GietzenerKmiilienblAter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang M9 Freitag, den 26. Juli Nummert Die Sonnenuhr. Von Eduard Mörike. Hör Er nur einmal, Herr Vetter, was mir diese Nacht geträumetl Sonntag war es, nach Mittage, und ich sah vom Fenster Seines alten gelben Gartenhäuschens, wie die Bürgersleute ruhig vor der Stadt spazieren gingen. Und ich wandte mich und sah Ihn, der im Anfang nicht zugegen, ernsthaft vor dem Spiegel stehen in der Stellung eines Mannes, der sich zu halbieren trachtet. Doch indem ich näher trete, muß ich voll Erstaunen sehen, wie er sich mit schwarzer Farbe auf sein rundes Vollmondantlitz einen säubern Halbkreis malte; von der linken Schläfe abwärts, zwischen Mund und Kinn hindurch und so hinauf die rechte Backe. Jetzo mit geübtem Pinsel zeichnet Er entlang dem Zirkel schöngeformte römsche Ziffern, kunstgerecht, von eins bis zwölfe. Und ich dachte: ach, mein lieber Vetter ist ein Narr geworden! — Denn Er sah mich an mit Augen, die mich nicht zu kennen schienen. Ueberdem stellt Er sich förmlich an das Fenster in die Sonne, und der Schatten Seiner Nase sollte nun die Stunde weisen. Sich, die Leute auf der Straße wollten fast sich Kröpfe lachen! Was nun dieser Traum bedeute? Ich will Ihn just nicht erschrecken: Aber laß Er sein verdammtes Sonnenuhrenmachen bleiben! Der Nutzbaum. Bon Giannino Omero Gallo. Bei Vidor unter der Brücke rauscht die Piave dahin. Tagtäglich seit vielen Jahren ging ein Mann um die Abendstunde das Flußufer entlang und bog dann auf die Hauptstraße ab, die, an Col San Martino und Moriago vorbei, geradeswegs nach Sernaglta führt. Die Kistchen mit feiner armseligen Ware trug er auf den Schultern und stützte seinen starken, aber alten Körper auf einen Stock. So tarn er aus den Dörfern, die auf dem rechten Ufer der Piave liegen, überquerte das Wasser in einer Zille oder durchschritt es, wenn zur Hochsommerzeit der Flußstand gerade niedrig war. Beobachtete man ihn vom gegenüberliegenden Ufer, so konnte man sehen, wie er gebeugt unter der Last und gestützt auf seinen Knotenstock, bald zwischen Baumstrünken und Buschwerk verschwand, bald wieder emportauchte, bis sich sein schemenhaftes Bild auf der ansteigenden Landstraße als das entpuppte, was es in Wirklichkeit war: ein Mann von sechzig Jahren, den alle seit langem schon kannten: Francesco Verdoni. Kaum zeigte er sich vor den Häusern, so riefen die Leute nach ihm, zumeist aber nicht, um in die Tiefe seiner Kistchen zu schauen, die allerhand Zeug in wirrem Durcheinander enthielten — Spulen für die Frauen und Pfeifchen für die Kinder —, sondern um ihm nahezulegen, daß es für ihn schon an der Zeit wäre, ein letztes Mal über den Fluh zu gehen; denn daß er reich sei, wisse man gut, und was er stets und immer mit oer gleichen Miene von seiner Armut fasele, sei doch nichts anderes als raffinierte Verstellung. Francesco Verdoni hatte als einzige Antwort nur Riesen, ein Husten oder Räuspern. ♦ . Es schien, als wäre er plötzlich stumm geworden oder als hätte er leinen Mitmenschen nichts mehr zu sagen. Mit seinen etwas unsicheren schritten ging er entlang der Mauern und Gräben, nahm, um sich den Zu kürzen, einsame Pfade, verlor sich in den Feldern und stieg erst dann wieder auf die Hauptstraße, wenn die Glocken von «sernaglia mit oem Aveläuten begannen. o„<3"J-tncr 2trmut war er glücklich, und nur um eines bat er bett Allmächtigen: er möge ihm sein Häuschen lassen, das ja nur aus einer Stube und dem Heuboden bestand, und sein Gärtchen mit dem Salat, dem Zeller und dem Nußbaum. Dieser Nußbaum streckte seine Aeste über die ganze Keusche und war von einer Pracht, daß niemand vorbeigehen konnte, ohne ihn zu bestaunen. Näherten sich die Leute der Ansiedlung des alten Hausierers und riefen ihm zu: „Verdoni, paß auf, sonst erbricht dir jemand deinen Schrank und stiehlt dir dein Gold", da huschte ein dünnes, kaum merkliches Lächeln über sein Gesicht, denn seine Augen und fein Mund blie- ben stets fo, wie die Vorsehung sie ihm gegeben: kleine graue Augen, die unablässig zwinkerten, als wären sie kurzsichtig, und schmale, blasse Lippen, die sich nicht öffneten, Lippen eines Menschen, den die Welt nicht mochte und für den ein Tag nur anbrach, um ihn seine Spulen und Pfeifchen wieder feilbieten zu sehen. Er verließ sein Haus frühmorgens, nachdem die Sonne über die nahen Hügel gestiegen war, und kam zurück, sobald sie hinter den gegenüberliegenden sich zur Ruhe gesenkt hatte. Freunde oder Verwandte hatte er keine; was er zum Leben brauchte, führte er mit sich. Alle kannten ihn, er aber kannte niemanden. In den kleinen Dörfern, die verstreut an den Ufern des Flusses lagen, schlug er sein Zelt auf und stellte feine Ware aus, wobei es ihm ganz gleichgültig war, ob er etwas verkaufte, oder ob alles wieder in die Kistchen zurückwanderte. Ihm genügte ein Stück Brot für den Hunger und ein Schluck Wasser für den Durst, aber nicht vielleicht deshalb, weil er sich's vorgenommen hätte, auf diese Weise Buße zu tun, sondern weil er zum Leben nichts andres benötigte. Hätte ihm jemand gesagt, er solle sein Häuschen verkaufen, da wäre wohl zum ersten Male ein richtiges Lachen auf fein Antlitz gekommen. Denn alles, was ihm noch übriggeblieben war, konnte er geben: die Kistchen mit der Ware, fein schlissiges Kleid, ja sein Leben sogar — aber das Haus, in dem feine Mutter vor zwanzig Jahren ihren letzten Seufzer getan, dieses kleine, so unscheinbare Haus hätte er nicht einmal seiner Mutter gegeben, wenn sie aus dem Grad gestiegen und es von