Geheim Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang <929 ~ Freitag, den 26. April " Nummer 52 Südliche Bucht. Bon Siegfried von Vegesack. Blaue Bucht, von gelbem Sand umrandet und von Pinien-Höhen sanft umzogen, goldne Inseln schließen fern den Bogen, wo das Meer um dunkle Klippen brandet. Weiße Fischerboote sind gelandet, braune Netze werden eingezogen. Meerumspiilt, von Möwen überflogen, sonnen Muscheln sich, im Tang gestrandet. Nur zuweilen furchen das besonnte blaue Meer am hohen Horizonte Schlochtgespenster, grau und ungeheuer. Doch sie tauchen schnell, von Gott gemieden, in die Flut. Die Bucht wird wieder blauer, und die Palmen fächeln Frieden, Frieden ... Flucht nach Afrika. Bon Frank Thieß. Wir sitzen und erzählen uns Abenteuer, sclbsterlebte. Während jemand erzählt, denke ich immer daran, was ich wohl berichten könnte, tvenn ich an dis Reihe komme. Denke ich immer, wie das wobl sei, ob ich denn rein gor nichts Abenteuerliches erlebt habe, nichts, das andere schaudern macht? Ist mein Leben so dürftig gewesen? Da fällt mir eine Geschichte ein. Es ist mein erstes Abenteuer, kein rühmliches Heldenstück, aber aufregend, jedenfalls damals für mich aufregend geivesen. Vielleicht werden sich die Zuhörer langweilen, das ist dann ihre Sache. Ich werde dennoch diese Geschichte zum besten geben. Der Herr, welcher sprach, ist zu Ende. Man wendet sich an mich. Ich ziere mich ein bißchen, denn aufrichtig gesagt, dieses Abenteuer ist wirklich nichts wert. Schließlich fange ich an: „Erinnern Sie sich an den Burcnkrieg? Manche von Ihnen haben ja damals noch nicht gelebt, doch ich lebte schon um jene Zeit. Ich rvar acht, neun Jahre alt. Den Buren ging es schlecht, die Engländer hatten ihre Koirzentrationslager erfunden und erfanden auch sonstig« Scheuß- üchkeilen, um ihr Ziel zu erreichen. Uns Knaben waren ihre Fortschritte eine zunehmende Pein. Wir überlegten, was wir unserseits anrichten könnten, um ihnen zu helfen, berieten gemeinsam und machten Vorschläge. Doch es kam dabei nicht viel Brauchbares zutage. Das beste ivar noch eine Kollekte aus unserem Taschengeld, jeder gab fünf oder zehn Pfennigs es kamen einige Mark zusammen, die man mit den Unterschriften der Spender an Ohm Krüger nach Transvaal schickte. Mir behagte diese finanzielle Unterstützung nicht. Schließlich lunr ich groß genug, um einzusehen, daß man mit ein paar Mark keinen Krieg gegen das englische Weltreich mit Erfolg führen konnte. Wenn Hilfe vonnöten war," so konnte diese nur mit dem Einsetzen der Person, des ganzen Menschen gebracht werden. In der Pause sagte ich: .Wir wollen alle nach Südafrika, und den Buren helfen, ja? Wer macht mit?' . . , Einige taten begeistert, aber mitmachen wollten sie nicht. Sie fanden den Plan zwar vorzüglich, erklärten sich indessen verhindert. Ich selber rvar durch meinen Appell in Feuer geraten. Hatte früher ein Klassenkamerad mich aufgefordert, mit ihm nach Südafrika..auszureisen, würde ein Ja mir nicht ohne weiteres auf die Zunge geschlüpft sein, doch weil ich selber diese Idee gehabt, schien es mir leicht, sie auszuführen. Indessen wurde ich überstimmt, außerdem klingelte es, und die Lateinstunde begann, was meinem Heroismus ohnehin abträglich war. Am Ende der Schulstunden trat ein schmächtiger Bursche, ein Klatzen- genvsse namens Glaeser zu mir, knüpfte bei meinem Ausruf an und sagt«, daß er unter Umständen gesonnen sei, mitzumachen. Ich blickte ihm erstaunt in die schmächtigen Züge. Ausgerechnet dieser kleine, pickelhäutige Glaeser mit seinem scheuen Wesen, seiner großen Nase und seinen einwärts gerichteten Füßen wollte in den Krieg. Ausgerechnet in diesem schwächlichen Körper steckte eine Heldensecle? Wie er sich das dächte? .Ausreißen' antwortete er. ,Uebeigens nxire man dann die dämliche schule für immer los.' ,, .. . Das rvar ein Vorteil, den ich sofort «insah, im stillen mochte dieser umstand, daß ich ein miserabler Schüler >var, überhaupt meiner Phantasie Flügel geliehen haben. Also mit Glaeser nach Afrika. Gut. Aber wie dorthin gelangen? In der Geographiestunde hatten wir gelernt, daß es ungeheure Entfernungen waren. Afrika war ein sehr großer Erdteil. Glaeser wackelte mit dem Kopf altklug hin und her und sagt«: .Wer nichts einsetzt, kann nichts in der Lotterie gewinnen. Man müßte die Geschichte eben wagen.' Ich wollte In Sachen des Muts keinessalls hinter Glaeser zuriick- stehen, war es doch mein Plan, den er vor mir ausbreitete. Also gab ich meiner Entschlossenheit Ausdruck und fragte nach der Reiseroute. Glaeser sagte: .Zuerst von hier bis an die französische Mittelmeerküste und dann immer am Ufer des Meeres entlang, durch Spanien bis nach Gibraltar.' .Gibraltar ist englisch' warf ich ein. .Also dann bis kurz vor Gibraltar. Von Gibraltar aus schwimmen wir nach Afrika hinüber. —' .Ich kann nicht schwimmen' unterbrach ich. .Ich auch nicht' sagte Glaeser. .Ist auch nicht nötig. Jedes Kind kann ein Floß bauen. Wir bauen uns ein Floß und fahren di« klein« Strecke hinüber. Das ist ja nur ein Katzensprung.' .Und dann wieder an der Küste von Afrika entlang, bis nach Transvaal?' ,Itr.' .Gut.' .Was sagst du dazu?' ,Es läßt sich hören. Wie lange dauert die Reise?' Glaeser schloß die Augen und bewegte die Finger, als ob er zähle. ,Na, neun bis zehn Wochen werden wir" wohl dran glauben muffen.' ,Au! Das ist lang.' ,3a, Mensch, was denkst du! Du hast Afrika vergessen. Der Weltteil ist schließlich nicht von Pappe.' Ich sah das ein und versprach, mich über die Reiseroute genauer orientieren zu wollen. Doch Glaeser erhob Einspruch. Gerade dies könnte Verdacht