SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Zreitag, den 27. September NummerTS Oer Mensch. Von Matthias C l a u d i u s. Empfangen und genähret, vom Weibe wunderbar^ kommt er und sieht und höret und nimmt des Trugs nicht wahr; gelüstet und begehret und bringt sein Tränlein dar: verachtet und verehret, hat Freude und Gefahr: glaubt, zweifelt, wähnt und lehret, hält nichts und alles wahr; erbauet und zerstöret und quält sich immerdar; schläft, wachet, wächst und zehret, trägt braun und graues Haar. Und alles dieses währet, wenn's hoch kommt, achtzig Jahr. Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder, und er kömint nimmer wieder. Burremann. Märchen von Hans Friedrich Blunck. Das ist ja bekannt, daß da kein eifersüchtigeres Volk ist, als diese kleine» Wichte, die Rullertjes, die Atukkerpukker und was es sonst noch an neuem Leben unter Wagen und Maschinen um uns gibt. Den Grund dieser Eifersucht weiß ich nicht, vielleicht rührt sie daher, daß die Frauen in diesem Volk spärlicher gesät sind als bei uns Menschen. Mal war da einer, der hieß Burremann, der war so schlimm gegen seine Frau, das; sie keinen Schritt zu ihrer Verwandtschaft tun konnte, ohne daß er nicht mit einem Messer in der Hand hinterher lief. Wenn nur ihre alten Muhmen einmal zu Besuch kamen, horchte er an der Tür, was sie sich zu erzählen hätten, er meinte ja immer, einem bösen Geheimnis nachspüren zu können. Am schlimmsten ober wurde es, als der große Wagen, unter dessen Achsen Burremann und seine Frau mit ihren Kindern zu Haus waren, einmal sehr schnell zu einem Flugplatz der Menschen hinausfuhr, wo Vögel mit riesigen Flügeln bereitstanden und singend und surrend über ein weites großes Feld hüpften und aufstiegen. Da war nämlich ein blitzhübscher Bursch von den Menschen, der hatte den Wagen nach draußen gefahren und stieg nun in solchen Vogelwagen hinein. Und Burremanns Frau, die dergleichen noch nicht gesehen, hat ihr Herz sestgehalten, als sich dieser geflügelte Wagen in die Luft aufzuheben begann. Ihr Mann aber ist gewahr geworden, daß sie sich Sorge machte und hat vor Eifersucht auf den jungen Flieger nicht ein noch aus gewußt. Einen ganzen Tag hat er seine arme Frau hinter den alten Benzintank gesperrt, ja, der kleine Burremann ist in seiner Eifersucht so maßlos gewesen, er hat sich vorgenommen, es dem Flieger zu vergelten und ihm einen Schabernack zu spielen. Als deshalb anderen Tags das Flugzeug zurückkam und der Mann unversehrt wieder ausstieg, hat der Wicht sich zur Rächt in den großen Wunderoogel hineingeschlichen und eine Zündung verdrehen oder ein Leitungsrohr verbiegen wollen. Es ist ihm nicht gleich gelungen, vielleicht hinderte ihn doch die Scheu vor diesem neuen wunderlichen Wagen, vielleicht ist es auch ehrliche Bewunderung gewesen, denn diese Art Wichte leben ja vom Staunen über die Erfindungen der Menschen und fühlen sich ihnen zumeist als ihresgleichen heimlich zugesellt. Jedenfalls hat sich Burremanns Untersuchung des fremden Wagens solange hingezögert, bis es auf einmal frühmorgens war, da hat der Kleine über die graue Tenne ja nicht mehr gut heimkehren könnnen. Ja, schlimmer als das, auf einmal ist fein Feind felbeigen mit einem jungen Weib gekommen, die beiden find ausgelassen wie die Kinder gewesen, haben sich in den großen Wagen hineingesetzt, der ist angerollt und hat sich auf einmal, — noch nie hat das einer der Knirpse wie Burremann erlebt, — schräg in die Luft erhoben, über den Schuppen hinweg, in dem Burremanns alter Wagen stand, weit über den Wald, ja, hoch über die braune Stadt, in der der Wichtelmann wohnte. Erst ist es wie ein blinder Schrecken über den Kleinen gekommen, er hat ja gemeint, sterben zu müssen und den Augenblick dreimal verwünscht/ in dem er sich aus seinem sicheren Wagen in dieses fliegende Ungeheuer gewagt hatte. Endlich aber, wie alles gut lief und Burremann immer noch am Leben war, der Wind an den Wänden entlang pfiff und die sausenden Schrauben so fein spielten, wie es der rasende Wagen auf ebener Landstraße kaum besser macht, da ist ja etwas wie Neugier über den Knirps gekommen, er ist aus seinem Versteck unter dem Motor herausgekrochen, hat mit Austernaugen alles laufen sehen, die Gelenke und Spanndrähte betastet und endlich begriffen, daß dieser fliegende Wagen noch längst nicht das Dümmste war, was die Menschen erfanden. Aber er sah auch gleich, daß da noch kein unsichtbarer Knecht unten» Steuer wohnte, und daß manches locker saß, manche Kurbel schlecht geölt lief, wo sonst seinesgleichen im Kleinen sorgsam acht gibt. Ja, so rasch er inne ward, was die Menschen wollten, so rasch hat er auch gesehen, daß ihnen all ihr Verstand nichts half, solange sein Gast zwischen den Rödern spukt. Ach, immer noch glauben sie ja, alles aus ihrem eigenen Hirn zu hämmern und zu zaubern, fast schadenfroh sah der Burrer die lose Oese eines Drahts um die Hakenspitze surren und lauschte mit zehnmal feinerem Ohr als der Mensch es vermag dem brandigen Schnarren der Schraubenwellen unterm Holz. Als Burremann das hörte, fiel ihm wieder ein, warum er eigentlich mitgeflogen war, wuchs fein Zorn gegen den Steuermann wieder über fein Erstaunen. Diese kleinen Wichte haben ja nichts als ihr Werk und ihr Weib, viel größer als bei anderen ist ihr Haß gegen die reichen Menschen, wenn sie einmal aus ihrem alltäglichen Frieden aufgestört werden. Dem Kleinen schien es schon fast recht, daß die Welle schnurrte, er wartete ungeduldig, daß es schliimner würde, er wollte nicht, daß dieser Mensch ohne Leid aus der Höhe zur Erde zurückkam. Dabei hatte der junge Steuermann in