GiehMkZamilieiibliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger 3 lhrgang |929 Freitag, den 25. Januar Nummer 7 Winterabend. Von Theodor Fontane. Da draußen schneit es: Schneegeflimmer Wies heute mir den Weg zu dir; Eintret' ich in dein traulich Zimmer, Und warm ans Herze fliegst du mir — Abschüttl' ich jetzt die Winterflocken, Abjchüttl' ich hinterdrein die Welt, Nur leise noch von Schlittenglocken Ein ferner Klang herübergellt. „Nun aber komm, nun laß uns plaudern Vom eignen Herd, von Hof und Haus!" Da baust du lachend, ohne Zaudern, Bis unters Dach die Zukunft aus; Du hängst an meines Zimmers Wände All meine Lieblingsschilüerei'n, Ich seh's und streck' danach die Hände, Als muß' es wahr und wirklich sein. So flieht des Abends schöne Stunde, Vom fernen Turm tönt's Mitternacht, Die Mutter schläft, in stiller Runde, Nur noch die Wanduhr pickt und wacht. Ade, ade! Von warmen Lippen Ein Kuß noch — dann in Nacht hinein: Das Leben lacht, trotz Sturm und Klippen, Nur Steurer muß die Liebe sein. Der Nebenbuhler. Von Ernst B a c m e i st e r. Heinz Bräuer hatte eine besondere Taktik, um den Ruhm, den er als der beste Schicktjchuhläufer der Stadt genoß, recht auszukosten. Jedesmal, wenn er die E.sbahn betreten hatte, lies er zunächst eine Weile schlecht und kunstlos unter der Menge herum und schien es nicht zu bemerken, wie man auf ihn deutete und wie eine wachsende Schar von Kindern sich erwartungsvoll an seine Fersen heftete. Endlich blieb er scheinbar bewundernd und lernbeg.erig stehen, wo irgend jemand sich vor Zuschauern mit seiner Geschicklichkeit produzierte. Schon durch das Gefolge, das er mit sich führte, wurde die Aufmerksamkeit zugleich auf ihn gelenkt, während jener andere beim Anblick des bekanntermaßen überlegenen die Zuversicht verlor und sich fortdrückte, wie er konnte. Inzwischen begann Heinz Bräuer lässig auf dem Eise zu tänzeln und zu schnürkeln, vollführte nebenbei me sterlich und wom glich mit einer blendenden Ver- äierung gerade die Hebung, die dem Fortgedrückten nur notdürftig gelungen war, und schritt zu immer kühneren Kunststücken fort. Schnell bildete sich ein ordentlicher Kreis von Zuschauern um ihn, der dichter und dichter wurde, und endlich war die halbe Eisbahn, Kinder und Große, in schwarzem Ring um ihn versammelt. Dann blühte seine Meisterschaft erst recht auf, und vom Beifall der Menge getragen, kreiste und wirbelte und sprang er wie ein Gaukler im engen Bezirk und schlang die Linien auf dem Eise phantastisch durcheinander. Bon solchen Stunden des Heldentums und befriedigten Ehrgeizes zehrte er dann die andere Zeit über, wen» er im Geschäfte seines Vaters Kaffee und Zucker verkaufen half und ein dienendes Nichts war vor den Leuten. Er fühlte sich hinter dem Ladentisch immer als ein heimlicher König: die blanken Schlittschuhe in seiner Kammer waren das Zaubermittel, das ihn zu seiner Herrschaft und Herrlichkeit erlöste, und die Eisbahn war das Reich, wo er regierte. Aber eines Tages wurde er aus dieser Herrschaft verstoßen. Während er noch simpel herumschlenderte und nach einem Anlaß spähte, möglichst wirksam mit seinem Können aufzuglänzen, sah er auf einer Seite ber Eisbahn eine auffällige Bewegung unter die Leute kommen: man wich in weitem Umkreis vor irgend etwas zurück, und gleichzeitig strömte es von ringsher dieser Stelle zu. Alsbald verließ ihn auch fein Kindergefolge und strebte hastig nach dcm neuen Ereignis. Heinz Bräuer fuhr langsam hinterher; denn eine jähe Neugier fühlte er als unvereinbar mit seiner Häuptling^würde auf dem Eise. Plötzlich erhob sich Be fallsgeschrei und Händeklatschen in der Menge vor ihm, und durch eine Lücke des Ringes sah er einen hohen, schlanken