zitterte recht in dem dünnen Brautkleid und wir bekamen beide nicht den Hebel an der Heizung auf. Vati gab mir seinen Mantel, da kroch ich hinein, aber Kranz und Schleier hatte ich noch auf — und dann suchten wir nach was Eßbarem. An alles hatte Großmama gedacht, an Dudeln und Deis und Dörrobst, aber für den Augenblick war nichts da auf dem Bord draußen als ein Pack Leibnizkeks und ein kleiner Rollschinken, — und da saßen wir nun auf dem Sofa, bei dem langen Diner und den Deden waren wir bloß hungrig geworden — und er gab mir immer einen Keks und ein Stückchen Schinken, das er mit seinem Taschenmesser abschnitt... und dann schenkte er mir beides an jedem heiligen Abend, es lag immer neben meinem Teller." Sie kannten die Geschichte alle drei, cs gehörte zum Weihnachtsabend, aber immer hatte Mutti dabei gelacht. Dun sah sie da und weinte. Sie hatten sie in den letzten Jahren nie mehr weinen gesehn, nicht einmal bei Großmamas Tod. Sie standen auf und traten neben sie, ganz erschüttert und still. Peter ging leise jum Daum, hielt eine Zweigspitze ins Licht und ließ den süßen, harzigen Qualm schwelen. Mer Hilde weinte weiter, leise und unaufhaltsam, wie geschüttelt. Da klingelte es. _ , „Gewiß noch ein Musikant!" Hilde hauchte auf das Taschentuch und trocknete ihre Augen. „Sucht was zusammen, da. ins Papptellerchen!" In aller Eile wurde es ein kleiner bunter Teller. Peter riß noch einen kleinen Zweig vom Baum, ein Lamettafaden flog wie Glücksspinnweben um seine Hand. Er öffnete die Tür, hob das Licht auf. Draußen stand ein großer Herr im langen Pelz. Der Astrachankragen war hochgeschlagen bis zu der schwarzen Mütze. Er roch nach Kälte und Schnee. Sie standen ganz still, alle drei, und warteten. Er blieb still. Das Licht knisterte und schien warm in Franks Gesicht, auf sein weiches Kinn. Peter sah groß und starr auf. Maras Herz klopfte, sie bekam Angst und wollte davonlaufen. Oer Besuch. Eine welhnachtsgeschichte. Don Agnes Wiegel. „Mutti, sollen wir auspusten?" Frank stand schon neben dem Daum, den altmodischen Püsterich in den Händen. Der flachslockige Wachsengel oben an der Spitze über den, Lamettastern drehte sich, dah sein rotseidenes Döckchen wehte, und breitete feine rosigen Äermchen wie flehend über den Wachskerzenglanz. „Dein, nein!" schrie Mara aus dein Schlafzinnner und kam hereingelaufen, das neue himmelblaue Tanzstundenkleidchen grad über den Kopf gestreift mit hocherhobenen Armen. „Wir lassen ihn doch noch zum Essen brennen, nicht wahr? Pfui Peter, knips das Licht aus, ich sahs doch!" Dun kam sie mit dem Kopf aus der Hülle, stand festlich Da, mit verstruwelten Locken, gab Peter einen freundlichen Dippen- stoh und rief: „Mutti, ich helfe dir gleich Tisch decken, wir helfen alle, — nein, nein, wir essen unter dem Daum!" Sie sprang um den Tisch, nach dem mit Großmamas Geburtstagsdecke belegten Sofa, wo ihr und Peters Gabenplah war, fischte eine Zuckernuh aus dem bunten Teller und stülpte flink die neue, bunte Schneemütze auf den braunen Kopf. Frank drückte sie mit dem Püsterich fest und wickelte selbst seinen neuen Schneeschal um den Hals. „Affen!" sagte Peter, der eben geschickt das Tischtuch über den Eßtisch breitete. Dann wandte er sich, sagte zärtlich, ganz leise, ein bißchen schnurrend: „Mutti!" und nahm Hilde das schwere Teebrett mit dem Geschirr ab. Alle drei Kinder wandten sich ihr zu, wie sie da stand — mit heißen Backen, die krausen, nun schon grau überstäubten Haare wirr vor Freude um ihr heißes frisches Gesicht, mit dem Gegliher der Weihnachtslichter in den hellbraunen Augen, in der neuen knallblauen, lustig mit rot und weiß bedruckten Wirtschaftsschürze, die Frank ihr eben geschenkt hatte. , , , Peter deckte geschickt, und Frank und Mara halfen ein bißchen. „O Sülze!" sagte der Große. „Ja und die Remoulade habe ich gerührt I" meinte Mara und hielt ihm ein Teelöffelchen zum Schmecken hin, was er gern trotz seiner Länge annahm. Hilde und Peter gingen hin und her, sie hatten auf dem kleinen Äotentisch am Klavier einen zierlichen Teeausbau hergerichtet, wie es nur an den höchsten Festen geschah, ein Tannensträuhchen stand da mit einer Christrose, und das neue elektrische Kesselchen summte. Hilde stand davor, hob es einmal auf, ließ seinen Glanz spielen. Don links strahlte der Sternhimmel des Weihnachtsbäumchens auf den runden Dickelbauch, von rechts her der sanfte Glanz des einzigen Wachslichtes, das da still vor der alten Krippe mit denr ^esulein brannte, das wie immer unter den Bildern der Verstorbenen hing, — die Eltern, die Großeltern, und unter ihnen, klein und verblaßt, Friheiis letztes Bild, damals, als er noch einmal auf Arlaub da war, mit Mara im Arm, — ein weißes Bändelchen vor der feldgrauen Aniform gehalten von einer übergroßeii schwarzen Tatze —- darüber sein Gesicht, nur noch ein Typ geworden, streng, hager, sonderbar jung über der Aniform und fremd. Hildes Augen wanderten zurück zu deni Kesselchen, sie stellte es auf den blanken Antersah. „Er singt schon!" sagte sie leise und füllte Tee in das chinesische Kännchen. Ihre großen, festen Hande gitterten dabei. „Wißt Ihr, was Ihr vergessen habt?" fragte sie leise. Die Kinder sahen auf, schüttelten den Kopf. Hilde sprach, noch leiser: „Vor Vatis Bild — keine Blumen!" Cs würgte sie. Das Schuldbewußtsein stieg in ihr auf: auch du hast