Wirklichkeit ja kein bischen Schuld an ihm. Im Gegenteil, es war des Fliegers Brauislug, er hatte fein Weid bei sich, dem er zum erstenmal von seiner Kunst zeigen und deren Mut er prüfen wollte. Hätte der Wicht nicht solch verrannten Blick nur für seine kleine häßliche Frau gehabt, er hätte ja merken müssen, wie cs um die beiden stand. Run war es inzwischen soweit, auch der junge Flieger spürte, daß nicht alles lief, wie es fein sollte. Er stellte den Motor ab und ließ ihn wieder anspringen um zu horchen, wie die Zündung arbeitete. Er sah besorgt aus dem Gleitflug rückwärts zu seiner jungen Frau, stieg wieder, drosselte ab und merkte, daß irgend etwas in seinem schönen Wagen nicht mit rechten Dingen zuging.Die junge Frau aber, die eine kleine Kaspar- puppe im Arm hielt, wurde seiner Unruhe gewahr, sie bekam Furcht, so tapfer sie sich zu halten vorgenommen hatte, — sie war ja noch sehr jung und stellte sich das Leben mit ihrem Liebsten so herrlich vor. Und weil sie es sonst niemandem klagen konnte, schiittelte sie die Puppe: „Paß doch auf, dummes Kerlchen, paß doch auf, daß uns am Hochzeitsmorgen nichts Schlimmes zuftößt!" Run hatte der kleine Burremann ja schon die Nase witternd hoch- gestreckt, ihm brachte der Geruch des Heißlaufens Freude. Er sah auch, als er rittlings auf dem Motor hockte, die junge Frau, die ihre Puppe schüttelte und er hörte, was sie zu der sprach — zu einem dummen Zeuggesicht. Nun sagte ich schon, Weib und Werk ist für Burremanns Völkchen alles. Ader vielleicht, daß der Wicht nun doch Zweifel bekam, ob er mit seiner Eifersucht recht hatte, ober ob das Werk ihm selbst noch über Weibstreue ging — Burremann erboste sich sehr über die Worte der Frau, die solch dummer Puppe Verstand vom Flügelwagen zumutete. Einen rechten feurigen Zorn bekam er über den Nebenbuhler, den Dummkopf, den Nichtswisser, dem das junge Weib aufgab, dem Flugwagen zu helfen. Immer ärger geriet er in Grimm und auf einmal riß Burremann dec Frau die Puppe aus den Händen, — der war, als hätte ein Windstoß sie ihr aus den Fingern geschlagen. Aber noch ehe sie sie wieder aufheben konnte, ist der Balg vor der Zugluft ober aus anberen Gründen wie besessen auf dem Boden gebolzt und gebart ft hin und her geflogen, entsetzlich ist es der armen Puppe ergangen, kopfüber ist sie schließlich in einer Ecke gelandet, die Beine hoch gestreckt. Burremann aber hat ja auch nun zeigen müssen, auf wen es an kam, ob auf ihn oder auf solch dummes Kaspargesicht. Blitzschnell ist er beigegangen und hat die Spanndrähte angezogen, blitzschnell hat er mit spindeldürren Fingern Del über die heißen Wellen geträufelt, blitzschnell ist er von oben bis unten und kopfüber durch den Motor gefahren um zu sehen, ob auch alles mit rechten Dingen zuging. Er hat sich dabei so sehr erhitzt über diesen herrlichen Flugwagen und hat mit seinem kleinen Maschinenverstand so rasch die neue Kunst der Menschen erfaßt, nach einigen Stunden konnte er sich kaum noch vorstellen, daß man anders als in solchem Vogel seine Zeit verbringen konnte. Selbst als nach gutem Flugende die Räder wieder auf das grüne Gras sprangen und Männer herbejeilten, um das Flugzeug in den Schuppen zu schieben, hat Burremann sich um nichts gekümmert, als um das neue Werk. Immer noch ist er unter den Flügeln hin und her gekrochen, hat Steuer und Schraube betastet und mit winzigen Klopfen abgehorcht, und ist kaum gewahr geworden, daß Nachbarn und Freunde freudepiepend unterm Flugzeug standen und feine vor Schreck halbtote Frau herbeifchleppten, um ihr zu zeigen, daß wahrhaftig der erste Mukkepukker lebendig aus der Luft heimkehrte, die doch sonst gewiß nur die Windischen, Vögel und Schwanewitten befahren hatten. Nein, Burremann hat sich bis zur Nacht mit kaum einem einzigen seiner Freunde unterhalten, so lange nicht, bis er das Geheimnis des neuen Wagens in- und auswendig im Kopf hatte. Nur einmal hat er flink der Frau zugeschrien, sie solle sich im Schuppen eine neue Wohnung suchen, sie zögen um, sie zögen sofort um. Erst als es stockdunkel war, ist er vom Flugzeug herabgekrochen und hat den andern mit heißem Kopf erzählt, wie die Fahrt gewesen wäre, — von seiner Eifersucht hat er natürlich kein Wort mehr gesagt. Er hat nur getan, als wenn er aus lauter Mut und Neugier in den neuen Nogel eingestiegen sei, und hat geprahlt und so entsetzlich von seiner Erfindung geredet, daß die meisten Freunde ihn schließlich haben stehen lassen, sie konnten die Prahlerei nicht mehr anhören. Nur die Frau ist ihm treu geblieben. Sie hatte noch über Nacht eilig einen kleinen Teerwinkel im Flugzeugschuppen ausgesucht, hat da bis Mitternacht eine Wohnung hergerichtet, und dann haben Burremann und sein Weib die sieben kleinen Kinder aus dem Wagen, in dem sie bisher gewohnt hatten, Huckepack herausgeholt und in die neue Kammer hinübergeschleppt, — das achte, das noch die Flasche bekam, haben sie nicht finden können, aber sie haben das dumme Ding in ihrer Aufregung auch ganz und gar vergessen. Denn noch in der gleichen Nacht hat Burremann seine sieben Aeltesten hergenommen und ist bis zum Morgengrauen auf dem Flugzeug herumgekrochen und hat ihnen alle Geheimnisse gezeigt. Und die sieben sind gleich auf die anderen Maschinen gesprungen und es ist wahrhaftig so gekommen, daß über Burremanns abscheuliche Eifersucht, von der er heute gar nichts mehr wissen will, er und die Seinen vom Wagen, der nur über Landstraßen fährt, geradewegs zu den großen neuen Vögeln übergesiedelt sind. Und seine Söhne haben gleich geheiratet, weil sie nun ihre eigene Wohnung hatten, und haben wieder Kinder