Siebener KnnilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgangs Montag, den27.Mai Nummer Alte Stadt. Von Hans Thyriot. Die kupfergrünen Türme sind vom Dunst verhängt, der bläulich aus den Uferwiesen weht, als Schleier vor den Brückenbogen steht und Tor und Dach und Giebel sanft umfängt. Von allen Gärten steigt ein schwerer Duft des müden Tags herauf aus weißem Flieder, aus der Kastanien hängendem Gefieder in die vom Schwalbenflug bewegte Luft. Zwischen den Büschen und umlaubten Bänken sieht man ein Helles Kleid vorüberschweben und Hinterm Berg den Mond die Sichel heben und silbern in den dunklen Fluß versenken. Kindergeschichte. Von Robert Neumann. Es ist einige Zeit her — eine so befremdlich lange Zeit, daß es mich schwindelt, wenn ich die inzwischen durchklommenen Jahressprossen der schwanken Leiter niederblicke. Ich war damals recht genau acht Jahre alt, und das weiß ich daher, daß ich zu meinem achten Geburtstag den Löwenkopf bekam, in dessen aufgesperrtes Maul man mit Bällen warf — er hatte eine Feder in sich und er schnappte danach. Diese Feder brach bald, das Tier ward auseinandergenommen und wanderte dann den Weg alles andern Spielzeuggerümpels, aber dieser Löwe (er roch nach Kleister und Lack — noch heut« weiß ich seinen Geruch —) dieser Löwe war schuld an allem. Ich schlief damals im Speisezimmer auf einem Divan. Daneben war eine Kammer: und hinter dieser Kammer erst lag der Schlafraum der Eltern. Eines Nachts erwachte ich und sah an der Wand gegenüber den Löwenkopf, auf dem ein Laternenschimmer, von der Gasse her, sich durchs Fenster verirrend, ein knöchernes Widerspiegeln und eine gräßlich vereinfachte Lebendigkeit wachrief. Ich schrie auf, schrie dreimal, mein lieber Vater kam, weiß, im Hemd, langen Unterhosen und Socken, fragte, was los sei, schalt dann und warf die Türe hinter sich zu. Um diese Türe, um diese beiden Türen von meinem Speisezimmer zu jener Kammer, und von der Kammer zum Schlafvaum der Eltern ging dann der Kampf — ein Kampf, der von mir mit allen Fasern des Herzens, mit einer zitternden Aufgewühltheit geführt wurde. Ich bat, man solle die Türen nachtüber offen lassen, wenigstens zur Hälfte, wenigstens einen schmalen, gang schmalen Spalt — nein, man wollte meiner Torheit nicht nachgeben und man ließ mich allein. Und dieses Entsetzen vor den Gesichten meiner verstörten Nacht muß lange gedauert haben, denn ich kann heute nachrechnen, daß es beträchtlich später, erst ein paar Monate nach meinem neunten Geburtstag war, als meines Vaters Vater starb. Ich kannte ihn nicht, er wohnte irgendwo in der Slowakei, im Gebirge, aber ich erinnere mich der Nacht nach seinem Heimgang und der zwei dann folgenden Nächte, als besonders glückhafter, als fast festlich erregter: mein lieber Vater hatte am Sims der Speife- zimmerkommode ein Oelflämmchen angesteckt, ein winziges Totenlicht: das brannte zweiundsiebzig Stunden tagaus und nachtein und gab meinem Schlaf eine schüchterne, schlicht« und trauliche Helle. Aber auch das ging vorüber, und mit meinen Aengsten ward es so arg, jedes Knacken der Möbel, jedes widergespiegelte Licht von der Straße her versetzte mich sa sehr in einen Taumel schreienden Entsetzens, daß ich schließlich wirklich in eine fiebrige Krankheit fiel und ein paar selige Nächte lang herrlich geborgen zwischen Vater und Mutter in deren breitem Bette hinbringen durste. Man ging dann sehr sanft und liebevoll mit mir um, und am Tag meines ersten Schulgangs nach der Genesung bekam ich dann das beschenk, das mich fast das Leben kostete. Mein lieber Vater brachte es heim. (Er hat es von seinem Frühstucksgeld gekauft — ich weiß heute, daß es meinen Eltern damals recht knapp zufammenging.) Es war eine Schachtel mit Mineralien: drei, vier Ge- steinssorten, drei, vier Arten besonderen Glimmers, ein Bergkristall, zwei rotje Halbedelsteine — eine Pracht im ganzen, eine Buntheit und Pracht, die mich fast von neuem in Fieber warf. Es war Schulzeit, die Schachtel Mit den Steinen steckte ich zu mir und machte mich auf den Weg. Gewiegt von meinem stillen Glück wie schwerelos und immer wieder nach der Schachtel in meiner Tasche tastend, brachte ich die zwei Schulstunden hin und machte mich dann auf den Heimweg. Nun war aber in unserer Klasse mner, der hieß von Herz, ein blonder, magerer, gesitteter Junge, ein tlunge wie andere — von uns allen aber wurde er seines Adels wegen verehrt und angestaunt wie ein Meertier. Ich vornehmlich verband mit seinem Namen und dem kleinen Worte davor die Vorstellung eines Kavalleriegefechts und eines Empfangs bei Hofe, dabei von Herz auf die kriegerischen Geschicke des Staates entscheidenden Einfluß nahm. Diesem von Herz in Freundschaft mich anzuschliehen, war seit je meine Sehnsucht, und war es das durch den Schatz in meiner Tasche vermittelte Hochgefühl, das mich gerade auf jenem Heimwege mutig machte, war es noch ein Rest Fieberkühnheit aus meinen Krankheitstagen — an der Ecke der Kranenstraße und der Pilgergasse trat ich auf den Blonden zu, trat ihm in den Weg, rief ihn an, rief: „VonHerzl" und hielt ihm die Hand hin. Er blickte auf und reichte mir, verwundert ein wenig, doch wohlerzogen, di« seine und fragte höflich: „Wünschest du etwas?" Ich hätte mancherlei sagen wollen, aber all das wäre nicht das rechte gewesen, denn mit einemmal war mir die Kehle eng. So war es mir im Augenblick um nichts so sehr zu tun, als darum, meinem Anruf einen Vorwand zu schaffen. Die Steinei Die Steine aus meiner Tasche wollte ich ihm zeigen. Stumm