ihm verlangt hätte. Nicht wegen der elenden vier Mauern, die schon ganz schwarz von Ruß, ganz sonnenverbrannt und von den Stürmen zerfressen waren, aber wegen des Nußbaumes. Es war dies der höchste Baum in der ganzen Gegend, auf seiner Spitze hatte Verdoni schon als Knabe gesessen und von dort das Leuchten der Piave gesehen, er war ein Erbteil seiner Vorfahren; sein Urahn hatte ihn dem Großvater überliefert, und von diesem war er auf seinen Vater gekommen und endlich auf ihn. Dieser Nußbaum war für Francesco Verdoni der Gegenstand immerwährender Angst. Wenn manchmal des Nachts die Burschen mit Singen und Johlen vorbeigezogen, da trat dem alten Hausierer der kalte Schweiß auf die Stirn. Er befürchtete nicht, daß man ihm die Ware wegnehmen konnte oder das übrige feines tandmößigen Besitzes, denn solche Sachen betrachtete er nie als ein unteilbares Gut; hätte es aber jemand gewagt, das Gartentürchen zu überschreiten oder über die niedrige Planke zu springen, um einen Ast des Baumes zu biegen ober eine Nuß, die auf dem Boden lag, sich anzueignen, bann wäre er — Verboni fühlte es — imftanbe gewesen, biesen Menschen umzubringen, benn ber Nußbaum galt ihm mehr als sein eigenes Leben. Eines Tages, im Juli, begann er zu rechnen und zu grübeln und kam zu bem Resultat, baß es sich kaum mehr lohne, dem Haufierer- geschäft weiter nachzugehen. Der Weg ermüdete ihn schon, mehr aber fürchtete er das tägliche Wagnis; die Zeiten und Menschen waren anders geworden, er verstand sie weniger denn je, wie leicht konnte da jemand in iüen Garten bringen, während er abwesend war. Die Jahre immerwährender Wanderschaft hatten ihm den Rücken gebeugt und die Beine geschwächt; fünf Stunden in der sengenden Sommerhitze brachten fast gar nichts ein: er würde sich's am Brot absparen und zu Hause bleiben. Agnes Chiari, die ihm gegenüber wohnte, sah ihn am dritten Sonntag des Juli nicht mehr das Haus verlassen, tags darauf bemerkte es auch Jeremias Stolfi, der Bäcker von nebenan, und am Dienstag Bartolomeo Romei, der Schlosser von der Straßenecke. Sie erzählten sich das und gaben der Vermutung Ausdruck, Francesco Verdoni sei gestorben. So gingen sie also zu seinem Haus und klopften an die Tür. Da schlicht er sich mit seinen schmerzenden Beinen aus der Stube um zu zeigen, daß er noch lebe, solang es dem Herrn gefiele; daß aber die Leute erschienen waren, hatte seinen Geist ganz mächtig aufgerüttelt. In der Nacht überkamen seine erschrockene Seele allerhand Zerrbilder und groteske Szenen. Schloß er die Augen, da schüttelte ein Schauer seinen zerquälten Leib, und cs riefelte ihm von den Füßen gegen die Beine hinauf, kroch über feinen Rücken, setzte sich an seiner Stirn fest und begann sich in sein Hirn zu bohren. Mit zitternden Händen griff er La nach den Schläfen, und sekundenlang schien es ihm, als mühte er wahnsinnig werden. Er verlieh das Bett und trat in die von Sternen erhellte Nacht. Ganz leise senkte es sich wie ein Nebelschleier auf seine Lider und verschaffte ihm das Gefühl eines sanften, wohltuenden Rausches, denn der mächtige Nußbaum, der seine Aeste weithin unter dem Baldachin des Rachthimmels dehnte, klang im Hauche des sommerlichen Windes wie lebende Musik. Eine wunderbare, traumhaft verfließende Symphonie von Schalmeien, Harfen, Lauten und Violen strömte aus ihm hervor, man vermeinte die Liebkosung weicher Frauenhünde zu spüren, hörte den Atem der Brise, die über die Segel streicht, und den Seufzer des weiten, halmschweren Landes. Und so verbrachte er die letzte Spanne seines traurigen und entbehrungsreichen Daseins zwischen der lebenden Wirklichkeit und einer berauschenden Phantasiewelt. Wenn aber des Morgens die Dreher und Erdarbeiter an seinem Häuschen vorbeitrotteten und ihm zuriefen: „Verdoni, wirft du uns bald schon deinen Schatz lassen?", da betrachtete er seine harten schwieligen Hände, die einst, bevor er seinen Handel im Tag begonnen, auch mit dem Werkzeug zu hantieren verstanden, und eine quälende Bitterkeit zog die Winkel seines Mundes noch tiefer hinab. Denn sein Reichtum war nicht in seinem Schrein verborgen, wie alle seit dem Tage glaubten, da er, mit Wasser und Hunger sich begnügend, seine karge Brotration noch mehr geschmälert hatte, sondern in der Glorie seines wunderbaren Baumes, der zur Sommerneige voll reifer Nüsse war, in diesem Baum, der einzig und allein nur ihm gehörte, und zu dem der Weg nur über seine Leiche ging. Im folgenden Spätsommer prangte der Nußbaum wieder in seiner ganzen Schönheit, aber Verdoni war bereits ein vertrockneter, zitternder Greis, auf dessen Haupte nur noch spärlich die Haare standen. Er schlich herum mit jener herben Mundfalte, die seine Mutter vor dem Sterben hatte, sein Atem ging schwer und versagte manchmal ganz, die Füße glitten ihm nur langsam wie auf einem Teppich dahin. Der Baum stand aufrecht und trotzig unter dem Himmelszelt, er aber ging schwer und gebückt auf der Erde; jener schien nach den Sternen zu langen, er aber suchte da unten sein Grab: lehnte an dem Stamme seines geliebten Nußbaumes und zählte dessen Zweige, als wollte er ihn ganz in sich aussaugen, mit jenem unnennbaren Gefühl, das, Lust und Angst zugleich, seine Seele im Tiefsten erschütterte und ihm Balsam und Wegzehrung für die letzten Tage war. In der Nacht zum 4. September brach ein furchtbares Unwetter los. Auf Windesflügeln schnaubte es von den Bergkuppen heran und entfesselte sich pfeifend und heulend über dem Talbecken und der Pfarre, senkte sich auf die Weingärten, streifte die Reihen der Robinien, beugte