bekommen, und — Ja, und es ist gut für uns Menschen, daß es so gekommen ist, denn diese kleinen geheimen Knechte helfen uns in vielem, und erst seitdem die Burrer sich in die Flugzeuge eingenistet haben, ist es den Menschen gelungen, sich ganz sicher ihren Weg durch die Luft zu bahnen. Denn der Verstand allein und das Auge und der menschliche Arm genügen nicht, es muß auch ein guter Geist in den Maschinen wachsen und wachsen, sonst ist tausendmal vergeblich, was wir wähnen und zu hohen Sielen bauen. Wiener Damen vor 200 Zähren. Von Dr. Helene Busch-Elsner. Uns verbinden sich mit dem Typ der echten Wienerin die Attribute lustig, fesch und hübsch. Sie hat das Wiener Blut in den Adern und ist darum, ohne leichtsinnig zu sein, leichten Sinns, hat stets ein Lied auf den Lippen, einen Walzer in den Füßchen und den goldenen Wiener „Harnur' im Herzen. Sie ist frisch und natürlich mit einer leichten Regung zum Sentimentalen, frei von Ziererei und auch dann, wenn sie Nicht ausgesprochen schön ist, hübsch und anmutig, weil sie es versteht, die ihr verliehenen Reize ins rechte Licht zu setzen, sich graziös zu bewegen und weil sie außerdem das Talent besitzt, sich mit geringen Mit- teln stets geschmackvoll und vorteilhaft zu kleiden. Sie ist nicht ohne Verständnis für materielle Genüsse, und ihr Ruf als gute Köchin geht durch alle Lande. a ’ Wie nun sieht ein Vertreter des starken Geschlechtes, ein Baron von Pöllnitz, der auf seinen Reisen durch ganz Europa Länder und Menschen kennen lernte und seine Eindrücke in später gedruckten Briefen wiedergab, vor gerade zwei Jahrhunderten die Wienerin? „Uebrigens muß ich annoch verschiedenes, so ich überhaupt von denen Oesterreichern angemercket habe, gebenden," schreibt er, „und will ich von dem Frauenzimmer den Anfang machen, und dasselbe nach der Freyheit eines Soldaten, welcher die Wahrheit fein teutsch heraus zu sagen pfleget, beschreiben." — Wir sehen also schon, daß es ihm nicht um Galanterien und Komplimente zu tun ist, wie sie die Wienerinnen von ihren Kava- lleren zu hören gewohnt sind. Dazu muß noch in Betracht gezogen werden, daß Baron von Pöllnitz sich nicht in Wiener Bürgerkreisen, sondern hauptsächlich am kaiserlichen Hofe bewegte. — „Es gibt in Wien," heißt es m feiner Schilderung, „wie überall schöne und häßliche Frauen; im allgemeinen sind sie hier mehr schön als angenehm, denn in allen Wiener Schönheiten steckt fast gar kein Leben. Sie sind meist groß und wohl- J?etoen auch einen ganz netten Gang, haben aber eine so schlechte Manier zu grüßen, daß man glauben könnte, es wurde ihnen „bey einem gemachten Reverenz" der Rücken zerbrechen. Sie sind mehr kostbar als entmutig gekleidet bis auf wenige Ausnahmen pflegt sich nie- U>and rot, geschweige denn weiß zu schminken, und auch die Schönheitspflästerchen („Schönflecklein") sind hier wenig im Gebrauch; es ist mit einem Worte nichts an ihnen zu finden, so ein äußerlich-verliebtes Wesen andeutet. In dieser Beurteilung macht sich deutlich der Vergleich mit der Pariserin fühlbar, die damals wohl schon ebenso tonangebend war wie heute. War doch selbst die Sprache der Gebildeten in Deutschland und Oesterreich die französische. Auch die Briefe des deutschen Herrn von Polln itz wurden erst in der zweiten Auslage aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt. . I» seinen weiteren Ausführungen berichtet er, daß man die Wienerinnen für aufrichtig halte, doch machten sie sich nickst leicht mit jemand bekannt und seien auch sonst von Natur aus zu Hochmut und Kcckt- fmmgkeit geneigt, „wie unser teutsches Frauenzimmer mit einander"; im übrigen hielten sie bei weitem nicht so viel auf anmutigen und liebenswürdigen Umgang als auf Spiel, Uebermut und Pracht. „Gleich- w>e sie zum Müßiggang geneigt, also bekümmern sie sich das Mindeste Nicht um ihr Haußwesen, und stellen sich nicht anderst an, als ob sie fremd in ihren eigenen Häusern wären." Bücher, behauptet er, kennten sie flUßer ihrem Gebetbuch nicht viele; sie seien außerordentlich leichtgläubig und zeigten sich nach außen sehr devot. Dadurch sei der Umgang mit ihnen durchaus nicht der angenehmste, und wenn es sich nicht um Liebesangelegenheiten handelte, redeten sie oftmals von nichts anderem als vom Wetter. Für ihre Geburtsstadt seien sie .wenn nicht mehr, o doch ebenso stark eingenommen wie die Pariser und meinten, außer Wien sei kein Glück zu finden. Alle diese kleinen Fehler aber würden durch eine ausgesprochene Großmütigkeit wettgemacht; sie seien außerordentlich verläßlich in der Freundschaft, und wenn sie jemand lieb gewännen, geschehe es von Herzen, ja, es gebe Fälle, wo Damen ihre Liebhaber, statt sie um das Ihrige zu bringen, reich gemacht hätten. Nach dieser Charakteristik der Wiener Damen erzählt Herr von Pöllnitz auch noch davon, wie sie ihre Zeit verbringen. Er sagt: „Des Alorgens stehen sie ziemlich spät auf, und Haden sie kaum die Augen offen, so verlangen sie schon nach Chocolate, schicken darauf zu ihren Männern, um zu wissen, wen sie zur Taffet gebeten, und ob die Stellen daran alle besetzt. Ist die Gesellschaft nicht nach dem Sinn der Dame, schicket sie nach einer ihrer guten Freundinnen und Kiffet sie wissen, daß sie bey ihr zu Mittag speisen wolle; oder wann noch einige Plätze leer sind, wie denn ein Mann, welcher höflich feijn will, allemahl einige dem freyen Willen seiner Frau Überläßt, schicket sie hin und bittet 3» sich wer ihr beliebet. Nach diesem kleidet sie sich an, gehet in die Messe, denn es pflegen hier Dames, die auch sonst nicht eben gar zu devot sein wollen, wenigstens des Tages eine Messe zu hören; nach