liicht daran gedacht zum erstenmal nicht! , Peter legte den Arm um sie. „Mara, stell meine Tulpe davor! sagte er. Aber Frank und Mara hatten schon ihre ergriffen. Mara legte ein buntes Konfekt darauf und machte ein Opfergeslcht. So stellten sie es unter das Bild, hinter das Jesulein, dessen Krippchen gerade noch die roten Spitzchen sehen lieh. Der Fremde kam über die Schwelle und trat in den Flur. Sie Mchen zurück, als er die Türe schloß. Peter knipste das Licht an, llnS dann kam ein sonderbarer, schluchzender Laut von Mutti, die an der Tür des Eßzimmers stand: „Fritz!" „Sa, Hilde." Er sprach leise, gar nicht gerührt oder ungewohnt. Er tat die Mütze ab und den langen Pelz und hing beides an die Flurkommode und sah sogar noch einen Äugenblick in den Spiegel auf den großen, breitschultrigen, sehr eleganten Mann — den alten Mann, der da heraussah. Die Geschwister standen still. Dann langsam, als müßten sie sie schützen, schoben sie sich an Hilde, drängten sie ins Zimmer und setzten sie auf den Stuhl. Sie war kalkweiß. „Älle kamen zurück, längst, längst, alle." Sie sprach ganz leise. Dann trat sie vor. „Wo warst du — wenn du nicht tot warst?" Er stand still auf der Schwelle. „Sibirien ist groß. Auch China. Auch Amerika." Setzt trat sie auf ihn zu. „And schriebst nicht? All die Jahre schriebst du nicht?'' Er zuckte die Achseln. Alt sah er aus. Mit der Hand strich! er übers Gesicht. „Rcftr. Ich! konnte nicht." Dann trat er weiter ins Zimmer. „Ein Daum!" Er ging am Tisch vorbei und sah in die Lichter. Eins ging schon aus, er drückte darauf. „Sah keinen, — seit Maras Taufe keinen mehr." Er wandte sich plötzlich und blickte Mara an. Sie sah zu ihm auf, weiß vor Erregung, die blauen Augen dunkel, mit zitternden Lippen. Der Vater hob die kleine Teekanne hoch.' „Sieh an — die kaufte ich damals in Wilna!" Frank trat mit den: Pappschüsselchen auf ihn zu. Er lachte verlegen. „Das wollten wir dir geben — wir dachten, du bist ein Bettler!" Er fand sich zuerst.zurecht, sah liebevoll und etwas bewundernd in das glattrasierte, verwitterte Gesicht, auf die silbernen Schläfen. Peter stand still hinter ihm, mit bebenden Nasenflügeln und blickte nach Hilde. Auf einmal sagte er: „Vor fünf Jahren kamen Die letzten." Em paar Augenblicke war es ganz still. Dann sagte Mara: „Vati, wo wohnst du?" Nun lächelte er. „In Seattle. Ich bin Holzhändler geworden. Da gibts einen sehr schönen Spätsommer...“ Dann war's wieder still. Hilde sah steil auf ihrem Stuhl, unbewegt, und nur ihre Augen hingen und wanderten auf und ab an ihm. Dann ging Peter hinaus und kam wieder mit einem Teller, einem Besteck und einer Tasse. Einer altmodischen Tasse, Großvaters Tasse, und stellte alles Hilde gegenüber hin. And Frank schob den Stuhl hin und Mara, auf einmal rosig und ganz bereit zu lachen, goß Tee ein. Er wollte sich schon setzen. Aber, die Hand schon auf der Lehne, sagte er leise: „Wenn's dir lieber ist, — dann geh ich wieder." Dabei sah er zum erstenmal Hilde an. Sie blickte auf, sah fort und in den Baum, sah wieder nach ihm, sah auf die drei, die nun alle neben ihm standen, große, dunkle Schatten, goldumsäumt von dem schweren Licht der heruntergebrannten Kerzen. Sie seufzte tief, einen Augenblick erstarrte ihr weißes Gesicht wie im Todeskampf — Dann aber griff sie nach dem Leibnizpäckchen, riß es rasch auf, nahm einen Keks, schnitt behend und geschickt, während alle gespannt und still auf ihre Hände sahen, eine Scheibe von dem Rollschinken,, legte sie auf den Keks und reichte ihm, der sich ihr gegenüber setzte, mit einem ganz leisen Lächeln beides zu. Mamor, -er Hund. Eine weihnachtliche Tiergeschichte. Von Peter W a r m u n d. Der Hund, der einmal Clamor gerufen worden war, erhob sich aus seiner Döhle in den Dünen, trat hinaus und blickte in die Winternacht, lieber ihm spannten sich die Bahnen des Himmels, unter ihm ruhte schweigsam-bleiern das große Meer; an der Küste hatten sich Eisschollen übereinander getürmt und bildeten bleiche Gebirge im Licht der vielen kalten Sterne. Dort tummelte sich auch ein schwärzliches Gewimmel: die Krähen waren es, die von dem verfallenden Fleische eines großen Fisches zehrten, er hatte sie am Tage wiederholt verscheucht, denn sie reizten ihn zu jäher Wut, die Leichenvögel, die von Totem lebten, aber jetzt kamen sie wieder, weil sie ihn schlafend glaubten. Er bellte heiß auf — da stoben sie empor. Es ward wieder stille. Die Sterne sprühten, die Kälte sang. Stumm und steif stand der Strandhafer. Clamor horchte, wie es leise zu ihm glitt. Das waren die Füchse; die wohnten in dem dunkeln Walde, der hinter den Dünen begann und kamen oft zu ihm an die See, um ihn zu locken, daß er einer der ihren werde. Er sei ja, schmeichelten sie, mit ihnen eines Blutes, auch sei er groß und gewaltig; er müsse ihr Führer werden und mit ihnen den Kampf gegen die Menschen beginnen. Jetzt kamen sie wieder. Immer in den Nächten der Einsamkeit traten alle Dinge zu ihm, die er nicht liebte. Er sprang ihnen entgegen. Er knurrte. Sie zogen sich lautlos, auch jetzt noch auf eine hinterhältige Art schmeichlerisch, in die Finsternis zurück. Der Hund, der einmal Clamor gerufen worden war, stand wie ein Wächter vor seiner Höhle und sah über die See. Jetzt ruhte alles um ihn her, er allein harrte noch unter der Kälte der Nacht aus, unbeweglich, eine