die hohen Birken, riß an den Aesten der Linden und Erlen, zauste die Myrten und strich über die User des Flusses mit mächtigerem Lärm als selbst das Rauschen des Wassers am Wehr. Der ganze Himmel von Ost nach West erfüllte sich mit jagenden Wolken, die von grell aufzuckenden Blitzen gespensterhaft erleuchtet wurden. Die Häuser übergossen sich gelb und purpurviolett, flammten auf wie brennende Scheiterhaufen, sprühten Funken wie zerschellte Fackeln. Das ganze kleine Dorf mit seinen sestverschlossenen Türen und Fenstern glich einem Friedhof ohne Kreuze. Schlag auf Schlag erschütterte die Himmelswölbung, fauste nieder auf die von Gräben durchwühlten Felder, ließ die Heuhaufen reihenweise verschwinden und erfüllte die Luft mit dem stickigen Qualm versengten Grases. Und dann ein letzter, grauenhaft gewaltiger Blitz, einer, bei dessen Ausflammen das Herz wie in Todesangst erbebte. Mit phosphoreszierendem Leuchten durchschnitt es das wolkenstarrende Firmament, schlug ein in den Wipfel des großen Nußbaumes, entfaltete auf dessen Spitze einen feurigen Kranz, machte aus ihm einen strahlenden Pavillon und goß in die Ruine dieser Herrlichkeit einen Strahl eisigkalten Wassers aus einer geborstenen Wolke. Als das Toben der Elemente vorüber war, sah man den stolzen Nußbaum, der so lange den Kirchturm überragt hatte, nicht mehr. Da liefen die Leute herbei und sprangen über die Planke in das Gärtchen. Aber die knochigen Hände, die nach dem Schrein mit dem vielen Gelde suchten, fanden nichts als die Asche Franeeseo Verdonis, die unter seinem Baum wie in einer Urne lag. (Aut. Uebersetzung aus dem Italienischen.) Dsr Bildnismaler Tischbein. Zur 1S0. Wiederkehr seines Todestages. Von Frank L y s k i r ch e n. Zur Feier des Tages seiner Sommerankunft in seinem Schlosse zu Eutin hatte der Herzog Peter von Oldenburg auf dem breiten Nasenplatze unter den Platanen eine bunte Kaffeetafel aufstellen lassen und seine Eutiner Freunde geladen; unter den anderen Gästen, der anmutigen Gräfin Holmar, dem Fräulein von Maltzahn, dem Leibmedikus Hellwag und noch einigen Gelehrten, bewegte sich in.seiner lebhaften und von langem Jtalienaufenthalt beeinflußten Weise, immer redend, genießend, immer vom Kleinsten und Größten beglückt, Meister Wilhelm Tischbein, der kernhafte Hesse, den eine weite Lebenswanderschaft über Hamburg, Holland, Rom, Neapel, Kassel endlich nach Eutin geführt hatte, wo er, mit feinem Verständnis vom Herzog gefördert, seine Malerpläne in behaglicher Ruhe verwirklichen durfte. Seine natürliche Begabung, ein Gesvräch lebendig zu führen und zu beherrschen, ließ bald die andere Gesellschaft fast verstummen. Der Herzog lehnte sich in seinen Sessel zurück, genoß versonnen die blauen Durchblicke aus die Holsteiner Berge zwischen den Baumgruppen, schmunzelte in seiner leisen Art und warf hier und da ein Wort in die Unterhaltung. Tischbein ließ sich nicht stören; er wickelte aus einem Seidenpapier einen antiken geschnittenen Stein, zeigte ihn vor, betrachtete ihn und ihn am Tische rundwandern: „Dies ist mein wertvollster Kunstbesitz auf Erden, für dies Stück hat der russische Kaiser durch Puschkin 10 000 Taler bieten lassen, und Napoleon wäre noch höher gegangen, wenn ich dem Korsen nicht kurz und bündig die Unverkäuflichkeit hätte erklären lassen. Einer der größten Künstler hat diesen Stein geschnitten, alles ist sanft wie ein Gemälde, kein pralles Weih auf Schwarz, sondern bildhaft und perlfarbig. Bei größter Genauigkeit der Formen und bestimmtem Umriß find die Muskeln doch nicht steinern, sondern weich, sie scheinen sich zu bewegen. Sehen Sie, es ist Pan, der Große Gott, der weise Kenner der Welt, der Liebhaber der Erde, mit WeinfchlaUch und Leopardenfell, von zwei springenden Böcklein begleitet. Sehen Sie den zugleich tiefsinnigen und heiteren Ausdruck des Kopfes, und wie er zu den Tieren zurück- zwinkert! Und diese erst, man glaubt sie meckern zu hören!" Der Herzog hatte sich ein Vergrößerungsglas bringen lassen und betrachtete genießerisch die Schönheiten des Stückes. „Ich bin überzeugt," schloß Tischbein seine begeisterte Rede, „daß dieser Pankopf ein Porträt ist, ein Bildnis, das der begnadete Künstler von einem seiner liebsten Freunde und Zechgenosfen schuf, der selbst ein großer Dichter oder Philosoph war!" „Ich möchte das auch, glauben," sagte der Herzog aufstehend, „aber nun, mein lieber Meister, erzählen Sie uns einmal, welches Bildnis Ihnen am schwersten geworden ist. Man erzählt sich, und ich hatte oft Gelegenheit, Ihre Geschicklichkeit zu bewundern, daß Sie in ein paar halben Stunden Ihre Bildnismeisterwerke schaffen. Welches wurde Ihnen am fchwersten?" Eine Weile schaute Tischbein in das zackige Laub der Platanen und schwieg, er folgte mit dem Blick einem Fliegenschnäpper, der immer wieder mit einem hellen Pfiff sich von seinem Aestchen in die Sommerluft warf, um eine Mücke oder einen Käfer zu fangen, dann begann er zu erzählen. „Es sind zwei Porträts, die mir die meiste Sorge gemacht haben, eins, das mir meine Künftlerlaufbahn erst eröffnen sollte, und ein zweites, das zu schaffen mein höchstes Glück war, eine heilige Aufgabe, ein Gebet. Als ich noch ein blutjunger Anfänger war und noch nicht gewagt hätte, mich einen Porträtmaler zu nennen, kam ich auf meiner Fahrt nach Holland in Bremen in ein Gasthaus. Ein junger Mann, den ich kennen lernte und zeichnete, empfahl mich einem Ratsherrn, der, wohl mehr des Scherzes halber, feine jchöne Frau von mir malen lassen wollte. Ich war damals ein Bürschlein, noch halb in