SicheiierZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Irhrgang <929 Montag, den 25. Februar Nummer |6 Kulinarisches Gedicht. Von Otto Julius Bierbaum. Fehlt dir, o Mensch, die Harmonie In deinem Innenleben, So wird dich eine Symphonie Zu reinem Höhen heben. Aus Sauerkraut besteht sie und Schweinehaxen, rosig runden. Und war dein Herze noch so wund. Es wird sogleich^ gesunden. Dionys Rappengtück. Novelle von Alfons v. C z i b u l k a. Nomen est omen. Die alten Lateiner waren doch gescheite Leute, und wo sie recht hatten, hatten sie recht. So war auch die Geschichte des Dionys Rappenglück, dessen Unglück in einem Jahre begann, da ein junger Wein trefflich geraten, eigentlich schon seinen beiden Namen prophetisch an« gedeutet. Freilich im anderen Sinn« als etwa der Schulmeister des Dorfes, In dem Dionys geboren und erzogen worden war, es meinte. Dieser Schullehrer hatte einiges über die Alten und deren Götter gelesen. Darum pflegte er, als der Junge immer ungebärdiger heranwuchs und überhaupt das Leben als einen Hauptspaß anzusehen schien, zu sagen, daß es ja anders gar nicht fein solle, denn er mache damit nur seinem Vornamen Ehre. Und ein Dyonisos könne eben nicht anders als dionysisch leben. Nur übersah der Gute dabei, daß Dionys nicht nur Dionysos, sondern auch Rappenglück hieß. Was man dem Lehrer aber verzeihen muß. Denn da des Jungen Vater Roßhändler war wie jd>on sein Großvater und Urahn«, so schien dem Schulmeister der Name Rappenglück genügend angedeutet. Ein Roßtäuscher ist noch niemals verhungert. Wenigstens nicht In jenen Zeiten, in denen noch Pferde und nicht Maschinen über die Landstraßen liefen. Darum war auch Vater Rappenglück ein Mann, der seinen Sohn studieren lassen konnte. So wurde Dionys ein dionysischer Student, raufte und soff etliche Jahre an den Universitäten herum und wurde schließlich Doktor der Rechte. Welchem Berufe er sich aber zu wenden sollte, das wußte er, von der Hochschule heimgekehrt, selber noch nicht. Fürs erste war ein täglicher Besuch in irgendeiner Weinschenke alles, was er tat. Weil aber darüber mehr Zeit verging, als man auch einem Doktor nach anstrengendem Studium zubilligen konnte, so meinte Vater Rappenglück, daß es bei diesem Berufe nicht bleiben könne. Da er auch merkte, daß diese Vorliebe zum Traubensast zu einem Unglück fuhren könnte, so hielt er seinem Sohn des öfteren vor, daß der Wein zwar eine (Babe Gottes fei, wie das tägliche Brot, doch mit Unmaß genossen, leicht zu einem Instrument des Teufels werde. Was freilich nichts fruchtete. Denn wann hätten jemals die Jungen auf den Rat der Alten gehört? Darum erkannte Rappenglück der Aeltere — als ein Roßhändler in allen Schlichen des Lebens erfahren, daß hier nur eines noch helfen könne. Und er spießte seinen Sohn als Köder an die Eheangel, mit der man Mütter schöner Töchter sängt. Dieser Fang war nicht schwer. Denn erstens war der Dionys als der Sohn des Rappenglück ohnehin eine begehrte Partie und zweitens — wie sich das bei seinem Vornamen geziemte — ein großes, schönes Manns- vild, dessen Anblick allein schon allen Weibern di« Köpfe verdrehte. So dauerte es nicht lange, bis man vernahm, daß der Doktor die Tochter des Landrichters heiraten werde, der als ein wohlhabender Mann in einem nahen Städtchen am Rhein amtierte. Wenn dieses Gerücht auch den Tatsachen vorauseilte, so war es doch schon so, daß Dionys und die Liselotte in einander verliebt waren, wie junge Leute es nur fein können. Und auch Vater Rappenglück und der Landrichter hatten sich über die Angemessenheit dieser Verbindung schon lange geeinigt. So scyien alles seinen wohlgeordneten Gang zu nehmen. Umsomehr als die schlank« Liselotte mit ihrem schwarzen Haar ein so Schönes und dabei handfestes Frauenzimmer war, daß der Dionys wahrhaftig plötzlich vom Weine ließ. Es fehlte nichts weiter mehr, als daß der junge Doktor in seinem schönsten, Sonntagsstaate nach dem drei Stunden entfernten Nheinstädtchen reite, um dort die Eltern der Liselotte um deren Hand zu bitten. Was zwischen den beiden Vätern für einen Sonntag im Mai auch beschlossen wurde. Dieser Tag war mäßig warm, und so ließ es sich prächtig auf der Landstraße traben, die zwischen einer Allee von Obstbaumen, deren Dlütenschnee schon fiel, zum Rheine führte. In einem scharlachroten Rock, «iner grünen Weste, gelbledernen Hosen und mächtigen Kanonenstieseln, dazu auf dem schönsten Pserde seines Vaters, einem schweren, doch edel- blütigen Rappen, war Dionys auf dieser Brautfahrt prächtig anzusehen. Und weil der Nachmitag heiß geworden war, hatte er den Dreispitz an ue Satteltasche gehängt und ließ feine blonde Mähne im Winde flattern. Dazu pfiff er sich eins, denn er sah an diesem Tage den Himmel feines Lebens voller Geigen. So kam er fast bis an den Rhein. Eben als die Straße sich über einen Hohenzug senkte, in der Tiefe schon der Strom und das ferne Städtchen 311 sehen war, wohin es ihn zog, überholte er vor einem Dorfe an der Biegung der Straße drei preußische Grenadiere, die mißmutig rheinwärts marschierten. .. Wie alle dionysischen Temperamente war er ein freundliches Menschen- kind. Darunr rief er den Grenadieren, als er an ihnen vorüberritt, einen nötigen 0ruj5 au. Sos ift sein Unglück gewesen. Denn der älteste, ein Feldwebel, dessen Gesicht nur aus einem Schnauzbart zu bestehen schien hatte kaum den langen, prächtigen Kerl auf dem schönen Rappen gesehen als er schon seinen einen Kameraden grinsend in die Seite stieß und dem Reiter zunes: „He. Freund, wißt Ihr den besten Wein im Ort?" Das war nun gerade das. was man den Dionys nicht fragen durste Benn es war sein Ehrgek. auf zehn Meilen im Umkreis jede Schenke und leben Wem zu kennen. Darum antwortete er auch gleich lachend: „Doch. Herr Feldmarschall, marschiert mir nur nach!" w Sann ritt «r wie ein siegreicher Feldherr an der Spitz« seines Heeres vor den Grenadieren her durch das Dorf, das schon auf halber Höhe des Hanges lag. Bog dann auf einen Feldweg ein, der zwischen den Reben wieder hugelan führte, und hielt bald vor einer windschiefen, verrauchten Steinhutt«, vor der zwei wackelige Tische standen, neben denen, schwarz wie ein Hohlenloch, die Kellertür in die Tiefe des Berges führte. Dort rief er: „Hier — gelegne Euchs Gott!" wandte fein Pferd und wollt« zur Straße zurück. Doch der Feldwebel vertrat ihm den Weg. „Worum so schwach, Junker? Gebt uns doch die Ehr«, für Euren guten Rat ein Glas Wein mit uns zu leeren. Auf des Königs Wohl!" Nun wollte Dionys zwar nicht. Doch weil er zu höflich war, um ab- Zuschlägen, vielleicht auch selbst gerade Durst verspürte, sprang er aus dem fte'en """d ',2tUf tin Viertelstündchen nur. Ich muß heul« noch Und bann saßen sie zu viert vor dem Kellerloch. Rappenglück zwischen den beiden Grenadieren, die wie eine Wache neben ihm 'hockten. Ihm gegenüber der Feldwebel, über seinem Schnauzbart mit den Augen funkelnd. Doch weil der junge Wein so duftete — es war der, der damals so trefflich geraten, der Gaumen trocken vom Ritte war, Dionys von seiner Liebsten erzählen mußte, so wurden aus der einen Viertelstunde zwei. Und da er hastig trank, denn er wollte doch weiter, aber des Weines fast entwöhnt war, so kam es, daß ihm der Zweck seines Rittes bald nur mehr als ein fernes Erinnern oorschwebte und selbst dieses rasch gänzlich erlosch. Freilich wunderte es ihn, daß, obgleich die Dorfuhr doch eben erst Drei geschlagen, über dem Tale schon das Abendläuten schwang und gleich barauf der Mond silbern über dem schwarzen Dache der Hütt« stand. Doch eigentlich auch gar nicht über der Hütte, sondern durch sonderbare Stäbe schien, bi« sich mit ihm, bem Dionys, knarrend fortbewegten. Und gänzlich ungereimt kam es ihm vor. daß wieder nur einen Augenblick spater die pralle Sonne ihm auf die Nase brannte. Das begriff er nicht. Bis er sich erheben wollte. Da freilich merkte er, baß er, gebunden wie ein Kalb, auf einem Leiterwagen lag, ein wenig Stroh unter sich ?infte, über seinen Füßen auf einem Brett bk Grenadiere von gestern aßen und hinter dem rumpelnden Gefährt angehalftert der Rappe lief. Eben als Dionys ein wenig stöhnte, weil ihm die Glieder schmerzten, drehte sich der Schnauzbart, der gerade mit der Peitsche nach den Pferden gescklagen, halb nach ihm um und fragte, höhnisch grinsend: „Aus- geschlafen, Junker?" Doch als Rappenglück mit einem Fluche antwortete, wnk ihm fein Unglück zu hämmern begann, fauchte ihn der Feldwebel an: „Maul halten!" und schob ihm einen Wisch unter die Nase, auf dem er, wie der andere sagte, lesen könne, daß er König Friedrichs des Zweiten Rekrut fei und die Kriegsarlikel beschworen habe. Was er, wie er wohl nicht leugnen werde, mit feiner Unterschrift „Dionys Rappenglück" bestätigt habe. Womit für ihn der Wein nun wirklich zu einem Instrument des Teufels geworden war. Damit wäre eigentlich die Geschichte zu Ende. Denn da den preußischen Werbern so leicht keiner wieder entkam und der Eid auch galt, wenn er im Rausche geschworen, so war es mit der Liselotte nun nichts. Doch alles im Leben hat zwei Seiten, und wenn einer ein Glückskind ist, kann ihm das Rech nichts anhaben, auch wenn er mitten darinnen sitzt. Damm kam auch Dionys nicht zu des Königs Grenadieren, sondern samt seinem Rappen zu den Dragonern, wo es schon luftiger herging. Doch weil er bei den Preußen nicht annncieren konnte, es dort auch für sein Temnerament zu nüchtern fand, desertierte er zu den Oesterreichern, wo «s ihm schon ein wenig dionysischer zuzugehen schien. Dort hat er es bis zum Obristen gebracht. Allein seine Liselotte konnte er nicht vergessen, so Satz er unbeweibt blieb. Dreißig Jahre vergingen, bis er wieder zum Rhein kam. Da war er schon ein eisgrauer Haudegen mit einem so schönen Schnauzbart, wie ihn der Feldwebel der Werber besessen. In dem Städtchen, wo er jein Glück verloren, schritt er ein wenig wehmütig zum Hause des Landrichters. Dort saß nun freilich schon längst ein andrer drin. Doch weil dieser, selbst schon bei Jahren, als ein Witwer ein einsames Leben führte, lud er den Odristen in seinen Garten zum Abendbrot. Und wie der Wein chon die Zungen löst, so erzählte Rappenglück dem Richter, als das Windlicht am Tische stand und die Mücken dran schwärmten, von seinen Abenteuern, und wie die Liselotte nun wohl eine alte Jungfer geworden. Da seufzte der andere, drehte nachdenklich an seinem Glase und sprach: „Ja, Obrift, daran war der Tcufelswein schuld, den man damals zum ersten Male trank und der hier vor Euch steht. Lang ist's her. Doch eine alte Jungfer, wie Ihr meint, ist die Liselotte nicht geworden. Die ist sechsundzwanzig Jahre meine Frau gewesen und hat mir das Leben sauer gemacht. Dort drüben ruht sie. Gott hab sie selig!" Da lachte der alte Obrist Rappenglück fröhlich wie ein Junger, strich den weißen Schnauzbart nach Soldaienart, hob das Glas, daß das Windlicht golden darin funkelte und rief: „Run denn, dann foll der preußische Werber leben und dieser Teufelswein dazu!" Fahrt durch den Panama-Kanal. Von Alfons Goldschmidt (Panama). Ich hatte ein wenig Angst vor der Fahrt durch den Panama-Kanal. Aber man soll nicht glauben, was die Leute einem über Temperaturen und Landschaften erzählen. Bis fetzt war es immer anders. Nordamerika, Mexiko, Zentralamerika habe ich völlig verschieden von den Schilderungen in Büchern oder aus Reisendenmund gefunden. Saftig, voll von Abwechslungen, im allgemeinen sauber, die Menschen gütig. Man hatte mir von mexikanischen Riesenwüsten, von Dreck