bronzene Erscheinung. In gleichmäßigen Zügen trat der Atem aus seinen Lefzen und bildete lveiße Kristalle um seine spitze Schnauze. Er sah aus wie eine Gestalt des Alters und der Ruhe, nur manchmal zuckten ungewisse Erregungen über fein dichtes Fell, denn wenn er jetzt die Augen schloß und in sich hinabblickte, kam er zu dem Augenblick, in dem das Bewußtsein seines Lebens erwacht war. Er sah einen hohen Baum mit Lichtern, die wärmten und dufteten; ihr Schein aber fing sich in den Augen eines Kindes, das bei ihm kniete und in feinem Pelz spielte. Er fuhr zusammen und schnupperte; er roch nur Frost und die weite Men- schenlosigkeit der Winternacht. Er fror. Er versuchte uachzudenken, wie er in diese Einsamkeit verschlagen wurde, aber er fand nur flüchtige Bilder: eine Fahrt über die See, knar- rends Taue, zerfetzte Segel, ein zerfchelltes Schiff und Wellen, gegen die er ankämpfte. Er war an dieser menschenleeren Küste ausgeworfen worden und hauste jetzt in feiner Höhle, ein verirrter Fremdling unter allen Wesen. Schnee war gekommen und zerronnen; die Sonne hatte ihn gewärmt, und wieder kamen die Tage, da er den Zug der Bügel über sich sah, der Himmel bleicher wurde, dis die Kälte einbrach und sich die Eisschollen am Strande emporwarfen. Das war fo gegangen, einmal oder dreimal — er konnte sich nicht mehr darauf besinnen — aber je länger es ging, um fo tiefer fror er. Er war groß und stark geworden, fein Fell, von dem Regen gespült und der Sonne gelockert, glänzte wie schwere Seide, aber er war müde. Müde war er, von allen gemieden zu werden, müde feiner Einsamkeit und der menschenlosen Weite, die immer um ihn schwang, und als er jetzt aufblickte und den Mond über sich fand, ließ er sich nieder, stemmte die Vorderfüße in den Sand und heulte. Es war die Klage über feine Verlassenheit. Unter ihm stoben die Krähen davon, die sich wieder bei dem verwesenden Fleisch eingefunben hatten, die Leere hallte von seinem klagenden Ruf, er drang zum Himmel empor, aber die Sterne sprühten ihr mitleidloses Licht. Gegen den Wald schlug seine Klage, daß die Wölfe horchten und fügten: das ist einer von den unsren, daß die Fühse schadenfroh lächelten: nun sind wir soweit, er kommt jetzt zu uns — aber Clamor, von einem dunkeln Triebe bezwungen, schritt die Düne hinab und begann seinen Gang. Er lief am Strande entlang, es dauerte diese Nacht hindurch und noch bis zur Mitte des nächsten Tages, da kam er zu Menschen. Er sprang ihre Türen an und zerrte an ihren Riegeln, er tobte und jaulte vor Freude. Aber die Menschen verstanden ihn nicht, denn er hatte ihre Sprache verlernt; sie hielten ihn für einen wilden, tobsüchtigen Hund und trieben ihn mit Steinwllrfen und Stöcken davon. Und so kam es, daß sich Clamor verbitterte und eine große Feindschaft gegen die Menschen über ihn kam. Jetzt fiel er sie an, brach in die Ställe und raubte. Schaum stand vor seinem Maul. Und so, geschwollen von Haß und Wut, stand Clamor eines Abends vor einem einsamen Haus und erwog einen Ueberfall; er witterte reiche Beute. Da, als er die Siedlung umstrich und schnaufend umspähie, fiel aus einem Fenster ein so mildes Licht über ihn, daß er anhielt. Es war nicht der Schein der kalten Sterne, weder Sonne noch Mond konnten fo strahlen, und als er sich gegen das Fensterbrett stemmte, fah er viele Lichter in dem Dunkelgrün einer Tanne. Das war schon einmal so gewesen, entsann er sich traurig, und da er nun weiter ging, plötzlich überwältigt von dem Bewußtsein feiner Verlassenheit, von Hunger gequält und von feiner einsamen Kälte geschüttelt, als aus allen Fenstern das milde Licht der Menschlichkeit über ihn kam, als eine leise Musik erklang, hatte er sich still über die Schwelle gelegt, er horchte auf die Klänge des Hauses und vernahm auch den neuen zaghaften Ton, der ihm selbst gehörte; er war eine Erinnerung aus einer sehr fernen Zeit; Clamor heulte und bellte nicht mehr, er fang das Heimweh des Ausgestoßenen in. feinen Lauten. Drinnen aber unterbrachen sie die Musik, und als die Mutter meinte, es fei beinahe fo, als läge auf der Schwelle ein wimmerndes Kind, das um Aufnahme bitte, ging das kleine Mädchen zur Tür, und sie sahen den Hund auf der Schwelle, der sie alle anblickte, und die Lichter des Baumes standen in feinen Augen. Ein Hund, sagte das Mädchen, kniete bet ihm und streichelte fein seidiges Fell, aber wie mag er heißen? Wir wollen ihn taufen, sagte der Vater, wir nennen ihn Clamor. Denn das heißt der Schrei, und mit einem solchen hat er sich gemeldet, mit der leisen Klage des heimatlosen Wesens, die so menschlich klingt, daß wir sie verstehen müssen. Er scheint ein wilder Vagabund gewesen zu sein, aber er hatte das Vertrauen und die Bitte. Wie können wir ihn da abweifen? Clamor, sagte das Mädchen, willst du nicht zu uns kommen? Er kam. Er war fo müde, daß er sich sofort niederlegte. Alle schwiegen und betrachteten ihn. Er hörte das Knistern der Kerzen, eine gute und duftende Wärme ging über ihn hin, Tannen riefelten auf feinen Pelz, und neben ihm faß das Mädchen und er fühlte, wie ihre kleinen Finger über feine Haut glitten. Sie riefen und lockten ihn, aber er blinzelte nur. Doch als sie ihn Clamor nannten, verstand er endlich, daß sie ihn mit dem Namen riefen, den er schon einmal getragen hatte, und da war es, als fei die lange Strecke feiner