Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang |929 Montag, den 25. November Nummer 92 Abends, siebte Stunde. Don Anton Schnack. D fahler Nachmittag, Novemberherbst! ... Ich schreib«. Bald wird Gefährte mir der Abend sein. Was dann? Denn fetzt ist, was ich treib« Voll Sinn und Zweck, die Dinge sind noch mein. Ich fühle mich noch selbst: Gesicht ist mein Gesicht; Der Stuhl ist Holz; das Fenster, schon entfernt, Ist noch vertraut; am Himmel hängt noch Licht; Und in Gemächern wird noch kinderhafi gelernt. Ich kann noch alle Geräusche begreifen: Ein Wagen knarrt hell; verfroren jammert ein Hund; Die Autos rauschen vorbei mit klingenden Reifen; Worte tönen aus einem nicht zu sehenden Mund... Plötzlich aber hat sich vieles ve räubert: Mein Gesicht, das Glas und die Uhr Sind wie von Schleiern umrändert. Die Rächt glimmt opaken und eiskalt im Flur... Schartig. Von Hans Franck. An einem mürrischen Ianuarmorgen war die Obersekunda des Frie- dericiamlms es müde, ihren Lateinlehrer Professor Peek immerfort auf die althergebrachte Weise zu hänseln. Knallerbsen, Rießpulver, Mundharmonika, Zündplättchen, Kindertrompete, Pultstuhlbeschmieren, Käfersliegenlassen — alle diese überkommenen Schülerscherze, und viele andere noch, waren im Lauf des Jahres bis zur letzten Leerheit ausgedroschen. Keiner lachte mehr, wenn der Zweiundsiebzigsährige seinen müden Greisenkopf, der aus einer grauen Mahne, zwei schlechtgeputzten Brillengläsern und einem in weißen Werg eingepackten zahnlosen Mund bestand, soweit vom Buch aufwärts gewackelt hatte, daß er in die Klasse rufen konnte: „Was war denn nun das schon wieder? Freiwillig melden, wers getan hat! Oder ich erkläre Sie in corpore für Bambusen, die verdienten wie Vorschüler mit dem Stock traktiert zu werden!" Keiner lachte. Aber wenn man in Peeks Stunden nicht mehr auf seine Lachkosten kam, wie sollte man durch die Oede der Schulwoche dringen! Man mußte einen neuen Schülerscherz erfinden. Etwas Außergewöhnliches, etwas Noch-nie-Dagewesenes! Hunderte von Vorschlägen versuchten, die düsteren Wintermorgenpausen zu erhellen. Alle wurden verworfen. Denn es waren Abwandlungen längst bekannter Gymnasialdummheiten. Oder Roheiten, die man dem gutmütigen alten Herrn denn doch nicht antun durfte. Oder Läppischkeiten, die Sextanern zu Gesicht stehen mochten, nicht aber angehenden Primanern. Schließlich rief der windige Dahse händereibend: „Ich hab's!" „Nämlich?" stürzte gleichzeitig ein Dutzend Fragende auf den Triumphierenden ein. Der gab zur Antwort: „Für Busecke, der vorige Woche nach Hannover verzogen ist, Peek einen neuen Schüler unterschieben! Einen, den's gar nicht gibt!! „Den's — überhaupt — nicht? Unsinn! Ausgeschlosstn! Unmöglich! Wenn Peek auch nicht über die erste Bankreihe wegsieht, seit der Influenza im Dezember außerdem schlecht hört, auf dem Pult zuweilen ein Nickerchen macht. Das geht nicht! Geht selbst bei Peek nicht! Aber gerade weil er unsinnig, weil er ausgeschlossen, weil er unmöglich schien, wurde der Vorschlag Dahses angenommen. Ihm selber halste man die kitzlige Aufgabe um, den Neuen, den untergeschobenen Schüler,den Sekundaner, der auf Erden nirgendwo vorhanden war, in Peeks Stunden während der ersten Woche zu markieren. Nicht länger als eine Woche! Denn falls Dahse das Wagnis wider Erwarten glückte, wollte man jeben Montag abwechseln, um einer nach dem andern als der Neue seine schauspielerischen Kräfte, seine Fähigkeiten, den vertrottelten Lateinlehrer zu narren, zum Gaudium der Klasse ausprobieren. Als Profesior Peek beim Beginn der fünften Wintern'.srgenstunde, in der endlich doch das Gasglühlicht ausgedreht werden konnte, sich auf das Katheder geschleppt, keuchenden Atems Platz genommen, seine beschmierten Brillengläser geputzt hat und den Horaz aufschlagen will, ruft die Obersekunda: „Herr Professor, es ist ein Neuer da!" „Immer hübsch nach der Ordnung!" weist der aufgescheuchte bte Rufenden zurecht. „Erst ins Taschenbuch schreiben, wie viele fehlen. Also wer ist heute absent?" „Dahse, Herr Professor. Sonst niemand." „Also Dahse. Warum? Krank? Natürlich! Woran leidet Dahse denn?* „Influenza, Herr Professor!" „Schlimme Krankheit! Lieber eine Lungenentzündung. Oder sonstwas Heftiges. Damit wird man fertig. Oder auch nicht fertig. Aber wen« man damit fertig wird, ifi solche Krankheit eines Tages erledigt. Aus und vorbei, als ob sie nie gewesen wäre! Influenza aber — schlimni, sehr schlimm! Fängt gar nicht richtig wie eine Krankheit an. Hört da», für indessen auch nicht richtig wieder auf. Wie kam ich denn auf Influenza? Richtig: Dahse! Influenza also hat der arme Kerl." Als der Vorsichhinredende die Eintragung in sein Taschenbuch gw macht hat und nun tatsächlich den Horaz aufschlägt, schreit die Klass« „Herr Professor, es ist ein Neuer da!" „Warum brüten Sie denn?" wehrt Peek ab. „Ich höre noch sehr gut. Trotz meiner siebzig Jährchen. Wenn eine Fliege an der Korridor» feite der Tür hochkrabbelt höre ich es hier auf dem Pulk. Natürlich ist ein Neuer da. Ich sehe^es doch. Mit Hilfe meiner Brite ist meine Sehweite nahezu normal! öetbft auf der hintersten Bank entgeht mir nichts. Wenn ich auch meistens Gnade walten lasse und den Missetäter nicht aufrufe und einschreibe. Also es ist ein Neuer da? Wo sitzt er denn? Stehen Sie doch mal auf, junger Herr! Danke. Natürlich, wo sollten Sie wohl anders sitzen als aus dem Platz des verstorbenen Busecke!" Dahse steht hochgereckt in der letzten Bankreihe. Die Klasse biegt sich unter den ersten Stößen des Gelächtersturms. „Wie heißen Sie?" fragt Peek. „Schartig! antwortete der Nene. Die Klasse quietscht. „Bitte buchstabieren!" fommte es vom Katheder her. „Denn Namen werden mei» Üens unrichtig geschrieben." „Mein Name", erklärt der Stehende, „wirst richtig geschrieben. Genau so, wie ich heiße." „Buchstabieren! hab ich gesagt", beharrt