zog ich die Schachtel hervor, stumm öffnete ich sie, stumm ließ ich Stück um Stück in der kalten Nachmittagssonne auf» leuchten und reichte es dann dem andern zu besserer Betrachtung. Der Blonde — oh, mein Reichtum machte ihm Eindruck, das sah ich. Stück um Stück ließ ich leuchten und legte es ihm In di« Hand. Er nahm sie alle und hielt sie behutsam, daß sie nicht sielen. Dann hob er sein offenes, verwundertes und erfreutes Gesicht zu mir und fragte: „Wirklich? Das alles schenkst du mir?" Die Kehle war mir eng — ich sagte nicht nein. Ich wurde sehr rot. Vielleicht habe ich sogar ja gesagt. Von Herz schob die Steine in seine Tasche. „Auf den Glimmer mußt du acht geben, da ist echtes Gold drinnen", sagt« ich mühsam — die Kehle war mir eng. Von Herz nickte froh und rief mir einen frohen Dank zu und lief. Ich mag dort noch eine Weile gestanden haben; viele Menschen gingen an mir vorüber in der kalten Nachmittagssonne. Da sie schon niederer stand, wehte ein strenger Wind. Ich knöpfte den Mantel auf, breitete den Rock und ließ mir die hart« Luft an das Hemd wehen. „Sterben — krank sein — sterben", ging es mir durch den Kopf. Als ich heimkam, war der Tag gesunken. Beim Abendbrot sprach ich kein Wort. Die Mutter sagt«: „Er ist noch krank." Aber das mit dem Wind hatte nichts genützt — ich fühlte kein Fieber. Ich ging zu Bett. Daß jene beiden Türen geschloffen würden, verlangte ich selbst und wurde dafür belobt. „Er nimmt Vernunft an", sagte mein lieber Vater. Ich hätte ihn umarmen mögen vor vielem Weh — aber das hätte mich verraten. So stellte ich mich schlafend, bis alles still war. Dann erhob ich mich behutsam und drehte das Licht an. Ein Glas Wasser hatte ich neben mir. Zwei Schachteln mit Zündhölzern hatte ich schon vorher unbemerkt auf die Kommode gestellt. Die nahm ich. Ich brach die Köpfe ab und legte sie alle ins Glas. Agnes hatte einmal der Mutter berichtet, ein Dienstmädchen aus dem Nachbarhaus habe sich so vergiftet. Ich fand keinen Löffel, den Trank zu rühren: so besorgte ich das mit einem Federstiel. Nun wollte ich trinken, aber da besann ich mich, daß in jenem Berichte auch von einem Abschiedsbriefe die Rede gewesen war. Ich riß mit einem Gefühle grimmiger Freud« zwei Seiten aus dem neuen Schreibheft, nahm Tint« und Feder, setzte mich an den Speisezimmertisch und schrieb: „Von Herz soll die Steine behalten. Es ist nicht deshalb. Sondern weil di« ganze Welt keinen Sinn hat. Man stirbt und die Tage gehen doch immer weiter." Dann zeichnet« ich drei Kreuze darunter und drei Kreuze darüber und je ein Kreuz rechts und links. Ich zeichnet« sie mit Sorgfalt und sauber, zweistrichig und mit einem kleinen Schatten dahinter, daß es aussah, als wären sie eingepflanzt in einen schneeigen Kirchhof. Ich legte mich hin, ich legte das Blatt auf meine Brust und griff nach dem Glas. Da ich kostete und da das Gebräu sehr bitter schmeckte, erhob ich mich wieder und suchte nach einem Stück Zucker. Das fand ich nicht. Doch in der oberen Lade der Anrichte lag ein Säckchen mit Rosinen und eines mit Mandeln. Daran zu rühren war strenge verboten. Aber darauf kam es zu der Zeit nicht mehr an. Ich kostete. Mochte die Mutter sich ein wenig ärgern — ich kostete noch einmal, mit einer grimmigen Freude: mochte sie sich ärgern, das trat ja doch zurück hinter ihrem Schmerz. „Wir hüten die Türen offen lassen sollen, wie er es immer wollte", wird mein lieber Vater sagen und meinen. Mir tarnen die Tränen in die Augen — ich nahm eine Mandel und zwei Rosinen. Ja, dann werden sie meinen, aber bann ist es zu spät, dann liege ich bleich, kalt und einsam, und Agnes mag es im Hause und in allen Häusern der Gasse erzählen, mas in meinem Abschiedsbriefe zu lesen mar. Ich stellte den Todestrank auf den Sessel neben dem Divan, ich nahm das Säckchen mit den Rosinen und das mit den Mandeln und kroch aufs neue unter die Decke. Von beiden kostete ich ein wenig und dachte: von Herz wird die Steine auf meinen Grabhügel legen, alle im Kreis und den Bergkristall in die Mitte. Vielleicht wird er auch bei Hofe davon erzählen. Mandeln schmecken besser, wenn man sie mit Rosinen zusammen ist, dachte ich schon verschwommen. Auch des unberührten Glases nebenan auf dem Sessel gedachte ich. Aber da schlief ich schon bei« »ahe. Und dann schlief ich ein. O Weg, o Welt, o Weh, das die Brust sprengt! Es ist einige Zeit her — eine so befremdlich lange Zeit, dah es mich schwindelt, wenn ich die inzwischen durchklomenen Jahressprossen der schwanken Leiter niederblicke. Ich bin damals nicht gestorben — ich bin es bis heute nicht. Und sitze nun da, plumper Mann, dem die Haut gilbt, und taste und kann ihn doch Nicht halten, den feinen Sand, der mir durch die Finger rinnt. Genfer See. Von Rudolf G. B i n d i n g. Wenn einer auszöge um — nicht den Gral oder den Garten des Paradieses, nicht die Quelle der Wahrheit oder einen anderen Ort problematischen Glücks zu suchen, sondern die Landschaft des reinsten, unbeschwertesten, unschuldigsten Entzückens auf Erden, müßte er an den See gehen, von dem eine vor mir sitzende Frau eben sagte: „Jetzt," sagte sie (es war an einem bösen abweichenden Apriltag unserer Breiten und der Regen schlug an die Scheiben), „jetzt blühn dort allenthalben um die große Stadt an den Ufern des Sees entlang die Bänder der Streifen der gelben Osterglocken; und dann im Mai, bis hoch hinauf an den Hängen, blühen die Wiesen vom Weiß der Narzissen —: Felder blühenden Schnees." Es war keine Sehnsucht in ihrer Stimme, als ob es sie schmerze