Menschen in wundervoller Haltung einen gewaltigen Vogen über das freie Feld in öer Mitte beschreiben. Da erschrak Heinz Bräuer; aber er beruhigte W fofort: „Wun ja," sagte er zu sich selber, „ein prahlerischer Bogen! -Uer sticht in die Äugen, und ist doch nicht viel daran! Laß sehen, was weiter!" Und er stellte sich still und unvermerkt nahe hinter die andern. Da mußte er es von Minute zu Minute bitterer spüren, wie ihm der Lorbeer welkte. Das war andere Kunst als fein Gezirkel und Gespringe! Da gab es große klare Linien, ruhig entfaltet, und deutliche Figuren, mit spielender Sicherheit symmetrisch gepaart und aus der Spur wiederholt. Und im Wechsel von kurzer anmutiger Kreisung und lang hjn- fau|enöei' Wucht ein nie verjagender Adel der Bewegung, von der glücklichsten Gestalt in knapp-anliegendem Sportkostüm prächtig unterstützt! Unter der Pelzmütze das feine Gesicht trug um den Mund einen stolzen abweisenden Zug und in den Augen eine wahrhaft fürstliche Gleichgültigkeit, wenn n cht gar Geringschätzung gegen die Zuschauer. Mochten die übrigen diese Miene des Fremdlings selbstverständlich finden und den Reiz seiner edeln Erscheinung nur noch erhöhen — Heinz Brauer suhlte sie anders. Er bezog sie ganz persönlich auf sich, auf feine furje, derbe Gestalt, auf seine rohe Kunst der wilden Sprünge und gauk- lerischen Drehungen, auf feine ganze eitle Häuptlingsschaft unter den Nichtskönnern der kleinen Stadt. „Der ist gewiß aus Norwegen", hörte er neben sich sagen. — „Wie er sich halt!" — „Aber ein schöner Mensch!" — „Und stolz!" — „Das steht ihm gerade gut!" — So ging es um ihn her Jetzt hörte er feinen eigenen Namen. Ein Vergle ch wurde angestellt. Er fand sogar einen Verteidiger; aber der wurde heftig überschrien und ob seines Unverstan- des verhöhnt und ausgelacht. Da wich Heinz Bräuer von diesem Platze. Aber überall, wo er sich aufstellte, erfuhr er es ähnlich, daß er entthront war. Und er schämte sich feines jäh verblichenen Ruhmes und wagte nicht mehr, sich hervorzutun, solange der stolze Flieger zugegen war. Vielmehr stand et von ferne und beobachtete ihn w.e einen überlegenen Feind mit Neid und Grimm und fcfymcllenbcm im Herren. Und and) als jener gegangen War oer« mochte er nicht, sich wie sonst zu produzieren. Mit der Krone des Ruhmes war ihm zug'e-ch das Selbstbewußtsein zerbrochen, der Seelenblust dahin, der Gliederschwung gelähmt. Früher als sonst verließ er die Bahn und schlich m fimutig nach Hause. Noch erhellte ihm eine Hoffnung das dunkle Gemüt: der Fremde würde nicht wiederkehren, man würde feine glänzende Erscheinung bald vergessen haben und er, Heinz Bräuer, der Krämersohn, würde den- noch wieder der Erste sein. Aber die Hoffnung trog. Der Fremde erschien auch am anderen Tage und am dritten und zog aller Augen auf sich. „Eisprinz" tauften ihn ble Kinder. Die Erwachsenen nahmen das Wort auf, und der sch'mmernde Name gab feinem Träger neues Licht. Heinz Bräuer aber stand im Schatten. Das vergiftete ihm Herz und Nieren. Heimlich, in mondheller Nacht, versuchte er, den großzügigen Bogenlaus des Eisprinzen nachzuahmen; aber er merkte bald, daß ihm dazu dessen hohe Gestalt und die schlanken ausgreifenden Glieder fehlten. Immer wieder fiel er in feine zappelige Manier der kleinen Schleifen und Kringel zurück. Mißraten kam er sich vor, unedel, plump, gemein, während das Bild des andern immer leuchtender gegen ihn aufftanb. 