erregen. Wenn wir das große Unternehmen erfolgreich aus- führen wollten, müßten wir es streng geheimhalten. Glaeser hatte recht. Man durfte nicht nähere Erkundigungen einziehen, sonst hätten die Erwachsenen gleich Lunte gerochen. Man mußte sehen, daß man aus eigener Kraft sein Ziel erreichte. Am folgenden Tag« berieten wir in der großen Pause weiter. Wir schlossen Freundschaft und beschwüren unverbrüchliches Stillschweigen. Glaeser wußte, daß deutsche Jungens, die nach Transvaal kämen, gleich hundert bis hundertzwanzig Boers unterstellt erhielten, Gewehre und Patronen umsonst. Man sei Anführer dieser Boers, lebe in Höhlen und in Bergschluchten, von wo man in die Engländer hinein oder auf sie hinunter zu schießen pflege. Das schien mir verwunderlich. .Mensch, ist das wirklich wahr?' ,Ia.' Also wirklich. Herrlich, herrlich! Denn gerade das hatte ich mir ja gewünscht: möglichst bald Anführer sein zu können. Eines Tages nmr man General und kehrte ruhmbedeckt aus dem siegreichen Kriege heim. Soweit war alles in bester Ordnung. Als ich aber Glaeser fragte, an welchem Tage wir ausrücken sollten, pfiff er altklug durch die Zähn« und bemerkte leichthin: .Die Hauptsache fehlt noch.' .Was denn?' Er rieb sich wie ein Börsianer Daumen und Zeigefinger aneinander und sah mich schief von unten her an. ,Ach so ... Geld. Ja. Hm.' .Hast du Geld?' .Nein ... ja ... ein wenig schon.' (Ich hatte sogar ein kleines Sparkassenkonto, doch aus dunklen Gründen unterschlug ich diesen Betrag meinem Freunde.) .Wieviel?' fragte er. .Wieviel hast du?' Ich zog meinen kleinen ledernen Geldbeutel und zählte. ,Zweiundseck>zig Pfennig.'" Glaeser sagte nichts, auch ich schwieg, weil ich mir plötzlich in seinen Augen arm vorkam. .Wieviel hast du denn?' fragte ich nach einer Weile. Glaeser machte eine klein« Pause. .Ein paar Mark' sagte er, vor sich hinblickend. ,Ob das reicht?' .Wir müssen eben gemeinsame Kasse machen. Einer ist Kaffensührer und bezahlt alles.' .Aber bann kommst du doch schlecht weg?', fragte ich mit reichlichem Schuldbewußtsein in der Stimme, denn das Sparkassenkonto drückte mich. ,3n‘ sagte Gläser, .es geht ja um Gut und Blut, da kommt es mir auf die paar Mark nicht an. Ich bin nicht penif in der Beziehung.' haben unb Weg nach alle Tage. war mein schwatzte laut. , , , . _ Zu Mittag brach eine unerwartete Katastrophe über mich herein. Das einäugige Fräulein im Papierladen hatte die Anwesenheit meines kleinen Koffers nicht mehr ertragen, hatte ihn geöffnet und meinem großen Bruder davon Mitteilung gemacht. Der erfaßte sofort die Sachlage. Bei Tisch stand er, zweiter Bruder, Vater, Mutter, Detter, Großvater, was weiß ich, wer noch alles, vor mir und alle redeten durcheinander auf mich ein. ,Du hast ausrücken wollen! Du Lümmel! Ausrücken hat er wollen! Einen Koffer hatte er schon gepackt!' .Nein!' schrie ich. .Ist nicht wahr!' schrie ich. ,Ja!!!° Da hatte ich eine. Die Backe brannte. Nun? .Ich geh' zu den Buren!' heulte ich. ,Da behandelt man mich wenigstens nicht so gemein.' Stubenarrest. Und zur Strafe eine Regeldetriaufgabe. In der großen Pause des solgenden Tages stellte sich Glaeser. ,Wo bist du um Mitternacht gewesen?' Ich bebte, er könnte sagen: im Neubau. Glaeser machte eine imponierende Bewegung, ganz unverlegen, durchaus all right. „Ich hatte eine Abhaltung", erwiderte er freundlich. Ich fühlte Haß, Zorn, Leidenschaft. Jäh schoß es aus mir heraus: „Ich fliehe heute Nacht! Wirst du da fein oder nicht?" Er blickte zur Erde. Plötzlich drehte er sich auf dem Absatz um und lief davon. , r Seitdem habe ich mit Glaeser kein Wort mehr gesprochen. Einmal schickte ich ihm in der Religionsstunde einen Zettel hinüber, auf dem stand: .Ich möchte meine zweiundsechzig Pfennig wiederhaben.' Doch Glaeser rollte den Zettel zu einem Fidibus zusammen und steckte ihn ins Tintenfaß. , Inzwischen ist mein Anspruch verjährt und die Buren haben den Krieg verloren." ohne Gepäck wandern. , r r. . Ich nahm Abschied von meinen Eltern und bemerkte, daß sie sich ein wenig über die Innigkeit meiner Küsse verwunderten, doch dahinter nicht mehr als eine Stimmung vermuteten. . Dann ging ich zu Bett und stellte die Weckeruhr des Dienstmädchens auf halb zwölf Uhr nachts, trug sie in mein Zimmer und schlief ein. Merkwürdig, daß ich wie stets in der Frühe vom Dienstmädchen geweckt wurde. Auch die Uhr befand sich nicht mehr im Zimmer. Man hatte sie wohl geholt, als ich schlief. Nicht ohne Peinlichkeit dachte ich, daß Glaeser um Mitternacht im Neubau auf mich gewartet schließlich mit meinen zwciundsechzig Pfennigen allein den Afrika angetreten haben wird. Doch als ich in die Klasse kam, siehe, da saß Glaeser wie Er sah mich nicht an. Soso. Wir schrieben das Extemporale. In der großen Pause Freund nicht zu erreichen. Stets befand er sich in einer Gruppe und Obwohl ich das Wort „penif" nicht kannte, sah ich doch ein, daß der kleine schwächliche Glaeser so etwas wie einen Heldengeist hatte. .Also, ich führe dann die Kasse', sagte er. ,Ja, willst du das Geld gleich haben?' .Nein, laß es jetzt. Später, wenn wir ausrücken.' Diese Unterredung hatte mich so stark bewegt, daß nichts meinen Entschluß zu fliehen noch behindert hätte. Ich ergriff eine kleine Handtasche, die auf dem Hängeboden stand, packte in sie ein Hemd, ein paar Strümpfe, ein paar Unterhosen, Filzschuhe, Zahnbürste, eine Tafel Schokolade, «inen illustrierten Band Uhlands Gedichte und Balladen und obenauf mein Sparkassenbuch, das ich selbst verwahrte, schnürte die Tasche zu (sie hatte kein Schloß, nur Riemen) und trug sie zu unserem Papier- und Schul- buchhändler