GiehenerZamilieMNer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang ^929 Montag, den 25. Marz Hummer 24 Saatwinb. Von Theodor Kramer. Die Wolken treiben dicht geschart, der Schnee im Feld taut Schritt für Schritt, als führte auf der flachen Fahrt der Wind die schwarze Erde mit. Dis Mieten rauchen trüb und faul, durchs Feld bricht quer der morsche Rain; schon dünkt am Hang der schwarze Knaul der kahlen Kronen seltsam klein. Die Kreuze werden feucht und braun, die Dörfer steigen aus dem Schnee; die Latten sinken aus dem Zaun, die Runsen schleifen Schlamm und Klee. Die Reuter scheidet Saat und Spelt, die Eggen stehn im Tal bereit; der Bauer tritt von Feld zu Feld den alten Fußpfad wieder breit. Noch ist der Hohlweg weiß verlegt, noch tost im fernen Wald der Sturm, und auf der nackten Scholle regt sich nur verfrüht ein bleicher Wurm. Und mit der morschen Borke räumt erst gründlich auf das rauhe Licht, bevor mit Bast der Wald sich säumt und grün aus Rain und Rillen bricht. Erster Kuckucksruf. Von Alfred Richard Meyer. Cs ist noch lange nicht so weit — ich weiß es wohl. Aber da ich in diesen langsam winterscheideuden Tagen wieder einmal durch die engen Gassen der Stadt meiner Jugend gehe, am Gymnasium vorübrrfchreite, das meine kleinen Jahre von Sexta bis Untertertia umschloß, ist es mir in der milden Mittagssonne, wie wenn ich plötzlich den Kuckuck rufen höre ... ein naturgeschichtliches Phänomen, das wir, als Knaben, hier immer der Natur um gute vier bis sechs Wochen vorwegnahmen. Und da muß ich lächeln, da ich jener Tage und jenes Phänomens gedenke, langsam den Berg zum noch blätterkahlen Wald hinaufgehend. Erster Vorfrühlingssonnenschein. Da hatte sich die Quarta ihrer Tradition und ihrer Traditionspflicht zu erinnern. Von Jahrgang zu Jahrgang vererbte sich diese Kuckuckspfeife. Der sie beim ersten Vorfrühlingssonnenschein zu pfeifen hatte, vorsichtig in das Kellerfenster unter dem Quartaztmmer geduckt, rvar auszulosen. Das war eine Ehrung. Das bedeutete aber auch eine nicht ganz ungefährliche Situation. Man mußte wir ein ganz richtiger Kuckuck rufen. So ein fechzigjähriger Naturgeschichts-Professor konnte nicht so ganz einfach von einem Phänomen überzeugt werden, besonders, wenn er noch an demselben Nachmittag für den „Anzeiger" fünfzig Zeilen darüber schreiben soltte. Die Lektüre dieser Zeilen am nächsten Tag war dann der eigentliche Triumph der Quarta. Man war in Ehren der Tradition treugeblieben, in jedem Jahr den Kuckuck so früh wie möglich kommen und im Herbst dann so spat wie nur möglich gen Süden ziehen zu lassen ... Das Los hatte mich damals getroffen, gleich nach dem Karneval. Da hatte man in aller Heimlichkeit mit den Kuckucksrufübungen zu beginnen; denn die Natur hat doch nicht jedem Menschen die schöne Fähigkeit ver- uehen, einen Kuckuck wahrheitsgetreu nachzumachen, daß auch ein Professor daran glaubte und hernach in der Zeitting darüber schrieb. Da wurde es für mich nur eineck abgelegenen Uebungssaal geben, unseren ■Boben, zu dem ich dann, unter allerlei Vorwänden, hinaufkletterte ... nicht ohne Bangen, kann ich wohl sagen: denn oben in der ziemlichen Dunkelheit herrschten Ratten, die sich im Winter, wenn Kälte und Hunger ie allzusehr peinigten, bisweilen hinter die Scheuerschwellen unserer ^tage verirrten und dort, uicheiinlich quiekend und fauchend, Kampfe auf -.eben und Tod aussachten. Wie hatte ein Kuckuck im Vorfrühling zu rufen? Schnippisch oder ^gusuchttg? Kurz oder lang? Und, vor allen Dingen: wie oft? Da doch »ie Menschen so abergläubisch sind, die Zahl der Jahre, so ihnen noch auf Erden bestimmt ist, nach dem Ruf des Kuckucks zu bestimmen ... — das war für mich im Augenblick eigentlich das wichtigste — verhielten sich Ratten zum Kuckucksruf? lieber Siefen Punkt stand leider *n keiner Naturgeschichte etwas angedeutet. Da empfahl es sich, doch nicht '?** tchmppisch zu rufen, sondern vielleicht etwas sehnsüchtig ... entschied vlich- Und gar zu oft würde ich lieber den Kuckuck auch nicht rufen ta'“n ~ von wegen meines Lampenfiebers, das. ich ganz bestimmt Haven würde, rvenn Sonnenschein eines Mittags Ne Stunde der Premid« bestimmt. Kuk—kuk, kuk—kuk —, klang es da plötzlich vorn Tale zu mir zum Berge hinauf. Seit ganzen fünfunddreißig Jahren — zum ersten- mal wieder. Die guten Jungens! Die braven Kerle! Sie waren bis heute der Tradition unserer Jugend treu geblieben. Aber — das mußte ich doch wohl sagen — etwas sehr früh ließen sie in diesem Jahr den aller- ersten Kuckuck kommen! Und so ganz einwandfrei kunstgerecht schien mir der Kuckuck wirklich nicht zu rufen! Wenn das nur gut abging! Und ich lächelte ... Bei mir war es damals gut aegangen. So schön hatte seit Jahren der Professor im „Anzeiger" nicht über den ersten Kuckucksruf geschrieben — hatte einstimmig das Urteil der Quarta gelautet; und auch die Tertia ließ sich herab, mir ein ehrlich bewunderndes Lob zuteil werden zu lassen. Bet mir war es damals gut gegangen? Jedes Lächeln war wohl von meinem Gesicht entschwunden. Etwas anderes drängte sich vor, dazwischen aber schob sich gottlob — daß ich jemals dieses jugendliche Gedicht meines Freundes Königsbrun-Schaup vergessen konnte! — etwa- Lyrisches, Bruchstücke, die ich vielleicht ganz falsch zitiere: „Der Kuckuck ruft: kutu, kuku! Mein Börslein schüttle ich dazu. Herr Kuckuck, meine Schulden zahl', 0 mach mich jung, Frau Nachtigall!" Dio Nachtigall dachte längst nicht daran, zu rufen! Und der Kuckuck — mH, der war eine schlechte Imitation! Und dennoch — bei mir war t» damals gut gegangen? Wie oft hatte ich damals gerufen? O, welches Lampenfieber hatte ich gehabt, als ich, mitten in der Stunde, meine Hand erhob: „Darf ich mal hinausgehen, Herr Professor?" Hott hämmerte mein Herz gegen N« hölzerne Pfeife, die ich in meiner Matrosenbluse barg. Mindestens siebenmal sollte ich den Kuckuck rufen lassen? Wenn der bloß nickst ba'unten im Kellerfenster plötzlich das Stottern (riegte! Nein —- er kriegte nicht das Stottern! Es ward ein sehr bescheidener- Kuckuck daraus, der sich mit drei gar nicht allzu lauten Rufen begnügte. „Fein hast du das gemacht!" ward ich in der Pause von meine« Kameraden beglückwünscht. »Was hat er denn gesagt, der Professor?" fragte ich wißbegierig. „Gar nichts. Nur erfreut aufgelauscht hat er. Still Jungens! mmv titelte er." „Und dann hol er gezählt! Ganz langsam. Und ganz ernst ist er dabet geworden. Still, Jungens! hat er noch einmal gesagt und dann ftst- gestellt: dreimal!", korrigierte ein anderer meinen Freund. Und dann — fast genau nach drei Jahren hatten wir unseren Pro» fessor die letzte Ehre geben müssen, da wir ihn auf den nahen Friedhof begruben. Fiel mir das jetzt erst ein? Warum war es mir, als Knabe«, niemals bewußt geworden, daß ein Zusammenhang zwischen den drei Rufen meines Kuckucks und den letzten drei Jahren eines Menschen bestehen konnte? Da bin ich still umgekehrt und habe einen Kranz auf das Grad meine# alten Lehrers gelegt. Und erst am nächsten Abmd ist mir ein leise» Lächeln wiedergekommen, da ich Im Gasthof den neuen „Anzeiger" las und darin einen mit Ziffer gezeichneten Aufsatz: „Der erste Kuckuck". Und lächelnd verfloß Gegenwart in Vergangenheit, In fernste Knabenjahre: „Wie fast in jedem Jahr kehrte der Kuckuck, im Altdeutschen Gauch oder auch Gouch genannt, französisch coucou, wie auch Goethe diesen prophetischen Vogel, den „Blütensänger", begrüßt, ungewöhnlich frühzeitig in unsere, noch halb von den Banden eines gestrengen Winters umfangen» Landschaft heim. Dem Volksmärchen gemäß hielten unsere Vorfahren dm Kuckuck für ein Wesen, in welches man sich früher wahrscheinlich einen der Heidengötter verwandelt dachte. Daraus deutet die sprichwörtliche Verwechslung des Kuckucks mit dem Teufel fein. Das holt der Kuckuck — zum Kuckuck!, sprechen wir wohl auch noch heute gedankenlos hin." Zum Kuckuck!, entfährt mir das Wort da ebenfalls. Kinder find ebe« Kinder. Von all ihren dumnten Streichen mag dieses Kuckucksspiel noch das harmloseste sein — selbst auf die Gefahr hin, daß es auch heute noch manch einen verehrten Lehrer geben mag, der von seinem gestrengen Standpunkt aus solche Narretei verdammt und den Stab über mich bricht, solches lächelnd zu erzählen als Jagenderinnerung. Ich entschuldig» mich mit der heimlichen Moral, die ich meinem schon wieder entweichen»- den Lächeln, ein wenig scknlldbewußt, beimischte. Liebe Jugend! Fern« Jugend! Ein Kuckucksruf führte mich in kleiner Stadt zu dir und einem flüchtigen Lächeln zurück ... da Sonnenschein, milder Frühling uns Kuckucksruf vortauschte und — ein Lächeln, das jedem Spotte fern ist, ja einer gewissen Bitterkeit nicht ermangelt: Liebe Jugend! Feme Jugend! Kühl ist der Me»tt>. Kein Hous ist mehr hier, das mir Heimat wäre... Die zerbrochene Scheibe. Eine Geschichte von Wilhelm Schäfer. Der Doktor Franz Oppen hat in seinem Schreibtisch eine verschließ- frnre Schublade, darin stehen nebeneinander sechs Schachteln, und in jeder ist Geld. Kleidung, Arzt, Reise, Theater und Konzert, Wein und Zigarren steht in Rundschrift darauf geschrieben, und am Anfang des Monats legt er in jede Schachtel den genau errechneten Betrag; denn cs find nur ein» hundertundachtzig Mark, die ihm seine Patente monatlich einbringen, und er will sein eigener Herr bleiben, wie er denn auch ohne Kinder und Frau ist. Im übrigen trägt er eine altmodische Stahlbrille, darunter der graue Schnurrbart über den Mund herabhängt und seinem Gesicht einen bärbeißigen Ausdruck gibt, den sein Wesen nicht hat; er ist ein freundlicher Mann, mit dem seine Wirtin, die Postschaffnerswitwe Terstegen, seit vierzehn Jahren gut auskommt. Einmal, am siebenundzwanzigsten März, hat er den ganzen Vormittag über Formeln gerechnet und geht nach Tisch ins Museum, weil der Westwind zu kalt und nah durch die Straßen weht, den gewohnten Spaziergang zu machen. Aber er mag die oberen Säle nicht, wo an den Wänden die Oelbilder mit ihren Goldrahmen prahlen. Wie er immer den gleichen Zwirnanzug trägt, ist sein Reich unten im Kupferstichkabinett, wo die Blätter hinter Glas ihr schlichteres Angesicht zeigen. Er selber hat von seinem Vater eine Mappe mit Stichen geerbt, die er wie einen Tempelschatz hütet; und wenn er, wie heute, Blätter von Dürer ausgestellt sieht, kann er sich einen Semon halten, der dem deutschen Volke gilt: So mühten wir sein, und hebt den Finger dazu, obwohl er die Worte nur denkt, so redlich und treu zum kleinen Ding und doch nicht kleinlich, so ohne Schauspielerei, so furchtlos, wahrhaft und guten Gewiffens! In diesen Gedanken wird der Doktor Franz Oppen durch Schritte und Worte gestört; der Aufseher bringt aus dem Vorsaal einen eleganten Jüngling mit einer Treibhausnelke im Knopfloch herein, dem diese Räume offenbar fremd sind, deren Besichtigung er gleichwohl mit der solchen Herrchen eigenen Siegesgewißheit beginnt. Erst schneuzt er sich, dann sieht er umher, ob ihn alle Stiche bemerkt haben, nickt dem Mann mit den silbernen Knöpfen gnädig ab und beugt sich über die Scheiben, darunter die