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Das Wunder wandelt in den stillen Gärten, Darin die kleinen, offnen Häuser stehn. Und wird zum Seltsamen und Unerhörten Und blaut wie Tag aus nächtlichen Alleen. Denn alle dämmernden Konturen härten, Und alle Dinge werden nah und schon. Es ist, als wollte sich mit neuen Freuden Der Sommer kränzen aus Verfall und Traum. Und müßte sich in neuer Form vergeuden Am Weg als Glanz, als Farbenfpiel am Baum ... Doch feiner weiß den blaffen Schein zu deuten. Dec wie ein Irrlicht geistert durch den Raum. Denn alle Töne sind wie Totenläuten. Das Wunder friert an feinem letzten Saum Und wird zum Unwillkürlichen den Leuten Und wird wie Wind und wird wie Rauch und Schaum. Und jemand sagt: wie schnell vergehn die Zeiten, Mein Gott, es herbstet, und war Sommer kaum. Sidonie Beeskow. Novelle von E. A. G r e e o e n. Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 62. Uebers Jahr wird niemand mehr von ihr reden und keiner nach ihr fragen, denn was soll man viel Wesens machen von einem Menschen, der eines Tages kam und eines Abends ging, still und unbemerkt — wie ein Stein, der von ungefähr in den See fällt und ein paar Kreise zieht, und bann ist seine Spur verloren. Auch der Pfarrer tat Sidonie Beeskow schon viel zu viel Ehre an, als er sprach, hier habe sich ein Schicksal vollendet. Was sind das für große, schwerwiegende Worte! Wo im Grunde nichts war als ein kurzes Erschauern vor der Sinnlosigkeit des Geschehens und der Unbegreiflich- feit bes Erlebens. Wirklich, man sollte bei Sidonie Beeskow nicht von Schicksal und Untergang reden und nach feierlichen Worten suchen; man macht sich damit nur ein wenig lächerlich vor vernünftigen Leuten! Ich erinnere mich, daß Onkel Josua einmal sagte, Sidonie Beeskow habe keine glückliche Bestrahlung, und das war, so will mir heute scheinen, ein viel klügeres Wort: sie ging im Schatten — Zeit ihres Lebens, bis die Schatten sie verhüllten, und dann war ihre Spur verloren ... Der Dampfer furchte quer über den See; fein weißer Körper wuchs rasch empor, und das Schlagen der Schaufelräder tgm näher und näher. Abendsonne lag auf den mannshohen Bohlen des Landungsstegs, und die Hügelftreifen des jenseitigen Users verschwammen in bläulichem Dunst. In den Fenstern der Kirche von Dingelsdorf brühen zuckte blutiger Schein. Es ist durchaus nicht verwunderlich, daß ich mich jenes Abends noch so deutlich innere, denn es war für uns ein besonderer Tag, und wir gingen schon eine Weile in ungeduldiger Erwartung unter dem Laüb- dach der Kastanien auf und nieder. Die große Maschine für Florians Sägewerk sollte mit dem Dampfer anfommen, und die Morgenpost hatte Onkel Josua einen Brief gebracht, der ein langgesuchtes Büchlein über die irische Weissagung des Donegal ankündigte. Und" ich — aber ich weiß nicht mehr, woraus ich wartete und ob ich überhaupt auf etwas wartete. In meinen Jahren darf man wohl abends eine halbe Stunde am Ufer stehen und über den See schauen, auch wenn niemand kommt, auf den man wartet. Die Schiffsglocke fuhr ins Stampfen der Kolben, und eine heisere Stimme gab Stommanbos. Alsbald verstummte das Rauschen der stürzenden Wasser in den Radkästen, und der Dampfer legte an. Es war noch nicht Reifezeit und das Deck fast leer. Ein kleiner Mann in schwarzem Lodenmantel, der neue Bezirksgeometer, winkte uns heftig zu, denn er ist darauf bedacht, sich allerorts Freunde zu erwerben, und der Amtsrichter rief Florian schon von der Brücke entqeqen, daß die Maschine in fünf Kisten verpackt an Bord stehe. Florian schwenkte den Hut und wurde rot vor Freude. Ich sah ihn heimlich von der Seite an und dachte: wie jung ist er und wie schön, weil er jung ist! Wenn Percy, mein Sohn, einmal ein Mann fein wird, so wünsche ich, er wäre wie Florian. Nicht wie ich, und auch nicht wie seine Mutter. Heute ist Percy ein Knabe von siebzehn Jahren; er lebt bei feiner Mutter, und bisweilen, zweimal im Jahre, besucht er mich. Die Taue flogen in losem Schwung zum Steg, und ein Matrose schob polternd die Laufbrücke vor. lieber ein Bündel Frachtbriefe gebeugt stand Florian und rechnete, denn er ist sehr genau in allen kaufmännischen Dingen. Onkel Josua schickte sein Lächeln zu mir herüber, und ich nickte; mir verstehen uns sehr gut auch ohne viel Worte. Jugend streckt die Hand aus, und alles fällt ihr zu. Florian wird die neue Maschine ausstellen, sein Sägewerk wird wachsen, und eines Tages wird er mich fragen, ob ich nicht meinen alten Schuppen am See verkaufen will, da er ihn just gebrauchen kann und weil ich in den letzten Jahren nie mehr dort gearbeitet habe. Wozu ich hier eine Werkstatt brauche, wird er fragen, da ich vielleicht über kurz oder lang doch wieder fort und auf Reifen gehe, wie schon so oft! — Nein, mein junger und kluger Florian, werde ich antworten, ich reife nicht mehr, ich bin des Reifens müde, ich will am See bleiben! Ich habe mein Zimmer in einer kleinen Pension und werde gut verpflegt bei Frau Berg ...ich bin ganz zufrieden! Mein Schuppen grenzt hart an Florians Sägewerk, und er ist ihm ohne Zweifel im Wege, wenn er sich einmal vergrößern will. Ich sehe das vollkommen ein, aber ich verkaufe noch nicht, jetzt noch nicht! Es ist noch zu früh. Denn es märe ja denkbar, daß jemand eines Tages zu mir käme, der meinen Namen gehört hat, um sich zu erkundigen, ob der Bildhauer Thomas Wiehl ihn modellieren molle — ein richtiger Auftrag also, ober vielleicht käme auch jemand, der mir nur eine große Freude machen mill, meil ich ihn darum bitte. Weil ich etma gesagt habe: die Linie deiner Glieder ist ein Wunder an