Guefsroy, einem vertrauenerweckenden Mann. Nun war zwar Herr Guefsroy nicht im Laden, sondern nur seine Schwägerin, ein freundliches, einäugiges Fräulein, das die Tasche zwar entgegennahm, doch nicht recht wußte, warum sie ausgerechnet diese Handtasche ... .Ich hol' sie morgen oder übermorgen ab, Fräulein Malchow. Bitte, lassen sie die Tasche so lange liegen. Zuhause ist sie mir im Wege, wissen Sie? Bitte.' Das Fräulein hielt die Tasche an das eine kurzsichtige Auge und fragte, was drin wäre. Ich antwortete mit einiger Verlegenheit, daß ich dies nicht genau wisse. ,Na schön,' erwiderte das Fräulein, .also ich stelle sie so lange am folgenden Tage nahm Glaeser meine zweiundsechzig Pfennig und sagte, daß er dafür während der Wanderschaft für die gemeinfamen Ausgaben aufkommen wollte. Er führe fortan die Reisekasse, ich brauchte inich um nichts zu sorgen. , , Wir beschlossen dann in dieser Nacht noch unsere Flucht anzutreten und den Termin nicht mehr zu verschieben, da am folgenden Tag ein lateinisches Extemporale geschrieben werden sollte. Ich berichtete, daß meine Handtasche schon gepackt sei und bei Guefsroy läge. Glaeser billigte es. Alles Notwendige enthielt sie. Nur keine Waffen. .Waffen kriegst du dort!' versicherte Glaeser. Nach der Schule kamen wir an einem Neubau vorüber, der uns als gemeinsamer Treffpunkt sehr geeignet schien. Er war roh, ziegelrot, mit leeren Fenstern und Kalkgruben. Also heute um Mitternacht in diesem Neubau! Abgemacht! Wir schworen es uns zu. Ich weiß nicht, warum ich an diesem Tage wiederholt an meine zwer- undsechzig Pfennig denken mußte. Sie beunruhigten mich fast mehr, als die Tatsache, daß ich entschlossen war, noch heute nach Afrika aufzubrechen. Schließlich erschien mir mein Freund Glaeser doch nicht der rechte Mann für eine solche Expedition zu sein. Ich lief zwischen Wiesen und neuen Häuserblöcken umher, überlegte viel und vergaß darüber meine Handtasche. Als es Abend geworden war und man mich zum Nachtessen rief, fiel mir ein, daß sie immer noch bei Guefsroy läge. Dumm. Ja, sehr dumm, aber nicht mehr zu ändern. So muhte ich eben Triumph der Empfindsamkeit. Von Egon Friedell. Die deutsche „Geniezeit", die etwa mit den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts einsetzt, geht in wesentlichen Zügen auf Rousseau zurück. Es herrschte, wie Goethe sich rückblickend ausdrückt, „eine Gärung aller Begriffe". „Die Epoche, in der wir lebten, kann man die fordernde nennen, denn man machte an sich und andere Forderungen aus das, was noch kein Mensch geleistet hatte. Es war nämlich vorzüglichen, denkenden und fühlenden Geistern ein Licht aufgegangen, daß die unmittelbare originelle Ansicht der Natur und ein daraus begründetes Handeln das Beste sei, was der Mensch sich wünschen könne, und nicht schwer zu eriatigen. Wie man nun auch hier zur Ausübung schritt, so sah man, am kürzesten sei zuletzt aus der Sache zu kommen, wenn man das Genie zu Hilfe riefe, das durch seine magische Gabe den Streit schlichten und die Forderungen leisten würde." Die Parole „Genie" war von Gerte n b e r g ausgegeben worden, von dem auch das erste bedeutende Drama dieser Schule stammte. Was man darunter verstand, hat Lall a t e r in seiner „Physiognomik" am eindringlichsten ausgedrückt: „Der Charakter des Genies und aller Werke des Genies ist Apparition: wie Engelserscheinung nicht kommt, sondern dasteht, nicht weggeht, sondern weg ist, so Werk und Wirkung des Genies. Das Ungelernte, Unentlehnte, Unlernbare, Unentlehnbare, Innig-Eigentümliche, Unnachahmliche, Göttliche ist Genie, das Jnspirationsmäßige ist Genie, heißt bei allen Nationen, zu allen Zeiten Genie und wird es heißen, solange Menschen denken, empfinden und reden. Genie blitzt, Genie schafft, veranstaltet nicht, sowie es selbst nicht veranstaltet werden kann, sondern ist. Unnachahmlich ist der Charakter des Genies, Momentanität, Offenbarung, Er- fcheinung, Begebenheit: was gegeben wird, nicht von Menschen, sondern von Gott oder vom Satan." Der höchste Lobestitel, den man damals verleihen konnte und auch sehr freigebig verlieh, bestand demnach darin, daß man jemanden ein „Originalgenie" oder eine „Natur" nannte. Man verlangte nicht mehr virtuose Handhabung der Regeln, sondern „Fülle des Herzens" und stellte das Gemüt hoch über den Verstand: aber mit dem Verstand; wie denn überhaupt jene stürmende Jugend, die sich das Programm gesetzt hatte, um jeden Preis zu brodeln, eine merkwürdige Mischung aus Naivität und Reflexion darstellte, etwas Kindlich-Altkluges an sich hatte. Das Vorspiel dieser hochinterssanten Bewegung, die in das deutsche Geistesleben einen ganz neuen Ton gebracht hat, bildet die Periode der Empfindsamkeit, deren Anfänge etwa zwei Jahrzehnte älter sind. Schon Gellerts Hauptforderung, die er unzählige Male in Briefen und Schriften wiederholte, war ein „gutes empfindliches Herz". Das modische, weiche und gefühlvolle Wesen nannte man nur um 1750 „zärtlich" oder „empfindlich". Lessing übersetzte den Titel von Sternes „sentimental journey" mit „empfindsame Reise", und dieser Ausdruck bürgerte sich nicht nur allgemein ein, sondern gewann auch sehr bald den Charakter einer Lebensdevise. Daneben trat die Vorstellung der Rousseau- schen „belle Live", der schönen Seele, die allen zarten und zärtlichen Empfindungen geöffnet ist. Und dann kam das Wort „Gefühl" auf und ergriff mit der Macht, die nur die große Mode einer Vokabel verleihen kann, die Herrschaft über alle Lebensgehiete. Man berauschte sich an ihm und rief es sich gegenseitig wie eine nächtliche Parole zu, „Gefühl war die