Peek. Und Dahse buchstabiert seinen Namen: „SchariiA Es-Zeh-Ha-A-Err-Te-I-Ge." „Und der Vorname?" möchte Peek luiffent Dahse, der im Vorjahre mit seinen Eltern zur Sommerfrische in Obe« bayern war und einen besonders wirksamen Witz machen will, antwortet: „lauer". Die Klasse brüllt. „Worüber lachen Sie denn?" schreit Pro»; sessor Peek. „Als ob Sie noch Sextaner, noch dumme Jungs wären« l'auer ist ein sehr ordentlicher, ist ein hübscher Name. Als ich vor drei»; undzwanzig Jahren aus Gesundheitsrücksichten im Allgäu weilte, hab« ich festgestellt, daß der Name in unserem Dorf elfmal vorkam. Sie be» weisen nur Ihre Grünheit, wenn Sie über einen anderwärts häufige» Vornamen lachen, als ob das Mondkalb leibhaftig vor Ihnen stände, das noch keiner gesehen hat. .Tauer heißen Sie? Tauer Schartig!" „Jawohl, Herr Professor" erklärt Dahse. „Tauer. Jcks-A—" „Was fällt Ihnen ein", reckt Peek sich auf. „Ich werde doch wohl Taner ohne Buchstabieren schreiben können! Ich bin weit in der Welt herumgekommemi Achtmal war ich in Italien. Und zweimal sogar in Griechenland... Sv« Da steht es: Tauer Schartig. Sicher in Bayern geboren?" „Jawohl» Herr Professor", lügt Dahse, „zu Riederau am Ammersee". „Und wo, erkundigt Peek sich weiter, „haben Sie das Gymnasium bis zur Sekunda absolviert?" Einige Augenblicke schwebt Dahse, zur Schadenfreude seiner Kameraden, zwischen Ertappt! und Nicht-ertappt! Dann wühlt er alle seine Sommerfrischenerinnerungen durch und behauptet aufs Geratewohl: „Zu Liessen, Herr Professor". „Offenbar kleines Nest", stellr der Kathedermann fest. „Wenn Sie dann bei uns nur mitkommen, Nun, wir werden ja sehen, wieweit Sie zu Diessen in den Geist der Antike eingedrungen sind. Sie können sich wieder setzen, Tauer Schartig." Dahse atmet auf. Wischt sich Schweißperlen von der Stirn. Setzt sich. Seit diesem Januarmorgen war in den Lateinstunden, die Professor Theobald Peek der Obersekunda des Friderieianums noch als Zweiund- siebzigjähriger gab, zur Belustigung der Klosse einer da, der nicht da war. Er erwies sich als ein guter Schuler, der nichtvorhandene Tauet Schartig aus Riederau am Ämmerfee. Denn man wählte des Sonnabends nur einen befähigten Schüler, der während der kommenden Woche bei Peek absent gemeldet wurde, zu seinem Pertreter. Die Aussätze mutzten, damit man die gleichmäßige Verstelltheit der Handschrift heraus»; bekam, allesamt Dahse, der Zweite der Klasse, für Schartig schreibe» Als der Scherz sich zu erschöpfen drohte, bestimmte man eine Woche lang den Ultimus dazu, den leeren Platz auf der hinteren Bank ein», zunehmen. Und Peek fiel von einem Staunen ins andere: „Aber Schar» tig, was machen Sie? — Aber Schartig, 'Sie waren doch sonst immer güt präpariert! — Aber Schartig, solche Fehler bin ich bei Ihnen nicht gewöhnt! — Aber Schartig! — Befinden Sie sich schlecht? War Ihne« nicht wohl gestern Abend?" „Ja, Herr Professor", stammelte der Ultt- mus. „Mir ist, mir war nicht wohl, entschuldigen Sie bitte, daß ich nickst präpariert bin." „Nun also, Schartig!" atmete Peek auf. „Warum haben Sie mir das nicht vorher gesagt? Bei Ihnen weiß ich doch, daß da« Unwohlsein nicht erlogen It. Ich wollte wohl, daß ich lauter so tüchtige und fleißige und brave Schüler hätte wie Tauer Schartig." An diesem Sonnabend wurde bei der Ersatzwahl sorgsam darauf achtgegeben, daß Tauer Schartig ip der nächsten Woche seinen guten Schiilerrus nicht gefährdete. Als Mitte März in der Konferenz die allgemeinen Zeugnisse - verlesen wurden und der Klassenlehrer der Oster-Obersekundä B, weil er am Ende war, seine Zeugniskladde^ zuklappte, schüttelte Professor Peek den ^Kopf: „Aber Herr Ordinarius, Sie haben ja Schartig vergessen!'" schartig? Niemand am gelben Konferenztisch begreift. „Xaver Schartig!" Xaver —? „Jawol, Lauer Schartig. Aus Niederau am Ammersee. Schüler der OSOb. Bald nach Buseckes Abgang eingetreten. Platz letzte Bank an der Wand. Da, wo Busecke vorher gesessen hat. Guter Schüler. Keine Beanstandungen irgendwelcher Art. Zeugnisvorschlag meinerseits: Betragen 1, Aufmerksamkeit 1, Fleiß 1, Leistungen in Latein — Aber das steht ja nicht zur Beratung durch die Konferenz." Leistungen? will man doch wissen. „Zwei!" antwortet Professor Peek. „Glatte Zwei. Nach der Eins des Primus außerdem nur noch einmal vorhanden." Die Lehrer sehen sich verwundert an. Schütteln die Köpfe. Fragen mit hochgezogenen Achseln: Wie kommt Xaver Schartig, der sonst nirgendwo Vorhandene, in das Taschenbuch des alten Herrn? Der Direktor faßt sich ein Herz und erklärt Professor Peek: Es müsse ein Jrrtunz, vorliegen, ein höchst sonderbarer Irrtum, dessen Erklärung sicher gelingen werde, aber im Augenblick bedauerlicherweise nicht möglich sei. Tatsache wäre nun einmal, daß es einen Schüler Xaver Schartig auf dem Fridericianum nicht gäbe. Daß er, der Direktor, sowohl wie sämtliche Kollegen den merkwürdigen Namen aus seinem Munde zum allerersten Male gehört hätten. Da erhebt Professor Peek sich, schüttelt seine graue Mähne, zupft den weißen Werg um seinen Mund zurecht und sagt: „Pfui, meine Herren! Wenn die Schüler sich einen Scherz mit ihrem alten Lehrer erlauben, so ist es eine schlechte Sache. Doch immerhin eine verzeihliche Sache. Aber wenn ein Kollegium wider sein ältestes Mitglied «in Ulk- komplott schmiedet, so habe ich dafür nur jenes Wort, dessen Wiederholung man mir hoffentlich erspart! Schartig hat Stunde für Stunde Antworten gegeben, gute Antworten. Schartig hat Woche um Woche Hausarbeiten abgeliefert, gute Hausarbeiten. Soll ich Schartigs Hefte vom Schuldiener aus meiner Wohnung holen laßen? Nur einmal während des Vierteljahres, da er sich in der OSOb befindet, hat Schartig gefehlt. Bei der Klassenarbeit. Aber ein Schüler wie Schartig ist über den naheliegenden Verdacht erhaben. Und da, meine Herren, haben Sie den Mut, mir ins Gesicht zu