Blätter Dürers liegen. Nur einen Augenblick hat die Eintagsfliege den Doktor gehindert; fein Auge hängt an dem kleinen Blatt, wo vorne der lesende Mönch sitzt und hinten die türmige Stadt sich zur Burg ausbaut. So wohlgeordnet wie die Mauern und Dächer, überlegt er, sind die Gedanken des Mönches; und es ist keine Formspielerei des Meisters, daß er die spitzige Kapuze in das zackige Stadtbild eingebaut hat: was der Mönch liest, könnte er um sich sehen, und sein Kreuzesstab mit dem Glöckchen daran steht ganz selbstverständlich da, das Schaubild der Sinne überschneidend wie das seiner Gedanken! Denn jeder hat die Ordnung um sich, die er in sich bereitet! Hier aber tut es einen scharfen Knacks in seine Betrachtung. Da ist eine Scheibe zerbrochen!, denkt er und sieht mit einem raschen Aufblick noch, wie der andere Beschauer von einem Pult, über das er sich weit vorgebeugt hat, zurückfährt, einen verhehlten Seitenblick nach ihm wirft und bald mit gemessenen Schritten den Raum verläßt. Er wird seine Unvorsichtigkeit dem Aufseher melden!, Senft der Doktor und horcht wider Willen den Schritten nach, die draußen beschleunigt verklingen. Wenn er sich nachgäbe, würde er ein Halt hinter ihnen her» rufen, aber er liebt keine Szenen, und so bleibt er vor dem Stich des heiligen Antonius stehen. Freilich, und darum macht er sich später Vor- würfe, wenn es der alte Aufseher wäre, den er kennt, statt diesem Rotblonden, er würde vielleicht doch das Herrchen nicht so haben entwischen lasten. Der Rotblonde kommt indesten von seinem Rundgang zur inneren Tür wieder herein, schreitet hinter dem Rücken des Doktors her durch den Raum, stutzt und entdeckt die mißliche Sache. Hier ist eine Scheibe zerbrochen!, sagt er drohend und wendet sich gegen ihn um. Der Täter ist gerade hinaus!, entgegnet er ebenso scharf und zeigt nach der Tür. Wo?, schreit der Aufseher nun schon in Wut und fegt hinaus. Aber er ist um zwei Minuten zu spät, findet den mit der Nelke im Knopfloch nicht mehr und kommt völlig rot zurück. Warum ihn der Herr nicht gerufen habe?, begehrt er. Der Doktor will ihm schon scharf antworten, als sein Blick auf den „Hieronymus im Gehaus" fällt und sich sogleich sammelt. Es wäre richtiger gewesen! sagt er ruhig, indessen der Aufseher sich erst in die Wut hineinarbeitet, als würde er selber den Scheiden gefährlich, einen gemeinen Fluch sagt und wieder hinausläuft, den Direktor zu holen. Er kommt aber bald zurück, ist kleinmütig und jammert: er müste natürlich die Scheibe bezahlen! Das wären fünf Mark. Und er habe eine kranke Frau zu Hause mit drei Kindern, die von dem Gehalt sowieso nicht satt würden! Natürlich solch ein Herr, für den die fünf Mark eine Lappalie wären — er sagt das Wort mit hörbarer Entladung — gehe kaltblütig hinaus und laste einen Unschuldigen sitzen! So hört er nicht auf zu lamentieren, bis der Doktor ärgerlich wird: Er möge sich bitte an den halten, der die Scheibe zerbrochen habe!, sagt er scharf und kann weder den „Hieronymus im Gehäus" noch den „Lesenden Mönch" länger betrachten. Natürlich lenkt der Aufseher ein. Sie haben die Scheibe nicht zerbrochen; aber ich sitze damit da und muß sie bezahlen, obgleich ich es noch viel weniger war! Und wieder kommt die Lamentation mit den drei Kindern und der kranken Frau. Dem Doktor Franz Oppen fangen auf einmal die Gedanken an, nach einer anderen Richtung zu begehren: der Mann ist mir widerlich, denkt er; aber Unrecht geschieht ihm trotzdem, und ich hätte das Herrchen anhalten sollen! Wäre ich reich, ich gäbe ihm feine fünf Mark bis zum Letzten. Ich müßte nicht zum Essen gehen drei Tage lang! Und der Doktor weiß nicht, was ihm auf einmal geschieht, ob es der lesende Mönch oder der Hieronymus ist, was da in ihm gegen sich selber aufbegehrt: Treue zum kleinen Ding und doch nicht kleinlich!, sagte er die Worte aus seinem Sermon noch einmal und braucht keinen Finger zu heben, sich zu ermahnen. Und weil der Aufseher, als ahnte er diese Wendung, aufgehört hat mit Lamentieren und brütend auf feinem Stuhl sitzt, folgt der Doktor Franz Oppen feinem füllen Sermon, holt entschlossen die fünf Mark aus der Tasche und tritt vor den Rotblonden hin: Ich bin vielleicht nicht reicher als Sie, sagt er, aber ich habe keine Kinder! Und gibt ihm den Schein. Der greift hastig danach und steht auf, das Geld hastig einzu- stecken. Aber wie der Doktor sich abwenden will, ihm den Dank zu ersparen, grinst er ihn an: Ich habe es gleich gewußt!, protzt er breitbeinig; und als er ihn fragt, was? Daß Sie es doch waren! Da können dem Doktor zunächst alle Sttche Dürers nicht Helsen. Er überlegt, ob er den Direktor anrufen soll; aber er liebt keine Szenen und geht wortlos hinaus, während der andere, das hört er wohl, hämisch hinter ihm herlacht. Was gemein ist, kann nicht ans Gute glauben! sagt er grimmig, als er auf die breite Steintreppe hinaustritt über den Platz sieht, den der kalte und naffe Märzwind bestreicht. Und weih lange nicht, was ihm geschieht, als er etwas Nasses auf feiner Backe fühlt, das unter der Brille herablief, und darüber er auf einmal von innen her selig befreit ist. Das Lotterielos. Non Richard 5) ue l f e n b e tf. Das war in der Kneipe zu Buridans Esel im Hafenviertel von St. Franzisko. Tom Barker und Bill Goose saßen hinter den klirrenden Eiscrömesodagläsern. „Verfluchte Zeit", sagte Bill. „Ganz blöde Zeit", meinte Tom. Darauf kam der Kellner und goß ihnen aus einer dicken, bauchigen Flasche etwas Scharfes in die Gläser. „Es wird bester", sagte Bill. „Die Sonne scheint", meinte Tom. Sie saßen eine zeitlang schweigsam und horchten auf den Straßen lärm; der Kellner, ein Mann mit einer Narbe quer über das Gesicht, bewegte sich lautlos hinter der Bar, auf der eine Reihe von Milchtöpfen friedlich rasteten. „Also neulich," begann Bill, „ist mir was Merkwürdiges passiert. Ich liege in meinem Bett in dem Zimmer in der Jettystreet, weiht du, bei der Wirtin, über die du dich so lustig gemacht hast. Da läutet das Telephon..." „Nein ...", schnarrt Tom. , „ „Ich sage dir, es war das Telephon. Aber das ganz Merkwürdige tft die Zeit, zu der das Telephon raffelte. Es mochte ungefähr drei Uhr nachts fein .. .