unerläßliche, aber auch völlig ausreichende Legitimation für alles. Worauf beruht Liebe, Freundschaft, Verständnis, aller Zusammenhang unter den Menschen? Einzig auf dem Gefühl. Was ist der Kern der Religion, was ist das Vaterland, das Leben, die Natur? Ein Gefühl. Was macht den Maler, den Denker, den Poeten, was verleiht den Stempel echter Menschlichkeit? Immer das Gefühl. Natürlich ist die Folge, daß diese Fähigkeit, alles aus dem inneren Reichtum des Herzens zu ersühlen, die eine seltene Gabe, ein göttliches Talent ist von all den Vielzuvielen, die die Mode mitmachen wollen, bloß äußerlich gespielt und künstlich forciert wird. Man will stets bewegt, gerührt, ergriffen, hingerissen sein, man zwingt sich in einen permanenten Zustand seelischer Hochspannung. In Frankreich erzeugte-dieses Spielen mit edeln Sentiments die Revolution. In Deutschland hatte es das harmlosere Ergebnis einer weltfremden, einseitigen Kultur. Eine der ersten und wohltätigsten Folgen dieses Gesühlskults bestand darin, daß er die Schranken, die die steife Tradition des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts zwischen den Menschen aufgerichtet hatte, zum Teil durchbrach. Noch Lessing, sonst ein so warmer und siegreicher Verteidiger der Natürlichkeit, hatte seine besten Freunde mit Sie angeredet und in der josephinischen Volksschule, die ebensowenig wie alle anderen Reformwerke Kaiser Josephs II. ein wirklicher Durchbruch zur Freiheit war, war es den Knaben aufs strengste verboten, einander zu duzen. Goethe und Lavater hingegen gebrauchten sogleich bei ihrer ersten Begegnung das Du, das überhaupt unter Menschen, die sich geistig Miteinander verwandt fühlten (und zu dieser Empfindung kam es damals sehr leicht), die übliche Anrede wurde; und ebenso rasch nannte man fia) „Bruder" und „Schwester". Die ganze Zeit ist auf ein schmelzendes Adagio gestimmt; diese Tonart begann auch erst damals in der MusN zu dominieren. Ein unentbehrlicher Bestandteil auch des kleinsten Parts war der „Freundschaftsstempel", in dem man sich ewige Treue schwur. Man schwelgte in der Idee einer rein geistigen Vereinigung zwischen Mann und Frau: die „Seelenliebe", die auf der Gemeinsamkeit aller Regungen beruht, wird zur Modeform des Flirts. Häufig finden sich auch, zumal bei Dichtern, die „Gedankengeliebte", ein erhabenes, innig verehrtes Jdealwesen, das bloß in der Phantasie existiert. Man weint uver jeden Brief, den man erhält, über jedes Buch, das man aufschlagt, uve die Natur, über den Freund, über die Braut, über sich selbst; und man weint Überhaupt. In Millers „Siegwart", dem erfolgreichsten Roman der Zeit, weint sogar der Mond. Die bisherige und wohlartikulierie Schreibweise verändert sich vollkommen: die Sprache wird zum « drucksmittel der Augenblicksstimmungen, bis hart an die Grenze der - dankenflucht, ist überfüllt mit Gedankenstrichen, Rufzeichen, 8ragezeich , erregten Interjektionen, Sätzen, die in der Mitte abbrechen. Wir ya acht- iffeau e Gä- e sor- n auf lichen, e un- Han- jchwer man, s Ge- lichten Ser- utende L a - „Der i: wie mbern lehnte, Gött- n Na- nschen iftaltet nnach- g. Er- Indern latnate darin, . Man „Fülle er mit ch das lürbige tkluges eutsche de der Schon m und odifche, " oder „senti- ürgerte i Cha- ufseau- rtlichen uf und rleihen in ihm l" war ■ alles, enhang rn der Gefühl. Stein- inneren ittliches n, bloß egt, gementen Spielen ; Harmbestand :en und te, zum er 23er« igeredet anderen Freiheit duzen. len Be< ig mitdamals iian sich elzendes - Musil t Parks schwur, zwischen ■it aller den sich 3, innig int über gt, über nd man Roman ikulierte :ti Aus« der Ge- ezeichen, r haben hängte und zugleich Abstrakte, Schematische, Umrißhafte des Zeitalters, die Synthese aus Gefühlsdunkel und Verstandesaufklärung findet in dieser Liebhaberei ihren Ausdruck, auch das Dilettantische, Amateurhafte: Lavater baute seine an und für sich schon problematische Wissenschaft der Physiognomik vorwiegend aus Sammlungen von Schattenrissen auf, die er mit großem Eifer anlegte. Diese ebenso leidenschaftlich getriebene wie angefeindete neue Form der Seelenerkundung entsprach ungefähr unserer heutigen Graphologie: ihr Begründer behauptete, den Charakter jedes Menschen aus dessen Gesicht ablesen zu können, und fand, wie Lichtenberg bemerkte, mehr auf den Nasen der zeitgenössischen Schriftsteller als die vernünftige Welt in ihren Schriften. Zu einer förmlichen Manie wurde auch das Briesschreiben, das einen wesentlich anderen Charakter trug als heutzutage, denn es lsisir durchaus keine intime und private Angelegenheit, vielmehr waren die Mitteilungen und Ergüsse, die man zu Papier brachte, von vornherein für einen größeren Leserkreis bestimmt. Der Mangel an wirklichen Zeitungen, die strenge Zensur, die Freude des Zeitalters an der Zerfaserung des eigenen und fremden Seelenlebens machten den „Zirkelbrief", der oft in Dutzenden von Orten herumging, zu einer dominierenden Verkehrsform. „Denn es war überhaupt eine so allgemeine Offenherzigkeit unter den Menschen," sagt Goethe, „daß man mit keinem einzelnen sprechen oder an ihn schreiben konnte, ohne es zugleich als an mehrere gerichtet zu betrachten ... und so war man, da politische Diskurse wenig Jntereße hatten, mit der Breite der moralischen Welt ziemlich bekannt. ' Der Brief hieß „Seelenbesuch", man verliebte sich brieflich und stand in schwärmerischer Korrespondenz mit Personen, die man niemals persönlich kennen- lernte. , , Es war eben ein durch und durch literarisches Zeitalter; man sprach unb bewegte sich, man haßte unb liebte sich literarisch. Alle wichtigen