nicht dort zu sein, keine Anklage gegen den Regen; sie sagte es ganz ohne Vergleich, nur im Entzücken einer Erinnerung. War nicht alles über eine Landschaft gesagt, wenn man der kindlichen, herrscherischen Lust der Natur gedachte, dieser süßen Sinnlosigkeit, seltene Blumen in Bändern und Feldern wie Fahnen in das Freie der Landschaft zu legen? Sie läßt sie wieder verschwinden zu ihrer Zeit, auf anderes bedacht, und hat noch die Kraft zu üppigen, würzigen Wiesen, zu Wein und herrlichen Früchten. Schien nicht diese unschuldige Lust der Natur das eigentliche Geheimnis? Ja! es ist so: was man beim ersten Anblick nicht begreift, was uns als Ueberfülle benimmt, ohne es zu sein — denn es ist die Ordnung, die uns benimmt —, was uns in der Erinnerung noch wohl tut, ist das Wunder der Unschuld. Das Geheimnis dieses Landstrichs ist, daß er keine Geheimnisse hat. Alles ist ausgebreitet: unbefangen, kindlich, königlich zugleich, als wäre der Natur selbst daran gelegen, endlich einmal nichts zu verbergen, nichts für sich zu behalten, sich an sich selbst zu entzücken. Hier führt nichts ins Unterirdische, ins Mystische. Das königliche Blau dieses Sees begräbt nichts in seiner durchsichtigen Tiefe; diese Berge umschweigen nichts; die Ewigkeit des Schnees, die blendenden Gewänder dieser ragenden Spitzen, dieser Häupter bedeuten keinen Tod; diese erhabenen Felszüge sind nicht auf Titanen niedergerollt; kein Grab dieser kleinen Friedhöfe an den harmlosen Kirchlein der unzähligen Flecken und Städtchen hat etwas vom Schauer des Grabes. Kann Tod dort etwas fein, wo die Natur so unschuldig ist, keine Geheimnisse zu haben? Wem sich mitteilende Majestät unheimlich ist, und wer es einer Landschaft nicht zutraut oder nicht erlaubt, königlich und liebenswürdig zugleich zu sein, und wer es nicht begreift, daß gerade die Unbefangenheit königlich ist, der versteht diese Landschaft nicht. Rom, die Pyramiden Aegyptens, die Wunderländer Indiens, die Akropolis von Athen, Neapel, sie tragen seit Menschengedenken die Gewalt einer schier unbezwinglichen, bohrenden Sehnsucht in sich; ihr Geheimnis ist fast tödlich; ihre Sehnsucht macht krank; ihr Anblick erschüttert und verwandelt, bekehrt und verkehrt. Aber dieser See beglückt ohne zu beschweren, beschenkt ohne Aufdringlichkeit, und bezwingt ohne die leiseste Gewalt. Wer mit der Bahn von Norden kommend, nach Ueberwindung der letzten Höhen des nördlichen Ufers plötzlich die ganze Herrlichkeit in der Tiefe vor sich ausgebreitet sieht, der möchte wohl ausbrechen in einen Schrei, wenn nicht die Schönheit zugleich eine Art Heiligkeit des Entzückens erzeugte, so daß man sein Inneres bändigen muh und an sich hält. Die Sinne aber, das Auge, der Atem selbst und im Tiefsten das Herz umklammern das Bild, das Leben darin, die Farben, die Sonne, den Halbmond des Sees, den Himmel und können nicht nachkommen. Sie begreifen ja das Geheimnis noch nicht: daß da kein Geheimnis fein soll, daß das alles wirklich sinnlich zugänglich ist, sich entgegen neigt, sich so willig mitteilt, so arglos sich preisgibt. Drüben die unwegsamen Züge der Felsberge Savoyens mit spärlichem Schnee, die die Landschaft und den See zugleich nach Süden sicher und kräftig beschließen, sind von ihren eigenen Schatten an die Wand von warmem, duftigem Veilchenblau vereint; ihre Kämme von Licht schwungvoll und voller Bestimmtheit in eine einzige Linie ausgezogen, die zart sich zum Untergang senkt. Der See spielt in Flecken und Skalen von Blau. Er ist groß. Die Ufer umengen ihn nicht. Er behauptet sich uneingeschränkt wie ein ebenbürtiges Organ eines Ganzen, eines einzigen Reiches. Während der kurze gelenkige Zug mit den gefälligen kleinen elektrisch betriebenen Wagen sicher und vorsichtig das weitge- schwungene Schlangengewinde der Bahn, an den Hügeln hin, durch ein Terrassengelünde von Reben zum See hinabklettert — immer zu schnell für das aufnehmende Auge — ergießt sich ein Großes, Besonderes, Zauberhaftes wie eine lächelnde Erretung, ein wohliger Trank in unser Herz: daß nämlich diese Landschaft so willig und gleichberechtigt alle menschlichen Dinge — menschliche Arbeit, menschlichen Fleiß und menschliches Behagen — in sich einbezieht und mit ihnen verfährt, als seien es Taten und Geschöpfe ihres eigenen Wirkens und Wesens. Tausend und tausend Chalets über die Hügel hin, fest gefügte niedrige Schlösser zwischen dem Rebenland, Reihen von Dörfern und Marktflecken an den Ufern, die kleinen belanglosen hellen Städtchen an Busen, an Buchten des Sees, die hochgestellten, sich brüstenden, ungefügen Hotels auf Terrassen und Höhen, — alles gehört ihr zu, alles umschließt sie. Denn es ist nicht so, daß die Natur das Werk der Menschen als sinnloses und ohnmächtiges Gegenspiel zur Ruhe und zum Deiseitestehen verurteilt oder es mit ihrer Uebermacht in Unscheinbarkeit und Vergessen berfentt, sondern es ist ihr gegeben und genehm, sich' damit z» schmücken und sich zu beleben. Es geht bis ins Letzte. Aus den kleinen Orten Hügel auf, Berg hinan, in steilen Anstiegen oder in geneigten Windungen, geschwungen und Kuppen und angeklammert an felsige Zungen und Stirnen kriechen die kurzen harmlosen hellen Raupen der Funiculaires auf ihrem schmalen Schienenstrang, der im Grase verschwindet, emsig allenthalben empor. Sie begeben sich mit den behutsam auf ihren Krallenfüßchen absteigenden Räupchen die, eh man sichs versieht, am Ort ihrer Bestimmung und ihres Ausgangs verschwinden, während an anderer Stelle sich schon neue loslösen, um