9m Traume sah er jenen geflügelt in macht gen Kreisen durch die Sterne schweben mit dem überschönen Gesicht des Reklame-Engels auf dem Seifenplakat Im Laden feines Vaters. Auf der Eisbahn glaubte er nur noch mitleidigen ober spöttischen Blicken zu begegnen. Er wäre auch fortgeblieben, wenn es Ihn nicht wie ein böser Zauber gezwungen hätte, dem Eisprinzen zuzufehen und an besten immer erneuten Triumphen sich bas Herz stets tiefer zu »erroun« den. In irgendeiner Ecke stellte er sich auf und ließ kein Auge von ihm ab. Eines Tages tarn der fo Bespähte nicht allein, sondern in Begleitung einer jungen Dame, feiner Schwester, wie es sch en. Sie trug den schmieg- famen Leib in roten Sammet gekleidet, der ihren Bewegungen weich und willig nachsloß und prachtvoll gegen die verschneite Landschaft leuchtete. Da gab es reizenden Doppellauf, graziösen Tanz und rhythmisches Bogenspiel, und alles w'ch vor dem herrlichen Paare, freute sich des Schauspiels und stand bewundernd zur Seite. Nur einige Burschen befanden sich auch auf der Bahn, schwärzliche Gesellen aus einer nahen Fabrik, denen an diesem Samstag ein früher Feierabend gelungen war. Die trieben sich ohne Rücksicht in tobenden Wettläufen mit Geschrei und Gezerr und rohem Gliederschleudern durch die Menge und störten auch jenen zweien achtungslos immer von neuem ihren kunstvollen Reigen. Heinz Bräuer sah den Unmut in dem Gesicht des Eisprinzen auf- steigen und hörte ihn endlich zornig herausbrechen: „Tölpel, seht euch gefälligst vor!" Ein böses Geschimpfe der Burschen folgte, das er mit verächtlichem Schweigen beantwortete. Aber dann geschah etwas, worüber die ganze Eisbahn in heftige Aufregung geriet. Einer der rauhen Gesellen stieß in wildem Hinfahren die junge Dame hart an, so daß sie sich nur mit Mühe vor dem Fall bewahrte. Im Nu hatte der Eisprinz den Burschen erreicht und versetzte ihm eine Ohrfeige, die ihn zu Boden taumeln ließ. Wütend stand der Gezüchtigte auf und wollte sich auf jenen stürzen; aber in feiner Wut glitt er aus und fiel nochmals nieder. Indes schoben sich andere Leute dazwischen, auch der Eispächter kam und wies den Brüllenden zur Ruhe, andernsalls er die Bahn zu verlassen hätte. Von da an sand Heinz Bräuer zwei Beobachtungssäden nebeneinanderher zu spinnen. Den Eisprinzen sah er die Dame an den Ausgang der Bahn begleiten, wo ein Diener in Livree ihr die Schlittschuhe abnahm ; dann verabschiedeten sich die beiden, und der Eisprinz kehrte allein auf die Bahn zurück, als ob er den leisesten Anschein einer Flucht vor den mit Wort und Tat gereizten Burschen vornehm trotzig vermeiden wollte. Diese sah Heinz Bräuer inzwischen sich finster um ihren gezüchtigten Kameraden zusammenrotten. Er fuhr näher an sie heran und konnte aus Blicken, Gebärden und aufgcfangenen Drohungen deutlich genug erraten, daß sie nach ihrer Art eine gefährliche Rache planten. Sie blieben wie eine arge Schlangenbrut in einem Winkel beisammen, wäh-- rend der Eisprinz unbekümmert in gewaltigen Bogen die allmählich freier werdende Eisfläche hin und her durchschwebte. Bald jedoch brach die Dämmerung herein, und der Ruf ertönte, die Lahn zu räumen. Da hielt sich Heinz Bräuer nahe an den Eisprinzen; denn er fühlte, daß es zwischen diesem und jener dunkeln Rotte noch zu einem Austrag kommen würde. Und instinktiv trieb es ihn, seine Beobachtung fortzusetzen und zu sehen, wie die beiden Fäden wieder zu- jammenträsen. Daß es nur in einem bösen Knoten geschehen könnte, ahnte er und war in dumpfer Spannung darauf gefaßt, denn seine ganze Seele war in die Sache der beiden Parteien tief und unabweislich verstrickt. Er folgte dem Eisprinzen in kurzer Entfernung. Der nahm seinen Weg, von der Hauptstraße abbiegend, durch den Stadtgarten, in der Richtung nach dem vornehmeren Viertel. In den kahlen Anlagen war es einsam. Der gefrorene Schnee knirschte unter den Füßen des Doran- schreitenden. Heinz Bräuer, hinter ihm, hielt sich an den Rand des Weges, wo der Schnee weicher lag und den