Menfchenlofigkeit ausgelöfcht, er erhob sich, stellte sich vor feinen Herrn und legte ihm die starke Pfote in seinen Arm. Weihnachten, ein Fest der Musik. Von Hans Brandenburg, München. Jedes Fest, jedes weltliche und jedes geistliche, wird von Musik begleitet oder gekrönt, aber Weihnachten allein ist ganz aus Musik geworden. Der Heiland der Welt kam aus Davids Stamm, der König David durfte das sichtbare Haus Gottes nicht errichten, das war ihm verboten, es war Vorbehalten Salomo, dem Bauherrn, dem ferner das Hohelied irdischer Liebe und die Sprüche der Weisheit gegeben wurden. Davids war es und blieb es, die Schleuder und die Harfe zu führen, ein Kämpfer wider seine Feinde und ein Musiker zu sein, und der davidische Psalter ist älter als der salomonische Tempel in aller seiner Herrlichkeit. Davids Harfe erhob sich bis vor Gottes Thron, und sie klang von oben, als Davids und Gottes Sohn geboren ward, als die Himmel sich öffneten und die Mengen der himmlischen Heerscharen der Welt den Frieden und den Friedensfürsten verkündigte, 6er nicht mehr Davids Schwert, sondern nur noch Davids Harfe kannte und die Völker durch Liebe überwand. Zwar will es scheinen, als sei die Weihnachtsfeier der Jahrhunderte ein einziger Zug bildnerischer Kunst, der von den Altären durch Kirchen und Häuser schreitet und in unzählbaren Gemälden und geschnitzten Figuren seinen Wandel verfesftgte. Allein es ist nur der Gestalt gewordene Triumphzug tote des Heils und des Wunders, so auch der Musik. AU Liese Gugel singen sie rühren daS Saitenspiel, Spruchbänder mit dein „Gloria in excelsis“ hängen von ihren Lippen, die nicht einmal im Bilde ftumm bleiben dürfen, und Notenblätter flattern in ihren Händen. Ml diese Hirten tragen, wenn sie keine anderen Gaben haben. Übte, Dudelsack und Schalmei. Ml diese Könige finden kein Genügen in Weihrauch, Myrrhen und Gold, den kostbarsten Geschenken der Erde, die sie anbetend darbringen, sondern Musik zieht ihnen voraus wie die Strahlen ihres Sterns. Lind wenn die Meister der Weihnachtskrippen ihre Kleinkunst an den Silberschah verschwendet haben, so bilden sie mit noch größerer Liebe die winzigen Musikunstrumente als eingelegte Arbeiten aus Schildkrot, Elfenbein und Perlmutter. Noch älter als die Krippen und Altäre sind die weihnachtlichen Ausführungen und Bräuche. Das Weihnachtsspiel ist, wie nach des Musikers Nietzsche jungem Wahrtraum die antike Tragödie, aus dem Geist der Musik geboren. Die Geburtshöhle selbst, die man in Bethlehem zeigte, war gleichsam sein Arsprungsort, und die ersten Christen, die hierhin wallfahrten, konnten sicher nicht reden, sondern höchstens singen oder hörten, wenn ihre Gebete stumm blieben, noch über Jahrhunderte hinweg und von Ewigkeit zu Ewigkeit, den Gesang der Cherubim und Seraphim. In den ersten Jahrhunderten zeigte man in Rom Reliquien dec Krippe, wtd die Andacht, die in der Christnacht vor ihnen gehalten ward, ist früheste Kirchenmusik gewesen. Als älteste Spur einer dramatischen Handlung sehen wir die vollst tümliche und weit verbreitete Sitte des »Kindleinwiegens", also eine musikalische Zeremonie. „Joseph, lieber Joseph mein, hilf mir wiegen mein Kindelein", klingt es noch bis zu uns herüber, von einem neuen Meister — Max Reger — wieder aufgegriffen, lind auch der mittelalterliche Mischgesang, eine lateinisch-deutsche Zwiesprache in gesungenen Worten, etwa der „Quempas": „Quem pastores laudavere — den die Hirten lobten sehre", ist ebenso wie der .Umzug der Epiphaniassänger, der „heiligen drei Könige mit ihrem Stern", Die wir bei Goethe und Hugo Wolf wiederfinden, überkommenes Zeugnis erster Rollenverteilung. Doch auch als das Spiel über das „Ansingen", über die „Hirtengespräche" und „Wechselgesänge" hinaus verbreiterte und selbständige Bühnenhandlung und Wortdrama geworden ist, bleiben ihm Gesang und Jnstrumentenklang beigegeben und eingeflochten, ja, nur sie vermögen feinen letzten und wahren Sinn zu offenbaren. Die Hirten sprechen: „O Wunder, was will das bedeuten? Ich hör ein Singen von weiten. Ich hör ein wunderlieblich Klingen. Wer mag uns davon a Botschaft bringen?" — eine Botschaft, die nur auf Flügeln der Musik in die Herzen dringen kann. „Ist ein Jubeln und Freuen auf unserer Schäfersweid... Es singet, es klinget, Flauten blasen, Harfen schlagen, und ich kanns ja nit alles, alles dersageu, was sich hat zugetragen... Es singt die schöne Nachtigall.. .Die Cnglein singen all." Hub einer der Hirten spricht zum Jesukind: „Doch weil i nix hab in mein Güatl, so tua i dir halt singen a Liadl." Das ist genau wie auf den Krippen, und wie auf den Krippen kündigt sich auch hier der Zug der Könige an: „Me Trummel hör ich schallen, die Pauken hör ich drallen..." Das dichterische Weihnachtsspiel, das der Musik nicht entraten kann, lebt bis heute in immer neuen Bildungen weiter, allein auch das musikalische ist noch mit Hans Pfitzners „Christelflein" in die Oper eingedrungen und hat erst jetzt, durch den jungen Fritz D ü ch t g« r, der einfachsten Krippenhandlung unter Verzicht auf das gesprochene Wort ein reines Tongewand gegeben. Damit sind wir bei der eigentlichen Weihnachtsmusik angelangt, die zunächst und vor allem Kirchenmusik ist. Sie reicht mit dem gregorianischen Choral bis in die Antike, ja bis in den Orient zuruck uttb also in den Ursprung von Weihnachten selbst, in