lautlos, leicht und ohne Anstrengung — wie hier alles ist — ihren Weg nach oben zu nehmen. Auf den Hügeln wächst Wein. Er verleugnet sich nicht. Er setzt sich bald zu uns. Er ist gekeltert, wie eine schöne vornehme Frau, die sich zu uns gesellt um nichts als um uns zu entzücken. Sie erregt uns nicht und will es nicht tun; sie wirkt nicht auf unsere Sinne, sondern nur auf unser Behagen; sie beschwert uns nicht und sucht keinen Vorteil über uns, noch Streit oder Händel; sie will uns nicht besitzen. Einzig uns eine vornehme, feine Gesellschaft zu leisten ist sie da, und bildet sich durchaus nichts ein. Und doch soll man erst einmal eine suchen wie sie: jo licht und anmutig, so fröhlich und frisch, so wohlig und warm. Sie ist geachiet unter ihrem Himmel, geliebt und gefeiert, ist köstlich und unvergleichlich, aber andere Himmel gehen sie nichts an. Sie ist von der Art, daß man oft zu ihr hindenkt aus der Ferne, wie jene Frau zu den Osterglocken und zu den Narzissen; aber man möchte sie niemals rufen, die beiden - den Wein und die Blumen des Sees. Denn auch er, er gehört diesem Himmel. Nahm er uns hin? Träumen wir schon? Sind wir von ihm schon gefangen? — Nein. Es ist Markttag in einer der kleinen Städte am See. Die Luft ist sehr frisch von der Nacht. Die Welt, Dinge und Menschen blinken im Morgen. Die Sonne ist heiß und keck, aber jeder kleinste Schatten wie eisgekühlt. Auf dem zu geräumigen Quadrat des Platzes breitet sich unbefangen der Uebersluh. Der Markt liegt natürlich am See, nur eine behäbige Lindenallee, die zugleich Strandpromenade ist, trennt ihn vom Wasser, das langsam auf dem Kiesrand ahnet. Die Fische haben es nicht weit. Sie blitzen, in dichte Lagen gereiht, frisch und sättig im Licht vor den Ständen. Die Hühner, die Tauben hangen sauber gerupft, die Brüste zeigend, die Köpfe über den Rand der langen Bretter. Sicher hat jeder im Städtchen ein Huhn heute im Topf und zartere Mägen die Taube. Das Fleisch von Ochsen und Kälbern weiterhin wartet dennoch der Käufer. Die Gemüse sind anreizend zu Arrangements geordnet — saftige Gebirge. Die Tomatenpyramiden streuen ein bestimmtes durchsichtiges Rot in die Gänge zwischen den Zelten. Denn jeder Stand hat ein kleines und eignes wehendes Leinendach, ein Hängendes Plan- tuch, ein schirmendes Segel, weiß und schon rotbraun von Sonnenrost hinter und über sich, unter dem, dem Blick des Herantretenden verborgen, die Verkäufer stehen. Auch dieser Markt hat scheinbar seine heitere Ordnung. Ich meine nicht den Gendarm, wenn schon er mit Würde schäkernd zwischen tat Ständen umgeht. Aber zumindest am Schluß des Markttagsganges tut jede der bepackten Frauen eine Art Pflichtgang. Denn hinter den Ber- kaufsftänden in einer Art Parade, stehen zweirädrige Karren aufgefahren, die Pferde angefchirrt nach außen gerichtet, mit Bündeln von Reisig hoch und reichlich beladen, eine harmlose Wagenburg: das Brennholz für dos Herdfeuer. Und jeder geht hin, und irgendwie angehängt, unter dem Am geschoben, auf den Kopf genommen, wandern zum Schluß die fest zu- sammengezogenen Reisigbündel mit den Blumen und Früchten, mit den Tauben und Fischen, mit dem Gemüse und dem Käse die Straße« entlang. Wir enthalten uns des Pflichtgangs. Ein Käfestand lockt. Als wir näher treten, folgt ein gutmütiges, großes scharfes Messer, so groß M das Schwert Davids, unter dem Zelthang hervor und zu jedem derM, den wir ins Auge fassen. Die Hand, die es führt, ist unsichtbar wie m Mensch, der sie bewegt. Das Messer erwartet unfern Wink. Schließlich, um mich nicht zu blamieren, deute ich auf einen gelblichen Käse. Sofort fährt es hin. Aber man muß sich sehr eilen und die Hand unter die sollende Scheibe halten, damit die Probe richtig hineinfalle. Denn sch»" wieder wandert wortlos das Messer, um uns zu neuen Proben aufzufordern. .... ,.X Doch der Markt und der See, sie find nur die Nähe. Die königliche Weite des Reiches verschwindet in Armut. Man mutz hinauf! Droben tn Caux beherrscht man die Welt dieser Einheit. Dort ist das Spiel eines Morgens, das Spiel eines Abends — unvergleichliches Entzücken! Die Dent du Midi steht ganz bleich und allein, nach Osten gewandl im ersten Dämmer der Frühe. Sie ist sehr weiß und sehr zart. M See ist ganz dunkel. Die Berge Savoyens find dunkler als Blau, m ruhendes Gewölk, doch mit der klarsten Stimmung gegen den Himmel Darüber, dahinter die lauteren Schneefelder des Mont Blanc, die lang« lagernden Gipfel, noch im Lichte des blaffen Monds. Der Himmel wächst. Die sieben Spitzen des Berges im Osten erschauern plötzlich hilflos und farblos unter dein hellsten Grün. Jetzt W der erste Strahl kommen. Nichts. Nur dieses steigende Grün, ausgespannt in eine Marge«- ewigkeit. Die Lust ist eiskalt, aber trocken wie Marmor. Wir stehen ihr wie Wesen ohne Schwere, von himmlischem Atem erfüllt. Die Denk steht noch weißer. Da schmilzt aufflammend ein goloen Tropfen von der höchsten Zacke hernieder, schwer und voll, und I"» langsam, wie aus dem Innern des Berges kommend, die Konturen Spitze hinab. Die Sonne hat sie erfaßt. Der Berg erstrahlt wie oeg - in die Rechte des Tags, des Lichts der Farben, des Lebens eingej ö• Der Himmel wechselt ins zärtlichste Blau. So geht der zauberhafteste Berg dieser Landschaft durch den Dag. Mittag verhüllt ihn in allzu blendenden Glanz, wie Sterne nn w i ' verbergen. Ob einer sich ihm vergliche? Sind nicht die Berge des Landes, die strahlende Jungfrau selbst, gegen ihn nur Blöcke 0« > ungefüge Riesen, deren derbe und rauhe Gestalten, unfaßbare Ung damit zu m kleinen geneigten -n felsige Raupen im Grase t den be- eh man verschwin- n lautlos, iren Weg r fetzt sich die sich zu nicht und auf unser über uns, eine vor- durchaus e: so licht ist geachtet rrgleichlich, daß man lsterglocken beiden - ort diesem i schon ge> e am Lee, Menschen ■er kleinste es Platzes h am See, ist, trennt Die Fische und sättig sauber gern Bretter nd zartere ( hin wartet nnents ge- bestimmtes 'der Stand . rdes Plan- -onnenrost, verborgen, Ich meine rischen den ganges tut den Berufgefahren, Reisig hoch 1I3 für dar ■ dem Am ne fest zu- n, mit den e Straße» * . Als wir । groß wie n der Käse, ar wie der Schließlich, äse. Sofort ter die fol= Denn sch«" den auszu- ! königliche Droben in Spiel eines lütten! 