der Messe reden sie ordinaire (= in der Regel) eine Vierthel Stunde in der Kirche miteinander, statten nachhero einen ober ben anbern Besuch bei) guten Freunben ab, ober nehmen dergleichen von anbern an. Wäh- renb dieses Besuches erzehlet man, was neues in Wien paffiret, und haben inzwischen die Dames alle mit einander kleine laquirte Kistlein Iauf dem Schooß, worauf sie, biß es Mittags-Zeit ist, Goldfaden auszuziehen pflegen. Nach der Taffel trinken sie Lalle, und spielen selb fünfftes biß an ben Abend, da sie sich nach Hoff begeben. So bald sie von der Kayserin weggehen, finden sie sich in einer Assamblee ein, woselbst Piguet oder Quadrille gespielet wird, darauf sie sich nach Hauß begeben, und nachdem sie ausgekleidet, in einer kleiner geschloffenen Gesellschaft! die Abendmahlzeit einnehmen. Endlich legen sie sich zur Ruhe, und seynd von Hertzen vergnügt, daß sie ihren Tag so in Sorglosigkeit und ohne alle Geschäfte zugebracht haben." Ein Wort widmet unser Gewährsmann dann noch dem „Frauenzimmer von der zweiten Ordnung", wozu er „die Adeliche Weiber" rech- Inet, die keinen weiteren Titel haben, desgleichen „der „Assessoren, Refe- renbarien unb Hoff-Agenten Weiber", inbem er ihr Wohlleben in allen Stücken betont. Ihre Häuser seien kostbar möbliert unb bie Tafel über bis Maßen herrlich, ja, es bürfe niemanb einen Bissen haben, ber beütater sei als bei einem Referendario, unb es werbe baher immer bas Beste für sie angefchafft. „Ueberhaupt ist bie Taffel dasjenige," fährt Herr von Pöllnitz fort, „wovor die Defterreidjer am allermeisten besorgt sind, und müssen allerhand Getränke dabey im Uebersluß, sonsten auch die Schüsseln alle sehr reichlich angefüllek seyn; wie sie dann zu dergleichen Uebersluß in Speisen solchermaßen gewöhnet sind, daß ich etliche junge Oesterreicher gekandt habe, welche behaupten wollen, daß man in Franckreich keineswegs wohl tractiret werde, weilen man niemahls allda zwey Kalbs- Biertel in einer Schüssel vorgesetzt bekäme. Gleichermaßen sind auch die vielerlei) Sorten von Wein sehr bey den Mahlzeiten im Gebrauch. — Der Bürgersmann und andere Leute geringem Standes thun es dem Adel, so viel möglich nach, und kan man wohl sagen, daß keine Leute in der Welt weniger im Haußwesen zu sparen wissen, als bie in biefer Stabt." Wenn Baron von Pöllnitz heute bie Wiener Stabt besuchen könnte, fönbe er viele, allzuviele sehr sparsame Bürgersleute, unb auch bie Damen, bie ihren Tag in voller Sorglosigkeit und ohne alle Geschäfte zubringen, suchte er heute vergebens. Raubtier-Schule. Von Paul E i p p e r. Vor knapp vierzig Jahren kannte man nur eine Art von Dressur unb bas war — Tierquälerei. Man machte bie armen Löwen, Bären, Panther auf schänbliche Weise ungefährlich, inbem man ihnen die Krallen abzwickte und die Spitzen der j Eckzähne stumpf feilte. Dann ging der „heldenhafte Bändiger" in den niedrigen Vorführungswagen, die eine Hand hielt eine fürchterliche Peitsche, die andere eine brennende Pechfadel oder einen glühenden Eisen- stad. Der Mann brüllte aus Leibeskräften und trieb die verängstigten „Bestien" über Hindernisse und durch Reifen, von einer Ede des Käfigs in die andere. Das war die wilde Dressur und noch immer foltert mich von Zeit zu Zeit wie ein Alpdruck der Traum, daß ich wieder ein Kind fei und eine solche Vorführung anfehe. * Man weiß, daß Carl H a g e n b e d und sein Bruder Wilhelm in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts damit begonnen haben, Raubtiere auf humane Weife abzurichten, sie nicht als verprügelte Feiglinge, sondern in ihrer ganzen Herrlichkeit und Kraft vorzuführen, Freundschaft mit den gefährlichen Gesellen zu schließen. Diese Art hat sich in der ganzen Welt Bahn gebrochen, und nur noch selten begegnet man Rohlingen, die sich nicht anders zu helfen wissen, als ihre Tiere dadurch zum Fauchen zu reizen- daß sie ihnen die Nasen blutig schlagen. 3m vorigen Jahr trat in Berlin ein junger Mann auf mit einem offenen klaren Gesicht und gutmütigen Augen. Er schwenkte feinen Cowboyhut, schloß das Gitter vor der weiten Manege hinter sich ab und empfing — ohne Stock, Peitsche oder Revolver — ein Dutzend ausgewachsener Königstiger, ließ sie springen, klettern, aufsitzen, das ganze Programm durcharbeiten, lediglich gelenkt von seiner Stimme. Wie kam dieser Dompteur zu solchem Wagemut? Ein englischer Theateragent hatte ihn abends zuvor gesehen, wie er den größten seiner Tiger mit der Holzyabel abfing, in die sich das Tier brüllend verbiß. „Ich würde Sie sofort für London verpflichten, denn Ihre Dressur ist gut und die Tiere find außergewöhnlich schön", sagte der Agent, „aber Sie Wissen wohl, daß England scharfe Gesetze gegen Tierquälerei hat und Sie dürfen drüben nicht mit Peitsche und Gabel austreten. Schade!" Da lachte der Zwanzigjährige. „Wenn sonst nichts dagegen spricht, ist die Sache gemacht. Ich lasse eben die Peitsche fort." „Pardon," erwiderte der Agent, „das dauert mir zu lang, bis Sie umstudieren." „Was heißt lange? Ich gehe morgen ohne Waffen zu meinen Tigern; ich brauche nur meine Augen und die Stimme, alles andere ist Theater -und auch das Knüppelbeißen eine eingelernte Spielerei, die dem Tiger Freude macht." So geschah es, und vierzehn Tage später hatte Londons erstes Variete eine neue Sensation. * Der Dompteur heißt Alfred Kaden und ist der jüngste Tierbändiger bei Carl Hagenbeck. Zur Zeit arbeitet er mit fünf prächtigen Löwen; aber das Neue an seiner Vorführung ist, daß Kaden den Manegenboden nicht betritt, sondern im weißseidenen Polodreß auf einem Araberhengst sitzt und das graziöse Tier ohne Sporenhilfe