Lebensäußerungen gingen schriftlich vor sich; alles geschah durch bas Papier, für das Papier. Alles war ein Gegenstand der Literatur geworden: der Staat, die Gesellschaft, die Religion. Eine wahre Lesewut erfaßte alle Stände, Leihbibliotheken tarnen auf, und das Buch m der Tasche wurde zum unentbehrlichen Bestandteil der Toilette. F riedrich d e r G r o ß e äußerte zu d' A l e m b e r t, er wollte lieber die „SlHjalie geschrieben als den Siebenjährigen Krieg gewonnen haben, und dichtete unmittelbar nach der schrecklichen Katastrophe von Kolin zahlreiche Verse und Epigramme. Madame Roland verlangte am Fuße des Schafotts Feder und Papier, um einige merkwürdige Gedanken aufzuzeichnen, die soeben in ihr aufgestiegen seien. Auch im Kostüm der Zeit mischen die Extravaganz und Naturalismus. Die Frisuren waren eine Zeitlang so hoch, daß die Damen die Polster aus den Kutschen entfernen mußten. Am französischen Hof erblickte man eines Tages eine Fregatte mit Segeln als Coifsüre. Die Marquise von ® e 6 q u i erzählt, daß Marie Antoinette im $aqr 1785 „a la jardiniere" frisiert erschien, mit einer Artischoke, einem Kohlkopf, einer hier unzweifelhaft mit einer Art Fruhimpressiomsmus zu tun, dessen Errungenschaften später wieder verloren gingen. Dieser leidenschaftlich hi*»nbe ewig unbefriedigte und gleichwohl vom prometheifchen Bewutzt- ein [einer neuen Funde geschwellte Seelenzustand steht in voller Leid- Lftiafeit und Gegenwart vor uns in einem Briefe des jungen Goethe niis dem Jahre 1775, worin er einer feiner Seelenfreundinnen beschreibt, , mie er den Tag verbracht hat, und mit den Worten schließt: „Mir war s in alledem wie einer Ratte, die Gist gefressen hat; sie läuft in alle Locher, dilürft alle Feuchtigkeit, verschlingt alles Eßbare, das ihr in den Weg ommt- und ihr Inneres glüht von unauslöschlich verderblichem Feuer. Las Zeitalter hatte das Krankhafte aller Epochen, in denen sich Neues bildet, und zugleich das Doppelgesichtige aller .Uebergangsperioben: baher feine starken Widersprüche. So ist zum Beispiel der nach Deutsch- tanb verpflanzte englische Garten, obgleich aus der Begeisterung für die Rückkehr zur Natur geboren, nichts als der gekünstelte Versuch, alles, was man damals unter Natur verstand, auf einen Fleck zufammenzupferchen: | Kiefen Bäche, Grotten, Baumgruppen, fünfte Wegsteigungen, Wäldchen mit obligater Lichtung, und die Staffage bildete ein grotestes Bnc-ä-brac non allen erdenklichen historischen Reminiszenzen und Velleitaten: grie- ckische Säulen, römische Gräber, türkische Moscheen, gotische Ruinen; da- m aab es noch überall, was als besonders geschmacklos unb widernatürlich befrembet, sentimentale Inschriften, bie den Text zu den intenbierten Wirkungen predigten. Ebenso waren Hypersentimentilitat und Roheit leltsam gemischt. Die Inthronisierung des Gefühls muhte sich ganz natur« aemäfi ebensosehr in Zügellosigkeit wie in Verfeinerung ausrotrfen. Aus bcr Ueberlebttjeit und Enge der bisherigen Kunst- unb Staatsgefetze zog man den Schluß, daß überhaupt alle Regeln zu verwerfen feien. Im Werther" heißt es mit deutlicher Ironie: „Man kann zum Vorteile der Regeln viel fügen, ungefähr was man zum Lobe der bürgerlichen Ge- ellschaft sagen kann." Unb in der Tat hatte die damalige Jugend schon neselbe Geringschätzung für die Bourgeoisie, wie sie später die fronzo- üchen Romantiker, die Dichter des jungen Deutschlands, bie Naturalisten, >ie Expressionisten unb überhaupt alle Jugenbbewegungen zur Scyau trugen. Dies führte zu einer prinzipiellen Verachtung aller Berufe; man mailte bloß Mensch sein. „Gelehrtenstanb — Stand? Pfui!", sagt Goethes Schwager Schlosser 1777 im „Deutschen Museum", „Himmel, was für Stänbe! Der Gelehrtenstanb, der Juristenstand, der Predigerstand, der Autorenstand, der Poetenstand — überall Stände und nirgends Menschen! Warum ist Weisheit, Erfahrung, Menschenkenntnis so selten bei eueren Männern von Geschäften? Weil sie einen Stand ausmachen. Was der Generation als Ideal vorschwebte, war ein geniales Amateur- tum das sich für alles interessiert, ohne sich an etwas Bestimmtes zu hängen, und als einziges Spezialfach das Studium des Lebens betreibt. Sehr charakteristisch für die Geniezeit ist ihre Leidenschaft für die Silhouette, die die Porzellanmanie des Rokokos ablöfte: man fand die schwarzen Porträts in Albums, als Wandbilder und Medaillons, auf Gläsern und Tassen, sie erreichten sogar nicht feiten Lebensgroße. Die Kunst des Scherenfchneidens wurde eine gesuchte Fertigkeit, ine auch von namhaften Zeichnern geübt wurde, und die beliebteste Unterhaltung am Familientisch. Das eigentümlich Schattenhafte, Andeutungsmäßige, Ver- .....zugleich Abstrakte, Schematische, Umrißhafte des Zeitalters, : aus Gefühlsdunkel und Verstandesaufklärung findet m Karotte und einem Bund Radieschen auf dem Kopf. Eine Hofdame toat jo begeistert davon, daß sie ausrief: „Ich werde nur noch Gemüse tragen, das sieht so einsach aus und ist so viel natürlicher als Blumen." Dann tarnen wiederum kolossale Hauben in Mode, die sog. Dormeusen und Baigueusen. Gegen den Puder erhob sich im Namen der Philanthropie eine lebhafte Opposition, die darauf hinwies, daß der enorme Verbrauch von Reis- und Weizenmehl dem Volk das Brot verteuere, unb man begann auch in ber Tat das Haar ungepudert zu tragen, doch wurde biefe Sitte nicht allgemein. Auch ben Herren wurde der Zopf von Jahr zu Jahr kürzer unb der Leibrock schon im Rokoko zum leicht kupierten Halbfrack, um sich schließlich in ben echten Frack zu verwandeln, der, dem englischen Steitroct nachgebildet, feit etwa 1770 als „Schwalbenschwanz m Mode kam. Er war jedoch in seiner Jugend keineswegs das ernste, würdige Festgewand, als das er noch heute fortlebt, sondern begann als provokantifches Kleidungsstück, bas zunächst bei der revolutionären Jugend am beliebtesten war, in lebhaften Farben wie Scharlachrot, Himmelblau und Violett getragen wurde unb mit großen golbenen oder kupfernen Knöpfen besetzt war. Aus bem freien Amerika kam Ende des Zeitraumes der Zylinderhut und der große runde Filzhut. Das Wertherkostum bestand aus hohen Stulpenstiefeln mit Kappe, gelben ledernen Beinkleidern, gelber Weste und blauem Frack; dazu trug man das Haar und den Hals frei was bei der älteren Generation besonders Mißfallen erregte. Selbst unter den Damen sah man bie „Emanzipierten" mit Wertherhut, Weste und Frack, dem berüchtigten „Caraco". Die Götter der Zeit waren dieselben, zu denen Werther betete: Homer Os sian und Shakespeare, den man irrtümlicherweise für einen Buchbramatiker hielt. 1760 hatte der schottische Lyriker James Macpherson „Bruchstücke alter Dichtung, gesammelt in den Hochlanden" herausgegeben; es waren Barbenlieder, angeblich übersetzt aus ber Zeit (Earacallas aus dem Gälischen. Im Jahre 1762 lieh er em zweites Werk folgen: „Fingal, eine alte epische Dichtung, versaßt von Ossian, Sohn des Fingal." Schon I o h n ft o n und H u m e äußerten i Zweifel an der Echtheit; aber erst 1807, elf Jahre nach dem Tode I Macphersons, wurde die Fälschung einwandfrei nachgewiesen. Doch dies ! ist ziemlich gleichgültig und war nur für Papierseelen wie Johnston unb enragierte Skeptiker wie Hume ein wichtiges Problem. Das Geniale dieses Schauspielerstücks bestand gerade darin, daß diese Dichtungen keineswegs treue Kopien alter Volkskunst darstellten, sondern nur jo waren, wie die Sehn acht der Zeit Naturpoesie aussaßte und haben wollte; raffiniert primitiv, mit höchster Artistik pittoresk, die Wehmut spater Seelen spiegelnd. Das ungeheuere Aussehen, das fie erregten, wäre durch wirkliche Bardenlieder niemals erreicht worden. Sie wurden ins Französische, Italienische, Spanische, Polnische, Holländische und etwa ein halbes Dutzendmal ins Deutsche übersetzt; Alwina, Selma und Fingal wurden beliebte Taufnamen, unter K1 opstocks Führung entstand eine ganze Barbenschule, unb noch Napoleon stellte Ossian über Homer. Das Fahle unb Melancholische, Wilbgewachsene unb Chaotische erschien der Zeit überhaupt poetischer als Klarheit unb Formstrenge. Man entdeckte ben Reiz unb bie Größe ber bisher verachteten Gotik; Horace Walpole, der Sohn des großen englischen Staatsmannes Robert Walpole, baute sein Schloß Strawberry Hill zur mittelalterlichen Burg um und schrieb den erfolgreichen Schauerroman „The Castle of Otranto , Herder rühmte die einfach schönen Sitten der deutschen Vergangenheit, und Goethe begeisterte sich für das Straßburger Münster. Kinder des Volks. Von Alfred Bock. (Fortsetzung.) I Weitaus das stattlichste Haus in der engen düsteren Kaplansgasse gehörte der Witfrau Stadler. Vor Zeiten Eigentum und JPfarrei der reformierten Gemeinde, hatten es nacheinander em Wemhandler und I ein Musikus erworben. Zuletzt war es in den Besitz des Bierverlegers Stadler gelangt. Dieser begnügte sich mit dem Erdgeschoß ""d vermietete I dje oberen Stockwerke an kleine Leute, so daß alljährlich em erklecklicher Zins in seine Tasche floß. Nach seinem Tod kam die Detonomie tn bcr Verwertung des Hauses der Witwe zu statten, denn bet gänzlichem Verfall des Geschäfts war sie auf bie Mieterträgnisse angewiesen. Uebrigcns ließ nichts in ihrer Lebensweise darauf schließen, daß ihre I Einkünfte geringer geworden. Sie führte nach wie vor einen guten Tisch unb kleidete sich mit Geschmack. Die Tochter eines Schauspielers, der am „Saisontheater" des Städtchens Triumphe gefeiert und (pater eineBier- wirtfchast übernommen hatte, war sie im Dunst der Kneipe groß geworden. Sie hatte eine wahrhaft imposante gigur. JlBenn sie auf der Straße erschien, riefen ihr die Pennäler „Juno nach, und sie ieß sich bie Huldigung lächelnd gefallen. Ein ererbter Hang zur Smnlichkeit, der früh bei ihr zutage trat, wurde von den jungen Taugenichtsen genährt, die in ihres Vaters Kneipe verkehrten. Dabei zeigte fte ferner et Roheit in ihrem Wesen, aus ihren Augen aber sprach ihr heißes Blut. Unter mancherlei Liebeshändeln war die Zeit ihrer Jugendblüte vergangen. D» sie die Zwanzig längst überschritten, hatte sie vor lauter Verehrern noch keinen Begehrer gefunden. Nun geschah es, daß Herr Stadter, der Reisende einer westfälischen Bierbrauerei, den Mimen a. D. unb Kneipier besuchte unb sich in die junonische Tochter verliebte.^Gleich nach bem ersten Liebesgeplänkel erklärte er sich als ernsthafter freier unb würbe mit Freuden willkommen geheißen. Darauf gab er sein.