1 gewandt, zart. 2er Blau, wie n Himmel- die lange» Osten «' Jetzt m°b i Marge»' r stehen in n golden^ und ftoi* t nturen der ie beglüai, ■, eingesetzt n Licht sich des Berner des EhsiN^- Ungetüme, die unserem Sinn widerstehen? Sie nur, die Deal du Midi, ist hold in ihrer Hoheit, ist schlank wie ein schöner Leib, ist wirklichen adligen Geblüts, ist stark und graziös, ist wahrhaft untadelig. Aber es ist etwas anderes das Unvergleichliche. Denn das Schönste an dem Berg ist doch, daß er nichts ist als ein Bestandteil dieser unschuldigen, unbeschwerten, unteilbaren Landschaft, nicht versetzbar aus seinem Grunde, nicht absetzbar aus seiner Würde. Das Gestirn aber geht den Weg seines Tages kaum sichtbar vor Glanz. Es läßt der Landschaft unter ihm das ganze Spiel des Tages allein. Aber immer wirft es tiefe Reflexe der Berge, der Wolken — ganz ferner unsichtbarer — bis in den Grund des Wassers: Becken und Ströme von blauem Emailfluß in hellerem Fluidum, goldbraune, grünliche bronzene Schatten farbiger Erregung über die Fläche. Der erste Strahl gehörte den Bergen, die Glut des Tages dem Wein, der Abend aber gehörte ihm, gehört der Sonne allein. Dann ist das ganze Reich des Sees einbezogen in das Triumphale ihres Untergangs. Denn dort, im Westen, ist eine offene Lücke für sie gelassen; dort verstellen ihr keine Berge den letzten Blick, dort versinkt der goldene Globus frei im offenen Feuertor des Horizonts. Eine flüssige breite Brücke von Gold läuft über den See, aus ihr heraus, in ihr endend. Lange Geländer von violetten und roten Bändern schwingen neben ihr her: wer über sie hinschritte, liefe ins Herz der Sonne hinein. Lange ruft sie dem Sehnenden. Ihr Scheideblick macht tnmken. Unser Herz sinkt ihr nach. Dann zieht sie langsam die goldene Brücke hinter sich ein. Die Berge werden fahl. Die Gipfel verfallen in Tod. Die Maske der großen Starre steigt von ihnen nieder und legt sich über Land und See. Gegen Untergang ahnen wir Genf, die Stadt mit der sonderbar tiefen Teilung: die Strenge Calvins, die Leichtlebigkeit Frankreichs untermischt nebeneinander. — Wunderbare Landschaft der Mitte: Südlicher See dort zwischen Süden und Norden; ohne die Tragik des Südens, ohne die Trauer des Nordens. Kinder des Volks. Von Alfred Bock. (Schluß.) Der Jammergestalt gegenüber gewann sie ihre Fassung zurück. „Tu, was du willst. Hab' nichts mit dir zu schassen." Er verharrte in seiner demütigen Haltung. „Lene, ich bin gekommen, daß ich vor dir bekenn', wie schwer ich mich an dir versündigt hab'. Und ist mir von Grund meines Herzens leid. Es kann nicht anders gewesen sein, als daß der Teusel in mir war und mich in Schuld und Schande gestürzt hat. Du mußt nicht glauben, ich hält' kein Gewissen. Das hab' ich wohl. Und hat mich gefoltert Tag und Nacht. Und hab' mir's diesen Abend gelobt, daß ich nicht eher vom Platz hier weich', bis du mir verziehen hast." War das die Sprache des erwachten Gewissens? War's Scheinheiligkeit und Gleisnerei? Da konnte wohl kein Zweifel walten. Gott hatte ihn gezeichnet. Unwillkürlich kam ihr^ins Gedächtnis, was die Belloffen einmal gesprochen hatte: Wann der Schollas in das Höllenreich niederfahre, werde extra ein Teufel angestellt. Der zwacke ihn mit einer glühenden Zange, daß ihm Hören und Sehen vergehe. Ja, wer an die ewigen Strafen glaubte! Hier aber war's augenfällig, daß der-Frevler, schon auf Erden im Höllenbrand stund. Wie sie den Schollas nun so erbärmlich vor sich sah, war's ihr, als sei sie über all das hinausaewachsen, was sie von ihm erduldet hatte, als stehe sie auf lichtklarer Höhe, indes er tiefer und tiefer sank. Und sie schickte ein still Gebet empor: .Lieber Gott, ich danke dir, daß du mich vor dem Menschen da bewahrt hast/ Und eine Frohmut erfüllte ihre Seele, der keinen Haß, keine Roche mehr kannte. „’s mag gut sein," sagte sie erhobenen Hauptes. „Jetzt geh'!" Die mild gesprochenen Worte zu seinen Gunsten deutend, stürzte der Schreiber plötzlich vorwärts und umklammerte des Mädchens Hände. „Eene, daß du's nur weißt, zwischen mir und der Stadlern ist's aus. Ich bin fort von dem Gassenmensch. Lene! Wenn du mir helfen wollt'st, daß ich ein neu’ Leben anfang’. Tät's dir immer und ewig danken. Sein Kind da ist doch auch mein Kind. Tu's dem Kind zulieb und lass' mich hier!" Sie stieß ihn mit aller Kraft zurück. Eine dunkle Röte überflammte ihr Gesicht. „Ein Gottesglück, daß dich mein Karlchen nicht kennt. Wann s groß ift, und die Leute weisen auf dich und sprechen: .Das ist dein Kater* — Gott verzeih mir die Sünd' — ich leugen’s ab. Jetzt biet' ich dir's zum letztenmal: geh'!" Da wußte er, daß hier keine Statt für ihn war, und er wankte hinaus. Auf der Straße faßte ihn der scharfe Nord, daß er nur mühsam vorwärts kam. Wo der Stadtgraben