* "Das' fetzt dich natürlich in Erstaunen, aber es war drei Uhr nachts, mein Junge, ich gebe dir mein Ehrenwort. Eine dicke schwänze, unheimliche Nacht. Ms das Telephon raffelte, ging es mir kalt den Rücken herunter. Was kann in so einer unheimlichen Nacht nicht alles passieren? Wie? Ich drehe mich in meiner vertrackten Bettstelle um, daß sie knackt, wie wenn man Brennholz über dem Knie zerbricht ..." „Hallo..." . „Ich gebe dir mein heiliges Ehrenwort, Tom... genau so wie ich sage, wie wenn man Brennholz über dem Knie zerbricht. Ich drehe mich also in meiner vertrackten Bettstelle um, ziehe mir die Unterhosen an, gleite in meine Pantoffeln und bann ... hinunter ans Telephon. Ser Kopf rauchte mir. Weih nicht, ob bas von dem Whisky gekommen war, den Fred uns in die Milch gegossen hatte oder ob die Angst mir im Schädel saß. Ich also ans Telephon und den Hörer abgenommen ... Hallo hier Dill Goose ... was meinst du, wer am andern Ende steckte.. .?* „Soll ich wissen", murrte Tom und stierte in feinen ge- pfefferten Eiscrömesoda. ._, . „Hier Lotterieeinnehmer Spot ... William Spot ... Du weißt, der Mann mit der blauen Nase, der Immer mit aufgenffenem Maul geht, als wenn er Wert darauf legte, den Wind zu schlucken ... „Was war also los? Warum spannst du mich so auf die Folter r Was los war? Tom? Was los war? Du wirst dich wundern, daß ich noch hier sitze. Wenn es richtig zuginge, könnte ich jetzt schon aus eigener Jacht durch die Meere gondeln oder mir einen Luxuswagen kaufen oder ’nen Zirkus mieten für mich ganz alleine ... „Du bist übergeschnappt..." , ... . , „Weißt du, was er gesagt hat ...? Haben Sie nicht neulich bei mir das Los dreitausendfünfhundertfechsunbachtzig gekauft? Sind Sie nicht vielleicht Bill Goose, der Mann, der neulich wegen Betrunkenheit W Wochen Gefängnis abgesehen hat...?" "Sa^lehtere ist mir weniger angenehm zu hören, aber der Bill Goose Mn ich und bas Los habe ich auch gekauft. Es liegt unter meinen Strümpfen in der Nachttischschublade. Aber nun will ich wissen, Mist» Spot, warum Sie mich zu so ungewöhnlicher Zeit anlauten ... Weil Sie das große Los gewonnen haben, Mann ... schreit er, und ich falle Ml in Ohnmacht... eine Million Dollar — ich solle fast in Ohnmacht, als ich bas höre ... bas große Los ... Weißt du vielleicht, was das bedeutet, Tom...? „Wo hast du das Geld?", fragt Tom fachlich. „Das Geld? Mensch, laß mich auserzählen. Ich taumele zuruck, sos Vieh in den Stock Hards kriegt einen Schlag vor den Kops. Du wem es ... so taumele ich zurück, der Hörer klatscht gegen die ®anb. w komme, ich komme, Mister Spot, röchele ich ins Telephon ... ich komme, mir meine Million abzuholen ... hm ...“ . Tom hat die Hand von seinem Milchglas fortgenommen und frar» Dill an. Bill fuhr fort: , „Die Treppe hat Stufen, gut ... ich sehe keine Treppenstufen was soll ich Treppenstufen sehen ... ich fliege, Tom ... ich bin . e Jagdhund ... die Zunge hängt mir aus dem Hals ... mit einem Mm an den Nachttisch, die Strümpfe weg ... wollt Ihr wohl weg, ihr w dämmten Fußsäcke ... also das Los ... bas Los dreltausendfunfhunve sechsundachtzig..." , W „Wo war das Los? ..." ' * I „Es roar natürlich nicht da ..." ■ - - „Hab's mir gedacht ... hast's versoffen... verloren, verspielt.. „Ich hatt's verliehen ... einer ... weiht du, der Apfelsinenverkäufer aus der Golden House Street hatte mir fünf Dollar daraus geliehen ... es fiel mir ein ... wischte mir den Schweiß von der Stirn ... eine Million Dollar, Junge, Junge... also ..." „Was nun ...?" „Was nun? Wie dumm du fragst ... ich los in der Nacht... es war eine dicke gefährliche Nacht mit einem Nebel, wie er hier selten vor- kommt. Während ich renne, höre ich Polizeipfiffe an den Ecken, eine große Uhr schlägt über mir ... oder ist's ein Lautsprecher ...wo wohnt der Apfelsinenverkäufer ...er wohnt in einem Keller ... selbstverständlich ...ich weiß, daß er in einem Keller wohnt ...ich habe ihn ein Dutzend- mal gesehen ... gar nicht weit von der Jetty Street entfernt ... hm ... nun bin ich vorbeigelaufen ...ich laufe im Kreise herum wie ein Zirkus- pferb ... meinst du, ich finde den Keller ...?" „Hmsagt Tom. Er umkrampft wieder das Milchglas. „Dann find da Leute ... eine Menge Menschen. Wo kommen die Menschen zu dieser Nachtzeit her? In meiner Wut spreche ich einen schäbigen kleinen Burschen an, der so aussieht wie der Tom Bürden, du kennst ihn, den gerissenen Knabeir von der Asphalt-Versicherungs- kompagnie. Ich sage scharf: „Wie kommt es, daß Sie zu einer Zeit, in der anständige Menschen auf dem Rücken in ihren Betten liegen, hier beschäftigungslos auf der Straße stehen?" Der Kleine ist keineswegs ängstlich, nähert sich mir, faßt mich an einen Westenknopf und hebt sich auf die Zebeu, um mir was ins Ohr zu lagen. Es handelt sich um den buckligen Apfelsinenverkäufer, sagt er..." „Na, der Teufel auch..." „Derselbe, schrei ich, dem ich mein Los geliehen habe? Ich weiß nichts von Ihrem Los, meint der Kleine, es geht mich auch einen Dreck an, aber was den Apfelsinenverkäufer betrifft, so wird er von der Polizei wegen Mordes gesucht. Er hat seine Frau mit einem Beil erschlagen. Sehen Sie, da hinten kommt eine ganze Schar von Schußleuten, sie wollen ihn einkreisen und überrumpeln ... der Kleine dreht sich ab, die Menge schwillt an. Ich denke, er hat sie wegen des Loses erschlagen ... Himmeldonnerwetter..." „Das wird ja immer besser ... aber wo ist das Geld?" „Warte noch ein bißchen. Als ich so unter den Leuten stehe, die murmeln wie eine Anzahl Wasserfälle, schreit einer ... da hinten läuft «r..." „Er lief da wirklich .. .?