^"berteben I auf gründete einen Bierverlag und führte die Angebetete heim Es schien, als ob alles gut gehen sollte. Die Neuvermählten lebten wie die Turtel- I tauben, ber Schwarm ber „Verehrer" hielt sich fern. Zwei Jahre lang hielt das Eheglück, da brach die männertolle Natur ber ^rau tmeber I durch Der betrogene Gatte versuchte zuerst in Gute, feine Halste von ihrem Laster abzubringen. Ate er damit nicht weiter kam, griff er zu ben brutalsten Mitteln, um schließlich zu erkennen, baß er bem Uebel machtlos gegenüberstand. In seiner Verzweiflung ergab er sich dem I Trunk unb machte, dem Delirium nahe, seinem Jammerleben em Ende. > Die Folge der Katastrophe war, daß die Stadlern, von Grund aus er- schüttert, in Sack und Asche Buße tot. Was jetzt die geschäftig« Fama ihr vorwarf, war in der Tat die purste Verleumdung. Sie fuhrt« ein stilles, verborgenes Leben, und wenn sie je das Haus verließ, so wanderte sie in den Stadtwald hinaus. Dort war's, daß sie an einem heißen Sommersonntag auf dunklem Tannenbühl Kühlung suchte. Von ungefähr nahm ein Herr denselben Weg, fand an dem lauschigen Plätzchen Gefallen und ließ sich nahe bei der Witfrau nieder. Es war der Notorschreiber Schollas. Er grüßte verbindlich und begann ein Gespräch. Sie antwortete zaghaft mit einer traurigen Stimme. Er hatte von ihrem Unglück gehört und erwies sich teilnehmend und diskret. Allmählich kam die Unterhaltung in Fluß. Ohne daß man es eigentlich wollte, schlich sich ein vertraulicher Ton herein, und beiderseits hatte man die Empfindung, daß man sich gut miteinander verstände. Beim Abschied beschloß man sich wiederzuschen. Nach diesem ersten Zusammentreffen lieh Herr Schollas zwei volle Wochen vergehen, ehe er der Stadlern seine Aufwartung machte. Sic bekannte, daß sie ihn früher erwartet, und lud ihn gleich zu einem Imbiß ein. Als Mann von Lebensart zierte er sich ein wenig, gab dann ihren Bitten nach und benahm sich bei Tisch wie ein Gutschmecker, der mit verfeinertem Gelüste aß und die leckeren Gerichte würdigte. Nun entwickelte sich ein reger Verkehr, der sich stets in erlaubten Grenzen hielt. Man wußte, ivas man von einander zu halten hatte, und das Gefühl, daß jedes fein Sündenpäckchen trug, befestigte die neue Freundschaft. Es rvar um die Zeit, da Lene des Bübleins genas und bald darauf ins Krankenhaus kam. Herr Schollas befand sich in trübster Stimmung. Er hätte gern die Launsbach mitsamt dem Kind von sich abgeschüttelt. Noch plagten ihn Gewissensskrupel. Als er sich nicht mehr zu helfen wußte, beichtete er der Stadlern, was ihn drückte. Er habe sich da vergaloppiert. Die Launsbach hoffe auf eine Heirat, er aber könne sich nicht dazu entschließen. Er sei ein juristisch gebildeter Mann. Und nun die Ehe mit dem Mädchen aus niederem Stand: der Gedanke könne ihn wahnsinnig machen. Der Stadlern gutes Herz sprach zu Gunsten der Geschlechtsgenossin. Der Herr Schollas sei der Uebeltäter, nun müsse er die Folgen tragen, er dürfe die Aermste nicht sitzen lassen. Der Schollas sah da wie ein geknicktes Rohr. Die Stadlern fühlte Mitleid mit ihm. Sie gestand, daß sie selbst unter der Unbildung des seligen Stadler gelitten, daß manches anders gekommen wäre, wenn ein feiner Mann sie aus ihren kleinen Schwächen heraus zu sich emporgehoben hätte. Vom Vater lM fei sie an Bildung gewöhnt. Der habe auch hinter dem Schenktstch nie vergessen, was er seinem Künstlernamen schuldig war. Es sei ihre glücklichste Zeit gewesen, wenn sie als Kind ins Theater durfte, den Vater spielen zu sehen. Da hätten die Leute sie angeschaut und einander zugeraunt: „Das ist dem Tessendorf droben sein Kind!" Ihr sei so seltsam zu Mut gewesen, wie nie in ihrem Leben mehr. Die Erinnerung zauberte Rosen auf ihre Wangen, in ihren Augen schimmert« es feucht. Herr Schollas küßte ihr gerührt die Hand. Sie erwachte wie aus einem schönen Traum und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Guter Gott, wo sie mit ihren Gedanken gewesen sei? Wovon man denn gesprochen habe? Ja richtig, von der Lene Launsbach! Je nun, wenn's dem Herrn Schollas so schrecklich sei, mit dem Mädchen aufs Standesamt zu gehen, so müsse er versuchen, sie abzufinden. Der Schollas lächelte sauersüß. Abfinden, ganz gut! Aber woher das Geld denn nehmen bei lumpigen achtzig Mark Monatsgehalt? Die Stadlern meinte, darüber solle er sich den Kopf nicht zerbrechen Wenn das Mädchen wolle — woran nicht zu zweifeln —, das Geld werde sich beschaffen lassen. Dabei glitten ihre Blicke wohlwollend über ihn hin. — Indes die Lene schwer darniederlag, schlang sich das Band zwischen dem Schreiber und der Witfrau fester. Sie gewährte ihm Einblick in ,hre Vermögenslage und holte sich wohl auch Rats bei ihm. Herr Schollas gewahrte, daß das Haus einen hübschen Mietzins brachte, und kalkulierte, wenn er hier unterschlüpfe, habe er lebenslang ausgesorgt. Vielleicht, daß man dann den Notarschreiber ganz an den Nagel hänge, ein paar Versicherungen übernehme und als freier Mann umherstolziere. Manchmal zwar beschlichen ihn bange Gedanken, weil der Leumund der Frau ein sckstechter war, allein — beschwichtigte er sich — das alles lag doch wohl hinter ihr. Und dann, wie großartig stond er vor ihr da, wenn er so hinwerfen konnte: ,Jch verdamme dich nicht, gehe hin und^sündige nicht mehr!' Und seine Freundschaft wandelte sich in Liebe. Die Stadlern aber, fest entschlossen, mit ihrer Vergangenheit zu brechen, öffnete ihm ihre Arme weit.-- Eben hatte es Mittag geläutet, als Lene in die Kaplansgasse einbog. Das Haus der Stadlern war schnell gefuirden. Sie schritt durch den dunklen Flur zu ebener Erde. Rechterseits floß ein Lichtstrahl aus halbgeöffneter Tür. Da klopfte sie auf gut Glück an. Drin rief eine kräftige Stimme: „Herein!" . ,. _ , ,. Die Lene überkam ein Zittern, das Herz schlug ihr bis zum Hals hinauf. Sie trat ein. Die Stadlern war gerade dabei, ihren Tisch zu decken, und sah von dem halb ausgebreiteten weißen Linnentuch auf. „Mit was kann ich dienen?" fragte sie. „Ich wollt' einmal mit Ihnen sprechen", antwortete Lene mit stockender Stimme und wandte sich um, die Tür zu schließen. Die Stadlern richtete sich auf und erwog, was das zu bedeuten habe. Nur stör, das würde sich finden. Höflich bot sie der Fremden einen Stuhl. „Ich danke," lehnte diese ab, „ich kann stehen." Die Stadlern sah sie schärfer an. „Wer sind Sie Sann?" Das Mädchen hielt ihren Blick aus. „Die Lene Launsbach", entgegnete