die Hintergasse durchschnitt, hielt er an. Hier war das Wasser breit und tief. Er beugte sich über das Brückengeländer. „Mach' zu. Bist keinen Schuß Pulver wert. Ein Satz. Und bist weg!" Ein Frösteln tief ihm über den Rücken. Puh! wie kalt! „Jetzt nicht. Später, später!" x Er ging weiter. Die Gasse hinunter bis zum Rechneiplatz. Aus dem »Pfau" drangen die Klänge eines Orchestrions herüber. Der Regen fiel in Strömen. Was für ein Hundewetter! Unter den Häusern hatte man mchr Schutz. Er schwenkte rechts ab, so daß er den „Psau" passieren mußte. Am Türpfosten hing eine Schie ertafef. Darauf stand mit Kreide geschrieben: „Heut abend Has im Tops." Das las er beim Schein der Hauslaterne und spürte einen stechenden Schmerz im Magen. Bei Gott, er hatte sich den ganzen Tag keinen Bissen gegönnt. Wenn es doch Matthäi am letzten war, wollte er sich noch einmal gütlich tun. So ging er hinein und traf fidele Gesellschaft. Er ließ sich das Stammgericht bringen und aß mit gutem Appetit. Dazu ein paar Glas Lagerbier, und das erstarrte Blut kam in Muß. Der lange Zutt warf ein Zehnpfennigstück in das Orchestrion. Eine prickelnde Walzermelodw erklang. Mehrere Gäste fangen mit, einer stieß einen Juchzer aus. Ja, das Leben war doch schön. Der Selbstmordkandidat bekam wieder Courage, trank diesem und jenem zu und saß, als hätte er Pech an den Hosen. Endlich gegen Mitternacht brach er auf, leicht angezecht, doch nicht betrunken. Ziellos schlenderte er in den Gassen umher, und eh' er sich dessen recht versah, stand er vor der Stadlern Haus. In der Wohnstube zu ebener Erde brannte' Licht. Die Haustür war verschlossen. Er zog die Schelle. Alsbald kam feine Frau heraus und öffnete. „Du bist's Konrad!" empfing sie ihn freundlich. „Hab' mir schon Gedanken gemacht, wo du bleibst. Komm' herein!" Er folgte ihr in die Stube. Sie nahm ihm den Hut ab und sagte: „Willst noch ein Schnäpschen?" Er nickte. Sie holte ihren alten Kümmel. Er trank zwei Gläschen hintereinander. Jetzt legte sie facht die Hand auf feinen Arm. „Konrad, ich denk', wir vertragen uns wieder." Seine Lippen waren wie versiegelt. Sie dachte, Schweigen ist auch eine Antwort und wisperte besorglich: „Gelt, du bist müd'? Komm' zu Bett!" Langsam seine Weste aufköpfend, schritt er dem Schlafzimmer zu. 8. Es war am dritten Advent, als Vollhardt die Botschaft erhielt, der Landtag habe den Volksschullehrern die sehnlichst erwartete Gehaltsaufbesserung zugestanden. Wahrlich, eine Freudenpost! Als Mitarbeiter des „Schulwart" hatte Vollhardt eine Tätigkeit entfaltet, die in den Kreisen seiner Amtsbrüder und darüber hinaus die größte Anerkennung fand. Sein letzter Artikel, der das Motto trug: „Ein jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert" war ein flammender Appell an den Gerechtigkeitssinn der Landboten und tat vor Torschluß seine Wirkung. Im Geiste legte er noch einmal den Weg zurück, den er in den letzten Wochen beschritten. Alsbald von der Bewegung fortgerissen, hatte er in den vordersten Reihen derer gestanden, die für die Rechte der Lehrerschaft stritten. Nun erlebte er die Genugtuung, den Siegespreis mit errungen zu haben. Heut durften die Volksschullehrer im ganzen Ländchen einander die Worte des Apostels zurufen: „Freuet euch mit den Fröhlichen!" Kämpften doch gar manche unter ihnen bei kargem Lohn mit der bitteren Not; war der Mehrzahl doch verwehrt, sich eine bessere Lebenshaltung zu gönnen! Nun waren sie von der lähmenden Sorge befreit; nun konnten sie mit voller Frische an die Arbeit gehen. In gehobener Stimmung überlegte Vollhardt, wie er künftig seinen kleinen Haushalt behaglicher gestalte. Er würde allerlei notwendige Anschaffungen machen. Jetzt in der Weihnachtswoche war die rechte Zeit. In der Tiefe seiner Augen leuchtete es auf. Der Theo hatte für den Christabend einen Wunschzettel geschrieben. Da hieß es am Schluß: „10) Die Lene Launsbach soll bei uns bleiben." Der Altklug! Hatte er etwas gemerkt? Dem mochte fein, wie ihm wollte; jedenfalls hatte er den Herzenswunsch seines Vaters ausgedrückt. Was Vollhardt all die Zeit mit sich herumgetragen, galt ihm nun als beschlossene Sache: er würde Lene zu seiner Hausfrau machen. Hatte ihm ein freundliches Geschick in der Person der schlichten Arbeiterin einen seltenen Menschen zugeführt, so folgte er jetzt seinem Glauben, der ihm im Bund mit dem lieben Mädchen ein spätes, aber echtes Glück verhieß. In der Stadt würden die Mäuler wie die Flachsbrechen gehen. Sie würden kein gutes Haar an Lene lassen; sie würden auch ihn verlästern. Immerhin! Er war bisher seinen eigenen Weg gegangen und dachte nicht daran, die Richtung zu ändern. Er hatte den Wert des Mädchens erkannt. Daß sie ein Armeleutkind war, gereichte ihr wahrlich nicht zur Schande. Und was ihr an äußerer Kultur gebrach, wog ihre innere Bildung reichlich auf. Als fei ihm fein Stübchen heut zu eng, öffnete er das Fenster. Am klaren Winterhimmel stand die mittägliche Sonne. Drunten auf dem Marktplatz waren die Weihnachtsbuden ausgeschlagen; Kauflustige gingen ab und zu. Sein scharfes Auge entdeckte Lene, die in Hast feinem Haus zuschritt. Ihm schwante, was sie gegen ihre Gewohnheit mitten in der Tageszeit zu ihm führte. Gestern hatte er der Belloffen einen Krankenbesuch abstatten wollen und fand eine Sterbende, die ihn nicht mehr erkannte. Wahrscheinlich hatte sie ausgelitten, und ihre treue Pflegerin brachte die Todesnachricht. Er ging Lene bis zum Vorplatz entgegen und geleitete sie in sein Arbeitsstübchen. Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen; die Bellosfen war einem zweiten Anfall erlegen. Sie sprachen von der Verstorbenen, die ihnen beiden teuer gewesen war. Ihre kleinen Eigenheiten und zuweilen ihre Derbheit hatte man um ihrer Selbstlosigkeit, um ihres Biedersinns willen gern ertragen. Sie hatte in ihrem langen Leben schier kein Minütchen an sich gedacht, war immer nur darauf ausgegangen, anderen Guttaten zu erweisen. Jetzt, da sie entschlafen war, ließ sie keinen Feind zurück. „Leid und Freud wohnen eng beisammen", sagte Vollhardt, dem Gespräch eine andere Wendung gebend. „Mir ist heut wie dem Vogel im Hanfsamen. Seit einer Stunde weiß ich für gewiß, daß sie uns Lehrern drunten im Landtag eine Zulage bewilligt haben. Das macht viel aus. Nicht als ob man Aufwand treiben konnte. Gott bewahre! Aber für ein behaglich' Leben reicht's." Er ging ein paarmal auf und ab und blieb dann, mit der Linken sich leicht auf den Schreibtisch stützend, Lene gegenüber stehen. „Ich denke nun auch daran, mich ein bißchen bequemer einzurichten. Cs fehlt hier und da; na, Sie wissen Bescheid Wenn’s so weit ist, daß ich meine S nkäufe mache, sollen Sie mir helfen, Lene." „Gern, Herr Lehrer, wann ich kann." „Im Vertrauen gesagt, das Essen aus dem „Adler" schmeckt mir nicht mehr. Es geht doch nichts über die Kost im Haus." „Das ist wahr, Herr Lehrer." „Eben drum will ich wieder meine eigene Küche." „Da müssen Sie sich halt jemand nehmen, Herr Lehrer." Ein heller Schein flog über sein Gesicht. „Ich hab' schon jemand, Lene. Sagen Sie ja!" „Ich tät's schrecklich gern," versetzte sie mit klopfendem Herzen; „aber ich kann doch von meinem Kind nicht fort." „Da gibt's einen Ausweg; Sie bringen das Karlchen mit." Aus ihren Augen brach ein warmer Glanz. „Sie find grundgut, Herr Lehrer! Was täten aber die Leut' schwätzen, wann ich mit meinem Karlchen zu Ihnen käm'? Nein, Herr Lehrer, das schickt sich nicht. Sie finden gewiß eins, das für Sie kocht." Er näherte sich ihr. „Mit dem Kochen allein ist's nicht getan. Ich brauch' eine brave Frau und mein Theo eine gute Mutter. Gerad' heraus, Lene, Sie find die Rechte!" Himmlischer Vater, was war das? Brave Frau, gute Mutter! Nein, da gab's kein Mißverstehen. Der großartige, der vornehme Mann bückte sich zu ihr. Liebes Göttchen! 's war ja nicht möglich! Wieviel mochten im Städtchen sein, die auf ihn spannten, jung und schön und reich? Und hielt um sie an! Sie war wahrhaftig nicht eingebildet; aber darauf konnte sie sich was zugute tun. Nein, so denken war schlecht. Demut predigte dies Glück. Was sie erlebt und erlitten, blitzte durch ihr Gehirn. Dann drängte sich alles in ihr in die Vorstellung zusammen, sie müsse vor ihm auf die Knie sinken und sprechen: Wer bin ich, daß du ein Auge auf mich hast? Gegen dich gehalten nichts, rein nichts. Das merkst du in deiner Gut- heit nicht. Muß mich selbst doch am besten kennen. Sollst dir nichts durch mich verschütten. Tätst du's eines Tages bereuen, daß du mich genommen hast; Jesus! ich würd's nicht überleben. Ein Schüttern ging durch ihren Körper, daß sie, die Hände überm Rücken, an der Wand eine Stütze suchte. „Bin ganz durmelig worden, Herr Lehrer", stammelte sie. „Bis an mein' Tod gedenk ich's Ihnen, daß Sie mich hier einsetzen wollen. Aber wann Sie's genau überlegen, werden Sie von selbst drauf kommen, 's tut's nicht." „Warum nicht?", fragte er befremdet. „Sie sind vornehm, und ich bin gering." Ein Lächeln spielte um seinen Mund. „Weiht, Lene, was man unter Protzen Vornehmheit heißt, ist mir mein Lebtag zuwider gewesen. Ich stamm' von einfachen Bauersleuten. Und bin stolz darauf. Ich mein', 's ist kein Mensch so gering, daß er nicht auch vornehm sein kann. Freilich inwendig muß er die Vornehmheit haben. Wer sie da nicht hat, dem kann sie kein Kaiser und König geben. Du hast sie, Lene, das hab' ich erprobt; kannst ruhig neben den Besten stehen. Jetzt offen und ehrlich; willst du, Lene?" Von einer wundersamen Empfindung verklärt, faltete sie die Hände wie zum Gebet und sagte mit Inbrunst: „Wann's dann sein soll, Herr Lehrer — ich will!" Wie die beiden Äug' in Auge standen, eins vom andern ganz durchdrungen, war's nicht mehr die Wintersonne, sondern das leibhaftige Glück, das um ihr Haupt einen Strahlenkranz wob. „Herr Lehrer, was wird der Theo sprechen?", hob Lene selig zuerst wieder an. „Das wollen wir gleich erfahren", rief Vollhardt heiter und holte den Buben herbei. Der hatte eben eine Jndianergeschichte gelesen, und seine Backen brannten wie Feuer. „Theol" „Vater?" „Du hast mir da einen Wunschzettel geschrieben." »vJq 93 eiter "Su hast's gut vor. Gleich zehnerlei. Offen gestanden, ein bißchen viel. Da bleibt nichts übrig, wir müssen streichen. Nummer eins oder zehn? Du hast die Wahl." „Dann lieber Nummer eins." „Ist das dein Ernst?" „Jawohl, mein Ernst." „Man soll zwar nicht aus der Schule schwatzen. Weil sich's aber gerade so trifft, will ich dir's verraten: Nummer zehn wird unterm Weihnachtsbaum stehen." Theo stieß einen Freudenschrei aus. „Die Lene bleibt?" „Sie bleibt," sagte Vollhardt mit feierlichem Ernst; „aber nicht als dein Spielzeug, sondern als deine Mutter, der du ein solgsamer Sohn sein sollst." Das Bürschchen hatte die Situation sogleich erfaßt und wandte sich gegen Lene. „Ich versprech' dir, ein folgsamer Sohn zu sein." Und dann hinauf zu seinem Vater blinzelnd, fragte er schalkhaft: ,Darf ich ihr jetzt ein Mäulchen geben?" Die Antwort kam: „Du darfst." Da flog er der Lene an den Hals und gab ihr einen schallenden Kuß.