Schritt dämpfte. Die Dämmerung wurde schnell zur Nacht; doch blieb das Dunkel undicht, da der Mond über der Wolkendecke stand und sein Licht gelind hindurchstreute. Plötzlich hörte Heinz Bräuer Stimmengemurmel in seinem Rücken und laufende Schritte. Er trat hinter einen Baum. Da stob es auch schon an ihm vorbei, drei schwarze Burschen. „Das Luder muh hier gegangen sein!" verstand er. Sollte er warnen? Sollte er helfend zuspringen? Er rang mit sich. Es war sein Feind, sein Nebenbuhler, der Räuber seines Ruhmes, der jetzt vielleicht in tödliche Gefahr geriet ... Da! wüstes Schimpfen vor ihm, ein deutliches: „Gib's ihm, Karl! Hau ihm die Knochen zusammen!" Dazwischen Getöse von schlagenden Schlittschuhen. Ein zorniges „Feige Bestie!" aus dem Munde des Eisprinzen, und dann ein Triumphgeheul ... Das Herz erschauerte dem Horcher in schrecklichem Zwiespalt. Himmel und Hölle stritten sich darum ... Und die Hölle siegte. Er sprang nicht hin, dem Bedrängten zu helfen, obwohl er kein Feigling war und ein gefürchteter Ringer. Er stand und lauschte krampfhaft. „Laß ihn aus, Karl; er hat genug!" hörte er einen sagen. „Komm jetzt fort, du!" eine andere Stimme. Dann knickte und krachte es in den Büschen von durchbrechenden Leibern, und alles war still. Jetzt schlich Heinz Bräuer mit stockendem Atem vorwärts und sah den Ueberfallenen dunkel ausgestreckt quer über dem weißen Wege liegen, regungslos. Zugleich hörte er hinter sich Schlittschuhgeklirr und plaudernde Knabenstimmen. Da wandte er sich seitwärts und lies geduckt durchs Gesträuch. Schnee rieselte in seinen Nacken. Ein Zweig streifte ihm den Hut ab, und die Kälte schlug ihm an die heiße Stirn; aber er hielt nicht an, bis er die Landstraße erreichte. Auf ihr schlich er, das Licht der Laternen meidend, hinter der Baumreihe in die Stadt hinein, wo er die dunkelsten Gassen für den Heimweg wählte. Eine Stunde später erzählte man schon im Laden seines Vaters von dem Ueberfall. Der Eisprinz, ein junger Freiherr von der Ostsee, dessen Mutter auf der Reise erkrankt war, so daß sie unverhofften Aufenthalt hatten nehmen müssen, war durch zwei Messerst che in der Brust und einen Schlag gegen die Stirn schwer verwundet und lag hoffnungslos danieder. Die Täter hatte man schon. Blaß und schweigend hörte Heinz Bräuer, was die Leute erzählten, und zog sich bald auf seine Kammer zurück. Das Schuldgesühl in seinem Herzen breitete sich aus und widerstand allen Gedanken, die es tilgen wollten ... Der Eisprinz starb an seinen Wunden; aber für die Stadt und namentlich für alles, was Schlittschuh lief, blieb er lebendig, nur desto mehr lebendig, weil er so furchtbar eindrucksvoll gestorben war. Heinz Bräuer jedoch gewann nie den Mut, gegen die Erinnerung an ihn, bei den andern und bei sich selbst, mit seinen Künsten auf dem Eise aufzutreten. Vielmehr verlor er bald alle Lust am Laufen und gab es, von seinem Gewissen ebensosehr wie von dem nachglänzenden Ruhm des andern gepeinigt, noch im selben Winter gänzlich auf. Winterliche Landstraße. Von Alfred Richard Meyer. Für die meisten Menschen gleitet das also vorüber: man sitzt zurückgelehnt in die warmen Polster des dahinsausenden v-Ziigs und sieht kahle, verschneite Straßen — darauf bisweilen einen Wagen, ein paar Menschen. Das fliegt vorüber — kaum ein Bild, kaum Gegenständliches, vielleicht nur ein Gefühl aus Visuellem: die Kälte. Was lebendig darin ist, hat schwarzen, müden Flügelschwung, ist eine Krähe. Das ist alles. Ist das aber die winterliche Landstraße? Wieviel näher kommt man ihr, wenn man einige Tage, fast eine ganze Woche, an sie gebannt ist, dreitausend Kilometer im Auto auf ihr liegt, von ihr durchgefroren und durchgeschütjelt wird! Dann