in Zentralamerika, von permanenten Räubereien erzählt. Die Wirklichkeit ist grundverschieden. In Costa Rica noch hatte man mir gesagt: auf der Fahrt durch den Panama-Kanal werden Sie vor Hitze umkommen. Cs war nicht kühl aber ich habe weniger Schweiß vergaffen als etwa in dem guatemaltcker Hafen Puerto Varrios oder in einer der überheizten Neuyorker Woh- nungen. Die Kanallandschaft ist wahrhaft lieblich. Der Panamakanal ist Überhaupt kein Kanal nach der üblichen Vorstellung. Er ist fast wie die Havel, mit Seen, entzückenden Windungen, Hügeln und Wiesen an den Ufern, auf denen Vieh grast, Palmen und Bambus wachsen und saubere Bungalow-Häuschen stehen. Nur die Kanalschleusen sind schnurstraks, alles andere ist Fluß-, See- und Userfreundlichkeit. Kurz nach Sonnenaufgang, der den Hafen von Cristobal und die Wasser der Bucht von Simon herrlich verklärte, fuhr der kleine Grace- dampfer „Santa Eliza" dem atlantischen Kanaleingang zu. Das ist kein Tor, keine Gewaltigkeit, sondern etwa eine Einfahrt wie in den Kaiser- Kanal bei Swinemunde Aber ausgestattet mit allen technischen Schikanen und mit den furchtbarsten Verteidigungsmitteln meilenweit. Der Kanal ift hier aufs beste geschützt gegen Sturmwellen aus der Bucht von Simon ?U Waffengewalt scheint fast unmöglich. Die „Santa Ctiza ,edoch gleitet durch diese Drohungen lächelnd weiter, den Riesen- jch.eusen von Gatun zu, begleitet von Fregattenvögeln und fröhlich springenden Fischen und gefolgt von vier Dampfern, die an diesem Morgen den Kanal passieren wollen. 1 Als wir uns dem Wunderwerk von Gatun nähern, jenen uns über ungeheure Betonbuckel elektrische Sokomotiven, die modernen Schleusen- Maultiere, mit vielem Geräusch entgegen. Ein großer roter Zeiger am oJn8?n,9 h3“[ schleuse fallt zum Zeichen, daß man bereit ist, das Schiff 85 Fuß hoch auf das Niveau des Gatunfees zu heben, der durch Ein- dammung des Flusses Chagres gebildet wurde. Die Sokomotiven werden * b ^"ler das Schiff gespannt, sie ziehen und halten es, bis wir HntPr u„c39-t 0P^ °r ?w Ausgang liegen. Ein zweiter Dampfer wird hinter uns eingeschleppt. Dann schließt sich die Einfahrt und der Schleu- senspiegel hebt sich schnell. Alles geschieht ohne Geschrei selbstverständ- Pin,lhnrw0Uth-matl^- 5Bir kahren in die nächste Schleuse und aus ihr in £.r».n?ru ' bu5 “,r- an ungeheuren, in den Kanal einlaßbaren Reparaturgestellen vorbei, den Spiegel des Gatunsees erreicht haben. laJ* 16,4 Ouadratmeilen groß. Er ist der größte fünft« fidje 6ee der Welt, mit etwa 184 Millionen Kubikfuß Wasser Wir lud|en®ainnrh fIi‘nen 3”,C? Töbcr in den sog. Culebra-Cut ober nach dem Ingenieur David E. Gail- fer GtcöTaebfeiMUhMe bUk"9 Unb Durchsprengung der Anden an die- @rünbP stm ffnh £ler E folgt der Kanal dem Tal des Rio hT ^A des Culebra-Cut liegen die Pedro-Miguel-Schleufen Locks bis auk wird. Dann sinken wir in den Miraslores- bem finfen Ä“ bcs Pazifischen Ozeans und legen in Balboa, im ff"'ber bindt Panama, am pazifischen Ausgang des Kanals an b« Palifi^lieaii "ellvos" , Südamerika einzunehmen. Der Spiegel JE.Spiegel des Atlantischen Ozcans. Acht Stunden etwa hat die Fahrt gedauert. Es stnd 44 08 nnufifrfis SWeilen. Das Ganze ist vielleicht das größte technische Werk auk der ffrhp SchstNUi^'ml^allen^W^''k P^u^wl'chkeiten für die int!rnationale Iiayn und mit allen Waffenschreckmssen für den Kricaskoll his m-it te%0Uftben 3nfcIn DOr der pazifische KanaleZahrt. D r Kanal ha N l?m" Tonnen ”7 Kapazität mi.^unkkreimichtungen ,u „-"tonncn in der Stunde. Die Oeltanks fassen 3 5 Million»» Lurusbn^« 9rf 8.°,6e.Süßwasseranlagen, die solidesten Piers,Hospitier hBnl1!' Spez'alv.eh für die Angestellten, dazu Trockendocks Ret-' 1 mnfhin^tnn" a Yr ° ° v' dessen die moderne Schiffahrt bedarf. Das 6 an der atlantischen Seite ist das schönste und bc in den amerikanischen Tropen. Vor feiner Wafferfront Indianer kn di? Ferne sucht ' be,fe" Wl ®^alt «n kleiner So scheint alles heiter, es ist eine Vergnügungsfahrt, und die Ameri- tarier kommen in der „Season" nach Colon ober Panama, um dort Tennis oder Golf zu spielen, bei Pferderennen zu wetten, Trips in die Jndioumgcgend zu machen, frische Kokosmilch zu trinken unb in den Swimming-poc!s elegante Famitienbad-Meetings zu veranstalten. Der Kanal ist eine „Attraktion" wie die Playa und die Spielsäle von Habana das „Myrtle-Vank"-Hotel auf Jamaika ober die Trinkgelage auf der Insel Nassau. Aber ich konnte nicht recht froh werden auf der schönen Fahrt, denn einen Tag vorher hatte ich von den Kanal-Gedenktafeln in den Vovedas bei Panama-Stadt, vor denen die Erinnerungssäule an die Toten des Kanals steht, die Kanalgeschichte abgelesen. Zehn Jahre nach der Eroberung Mexikos hatte der Kampf- unb Raubgenosse bcs Cortez, Alvaro de Saavebra, auf Veranlassung Karls V., ben ersten Panama-Kanal-Plan ausgearbeitet. Cortez hatte mit seiner feinen Witterung die außerordentliche Möglichkeit schnell erschnüffelt. Hätte nicht der Nachfolger Karls V., Philipp II., mit den Worten: „Der Mensch soll nicht trennen, was Gott vereint hat", das Profekt abgelehnt, fo märe schon vor Jahrhunderten das Werk versucht worben, wahrscheinlich mit noch gräßlicherem Resultat als in ben achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Ader die Stanalibec ruhte nicht. Einmal sollte die Wasserstraße durch ben Isthmus von Tehuantepec, bann durch ben Nicaragua- See, bann roieber durch die Panama-Enge gestochen werden, über die Balboa^ der Architekt Ferdinands des Katholischen, einen Weg nach der alten Stadt Panama angelegt hatte, auf dem die von Pizarro geraubten Goldschätze nach der atlantischen Küste geschleppt wurden. Auch der große südamerikanische Befreier Simon Bolivar gab Anfang des 19. Jahrhunderts Auftrag, einen Kanalplan auszuarbeiten. Aber erst auf dem Internationalen Panama-Kongreß in Paris, im Jahre 1879, wurde eine feste Bauentsch'iehung gefaßt. Ferdinand v. Lesseps, der Konstrukteur des Suez-Kanals, übernahm die technische Seitung und im Januar 1882 begannen die Ausschachtungsarbeiten. Die Kanalzone war damals eine der fiebrigsten Gegenden der Welt, voll von Moskitos und Miasmen. So. mußten 22 000 Arbeiter und Angestellte sterben. Auf einer der Erinnerungstafeln wird erzählt, wie Jules D i n g l e r, der im Jahre 1883 nach Panama kam, um die Ausschachtungen zu leiten, nach einigen Jahren mit den Leichen seiner Frau unb seiner zwei Kinder nach Europa zurückkehrte. Der Kanal fraß bermahen Menschenleben unb Geld, daß im Jahre 1888 die Arbeit aufgegeben werden mußte. 