das Herz des Wunders und der Menschwerdung Gottes. Da ist dies Wunder und Geheimnis noch Wirklichkeit, es braucht keine „Ansinger", es braucht noch nicht die Harmonie, die ja immer schon Bändigung vorhandener Disharmonie bedeutet, es ist Einstimmigkeit, und diese geeinte und unbegleitete .Menschenstimme wird Engelsstimme, bei deren Modulation in den Schwingungen der Dome, der Pfeiler, Rundbogen und Gewölbe alle Anter- und Obertöne mitschwingen. Doch erst Deutschland und die deutsche Musik hat wie die Passion, so auch die Werh- nachtsnacht vollendet. Der gekreuzigte Gottessohn behielt im Süden Züge des zerstückelten Dionysos, seinen Zug von der Geburt bis zum Tode begleitet dort, zu Heiligen geworden, der Olymp. Die panische Hirtenflöte des Sonnenhimmels ward nur im Norden zur liebebangen Schalmei der winterlichen Weihnacht, in der die Tiere reden dürfen. Es ist ja zugleich die Sonnwendnacht, mit dem Heiland der Welt wird — „mitten im kalten Winter" — das wiederkehrende und wach- fenbc Licht der Welt geboren und vertreibt am Ende den Spuck der zwölf Nächte, das Toben des wilden Heeres. Nur durch Umwandlung einer Naturreligion in eine Religion des Geistes konnte die wahre Wahrheit werden, und in der Krippe lag mit dem Erlöser und Llcht- bringer auch der Genius der deutschen Musik. Ihn segnete freilich der südliche Apoll, der aber, nach einer alten Mythe, ursprünglich vom Norden kam. , , .. .. . Rie ist der germanisch-christliche Glaubensbrauch überwunden Worten, er hat spät durch Luther zu einem neuen geführt, der im Grunde der alte war, aber er blieb, wie alles Gegenpolige, lebensspendend. Die Kluft schloß sich nie, doch sie wurde überbrückt, und «die Musik ist es, die diese Drücke schlug. Wenn ein Bild Luther nut der Laute unter dem Weihnachtsbaum darstellt, obwohl es damals noch keine Weihnachtsbäume gab, so ist das doch in einem tieferen Sinne wahr. Denn Luther konnte wohl ein Bilderstürmer, allein er ' mutzte ein Musiker und Weihnachtsgläubiger und nur in diesem Sinne konnte er ein Dichter sein. Der Kindersinn der Weihnacht war ihm wie keinem eigen, kein Lob hat er gesungen wie das der Musica, und das neue Jahr seines Kinderliedes auf die Weihnacht, in dem noch einmal der Engel der Verkündigung herniedersteigt, Hält seinen Einzug mit der musizierenden Menge der himmlischen Heerscharen: „Des freuen fick der Engel Schar und singen uns solch neues Jähr". Der Himmelsfürst hat, obwohl er ein FriedensfUrst war, gesagt: „Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert," und der Glaubenskrieg, den Luther heraufbeschwor, zog die Feinde Deutschlands an wie Davids Harfe die Feinde des erwählten Volkes, das den Heiland gebar, aber das in dreißig Jahren verwüstete Volk und Land gebar das Christkind noch einmal und baute um seine Wiege, um die Dundeslade des neuen Gesetzes der Liebe, einen davidischen Tempel der deutschen Musik. Neben den gregorianischen ist nun der lutherische Choral, neben den Priestergesang der Gemeindegefang getreten, und dadurch erst war es möglich, daß auf das katholische Mysterium das evangelische Oratorium folgte. Dieses nicht agierende, sondern rein konzertierend«! Kirchendrama aus Orchestervor- und zwischenspielen, Dibelworten, Chören, Chorälen, Rezitativen und Arien mit Verwendung der Orgel und der Instrumentalmusik, mit Entfaltung der ganzen Harmonie und Polyphon!« ist für die Christenheit aller Konfessionen das geistliche Spiel geworden, und nur in der Form von Bachs Weihnachtsoratorium eroberte sich auch das Weihnachtsspiel die Welt. Das „Kindleinwiegen" der Jahrhunderte sammelte sich in einem Wiegenlied: „Schlafe, mein Liebster, genieße der Ruh", und die „Sinfonie" ist die Weihnachtsmusik aller Weihnachtsmusiken, liebes- und sternenselige heilige Wundernacht, in der sich Jenseits und Diesseits, Himmel und Erde, Gott und Mensch, Engelgesang und Hirtenschalmei feierlich begegnen. Aber mit Kirche und Konzert wetteifert das deutsche Haus in bet musikalischen Verherrlichung Weihnachtens. Keiner unserer Dichter kann Haus und Familie im Christ glanze schauen, ohne daß. dieser Glanz Musik wäre, ob bei Conrad Ferdinand Meyer unter dem Jubel von „Eia Weihnacht!" der Purpur des verzeihenden Kaisers über den sündigen Bruder gleitet, ob aus den verschneiten Wäldern von Liliencrons „Poggfred" im Knabenzwiegesang das „Hosianna in excelsis“ tönt. „Es ist ein-Ros entsprungen", blüht es mit der fremden Aureole mittelalterlicher Musik noch heute in den deutschen Winter, und den weihnachtlichen Volksliederfchatz haben Re- sormation und Gegenreformation, Klänge aus allen vier Winden und sogar das Kunstlied, wie das des Peter Cornelius, vermehrt oder gesteigert oder verfeinert. Hier ist die Krippenkunst, die aus Musik hervorging, wieder Musik geworden, und Hirten und Könige aus Böhmen, Sizilien und Portugal antworten mit ihren Weisen unserem uralten „Susann!". Dis in die Christmetten der katholischen Dome dringt das Volkslied, und wenn die Gemeinde dem Herrn in der Wandlung mit dem Gesang begegnet: „Es kam die gnadenvolle Nacht, die uns das Heil der Welt gebracht", so fragt sie nicht danach und weih es. nicht einmal, daß diese Worte von dem protestantischen Lavater sind. Erst das vorige Jahrhundert hat auch das Weihnachtslied und die übrige weihnachtliche Hausmusik veräuherlicht und industrialisiert, zum