ist man selbst ein gut Stück dieser winterlichen Landstraße geworden, ist unglücklich und glücklich mit ihr, haßt sie, liebt sie, sicht sie mit anderen Augen an und weiß von ihr zu erzählen. Was erlebt man auf ihr und mit ihr? * So viele Menschen ohne Mantel, ohne Handschuh auf der Landstraße! Wanderer, Arbeitslose. Zwischen den Städten. Von Dors zu Dorf. Durch den ausdämmernden Morgen. Durch den kurzen nebligen oder bisweilen sonnenklaren, aber eisigkalten Tag. Durch den allzufrühen Abend in die frostklirrende Nacht hinein, die keine Heimat ist. Die Hände in den Taschen. Zwischen dem hochgerutschten Aermel des fadenscheinigen Jacketts und der dünnen, schrumpeligen chose ein Streifen rotgefrorener Haut, aus der das Blut spritzen möchte. An jedem Tag waren es an die hundert Menschen, die ich also sah. Ihr Schritt, der stolpernd ist, soll „Stromern" fein? Ziellos ist er und weglos, so hart der Weg auch unter den Füßen, den mangelhaft beschuhten, aufknirscht. Mitleidlos verfließen erstarrt die kurzen Tage ineinander. Die Sonne, in den metallisch blauen Himmel als narrendes, kaltes Spiegelbild eines angeblich glühendheißen Balles gesetzt, täuscht für Minuten Wärme vor — wenn's der Wind gestattet. Auch mit dem Stück harten Brotes ist bas so: läckerlicher Trug über den bellenden Hunger weg. Der Dorfköter bellte? Aus dem Gehäuse des Magens schoß er kläffend hervor. In jedem Dorf in der langen Kette des Leidens, die der böse Winter aufgereiht hat, Vaterunser daran zu beten. Aber diese erfrorenen Finger in den Taschen — können sie sich noch falten? Ohne Handschuh, haben sie sich, wie Tiere, eine ledern zersprungene Haut zugelegt; ohne Mantel, torkelt Körperliches weiter, weiter — Tage, Nächte. Wo harrt ein Bett ober doch ein Lager, etwas weicher als diese ewig lange, ewig graue, winterliche Landstraße? * „Die Straße ist gut", hat man eben vor sich hin gesagt und sich befriedigt eine neue Zigarette angesteckt. Die Sonne scheint, stellt man fest und gibt sich wohliger dem Vertrauen an ihre schwache Wärme hin. Schon wird man plötzlich hochgeworfen. Die Achse knackt. Die Federn wippen knarrend. Ein Schlagloch, das erste von einer ganzen Serie. Man hat sich als Handball hier im Auto herzugeben. Mit der guten Fahrt ist es mal wieder für eine ganze Weile aus — wie im Leben. Eben lag der Weg so hübsch glatt und sauber gefegt vor einem. Schon hob einen Triumph. Uebermut kicherte auf. Dreißig Kilometer schneller! Schlagloch! Warnung. Da hilft kein Gas des Lebens. Man hat fein zu bremsen. Auf einen Achsenbruch will man es denn doch nicht ankommen lassen. Eine Panne, definitive, hier auf der winterlichen Landstraße — lieber nicht! Nicht immer ist am Wegrand ein warnendes Schild aufgerichtet: Achtung — Schlaglöcher! Einige Gemeinden sind so lieb. Andere lochen sich eins und machen den Staat verantwortlich. Hoben selbst kein Geld! Ja — wenn man noch Wegegeld erheben könnte! Gute Fahrt! Und Hals- unb Beinbruch! « Sie sind entschieden die vorsichtigsten Tiere auf der Landstraße. Selbst wenn sie sich an frisch geworfenen, dampfenden Pferdeäpfeln Körniges picken, überhören sie die Hupe eines herannahenden Autos nie. Geflügelte Flucht nach links ober rechts — nur auf Rettung fommt’s ihnen an. Und wie hoch unb wie schnell sie plötzlich fliegen, entfliegen können! Wie wenn sie die sich schnell vermindernde Entfernung ganz richtig einschätzen könnten. Mit dem Fortschritt der Zeit geht so eine Hühnergeneration nach der anderen — habe ich immer den Eindruck. Hühner sind gar nicht so dumm, wie man stets wieder behaupten will. * Gänse und Enten scheinen viel schwerfälliger, ja vielleicht schwerhöriger zu sein. Sind ja auch, schon ihres Fettes wegen, eine