den Kinderschuhen, und beim Anblick eines schlankgewachsenen Mädchens konnte ich das Atem vergessen. Hier aber geriet ich außer mir; als die Frau des Ratsherrn mir in der Gesellschaft entgegentrat, blieb ich, sie anstarrend, stehen und wurde erst durch die lachende Bemerkungen der anderen Gäste aus meiner Verzückung erweckt, mit der ich dieses wundervolle Menschenwesen betrachtete. Die Dame nahm meine stumme Huldigung lächelnd hin, der nächste Morgen wurde zur Porträfsttzung bestimmt. Ich wartete, sie erschien und setzte sich, wie sie es für gut hielt. Ich sah, daß das Licht denkbar ungünstig falle und daß ihre göttliche Schönheit geradezu gefchädigt sei, war aber so ergriffen und benommen, daß ich nichts zu sagen wagte, sondern wo Licht war, malte ich Schatten und wo Schatten war, schuf ich Licht. Alles gestaltete sich um, wie im Rausch, diese heilige Schönheit festzuhalten. Nachher kam der Ratsherr und feine Freunde und alle waren einig, daß sie niemals ein so ähnliches Bildnis gesehen hätten. Ich schwieg und erst, als ein Kunstsachverständiger kam, muhte ich meine Kühnheit des Lichtwechsels zugeben. Dies Bild eröffnete mir eigentlich meine Laufbahn. Seitdem habe ich Hunderte von schönen und berühmten Frauen gemalt, Königinnen und Herzoginnen, die verführerische Lady Hamilton in Neapel und die zarte Angelika Kaufsmann in Rom, liebliche Mädchen und gefurchte Greisengesichter, aber feines hat mir solchen bebenden Stolz und solche jubelnde Hoffnung gewährt, wie das Bildnis der schonen Ratsfrau in Bremen, die zum Leben ähnlich wurde, obwohl ich sie in meinem eigenen Lichte sah. Und das zweite Bildnis war das eines Mannes; eines Mannes, den ich von allen Menschen am höchsten verehrte, dessen Freundschaft in meinem Leben, wenn ich es recht bedenke, die tiefsten Spuren hinterlieh, obwohl man sie auf den ersten Blick nicht einmal so merkt: — Goethes. Als er anno 1786 eines Morgens in Rom in mein Zimmer trat und mich in einer Stunde so ganz mit seinem Wesen erfüllte, dah ich, wie ein Tautropfen die Sonne, nur ihn widerspiegeln mochte, da wußte ich, ihn zu bilden, ihn als Bildnis zu schaffen, wird größte Freude und größte Not sein. Denn wie vielgestaltig war er, wenn er am Fenster stand und den freien Blick über die sieben Hügel gleiten ließ, wenn er ein Gedicht las, wenn er einer Schönen in seinem halbgesungenen Frankfurter-Italienisch holde Worte sagte, wenn er zwischen Gesteinen mit dem Hammer umherkletterte und sie untersuchte, wenn er unter dem Gewölbe der Nacht in stockendem Gespräch ewige Rätsel loste, wenn er mit Hingebung eine Aussicht zeichnete, wenn er Tiooliwein trank, wenn er wie eine junge Mutter mit den Kindern meiner Freunde spielte und tollte, wenn er im Frack beim Ritter Hamilton die schone Lady mit ruhigen Augen betrachtete und dazu kühl von Catull und Properz erzählte. Oder wenn er in der römischen Morgenfrühe von Thüringen redete, von den nordischen Fichtenbergen und dem Nebel da unten! Dieser Mensch hatte tausend Gestalten, wo sollte ich ihn halten! Der Dichter, der Mensch, der Minister, der Freund, der Sammler, der Reisende, der Spielgenosse, der Verliebte, der Weltweise, der Kenner, der Naturforscher, der Sucher, der Weltmann, welche Fülle, wo ein Ende, wo ein fester Halt? Und so schuf ich ihn, in Freude und Not, hingelagert auf den lieblich bebilderten Trümmern der alten Welt, den Blick auf das Mal der Cäcilia Metella und die geheimnisvoll in Lichtern schimmernde Kam- pagnelandschaft, mit nordischen Augen, in denen das liegen möchte, das sich sonst nicht sagen läßt, der Dichter, der Mensch, der Minister, der Verliebte, der Naturforscher, der Weltmann, alles. Im Grunde war es dasselbe wie bei der schonen Frau des Ratsherrn, ich schuf nicht Wirklichkeit, sondern meine eigene Wahrheit, die Wahrheit meines Herzens, das Licht nicht wirklich, sondern wie es bei diesem außerordentlichen Manne fein mußte, ich suchte meine innerste Empfindung in dies Vito zu legen, etwas von dem, was der Mensch des Altertums meinte, wenn er vom großen Pan sprach!" toter dem affen, sanft und mrih ch zu r der , von nigen irück- d be- „daß nstler st ein „aber ildnis te oft paar Zhnen i und : wie- lertuft er zu laben, d ein fgabe, nicht »einer n, den , wohl lassen huhen, h das Ratsstehen te aus chchen- ichelnd wartete, ch das radezu hts zu chatten heilige reunde zesehen muhte te mir >n und rsühre- auss- r, aber >ng ge- Leben es, den )ast in terließ, Goe - 1er trat ia6 wühle de und Fenster i er ein Franknit dein m Geer mit >enn er lte und dy mit >erz er- iiringen ! Dieser Dichter, ide, der forscher, n fester en lieb' Kal der e Kam- ;)ie, das ter, der war es t Witt- Herzens, mtlichen es Bild e, wenn Und sehen Sie," bemerkte Yser der Herzog kebhast, „das ist es fa, rong ich bei Ihrer spannenden Erzählung immer deutlicher fühlte, dieser köstliche Pan hier auf dem Kameo, 'dieser große Pan, trägt unverkenn- »ar die Züge des alten Herrn vom Frauenplnn in Weimar, wie er sie damals hatte, als er in der Blüte seiner Jahre in Italien seine Wiedergeburt feierte, die Sie in Ihrem herrlichen Bilde verewigt haben!" Die Fuggerei. Bon Dr. Hedwig F i f ch m a n n. In der vornehmen, teppichgedämpften Halle des zum Gasthof „Zu den drei Mohren" umgewandelten Augsburger Patrizierhauses zeigt „mn noch heute dem gläubigen Fremdling den Kamin, in dem einst nach einer dem Bürgerstolz schmeichelnden Sage ein Sproß des reichen Fuggerhauses den Schuldschein des armen deutschen Kaisers Karl in Flammen hat aufgehen lassen. Aber von der wahrhaft