53 Millionen Pfund Sterling waren verloren. Nur 19 Meilen hatte man ausgeschachtet, es blieb die Trace, zerfallende Häuser unb ein Pestheer. Dann traten die Bereinigten Staaten in das Geschäft. Sie verhandelten mit der Regierung von Kolumbien, unb als die nicht wollte, gab es eine kleine Revolution in Panama, das damals eine Provinz .Kolumbiens war. Die Folge war die Übliche Autonomie. Die „befreite" Republik Panama trat die Kanalzone für wenig Geld an die 11. S. A. ab, unb feit 1913 zahlt der „große Bruber" im Norden jährlich 250 000 Dollar an die Republik Panama, deren Regierung diese Rente an ihre Angestellten verteilt. Durch außerordentliche sanitäre Maßnahmen wurde bas Fieber vertrieben, die gifttragenben Mücken sind verschwunben, die Panama-Kanal- Zone ist heute wie ein Luftkurort. Aber nachts jagen die Marine-Scheinwerfer von Colon und Panama ihre Lichtstrahlen gegen ben Himmel, um amerikanische Flieger zu suchen, die bork auf den Ernstfall hin manövrieren. Von der Geige bis Mr Pauke. Eine Plauderei über das moderne Orchester. Von Dr. Anton Mayer. Der Klangkörper des vielgestaltigen modernen Orchesters bildet zwar eine Einheit; aber sie wird von einer Menge charakteristischer Individuen sehr verschiedener Wesensart gebildet. Dem naiven Hörer kommt, besonders im Operntheater mit seinem verdeckten Musikerraum, das Tönen der unter Leitung des Dirigenten gleichsam zu einem Volumen gewordenen Kapelle als gewichtige Masse vor, aus der wohl einzelne Akzente austauchen, besonders ausfallende Tonfärbungen hervorstechen, und Schattierungen der Klangstärke zu erkennen sind; von dem Einzelleben, der Anwendung, den Ausdrucksmöglichkeiten, kurz vom Charakter der Orchester- inftrumente haben die wenigsten Opern- und Konzertfreunde eine Vorstellung. Natürlich läßt sich dieser Mangel sehr einfach damit erklären, daß mit Ausnahme der Violine und des Cellos die Orchesterinstrumente aus den Solovorträgen des Saalpodiums völlig verschwunden sind. Das moderne Orchester setzt sich aus drei großen Gruppen zusammen, die wieder untereinander geteilt sind: die Streicher, die Holz- und die Stahlbläser, denen sich die Schlag- und die Zupfinstrumente, Pauke, Becken, Glockenspiel usw., sowie ffarfe und in Spezialfällen wie z. B. beim Stündchen im „Don Juan", Mandoline ober Gitarre beigesellen. Die modernen Komponisten benutzen auch zur Erzielung besonderer Effekte das Klavier, wie Richard Strauß oder kürzlich Julius Bittner, der in feiner „Mondnacht" das Laufen und Klappern der Roulettekugel durch eine Pianoforte-Paffage auszudrücken versuchte, ohne gerade damit allzu erfolgreich zu sein. Die Streicher teilen sich in die ersten und zweiten Violinen, die — im Klang eine Oktave tiefer stehenden — Bratschen, die Celli und die Kontrabässe, so daß sich also die aus der Kammermusik bekannte Zusammensetzung des Streichquintettes wiederholt; sie bildet das Rückgrat des ganzen Orchesters, beherrscht die gesamte dramatische Tonskala von der tiefsten Tiefe bis zur höchsten, infolge der Flageolett-Möglichkeiten der Violinen beinahe unbegrenzten Höhe, und kennt mit Hilfe ihrer alle Schwierigkeiten überwindenden Technik keine Befchränkungen irgendwelcher Art. Der Reichtum an Klangkombinationen, den schon die Fünfteilung gewährt, ist ein ungeheurer; häufig aber werden aus der Masse der einzelnen Streichinstrumente Soloviolinen herausgelöst, deren füh- renbe Stimme nun allein über dem Tongewebe der anderen schwebt. Diese sind nun je nach ihrer vorgeschriebenen Anzahl — bei Wagner 16 erste und 16 zweite, on je acht Pulten verteilte Violinen — wiederum 3U teilen, so daß eine Mannigfaltigkeit der Stimmführung erreicht wird, bk ganz zauberhafte Wirkungen auszulöf«n vermag, wie es im zweiten 8lkt des „Tristan", besonders bei der Stelle „Sink hernieder, Nacht der Siebe“ und Brangänens Ruf „Habet acht'", oder während des „Waldwebens" im „Siegfried" geschieht Der Violine ist der gesangsmählge und innige, aber auch leidenschaftliche und hitzige Charakter zu eigen; die Mystik geheimnisvoll verschleierter oder im hellsten, zitternden Licht leuchtender Töne, wie im Lohengnn- Vorfpiel, oder in der Schlußszene des „Parsisal" sind ihr nicht fremd. Ihre Schwester, die Bratsche, hat ein rauheres Organ, das aber von seltsam bestrickendem Reiz sein kann, immer etwas Unausgesprochenes anzudeuten und in verborgener Glut zu glimmen scheint, wie manche Stimmen sehr erfahrener und von verhaltener Leidenschaft erfüllter Frauen, in einer ganz leichten Zerbrochenheit vibrierend erregender zu wirken imstande sind, als das lieblichere Tongeklingel funger weiblicher Wesen. Oft sind der Bratsche bedeutsame Melodien anoertraut; Debussy hat in „Pelleas und Melisande" die unwirtliche, von Düsternissen bedrohte Atmosphäre des Liebesmärchens auf das beste dadurch charakterisiert, daß er eine ganze Szene lang dis Violinen ausschaltet und die Bratschen als führende Streicher benutzt. Die Celli singen ost besonders innige