dauernd um seine Löwen tänzeln läßt. Diese souveräne Sicherheit bestimmte mich, einige Zeit hinter die Kulissen zu gehen und zu ergründen, wie Kaden seine Raubtiere dressiert. So wohnte ich einige Wochen im chagenbeckschen Tierpark in Stellingen, stand viele Stunden vor dem großen Rundkäfig der Raubtier- Kinderstube, in dem Löwen, Bären, Pumas, Leoparden, Hunde und eine Hyäne zusammen spielen, lauter entzückende, kleine Tierkinder. Das ist der Anfang. Aus diesem vergnügten Knäuel suchen sich die Dompteure ihr „Material" aus; denn schon am ganz jungen Tier erkennt der Fachmann Charaktereigenschaften und Begabung. Mit vier oder fünf Monaten (für Tiere schon ein recht stattliches Alter) werden die zur Dressur Ungeeigneten in den Tierpark gebracht, die anderen kommen zum Elementarunterricht. Alfred Kaden hat sich zwei männliche Löwen ausgesucht. Die vielleicht 60 Zentimeter hohen Tiere hausen jetzt in einem Käfigwagen, räkeln sich auf weichem Stroh und spitzen die Ohren, sobald ihr Herr ans Gitter kommt. Jedesmal, wenn er einen davon am Kopfe krault, sagt er ein bestimmtes Wort (zu jedem Tier ein anderes) und schnell begreifen sie, welches von ihnen damit gemeint ist. Sie haben ihre Rufnamen bekommen. Eines Morgens öffnet sich die Wagentür. Voll Neugierde drängen beide Löwen Schulter an Schulter herbei und plumpsen fast ungewollt hinunter auf den Zementboden. Komisch, da ist ja viel Platz — und chon beginnt ein vergnügtes Fangespiel. Aber allzuweit kann man nicht pringen, an allen Seiten sind Stäbe, die Tiere befinden sich wiederum n einer kleinen Manege und erkennen die Grenze ihrer Bewegungsmöglichkeiten. Sie legen sich auf den Boden. Aber das ist langweilig; viel lieber beschnuppern sie die Gegenstände, die da und dort im Raum verteilt sind: ein Hocker, eine Leiter, ein Kasten und wahrhaftig, dort von der Kiste her duftet es verführerisch nach rohem Fleisch. „Wollen wir doch mal hinausklettern" denkt sich der eine Löwe, tut es auch und im gleichen Augenblick sagt eine wohlbekannte menschliche Stimme: „Brav, Menelik!" und durch die Luft fällt ein Stück Fleisch dicht vor des Löwen Nase. Zwar springt das nervöse Tier sofort zu Boden, aber der Duft lockt und vorsichtig pirscht sich der Löwe wieder heran, leckt das Fleifch mit breiter Zunge auf. Dieser Versuch wiederholt sich zehn- bis zwanzigmal am Tag, fast eine Woche lang und während der ganzen Zeit steht der Dompteur bewegungslos in einer Ecke — bis endlich das Tier jenes einfache Kunststück gelernt hat: auf seinen Platz zu gehen. Am sechsten Tage ist kein Fleischwurf mehr nötig, beide Löwen schnellen, sobald ihr Käsig geöffnet wird, heraus, hinunter und auf ihre Plätze. Alfred Kaden hat bei dieser allerersten Dressur bereits Unterscheidungen gemacht: der eine Zögling ist nervös und klug, er begreift schnell aber erschreckt sich leicht. Das andere Tier entwickelt ein geradezu beispielloses Phlegma; mit ihm wird der Mann die größeren Schwierigkeiten haben. Nun folgen mühselige Wochen der Kleinarbeit. Immer wieder pfeift ein Fleischstück durch die Luft; der schwerfällige Löwe geht noch immer nicht aus freien Stücken von feinem Sitz herunter. Man kann ihm die Verlockung dicht vor die Pfoten legen; er rührt sich nicht, und nur wenn Kaden ihm den Brocken zwischen die Zähne schiebt, frißt er. Sein Kamerad ist schon viel weiter fortgeschritten. Er steht auf einem schmalen Postament, von dem aus eine dünne Stange anderthalb Meter weit zu einem zweiten Postamente führt und der Weg dorthin ist mit Fleischstückchen besät. Da kann man als Löwe doch nicht anders, als eins nach dem anderen aufzugreifen. Aber leider rutscht man mit seinen dicken Pranken immer wieder aus und fällt zur Erde. Dann ist jedesmal die Fleischverlockung verschwunden und nur auf dem hinteren Postament liegt ein schmaler Bissen. Also von neuem beginnen! Endlich steht der Löwe weit ausgereckt, wie es der Dompteur will, auf beiden Kästen und nun beginnt die nächste Schwierigkeit; das Tier in dieser Stellung stillzuhalten. Denn, da keine Fleischstücke mehr vorhanden sind, möchte der Löwe nach Hause gehen. Aber da schwebt plötzlich dicht vor seiner Nase ein kleiner Holzstab und daran duftet es nach Fleisch. Also hebt der Löwe seinen Kopf nach oben, reckt sich immer höher, bis rr den Leckerbissen schnappen kann — und hat auf diese Weise versessen, daß er eigentlich fortgehen wollte. * Es gehört eine ungewöhnliche Geduld zu diesem Handwerk. Denn nie darf der Dompteur die Ruhe verlieren. Auch nicht, wenn sein Zögling eigensinnig wird, faucht oder irgendwo anders hinschaut. Das ist nur ein Zeichen von Ermüdung, und es empfiehlt sich eine Pause — in einer Stunde von neuem zu beginnen. Mehr als ein halbes Jahr dauert eine solche Dressur; inzwischen ist das Tier saft erwachsen, seine Mähne beginnt zu sprießen und aus Fauchen wird Gebrüll. Dem Bändiger imponiert das aber nicht; er kennt ja jede kleinste Regung feines vierbeinigen Kameraden und weiß, wie er ihm begegnen muß. Eines allerdings ist unerläßlich. Wenn erst einmal das Tier feine Arbeit begriffen hat, wird unbedingter Gehorsam von ihm verlangt. Sonst gibt es bei aller Güte einen erzieherischen Klaps, falls nicht der unzufriedene Ton in der Stimme des Dompteurs den Respekt wieder herstellt. Auch in der zahmen Dressur sind Raubtiere, die im Dompteur nicht ihren unbedingten Herren sehen, eine wirkliche Todesgefahr. Hälfte des Lebens. Von Friedrich Hölderlin. Mit gelben Birnen hänget Und voll mit wilden Rosen Das Land in den See, . Ihr holden Schwäne, Und trunken von Küssen Tunkt ihr das Haupt Ins heilignüchterne Wasser. Weh