* „Ich sehe auch jemand laufen, eine kleine bucklige Gestalt ... er ist es ... er kann's nur sein ... ich mache einen mächtigen Satz ... he ... meine Beine hämmern die Straße ... die Häuser fliegen an mir vorbei ...ich werde immer wütender... einmal schlage ich mit der Hand gegen eine Laterne ... dumm ... es blutet ... aber der Buckel rückt uäk>er ... da ... noch einmal ... bautz ... da ... jetzt hab' ich ihn ..." „Du hast ihn wirklich bekommen ...?" „Ich habe ihn wirklich bekommen ... ich schreie ... gib mir das Los, Halunke ... das mit deiner Frau geht mich nichts an ..." „Und die übrigen Menschen, die Polizei...?" „Waren weg ... die Straße leer ... er sagt, ich hab's nicht ... ich bringe dich um, Halunke, schreie ich ... wir packen uns, wir ringen ... er kann mir nicht lange widerstehen ... er ist klein und bucklig ... ich schüttele ihn durch, gebe ihm einen Klaps gegen den Kopf und lege ihn wie ein Paket auf die (Straffe ..." „Teufel noch mal ..." „Hm ... und bann ziehe ich ihm das Los aus der Westentasche ... M war das Los Dreitausendfünfhundertfünfundachtzig..." Tom fängt an, fürchterlich zu grinsen. „3d, hatte mich geirrt ... Mister Spot hatte sich geirrt..." „Aber die ganze Sache ist doch ein Traum, nicht wahr ...?" „Natürlich war es ein Traum, Tom... ich erwachte schweißtriefend in meiner Bettstelle ... es war ein Traum, Tom ... aber doch eine sehr, sehr merkwürdige Sache..." „Warum merkwürdig, alter Esel ...?" „Weil das Los Dreitausendfünfhundert sechsundachtzig gewonnen hat. Ich erfuhr es am folgenden Tag aus den Zeitungen, eine Million." „Da bleibt einem die Spuck« weg..." Der Kellner bringt neue Milch mit Whisky; Tom und Bill reden von enteren Singen, sie betrinken sich langsam. Unterm Birnbaum. Don Theodor Fontane. (Fortsetzung.) Es war unausbleiblich, daß diese Rechtsertigungsrede zugleich zur Anklage gegen alle diejenigen wurde, die sich in der Hradschecksache so wenig freundnachbarlich benommen und durch allerhand Zuträgereien entweder ihr Uebelwollen ober doch zum mindesten ihre Leichtfertigkeit und Unüberlegtheit gezeigt hatten. Wer in erster Reihe damit gemeint war, konnte nicht zweifelhaft sein, und vieler Augen, nur nicht die der Bauern, die, wie herkömmlich, keine Miene verzogen, richtete sich auf die mitsamt ihrem „Lineken" auf der vorletzten Bank sitzende Mutter Jeschke, der Kanzel grab' gegenüber, dicht unter der Orgel. Sine, sonst ein Muster von Nicht- verlegenwerden, wußte doch heute nicht wohin und verwünschte die alte Hexe, neben der sie das Kreuzfeuer so vieler Augen aushalten mußte. Mutter Jeschke selbst aber nickte nur leise mit dem Kopf, wie wenn sie jedes Wort billige, das Eeeelius gesprochen, und fang, als die Predigt aus war, den Schlußvers ruhig mit. Ja, sie blieb selbst unbefangen, als sie draußen, an den zu beiden Seiten des Kirchhofweges stehenden Frauen vorbeihumpelnd, erst die vorwurfsvollen Blicke der Aelteren und dann bas Kichern der Jüngeren über sich ergehen lassen mußte. Zu Hause sagte Line: „Das war eine schöne Geschichte. Mutter Jeschke. Hatte mir die Augen aus dem Kops schämen können." „Bis doch sünnst nicht so." „Ach was, sünnst. Hat er recht oder nicht? Ich meine, der Mr drüben?" „Ick weet nich, Line", beschwichtige die Jeschke. „He möt ei jotz werten." XIII. „He möt et joa werten", hatte die Jeschke gesagt und damit ausgesprochen, wie sie wirklich zu der Sache stand. Sie mißtraute Hradscheck nach wie vor; aber der Umstand, daß Eeeelius von der Kanzel her eine Rechtfertigungsrede für ihn gehalten hatte, war doch nicht ohne Eindruck auf sie geblieben und veranlaßte sie, sich einigermaßen zweifelvoll gegen ihren eigenen Argwohn zu stellen. Sie hatte Respekt vor Eeeeelius, trotzdem sie kaum weniger als eine richtige alte Hexe war und die heiligen Handlungen der Kirche ganz nach Art ihrer sympathetischen Kuren ansah. Alles, was in der Welt wirkte, war Sympathie, Bespred)ung, Spuk, aber dieser Spuk hatte doch zwei Quellen, und der weihe Spuk war stärker als der schwarze. Demgemäß unterwarf sie sich auch (und zumal wenn er von Altar oder Kanzel her sprach), dem den weißen Spuk vertretenden Eeeelius, ihm sozusagen die sicherere Bezugsquelle zugestehend. Unter allen Umständen aber suchte sie mit Hradscheck wieder aus einen guten Fuß zu kommen, weil ihr der Wert einer guten Nachbarschaft einleuchtete. Hradscheck seinerseits, statt den Empfindlichen zu spielen, wie manch anderer getan hätte, kam ihr dabei aus halbem Wege entgegen und war überhaupt von so viel Unbefangenheit, daß, ehe noch die Fastenabendpsann- kuchen gebacken wurden, die ganze Szulskigeschichte so gut wie vergessen war. Nur Sonntag im Kruge kam sie noch dann und wann zur Sprache. „Wenn man wenigstens de Pelz wedder in die Hücht käm ..." „Na, du wührst doch den Pohlfcheu