-- Sobald die Nachricht vom Verspruch des Lehrers im Städtchen bekannt geworden war, begab sich der Pfarrer zum Schulinspektor, den Fall mit ihm zu besprechen. Im Gegensatz zu dem geistlichen Herrn, der seine Erregtheit nicht verbergen konnte, bewahrte der Pädagoge eine wohltuende Ruhe. „Haben Sie schon gehört, Herr Professor?" „Was?" „Der Vollhardt —* „Ich hab's gehört." „Nun, was sagen Sie dazu?" „Ich finde nichts Außerordentliches dabei." „Sie finden nichts —" „Nein." „Ja, wissen Sie denn? Die Person hat ein Kind." „Herr Pfarrer, ich bin genau unterrichtet. Der „Person" stellt man das beste Zeugnis aus. Hat sie einmal gefehlt, so hat sie's dreifach gebüßt. Sie sührt jetzt einen makellosen Lebenswandel. Wollen Sie etwa den Stab über ein armes Mädchen brechen, das ein schlechter Kerl betrogen hat?" „Herr Professor, hier ist von Vollhardt die Rede", entgegnete der Pfarrer mit einem Anflug von Verlegenheit. „Der Mensch, längst mißliebig durch seine vorlauten Ansichten, hat da eine Taktlosigkeit begangen, die das Ansehen des Lehrerstandes aufs schwerste schädigt und seine Entlassung aus dem Amt erheischt." „Oho, oho! Dieser „Mensch" ist ein äußerst fähiger Kopf, eine wahre Zierde seines Standes. Gegen ihn vorzugehen, seh' ich absolut keinen Grund. Solang' ich ein Wörtchen mitzureden hab', wird ihm auch kein Haar gekrümmt." In dem Pfarrer stürmte es. „Da gähnt wieder einmal die Kluft zwischen uns." „Wer ist daran schuld, Herr Pfarrer?" „Wollen Sie etwa behaupten, daß ich —" „Sie kennen meinen Standpunkt: dem Geistlichen die Kirche, dem Lehrer die Schule." Der Pfarrer griff zu Hut und Stock. „Ihren Standpunkt in Ehren, Herr Professor, den Vollhardt nehm' ich aufs Korn." Der Schulinspektor geleitete seinen Gast bis an die Tür unb sagte, jedes Wort scharf betonend: „Wie steht doch geschrieben, Herr Pfarrer? .Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!'" Ehrwürden biß sich in die Lippe und ging. Wenige Tage darauf trat die Kreisschulkommission zusammen. Gleich zu Beginn der Sitzung kam der Fall Vollhardt zur Erörterung. Der Pfarrer und der Schulinspektor lieferten eine förmliche Redeschlacht. Die Kommissionsmitglieder, die, mit Ausnahme des Bürgermeisters, Vollhardt nicht gewogen waren, gaben ihr Votum dahin ab, das Gesetz biete keine Handhabe, dem Lehrer aus seinem Amt zu entfernen, indessen, um dem Gerede der Leute keine Nahrung zu geben, sei seine Versetzung wünschenswert. In diesem Sinne sei an die oberste Schulbehörde zu berichten. Der Schulinspektor reiste darauf in die Residenz, die Sache Vollhardts persönlich zu führen. Er brachte den Bescheid zurück, Vollhardt sei an die Stadtschule zu Volkhartshain versetzt. Die Stelle, die er dort erhielt, galt unter den Lehrern als eine der besten. 9. Die Glocken hatten das neue Jahr eingeläutet. Unter dem Beistand seiner Braut hatte der Lehrer seine Habe gepackt und befördert. Vier Wochen nach seinem Amtsantritt — so war die Abrede — sollte ihm Lene nach Volkhartshain folgen. Dort sollte sie der Dekan, ein Universi- tätssreund Vollhardts, zusammengeben. Nun war die Stunde seiner Abreise gekommen. In der Stille des Abends fuhr er mit seinem Buben zum Bahnhof hinaus. Kaum, daß er die wackelige Chaise des Lohnkutschers verlassen hatte, sah er sich von den Männern und Frauen umdrängt, die im „Adler" seine Zuhörer gewesen waren. Ungeachtet des Werktags waren alle festlich gekleidet. Der Spengler Klaus aber trat vor und sprach: „Herr Lehrer, wir wollten uns nicht nehmen lassen, Ihnen allesamt Adjes zu sagen, 's ist uns furchtbar leid, daß Sie geh'n. Scheiden, wie tust du so weh — so weh —" Er stockte, räusperte sich lange und laut und fuhr endlich fort: „'s gedenkt mir ewig: vordem Sie gekommen sind, Herr Lehrer, ist einer hier gewesen. Der hat die Leut' zusammengetrommelt und hat Vorträg' halten wollen, akkurat wie Sie. Und hat soviel Verstand dazu gehabt wie 'ne Mück'. Dessentwegen sind ihm die Leut' davongelausen und haben sich noch einen Ast gelacht. Jedem ist's halt nicht gegeben. Sie haben's los, Herr Lehrer. Es heißt, wer was gelernt hat, der hat vier Augen. Vorderhand tun wir's noch mit zwei. Aber alles, was wahr ist: wir haben was profentiert bei Ihnen. Und dadefür sind wir Ihnen ewig dankbar. Sie können horchen, wo Sie wollen, da ist nur eine Stimm: so ein' wie Sie kriegen wir so bald nicht wieder!" Froh, den Strom seiner Rede ohne Unfall soweit geleitet zu haben, schloß der Spengler: „Jetzt bleiben Sie hübsch gesund, Herr Lehrer. Und der Theo auch. Und machen Sie gute Hochzeit!" „Ihr lieben Leute," antwortete Vollhardt bewegt, „eure treue Gesinnung nehm' ich als teures Andenken von hier mit fort. Ich bring euch noch eine gute Nachricht. Der Bürgermeister hat mir versprochen, daß die Freibibliothek in meinem Sinn fortgeführt wird. Das ist mir eine große Beruhigung. Ihr lieben Leute, den Weg habe ich euch ge° wiesen; jetzt liegt es an euch, daß ihr ihn nicht mehr verliert. Und daß euch die Freude an dem erhalten bleibt, woran wir uns ergötzt und erhoben haben, das ist mein innigster Abschiedswunsch. Lebt wohl!" Die schwieligen Hände streckten sich ihm entgegen, und er druckte eine jede. Nun bestieg er mit seinem Buben den Zug. . Die Männer und Frauen traten in geordnete Reihe. Kein Hoch, kem Hurra erscholl; aber in all den ernsten Gesichtern stand, was der Spengler in die Worte gekleidet hatte: „So ein' wie Sie kriegen wir soval nicht wieder!" _ Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, V. Lange, Gießen.