behaupten. Schartig, Xaver Schartig aus Niederau am Ammersee, früher Schüler des Gymnasiums zu Diessen, wäre nicht auf der Schule! Wenn Sie sich einen Scherz mit Ihrem ältesten Kollegen erlauben wollen, dann müssen Sie sich einen gescheiteren ausdenken. Kindisch, so kindisch, daß er diesen von der Weg- leugnung Schartigs nicht mit einem Blick durchschaut, ist Professor Peek denn doch noch nicht. Falls Sie also mein Alter auf eine Zuverlässigkeitsprobe stellen wollten, dann sind Sie durchgefallen, meine Herren, nicht ich. Entweder Sie geben das auf der Stelle zu, oder ich verlasse das Konferenzzimmer!" Der Ordinarius, der zu ahnen beginnt, was in seiner Klasse geschah, sagt augenzwinkernd: „Also zum Abschluß meiner Liste Schartig, Taver Schartig. Meine stimmt mit den Noten Professor Peeks überein. Betragen 1, Aufmerksamkeit 1, Fleiß 1." „Wenn niemand der in OSOb Unterridjienben Widerspruch erhebt, haben die vorgeschlagenen Nummern Gültigkeit!" erklärt der Direktor. Alle sind mit dem Allgemeinzeugnis Schartigs einverstanden. Am andern Morgen mußte die Obersekunda des Fridericianums — schnell in die Enge getrieben — ihrem Klassenlehrer gestehen, welches Menschenspiel sie zu ihrer Belustigung fast ein Vierteljahr lang mit Professor Peek getrieben hatten. Sie bekam als schwerste Strafe von ihrem Ordinarius die Pflicht auferlegt, ihr Unrecht so wieder gutzumachen, daß der schon ein wenig wunderliche Lateinlehrer keinen Schaden der Seele oder des Leibes dadurch nähme. Während aller Pausen dieses Märzmorgens steckten die Sekundaner ihre Köpfe zusammen wie ein Rudel aufgescheuchter Schafe. Als man sich nach vielem Hin und Her auf den Vorschlag geeinigt hatte, Xaver Schartig aus Niederau bis zur fünften Stunde sterben zu lassen, rief Dahse heftig: „Nee!" Man schrie ihn an: „Du hast uns die Suppe ein« gebrockt! Du mußt sie auch für uns auslöffeln!" Dahse warf verächtlich die Lippen auf: „Werd ich!" Totenstille, als Professor Peek zur Lateinstunde die OSOb betritt. Der Greis schleicht noch langsamer als gemeinhin zum Pult. Putzt die Brille. Gründlicher als gewöhnlich. Kippt sie mit der Linken, um schärfer zu sehen, vornüber schüttelt den Kopf. Klappt den Horaz auf. Sagt mit verschleierter Stimme: „Wollen Sie mal fortsahren, wo wir vorige Stunde stehenblieben — Xaver — Schartig —? Dahse erhebt sich auf seinem Platz: „Herr Professor, Schartig ist verzogen!" „Wer—ver—zogen? " „Jawohl, Herr Professor. Wieder nach Bayern zurück. Seinen Eltern gefiel es hier im Norden nicht. Das ist bei Oberbayern ja ganz begreiflich!" „Freilich", stimmt Peek zu. „Nicht wahr, Herr Professor? Es kann durchaus vorkommen, daß einer zuzieht und wieder wegzieht! Das gibts alle Tage!" „Allerdings. Aber sagen Sie mal, Dahse, sagen Sie mir alle miteinander: Schartig ist doch hier gewesen? Er hat doch da hinten gesessen? Er hat mir doch geantwortet? Er hat doch regelmäßig seine Hefte abgegeben?" „Jawohl, Herr Professor." — „Gewiß, Herr Professor!" — „Aber natürlich, Herr Professor!" — „Hier auf der hintersten Bank, Herr Professor!" — „Auf Buseckes Platz." „Denken Sie nur: In der Konferenz behauptete man — Ms ob ich schon — Denken Sie nur — Aber das geht sie nichts an! — Verzogen? — Schade! War ein guter Schüler, der Schartig; der Xaver Schartig aus Niederau am Ammersee —" In der Obersekunda des Fridericiaimms war es in den nächsten Wochen während der Lateinstunden Professor Peeks stiller als bei dem jüngsten Lehrer. Aber diese Stille war für den Sitten Herrn noch unerträglicher als der wüsteste Lärm. Entgegen seiner Absicht, noch die zwei Jahre bis zum fünfzigjährigen Dienstjubiläum im Amt zu bleiben, reichte Profesfor Peek eine Woche hernach sein Gesuch um Pensionierung ein. Diesem Gesuch wurde binnen drei Tagen stattgegeben. Noch zu Ostern des Jahres, in dem Xaver Schartig zugezogen und weggezogen war. Liebesbriefe. Von Rudolf Lothar. Der Liebesbrief ist gewiß die schönste und wirkungsvollste Form der epistolarischen Kunst. Aber man sollte keine fremde Liebesbriefe sammeln, um sie in Buchform herauszugeben, und wenn sie von noch so berühmten Leuten stammen. Denn die Schönheit eines Liebesbriefes liegt fast immer zwischen den Zeilen. Die Worte sind nur Brücken. Was über Brücken geht, an Hoffnungen und Wünschen, an Erinnerungen und Ahnungen, das errät der (Empfänger oder die Empfängerin. Denn jeder Liebesbrief ist ein Geheimdokument, nur dem Wesen völlig verständlich, an das er gerichtet ist. Einem Liebesbrief fein Geheimnis nehmen, heißt den Staub von Schmetterlingsflügeln wischen. Uebrig bleibt ein Skelett von Worten, und mögen die Worte noch so schön fein, dichterisch empfunden, rhapsodisch vorgetragen, sie geben nur ein schwaches Bild von dem Leben, das in dem Briefe steckte, als er an feinem Bestimmungsort ankam. Zur Liebe gehört der Brief. Es gibt keine rechte Liebe ohne briefliche Auswirkung. Auch wenn die Liebenden in derselben Stadt wohnen und sich täglich sehen, fühlen sie doch beide, oder mindestens der expansivere Teil, das Bedürfnis zu schreiben. Das Telephon ist nur ein Surrogat, aber kein Ersatz für den rechten Liebesbrief. Das Telephon dient der Mitteilung. Es ist episch. Die Aussprache mit Hin- und Widerrede ist dramatisch. Der Brief ist lyrisch. Die Liebe macht alle Menschen zu Dichtern, denn sie selbst ist ja die Dichtung im Leben. Unwirklich wie die Dichtung, ein Spiel des Scheins wie die Dichtung, ein wundervolles „als ob" wie jede Dichtung. Liebe, die keine Dichtung ist, mag Trieb, Begierde, Rausch sein, aber es ist keine Liebe. Erft in dem Augenblick, wo die Liebenden die Erde verlassen, und schwebend in der Unendlichkeit ins Unirdische gleiten, erst wenn sie sich eine neue Welt zusammendichten, in der sie das Märchen vom Glück aufführen, eine Welt, wo die Kulissen Träume, und die Soffitten Seligkeiten sind, werden die irdischen