mir, wo nehm' ich, wenn Es Winter ist, die Blumen, und wo Den Sonnenschein Und Schatten der Erde? Die Mauern stehn Sprachlos und kalt, im Winde Klirren die Fahnen. Das beispiellose Abenteuer des Hans pfaall. Von Edgar Allan Poe. (Fortsetzung.) Meine Gedanken über diese Sache erhielten auch ihre Fuß sein müsse. Meine Gedanken über diese Sache erhielten auch ihre Bestätigung durch eine Stelle in den „Philosophical Transactions", in der behauptet wird, daß bei der Verfinsterung der Monde des Jupiter der dritte verschwinde, nachdem er 1 oder 2 Grad der Zeit undeutlich war, und der vierte nahe des Randes unerkennbar werde*). Auf die Widerstandskraft oder vielmehr auf die Tragkraft einer Atmosphäre von solcher Dichtigkeit hatte ich mich natürlich für die Sicheret meines fpöteren Abstieges verlaßen. Wenn ich mich darin geirrt hätte, dürfte ich fchließlich für mein Abenteuer kein anderes Finale erwarten, als gegen die rauhe Oberfläche des Mondes in Atome zerschmettert zu werden. Und jetzt hatte ich in der Tat allen Grund, beängstigt zu fein. Meine Entfernung vom Mond war verhältnismäßig unbedeutend, während die Mühe, die der Kondensator verursachte, durchaus nicht abnahm, und ich keine Anzeichen für eine abnehmende Dünnheit der Luft entdecken Heute morgen, etwa um 9 Uhr, als die Oberfläche des Mondes er= schreckend nahe kam und meine Befürchtungen aufs höchste angefpannk waren, gab zu meiner großen Freude endlich die Pumpe des Kondensators deutliche Zeichen einer Veränderung in der Atmosphäre; um 10 Uhr hatte ich Veranlassung, ihre Dichtigkeit für erheblich verstärkt zu halten. Um 11 Uhr war sehr wenig Anstrengung am Apparat nötig; und um 12 Uhr wagte ich mit einigem Zögern die Drehscheibe auszuschrauben und, als ich dadurch keine Störung empfand, riß ich die Kautschukzelle auf und takelte sie von der Gondel ab. Wie zu erwarten war, traten bei mir Atemnot und Kopfschmerzen als sofortige Folge eines so überstürzten und gefährlichen Experimentes ein. Aber da diese und andere Schwierigkeiten, die meine Atmung begleiteten, nicht so stark waren, um mein Leben in Gefahr zu bringen, beschloß ich, sie so gut wie möglich zu ertragen, in der Erwägung, daß sie sofort vergehen werden, wenn ich mich der dichteren Schicht am Monde näherte. Dieses Näherkommen war aber noch immer äußerst ungestüm, und bald wurde mir die schreckliche Gewißheit, daß, obgleich ich mich vermutlich nicht in der Erwartung einer Atmosphäre, deren Dichtigkeit der Masse des Satelliten entspricht, getäuscht hatte, ich doch insofern im Irrtum war, als diese Dichtigkeit durchaus nicht — nicht einmal an der Oberfläche — die genügende Tragfähigkeit für das große Gewicht hatte, das in der Gondel meines Ballons enthalten war. Aber dies hätte der Fall fein müßen, und zwar im gleichen Maße wie an der Erdoberfläche, wenn die tatsächliche Schwerkraft der Körper auf jedem Planeten im Verhältnis zur atmosphärischen Dichtigkeit stände. Daß es nicht so war, bewies mein jäher Absturz zur Genüge, warum nicht, kann nur durch einen Hinweis auf die geologischen Störungen erklärt werden, auf die ich vorhin anfpielte. Jedenfalls war ich jetzt dicht bei dem Monde und sank mit der schrecklichsten Geschwindigkeit herunter. Ich verlor also keinen Augenblick, sondern warf zunächst *) Helvetius fugt, daß er mehrmals bei ganz klarem Himmel festgc- ftellt habe, daß, während sogar Sterne sechster und siebter Größe deutlich sichtbar waren, der Mond und seine Flecken, obgleich bei gleicher Höhe und demselben Abstand von der Erde mit demselben vorzüglichen Teleskop betrachtet, nicht zu allen Zeiten gleich deutlich erschienen. Aus den Umständen der Beobachtung geht hervor, daß der Grund dieses Phänomens weder in unserer Lust, noch im Fernrohr, im Mond oder im Auge des Betrachters zu suchen ist, sondern in irgend etwas (vielleicht einer Atmosphäre?), das um den Mond existiert. — Cassini hat beobachtet, daß Saturn, Jupiter und die Fixsterne, wenn sie dem Mond bei dre Finsternis nahe kamen, ihre kreisrunde Gestalt in eine ovale verwandelten; und bet anderen Finsternissen fand er überhaupt keine Veränderung der Gestalt. Daraus mag gefolgert werden, daß manchmal, nicht immer, ein dichter Stoff den Mond umgibt, worin das Licht der Sterne zurückgeworfen wird. meinen Ballast, dann meine Wasfersäßchen, den Kondensator, die Karft- schukzelle und schließlich alles was die Gondel enthielt, heraus. Aber das half alles nichts. Ich fiel immer weiter mit fürchterlicher Schnelligkeit und war kaum mehr eine halbe Meile von der Oberfläche entfernt. Als letzte Rettung, nachdem ich schon meinen Rock, die Stiefel und den Hui losgeworden war, schnitt ich die Gondel selbst, die von nicht unerheblichem Gewichte war, vorn Ballon ab und, mit beiden Händen am Weidengeflecht hängend, hatte ich kaum Zeit zu bemerken, daß die ganze Gegend, so weit mein Auge reichte, dicht mit kleinen Wohnstätten bestreut war, bevor ich kopfüber mitten in eine phantastisch aussehende Stadt fiel, in eine Menge häßlicher Geschöpfe, die keine Silbe sprachen oder sich irgendwie bemühten, mir zu helfen, sondern alle wie ein Haufen Idioten blöde grinsend und mich und meinen Ballon schief von der Seite ansehend, mit eingestemmten Armen dastanden. Ich wandte mich verächtlich von ihnen ab und, aufwärts schauend nach der soeben verlassenen Erde, die ich vielleicht nie wieder betreten sollte, erblickte ich sie wie einen ungeheuren, trüben Kupferschild von etwa 2 Grad Durchmesser unbeweglich fest am Himmel über mir, mit einem halbkreisförmigen Rande von glänzendem Golde an einer Kante leicht gesäumt. Ich konnte keine