kompaktere Angelegenheit — soweit sie die Festtage überleben durften. Aber auch Jugend ist schon wieder unter ihnen, die es nur auf sechs bis acht Wochen Leben bringen soll, um bann als Februar-Delikatesse in die Feinkostgeschäste der großen Städte zu wandern, einen Ring mit genauem Geburtsdatum hübsch am Fuß. So vorsichtig mir fahren, ein ganz dusseliges muß doch dran glauben. Ein Vorderrad hat's erwischt. Einen Schritt macht es noch. Fällt dann auf der Straße schwer zusammen, ohne noch einmal zu zucken. Schneller Tod. Die Brüder und Schwestern stehen erschrocken um es herum. „O Gott — ist dir etwas passiert?" Rührende Hilflosigkeit der Kreatur. Ein Bild, das man nicht vergißt. * Im frühen Morgen ist es, gleich hinter Lauffen am Neckar, wo Hölderlin geboren ward. Ein Auto vor uns hat einen jungen Dobermann, der nicht schnell genug über die Straße laufen konnte, ins Jenseits geschafft. Menschen haben das tote Tier von der Straße weg auf die hohe Böschung hinter den Graben gelegt. Und daneben sitzt nun, nein — liegt die Hundemutter, kann nicht begreifen, was geschah, muß hier bleiben, die geweiteten glänzenden Augen ins Irre gerichtet, leidende Kreatur, Liebe, die Worte nicht ausbeuten können. Eine Mutter auf winterlicher Landstraße ... * Zwischen Würzburg und Meiningen sprang nachts ein Hase in unseren Lichtkegel. Schon hatte ihn eines unserer Vorderräder erhascht und zu Tode gebracht. Das ist kein Waidmannsheil. Das ist Differenz zweier Welten. Hasentod — da muß eine Flinte geknallt haben. Die Köchin weigert sich, das Tier anzunehmen. Aber vielleicht hätte es uns auch sonst nicht besonders geschmeckt. Warum eigentlich nicht? Menschen sind doch sehr empfindsam — in gewissen Dingen wenigstens. Komisch. Oder eigentlich — nicht komisch. Ein Opfer der Landstraße — nein, das ist keine kulinarische Angelegenheit. » Man ahnt ja gar nicht, wie viele Zigeuner es auf winterlichen Landstraßen noch heute gibt. Das ist noch immer fahrendes Volk, selbst bei dieser Kält«. Vom Waldrand hebt sich ein armseliges Wägelchen ab. Ein paar bunte Fetzen flattern zwischen den kahlen Aesten. Pferdchen frieren in sich zusammen. Viel weniger diese braunen Menschen, die fröhlich her- überwinken. Romantik in Winterkälte— so etwas hielt ich eigentlich nur auf den Schneebildern von Vrueghel für möglich. Seltsam. So mitleids- lo diese Zigeuner hier in die Landschaft hineingesetzt sind, so wenig rührt sich Mitleid im Herzen des hier durchaus interessiert Betrachtenden. Sehr seltsam. Und doch fehlen auch hier Mäntel und Handschuhe. Trügt also Romantik, nicht sterben könnende? * Kesselflicker. Auch sie — fahrendes Volk. Aber wieviel eleganter sind ihre Wagen gegenüber denen der Zigeuner! Ganz neu lackiert mutet das an. Romantik wird hier fast von so etwas wie neuer Sachlichkeit abgelöst. Fahrende Handwerker sind's eben. Da wir Kinder waren, schienen sie uns gleichbedeutend mit den Zigeunern. Am Wegrande wird gearbeitet, werden Kessel geflickt. Und wie viele sind jetzt nach dem Fest in Deutschland zu flicken! In den großen Städten wirft man solche Schadhaftigkeit einfach weg, geht ins Warenhaus und kauft sich einen neuen Kessel. Hier auf dein Lande — da läßt sich alles noch zwei-, dreimal wieder zusammenflicken und tut weiterhin gute Dienste. Verschwenderisch sind wir Großstädter doch geworden! Wie schön könnten auch wir Kesselflicker in Nahrung setzen! Radfahrer. — Das ist mir die unheimlichste Erinnerung von der ganzen Autofahrt. In nebligen Abenden tauchen sie plötzlich in letzter Sekunde überraschend schnell rechts vor einem auf, sind Gespenster, dennoch lebensvoll, aber nicht im entferntesten hinten mit einem spiegelnden Prismenglas, einem