Triebe heilig gesprochen, und das Reich der Göttlichkeit tut sich auf. Siebe ist erlebte Dichtung. Man könnte ebensogut sagen: erträumte Dichtung. Denn in der Liebe deckt sich Traum mit Leben. Man weiß nie, wo Wirklichkeit und Traum ineinander übergehen. In dem Augenblick, wo der Traum sich von der Wirklichkeit zurückzieht, wo wir nicht mehr auf der Bühne des Gefühls stehen, wo wir wieder scharf unterscheiden können zwischen Sinn und Unsinn, wo wir das geliebte Wesen sehen, wie es wirklich ist, nicht so, wie wir es erträumten, ist auch die Liebe vorbei. Wenn man in der Liebe erwacht, ist die Liebe aus. Wahrheit und Dichtung ist jede Liebe. Aber immer mehr Dichtung als Wahrheit. Das Dichterische in der Liebe ist das Schöpferische. Und das Schöpferische macht uns stolz. Der Stolz des Schaffenden, das Machtgefühl des Schaffenden, sind die stärksten Gefühlskompotenten der Liebe. Der Liebende hat Macht über die (Beliebte, die (Beliebte hat Macht über den Mann. — Dieses Triumphgefühl der Macht führt zur höchsten Ekstase. Diese Liebesekstase aber ringt nach Worten. Darum muß der Liebende schreiben, ob er will oder nicht. Alle Liebesbriefe sind über die Maßen schön, wenn der Empfangende in der richtigen Stimmung ist. Darum sollte man einen Liebesbrief nie einem Dritten zeigen, denn er versteht ihn ja doch nicht. Und darum sollte man echte Liebesbriefe nie veröffentlichen, denn eine Veröffentlichung ist immer Prosanation. Allerdings gibt es auch — uneigentliche Liebesbriefe. Episteln, die für die Unbeteiligten geschrieben sind, also sozusagen Küsse für die Galerie. Es gibt Liebesbriefe, die mit Absicht gedichtet sind, die mit vollem Bewußtsein geschrieben wurden. Das Bewußtsein hat aber in der Siebe nichts zu suchen. Es gibt Siebesbriefe, die der Erinnerung und Siebesbrief«, die der Vorausahnung gewidmet sind. Man schreibt am schönsten nachher oder vorher. Aber alles Glück auf Erden besteht ja aus Erinnerung und Ahnung. Keine Gegenwart ist so schön, wie der Gedanke an das, was war, und an das, was kommen wird. Das höchste Glücksgefühl besteht darin, zum Augenblicke sagen zu dürfen: Verweile doch, du bist so schön; sondern in der Erinnerung an den Augenblick, der vorüberging, in der Vorausahnung des Augenblicks, der kommen wird. Und in der Mitte zwischen diesen beiden Höhepunkten in der Seligkeit steht der Siebesbrief. Es gibt so viele Formen des Siebcsbriefes, wie es Menschen und Charaktere gibt. Wer aber ein Künstler des Siebesbriefes ist, der weiß, daß ein rechter Siebesbrief eine suggestive Kraft ausstrahlen muh, wie ein Auge, aus dem der Wille zur Macht-spricht. Die Siebe ist nun einmal die wundervollste Einbildung auf Erden. Wir bilden uns ein, daß die Frau, die wir lieben, die schönste Frau der Welt ist, daß wir ohne sie nicht leben könnten, daß wir sterben mühten, wenn sie uns ihre Gnade entzöge. Wir müssen die Kraft haben, die Frau glauben zu machen, daß wir tatsächlich glauben, alle diese Einbildungen wären Wirklichkeiten. Darin besteht die vielgerühmte Ueberredungskunst des Verführers. Dazu dienen ihm die Briefe. Don Juan wußte nichts von Telepathie, nichts von Suggestion. Diese Worte waren zu seiner Zeit noch nicht ersunden. Aber die Begriffe sind so alt wie die Welt. In der Telepathie liegt der ganze Zauber des Siebesbriefes. In der Suggestion, die jedes Wort ausstrahlt,, liegt eine Macht. Je näher die Siebenden zueinander stehen, je besser sie sich kennen zu glauben (denn wirklich Liebende kennen sich ja nie und setzen stets Glauben an die Stelle von Wissen), desto stärker wirkt der Brief. Er ist stets weniger ein Werbemittel, als ein Mittel der Befestigung. Und darum kann der Werdende in feinen Briefen nie vorsichtig, nie klug, nie zartfühlend genug fein. Denn im ersten Stadium der Siebe ist der andere Test jtcpHfcf), ängstlich, immer auf der Hut. Ist aber einmal die Skepsis von der großen Welle der Leidenschaft hinweg- geschwemmt, dann kann im Briefe stehen was immer. Dann ist jeder Liebesbrief schön, immer bis zum Rande voll mit den Herrlichkeiten der Erinnerung und der Ahnung. Aber es kommt ein Tag, wo die Skepsis wieder erwacht. Wo man die Briefe nicht nur lieft, sondern auch prüft. Wo das Zwischen-den- Zeilen-lesen schmerzlich und enttäuschend mirtr Es gibt viele Menschen, die dann die Briefe verbrennen. Das soll man nicht tun. Es gibt eine weise Lebensregel: man soll keine Briese schreiben. Das gilt aber nicht für Liebende. Ich stelle der Regel noch eine viel weisere entgegen: man soll keine Liebesbriefe verbrennen. Auch dann nicht, wenn man sie am liebsten verbrennen möchte. Es kommt ein Tag, da find unsere Liebesbriefe alles, was wir von der Jugend besitzen, der Hort unserer Erinnerungen. Und wieder verlassen wir, wenn auch nicht mehr zu zweit, den Boden des Irdischen, und schweben in dem Traum, in der Dichtung — in der Vergangenheit. Und dann spielen die alten Liebesbriefe mit verblichener Tinte auf vergilbtem Papier, ihre schönste Rolle. Wenn wir uns in sie vertiefen und alles um uns her vergessen — dann sind wir wieder jung ... Abenteuer um Gluck und Mozart. Zwei Librettisten-Schicksale. Von Dr. Anton Mayer. Das 18. Jahrhundert ist reich an abenteuerlichen Gestalten, die mit Grazie und Geist, den Frauen gefährlich, von Männern mit Argwohn betrachtet, von den Behörden oft genug gesucht, ein aufregendes Leben führten; ihre Begabungen waren glänzend und mannigfach, obwohl der Hochstapelei nicht immer ganz fernliegend. Sie betätigten sich in den mannigfachsten Berufen, mären Alchimisten und Schwarzkünstler, elegante Weltmänner und Spieler, zeigten aber auch Werte, die weit über das gewöhnliche Talent hinausgehen und literarische Qualitäten von hohem Rang schufen. Eine der glänzendsten Verkörperungen des Typus, Casanova, weltberühmt durch seine galanten Memoiren, und oft als Modell für Romane und