königlichen Tat dieses königlichen Kaufmannsgeschlechtes, das einen Kaiser von fuggeri« [djen Goldes Gnaden geschaffen und ihm hatte schreiben dürfen: „Es ist auch bekannt und liegt am Tage, daß Eure Kaiserliche Majestät die römische Krone ohne meine Hilfe nicht hätten erlangen können" — von der königlichsten, weil menschlichsten Tat kündet nicht dieser selbstbewußte Brief, nicht jener Marmorkamin, sondern die segensreich durch die Jahrhunderte fortwirkende Stiftung Jakob Fuggers des Reichen: die stille Stadt der Armen, die Fuggerei. Wer vorbei an Meister Elias Holls ragendem Wahrzeichen Augsburger Größe, dem stolzen Rathausbau, und dem weithinspähenden Perloch, dem alten Wachtturm, hinabsteigt, in die einst durch ihre zahlreichen und schönen Gärten weithin berühmte Jakobervorstadt, dem öffnet sich plötzlich in der Reihe der bescheidenen Bürgerhäuser ein zum Eintritt verlockendes Tor, der Eingang zu einer seltsam fremden, gegenwartsfernen Welt. Hier scheint die Zeit stillgestanden zu haben gleich den hastenden Autos und den knarrenden Pferdefuhrwerken, die vor dieser Türe holt machen müssen, stillgestanden seit jenen Tagen, da laut einer mit dem Fuggerwappen geschmückten lateinischen Jnschrifttafel die Brüder Ulrich, Georg und Jakob Fugger diesen wohltätigen Bau errichtet hoben, „da sie erwogen, sie seien zum Besten des Gemeinwesens geboren und verdankten ihr großes Vermögen nur dem allgütigen Schöpfer." Und doch: wie gegenwartsnah, wie aus den Sargen unserer Tage geboren, erscheint uns wiederum diese aus dem Jahre 1519 stammende Stiftung, | der erste tatkräftige Versuch, der Wohnungsnot der Armen in einer Zeit ! des steigenden Hauszinses energisch zu steuern, ihnen menschenwürdige i Heimstätten für ein so geringes Entgelt zu schaffen, daß ihnen gerade \ noch das drückende Bewußtsein erspart blieb, van der Gnade eines Reichen umsonst ihre Behausung empfangen zu haben. Denn Jakob ' Fugger, in Wahrheit die treibende Kraft dieser Schöpfung wie der eigentliche Begründer des Weltruhmes feines Hauses, der uns so fest und willensstark aus den Bildnissen Hans Holbein des Steileren mb 1 Burgkmairs entgegenblickt, wußte ebenso groß im Geben wie int I Erwerben zu sein. Rühmte doch Mit- und Nachwelt einmütig seine | „Magnifizenz, durch die er im ganzen Reich und an allen Höfen in großes Ansehen gekommen, da er nicht, wie etwa Geizwänste pflegen, seinen Reichtum in Kisten verschlossen, sondern Herr, nicht bloß Hüter desselben gewesen ist." Wie tief er die Rot der 'Armen mitempfunben, dafür zeugt auch der Vorschlag, den er einmal den Augsburger Rats- herren — wenn auch erfolglos — unterbreitet hat: man möge eine Einrichtung treffen, durch die der Scheffel Roggen den gemeinen Mann auf ewige Zeiten nicht mehr als einen Gulden kosten sollte. Und aus diesem weitblickenden, der Leiden feiner Zeitgenossen wie jener künftiger Geschlechter gleichermaßen gedenkenden Geiste heraus, stiftete er, der erste deutsche Renaissancemensch, hart an der Grenze des Mittelalters die noch heute vorbildliche erste soziale Kleinsiedlung Deutschlands, die in 53 Häuschen 106 bedürftigen, unbescholtenen Familien Wohnstätte gewährte und gewährt. Der jährliche Mietzins betrug einen Gulden und wurde von einem Einwohner, der über alte gesetzt war, ein- gcfammelt, so daß das Bewußtsein eines in sich geschlossenen Gemeinwesens, einer Stadt in der Stadt, dadurch verstärkt wurde. Doch diente, wie Gras W o 1 s r a d t von Waldeck, der im Jahre 1547 zum Reichstag nach Augsburg gekommen war, in seinen kulturhistorisch so wertvollen Tagebuchaufzeichnungen bemerkt, dieser Betrag nicht zum Nutzen der Fugger, sondern er wurde erhoben, damit die Häuser aus der ange- snmmelten Summe einstmals instandgehalten werden könnten, wenn kein Fugger mehr leben würde. Darüber hinaus aber hat Jakob Fugger durch reiche Zuwendungen in seinem Testantent für feine Schöpfung gesorgt, wie auch spätere Glieder des ruhmreichen Handelshauses ihre tatkräftige Fürsorge der Fuggerei zugewandt haben, insbesondere Markus Fugger, dem die kleine Stadt ihr eigenes schmuckes Kirchlein mit Benefiziat, einen öffentlichen Brunnen sowie ein Schulhaus zu verdanken hat. Doch noch eine andere -Leistung wurde, dem Geiste jener Geist entsprechend, die sich nicht nur für die leibliche, sondern auch für die seelische Wohlfahrt ihrer Schützlinge verantwortlich fühlte, den Bewohnern der Fug- gerei auferlegt: die Verpflichtung, täglich ein Vaterunser, ein Ave-Maria und ein Kredo zu beten, die sich als ein seltsamer 'Anachronismus im Verhältnis von Grundherrn unb Mieter ebenso wie der niedrige, heute mit 4,12 Mark für eine ganze und 2,06 Mark für eine halbe Wohnung bemeßene jährliche Mietzins hinübergerettet hat durch die Jahrhunderte. Nun, sie scheinen sich bei diesen Bedingungen recht wohl zu fühlen, die Bewohner dieses Miniatur-Städtchens, das sich mit seinen blitzsauberen Häuschen um sechs Straßen aufbaut. Diese weisen — ebenfalls ein seltsames Kuriosum — keinen Bürgersteig auf. Wozu wäre er auch auf dieser Insel der Glücklichen nötig, da doch jede das Leben des Bürgers bedrohende Verkehrsgefahr vor den vier Toren zuriickebbt? Hell und lustigl sind hier die Gäßlein trotz ihrer Enge, denn keine himmelstürmen- dett Wolkenkratzer machen einander das Licht streitig; einstöckige Gebäude, häufig mit der Giebelscite der Straße zugekehrt, drängen sich nicht ramngeizig aneinander, sondern lassen gern einen kleinen Zwischenraum grgen den Nachbar frei, der aber nicht fo weit ist, daß er ein friedliches Schwätzchen von