Christbaumtalmi, zum sentimentalen Qel- Papier-Transparent herabgewürdigt und die Krippe zum bloßen Geschenktisch gemacht. Allein auch daraus ruht Glanz der Kindheit und der Erinnerung. And wer will verkennen, daß noch der musikalische Drehständer eines künstlichen Weihnachtsbaumes die Sehnsucht einer verirrten Weihnachtsfeier nach sich selber, nach wahrer Musik, verrät und daß noch in den schwingenden Metallzungen einer dörflichen Mundharmonika ein Nachhall silberner Eingelsstimmen zittert? Der Anfang des letzten Jahrhunderts hat uns ja auch erst vom Gebirge her, aus schlicht ländlichen Lehrer- und Organistenseelen, das verbreitetste Weihnachtslied, das Lied von der stillen Nacht, heiligen Nacht geschenkt, das, musikalisch und dichterisch nur ein bescheidener Spätling reicherer Kunstblüte, doch mit seinem einfachen Dreiklang wie mit Glocken in dem Kerzenlicht des Christbaums schwebt. And diese Weihnachtstanne, auch erst ein Jahrhundert alt, ist aus Mythe geboren und aus Musik gewoben und darum doch so alt wie die Deutschen selbst. Sie ist Erd- und Himmelsachse, der Weltbaum unseres Kosmos, behangen mit den goldenen Sonnwendäpseln der Hesperiden, die nur im Norden reifen. Als Bild und Form ist dieser Weihnachtsbaum, diese immergrüne Hoffnungsfichte, nicht zu fassen. Er ist die Welt nicht als Vorstellung, sondern als von sich selbst erlöster Wille, triefend von der Musik des Sternenraums im Glasklang der Kugeln und im Knistern des Lichts, das Christkind in der Krippe an seinen Wurzeln bergend und überschwebt vom singenden Engel der Verkündigung. Nußknacker und Mausekönig. Ein Märchen von E. T. A. H o f f m a n n. (Fortsetzung.) Das Puppenreich. Ich glaube, keines von euch, ihr Kinder, hätte auch nur einen Augenblick angestanden, dem ehrlichen, gutmütigen Nußknacker, der nie Böses im Sinne haben konnte, zu folgen. Marie tat dies um so mehr, da sie wohl wußte, wie sehr sie auf Nußknackers Dankbarkeit Anspruch machen könne, und überzeugt war, daß er Wort halten und viel Herrliches ihr zeigen werde. Sie sprach daher: „Ich gehe mit Ihnen, Herr Drosselmeier: doch muß es nicht weit sein und nicht lange dauern, da ich noch gar nicht ausaeschlafen habe." — „Ich wähle deshalb", erwiderte Nußknacker „den nächsten, wiewohl etwas beschwerlichen Weg." Er schritt voran, Marie ihm nach, bis er vor dem alten mächtigen Kleiderschrank auf der Hausflur stehen blieb. Marie wurde zu ihrem Erstaunen gewahr, daß die Türen dieses sonst wohlverschlossenen Schranks offen standen, so daß sie deutlich des Vaters Reisefuchspelz erblickte, der ganz vorne hing. Nußknacker kletterte sehr geschickt an den Leisten und Verzierungen hinauf, daß er die große Troddel, die, an einer dicken Schnur befestigt, aus dem Ruckteile jenes Pelzes hing, erfassen konnte. Sowie Nußknacker diese Troddel stark anzog, ließ sich schnell eine sehr zierliche Treppe von Zedernholz durch den Pelzärmel herab. „Steigen Sie nur gefälligst aufwärts, teuerste Demoiselle! rief Nußknacker. Marie tat es, aber kaum war sie durch den Aermel ge- stiegen, kaum sah sie zum Kragen heraus, als ein blendendes Licht ihr entgegenstrahlte unb sie mit einemmal auf einer herrlich duftenden Wiese stand, van der Millionen Funken wie blinkende Edelsteine emporstrahlten. „Wir befinden uns auf der Kandiswiese", sprach Nußknacker, „wollen aber atsbald jenes Tor passieren." Nun wurde Marie, indem sie aufblickte, erst das schöne Tor gewahr, welches sich nur wenige Schritte vorwürts auf der Wiese erhob. Es schien ganz von weiß, braun und rosinfarben gesprenkeltem Marmor erbaut zu sein; als aber Marie näher kam, sah sie wohl, daß die ganze Masse aus zusammengebackenen Zuckermandeln und Rosinen bestand, weshalb denn auch, wie Nußknacker versicherte, das Tor, durch welches sie nun durchgingen, das Mandeln- und Rosinentor hieß. Gemeine Leute hießen es sehr unziemlich die Studentenfutterpforte. Auf einer herausgebauten Galerie dieses Tores, augenscheinlich aus Gerstenzucker, machten sechs in rote Wämserchen gekleidete Aeffchen die aller- schönste Janitscharenmusik, die man hören konnte, so daß Marie kaum bemerkte, wie sie immer weiter, weiter auf bunten Marmorsliesen, die aber nichts andres waren als schön gearbeitete Morsellen, fortschritt. Bald umwehten sie die süßesten Gerüche, die aus einem wunderbaren Wäldchen strömten, das sich von beiden Seiten auftat. In dem dunklen Laube glänzte und funkelte es so hell hervor, daß man deutlich sehen konnte, wie goldene und silberne Früchte an buntgefärbten Stengeln herabhingen und Stamm und Aeste sich mit Bändern und Blumensträußen geschmückt hatten, gleich fröhlichen Brautleuten und luftigen Hochzeits- gästen. Und wenn die Orangendüfte sich wie wallende Zephyre rührten, da sauste es in den Zweigen und Blättern, und das Rauschgold knitterte und knatterte, daß es klang wie jubelnde Musik, nach der die funkelnden Lichterchen Hüpfen und tanzen müßten. „Ach, wie schön ist es hier!" rief Marie ganz selig und entzückt. — „Wir sind im Weihnachtswalde, beste Dernoiselle", sprach Nußknackerlem. — „Ach", fuhr Marie fort, „dürst' ich hier nur etwas verweilen! Oh, es ist ja hier gar zu schön." Nußknacker klatschte in die kleinen .Händchen, und sogleich tarnen einige kleine Schäfer Und Schäferinnen, Jäger und Jägerinnen herbei, die so zart und rveiß waren, daß man