Dramen benutzt, hat zwei Pendants aufzuweisen, die selber eine Anzahl höchst charakteristischer Personen auf die Bühne gestellt haben, und zwar als die Librettisten der beiden größten Opernkomponisten des 18. Jahrhunderts, Glucks und Mozarts: R a - niero de Calzabigi und Lorenzo da Ponte. Calzabigi stammte aus Livorno, wo er um 1714 geboren wurde; er schlug, aus guter Familie stammend, und zunächst in ganz geordneten Gleisen bleibend, die Beamtenlaufbahn ein, und wurde einem Ministerium in Neapel zugeteilt. Hier aber begann fein Leben aus der Bahn zu gleiten; er kam in den Verdacht, seinen Bruder mit Gift beiseite gebracht zu haben, und muhte fliehen — ob er wirklich schuldig war oder nicht, ist nicht mit Sicherheit zu sagen, ausgeschlossen scheint es wohl keineswegs, vor allem, da Giftmorde damals sehr beliebt waren und gerade unter Verwandten durchaus keine Seltenheit bedeuteten. Jedenfalls wurde ihm der Boden Süditaliens zu heiß, und er begab sich nach Paris, den Zentralort für alle Glücksritter und Abenteurer der Welt. Hier begann sich fein literarisches Talent zu regen, und zwar gleich ganz bewußt mit Hinsicht auf feine spätere Bedeutung: er setzte sich mit dem berühmtesten Operntextdichter der Zeit, mit Metastasio, ber _in Neapel lebte, in Verbindung, und gab dessen Werke in. französischer Sprache heraus, eine Leistung, die ihn nicht nur als dichterisch, sondern auch als linguistisch ungewöhnlich begabten Menschen zeigt: Meastasio schrieb ein sehr schönes, aber keineswegs leichtes Italienisch, das nicht ohne weiteres in andere Formen umzufetzen ist. Die Handlungsweise Calzabigis ist übrigens ein Beweis für die vollkommene Jnternationalität, welche im Zeitalrer der Aufklärung die bedeutenden Geister ergriffen hatte. Die französische Ausgabe Metaftasios widmete er der Pompadour, die am Hose Frankreichs allmächtig war und die galante Atmosphäre verkörperte, welche nun für Calzabigi in der Person Casanovas sehr lebendig wurde: er schloß sich dem großen Frauenkenner und Don Juan zu weiteren Taten an, und abenteuerte nun zunächst einmal mit diesem in der einträglichen Stellung als Staats» lotterteeinnehmer los — in der Tat schien der Posten für die Finanzlage der beiden von größter Wichtigkeit. Die geroinnbringenbe Tätigkeit führte ihn durch Frankreich nach den habsburgischen Niederlanden und von dort durch die Protektion des Grasen K a n i tz, dessen Günstling er wurde, an die niederländische Finanzkammer nach Wien. Nun fing feine Glanzzeit an; der materiellen Sorgen war er, wohl nicht zuletzt durch seine Stellung an der Quelle, enthoben; er lernte Gluck kennen und verband sich mit ihm zum großen Werk der Reform des Musikdramas, der er sofort durch die Dichtung des „Orpheus" feste Gestalt gab, die in Glucks Komposition musikalische Form annahm; der Schritt, den beide taten, gehört zu den wichtigsten der ganzen Musikgeschichte, da er die Tradition der Barockoper für immer vernichtete, und die beiden so den Grundstein zum modernen Musikdrama legten. Es folgten in der Zusammenarbeit Calzabigis und Glucks die durch edelste Einfachheit ausgezeichnete „Aleefte" und die später von Gluck selber in seine nächsten Werke aufgeteilte merkwürdige Oper „Paris und Helena"; die Schöpfer der neuen Bühnenkultur standen hoch im Ruhm und Ansehen, Calzabigi hatte sich seinem Mitarbeiter kongenial gezeigt —- da brach im Jahre 1770 wegen dunkler Affären des Dichters ein neuer fürchterlicher Skandal aus, der dem Leichtsinnigen nun doch den Hals brechen sollte: er muhte Wien fluchtartig verlassen und von der Opernbühne, für bie er von so großer Wichtigkeit geworben war, ein für alle Male abtreten. Er ging an die Stätte feines ersten, längst vergessenen Skandals, nach Neapel, zurück, und führte hier als Rechtskonsulent, der sich mit bedenklichen Prozessen befaßte, ein zweifelhaftes und kümmerliches Leden im Andenken an glücklichere Tage, bis er 1795 starb. Er war ein glänzender Vertreter des italienischen Rokoko, genial begabt, kühner Neuerer, Atheist, Zyniker, an schlimmer Krankheit leidend, von glühendem Idealismus für freiheitliche Ideen beseelt, — anziehend und doch problematisch. Bon anderer, aber nicht weniger interessanter Art war Lorenzo da Ponte, der Dichter „Don Giovannis", „Figaros", und Cosi fan tutte". Sein Vater war ein jüdischer Schuster in (Seneba, einem Städtchen des venezianischen Gebiets; als dieser in zweiter Ehe eine Christin heiratete, lieh er sich und seine Söhne erster Ehe vom Bischof von Ceneda, dem Monsignor da Ponte, taufen und nahm, wie damals üblich, den Namen des die Zeremonie Zelebrierenden an. Der Bischof intereffiert# sich sehr für den begabten Knaben und lieh ihn die Lateinschule besuchen; der junge Lorenzo — wie er seit der Taufe hieß — zeichnete sich bald durch großen Fleiß und große Gelehrsamkeit aus, so daß er die Schule mit Glanz absolvieren und zur weiteren Ausbildung in ein geistliches Seminar eintreten konnte. Von dieser Lehranstalt ging er nach Venedig, der Vergnügungsstadr ganz Europas, bie im 18. Jahrhundert etwa die Stellung einnahm, welche vor dem Kriege Monte Carlo innehatte: sie war berühmt und berüchtigt, ersehnt und gefürchtet wegen ihrer Spielklubs und ihrer Leberoelt. Da Ponte, jung und hübsch, stürzte sich mit ausgebreiteten Armen in das brausende Leben der bunten und infolge des starken Verkehrs mit dem Orient doppelt anziehenden Stadt und hatte die gewagtesten Abenteuer auf den Gebieten des Hasards und der Liebe zu bestehen; in seinen viel später (1823) erschienen Memoiren erzählt er von den Spielaffären, bei denen es nicht immer ganz ehrlich zuging, mit großem Freimut, während er den Frauenabenteuern mit vieler Mühe ein bie letzten Konsequenzen vermeidendes Ansehen gibt — es ist indessen für ’ben Kenner der Zeit, der Sprache und des Verfassers nicht allzu schwer, die Wahrheit