Spuren von Wasser oder Land entdecken, und das Ganze war mit veränderlichen Flecken bewölkt und mit tropischen und äquatorialen Zonen umgürtet. So, mit Verlaub Ew. Exz., hatte ich nach viel Herzensangst, unerhörten Gefahren und beispiellosem Entrinnen endlich am 19. Tage nach meiner Abfahrt von Rotterdam das Ziel meiner Reise heil erreicht, einer Reise, die zweifellos die außerordentlichste und folgenschwerste war, die je ein Bewohner der Erde beschlossen, unternommen und ausgesührt hat. Aber noch habe ich meine Abenteuer nicht erzählt. Ew. Exz. können sich wohl denken, daß ich nach einem Aufenthalt von fünf Jahren auf einem Gestirn, das nicht nur an und für sich, sondern noch besonders durch seinen engen Zusammenhang als Satellit mit der van Menschen bewohnten Erde sehr interessant ist, der staatlichen Fakultät für Astronomie private Mitteilungen zu machen habe, die noch sehr viel wichtiger sind als die doch auch schon wunderbare Erzählung von der so glücklich abgeschlossenen Reise. Dies ist auch der Fall. Ich habe viel, sehr viel zu erzählen, und würde mir eine Freude daraus machen, zu berichten. Ich habe viel zu sagen über das Klima des Mondes; über seinen wundervollen Wechsel von Hitze und Kälte; den ungemilderten Sonnenschein während 14 Tage und die polare Kälte der nächsten 14 Tage; von einer dauernden Uebertragung von Feuchtigkeit durch Destillation „in vacuo" von dem der Sone zunächst liegenden Punkte zu dem ihr entferntesten; von einer veränderlichen Zone fließenden Wassers; von den Bewohnern selbst, ihren Sitten, Gebräuchen und politischen Einrichtungen; von ihrem sonderbaren Körperbau; wie häßlich sie sind; daß sie keine Ohren haben, da diese Auswüchse in einer so merkwürdig veränderten Atmosphäre zwecklos wären; daß sie den Gebrauch und die Eigentümlichkeiten der Sprache durchaus nicht kennen; auf welche Weise sie diese durch eine sonderbare Methode des Wechselverkehrs ersetzen; von dem unbegreiflichen Zusammenhang jedes Mondbewohners mit irgendeinem Wesen auf der Erde — einem Zusammenhang, der vollständig demjenigen der Bahn des Planeten mit der des Satelliten entspricht und auch davon abhängt, und wodurch Leben und Schicksal der Bewohner des einen mit Leben und Schicksal der Bewohner des anderen verknüpft find; und nicht zuletzt, wenn Ew. Exz. es gestatten, von dunkeln und greulichen .Geheimnissen, die in den äußersten Gegenden des Mondes liegen, Gegenden, die infolge der höchst wunderbaren Drehung des Mondes um feine eigene Achse zugleich mit seiner Drehung um die Erde niemals der Beobachtung durch das Teleskop der Menschenn ausgesetzt waren und es mit Gottes Hilfe auch nie fein werden. Alles dieses und noch mehr, viel mehr möchte ich gern erzählen, aber, kurz gesagt, ich muß eine Belohnung dafür haben. Ich sehne mich danach, in meine Familie und in mein Heim zurückzukehren; und als Lohn für alle weiteren Mitteilungen meinerfeits — unter Berücksichtigung des Lichtes, das ich auf viele Zweige der physikalischen und metaphysischen Wissenschaft werfen kann, erflehe ich durch den Einfluß Ihrer ehrenwerten Körperschaft Begnadigungen für das Verbrechen, dessen ich mich schuldig gemacht habe durch den Tod meiner Schuldner bei meiner Abfahrt von Rotterdam. Dies ist also der Zweck des vorliegenden Schreibens. Sein Ueberbringer, ein Mondbewohner, den ich bewogen und entsprechend unterrichtet habe, mein Bote auf der Erde zu sein, wird Ew. Exz. Entscheidung abwarten und dann mit der Begnadigung zu mir zurückkehren, wenn sie irgend zu erlangen ist. Ich empfehle mich usw. als Ew. Exz. ergebenster Diener Hans Pfaall. Nachdem sie dieses höchst merkwürdige Dokument fertig gelesen hatten, soll Professor Rubadub in äußerstem Erstaunen seine Pfeife fallen gelassen und Mynheer Superbus Von Underduk seine Brille abgenommen, abgewischt, in die Tasche gesteckt und sich und seine Würde fo weit vergessen haben, daß er sich dreimal auf dem Absatz umdrehte als Höhepunkt' feines Erstaunens und feiner Verwunderung. Darüber bestand kein Zweifel: Die Begnadigung mußte gewährt werden; das schwor wenigstens Professor Rubadub mit einem kräftigen Fluche, und das dachte schließlich auch der berühmte Von Underduk, als er den Arm seines Geistesbruders ergriff und, ohne ein Wort zu sprechen, möglichst bequem den Heimweg antrat, um über die zu ergreifenden Maßregeln nachzudenken. Als sie aber bie Tür der bürgermeisterlichen Wohnung erreichten, wagte es der Profeffor, darauf hinzuweifen, daß, da der Bote es für richtig gehalten ljabe, wieder zu verschwinden — offenbar durch das wilde Aussehen der Bürger von Rotterdam zu Tode erschreckt — die Begnadigung wenig Zweck hätte, da niemand als ein Mondbewohner die Reise auf fo große Entfernung unternehmen würde. Der Bürgermeister stimmte der Richtigkeit dieser Bemerkung zu, und die Sache war damit erledigt. Aber nicht die Gerüchte und Vermutungen. Nachdem der Brief veröffentlicht worden war, entstanden verschiedene Meinungen und allerlei Klatsch. Einige Neunmalweisen machten sich sogar lächerlich, indem sie die ganze Sache nur für einen Ulk erklärten. Aber bei solchen Leuten scheint mir alles, was sie nicht verstehen, ein Ulk genannt zu werden. Ich kann nicht begreifen, wie sie eine solche Beschuldigung begründen wollen. Sie behaupten folgendes: Erstens: Daß gewisse Spaßvögel in Rotterdam eine besondere Abneigung gegen gewisse Bürgermeister und Astronomen haben. Zweitens: Daß ein komischer kleiner Zwerg und armseliger Zechkumpan, dem wegen schlechten Betragens beide Ohren dicht am Kopfe abgeschnitten wurden, seit einigen Tagen aus der Nachbarstadt Brügge