sogenannten Katzenauge, versehen, das ihr Dasein in Rebel und Nacht rechtzeitig anzeigen könnte. Menschen, die noch immer nicht wissen, in welcher Lebensgefahr sie dahinsausen. Die sie so leicht abstellen könnten. Sie tun es nicht — wenn sie nicht schließlich durch ein Gesetz dazu gezwungen werden oder wenn sie nicht vom Tode vorher erwischt sind. Zwei solcher Toten sah ich auf winterlicher Landstraße. Auf anderen Straßen mögen andere Tote liegen. Ich danke dem Himmel, daß unserem Auto solch entsetzliche Tat erspart blieb. Und dennoch, — wie leicht hätte sie auch uns widerfahren können — nur weil Menschen leichtsinnig sind und ohne Beleuchtung die Fahrt durchs Dunkel der internacht wagen. Mutz sich der Tod unter den Radfahrern wirklich erst noch weiter herumsprechen? Manche Menschen verstehe ich nicht. ♦ Abblenden l Das ist auf der Landstraße etwas anderes als beim Film. Dort wird jäh ein Bild abgeschnitten, um einem anderen, interessanteren Platz zu machen. Hier haben zwei Autos, die sich im Dunkel begegnen, die Lichter abzublenden, damit der andere im Fahren nicht geblendet werde. Wie viele Autos blenden gar nicht oder doch erst sehr, sehr spät ab! Soll doch der andere, wenn ihm unsicher ist! Ist das Unglück hinterher geschehen, liegen zwei Autos zerschmettert im Graben, so läßt sich meist die Schuidfrage schwer klären. Abblenden — das sollte vornehmste Höflichkeit der Auws auf winterlichen Landstraßen sein! Und sie ist es gottlob meist auch. Aber diese Ausnahmen — am liebsten möchte man Da immer anhalten und den Herren, die da nicht daran denken, vorzeitig abzublenden, ein kleines höfliches Kolleg halten. Würde doch nichts nützen. Kann das Trost (ein, wenn man hernach in der Zeitung wieder einmal von einem schrecklichen Autounglück infolge Nichtabblendens liest? Abblenden! Andere Bilder! Hervorgezaubert aus der Sehnsucht nach dem Frühling — allen Staub selbst mit in Kauf genommen! Andere Bilder! Franzöfische Impressionen. Von Josef Ponten. Es darf wohl gesagt werden und wird gelten, daß die romanische Kultur mehr stadtgeboren und stadtbestimmt, „urbaner" ist als die germanische. Daraus folgt im allgemeinen ein etwas andres Verhältnis des Romanen zum Land; es mag ein sentimentaleres fein. Im Sommer ist man, ist namentlich der Pariser ä la Campagne, oft in Gesellschaft; der Franzose hat die gesellschaftliche Kultur ausgebildet und fühlt sich wahr- wieinlich in der Gesellschaft glücklicher als der Germane. 3m französischen Roman — der Roman ist Chronik und Spiegel, aber auch Handpostille und Fibel der Kultur — spielt das Landleben, das gesellschaftliche Landleben, eine große Rolle. Da liegt das kleine Dorf mit feinen meist gereihten, in geschloffener Front stehenden, ein wenig langweilig und nüchtern ausfehenden Häusern. In allen alten Kulturländern ist Holz selten, der Römer kam aus einem an Holz schon verarmenden, von Natur aber an Steinen reichen Land in ein an Steinen, an schönen und zum Bau geeigneten Steinen, reiches Land und gab ihm zu einem gewissen Teil fein Gesicht. Ein trotziges Bauerntum scheint unpopulärer in Frankreich gewesen zu fein als in Deutschland. Das in eigenwilliger Isolierung stehende und das Siedlungsideal der verschiedenen sich unabhängig nebeneinander behauptenden Stämme ausdrückende deutsche Bauernhaus, wie etwa das oberbayrische, mit langen Holzbalkonen und Galerien ins Land hinausschauend, oder das sich hinter Wasser, Gräben und Eicktenkamps bergende niedersächsische Bauernhaus, ist in Frankreich ohne Parallele. Selbst die geselliger siedelnden Heflen und Franken haben eigne und unwechselbare Bauformen ihrer Siedlungen geschaffen, die Friesen wieder andre als die Niedersachsen — das deutsche