Melodien, wie das zweite Thema im ersten Satz von Schuberts „Unvollendeter", oder das Liebesthsma Siegmünds und Sieglindes im ersten Akt der „Walküre". Zu Zeiten treten sie mehr zurück und übernehmen dis harmonifchc Grundlage des ganzen Streichergebäudes mit den Kontrabässen, denen indessen, trotz ihrer gewichtigen Schwerfälligkeit, auch manchmal bedeutende Aeußerungen in den Mund gelegt werden; so läßt sie Beethoven im Trio des Scherzos seiner fünften Symphonie ihren rumpelnden Uebermut in schnellen Passagen austoben, nachdem sogar schon der Knabe Wolfgang Amadeus Mozart im Vorspiel seiner ersten Oper „Die Schuldigkeit des ersten Gebotes" etwas Aehnliches mit den Bässen versucht hatte. In der berühmten Rezitativ-Stelle des Finales der „Neunten" setzen sie ihre gewichtigen Persönlichkeiten ein, um das außer letzten Quartetten, deren überirdische Klänge in der Bedeutung des Tristan- oder Ring-Streichquintettes ihre Fortsetzung gefunden haben. Die zweite große Gruppe, die Holzbläser, ist den Streichern im Umfang, von der Piccoloflöte bis zum Kontrafagott, beinahe gleich, und bildet also ein« durchgehend« Parallele zu den Bogeninstrumenten; ihre Wichtigkeit ist im Laufe der Entwicklung eine immer größere geworden. In ihr sind die heterogensten Klangfarben vereinigt, ihr Reichtum an Nuancen ist also ein unvorstellbarer, und Hai denn auch die Komponisten von jeher außerordentlich interessiert. Den höchsten Diskant bildet die kleine oder Piccoloslöte, deren ein wenig grelles Schreien Weber in des dämonischen Kaspar Trinklied, im Freischütz, erster Akt, zur Erzielung einer höllischen Lustigkeit anzuwenden verstand. Die große Flöte hat zwar eine bedeutende Geläufigkeit, besitzt jedoch auch einen sanften und weichen getragenen Ton, so daß ihr gern Melodien ausgesprochen lyrischen Charakters anvertraut werden. Im Gegensatz zu ihr klingt die Oboe etwas hölzern und sck)arf; wenn sie auch manchmal schalmeiartigen Charakter annehmen kann, ist sie doch die Jronikerin unter den Instrumenten, weshalb denn der große Weise Wolfgang Amadeus Mozart in seinem ironisch-wcltschmerzlichen Spiel „Cosi fan tutte" den alten Zyniker Alfonso stets von hämisch meckernden Oboen begleitet auftreten läßt. Der Ton der Oboe bleibt fast stets spitz, er verliert das Intellektuelle nicht — ganz anders die Klarinette, die Sängerin unter den Holzbläsern. Sie ist mit ihrem sinnlich-warmen, üppigen, schwellenden Klang die Gefährtin der beiden Mädchen, Fiordiuges und Dorabellas, in „Cosi fan tutte“ — ein Beispiel von der Wichtigkeit psychologischer Instrumentierung: sie schwingt sich jubelnd in freie Höhen der Melodie, wie in dem großen, vom Tremolo der Streicher begleiteten Solo der „Freischütz"-Ouvertüre, sie verleiht der in die Fernen der Vußta und der Steppe fchweisenden Phantasie in melancholisch-wilden Gestaltungen Ausdruck (Brahms, Klarinetten-Ouintett, zweiter Satz): kurz, sie ist di« ausdruckreichst« und anziehendste ihrer Familie, deren tiefen Tönen ein unbeschreiblicher Wohlklang entströmen kann. Lyrischer als sie ist das englische Horn, allen Opferfreunden aus der „traurigen Weise" des Tristan, allen Konzertbesuchern aus dem Pastoralsatz der B e r l i o z s ch e n „Phantastique" bekannt, in dem es nur von leisen, fernes Gewitter malenden Pauken- wirbeln unterbrochen, ein ergreifendes Landschaftsbild zeichnet. Sein Klang bekommt leicht, wenn es unvorsichtig gespielt wird, etwas Ouä- Andes, ist sonst aber von großem und sehr melancholischem Reiz. Zur Gruppe der Baßinftrumente gehörte die Baßklarinette, ein Instrument edelsten Tones und tiefer Poesie. Er nimmt in ergreifender Weise Brün- hildes Klage vorweg, wenn in der letzten Szene der „Walküre" Wotan und die, welche er liebt, sich gegenüberstehen. Auch das Fagott, und ein doch tieferes Geschwister, das Kontrafagott, finden hier ihren Platz; das fpe ist so recht der Komiker des Orchesters, der unzertrennliche Freund Beckmessers in den „Meistersingern", das zweite vermag, wie im zweiten Akt „Fidelio" („Rur hurtig fort, nur frisch gegraben") der Finsternis des Kerkers schauriges Kolorit zu geben. Die Blechbläser finden ihren schönsten Ausdruck in den Hörnern, die bald weich, bald hell, bald schmetternd, bald träumerisch die modernen Partituren, vor ollem die Wagners und Richard Straußens, mit immer wechselnden Farben durchziehen. Ohne sie kein Murmeln des Baches in Isoldes Liebesnacht, kein Traum Hans Sachsens unterm Holunder, keine Jaadfröhlichkeit im „Freischütz", keine wehmütige Frage im Andante der „Unvollendeten"; sie sind allgegenwärtig, ihre Ausdrucksfähigkeit macht sie zu wichtigstem Bestandteil des Orchesters. Festlicher als sie sind die strahlenden Trompeten, gewichtiger die Posaunen und Tuben, mit deren feierlichen Klängen leider oft Mißbrauch getrieben wird; sie sind zur Betonung übersinnlicher, mystischer, dramatisch-tragischer und ähnlicher Vorgänge am Platze — vom heiteren Spiele mögen sie ferngehalten werden. Auf den Wirbeln und Schlägen der Pauke, welche die Harmonien unterstützt, vermag sich das vielfältige Gefühl des Orchesters aufzubauen, dessen feine Verzweigungen und verschlungene Wege wir durchschauen müssen, um aus der wechselnden Gestalt, dem stets sich verändernden Flusse das Wunder der Einheit in der Vielheit zu erkennen. Der Bluckspi^. s Novelle von Robert M i ch e k. (Schluß.) „Wo soll i's nur hintun, dös viele Geld, daß miPs net g'stohln wird?" jammerte er. Am liebsten hätte er den Banldiener zurückgerufen und die große Geldtasche von ihm verlangt.' Da kam ihm Berger zur Hilfe. „Wir werden Ihnen eine feuerfeste Kassa heraufbrmgcn lassen, da können Sie Ihren Schatz aufbewahren." Als in kurzer Zeit der Geld- schrank wirklich kam, wurde Franz wieder heiter. Er