Fenster zu Fenster, hinter den btütenweitzen Vorhängen hervor und über die liebevoll gepflegten Blumentöpfe hinweg, unmöglich machen würbe. Fröhlich hebt sich bas Grün bes an den Häusern emporrankenden wilden Weins von dem weißen Verputz der Wände ab, und wem es gelingt, einen Blick ins Innere dieser mit sorgendem Besitzerstolz verschlossenen, mit altmodischen Klingelzügen versehenen Puppenheimstätten zu werfen, der kann wohl auch einen verträumten Gartenwinkel erschauen, in dem sich, achtsam betreut, ein bunter Blumenflor ebenso genügsam wie feine Pfleger auf engstem Raume zusammendrängt. Jeder kennt hier jeden, und das Leben scheint geradeso gleichmäßig und ruhig dahinzuplätschern wie das Wasser des zierlichen Brünnlein; in dem an prächtigen Figurenbrunnen, wie dem berühmten Herkules-, Augustus- und Merkurbrunnen, so reichen Augsburg, durfte auch dieser kleinen Stadt in der Stadt der wasser- und melodiespendenden Quell nicht fehlen. Immer im gleichen Rhythmus, im gleichen Tonfall springt fein dünner Strahl, Glück und Leid begleitend, durch die Jahrhunderte. Und noch tönt fein vergangenheitsfchwere Träume um uns webendes Raunen im Ohre nach, da wir hinaustreten aus dieser verzauberten Welt in die jetzt so lebenerfüllt erfcheinende Vorstadt. War es nicht gestern erst, da dort durch das trotzige Jakobertor der siegreiche Schwedenkönig Gustav Adolf an der Spitze seines Heeres eingeritten, Furcht und Schrecken vor sich verbreitend? Und war es nicht eßegeftern, ba jener noch trübere Tag heraufdämmerte, an bem sich groß unb klein, alle, benen die Fuggerei Heimstätte war, und noch unzählige andere durch die gleiche Trauer Verbundene zusammenscharten, um dem letzten Zug ihres hochherzigen Wohltäters zur selbstgeschaffenen Kapelle bei St. Anna zu folgen? Dort, an dieser ersten, den freien Geist der Renaissance auf deutschem Boden atmenden Stätte, ruht dieser große und doch fo warm mit den Mühseligen und Beladenen empfindende Tatenmensch. Zu einem ewigen Monument des aus bem neuen Zeitgeist machtvoll emporgewach- tenen Fugqergefchlechtes war sie bestimmt. Doch bas schönste unb unvergänglichste Denkmal, bas sich Jakob Fugger der Reiche geschaffen, den Ruhmesglanz seines Hauses überbouernb, bas finb die armen kleinen Häuschen braußen in ber Vorstabt von St. Jakob. Südlicher Mittag. Von Anton Schnack. Der Erwartung bin ich gegeben. Daß bas Blau sich spaltet, Wenn ber Mittag über bem Berg der Reben Mit schweigsamen Feuern waltet. Ruhlos ber Fisch am Grunde gleitet Mit eiskaltem Glanze. Weiß hat der Meerwind ein Segel gebreih! Kaum rührt sich die Pflanze. schien, betete einige Himmel unb Meer sind eins. Alles ist Licht. 'Aus der Platte des knisternden Steins Blickt glühend ein Göttergesicht. Die Judenbachs. Ein Siftengemälbe aus dem gebirgiglen Westfalen. Bon Annette v. Droste-Hülshofs. Wir sprangen aus und liefen, was wir konnten in Gottes Romen gerade aus, unb wie es hämmerte, waren wir wirklich auf dem rechten ^Jokwnnes^'schien noch vor der Erinnerung zu schaudern, und der Gutsherr dacht7 an seinen seligen Kapp und dessen Abenteuer am Hcerser Hange. (Schluß.) „Alles hin, alles tot!" seufzte Johannes. Am Abend, als es dunkel geworden war unb ber Mond sah man ihn im Schnee auf dem Kirchhofe umherhumpeln; er bei keinem Grabe, ging auch an keines dicht hinan, aber auf _ schien er ans der Ferne starre Blicke zu heften. So fand ihn der Forster Brandis, der Sohu des Erschlagenen, den die Gutsherrschast abgeschickt hatte, ihn ins Schloß zu holen. Beim Eintritt in das Wohnzimmer sah er scheu umher, wie vom Licht geblendet, und bann auf den Baron, der sehr zusammengefallen in seinem Lehnstuhl saß, aber noch immer mit den Hellen Augen und dein roten Käppchen auf dem Kopfe wie vor achtundzwanzig Jahren, neben ihm die gnädige Frau, auch alt, sehr alt geworben. Nun, Johannes," sagte der Gutsherr, „erzähl mir emmal recht ordentlich von deinen Abenteuern. Ader," er musterte ihn durch die Brille, „du bist ja erbärmlich mitgenommen m ber Türker! Johannes begann: wie Mergel ihn nachts von der Herde ab gerufen und gesagt, er müsse mit ihm fort. — „Ader warum lief ber dumme Cnqe beim® Du weißt doch, daß er un chuldig war? — Johannes sah?or süh nieder: „Ich weiß nicht recht mich dünkt es war »egen Holzgeschichten. Simon hatte so allerlei Geschäfte; mir stgte nichts davon aber ich glaube nicht, baß alles war, wie es fein sollte. — „Was' hat denn Friedrich dir gesagt?" — „Nichts, als baß müßten sie wären hinter uns her. So liefen wir bis Heerfe, da war es noch dunkel unb wir versteckten uns hinter das große Kreuz am Kirchhofe, bis es etwas heller würbe, weil wir uns vor ben Stein« Brüchen am Zelterfelbe fürchteten, unb wie wir eine Weile gesessen hatten, hörten wir mit einem Male über uns schnauben unb ftampfen unb sahen lange Feuerstrahlen in ber Lust gerabe über bem Heerser „Sonderbar!" lachte er, „so näh' war! !Hr einanderk aber fahr fort* Johannes erzählte nun, wie sie glücklich durch P. und über die Grenze gekommen. Von da an hatten sie sich als wandernde Handwerksburschen durchgebettelt bis Freiburg im Breisgau. „Ich hatte meinen Brotsack bei mir," sagte er, „und Friedrich ein Bündelchen; so glaubte man uns." — In Freiburg hatten sie sich von den Oesterreichern anwerben lassen: ihn hatte man nicht gewollt, aber Friedrich bestand darauf. So kam er unter den Train. „Den Winter über blieben wir in Freiburg," fuhr er fort, „und es ging uns ziemlich gut; mir auch, weil Friedrich mich oft erinnerte und mir half, wenn ich etwas verkehrt