hätte glauben sollen, sie wären von purem Zucker, und die Marie, unerachtet sie im Walde mnherspazierten, noch nicht bemerkt hatte. Sie brachten einen allerliebsten ganz goldenen Lehnsessel herbei, legten ein weißes Kissen und Reglisfe darauf und luden Marien sehr höflich ein, sich darauf uiederzulassen. Kaum hatte sie es getan, als Schäfer und Schäferinnen ein sehr artiges Ballett tanzten, wozu die Jäger ganz manierlich bliesen; dann verschwanden sie aber alle in dem Gebüsck>e. „Verzeihen Sie", sprach Nußknacker, „werteste Demoiselle Stahlbaum, daß der Tanz so miserabel ausfiel; aber die Leute waren alle von un- ferm Drahtballett, die können nichts anderes machen als immer und ewig dasselbe, und daß die Jäger so schläfrig und faul dazu bliesen, das hat auch seine Ursachen. Der Zuckerkorb hängt zwar über ihrer Nase in den Weihnachtsbäumen, aber etwas hoch! — Doch wollen wir nicht was weniges weiter spazieren?" — „Ach, es war doch alles recht hübsch, und mir hat cs sehr wohl gefallen", so sprach Marie, indem sie aufstand und dem voranschreitenden Nußknacker folgte. Sie gingen entlang eines süß rauschenden, flüsternden Baches, aus dem nun eben all die herrlichen Wohlgerüche zu duften schienen, die den ganzen Wald erfüllten. „Es ist der Orangenbach", sprach Nußknacker auf Befragen; „doch seinen schönen Duft ausgenommen, gleicht er nicht an Größe und Schönheit dem Limonadenstrom, der sich gleich ihm in den Mandelmilchfee ergießt." In der Tat vernahm Marie bald ein stärkeres Plätschern und Rauschen und erblickte den breiten Limonadenstrom, der sich in stolzen isabellfarbenen Wellen zwischen gleich grünglühenden Karfunkeln leuchtendem Gesträuch fortkräuselte. Eine ausnehmend frische, Brust und Herz stärkende Kühlung wogte aus dem herrlichen Wasser. Nicht weit davon schleppte sich mühsam ein dunkelgelbes Wasser fort, das aber ungemein süße Düfte vexbreitete, und an dessen Ufer allerlei sehr hübsche Kinderchen saßen, welche kleine dicke Fische angelten und sie alsbald verzehrten. Näher gekommen, bemerkte Marie, daß diese Fische aussahen wie Lampertsnüsse. In einiger Entfernung lag ein sehr nettes Dörfchen an diesem Strom; Häuser, K'rche, Pfarrhaus, Scheuern, alles war dunkelbraun, jedoch mit goldenen Dächern geschmückt; auch waren viele Mauern so bunt gemalt, als seien Zitronat und Mandelkerne darauf geklebt. „Das ist Pfefferkuchheim", sagte Nußknacker, „welches am Honigstrome liegt; es wohnen ganz hübsche Leute darin, aber sie sind meistens verdrießlich, weil sie sehr an Zahnschmerzen leiden. Wir wollen daher nicht erst hinein- gehen." In dem Augenblick bemerkte Marie ein Städtchen, das aus lauter bunten durchsichtigen Häusern bestand und sehr hübsch anzusehen war. Nußknacker ging geradezu darauf los, und nun hörte Marie ein tolles lustiges Getöse und sah, wie tausend niedliche kleine Leutchen viele hoch- bepackie Wagen, die auf dem Markte hielten, untersuchten und abzupacken im Begriff standen. Was sie aber hervorbrachten, war anzusehen wie buntes gefärbtes Pavier und wie Schokoladetafeln. „Wir sind in Bonbonshausen", sagte Nußknacker; „eben ist eine Sendung aus dem Papierlande und vom Schokoladenkönige angekommen. Die armen Bonbons- Häuser wurden neulich von der Armee des Mückenadmirals hart bedroht; deshalb überziehen sie ihre Häuser mit den Gaben des Papierlandes und führe» Schanzen auf von den tüchtigen Werkstücken, die ihnen der Schokoladenkönig sandte. Aber, beste Demoiselle Stahlbaum, nicht alle kleinen Städte und Dörfer dieses Landes wollen wir besuchen — zur Hauptstadt — zur Hauptstadt!" Rasch eilte Nußknacker vorwärts und Marie voller Neugierde ihm nach. Nicht lange dauerte es, so stieg ein herrlicher Rosenduft auf, und alles war wie von einem sanft hinhauchenden Rosenschimmer umflossen. Marie bemerkte, daß dies der Widerschein eines rosenrot glänzenden Wassers mar, das in kleinen rosasilbernen Weilchen vor ihnen her wie in wunderliebl'chen Tönen und Melodien plätscherte und rauschte. Auf diesem anmutigen Geivässer, das sich immer mehr und mehr wie ein großer See ausbreitete, schwammen sehr herrliche silberweiße Schwäne mit goldenen Halsbändern und fangen miteinander um die Wette die hübschesten LieDeranlwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche der, wozu bfamantene FiMein aus den Rosenfluken auf und nieder tauchten wie im luftigen Tanze. „Ach", rief Marie ganz begeistert aus, „das ist der See, wie ihn Pate Sroffelmeier mir einst machen wollte, wirklich, und ich selbst bin das Mädchen, das mit den lieben Schwänchen kosen wird." Nußknackerlein lächelte so spöttisch, wie es Marie noch niemals an ihm bemerkt hatte, und sprach bann: „So etwas kann denn doch wohl der Onkel niemals zustande bringen; Sie selbst viel eher, liebe Demoiselle Stahlbaum — doch lassen Sie uns darüber nicht grübeln, sondern vielmehr über den Rosensee hinüber nach der Hauptstadt schiffen!" Die Hauptstadt. Nußknackerlein klatschte abermals in die kleinen Händchen; da fing der Rosensee an, stärker zu rauschen, die Wellen plätscherten höher auf, und Marie nahm wahr, wie aus der Ferne ein aus lauter bunten, sonnenhell funkelnden Edelsteinen geformter Muschelwagen, von zwei gold- schuppigen Delphinen gezogen, sich nahte. Zwölf kleine allerliebste Moh. ren mit Mützen und Schürzchen, aus glänzenden Kolibrifedern gewebt, [prangen