zwischen den Zeilen zu finden. Neben allem wildem Treiben vernachlässigte er indessen seine geistigen und vor allem seine dichterischen Qualitäten keineswegs; es zog ihn nach Wien, zur glänzenden italienischen Oper der Musikstadt an ber Donau, welche seines Landsmannes Calzabigi dichterische Reformen bewundert hatte. Er wollte so etwas wie ein zweiter Metastasio werden; in der Tat gelang es ihm schon nach kurzer Zeit seines Aufenthaltes, in Wien eine dominierende Stellung als Librettist im literarisch-musikalischen Getriebe und im wirren Netz der von italienischer und deutscher, adliger und bürgerlicher, künstlerischer und schauspielerisck)er Seite gesponnenen Intrigen zu erringen. Wie für Calzabigi das bestimmende Erlebnis die Zusammenkunft mit Gluck bedeutete, so war für da Ponte Mozart der Schicksalsfaktor. Er verstand als einer der wenigen Mozarts dämonische Größe und wußte ihm in „Figaro", „Don Giovanni" und „Cosi fan tutte" drei Werke zu schreiben, die dem größten Musikdramatiker alle gewünschten Möglichkeiten gaben und durch Eleganz ber Sprache, guten Aufbau der Handlung und klare DarfteUung der Charaktere ausgezeichnet sind. Sein Glück sollte indessen nicht allzu langen Bestand haben ■ der neue Kaiser, Leopold, entließ ihn in Ungnade, vielleicht nicht einmal so sehr wegen seiner Liaisons und sonstigen Intrigen (er war liiert mit der ausgezeichneten ersten Fiordiligi aus „Cosi fan tutte", Madame Ferraresi bet Bene) als wegen des ganzen Regimewechsels. Da Ponte mußte wieder ins Ungewisse: in Triest traf er einen englischen Kaufmann, mit dessen Tochter Nancy er sich ohne Heirat zusammenfand; bie freie Ehe gestaltete sich zur rührenden, bis ins hohe Alter dauernden Vereinigung. Die beiden begannen ein Wanderleben, das sie über Prag, wo sie den Zauberer C a g l i o ft r o trafen, und Frankreich nach London und endlich nach Neuyork führte; hier brachte ber vom Leben hart Mitgenommene seine Tage als Sprachlehrer hin. Nur einmal noch leuchtete fein Stern, als „fein" Don Giovanni von einer italienischen Truppe aufgeführt wurde — noch einmal erlebte er einige Tage des Ruhmes, um bann wieder in die Vergessenheit zu finken, aus ber ihm ber Tod im Jahre 1838, als 89jährigen, in bie Ruhe führte, bie sein heißes Herz sich wohl endlich ersehnt haben mag. Der arme (Spielmann. Erzählung von Franz Grillparzer. (Fortsetzung.) Ich gab das erforderliche Geld, ließ mir aber, schon vorsichtig geworden, eine Handschrift darüber ausstellen. Die Kaution für die Anstalt, die ich gleichfalls vorschoß, schien, obgleich beträchtlich, kaum ber Rebe wert, ba sie bei ben Gerichten hinterlegt werden mutzte und dort mein blieb, als hätte ich sie in meinem Schranke. „Die Sache war abgetan, und ich fühlte mich erleichtert, erhoben, zum ersten Male in meinem Leben selbständig, ein Mann. Kaum datz ich meines Vaters noch gedachte. Ich bezog eine bessere Wohnung, änderte einiges in meiner Kleidung und ging, als es Abend geworden, durch wohlbekannte Straßen nach dem Grieslerladen, wobei ich mit den Füßen schlenkerte und mein Lied zwischen den Zähnen summte, obwohl nicht ganz richtig. Das B in der zweiten Hälfte habe ich mit der Stimme nie treffen können. Froh und guter Dinge langte ich an, aber ein eiskalter Blick Barbaras warf mich sogleich in meine frühere Zaghaftigkeit zurück. Der Vater empfing mich aufs beste, sie aber tat, als ob niemand zugegen wäre, fuhr fort, Papierdüten zu wickeln und mischte sich mit keinem Worte in unser Gespräch. Nur als die Rede auf meine Erbschaft tarn, fuhr sie mit halbem Leide empor und sagte fast drohend: ,Vater! woraus der Alte sogleich den Gegenstand änderte. Sonst sprach sie den ganzen Abend nichts, gab mir keinen zweiten Blick, und als ich mich endlich empfahl, klang ihr: .Guten Abend!' beinahe wie ein Gott sei Dank! „Aber ich kam wieder und wieder, und sie gab allmählich nach. Nicht, als ob ich ihr irgend etwas zu Danke gemacht hätte. Sie schalt und tadelte mich unaufhörlich. Alles war ungeschickt; Gott hatte mir zwei linke Hände erschaffen; mein Rock faß wie an einer Vogelscheuche; ich ging wie die Enten mit einer Anmahnung an den Haushahn. Besonders zuwider war ihr meine Höflichkeit gegen die Kunden. Da ich nämlich bis zur Eröffnung der Kopieranstalt ohne Beschäftigung war und überlegte, daß ich dort mit dem Publikum zu tun haben würde, so nahm ich, als Vorübung, an dem Kleinverkauf im Grieslergewölde tätigen Anteil, was mich oft halbe Gedanken um, einen für nüd). Mir bliebe dabei sah sie aus wie Antrag gemacht, fuhr hellblau, himmelblau. .Aber mit mir hat's eigene wirft wenig ab, und mein Vater geht mit dem Schenkladen aufzurichten. Da ist denn kein Platz nur Handarbeit, denn dienen mag ich nicht.' Und damit anzufangen,- wenig, um vom Breiten zu zehren. Mein Vater hat Ihnen zwar einen Vorschlag getan, ich riet Ihnen aber ab. Denn einmal Hai er selbst Geld bei derlei Dingen verloren, dann', fetzte sie mit gesenkter Stimme hinzu, ,ist er so gewohnt, von Fremden Gewinn zu ziehen, daß er es Freunden vielleicht auch nicht besser machen würde. Sie miissen jemand an der Seite haben, der es ehrlich meint.' — Ich wies auf sie. — .Ehrlich bin ich', sagte sie. Dabei legte sie die Hand auf eine Königin. Man hat mir zwar einen andern „ „ .... sie fort, indem sie einen Brief aus ihrer Schürze zog und halb widerwillig auf den Ladentisch warf,- .aber da müßte ich fort von hier.' — .Und weit'? fragte ich. — .Warum? was kümmert Sie das?' — Ich erklärte, daß ich an denselben Ort hinziehen wollte. — .Sind Sie ein Kind!' sagte sie. .Das ginge nicht an und wären ganz andere Dinge. Aber wenn Sie Vertrauen zu mir haben und gerne in meiner Nähe sind, so bringen.Sie den Putzladen an sich, der hier nebenan zu Verkauf steht. Ich verstehe das Werk, und um den bürgerlichen Gewinn aus Ihrem Gelde dürften Sie nicht verlegen sein. Auch