machte. Im Frühling mußten wir marschieren, nach Ungarn, und im Herbst ging der Krieg mit den Türken los. Ich kann nicht viel davon nachsagen, denn ich wurde gleich in der ersten Affäre gefangen und bin seitdem sechsundzwanzig Jahre in der türkischen Sklaverei gewesen!" — „Gott im Himmel! das ist doch schrecklich!" sagte Frau von S. — „Schlimm genug, die Türken halten uns Christen nicht besser als Hunde; das Schlimmste war, daß meine Kräfte unter der harten Arbeit vergingen; ich ward auch älter und sollte noch immer tun wie vor Jahren." Er schwieg eine Weile. „Ja," sagte er dann, „es ging über Menschenkräfte und Menschengeduld; ich hielt es auch nicht aus. — Von da kam ich auf ein holländisches Schiff." — „Wie kamst du denn dahin?" fragte der Gutsherr. — „Sie fischten mich auf, aus dem Bosporus", versetzte Johannes. Der Baron sah ihn befremdet an und hob den Finger warnend auf; aber Johannes erzählte weiter. Auf dem Schiffe war es ihm nicht viel besser gegangen. „Der Skorbut riß ein; wer nicht ganz elend war, mußte Über Macht arbeiten, und das Schiffstau regierte ebenso streng wie die türkische Peitsche." „Endlich," schloß er, „als wir nach Holland kamen, nach Amsterdam, ließ man mich frei, weil ich unbrauchbar war, und der Kaufmann, dem das Schiff gehörte, hatte auch Mitleiden mit mir und wollte mich zu feinem Pförtner machen. Aber" — er schüttelte den Kopf — „ich bettelte mich lieber durch bis hierher." — „Das war dumm genug", sagte der Gutsherr. Johannes seufzte tief: „O Herr, ich habe mein Leben zwischen Türken und Ketzern zubringen müssen, soll ich nicht wenigstens auf einem katholischen Kirchhofe liegen?" Der Gutsherr hatte seine Börse gezogen: „Da, Johannes, nun geh und komm bald wieder. Du mußt mir das alles noch ausführlicher erzählen; heute ging es etwas konfus durcheinander." „Du bist wohl noch sehr müde?" — „Sehr müde," versetzte Johannes; „und," er deutete auf seine Stirn, „meine Gedanken sind zuweilen so furios, ich kann nicht recht sagen, wie es so ist." „Ich weiß schon," sagte der Baron, „von alter Zeit her. Jetzt geh. Hülsmeyers behalten dich wohl noch die Nacht über, morgen komm wieder." Herr von S. hatte das innigste Mitleiden mit dem armen Schelm; bis zum folgenden Tage war überlegt worden, wo man ihn einmieten könne; effen sollte er täglich im Schlosse, und für Kleidung fand sich auch wohl Rat. — „Herr," sagte Johannes, „ich kann auch noch wohl etwas tun; ich kann hölzerne Löffel machen, und Ihr könnt mich wohl auch als Voten schicken." Herr von S. schüttelte mitleidig den Kopf: „Das würde doch nicht sonderlich ausfallen." — „O doch, Herr, wenn ich erst im Gange bin — es geht nicht schnell, aber hin komme ich doch, und es wird mir auch nicht sauer, wie man denken sollte." — „Nun," sagte der Baron zweifelnd, „willst du es versuchen? hier ist ein Brief nach P. Es hat keine sonderliche Eile." Am folgenden Tage bezog Johannes fein Kämmerchen bei einer Witwe im Dorfe. Er schnitzte Löffel, aß auf dem Schlosse und machte Botengänge für den gnädigen Herrn. Im ganzen ging es ihm leidlich; die Herrschaft war sehr gütig, und Herr von S. unterhielt sich oft lange mit ihm über die Türkei, den österreichischen Dienst und die See. „Der Johannes könnte viel erzählen," sagte er zu seiner Frau, „wenn er nicht so grundeinfältig wäre." — „Mehr tiefsinnig als einfältig," versetzte sie; „ich fürchte immer, er schnappt noch über." — „Ei bewahre!" antwortete der Baron, „er war sein Leben lang ein Simpel; simple Leute werden nie verrückt. Nach einiger Zeit blieb Johannes auf einem Botengänge über Gebühr lange aus. Die gute Frau von S. war sehr besorgt um ihn und wollte schon Leute aussenden, als man ihn die Treppe heraufstelzen hörte. „Du bist lange ausgebtieben, Johannes," sagte sie: „ich dachte schon, du hättest dich im Brederholz verirrt." „Ich bin durch den Föhrengrund gegangen." „Das ist ja ein weiter Umweg; warum gingst du nicht durchs Brederholz?" Er sah trübe zu ihr auf: „Die Leute sagten mir, der Wald sei gefällt, und jetzt feien so viele Kreuz- und Quermege darin, da fürchtete ich, nicht wieder hinauszukommen. Ich werde alt und duselig", fügte er langsam hinzu. — „Sahst du wohl," sagte Frau von S. nachher zu ihrem Manne, „wie verwunderlich und quer er aus den Augen sah? Ich sage dir, Ernst, das nimmt noch ein schlimmes Ende." Indessen nahte der September heran. Die Felder waren leer, das Laub begann abzufallen, und mancher Hektische fühlte die Schere an seinem Lebensfaden. Auch Johannes schien unter dem Einflüsse des nahen Aequinoktiums zu leiden; die ihn in diesen Tagen sahen, sagen, er habe ausfallend verstört ausgesehen und unaufhörlich leise mit sich selber geredet, was er auch sonst mitunter tat, aber selten. Endlich tarn er eines Abends nicht nach Hause. Man dachte, die Herrschaft habe ihn verschickt; am zweiten auch nicht; am dritten Tage ward feine Hausfrau ängstlich. Sie ging ins Schloß und fragte nach. — „Gott bewahre," sagte der Gutsherr, „ich weiß nichts von ihm, aber geschwind den Jäger gerufen und Försters Wilhelm! Wenn der armselige Krüppel," setzte' er bewegt hinzu, „auch nur in einen trockenen Graden gefallen ist, so kann ?k nicht wieder Heraus. Wer weiß, ob er nicht gar eines von feiner schiefen Beinen gebrochen hat! — Nehmt die Hunde mit," rief er den ab- ziehenden Jägern nach, „und sucht vor allem in den Gräben; seht in dis Steinbrüche!" rief er lauter. Die Jäger kehrten nach einigen Stunden heim; sie hatten keine Spur gefunden. Herr von S. war in großer Unruhe: „Wenn ich mir denke dak