Schönheit; kein Tier, so vollendet es sei, hat einen schlanken Rücken wie du ... Aber man soll nicht glauben, daß es mir in Wahrheit Ernst ist mit solchen Worten, Ich sage sie nur vor mich hin mie die Worte eines Wacht- raumes, roenn ich bei den Weiden am Ufer liege ober am Fenster meines Zimmers stehe und die kreuzenden Jollen verfolge. Ich kenne alle Boote hier am See, es entgeht keins meinen Augen. Ich habe sogar ein Fernglas bei mir, mit dem ich entlegene Buchten absuchen kann und das winzigste Segel am Horizont entdecke. Schon von weitem erkenn' ich jedes Boot an seiner besonderen Bauart und kleinen Eigentümlichkeiten. Es ist geradezu ein Sport von mir geworden, Boote zu erraten. Frau Berg und die Gäste in der Pension machen sich zuweilen einen Spaß daraus, mich auf die Probe zu stellen, aber ich täusche mich nie, ich gewinne jede Wette! Da ift zum Beispiel eine leichte Jolle aus Gabunholz, schlanker als sonst Schwertboote sind, und so oft sie wendet, sehe ich den Rücken eines Mädchens sich neigen und zur Seite schnellen. Ich habe nie schönere Bewegungen bei einem Menschen gesehen! Sie trägt eine rote Jacke, die weit über den See leuchtet, und zuweilen fährt Florian mit ihr. Aber auch andere. Versteht sich, Hanna Berg kann segeln, mit wem sie will, ich bin der letzte, der ihr Vorschriften machen dürfte. Ich habe nicht das mindeste Recht dazu. Onkel Josua hat inzwischen sein kleines Paket in Empfang genommen, das die Weissagungen des Donegal enthält, und macht sich auf den Heimweg. Er wohnt in einem Häuschen ein wenig oberhalb der Stobt, ganz für sich allein und feit Jahren mit der Herausgabe seltener, mystischer Schriften beschäftigt, die er für einen Kreis vornehmer Liebhaber auf einer alten Handpresse selbst druckt und auch selbst bindet. Davon lebt er; sehr bescheiden, denn er ist im übrigen keineswegs vermögend. Verkehr hat er kaum in der Stadt, aber jedermann grüßt ihn, und alle nennen ihn Onkel Josua, obwohl er mit keiner Menschenfeele hier in der Gegend verwandt ist. Mittags kommt er regelmäßig zum Essen in die Pension, ich glaube, er ist ihr ältester Gast. Man kann sein Alter schwer schätzen, aber sicherlich hat Onkel Josua die Sechzig längst überschritten. Ich hätte ihn wohl ein Stück Weges begleiten können, und es reut mich, daß ich ihn alleine ziehen ließ. Aber es ist so schön um diele Stunde am See, wenn der Abend kommt! Die Schatten senken sich, und Boote gleiten in den Hafen, eines nach dem andern ... Wie gründlich Florian seine fünf Kisten prüft, die am Landungsplatz in einer Reihe ausgestellt sind! Bevor nicht alles in schönster Ordnung ist. bescheinigt Florian keinen Empfang. Er kauft gewiß keine Katze im Sack, dazu ist Florian viel zu klug und vorsichtig. Er hat ganz recht, ein guter Kaufmann muß wohl so fein. Nun gibt er endlich den Befehl zum Abtransport; auf feinen hageren Wangen glüht noch ein Schimmer von Stolz, als er mir freundlich zunickt und feinem Wagen folgt. Warum gehe ich nicht mit ihm die Straße hinauf bis zur Bar- füßerkirche, wo unsere Wege sich trennen!? Ist es klug, wie ein Müßiggänger hier herumzustehen und mit halbfremden Leuten zu reden, die nachher nur den Kopf schütteln über Thomas Wiehl? — Die Sonne ist untergegangen, was tu' ich noch hier? Ich will nach Hause gehen, wo Frau Berg und mein Plag am Tisch auf mich warten, und nicht länger am Hafen bleiben, aber man will manches nicht tun und steht doch auf der Brücke und führt lange Gespräche mit Schillings, dem Angler, Es interessiert mich zu erfahren, wieviel er heute gefangen hat und wo er jetzt seine Haken kauft, denn Schillings versteht sich aufs Angeln wie kein zweiter. Sieh an, er kaust in letzter Zeit ganz besondere Haken, so dünn und fein, wie man sie hier nicht bekommen kann! Er bezieht sie aus Ulm, und morgen wi ller mir die Adresse geben. Schönen Dank, Vater Schillings! — das alles ist sehr interessant für mich, obwohl ich kein Angler von Passion bin, und während wir reden, stehlen sich meine Augen wie Diebe hinweg, und Boote gleiten in den Hafen, eins nach dem andern. Große, weiße Jachten und klumpe Lastkähne und eine kleine, schlanke Jolle aus Gabun ... Gute Nacht, Bater Schillings, morgen um dieselbe Stunde werde ich kommen und mir die Adresse aus Ulm holen! * Durch die Dämmerung kommt ein leichter Schritt, eine rote Jacke huscht über den Kies am Strand. Gott mag wissen, wie ein Mensch so ohne Schwere und Last fein kann! Die Boote wiegen sich an den Bojen wie weiße, schlafende Schwäne, und ich stehe reglos still. Ich weiß jedes Wort, das nun fallen wird zwischen uns, denn es ist alle Tage dasselbe Spiel. „Sind Sie es, Herr Wiehl? ... Haben' Sie auf mich gewartet?" „Gottbewahre, kleine Hanna, bilde dir nur nichts ein! Ich plauderte eine Weile mit Schillings und komme ganz zufällig des Wegs!" Wir können unser Lächeln nicht sehen, die Weiden hängen so tief über den Weg. Unsere Füße zögern bei jedem Schritt, und Hannas Nähe fließt in mich wie ein dunkler nährender Strom. — Als wir am Wirtsgarten des Hotel „Zum Löwen" vorbeikamen, aus dem Licht fiel und Klappern von Tellern klang, ließ Hanna plötzlich meinen Arm los. Ich schaute auf und sah in das Gesicht einer fremden Dame, die an der Balustrade lehnte und, wie von einer seltsamen Erscheinung betroffen, Hanna anstarrte. Ich glaube, daß sie mich gar nicht bemerkte. Sie war blaß und nicht mehr ganz jung; und trug eine große, altmodische Brosche, eine Art Kamee, auf ihrem dunklen Kleid. Mehr sah ich nicht von ihr. „Kennst du sie?" — fragte ich Hanna im Weitergehen. Sie schüttelte den Kopf. — „Nein, es muß eine Fremde