ans Ufer und trugen erst Marien, bann Nußknackern, sanft über die Wellen gleitend, in den Wagen, der sich alsbald durch den See fort« bewegte. Ei, wie war das so schön, als Marie im Muschelwagen, von Rosenduft umhaucht, von Rosenwellen umflossen, dahinfuhr. Die beiden goldschuppigen Delphine erhoben ihre Nüstern und spritzten kristallene Strahlen hoch in die höhe, und wie die in flimmernden und funkelnden Bogen niederfielen, da war es, als sängen zwei holde feine Silber« stimmchen: „Wer schwimmt auf rosigem See? — die Fee! — Mücklein, bim bim! — Fischlein, firn firn! — Schwäne schwa schwa — Goldvoges, trara! — Wellenströme, rührt euch! — klinget, finget, wehet, spähet! — Feelein, Feelein kommt gezogen; — Rosenwögen — wühlet, kühlet, spület — spült hinan — hinan!" — Aber die zwölf kleinen Mohren, die hinten auf den Muschelwagen aufgesprungen waren, schienen das Gesinge der Wasserstrahlen ordentlich übelzunehmen, denn sie schüttelten ihre Sonnenschirme so sehr, daß die Dattelblätter, aus denen sie geformt waren, durcheinander knitterten und knatterten, und dabei stampften sie mit den Füßen einen ganz seltsamen Takt und fangen: „Klapp und flipp und klipp und klapp, auf und ab! — Mohrenreigen — darf nicht schweigen; — rührt euch, Fische! rührt euch, Schwäne! — Dröhne, Muschelwagen, dröhne! — klapp und klipp und flipp und klapp und auf und ab!" — „Mohren sind gar luftige Leute", sprach Nußknacker etwas betreten; „aber sie werden mir den ganzen See rebellisch machen." In der Tat ging auch bald ein sinnverwirrendes Getöse wunderbarer Stimmen los, die in See und Luft zu schwimmen schienen; doch Marie achtete dessen nicht, sondern sah in die duftenden Rosenwellen, aus deren jeder ihr ein holdes anmutiges Mädchenantlitz entgegenlächelte. „Ach", rief sie freudig, indem sie die kleinen Händchen zusammenschlug, „schauen Sie nur, lieber Herr Drosselmeier! Da unten ist die Prinzessin Pirlipaf, die lächelte mich an so wunderhold. Ach, schauen Sie doch nur, lieber Herr Drosselmeier!" — Nußknacker seufzte aber fast kläglich und sagte: „Oh, beste Demoiselle Stahlbaum, das ist nicht die Prinzessin Pirlipat, das sind Sie und immer nur Sie selbst, immer nur Ihr eigenes holdes Antlitz, das so lieb aus jeder Nosenwelle lächelt." Da fuhr Marie schnell mit dem Kopf zurück, schloß die Augen fest zu und schämte sich sehr. In demselben Augenblick wurde sie auch von den zwölf Mohre» aus dem Muschelwageii gehoben und an das Land getragen. Sie befand sich in einem kleinen Gebüsch, das beinahe noch schöner war als der Weihnachtswald, so glänzte und funkelte alles darin; vorzüglich waren aber die seltsamen Früchte zu bewundern, die an den Bäumen hingen und nicht allein seltsam gefärbt waren, sondern auch ganz wunderbar dufteten. „Wir sind im Konfitürenhain", sprach Nußknacker, „aber dort ist die Hauptstadt." Was erblickte Marie nun? Wie werd' ich es denn anfangen, euch, ihr Kinder, die Schönheit und Herrlichkeit der Stadt zu beschreiben, die sich jetzt breit über einen reichen Blumenanger hin vor Mariens Augen auftat! Nicht allein, daß Mauern und Tünne in de» herrlichste» Farben prangten, so war auch wohl, was die Form der Gebäude anlangt, gar nichts Aehnliches auf Erden zu finden. Denn statt der Dächer hatten die Häuser zierlich geflochtene Kronen aufgesetzt und die Türme sich mit dem zierlichsten buntesten Laubwerk gekränzt, das man nur sehen kann. Ms sie durch das Tor, welches so aussah, als sei cs von lauter Makronen und überzuckerten Früchten erbaut, gingen, präsentierten silberne Soldaten das Gewehr, und ein Männlein in einem brokatenen Schlafrock warf sich dem Nußknacker an den Hals mit den Worten: „Willkommen, bester Prinz, willkommen in Konfektburg!" Marie wunderte sich nicht wenig, als sie merkte, daß der junge'Drosselmeier von einem sehr vornehmen Mann als Prinz anerkannt wurde. Nun hörte sie aber so viele feine Stimmchen durcheinander toben, solch ein Gejuchze und Gelächter, solch ein Spielen und Singen, daß sie an nichts andres denken konnte, sondern nur gleich Nußknackerchen fragte, was denn das zu bedeuten habe. — „Oh, beste Demoiselle Stahlbaum", erwiderte Nußknacker, „das ist nichts Besonderes. Konfektburg ist eine volkreiche, lustige Stadt, da geht's alle Tage so her: kommen Sie aber nur gefälligst weiter!" Kaum waren sie einige Schritte gegangen, als sie auf de» großen Marktplatz kamen, der de» herrlichsten Anblick gewährte. Alle Häuser ringsumher waren von durchbrochener Zuckerarbeit, Galerie über Galerie getürmt; in der Mitte stand ein hoher überzuckerter Baumkuchen als Obelisk, und um ihn her spritzten vier sehr künstliche Fontänen Orsade, Limonade und andre herrliche süße Getränke in die Lüfte, und in dem Becken sammelte sich lauter Creme, die man gleich hätte auslöffeln mögen. Aber hübscher als alles das waren die allerliebsten kleine» Leutchen, die sich zu Tausenden Kopf an Kopf durcheinander drängten und juchzten und lachte» und sck)erzten und fangen, kurz, jenes luftige Getöse erhoben, das Marie schon in der Ferne gehört hatte. Da gab es schön gekleidete Herren und Damen, Armenier und Griechen, Juden und Tiroler, Offiziere und Soldaten und Prediger und Schäfer und Hanswürste, alle nur mögliche Leute, wie sie in der Welt zu finden sind. (Schluß folgt.) riniversitätS-Vuch« und Steindruckerei, V. Lange, Dießen.