fielt* Pelz nich antrecken wullu?" „Nich antrecken? Worümm nich? Dat de Pohlsche drinn wihr, dat deiht em nix. Un mi ook nid). Un wat sünnst noch drin wihr, na, bat wahrtz nu joa lootl rut sinn." „Joa, joa. Dat wahrd nu joa woll rut sinn." Und dann lachte man und wechselte das Thema. Solche Scherze bildeten die Regel, und nur selten war es, daß irgendwer ernsthaft auf den Fall zu sprechen kam und bei der Gelegenheit seine Verwunderung ausdrückte, daß die Leiche noch immer nicht angetrieben sei. Dann aber hieß es, „der Tote lieg' im Schlick, und der Schlick gäbe nichts heraus, ober doch erst nach fünfzig Jahren, wenn das ange« schwemmte Vorland Acker geworden sei. Dann würd' er mal beim Pflügen gefunden werden, gerab* so wie der Franzose gefunden wär'". Ja, gerade so wie der Franzose, der jetzt überhaupt die Hauptsache war, viel mehr als der mit seinem Fuhrwerk verunglückte Reisende, was eigentlich auch nicht wundernehmen konnte. Denn Unglücksfälle wje der Szulskische waren häufig, oder wenigstens nicht selten, während der verscharrte Franzos unterm Birnbaum alles Zeug dazu hatte, die Phantasie der Tschechiner in Bewegung zu setzen. Allerlei Geschichten wurden aus« gesponnen, auch Liebesgeschichten, in deren einer es hieß, daß Anno 13 ein in eine hübsche Tschechinerin verliebter Franzose beinah täglich von Küstrin her nach Tschechin gekommen sei, bis ihn ein Nebenbuhler er- fchlagen und verscharrt habe. Diese Geschichte ließen sich auch die Mägde nicht nehmen, trotzdem sich ältere Leute sehr wohl entfannen, daß man einen Chasseur- oder nach anderer Meinung einen Doltigeurkorporal einfach wegen zu scharfer Fouragierung beiseite gebracht und still gemacht habe. Diese Besferwissenden drangen aber mit ihrer Prosageschichte nicht durch, und unter allen Umständen blieb der Franzose Held und Mittelpunkt der Unterhaltung. All das kam unserem Hradscheck zustatten. Aber was ihm noch mehr zustatten kam, war bas, baß er benfelben „Franzosen unterm Birnbaum" nicht bloß zur Wiederherstellung, sondern sogar zu glänzender Aufbesserung seiner Reputation zu benutzen verstand. Und bas tarn so. Nicht allzu lange nach seiner Entlassung aus der Untersud)ungshaft war in einer Kirchen-Gemeinberatssitzung, der Eeeelius in Person präsidierte, davon die Rede gewesen, dem Franzosen auf dem Kirchhof ein christliches Begräbnis zu gönnen. „Der Franzose sei zwar," so hatte sich der den Antrag stellende Kunicke geäußert, „sehr wahrscheinlich ein Ka- tholscher gewesen, aber man dürfe das so genau nicht nehmen; die Katholschen seien bei Licht besehen auch Christen, und wenn einer schon fo lang in der Erde gelegen habe, bann sei's eigentlich gleich, ob er den gereinigten Glauben gehabt habe ober nicht." Eeeelius hatte dieser echt Kunickschen Rede, wenn auch selbstverständlich unter Lächeln, zugestimmt, und die Sache war schon als angenommen und erledigt betrachtet worden, als sich Hradscheck noch im letzten Augenblick zum Worte gemeldet hatte. „Wenn der Herr Prediger das Begräbnis auf dem Kirchhofe, der, als ein richtiger christlicher Gottesacker, jedem Christen, evangelisch oder katholisch, etwas durchaus Heiliges sein müsse, für angemessen ober gar für pflichtmäßig halte, so könne es ihm nicht einfallen, ein Wort dagegen jagen zu wollen; wenn es aber nicht ganz so liege, mit anderen Worten, wenn ein Begräbnis daselbst nicht absolut pflichtmäßig sei, so spräch' er hiermit den Wunsch aus, den Franzosen in seinem Garten behalten zu dürfen. Der Franzose sei sozusagen sein Schutzpatron geworden, und kein Tag ginge hin, ohne daß er desselben in Dankbarkeit und Liebe gedenke. Das sei bas, was er nicht umhin gekonnt habe, hier auszusprechen, und er setze nur noch hinzu, daß er, gewünschten Falles, die Stelle mit einem Gitter versehen oder mit einem Buchsbaum umziehen wolle." Die ganze Rede hatte Hradscheck mit bewegter und die Dankbarkeitsstelle sogar mit zitternder Stimme gesprochen, was eine große Wirkung auf die Bauern, gemacht hatte. „Bist ein braver Kerl", hatte der, wie alle Frühstücker, leicht zum Weinen geneigte Kunicke gesagt und eine Viertelstunde später, als er Woytasch und Eeeelius bis vor das Pfarrhaus begleitete, mit Nachdruck hinzugefetzt: „Un wenn's noch ein Ruffs wär'! Ader das is ihm alles eins, Ruff ober Franzos. Der Franzos hat ihm geholfen unb nu hilft er ihm wieder und läßt ihn eingittern. Ober doch wenigstens eine Rabatte ziehen. Unb wenn es ein Gitter wird, fo hat er's nicht unter zwanzig Taler. Und da rechne ich noch keinen Anstrich unb keine Vergoldung." Das alles war Mitte März gewesen, und vier Wochen später, als die Schwalben zum ersten Male wieder durch die Dorfgasse hinschossen, um sich anzumelden und zugleich Umschau nach den alten Menschen und Plätzen zu halten, hatte Hradscheck ein Zwiegespräch mit Zimmermeister Buggenhagen, dem er bei der Gelegenheit eine Planzeichnung vorlegte. „Sehen Sie, Buggenhagen, das Haus ist überall zu klein, überall ist angebaut und angeklebt, die Küche dicht neben dem Laden, und für die Fremden ist nichts da, wie die zwei Giebelstuben oben. Das ist zu wenig, ich will also einen Stock aufsetzen. Was meinen Sie? Wird der Unterbau ein Stockwerk aushalten?" „Was wird er nicht!" sagte Buggenhagen. „Natürlich Fachwerk!" „Natürlich Fachwerk!" wiederholte Hradscheck. „Auch schon der Kosten wegen. Alle Welt tut jetzt immer, als ob meins Frau zum mindesten ein Rittergut geerbt hätte. Ja, hat sich was mit Rittergut. Erbärmliche tausend Taler." „Na, na." „Nun, sagen wir