sein, die mit dem Dampfer gekommen ist." Hanna ist heute mit sich und der Welt sehr zufrieden und nicht wenig stolz auf ihre Fortschritte in der Segelei. Sie hat gelernt, das Spinnackersegel zu setzen; zum ersten Male, und man muß hören, wie vorzüglich alles ging! Der Wind kam von achtern und war reiner Nord, und sogar beim Horn, wo man jederzeit auf Ueberraschungen gefaßt sein muh, und da fiel ausnahmsweise keine falsche Bö ein. Von Iolchen und ähnlichen Dingen reden Hanna und ich, wenn wir zu- ammen sind, und dabei streift meine Hand ihren Arm, und bisweilen ühle ich ihre Schulter dicht an meiner. Doch das ist eine Sache ganz ür sich und hat nichts zu schaffen mit unseren ernsten Gesprächen; eine kleine Melodie, die über der Begleitung unserer Worte schwingt. Ich will sie noch etwas fragen, was mir schon lange durch den Kopf geht, aber ich kann es alle Tage noch tun, es ist auch morgen nicht zu spät. Mein Schuppen am See, und meine Geräte haben warten gelernt. Langsam gehen wir zwischen Gartenmauern die Straße hinauf dem Hause ihrer Mutter zu. Das hohe Dach und die weißen Mauern schimmern durchs Gitterwerk der Zweige. Es ist ein altes Haus in einem schönen Garten, und es gibt manchen, der Frau Berg darum beneidet, weil es eine prächtige Aussicht hat und weil es ein vortrefflicher Gedanke von Frau Berg war, hier eine Pension einzurichten. Obwohl der Putz an vielen Stellen abgebröckelt ist und der Park verwildert und ungepflegt daliegt. Es riecht nach vergangenem Laub auf allen Wegen bis in die Stuben hinein; es ist immer etwas von Herbst in dem Hause, aber die Stille und das Haus und sogar der fahle Duft sind mir lieb geworden. Daß ich selbst einmal ein Haus besaß und mit einer Frau und Percy darin lebte, ist schon lange her! Die Leute haben es vergessen, und ich ... denke kaum noch daran. Ich bin ein Pensionär bei Frau Berg geworden, als Hanna ein kleines Schulmädchen war. Ich habe viel gezeichnet und bisweilen auch modelliert, aber nie mehr nach der Natur. Wie ein Schatzhüter habe ich ihr Wachsen und das Reifen ihrer Glieder überwacht und die Wunder vollkommener Formung in Hanna begriffen. Mich will bebünfen, ich bin reich belohnt! Onkel Josua sagt, daß die Materie nicht wirklich sei und nur von unseren Gedanken erzeugt werde. Ich verstehe nichts von diesen Dingen, denn ich bin kein Gelehrter wie Onkel Josua, aber wenn ich an Hanna denke, so muß ich über den Alten und seine Weisheit lächeln. Die Wölbung ihrer jungen Schulter ist wirklicher und trostreicher als alles Gedachte! Zwei Pappeln stehen am Eingang des Gartens. Ich öffne das schwere, eiserne Tor und lasse Hanna eintreten. Und während sie an mir vorbeisihlüpft, hebt sie sich blitzschnell empor, küßt mich mit ihrem Munde und ist im Dunkel verschwunden. Es ist alle Tage dasselbe Spiel. Ich schließe das Tor, schiebe den Riegel vor und lehne einen Augenblick gegen das Gitter. Nur der steile Weg vom Hafen herauf ist schuld und weil Hannas flinke Füße so eilten, daß mein Herz klopft und ich schwindlig bin! Im Löwengarten sitzen Onkel Josua und sein Freund, der Pfarrer von Andelshofen. Sie sitzen fast jeden Abend dort, streiten über Horoskope und Wünschelruten und trinken dazu einen leichten Roten. Die Nacht steht still itberm See. Ein Wiegen geht gegen die Mauern des Gartens, und Fische springen klingend auf aus der Tiefe des Schweigens. Durch die Bäume zieht fröstelnd ein Hauch und legt sich in den Duft der Zweige und schläft ein. Onkel Josua füllt unsere Gläser. „Trink, Thomas Wiehl! Trink, Pfaff von Andelshofen! Wer den Wein nicht liebt, vor dem finkt kein Geheimnis" ... Der Pfarrer nimmt fein Glas und beugt sich zu Onkel Josua nieder: „Gott wollte sterben, aber er sah die Sünder, die seiner bedurften! Er konnte nicht sterben um der lieben Sünder willen. Um der Gerechten willen wäre Gott längst tot und die Welt entgöttert!" Onkel Josua lacht lautlos in sich hinein. — „So redet man, wenn man nichts weiß von der Magie aller Dinge!" Und dann streiten sie weiter. Ich stehe auf und trete dicht an die Mauer. Ich bin es müde, von Hermes Trismegistos und Laskarius von Mytilene zu hören und ob Aurum potabile noch etwas anderes sei als der vorletzte Zustand des großen Elixiers. Sagt mir lieber, wo die Sünder, die Gott so sehr liebt, ihre Ruhe finden? Wo und wann hat ihr Herz Frieden?! An einem der letzten Tische des Gartens seh ich die Fremde, der Hanna und ich vor zwei Stunden begegnet sind. Sie hat den Kopf aufgestützt und schaut auf den See hinaus. Ich sehe nun, daß sie wohl- gcformte, kräftige Hände hat und das dunkelblonde Haar in einem weich geschlungenen Knoten trägt. Sie sitzt ganz ruhig und scheinbar unbekümmert, aber in ihre Züge fährt bisweilen ohne ersichtlichen Grund eine jähe Spannung, wie wenn ein Erschrecken der Seele in ihr aufflatterte und ihre Augen vor Angst erstarren ließ. In solchen Momenten ist ihr Gesicht, das man kaum schön nennen kann, von einem tiefen, unheimlichen Reiz. Der Wirt erzählt mir, daß die Fremde Sidonie Beeskow heiße und mit dem Abenddampfer gekommen fei. Irgendwoher aus Norbbeutfch- lanb; er habe die Stabt schon wieder vergessen. Sie kenne niemanden hier am Ort und habe die Absicht, längere Zeit zu bleiben, wenn es ihr am See gefalle. — Nun gut, was geht es mich an und was liegt an einem Namen! Sie hat Hanna angesehen und nicht mich, aber so viel wird man wohl sagen dürfen, daß es ein merkwürdiger Blick war, und der Pfaff von Andelshofen, der die schönen Worte so sehr liebt, würde behaupten, daß dieser Blick nicht eigentlich aus den Augen, sondern aus den Tiefen einer Wunde brach! ♦ Es gibt Abende, an denen es mir schwer wird, heimzugehen. Ich fühle ein Grauen vor dem langen Korridor in der Pension mit seinen Türen, hinter denen Menschen atmen und im Traum zu reden beginnen. Und da ist Hannas Tur, an der ich vorüber muß. Bon der Treppe bis zu meinem Zimmer sind es zweiundzwanzig Schritte; das ist ein weiter, schwerer Weg wie durch Wüstensand. Ich möchte nicht, daß ich eines Abends vor ihrer Tür Halt mache und zusammenbreche — bann ist es besser, Straßen auf Straßen ab zu laufen, ohne Ziel unb Richtung! Nur um an biefes unb jenes zu denken, dazu ist mir jeder Weg recht! Ueber die Dächer am Markt stießt blanker, stummer Mondschein, tropft glitzernd an den Giebeln herab und übertüncht die Wände der Häuser mit kaltem Licht. Alle Türen sind geschlossen, alle Fenster tot. Die Zeit rinnt lautlos unter fahlem Leichentuch. Und Schatten wachsen steil und scharf wie schwarze Bäume aus Torbogen unb Mauernischen. O Leben ... 0 Blut, warum schweigst bu? Horch, ba kommen Füße burch bie Nacht, sie gehen taftenb unb ungewiß ihren Weg ... bleiben stehen und gehen weiter, kreisen um den Brunnen und fürchten sich! Ich habe ein feines Ohr unb ein gutes Auge. Das ist nicht ber Schritt von Josua, so geht auch nicht ber Arzt, wenn er nachts gerufen wird, ober ber Schmied, ber zuweilen ein Glas über ben Durst trinkt! Es finb ganz leichte, scheue Füße, bie kaum ein Geräusch in bie Stille werfen; es finb bie Füße einer Frau, bie umher- wanbert unb vielleicht etwas verloren hat, bas sie nun suchen geht. Aber sie sucht ja gar nicht, sie steht still! Ich sehe ihren leicht gekrümmten, schwankenben Schatten unb baß ihr Arm gegen Stein greift, um einen Halt zu hoben in ber betlemmenben Oebe ber Nacht. Ihre Hände liebkosen ben Stein wie Blinbe tun. Man ist nicht sonbcrlich reich, wenn man seine Zärtlichkeit zu ben Steinen tragen muß! Was für seltsame Fremde jetzt in unser Städtchen kommen! Diese Frau ist groß und schlank und trägt das reiche Haar in einem weich geschlungenen Knoten. Sie wendet den Kopf aus dem Schatten ins Helle: so viel Ratlosigkeit und Angst vor dem Leben sah ich niemals in einem Gesicht «geschrieben wie bei Sidonie Beeskow! Böse Dinge müssen ihr widerfahren sein! Aber so wahr ich Thomas Wiehl heiße, ich will mich nicht beschweren mit andrer Leute Schicksal! Es trägt jeder das Seine. Ich werde mir keine Gedanken darüber machen, was sie zur Nachtzeit nicht schlafen läßt, so wie ich nicht wünsche, daß man sich über mich Gedanken macht. Ich habe niemand gesehen in dieser Nacht; der Markt war leer, als ich ihn im Mondschein überschritt. Hört ihr, ich habe nichts gesehen, nichts und niemanden! Sagt meinetwegen, Thomas Wiehl habe Gespenster gesehen oder er sei betrunken gewesen, aber sage mir keiner, daß ich stehen blieb unb voll Mitleibs war. Wer so spricht, lügt! Ich bin ein wenig neugierig wie jebermann hier im Städtchen — bas ist alles! * Onkel Josua steht in seinem Garten unb putzt bie Messingbänber einer uralten Sonnenuhr, in die astrologische Zeichen und die Bilder des Tierkreises kunstvoll graviert sind. Er hat sie vor langen Jahren von Jollivet Castelot, dem Hrausgeber der „Hyperchimie", zum Geschenk erhalten unb hält sie hoch in Ehren. Nicht nur wegen ber Feinheit und Präzision ihrer Arbeit, bie ein Meisterstück Augsburger Herkunft ist, {onbern als ein Pfanb ber Erinnerung an gemeinsame Jahre, benen er Vieles an Erkenntnissen verbankt. Onkel Josua ist klein und zierlich von Gestalt, unb wie er so dasteht, bas silberweiße Haar von einem unförmigen, gelben Strohhut überbeckt, gleicht er einem Gnomen ober einem Pilz im Wölbe. (Fortsetzung folgt.) Das große Glück. Eine hanseakische Anekdote. Von Karl L e r b s. Mein Großvater, hochgewachsen, schlank, weitzbürtig, von dem gemessenen Gehaben und der besonnenen unerschütterlichen Kühle des alteingesessenen hanseatischen Großkaufmanns, erlebte es, daß ihm das Glück einen Streich von seltsam durchdachter und erklügelter Bosheit spielte. Er besaß in einer der ältesten Straßen der alten Stadt ein nicht großes, aber auf gesicherter Grundlage ruhig und stetig arbeitendes Geschäft und hielt sich von allem, was mit neumodisch gewagter Börsenkunst in fiebrig erregten Stunden um Vermögen spielt, sorgsam und grundsätzlich fern. Als er eines Abends ziemlich spät noch in seinem Kontor beim gelblichen Schein der surrenden Gaslampe nach einem hartnäckigen Buchungs- fehler suchte, erschien ein stiernackiger und kurzatmiger Mann, angelockt durch die mächtige Front des hohen Giebelhauses, und wollte in aller Geschwindigkeit noch ein paar Lose für irgendeine landwirtschaftliche Ausstellung in einer benachbarten Stadt verkaufen. Seine atem- und hemmungslose Geschwätzigkeit begann sich bald unter dem unbarmherzigen Blick der blauen Augen seines schweigsamen Gegenübers zu verhaspeln und zu verhaddern. Mein Großvater aber, ungeduldig, wollte dem Ge- sprudel anpreisender Worte ein rasches Ende machen und tat, was er zu anderen Zeiten wohl nicht getan haben würde. So kam es, daß sich der Dicke, erleichtert schnaufend und erlöst schwitzend, mit dankenden Bücklingen empfehlen konnte; indessen mein Großvater zwei Lose für je einen Taler in seinen Geldschrank verschloß — um alsbald über der Suche nach besagtem Fehler und anderen Dingen diese unsicheren Unterpfänder des Glückes restlos zu vergessen. Und doch waren sie das Mittel, mit dem das Schicksal meinem Großvater klarzumachen gedachte, daß auch ein hanseatischer Großkausmann vor boshaftem Schabernack nicht sicher ist. Es kam nämlich eines guten Tages, als der alte Herr sich eben über die „ständig rückgängige Tendenz" des Neuyorker Warenkurszettels ärgerte, durch den Fernsprecher die Nachricht, daß auf den Namen meines Großvaters bei der Auslosung ein beträchtlicher, persönlich abzuholender Gewinn gefallen sei, ohne daß der — nicht nur heutzutage so tückische — Apparat zur Preisgabe näherer Umstände zu bewegen gewesen wäre. Mein Großvater, nun doch in leiser Spannung, wenn er sie sich auch äußerlich nicht anmerken ließ, entsann sich, das er in jener benachbarten Stadt sowieso ein Geschäft zu erledigen habe, und fand so willkommenen Vorwand, der etwas konfusen Mitteilung näher auf den Grund zu gehen. Denn er war gewohnt, etwas zu verdienen oder zu verlieren, aber mit „Gewinnen" hatte er sich nie abgegeben. An Ort und Stelle nahm ihn der schon bekannte dicke Mann mit vielen Bücklingen, die eine unbehagliche Verlegenheit nur schlecht verbargen, in Empfang und führte ihn durch ein Gewirr von Menschen und Maschinen landwirtschaftlichen Gepräges bis zu der Stelle, wo jener geheimnisvolle Gewinn sich befand. Mein Großvater, gemessen, im schwarzen Rock, den spiegelblanken Seidenhut auf den gepflegten weißen Locken, hob den Blick und sah sich einem gewaltigen Zuchtbullen gegenüber, der furchtbar mit einer armdicken Kette rasselte. Der alte Herr, stumm, nahm das Ereignis mit würdiger Fassung hin; es gab eine längere Betrachtung, die von dem Bullen ebenso eingehend erwidert wurde, ohne daß bei dem gegenseitigen Mangel an Sachkenntnis die Angelegenheit dadurch wesentlich gefördert worden wäre. Der dicke Mann, durch den glatten Verlauf der Begegnung ermutigt, machte meinen Großvater darauf aufmerksam, daß er diesen für ihn wohl nicht unmittelbar verwendbaren (der alte Herr nickte ernst) Gewinn nachher auf einer Versteigerung werde veräußern können, wobei er, um den Erlös angemessen zu gestalten, zum fleißigen Mitbieten ergebenst zu raten sich erlauben wolle. So kam es, daß mein Großvater zwei Stunden später in einem Kreise mißtrauischer Bauern stand und gelangweilt wartete, bis nach einer endlosen und zäh umkämpften Folge von Pflügen, Schweinen, Dreschmaschinen und Sonstigem das gehörnte Untier an die Reih« kam. Als dann endlich di« Schlacht einsetzte, schloß mein Großvater aus den unerhört niedrigen Anfangsgeboten, daß man feine Unerfahrenheit ausnutzen wollte; in seinem Bestreben, den spuckenden Bauern als wohlerfahrener Kaufmann gründlich heimzuleuchten, geriet er tatsächlich ins Mitbieten und darüber schließlich in Eifer. Die Bauern aber, längst schon argwöhnisch, schnappten plötzlich ab, und mein Großvater, der sich zu weit vorgewagt hatte, erhielt inmitten beifälligen Gemurmels den Zuschlag. Nach dieser Wendung der Dinoe begab er sich, steil aufgerichtet, mit erloschener Zigarre, von allen Wissenden sorgsam gemieden, in die auf d-m Ausstellungsgelände gelegene Wirtschaft, um bei einer Flasche Wein still mit sich zu Rote zu gehen, wie er diesen heimtück'sch geführten Schlag finsterer Mächte zweckmäßig parieren könne. So saß er, mit unbeilverkündenden Brauen, zuweilen bei einem fernen Brüllen seines E gen tu ms nervös zusammenzuckend; und es entgang ihm ganz, daß der mehrfach erwähnte kurzatmige Mann geraume Zeit gleich einem dicken, schuldbewußten Kater in weiten Kreisen den Tisch umstrich, ohne daß er das dräuende Schweigen des alten Herrn zu stören wagte. Bis mein Großvater, endlich ausblickend, in achtungsvoller Entfernung eine andächtige Versammlung von Bauern stehen sah und schließlich des scheuen Getues hinter seinem ehrfurchtgebietenden Rücken inne ward. Auf seine gereizte Frage erhielt er endlich von dem Unglücklichen die von vielen Stottern und angstvollen Atempausen unterbrochene Erklärung: Es sei leider Gottes ein böser Irrtum passiert, und man habe dem alten Herrn unverantwortlicherweise vorhin einen falschen Bullen gezeigt. Es blieb meinem Großvater nichts übrig, als aus dem Gestammel des nach vollbrachter Mitteilung geflohenen Unheilverkünders den Schluß zu ziehen, daß er sich nunmehr als glücklicher Besitzer von Zwei Zuchtbullen ansprechen dürfe, bei welcher Feststellung er durch lebhafte Ovationen jener Bauerngruppe gleichzeitig einen unanfechtbaren Beweis rasch erlangter Volkstümlichkeit empfing. Dies war die Stelle, wo mein Großvater die Erzählung der ge- schilderten Vorgänge regelmäßig abbrach, um sich einer stummen Betrachtung über die Hinterlist des Glückes hinzugeben, das seinem Leben immer mit jähen Wechselfällen ferngeblieben war, um ihm, dem Ahnungslosen, eines Tages »mit einem so boshaften Streich jede Lust zu weiteren Proben auf bas unsichere Exempel zu nehmen. Selbst das leise Lächeln um seinen ernsten Mund vermochte keinem der Lauscher den Mut zu geben, die Frage nach dem endlichen Ausgang dieser Geschichte zu tun. Renaissance-Heiraten. Von Dr. Hedwig Fisch mann. Der leuchtende Glanz, mit dem das Bild der Renaissance seit den Tagen Burck Hardts und Nietzsches sich in unserem Bewußtsein vertlärt hat, überstrahlt mit seiner blendenden Ueberzeugungskraft gar manche Einzelzüge, die, das stolze Ganze entstellend und herabdrückend, ihm für den historischen Beobachter unlösbar verhaftet sind. Nicht in letzter Linie gilt dies von der niedrigen Wertung der Ehe, wie sie sich gleichermaßen in der durch ihren ersten Teil — aber nur durch diesen — fast modern anmutenden Zeitforderung ausspricht, die Ehen seien nur auf bestimmte Zeit zu schließen, und zwar nur, solange die grau dem Mann gefällt, als auch in der durchaus geschäftlichen Art, wie diese Ehen geschlossen werden. Don Liebe, ja nur von harmonisch aufeinander ab= gestimmten Charakteren