ließ sich den Mechanismus des Verschlusses erklären, und während er die Päckchen in das Innere des Schrankes schlichete, lachte er unaufhörlich vor sich hin. Das letzte Geldpakct steckte er zu sich und klopfte sich vergnügt aus die Brust. Dann nahm er die Mütze, verneigte sich verschmitzt und versprach, am Nachmittag wiederzukommen. In der Tür aber wandte «r sich nochmals um: „Wohna wer i oba do, in dem Zimmer, die vierzehn Tag." „Ich habe nichts dagegen. Ich räume Ihnen gerne das Feld", jagte Smith. „Sie können das Zimmer in Besitz nehmen, wie es ist, nur" — er nahm eine Phtographie vom Schreibtisch — „meine Braut muß ich Ihnen wohl nicht dalasjen?" Franz schüttelte verneinend den Kopf und grinste. III. : Einige Stunden später trat in die Werkstatt des Meisters Lojch «in sonderbar geschniegelter Herr ein, angetan wie ein Stutzer und mit Bewegungen wie eine Marionette. In der einen Hand hielt er einen schwarzen Spazierstock mit großer Silberkrücke und in der anderen glänzende gelbe Lederhandschuhe, die noch wie gebügelt aussahen. Der kurzsichtige Meister machte tiefe Bücklinge, denn er glaubte, eine neue, vornehme Kundschaft vor sich zu haben; da ließ ihn aber ein derber Schlag auf die Schulter in die Höhe fahren. Vor Staunen riß er den Münd weit auf, brachte aber kein Wort heraus. Auch der Lehrjunge war herbeigesprungen und schaute den feinen Herrn entgeistert an. Der drehte und spreizte sich vor den beiden: „Da schaugts halt, was aus'm Radler Franz woarn isl I woar scho allwell a noblichta Herr, nurs G'wand hat ma g'fehit. Aba jetzt is vlls da." Dabei zog er einig« Banknoten aus der Tasche und warf sie dem Lehrbuben lässig hin. ,/Da, Schani, mach dir an gatn Tag." Kurze Zeit daraus war die Gasse in Bewegung. In der Werkstatt drängten sich die Leute, und die in dem engen Raum keinen Platz mehr fanden, stauten sich vor dem Eingang und hockten vor den kleinen niedrigen Fenstern, an denen sie sich die Rasen plattdrückten, um etwas von Franz zu erspähen. Staunende Fragen, Rufe der Bewunderung und des Neides umschwirrten den Glücklichen. Franz aber war nicht gesonnen, sein Geheimnis preiszugeben. Er fei reich geworden und damit basta. Aber sie sollten auch etwas davon haben — er lade sie alle für heute abend zu einem guten Nachtmahl ins Hotel Liverpool ein, „Wachts enf fein, Leitln, damit i mi net schama muatz, und kummts alle im Auto angfoahrn. Da is Geld!" und schon flatterten viele blaue Scheine über die Kopfe der Drängenden, die sich unter Schreien und Gelächter darum balgten. Franz benützte diese Gelegenheit, um sich aus dem Staube zu machen. Er lief durch die rückwärtige Tür der Werkstatt in die Küche und von dort durch den Hausflur auf die Gaffe, und bevor die aufgeregte Gesellschaft sein Verschwinden bemerkt hatte, war er schon um die nächste Ecke gebogen. Radler verschnaufte ein wenig, bevor er, siegesficher, in das Haus trat, in dem er heute schon einmal gewesen war. Toni schlug bei seinem Anblick erstaunt die Hände zufammen und je eingehender sie ihn musterte, desto mehr bog sich im Lachen ihr schmiegsamer Körper. Radler merkte nicht den Spott, der aus diesem Lachen erklang, und war mit dem Eindruck, den er hervorrief, zufrieden. Er verhehlte Ihr nicht, daß fein Glück von dem Amerikaner käme, aber er konnte nicht umhin, ein wenig zu flunkern, um sie glauben zu machen, er verdanke den Reichtum doch auch seiner eigenen Tüchtigkeit. Da wurde Toni wortkarg und nachdenklich: wenn der Amerikaner diesen dummen Schustergesellen so reich beschenkt hat, warum könnte er nicht auch ein hübsches Wiener Mädel ...? Als er einmal hier bei Berger war, schien er ja Gefallen an ihr gesunden zu haben ... Ra. man müßte es versuchen ... Aus diesen Gedankengängen heraus kam ihr Radlers Einladung für heute abend eben recht und sie versprach zu kommen. IV. Am Abend faßen Radlers Gaste in einem für diesen Zweck eigens hergerichteten gesonderten Raum des Hotels Liverpool um eine lange Tafel. Franz hatte rechts neben sich Toni Platz nehmen kaffen; an der anderen Seite des Mädchens faß der Amerikaner. Links von dem Gesellen thronte die Schustersfrau. Eigentlich konnte er die Meisterin nicht leiden, aber als Gastgeber glaubte er verpflichtet zu fein, der Frau feines Brotherrn diese Ehre zu erweisen. Man war noch einigermaßen befangen, als aber die dampfenden Schüsseln die Runde machten und schäumendes Vier in großen Gläsern vorgesetzt wurde, stellte sich rasch eine vortreffliche Stimmung ein, und mit jedem neuen Gericht und jedem frischen Glas Bier wurde die Fröhlichkeit lauter. Rur Radler wurde immer elnfilbriger. denn er glaubte zu bemerken, daß Toni bloß für den Amerikaner Augen hatte und ihn selbst gar nicht beachtete. Er litt Qualen der Eifersucht und weder Speise nach Trank wollte ihm munden. Mit finsterem Gesicht saß er inmitten der tobenden Lustigkeit, unbeachtet von allen und einsamer als je in feinem Leden. Niemand fiel es auf, als er den Saal verließ. Er ging in fein Zimmer, fchloß den Geldfchrank auf, um sich durch den Anblick feines Schatzes in gute Laune zu bringen. „Schatz", brummte er wütend und schlug die Kasse zu, während noch ein derbes Schimpfwort Seinen Lippen entfuhr. Ob es dem Selbe galt ober dem Amerikaner ober >em Mädchen, war nicht zu erkennen. Er ließ sich in einen Sessel fallen, sprang aber gleich wieder in die Höhe und stürzte durch die Berdin- imngstür Ins Zimmer des Amerikaners, drehte das Licht auf und schaute suchend umher, öeiu Buck blieb am Bilde auf dem Schre.vtitch hasten, das die junge Dame uoiftcllte, die Smith als seine Braut bezeichnet hatte. Franz ging näher und nahm das Bild zur Hand. „M—a—r- y" las er. Quer über eine Ecke war dieser Name geschrieben. Auf der Schreibmappe lag ein