verschwunden fei. Drittens: Daß die Zeitungen, die über den kleinen Ballon geklebt waren, holländische Zeitungen waren, also nicht auf dem Monde gedruckt werden konnten. Es wäre schmutzige, sehr schmutzige Zeitungen, und der Drucker Kluck will auf die Bibel schwören, daß sie in Rotterdam gedruckt wurden. Viertens: Daß Hans Pfaall selbst, dieser Trunkenbold, und auch die Müßiggänger, die er feine „Schuldner" nennt, alle zusammen vor höchstens zwei oder drei Tagen in einer Schnapskneipe der Vorstadt gesehen wurden, wohin sie eben von einer Fahrt über See mit Geld in den Taschen zurückgekehrt waren. Endlich: Daß es allgemein bekannnk. ist oder sein sollte, daß die Astco- nornenschulen in der Stadt Rotterdam sowohl als alle anderen Schulen in allen Weltteilen — um nicht zu sagen alle Schulen und alle Astronomen überhaupt — gelinde gesagt, nicht im Geringsten besser, größer und weiser sind als ... man von ihnen verlangen kann. Nachschrift: Genau genommen besteht wenig Aehnlichkeit zwischen obigem Versuche und der berühmten „Mondgeschichte" von Locke; aber da beide den Charakter von Scherzerzählungen haben (obgleich die eine im spaßhaften Tone geschrieben ist, die andere aber im tiefsten Ernste), und da beide Scherze über denselben Gegenstand plaudern, — den Mond — außerdem beide versuchen, durch wissenschaftliche Einzelheiten Wahrscheinlichkeit vorzutäuscheir — so hält der Verfasser von Hans Pfaall es zu feiner Selbstverteidigung für notwendig, zu sagen, daß fein eigenes jeu d’esprit etwa drei Wochen früher int Southern -Literary Messenger erschien, als der Anfang von Herrn Lockes Schrift in der New York Sun. Einige Neuyorker Blätter die eine Aehnlichkeit fanden, die vielleicht gar nicht besteht, haben Hans Pfaall abgedruckt und mit Moon Hoax verglichen, um dem Verfasser des einen auch für den Verfasser des anderen zu erklären. Da eine viel größere Anzahl Personen als es zugeben wollen durch Moon Hoax getäuscht wurden, wird es vielleicht ganz unterhaltend sein, nun zu zeigen, weshalb eigentlich niemand sich hätte irreführen lassen sollen — wenn wir hier diejenigen Teile der Geschichte anführen, die ihren wahren Charakter genügend beweisen. Denn so reich auch die entfaltete Phantasie fein mag, fehlt ihr doch viel von der Kraft, die ihr eine etwas gewissenhaftere Aufmerksamkeit auf Tatsachen und allgemeine Analogie geben könnte. Daß das Publikum auch nur einen Augenblick irregeführt wurde, ist ein Beweis für die allgemeine grobe Unwissenheit in astronomischen Singen. Die Entfernung des Mondes von der Erde ist rund gerechnet 240 000 Meilen. Wenn wir feststellen wollen, wie nahe eine Linse uns den Satelliten scheinbar bringen kann (oder irgendeinen anderen Gegenstands, müssen wir diese Entfernung dividieren durch die vergrößernde oder richtig gesagt die raumdurchdringende Kraft des Glases. Locke gibt seinem Glase die Stärke von 42 OOOinaliger Vergrößerung. Teilen wir dadurch 240 000 (die wirkliche Entfernung des Mondes), fo bleiben 55/? Meilen dis scheinbare Entfernung. So weit könnte man keine Lebewesen erkennen, noch viel weniger die Einzelheiten, die in der Erzählung beschrieben werden. Locke spricht davon, daß Sir John Herschel Blumen (Papaver rhea usw.) sieht, und sogar die Farbe und Form der Augen kleiner Vögel erkennt. Kurz zuvor hat er aber selbst bemerkt, daß die Linse keine Dinge von weniger als 18 Grad Durchmesser erkennen lassen kann, aber selbst dies spricht dem Glase eine viel zu große Kraft zu, wie ich schon sagte. Beiläufig will ich bemerken, daß dieses wunderbare Glas von Hartlay & Grant, in Dumbarton, geschliffen sein soll, obgleich Firma Hartlay & Grant schon viele Jahre vor-der Veröffentlichung dec Scherzerzählung ihre Tätigkeit eingestellt hatte. Auf Seite 13 der Broschüre, wo der Verfasser von einem „Haarschleier" über den Augen einer Art Auerochsen spricht, sagt er: Es war dem scharfen Geiste des Dr. Herschel sofort klar, daß dies eine Einrichtung der Vorsehung war, um die Augen des Tiers vor den höchsten Graden von Licht und Dunkel zu schützen, denen alle Bewohner unserer Seite des Mondes periodisch ausgesetzt sind. Aber dies kann nicht als eine besonders scharfsinnige Beobachtung des Doktors aufgefaßt werden. Die Bewohner unserer Seite des Mondes haben entschieden überhaupt teilte Dunkelheit, deshalb kann von den ermähnten höchsten Graden keine Rede fein. Während die Sonne nicht scheint, erhallen sie von der Erde ein Licht, das 13 unbewölkten Vollmonden entspricht. Die ganze Topographie ist, obgleich er vorgibt, mit Blunts Mondkarte übereinguftimmen, ganz abweichend von dieser oder irgendeiner anderen Mondkarte und sogar mit sich selbst im Widerspruch. Auch die Himmelsrichtungen sind ganz durcheinander gebracht, da der Verfasser offenbar nicht weiß, daß diese aus einer Mondtarte nicht mit den Punkten auf der Erde übereinstimmen, sondern Osten links ist usw. Vielleicht durch fo unklare Namen wie Mare Nubium, More Tran- quilitatis, Mare Faecunditatis usw., die manche frühere Astronomen den dunklen Punkten gegeben haben, verführt, hat der Verfasser von Ozeanen und anderen großen Gewässern auf dem Monde erzählt, während nichts in der Sternenkunde sicherer bestimmt ist, als daß es nichts derartiges dort gibt. Wenn man die Grenzen zwischen Licht und Dunkel (bei zunehmendem Mond) beobachtet, ist die Grenzlinie, wo irgendwelche der dunkeln Punkte sie kreuzen, unregelmäßig und gezackt; wären diese dunkeln Punkte flüssig, so wäre jene glatt. (Schluß folgt,) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts^Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.