ist hier nie die Rede. Ob wir in jenen Briefen, in denen Isabella d'Este oder Lodovieo Gonzaga für Baldassare Casti- glione die geeignete Lebensgenossin zu finden bemüht sind, von der geistigen Kulturatmosphäre der Renaissaneehöfe umgeben sind; ob uns aus den mütterlich rührenden Schriftstücken der Alessandra Strozzi das lebensvolle Bild bürgerlichen Denkens und Fühlens entgegentritt, wie es slorentinischen Patriziergeschlechtern der hohen Zeit der Mediceer- Blüte eignete; ob in den schlichten Tagebuchblättern des Handwerkers Lucca Landucci mit dürren, gefühlsmäßig gänzlich unbetonten Worten, bie aber nicht die Mitgift und Ausstattung zu erwähnen vergessen, von seiner Verheiratung berichtet wird — immer ist es der gleiche empsin- bungsleere Raum, aus dem diese Stimmen zu uns tönen. Zumal aus jener stattlichen Reihe von Briefen der Alessandra Strozzi, die durch fast zwei Jahrzehnte eine ununterbrochene Kette von Heiratsprojekten für ihre beiden in der Verbannung lebenden Söhne darstellt, weht mit erschreckender Klarheit und kühler Nüchternheit der Geist einer die eheliche Verbindung vor allem als Rechenexempel auffassenden Zeit, das glatt und möglichst vorteilhaft zu losen, ganz den Traditionen des hoch emporstrebenden königlichen Kaufmannsgeschlechtes entspricht. Es lebt auch darin etwas von jener zielbewußten Geschlossenheit und Strenge, die in dem stolzen Stammpalost der Strozzi wenige Jahrzehnte später ihren monumentalen Ausdruck gewann. Aber was hier in der möglichsten Unterdrückung aller nur an das Gefühl sich wendenden, unnützen Zierformen sich emporhebt zu einem machtvoll ragenden Denkmal von der Große jener Zeit, das wirkt dort, wo es sich um Allerpersönlichstes, zweier Menschen Schicksale Bestimmendes handelt, er-ältend und verletzend, um so verletzender im Munde einer Frau und Mutter, deren warmes Empfinden für ihre Kinder in allen Lebensfragen trotz der Herbheit ihrer Natur dennoch stets zum Ausdruck kommt und das sich in einem nur der Sorge um ihre Familie geweihten Dasein bewehrt hat. Und diese Frau spricht — ganz Sprachrohr der Zeitauf- fassiing — in ihren Briefen immer wieder von den Mädchen, die sie als künftige Schwiegertöchter ins Auge gefaßt hat, mit Ausdrücken wie „Ware", die sie „an der Hand hat", ja von „Durchschnittsware", „Aus- fchußware" und „Sachen", die der Vater billig oder nicht billig herzu- geben Veranlassung hat, wie sie überhaupt das so unsagbar verächtlich anmutenbe Neutrum, wie „etwas Anderes", „etwas Besseres" von ben voraussichtlichen Bräuten zu gebrauchen pflegt. Unb boch miffen wir von bcrfelben Frau, wie liebevoll sie später bie Gattin ihres Sohnes an ihr mütterliches Herz genommen und wie sie ihn selber gemahnt, durchaus nicht mit Gaben an bie Braut, besonbers nicht mit Schmuck, zu kargen, um diese würdig auszustatten. Daß in allen diesen Schriftstücken bie Frage nach der Höhe der Mitgift eine so vorherrschende Stelle einnimmt, ist ebenfalls gana dem Geiste der Zeit gemäß. So mur^e wenige Jahrzehnte später in Florenz durch gesetzliche Verordnung bestimmt, daß die Mitaift der Mädchen 1600 fl. nicht übersteigen dürfe, weil man durch diese Maßregel, welche den allzu hohen Anforderungen Einhalt tun sollte, eine Zunahme der bamals recht im argen liegenden Eheschließungen zu erzielen hoffte. Denn es gab zu jener Zeit mehr als 3000 unverheiratete Florentinerinnen im Alter von 18 bis 30 Jahren, und dies nach der Meinung der Zeit ein überreifes, kaum mehr annehmbares Heiratsalter; schreibt doch auch Alessandra Strozzi von der eigenen Tochter, sie sei „schon" 16 Jahre, und man dürfe deshalb nicht länger mit ihrer Verheiratung zögern, wie auch die endlich für den Sohn gefundene Braut, der sich inzwischen den Vierzigern genähert hat, 15 Jahre zählt. Immerhin gehörte ein Heiratsalter wie jenes der 10jährigen Caterina Sforza bei wirklich vollzogenen Vermählungen auch in jener Zeit zu den Ausnahmen. Doch welche wichtige Rolle bei der Wahl einer Sohnesfrau auch die Höhe der Mitgift spielte und wie tatkräftig und rücksichtslos sich gerade in diesem Punkte der alle Werbepläne Alessandras unterstützende Schwiegersohn, der Seidenhändler Marco Parente, der Interessen seines Schwagers annahm, wie er eine förmliche Rechnung mit Soll und Haben, was fener erwarten dürfe und was er zu bieten habe, aufstellte — so ist doch die stolze Patrizierin keinesfalls gewillt, bas Vermögen der Braut als allein ausschlaggebend für ihre Entscheidung anzusehen. Ja, sie schreibt sogar einmal an einen der Söhne im Hinblick auf den Umstand, daß em reiches Mädchen kaum sich entschließen würde, einem Verbannten in die Fremde zu folgen: „Nun ist wohl das wenige Geld unter allen der kleinste Fehler; unb wenn bie anbem Eigenschaften, bie wir wünschen, vorhanden sind, muß man auf Geld nicht sehen," während dennoch immer wieder all ihre Briefe, als könne sie sich von eingeimpften Vor- stellungen nicht befreien, um diesen einen Punkt kreisen. Aber zweifellos steht ihr, der stanbesbewußten Patrizierin — und hierin ist sie die Vertreterin all ihrer Klassengenossinnen — das Haus, die Familie, mit der die Strozzi sich versippen sollen, am höchsten. Nicht einen Augenblick denkt sie daran, daß einer der Söhne Lin Mädchen aus seiner neuen Heimatstadt zur Frau nehmen könnte; ihr ganzes Sinnen ist nur darauf gerichtet, die Verbannten als Florentiner an der Seite von Florentinerinnen in die ungerechte und doch so heißgeliebte Vaterstadt zurückkehren zu sehen. So sind ihre Worte, daß die Frau keinen Abstieg in Ehre und Ansehen bedeuten dürfe, der echteste Ausfluß ihrer Ueberzeugung wie der