einer so liegen muß wie ein Stein, und kann sich nicht Helsen! Aber er kann noch leben; drei Tage hält es ein Mensch wohl ohne Nahrung aus." Er machte sich selbst auf den Weg; in allen Häusern wurde nach- gefragt, überall in die Hörner geblasen, gerufen, die Hunde zum Suchen angehetzt — umsonst! — Ein Kind hatte ihn gesehen, wie er am Rande des Brederholzes saß und an einem Löffel schnitzelte; „er schnitt ihn aber ganj entzwei", sagte das kleine Mädchen. Das war vor zwei Tagen gewesen. Nachmittags fand sich wieder eine Spur: abermals ein Kind, das ibn an der anderen Seite des Waldes bemerkt hatte, wo er im Gebüsch gesessen, das Gesicht auf den Knien, als ob er schliefe. Das war noch am vorigen Tage. Es schien, er hatte sich immer um das Brederholz Herumgetrieben. „Wenn nur das verdammte Buschwerk nicht so dicht märe! da kam, keme Seele hindurch", sagte der Gutsherr. Man trieb die Hunde in den jungen Schlag; man blies und hallote und kehrte endlich mißvergnügt heim, als man sich überzeugt, daß die Tiere den ganzen Wald abgesucht hatten. — „Laßt nicht nach! laßt nicht nach!" bat Frau von S.; .besser em paar Schritte umsonst, als daß etwas versäumt wird." Der Baron war fast ebenso beängstigt wie sie. Seine Unruhe trieb ihn sogar noch Johannes' Wohnung, obwohl er sicher war, ihn dort nicht zu finden Er ließ sich die Kammer des Verschollenen aufschließen. Da stand sein Bett noch ungemacht, wie er es verlassen hatte, dort hing sein guter Rock den ihm die gnädige Frau aus dem alten Jagdkleide des Herrn hatte machen lassen; auf dem Tische ein Napf, sechs neue hölzerne Löffel und eine Schachtel. Der Gutsherr öffnete sie; fünf Groschen lagen darin, sauber in Papier gewickelt, und vier silberne Westenknöpfe; der Gutsherr betrachtete sie aufmerksam. „Ein Andenken von Mergel", murmelte er und trat hinaus, denn ihm ward ganz beengt in dem dumpfen, engen Kämmerchen. Die Nachforschungen wurden fortgesetzt, bis man sich überzeugt hatte, Johannes sei nicht mehr in der Gegend, wenigstens nicht lebendig. So war er denn zum zweiten Male verschwunden; ob man ihn wiederfinden würde — vielleicht einmal nach Jahren feine Knochen in einem trockenen Graben? Ihn lebend wiederzusehen, dazu war wenig Hoffnung, und jedenfalls nach achtundzwanzig Jahren gewiß nicht. Vierzehn Tage später kehrte der junge Brandis morgens von einer Besichtigung feines Reviers durch das Brederholz heim. Es war ein für die Jahreszeit ungewöhnlich heißer Tag; die Luft zitterte, kein Vogel fang, nur die Raben krächzten langweilig aus den Aesten und hielten ihre offenen Schnäbel der Luft entgegen. Brandis war sehr ermüdet. Bald nahm er seine von der Sonne durchglühte Kappe ab, bald setzte er sie wieder auf. Es war alles gleich unerträglich, das Arbeiten durch den kniehohen Schlag sehr beschwerlich. Ringsumher kein Baum außer der Judenbuche. Dahin strebte er denn auch aus allen Kräften und ließ sich todmatt auf das beschattete Moos darunter nieder. Die Kühle zog so angenehm durch seine Glieder, daß er die Augen schloß. „Schändliche Pilze!" murmelte er halb im Schlaf. Es gibt nämlich in jener Gegend eine Art sehr saftiger Pilze, die nur ein paar Tage stehen, dann einfallen und einen unerträglichen Geruch verbreiten. Brandts glaubte, solche unangenehmen Nachbarn zu spüren, er wandte sich ein paarmal hin und her, mochte aber doch nicht auf stehen; sein Hund sprang unterdessen umher, kratzte am Stamme der Buche und bellte hinaus. „Was hast du da, Bello? eine Katze?" murmelte Brandis. Er öffnete die Wimper halb und die Judenfchrift fiel ihm ins Auge, sehr ausgewachsen, aber doch noch ganz kenntlich. Er schloß die Augen wieder; der Hund fuhr fort zu bellen und legte endlich feinem Herrn die kalte Schnauze ans Gesicht. „Laß mich in Ruh! was hast du denn?" Hierbei sah Brandis, wie er so auf dem Rücken lag, in die Höhe, sprang dann mit einem Satze auf und wie besessen ins Gestrüpp hinein. Totenbleich kam er auf dem Schlosse an: in der Judenbuche hänge ein Mensch; er habe die Beine gerade über seinem Gesicht hängen sehen. — „Und du hast ihn nicht abgeschnitten, Esel?" rief der Baron. „Herr," keuchte Brandts, wenn Ew. Gnaden dagewesen wären, so wüßten Sie wohl, daß der Mensch nicht mehr lebt. Ich glaubte anfangs, es seien die Pilze!" — Dennoch trieb der Gutsherr zur größten Eile und zog selbst mit hinaus. Sie waren unter der Buche angelangt. „Ich sehe nichts", sagte Herr von S. — „Hierher müssen Sie treten, hier, an diese Stelle!" — Wirklich, dem war so: der Gutsherr erkannte feine eigenen abgetragenen Schuhe. „Gott, es ist Johannes! — Setzt die Letter an! — so — nun herunter! — sacht, sacht! laßt ihn nicht fallen! — Lieber Himmel, die Würmer sind schon daran! Macht dennoch die Schlinge auf und die Halsbinde." Eine breite Narbe ward sichtbar, der Gutsherr fuhr zurück. „Mein Gott!" sagte er; er beugte sich wieder über die Leiche, betrachtete die Narbe mit großer Aufmerksamkeit und schwieg eine Weile in tiefer Erschütterung. Dann wandte er sich zu den Förstern: „Es ist nicht recht, daß der Unschuldige für den Schuldigen leide; sagt es nur allen Leuten: der da' — er deutete auf den Toten — „war Friedrich Mergel." — Die Leiche ward auf dem Schindanger verscharrt. Dies hat sich nach allen Hauptumständen wirklich so begeben im September des Jahres 1788. Die hebräische Schrift an dem Baume heißt: „Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie da mir getan hast." Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Llniverf itäts-Duch- und Steindruckerei, 2L Lange, Gießen.