fänden Sie selbst mit Rechnen und Schreiben eine ordentliche Beschäftigung. Was sich etwa noch weiter ergäbe, davon wollen wir jetzt nicht reden. — Aber ändern müßten Sie sich! Ich hasse die weibischen Männer." „Ich war aufgesprungen und griff nach meinem Hute. .Was ist? wo wollen Sie hin?' fragte sie. .Alles abbestellen', sagte ich mit kurzem 2ttem. — Mas denn?' — Ich erzählte ihr nun meinen Plan zur Errichtung eines Schreib- und Auskunftskontors. ,Da kommt nicht viel heraus', meinte sie. .Auskunft einziehen kann ein jeder selbst, und schreiben hat auch ein jeder gelernt in der Schule.' Ich bemerkte, daß auch Musi- kalien kopiert werden sollten, was nicht jedermanns Sache sei. .Kommen Sie schon wieder mit solchen Albernheiten?' fuhr sie mich an. .Lassen Sie das Musizieren und denken Sie auf die Notwendigkeit! Auch wären Sie nicht imstande, einem Geschäft selbst vorzustehen.' Ich erklärte, daß ich einen Kompagnon gefunden hätte. .Einen Kompagnon?' rief sie aus. ,Da will man Sie gewiß betrügen! Sie haben doch kein Geld herge- geben?' — Ich zitterte, ohne zu wissen, warum. — .Haben Sie Geld gegeben?' fragte sie noch einmal. Ich gestand die dreitausend Gulden zur erften Einrichtung. — .Dreitausend Gulden?' rief sie, ,so vieles Geld!' — .Das übrige', fuhr ich fort, .ist bet den Gerichten hinterlegt und jedenfalls sicher.' — .Also noch mehr?' schrie sie auf. — Ich gab den Betrag der Kaution an. — .Und haben Sie die selbst bet den Gerichten angelegt?' — Es war durch meinen Kompagnon geschehen. — .Sie haben doch einen Schein darüber?' — Ich hatte keinen Schein. — .Und wie heißt Ihr sattberer Kompagnon?' fragte sie weiter. Ich war einigermaßen beruhigt, ihr den Sekretär meines Vaters nennen zu können. Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl 'sch e Universitäts-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen. die Brust, und ihre Augen, die sonst ins Graulichte spielten, glänzten Wege. Unser Geschäft „.Gott der Gerechte!' rief sie aufspringend und die Hände zusammenschlagend. .Vater! Vater!' — Der Alte trat herein. — Mas habt Ihr heute aus den Zeitungen gelesen?' — .Von dem Sekretarius?' sprach er. — Mohl, wohl!' — .Nun, der ist durchgegangen, hat Schulden über Schulden hinterlassen und die Leute betrogen. Sie verfolgen ihn mit Steckbriefen!' — .Vater', rief sie, .den hat er auch betrogen! Er hat ihm sein Geld anvertraut. Er ist zugrunde gerichtet.' — ,Potz Dummköpfe und kein Ende!' schrie der Alte. .Hab ich's nicht immer gesagt? Aber das war ein Entschuldigen. Einmal lachte sie über ihn, dann war er wieder ein redliches Gemüt. Aber ich will dazwischen fahren! Ich will zeigen, wer Herr im Hause ist. Du, Barbara, marsch hinein in die Kammer! Sie aber, Herr, machen Sie, daß Sie forttommcn und verschonen uns künftig mit Ihren Besuchen. Hier wird kein Almosen gereicht.' — .Vater', sagte das Mädchen, .seid nicht hart gegen ihn, er ist ja doch unglücklich genug.' — .Eben darum', rief der Alte, .will ich's nicht auch werden. Das, Herr', fuhr er fort, indem er auf den Brief zeigte, den Barbara vorher auf denTisch geworfen hatte, .das ist ein Mann! Hat Grütze im Kopfe und Geld im Sack. Betrugt niemanden, läßt sich aber auch nicht betrügen; und das ist die Hauptfache bei der Ehrlichkeit." — Ich stotterte, daß der Verlust der Kaution noch nicht gewiß f€i. _ ,Ia', rief er, .wird ein Narr gewesen fein, der Sekretarius! Ein Schelm ist er, aber pfiffig. Und nun gehen Sie nur rasch, vielleicht holen Sie ihn noch ein!' Dabei hatte er mir die flache Hand auf die Schuller gelegt und schob mich gegen die Türe. Ich wich dem Drucke feit» märte aus und wendete mich gegen das Mädchen, die, auf den Ladentisch gestützt, dastand, die Augen auf den Boden gerichtet, wobei die Brust heftig auf und nieder ging. Ich wollte mich ihr nähern, aber sie stieß zornig mit dem Fuße auf den Boden, und als ich meine Hand ousstreckte, zuckte sie mit der ihren halb empor, als ob sie mich wieder schlagen wollte. Da ging ich, und der Alte schloß die Türe hinter ickir zu. „Ich wankte durch die Straßen zum Tor hinaus, ins Feld. Manchmal fiel mich die Verzweiflung an, dann kam aber wieder Hoffnung. Ich erinnerte mich, bei Anlegung der Kaution den Sekretär zum Handelsgerichte begleitet zu haben. Dort hatte ich unter dem Torwege gewartet, und er war allein hinaufgegangen. Als er herabkam, sagte er, alles fei berichtigt, der Empfangsschein werde mir ins Haus geschickt werden. Letzteres war freilich nicht geschehen, aber Möglichkeit blieb noch immer. Mit anbrechendem Tage kam ich zur Stadt zurück. Mein erster Gang war in die Wohnung des Sekretärs. Aber die Leute lachten und fragten, ob ich die Zeitungen nicht gelesen hätte? Das Handelsgericht lag nur wenige Häuser davon ab. Ich ließ in den Büchern nachschlagen, aber weder fein Name noch meiner kamen darin vor. Von einer Einzahlung keine Spur. So war denn mein Unglück gewiß. Ja, beinahe wäre es noch schlimmer gekommen. Denn da ein Gesellschaftskontrakt bestans, wollten mehrere seiner Gläubiger auf meine Person greifen. Aber die Gerichte gaben es nicht zu. Lob und Dank sei ihnen dafür gesagt! Uv- wohl es auf eines herausgekommen wäre. (Schluß folgt.) Tage lang festhielt. Ich wog Gewürz ab, zählte den Knaben Nüsse und Welkpflaumen zu, gab klein Geld heraus; letzteres nicht ohne häufige Irrungen, wo denn immer Barbara dazwischen fuhr, gewalttätig weg- nahm, was ich eben in den Händen hielt, und mich vor den Kunden veäachte und verspottete. Machte ich einem der Käufer einen Bückling oder empfahl mich ihnen, so sagte sie barsch, ehe die Leute noch zur Türe hinaus waren: .Die Ware empfiehlt!" und kehrte mir den Rücken. Manchmal aber wieder war sie ganz Güte. Sie hörte mir zu, wenn ich erzählte, was in der Stadt uorging; aus meinen Kinderjahren; von dem Bearntenwefen in der Kanzlei, wo wir uns zuerst