ihrer ganzen sozialen Schicht. Um dieses Ziel zu erreichen, sucht sie mit List und heimlicher Beobachtung, sei es in dec Kirche, sei es von einem Nachbarfenster aus, zu erspähen, wie sich das Mädchen benimmt, wie es ungeschmückt aussteht; daß die als Braut in Aussicht Genommene ungeschminkt ist und keine hohen Stöckel trägt, wird ganz besonders hervorgehoben. Ebenso wird lobend betont, daß sie nicht ungehobelt und keine Schlafmütze ist. Auch auf einen gewissen Bildungsgrad wird bei der Kandidatin Wert gelegt und rühmend erwähnt, daß sie gut lesen kann; immerhin erscheint in einer Zeit, in der in den höchsten Ständen die Bildung der Frau im wesentlichen die gleiche war wie die der Männer, diese Genügsamkeit in den geistigen Ansprüchen an eine florentinische Patrizierin befremdlich genug. Mehr Nachdruck wurde scheinbar auf die geselligen Fähigkeiten, auf die guten Manieren und auf die einmal besonders gerühmten Sing- und Tanzkünste des Mädchens gelegt. Und daß eine so schönheitsfrohe Zeit, wie es die Frührenaissance für Florenz bedeutete, nicht achtlos an den äußeren Reizen der zu erwählenden Lebensgefährtin vorübergehen konnte, daß diese, wenn nicht allein entscheidend, so doch mitbestimmend, ins Gewicht fallen mußten, ist eine selbstverständliche Forderung. Doch ist — wenigstens nach dem Urteil Alessandras — mehr Wert auf eine harmonische, kraftvolle Gesamterschei- nung, die eine gesunde und anmutige Nachkommenschaft verbürgt, als auf besondere Schönheit der Gesichtszüge zu legen. Allerdings wissen wir nicht, ob sich in diesem Punkte die Wünsch« der Söhne, also der Hauptbeteiligten. mit jenen der Mutter decken. Ihr langes, jahrzehntelanges Zaudern läßt eine gewisse Ehescheu erkennen, deren Alessandra durch manches kräftige Wörtchen Herr zu werden sucht, bis sich ihre Ungeduld einmal zn dem tragikomischen Verzweiflungsruf steigert: „Hätten alle andern Männer soviel Angst vorm Heiraten gehabt wie Ihr, so wäre die Welt längst ausgestorben! Deshalb müssen wir Euch auf die Beine helfen, damit Ihr seht, daß der Teufel nicht so schwarz ist, wie er gemalt wird." Nun ausgestorben ist die Welt auch in den Tagen der Renaissance nicht, nicht zum mindesten dank der ehestiftenden Bemühungen tatkräftiger Frauen urb Freunde vom Schlage der Alestandra Strozzi und ihres Schwiegersohnes, die sich der Mittlerrolle gern unterzogen. Daß aber auch der aefchästliche Heiratsvermittler jener Zeit nicht fremd gewesen, davon erzählt das Register der Stadt Venedig, das im Jahre 1518 den Tod eines gewissen Bernardin di Martini, eines „sensale di matri- monio" ausdrücklich verzeichnet. Doch jener kleine, pfeilbewebrt« Gott, den die Renaissancekunst so aern in strahlender Anmut gebildet — er entfloh vor all diesen klugen Berechnungen allzu häufig von der Schwelle des Ehegemaches und rettete sich in freiere Sphären. Der tvandiun-isfähiaste Arzneistoff. Von Dr. Th. A. Maaß. Das Universal-Heilmittel, das gleichmäßig alle Krankheiten heilt, ist noch nicht gefunden und wird, aller Wahrscheinlichkeit nach, auch nie gefunden werden. Wenn aus der Arzneitüche der Kurpfuscherei irgendein neuer M schmasch beschert wird, der, bei vollkommener Harmlosigkeit, ebenso sicher gegen Plattfuß-Beschwerden, wie gegen Blinddarmentzündung oder Haarausfall wirken soll, überlassen wir feine Anschaffung und Verwendung neidlos denen, gegen deren Grundübel bekanntlich Götter selbst vergeblich kämpfen. Im allgemeinen ist man durchaus zufrieden, wenn ein Arzneimittel auf dem mehr oder minder eng begrenzten Anwendungsgebiet, auf dem man nach seiner Zusammensetzung und dem Ausfall der pharmakologischen Prüfung etwas van ihm erwarten kann, auch am Krankenbett die l^währunasvrobe besteht. Diese »erlangt möglichst zuverlässige und regelmäßige Wirkung und das Fehlen unerwünschter Nebenwirkungen. Dann muß sich die gewünschte Stärke der Wirkung durch individualisierende ärztliche Bemessung der Dosierung möglichst genau voraussehen und regeln lassen. Nicht nur die Wirkungsstärke, sondern auch die Wirkunasart eines Arzneistoffes kann weitgehend durch die in Anwendung kommenden Menoen beeinflußt werden. Die Spanne der Dosierungen, in der die meisten Arzneimittel mit der Aussicht auf guten Erfolg angewendet werden können, ist stets ziemlich ena. Man gelangt nach unten recht bald an die Dosis, die zu gering ist. überhaupt noch eine nennenswerte Wirkung auszuüben. nach oben bald an die, wo die gewünschte Heilwirkung in schädliche Giftwirkung umschlägt. Gerade M den wirksamsten und daher wertvollsten Mitteln, den Stoffen mit oft lebensrettender W^kunq auf Herz und Gefäße, den schmerebekämnfenden. narkotilchen Mitteln u. n. m. liegt die schädliche, la fogar töh’icfje Dosis oft recht nahe bei der heilsamen. Die Ausnutzung der «inen ohne Streifung der anderen stellt hohe Anforderungen ort die ärztli-be K'wst. Die Anschauung über die Wirksamkeit kleinster Dosen ial- cker Arzneimittel die im allgemeinen in wesentlich arößeren bewährt sind, erfuhr, ebenso wie die medizinische Ricbtuna. dte ihr besonders Beachtung schenfte. d>e Homöopathie, im Laufe der Zeiten sehr wechselnde Wertung. Eine ganz eigenartige Stellung nimmt in dieser Beziehung einer der bekanntesten und bewährtesten Arzneistoffe das Jod ein. Die Mannigfaltigkeit der medizinischen Anwendungsgevteie dtejes chemischen Grundstoffs in Lösung, in Form seiner Salze oder in organischer Bindung bei äußerlicher oder den verschiedenen Formen inner- kicher Darreichung ist allgemein bekannt, Biel seltsamer aber als die Vielseitigkeit der Anwendungsgebiete mutet die von modernster Forschung