zwei", lachte Hradscheck. „Aber mehr nicht, auf Ehre. Und daß davon keine Seide zu spinnen ist, das wissen Sie. Keine Seide zu spinnen und auch keine Paläste zu bauen. Also so billig wie möglich, Buggenhagen. Ich denke, wir nehmen Lehm als Füllung. Stein ist zu schwer und zu teuer, und was wir dadurch sparen, das lassen wir der Einrichtung zugute kommen. Ein paar Oefen mit weißen Kacheln, nicht wahr? Ich habe schon an Feilner geschrieben und angefragt. Und natürlich alles Tapete! Sieht immer nach 'was aus und kann die Welt nicht kosten. Ich denke, weiße; das ist am saubersten und zugleich das billigste." Buggenhagen hatte zugestimmt und gleich Ostern mit dem Umbau begonnen. Und nicht allzu lange, das Wetter hatte den Bau begünstigt, so war das Haus, das nun einen aufgesetzten Stock hatte, wieder unter Dach. Aber es war das alte Dach, die nämlichen alten Steine, denn Hradscheck wurde nicht müde, Sparsamkeit zu fordern und immer wieder zu betonen, „daß er nach wie vor ein armer Mann sei". Vier Wochen später standen auch die Feilnerschen Oefen, und nur hinsichtlich der Tapete waren andere Beschlüsse gefaßt und statt der weißen ein paar buntfarbige gewählt worden. c Anfangs, solange das Dachabdecken dauerte, hatte Hradscheck in augenscheinlicher Nervosität immer zur Eile angetrieben, und erst als die rechts nach der Kegelbahn hin gelegene Giebelwand eingeriffen und statt der Stuben oben nur noch das Balken- und Sparrenwerk sichtbar war, hatte sich seine Hast und Unruhe gelegt und Aufgeräumtheit und gute Laune waren an Stelle derselben getreten. In dieser guten Laune war und blteb er auch, und nur ein einziger Tag war gewesen, der ihm dieselbe gestört hatte. „Was meinen Sie, Buggenhagen", hatte Hradscheck eines Tages gesagt, als er eine aus dem Keller heraufgeholte Flasche mit Portwein aufzog. „Was meinen Sie, ließe sich nicht der Keller etwas höher wölben? Natürlich nicht der ganze Keller. Um Gottes willen nicht, da blieb am Ende kein Stein auf dem andern, und Laden und Wein- und Wohnstube, kurzum alles müßte verändert und auf einen andern Leisten gebracht werden. Das geht nicht. Aber es wäre schon viel gewonnen, wenn wir das Mittelstück, das grab' unter dem Flur hinläuft, etwas höher legen könnten. Ob die Diele dadurch um zwei Fuß niedriger wird, ist ziemlich gleichgültig; denn die Fässer, die da liegen, haben immer noch Spielraum genug, auch nach oben hin, und stoßen nicht gleich an die Decke." Buggenhagen widersprach nie, teils aus Klugheit, teils aus Gleichgültigkeit, und das einzige, war er sich dann und wann erlaubte, waren halbe Vorschläge, hinsichtlich deren es ihm gleich war, ob sie gutgeheißen oder verworfen wurden. Und so verfuhr er auch diesmal wieder und sagte: „Versteht sich, Hradscheck. Es geht. Warum soll es nicht gehen? Es geht alles. Und der Keller ist auch wirklich nicht hoch genug (ich glaube keine fünfeinhalb Fuß) und die Fenster viel zu klein und zu niedrig; alles wird stockig und multria. Muß also gemacht werden. Aber warum gleich wölben? Warum nicht lieber ausschachten? Wenn wir zehn Fuhren Erde 'raus nehmen, haben wir überall fünf Fuß ini ganzen Keller und kein Mensch stößt sich mehr die kahle Platte. Nach oben hin wölben macht bloß Kosten und Umstände. Wir können ebensogut nach unten gehen." Hradscheck, als Buggenhagen so sprach, hatte die Farbe gewechselt und sich momentan gefragt, „ob das alles vielleicht 'was zu bedeuten habe?" Bald aber von des Sprechenden Unbefangenheit überzeugt, war ihm seine Ruhe zurückgekehrt. „Wenn ich mir's recht überlege, Buggenhagen, so lassen wir's. Wir müssen auch an das Grundwasser denken. Und ist es solange so gegangen, so kann's auch noch weiter so gehen. Und am Ende, wer kommt in den Keller? Ede. Und der hat noch lange keine fünf Fuß." * Das war einige Zeit vor Beginn der Manöver gewesen, und wenn es ein paar Tage lang ärgerlich und verstimmend nachgewirkt hatte, so verschwand es rasch wieder, als Anfang September die Truppenmärsche begannen und die Schwedter Dragvner als Einquartierung ins Dorf kamen. Das Haus voller Gäste zu haben, war überhaupt Hradschecks Vergnügen, und der liebste Besuch waren ihm Rittmeister und Leutnants, die nicht nur ihre Falsche trauten, sondern auch allerlei wußten und den Mund auf dem rechten Fleck hatten. Einige verschworen sich, daß ein Krieg ganz nahe fei. Kaiser Nikolaus, Gott sei Dank, fei höchst unzufrieden mit der neuen französischen Wirtschaft, und der unsichere Passagier, der Louis Philipp, der doch eigentlich bloß ein Waschlappen und halber Kretin fei, solle mit seiner ganzen Konstitution wieder beiseite geschoben und statt seiner eine bourbonische Regentschaft eingesetzt oder vielleicht auch der vertriebene Karl X. wieder zurückgeholt werden, was eigentlich das beste fei. Kaiser Nikolaus habe recht, überhaupt immer recht! Konstitution fei Unsinn und das ganze Bürgerkönigtum die reine Phrasendrescherei. Wenn so das Gespräch ging, ging unferm Hradscheck das Herz auf, trotzdem er eigentlich für Freiheit und Revolution war. Wenn es aber Revolution nicht fein konnte, so war er auch für Tyrannen Bloß ge. pfeffert mußte sie sein. Aufregung, Blut, Totschießen — wer ihm üas leistete, war fein Freund, und so kam es, daß er über Louis Philipp mit zu Gerichte faß, als ob er die hyperloyale Gesinnung feiner Gäste geteilt hätte. Nur von Ede sah er sich noch übertroffen, und wenn dieser durch die Weinstube ging und ein neues Beefsteak ober eine neue Flasche brachte, so lag allemal ein dümmliches Lachen auf