sie und lockerte ein wenig ihr Umschlagtuch. Die Stählern fuhr leicht zusammen, doch ließ sie sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen. „Die Lene Launsbach! Was der Tausend! Setzen Sie sich. Sie waren doch im Krankenhaus?" daß ich tuns tu'. (Fortsetzung folgt.) Die Lene bli«b stehen und sagte betreten: „Woher wissen Sie das?" „Woher ich das weiß? Vom Herr Schollas natürlich." Das Mädchen wechselte die Farbe. „So, vom Herr Schollas? Gerad' wegen dem komm' ich her." „Haben Sie ihn bnnn noch nicht gesprochen?" „Rein." „Hm! No derweil können wir über Ihr« Sach' einmal reden." „lieber was für eine Sach'?" „Tun Sie nicht so." Ein« jähe Röte stieg der Lene ins Gesicht. „So wissen Sie wohl alles?" „Ei, das versteht sich." „Und geben sich mit dem Schlicher ab?" Die Stadlern runzelte die Stirn. „Abgeben? Was soll das heißen?" „Frau Stadler," zwang sich Lene zur Ruhe, „Sie meinen. Sie wüßten alles. Glauben Sie mir. Sie wissen nix. Ich will's Ihnen einmal jagen, wi« der an mir gehandelt bat." Die Stadlern, innerlich froh, daß das Vöglein justement in ihren Käfig geflogen war, sprach mit der Miene einer Richterin: „Wenn Sie Ihrem Herzen Luft machen wollen — immerzu." Bei diesen Worten schob sie das Mädchen auf einen Stuhl und nahm ihr gegenüber Platz. Lene war im Zlveisei, wie sie das Benehmen der Witfrau deuten solle, doch entschlug sie sich aller Nebengedanken und erzählte ihre Leidens- geschichte. Ohne in Geschwätzigkeit oder gar in Schmühsucht zu verfallen, hob sie das Wesentliche hervor, und setzte den Treubruch des Schreiber- ins rechte Licht. „Gest'," kam sie zum Schluß, „haben sie mich gesund geschrieben. Und da bin ich gleich in die Stadt hinunter. Dann ’s hat mich nach meinem Kind verlangt. Wie ich dernach bei dem Karlchen steh' und mich gar nicht satt sehn kann, trägt mir meine Hausfrau, die Belloffen, zu, der Schollas tat' die andere Wach' Hochzeit halten. Ich mein', ich schlag' hin. Allmächtiger Gott, der Schollas? Jawohl, der Schollas. Und ist schon ausgehängt. Mit der Stadlern in der Kaplansgass'. Da war mir's, als tot mir eins Sie Brust aufreißen. Bis dahin hab' ich nicht gewußt, daß ein Mensch so hundsschlecht sein kann. Und hab' n,ich in meiner Not gewunden: ums sollst Su tun? Da fährt mir's wie ein Blitz durch den Kopf: du machst dich auf und gehst zur Frau Stadler. Wer rveiß, ums der Schollas der vorgefaukelt hat? Du mutzt ihr die Augen öffnen. Paff' acht, sie schlägt die Händ' übern, Kopf zusammen und spricht: ,Das will ich nicht aus mein Gewissen nehmen, daß ich das Karlchen um sein' Vater bring'. Goli soll mich vor dem Schollas behüten!' So hab' ich mir gest' das vorgestellt. Und hab's die Nacht beschlafen. Und s hat mir den Morgen kein Ruh' gelassen. Und auf dem Weg her hab' ich's für gewiß gehalten, die Frau Stadler hilft dir zu deinem Recht!" Sie hatte sich überanstrengt, der Atem kam keuchend aus ihrer Brust. Die Stadlern stand auf und brachte ein Schnäpschen herbei. „Trinken Sie mal, Launsbach, das stärkt." Lene trank und schüttelte sich, der Kümmel brannte wie das leibhaftige Feuer. „Gelt, das tut flut!" , , Sie stellte die Flasche an ihren Ort und nahm ihren alten Plug wieder ein. ■ ■ „No wollen wir mal ganz ruhig über Jyre «ach da sprechen. Ctt sind in dem Gedanken Herkommen, die Frau Stadler hilft dir zu deinem Recht. Ich will Ihnen nicht wehtun, Launsbach, aber, wenn man euch zwei hört, hat jedes recht, 's ist ja wahr, Sie haben das Kind. W tagen Sie selbst: Wie das mit dem Herr Schollas angangen ist, rvar doch das Gelbe von Ihrem Schnäbelchen schon fort, da wußten Sie recht gut, daß man auf alles gefaßt sein muß, wenn man sich mit einem Manns- bild so weit einläßt. Ich will Ihnen nicht wehtun, Launsbach. Ich, man nur, 's wird so oft vom Verführen geschwätzt, und ist Blech, inx ms Blech. Ein Mädchen, das nicht will, braucht sich nicht verführen zu lassem No wollen wir die Sach' einmal von einer anderen Seit' betrachten. S>e haben nix, der Herr Schollas hat nix. Zweimal nir gibt wieder nix. 8m setz' den Fall, 's wär' was geworden aus der Geschicht'. Was wär saun da? In ein paar Jahr' ein Haufen Kinder, denen der Hunger aus »en Augen guckt. Als gübs nicht genug Elend in der Welt. Ei, so Heirat müßt' die Polizei verbieten. Und 's kommt noch etwas dazu. Der Heft Schollas hat sich verhvppaßt, das ist nicht zu leugnen. Ja, no, so em Mann hat auch einmal eine schwache Stund — wer hat die nicht? und überlegt nicht, was er tut. Hintennach gehsts ihm an die yltercit, und er sagt sich: Du stellst soviel wie ein Studierter vor; mann dann geheimst werden soll, heicatst du nicht unter deinem Stand. ^Jch w Ihnen nicht wehtun, Launsbach, aber 's ist so, wie 's ist. 2etzt gev ich Ihnen den guten Rai, machen Sie ein’ Strich unter die Geschicht. Wie alt sind Sie? Zwanzig, zweiundzwanzig. Du lieber Gott, so Mg- Da wird das Herzchen noch einmal bobbeln." , , , Lene war aufgesprungen, auf ihren Wangen zirkelten sich zwei rote Flecken ab. . ... „Was denken Sie bann von mir? Glauben Sie vielleicht, daß t«) den Schollas noch was übrig hott'? Da müßt' ich mich vor mir few« schämen. Sie Haden nie ein Kind gehabt, 's ist nur für mein Kmo, daß ich hier steh'!" Die Stadlern bewahrte kaltes Blut. .. .. . h „Da brauchen Sie sich feine Gedanken zu machen. Für das 'tu> wird gesorgt.” „Wie bann, gesorgt?" . ... . „Ja no, der Herr Schollas tonn sich nix abzwacken. Wo nix tst, w v» der Kaiser das Recht verloren. Da haben wir miteinander ausgemacy, Verantwortlich: Dr, Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Vuch- und Steindruckerei, D. Lange, Grehen.