festgestellte, phantastische Spannweite an, die zwischen den für bestimmte Zwecke geeignetsten kleinsten, und den für andere notwendigen und vom Organismus vertragenen, größten Dosen besteht. Das bedeutungsvollste Gebiet der medizinischen Jodanwendung ist die Vorbeugung und Bekämpfung der Kropfkrankheit. Diese tritt dort als Volkskrankheit auf, wo die Umwelt und damit besonders das Trinkwasser und die Nahningsstoffe zu jodarm sind. Die streng wissenschaftliche analytische und statistische Durchforschung hat die verblüffendste Uebereinstimmung zwischen Jodmangel im Erdboden und Häufigkeit des Kropfvorkommens bewiesen. Daneben taten dies auch ein« Reihe mehr zufälliger Beobachtungen, die dadurch besonders wertvoll sind, daß sie den Hinweis auf die bisher erfolgreichsten Wege der Kropfbekämpfung in sich bergen, ohne allerdings ursprünglich in ihrer vollen Bedeutung erkannt zu werden. In der Schweiz, in der die Kropfkrankheit stets recht verbreitet war, zeigte sich, daß unter gleichen Umweltsbedingungen der Kanton Waadt vom Kropfauftreten fast verschont war, während es in Freiburg eine Volkskrankheit bildete. Die Ursache dieser Verschiedenheit war, daß beide Kantone ihren Speisesalz-Vedarf aus verschiedenen Quellen deckten und Freiburg dabei mit einem jodfreien, Waadt mit einem jodhaltigen Salz beliefert wurde. Die Stadt Bordeaux und ihre nähere Umgebung stellte in einer vom Kropf ziemlich stark heimgesuchten Umgebung eine kropffreie Insel dar. Der Grund war, daß dort ein aus Rückständen des Chilesalpeters bereitetes und dadurch jodhaltiges Salz in der Küche verwendet wurde. Damit ist eigentlich alles gesagt, was zum Kropfproblem gesagt wer- den kann: Kropf tritt als Volkskrankheit dort auf, wo dem Menschen von Natur zu wenig Jod geliefert wird. Seine Bekämpfung kann ba- durch mit sicherem Erfolg« durchgeführt werden, daß diesem Mank» durch Darreichung mit Jodsalzen angereicherter Nahrungsstoffe — das zur Bereitung fast aller Speisen verwendete Kochsalz ist als Zubringer besonders geeignet — abgeholfen wird. Es wirkt erstaunlich, daß nach Auffindung dieser geradezu aufdringlich deutlichen Zusammenhänge Jahrzehnte verstrichen, bis aus ihnen die allgemeinen Konsequenzen gezogen wurden. Die besonders in der Schweiz mit glänzendem Erfolg durchgeführte Darreichung eines jodhaltigen Kochsalzes, des sogen. Bollsalzes, ist ihre heutige segensreiche praktische Auswirkung. Es soll hier nicht dieser bekannte großartige Fortschritt in der Kropfbekämpfung näher geschildert werden. Eines von vielen Beispielen möge ihn illustrieren: In Appenzell sank innerhalb von vier Jahren, unter systematischer Verwendung von jodhaltigem Vollsalz durch Mütter und Kinder, die Schilddrüsenfläche der Sechsjährigen von dem früher krankhaft erhöhten Durchschnittswert von 26 qcm auf den fast normalen von 7 qcm! Was hier betrachtet werden soll, ist, welche Jodmengen notwendig sind, solche Wirkung hervorzurufen. Das schweizerische Vollsalz enthält im Kilo 5 Milligramm Jod. Anter Zugrundelegung des durchschnittlichen Salzverbrauchs einer Person, bedeutet dies, daß im Laufe des Tages 50 Tausendstel Milligramm Jod aufaenommen werden. Das ist eine Dosis, die nicht nur nach ihrer absoluten Größenordnung, sondern auch im Vergleich zu den meisten anderen stärksten Arzneimitteln und Giften unvorstellbar klein ist. Es darf natürlich nicht vergessen werden, daß erst Im jahrelangen Gebrauch die heilsam« Jodanreicherung in der Schilddrüse eintritt. Aber selbst die Menge, die innerhalb eines ganzen Jahres ausgenommen wird, das sind im ganzen etwa 20 Milligramm, ist immer noch wesentlich kleiner, als die, die das Arzneibuch beispielsweise bei einem so hochwirksamen und hochgiftigen Mittel wie dem Morphium als Einzeldosis zuläßt. Nach Kenntnis dieser nicht nur als genügend, sondern auch als beste Dosierung erkannten kleinsten Mengen ist es nicht erstaunlich, daß man auch daran denken kann, diese dem Organismus auf indirektem Wege zuzuführen. Der hierzu geeignete Weg, der zur Zeit noch in Diskussion steht, ist die Joddiingung des Bodens, die entweder durch den jodhaltigen Chilesalpeter oder durch künstlichen Jodzusatz zu anderen Düngemitteln durchgeführt werden kann. Der Vorteil dieser Methode ist, daß das Jod aus dem auf solchem Boden wachsenden Getreide und Gemüse, aus der Milch und dem Fleisch der Tiere, die mit diesen gefüttert werden, dem Menschen bereits in Bin- duna an Zellsubstanz geboten wird und somit sein Uebergang in den Stoffwechsel erleichtert ist. Es ist ohne weiteres klar, daß dieser Weg, der auch noch direkte, hier nicht näher zu schildernde Vorzüge für die Viehhaltung bietet, gangbar und durchaus zukunftsreich ist. Nehmen wir an, daß mit diesen nach Millionstel Gramm zu bemeffenben Jobdosen bei der Kropfbekämpfung die unterste Grenze der Wirksamkeit erreicht ist. so dränat sich die Frage auf, rote weit diese, durch die in anderen Fällen zulässige und angebrachte Höchstdosis überschrittetn werben bars? Hier gibt die neueste Forschung über die Jodverwendung zur Schnell- heilnng einer durch Jahrtausende als vollkommen unheilbar geltenden fürchterlichen Krankheit, des Aussatzes (Lepra), eine überraschende Antwort. Der anglo-indische Arzt D r. Muir hat ein Berfahren ausgearbeu tet, durch bas es ihm gelingt, dies« furchtbare Volksseuche, von deren ungeheuren Verbreitung, besonders in Ostasien, wir uns hier nur eine schwache Bo-stellung machen, in der unglaublich kurzen Zeit von sechs Wochen zur Heilung zur bringen. Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts'Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.