angefangener Brief. „D—e—a—r M—a—r—y" stand obenauf, ein Briefumschlag war daneben: „Miß M—a—r—y F—a— i—r—l—e—s—s, N—e—u—9- o—r—t, LSth <5—1—r—e—e—t 87", buchstabierte et. Er stellte die Photographie auf den Platz zurück, steckte den Briefumschlag tu die Tasche und schlich wie ein Dieb hinaus. V. Das Gelage hatte bis lange nach Mitternacht gewährt; die Gäste aus Ottakring mußten, vom Hotelpersonal in Autos verladen, von Berger heimgeführt werden und hatten am Morgen allesamt Katzenjammer. Aber auch die Herren im Hotel hatten schwere Köpfe. Berger fürchtete die Fortsetzung des Abenteuers, das schon am ersten Tage jo turbulente Formen angenommen hatte, und Smith fühlte sich nicht sehr behaglich, denn er konnte sich nicht mehr erinnern, was er der Toni gestern in der Rauschstimmung alles gejagt hatte. Aber in sch.echtester Berfafsung war Radler. Er lag im Bette, ließ das Frühstück neben sich unberührt und rauchte eine Zigarette nach der andern. Wirre Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Endlich schien er zu einem Entschluß gekommen zu sein. Er drückte dreimal auf die Klingel und der Hausdiener trat ein. .Mennan S' amerikanisch?" „Rein, aber der Portier spricht alle Sprachen." „Her mit eahml" Der Portier kam. Radler bekämpfte seine Scheu vor dem großen Mann in der prächtigen Livree und bat ihn, ein amerikanisches Telegramm aufzusetzen. An — die Adresse stehe hier auf dem Briefumschlag —. „Komme sofort! Wien Hotel Liverpool. „Richard" müsse drinstehen. Ein fürstliches Trinkgeld machte den Portier gesüg'g. Er wurde sehr ergeben und versprach, das Telegramm gleich zu befördern. Wann das Fräulein hier fein könne, wollte Franz noch wissen. „Nun, mit Eilschiff und mit Flugzeug von England etwa in zehn Tagen." Radler sprang zu ihm und faßte ihn am Rock: „nct „etwa"," sagte er, ihm nachahmend, „wann wird's do sein?" „Genau in zehn Tagen." Mit dieser Antwort war Franz zufrieden. Die nächsten zehn Tage waren für Radler sehr beschwerlich; er wäre in dieser kurzen Zeit gerne ein eleganter Herr geworden, aber er mußte einsehen lernen, daß die Kleider allein nicht die Vornehmheit des Men- scheu ausmachten. Er besuchte alle Vergnügungsstätten, die in der Zeitung ihre Güte und Kurzweiligkeit anpriesen, sah sich aber immer wieder als Zielpunkt von Spott und Neckereien, die, wenn sie auch harmlos waren, doch sehr weh taten. Schon beim Bestellen der Speisen fing's an, wenn die Kellner so in den Mundwinkeln lachten, weil er diese verflixten Namen der Speisen und der Weine nicht richtig aussprechen konnte; da hätte er sie am liebsten geprügelt, diese Halunken. Und dann diese vielen Gabeln und Messer; er wußte nie, was er mit ihnen tun sollte, und fühlte von allen Tischen die spöttischen Blicke auf sich, so daß ihm die besten Speisen verleidet wurden und der erlesenste Wein wie Essig schmeckte. Nein, das war nichts für ihn, da ging er lieber gar nicht mehr hin. Franz mied den Amerikaner; er ließ sich nur durch Bergers Vermittlung von ihm ansehnliche Geldbeträge auszahlen. Eigentlich widerstrebte es ihm, von' diesem Mann, der ihm sein Mädel abspenstig gemacht hatte, Geld anzunehmen, aber er legte es sich so zurecht, daß der tägliche Aderlaß eine gerechte Strafe für Smith wäre. Im übrigen war er aber bemüht, Smith in jeder Hinsicht ähnlich zu werden. Er ließ sich Anzüge machen, die denen des Amerikaners zum Verwechseln gleich waren, trug die Haartracht wie Smith und ahmte ihm Haltung, Bewegungen, ja sogar sein Lächeln nach wie ein Spiegelbild. Zu allem hatte er sich noch ein Buch verschafft, aus dem man ein „feines Benehmen" lernen konnte. Smith war enttäuscht vom Verhalten Radlers. Er hatte gehofft, einen Menschen glücklich zu machen und selbst dabei Freude und Unterhaltung zu finden, und jetzt sah er an dem Gesellen immer nur finstere Mienen, ja Kummer, und wenn er ihn nach dem Grunde fragen wollte, wich jener unwillig aus. War es vielleicht doch ein Irrtum von ihm gewesen, zu glauben, so ein armer Schlucker müßte mit einigen tausend Dollar der glücklichste Mensch werden? Die häufigen Erwägungen über die Wech- selbe^ehungen von Reichtum und Glück.rnachten seinen Blick schärfer für die Wesenheit der Lebenswerte hüben und drüben vom Ozean und oft verspürte er dem Schuster gegenüber eine gewisse Dankbarkeit. Um so mehr hatte es ihn befriedigt, ihn glücklich zu sehen. Da wurden Smiths Gedanken von Franz abgelenkt. Er bekam von seiner Braut aus Amerika ein besorgtes Telegramm mit der gleichzeitigen Nachricht, daß sie in wenigen Tagen bei ihm fein werde. Er stand vor einem Rätsel und erwog mit Berger alle Möglichkeiten, die Mary zur Reise nach Wien hatten bestimmen können. Ein Zufall führte sie endlich auf die richtige Spur. Das Stubenmädchen hatte einmal des Morgens die Anzüge — Franz wählte täglich den gleichen Anzug wie der Amerikaner — der beiben Herren verwechselt und da fand Smith in der Weste, die Franz gehörte, die Telegrammabschrift an seine Braut. Er wollte wutentbrannt über den Schuster herfallen, aber Berger hielt ihn zurück. Man müsse erst herausbekommen, was Radler dazu bewogen haben könne, v ®kommen zu lassen. Sicher könne der Anlaß nur eine Folge der Eifersucht^ sein. Ja, ja, die Toni, die beim Festmahl neben Smith gefejjen war, die hatte gewiß durch ihr Benehmen die Eifersucht Nadlers zur Gluthitze gebracht. Liese Auslegung besänftigte den Amerikaner und belustigte ihn zugleich derart, daß er beschloß, die Ankunft Marys geheim- zuhalten, um mit ihr gemeinsam zu beraten, wie der Schuster für seine Eigenmächtigkeit und törichte Eifersucht zu bestrafen wäre. VI. Radler bummelte ziel- und planlos dur chdie innere Stadt. Da fesselte ihn in einer Auslage eine schünangczogene Dame, die auf einem Diwan lag