kennen gelernt. Dabei ließ sie mich aber immer allein sprechen und gab nur durch einzelne Worte ihre Billigung ober — was öfter der Fall war — ihre Mißbilligung zu erkennen. „Von Musik oder Gesang war nie die Rede. Erstlich meinte sie, man müsse entweder singen ober das Maul halten, zu reden sei da nichts. Das Singen selbst aber ging nicht an. Im Laden war es unziemlich, und die Hinterftube, die sie und ihr Vater gemeinschaftlich bewohnten, durfte ich nicht betreten. Einmal aber, als ich unbemerkt zur Türe hereintrat, stand sie eben auf den Zehenspitzen emporgerichtet, den Rücken mir zugekehrt und mit den erhobenen Händen, wie man nach etwas sucht, auf einem der höheren Stellbretter herumtastend. Und dabei fang sie leise in sich hinein. — Es war das Lied, mein Lied! — Sie aber zwitscherte wie eine Grasmücke, die am Bache das Hälslein wäscht uni) das Köpfchen herumwirft und die Federn sträubt und wieder glättet mit dem Schnäblern. Mir war, als ginge ich auf grünen Wiesen. Ich schlich näher und näher und war schon so nahe, daß das Lied nicht mehr von außen, daß es aus mir herauszutönen schien, ein Gesang der Seelen. Da konnte ich mich nicht mehr halten und faßte mit beiden Händen ihren in der Mitte nach vorn strebenden und mit den Schultern gegen mich gesenkten Leib. Da aber kam's. Sie wirbelte wie ein Kreisel um sich selbst. Glutrot vor Zorn im Gesichte, stand sie vor mir da; ihre Hand zuckte, und ehe ich mich entschuldigen konnte — „Sie hatten, wie ich schon früher berichtet, auf der Kanzlei öfter von einer Ohrfeige erzählt, die Barbara, noch als Kuchenhändlerin, einem Zudringlichen gegeben. Was sie da sagten von der Stärke des eher klein zu nennenden Mädchens und der Schwungkraft ihrer Hand, schien höchlich und zum Scherze übertrieben. Es verhielt sich aber wirklich fo und ging ins Riesenhafte. Ich stand wie vom Donner getroffen. Die Lichter tanzten mir vor den Augen. — Aber es waren Himmelslichter. Wie Sonne, Mond und Sterne; wie die Engelein, die Versteckens spielen und dazu singen. Ich hatte Erscheinungen, ich war verzückt. Sie aber, kaum minder erschrocken als ich, fuhr mit ihrer Hand wie begütigend über die geschlagene Stelle. ,Es mag wohl zu stark ausgefallen fein', sagte sie, und — wie ein zweiter Blitzstrahl — fühlte ich plötzlich ihren wannen Atem auf meiner Wange und ihre zwei Lippe», und sie küßte mich; nur leicht, leicht; aber es war ein Kuß auf diese meine Wange, hier!" Dabei klatschte der alte Mann auf seine Backe, und die Tränen traten ihm aus den Augen. „Was nun weiter geschah, weiß ich nicht", fuhr er fort. „Nur daß ich auf sie losftürzte und sie in die Wohnstube lief und die Glastüre zuhielt, während ich von der andern Seite nachdrängte. Wie sie nun, zusammengekrümmt und mit aller Macht sich entgegenstemmend, gleichsam an dem Türfenster klebte, nahm ich mir ein Herz, verehriester Herr, und gab ihr ihren Kutz heftig zurück, durch das Glas. „,Oho, hier geht's luftig her!" hörte ich hinter mir rufen. Es war der Griesler, der eben nach Haufe kam. ,Nu, was sich neckt' — sagte er. .Komm nur heraus, Bürde, und mach keine Dummheiten! Einen Kuß in Ehren kann niemand wehren.' — Sie kam aber nicht. Ich selbst entfernte mich nach einigen halb bewußtlos gestotterten Worten, wobei ich den Hut des Grieslers statt des meinigen nahm, den er lachend mir in der Hand austauschte. Das war, wie ich ihn schon früher nannte, der Glückstag meines Lebens. Fast hätte ich gesagt: der einzige, was aber nicht wahr wäre, denn der Mensch hat viele Gnaden von Gott. „Ich wußte nicht recht, wie ich im Sinne des Mädchens stand. Sollte ich sie mir mehr erzürnt ober mehr begütigt denken? Der nächste Besuch kostete einen schweren Entschluß. Aber sie war gut. Demütig und still, nicht auffahrend wie sonst, saß sie da bei einer Arbeit. Sie winkte mit dem Kopfe auf einen nebenstehenden Schemel, daß ich mich setzen und ihr helfen sollte. So saßen wir denn und arbeiteten. Der Aste wollte hinausgehen. ,Bleib doch da, Vater', sagte sie; .was Ihr besorgen wollt, ist schon abgetan.' Er trat mit dem Fuße hart auf den Boden und blieb. Ab und zu gehend sprach er von diesem und jenem, ohne daß ich mich in das Gespräch zu mischen wagte. Da stieß das Mädchen plötzlich einen kleinen Schrei aus. Sie hatte sich beim Arbeiten einen Finger geritzt, und obgleich sonst gar nicht weichlich, schlenkerte sie mit der Hand hin und her. Ich wollte zusehen, aber sie bedeutete mich, fortzufahren. .Alfanzerei und kein Ende!' brummte der Alte, und vor das Mädchen hin- tretend, sagte er mit starker Stimme: Mas zu besorgen war, ist noch gar nicht getan!' und so ging er schallenden Trittes zur Türe hinaus. Ich wollte nun anfangen, mich von gestern her zu entschuldigen;, sie aber unterbrach mich und sagte: .Lassen wir das und sprechen wir jetzt von gescheitem Dingen.' „Sie hob den Kopf empor, maß mich vom Scheitel bis zur ^ehe und fuhr in ruhigem Tone fort: .Ich weiß kaum selbst mehr de» Anfang unserer Bekanntschaft, aber Sie kommen seit einiger Zeit öfter und öfter, und wir haben uns an Sie gewöhnt. Ein ehrliches Gemüt wird Ihnen niemand abftreiten, aber Sie sind schwach, immer auf Nebendinge gerichtet, fo daß Sie kaum imstande wären, Ihren eigenen Sachen selbst vorzustehen. Da wird es denn Pflicht und Schuldigkeit von Freunden und Bekannten, ein Einsehen zu haben, damit Sie nicht zu schaden kommen. Sie versitzen hier halbe Tage im Laden, zählen und wägen, messen und markten; aber dabei kommt nichts heraus. Was gedenken Sie in Zukunft zu tun, um Ihr Fortkommen zu haben?' Ich erwähnte der Erbschaft meines Vaters. .Die mag recht groß fein', sagte sie. Ich nannte den Betrag. .Das ist viel und wenig', erwiderte sie. .Viel, um etwas 3» eit D mi G< dic La P! B 9« ins in da ft« m bc fü bis st° bv er eii Ti ges feil uoi ein in ken bai Fü un Ab Ai tr sch roa fcf roc Av Bc