seinem Gesicht, wie wenn er sagen wollte: „Recht so, ’runter mit ihm, alles muß um eitlen Kops kürzer gemacht werden." Ein paar blutjunge Leutnants, die diese komische Raserei wahrnahmen, amüsierten sich herzlich über ihn und ließen ihn mittrinken, was alsbald dahin führte, daß der für gewöhnlich fo schüchterne Junge ganz aus feiner Reserve heraustrat und sich gelegentlich selbst mit dem sonst so gefürchteten Hradscheck auf einen halben Unterhaltungsfutz stellte. „Da, Herr", rief er eines Tages, als er gerade mit einem Korbe voll ' Flaschen wieder aus dem Keller heraufkain. „Da, Herr; das hab' ich eben unten gefunden." Und damit schob er Hradscheck einen schwarzüberspon- nenen Knebelknopf zu. „Sind solche, wie der Polsche an seinem Rock hatte." Hradscheck war kreideweiß geworden und stotterte: „Ja, hast recht, waren größer. Solche kleinen wie die, die hatte Hermannchen, uns' Lütt- Hermann, an seinem Pelzrock. Weißt du noch? Aber nein, da warst du noch gar nicht hier. Bring' ihn meiner Frau; vergiß nicht. Oder gib ihn mir lieber wieder; ich will ihn ihr selber bringen." Ede ging, und die zunächst sitzenden Offiziere, die Hradschecks Erregung wahrgenommen hatten, ober nicht recht wußten, was sie daraus machen sollten, standen auf und wandten sich einem Gespräch mit anderen Kameraden zu. -r- Auch Hradscheck erhob sich. Er hatte den Knebelknopf zu sich gesteckt und ging in den Garten, ärgerlich gegen den Jungen, am ärgerlichsten aber gegen sich selbst. „Gut, daß es Fremde waren, und noch dazu solche, die bloß an Mädchen und Pferde denken. War's einer von uns hier, und wenn auch bloß der Oelgötze, der Onaas, fo hatt' ich die ganze Geschichte wieder über den Hals. Auf passen, Hradscheck, aufpaffen. Und das verdammte Zusammen- fahren und sich Verfärben! Katt Blut, oder es gibt ein Unglück." So vor sich hinsprechend, war er, den Blick zu Boden gerichtet, schon ein paarmal in dem Mittelgang auf und ab geschritten. Als er jetzt wieder aufsah, sah er, daß die Jeschke hinter dem Himbeerzaune stand und ein paar verspätete Beeren pflückte. „Die alte Hexe. Sie lauert wieder." Aber trotzalledem ging er auf sie zu, gab ihr die Hand und sagte! „Nu, Mutter Jeschke, wie geht's? Lange nicht gesehen. Auch Elnquartie- / rung?" „Nei, Hradscheck." „Dber is Line wieder da?" „Net, Lineken ook nid). De is joa jitzt in Küsirin." „Bei wem denn?" „Bi School-Jnspekters. Un doa will fe nich weg ... Hüren's, Hradscheck, ick glöw, de School-Jnspekters sinn ook man so ... Awerr wat hebben Se denn? Se sehn joa ganz geel ut. Un hier so ’ne Falt'. O, Se möten sich nich ärgern, Hradscheck." „Ja, Mutter Jeschke, das sagen Sie wohl. Aber man muß sich ärgern. * Da sind nun die jungen Offiziere. Na, die gehen bald wieder und sind auch am Ende so schlimm nicht und eigentlich nette Herrchen und immer fidel. Aber der Ede, dieser Ede! Da hat der Junge gestern wieder ein halbes Faß vel auslaufen lasten. Das ist doch über den Spaß. Wo soll , man denn das Geld schließlich hernehmen? Und dann die Plackerei treppauf, treppab, und die schmalen Kellerstufen halb abgerutscht. Es ist zum Halsbrechen." „Na, Se hebben joa doch nu Buggenhagen bi sich. De künn joa doch ne nije Trepp moaken." „Ach, der, der. Mit dem ist auch nichts; ärgert mich auch. Sollte mir da den Kellner höher legen. Aber er will nicht und hat allerhand Ausreden. Oder vielleicht versteht er's auch nicht. Ich werde mal den Küstriner Maurermeister kommen lassen, der jetzt an den Kasematten herumflickt. Der muß Rat schaffen. Und bald. Denn der Keller ist eigentlich gar kein richtiger Keller; is bloß ein Loch, wo man sich den Kopf stößt." „Joa, joa. De Wlenstuw' sitt em to sihr upp’n Nacken." „Freilich. Und die ganze Geschichte hat nicht Luft und nicht Licht. Und warum nicht? Well kein richtiges Fenster da ist. Alles zu klein und zu niedrig. Alles zu dicht zusammen." „Moll, roolr, stimmte die Jeschke zu. „Jott, ick roeet noch, as de Pohlsche hier wlhr und bat Licht (immer fo blinzeln deih. Joa, wo wihr bat Licht? Wihr et In be Stuw' o’r wihr et in’n Keller? Ick roeet et nich." Alles klang fo pfiffig und hämisch, und es lag offen zutage, daß sie sich an ihres Nachbarn Verlegenheit weiden wollte. Diesmal aber hatte sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht und die Verlegenheit blieb chließlich auf ihrer Sette. War doch Hradscheck seit lange schon willens, hr gegenüber, bei sich bietender Gelegenheit, mal einen andern Ton anzuschlagen.. Und so sah er sie denn jetzt mit feinen durchdringenden Augen scharf an und sagte, sie plötzlich in der dritten Person anredend: „Jeschken, ich weiß, wo sie hin will. Aber weiß sie denn auch, was eine Verleumdungsklage ist? Ich erfahre alles, was sie so herumschwatzt; aber seh' sie sich vor, sonst kriegt sie's mit dem Küstriner Gericht zu tun; sie ist ’ne alte Hexe, das weiß jeder, und der Iustizrat weiß es auch. Und er wartet bioii noch auf eine Gelegenheit." Die Alte fuhr erschreckt zusammen. ,Lck meen' joa man, Hradscheck, ick meen’ joa man .,. Se roeeten doch, en beten Spoaß möt sinn." „Nun gut. Ein bißchen Spaß mag sein. Aber wenn ich euch rate« kann, Mutter Jeschke, nicht zuviel. Hört Ihr wohl, nicht zuviel." Und damit ging er wieder auf das Haus zu. (Fortsetzung folgt.) ' ' M Ahe bimr Dorf lidjei Frer steig Stin in se den Geh, Kör; gold- koler neue ? ächtl streck Dan weif -oft: ounl Filz: den Kap Rück zur c nebe Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühl’fche UnlverfitätS-Vuch-> und Steindruckerei, V. Lange, Giehe«.