und ihm freundlich zulächelte. Er trat an die Auslage heran und da erst erkannte er, daß es eine Puppe war. Kurz entschlossen ging er in das Geschäft und verlangte die Figur. Der Verkäufer wunderte sich zwar über dieses sonderbare Begehren, da ihm aber der geforderte Preis, den er absichtlich übertrieben hatte, sofort auf den Tisch gelegt wurde, versprach er, die Puppe gleich ms Hotel zu schicken. Franz wartete auf die Figur so ungeduldig, als würde wirklicher Damenbesuch kommen, und als die Puppe endlich bei ihm auf dem Sofa lag, übte er sich ihr gegenüber — natürlich bei verschlossenen Türen — in ritterlichen Allüren, wie er sie aus dem Buche gelernt hatte Die Dame ohne Leben und Seele empfing zahllose Handküsse von ihm und einige Male endete die Unterhaltung damit, daß er vor ihr in die Knie sank, obschon vergeblich darauf wartend, emporgehoben zu werden zu einer hingebenden Umarmung. Arn neunten Tage seines Märchenlebens, als Franz aus dem Hotel kam, sah er in einem vorfahrenden Auto den Amerikaner und neben ihm eine Frau. „Toni!" durchzuckte es ihn. Er war so erschrocken, daß er vorerst über die Augen wischen mußte, um deutlicher zu sehen; da hatte aber Smith schon dem Chauffeur ein Zeichen zum Weiterfahren gegeben. Franz konnte sich nicht mehr überzeugen, ob er richtig gesehen hatte, und in trüber Stimmung trat er in die Straße. Kaum war er aus dem Sehbereich des Hotels gekommen, fuhr das Auto mit dem Amerikaner und seiner Begleiterin wieder vor. Smith sprang aus, vergewisserte sich, daß Franz wirklich ausgegangen war, und rief dann fröhlich ins Auto hinein, Mary möge nur kommen, die Luft sei rein, der Schuster sei fort. Am nächsten Morgen war Franz in fieberhafter Erregung. Er ging nicht aus, sondern hielt sich in der Halle auf, einen Blumenstrauß in der Hand. Wie freute er sich, als Smith, ihn freundlich grüßend, das Hotel verließ. Gegen Mittag fuhr ein Auto vor, dem eine junge Dame entstieg; Mary! Er erkannte sie sofort nach der Photographie, wagte indessen nicht gleich, sich ihr zu nähern. Aber auch sie schien ihn zu kennen. Mit ausgestreckten Armen eilte 8e auf Franz zu: „Richard!" und eine Flut englischer Worte folgte, lädier brachte vor Schreck kein Wort über die Lippen. Da entschuldigte sich die junge Dame mit gutgcspieltem Erstaunen und Verlegenheit in gebrochenem Deutsch, daß sie den jungen Mann verkannt habe, weil er ihrem lieben Bräutigam so ähnlich wäre, der hier im Hause wohne. Radler blähte sich vor Stolz, trotzdem brachte er nur stockend hervor, daß er in Vertretung des verhinderten Bräutigams hier sei. Sie ließ sich bcluftigt ins Zimmer geleiten und ermunterte ihn, alle seine Erlebnisse seit dem ersten Zusammentreffen mit Smith zu erzählen. Der geschwätzige Schuster ließ sich nicht lange bitten und berichtete besonders ausführlich von dem, was ihm am meisten am Herzen lag — von den Bemühungen des Amerikaners um seine Toni. Mary horchte aus. Das klang ja ganz anders, als sie es von Richard gehört hatte; sollte die Sache doch nicht so harmlos gewesen sein, wie ihr Bräutigam sie ihr darzustellcn versuchte? Und diese Gedanken ließen sie ihre Rolle unwill- kürlich wirksamer spielen, als sie beabsichtigt hatte. Sie lehnte sich in den Fauteuil zurück und lächelte den Schuster kokett an. Der wurde rot vor Freude und — wie er es an der Puppe oft probiert hatte — nahm die Hand des Mädchens und drückte mehrere schmatzende Küsse darauf. Da Mary ihm die Hand ließ, wurde er mutiger und ließ sich vor ihr auf die Knie nieder. Mary strich ihm leicht über das glatt zurückgcstrichcne fettige Haar und Franz, feiner Sinne nicht mehr mächtig, wollte sie um- fassen. Fast hätte er sich aber dabei die Nase eingestoßen, so plötzlich war der Fuß des Mädchens emporgeschnellt, gerade vor sein Gesicht: „Da bitte, nehmen Sie mir Maß, ich brauche ein Paar Schuhe für das schlechte Wiener Pflaster". Fließend kam der Satz über ihre Lippen, denn Berger hatte ihr ihn oft genug oorgesagt. Aus allen Himmeln gerissen, ergriff Franz den Fuß, die andere Hand fuhr automatisch nach der Stelle, wo sonst in der Lederschürze das Maß steckte. Mary hustete plötzlich stark und Smith, von Berger gefolgt, trat in» Zimmer. Beide blieben — als wären sie vor Ueberraschung starr — bei der Türe stehen. Franz sah endlich auf und sah in lochende Gesichter. Behutsam stellte er das Füßchen aus die Erde und schlich hinaus. Nach einiger Zeit kam er wieder, angetan mit seiner Schustergewandung. Er habe genug von diesem Leben, er gehe zurück zu seiner Schusterei und als erste Arbeit wolle er dem Fräulein die bestellten Schuhe anfertigen; die müßten so ausfallen, daß die Herrschaften von ihm als Schuster wenigstens eine gute Meinung bekommen sollten und seine Kunden bleiben würden. Nein, eine schlechte Meinung hatten sie nicht von ihm, seitdem er wieder als schlichter Schuster vor ihnen stand und von seiner Arbeit sprach. Es war eher so, als hätten die Rollen jetzt gewechselt, den Smith konnte sich einer Scham nicht erwehren, daß er in der Sicherheit seines Erfolges und seines Reichtums in einer Weinlaune sich vermessen hatte, durch Geld allein das Schicksal eines Menschen zum Glück lenken zu wollen. Er sprach begütigend auf Radler ein, er hätte doch noch zwei Tage gut und ob er denn gar keinen Wunsch mehr aussprcchen wolle? Franz aber blieb unbeirrbar sicher: er habe noch Geld genug — wenn er es behalten dürfe — er wolle wieder zu seiner Arbeit gehen — sich eine eigene Werkstatt taufen — und — Das weitere sagte er nicht laut, aber in seiner Brust klang es gan- deutlich — die Toni heiraten. VernntsvrtUch: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Drühl'fche ÄniverfitStS-Duch. und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.