Bauernhaus ist ein schönes gewachsenes Naiur- Kulturerzeugnis, ein eigentümlicher und kostbarer Besitz Europas, ein Charakter von nicht minderer grundsätzlicher Bedeutung als etwa der griechische Tempel ober der römische Stadtplan. Der Römer und Überhaupt der Mittelmeerländer ist ein im aristotelischen Sinne mehr politischer Mensch und hat die Gemeinschaftsformen, auch Ne baulichen, ausgebildet; das Individuum trat zurück und mit ihm auch die Ausdrucksgestalten des individuellen Lebens. Also wurde das Haus gleichförmiger, es blieb unbedeutend und hatte sich zu fügen. Diese Beobachtung drängt sich einem in Frankreich bald auf, und sie stimmt auch mit vielen andern Zügen des volklichen, des geschichtlichen und des politischen Schicksals überein — wenn man in einem großen Kreise durch ganz Frankreich reift, Überall, die Bretagne vielleicht ausgenommen, behält Bauernhaus und Dorf ein annähernd gleiches Gesicht, wenn auch das jeweils zur Der- fügung stehende Baumaterial und bas Klima des Landstrichs natürlich Individualzüge hineinzeichnen. Jedenfalls, Forrnfpannungen wie in Deutschland gibt es nicht. Die Dorfflur, das „Gewann", ist weiträumig und weitläufig in Frankreich. Wie sollte es anders fein in einem Land, dem, wenn wir Rußland zu Asien stellen, an Landfläche größten, an Beoölkerungszahl aber britt- ober oiertgrößten Europas. Diese Bevölkerung wohnt fast zur Hälfte in den Städten, von dieser Hälfte ein Drittel in den Grotzstädlen, fünfzehn an der Zahl, und davon die Hälfte allein in Paris. Das bedeutet, daß die Kleinstadt, die zudem das Gesicht der Landschaft längst nicht fo entscheidend wie die Großstadt verändert, eine große Rolle hat und daß es für die Landbewohner genug Platz gibt. So erscheint dem Reifenden, der ans dem in Stadt und Land überfüllten Deutschland kommt, die französische Landschaft weit und oft leer, die Dörfer drängen sich nicht im überschaubaren Gesichtskreis wie oft in Deutschland. Die Industrie ist mehr zentralisiert und massiert als in Deutschland, so viele kleine Städte mit Industrien auf engem Raum wie in Württemberg dürften in Frankreich vergeblich gesucht werden. Die stagnierende Bevölkerung braucht keine intensive Felderwirtschaft, und fo sieht man weit weniger als bei uns das lebhafte Maschinenwesen landwirtschaftlicher Betriebe und die weißen Felderflächen mineralischer Düngung; es herrscht altmodische, idyllische und patriarchalische Landwirtschaft vor. Der Weinbau, der überhaupt keinen Maschinenbetrieb im Freien zuliitzt, ist viel ausgedehnter als bei uns, und Rebenzucht trägt in eine Landschaft etwas Heiteres, Altertümliches und fast Biblisches. In der Nähe des Dorfes zieht ein stiller Kanal vorbei, man sieht auf den geraden Wasserzeilen zwischen endlosen Reihen von Weiden oder Pappeln, die auf den Dämmen stehen, den Schiffer den seltenen Kahn stoßen. Denn ob auch Frankreich, dank der Natur seines Gewässernetzes leicht und mit Gewinn und dank feiner frühen nationalen Einigung, die schon vor Luthers Zeit vollendet war, Kanäle bauen konnte, und es in der Zeit feiner großen Politik, der des absoluten Königtums, auch tat, so sind die Kanäle wohl meist schmal, seicht, keine „Großschiffahrtswege", wie man sie heute in Deutschland baut, und wirken einen schon fast ge- schichtlichen Reiz. Wald ist auf die Höhen an den Rändern der Landschaft und auf engste Räume zurück- und zusammengedrängt und ist an sich schon seltener in einem Lande, dessen Großteil im waldfeindlichen trockenen Süden liegt; die alten Kulturen haben, wie bereits gesagt, viel Holz verbraucht, und aufzuforsten liegt in einem Land mit unermeßlichem Kolonialbesitz (er ist sechsundzwanzigmal größer als das Mutterland), der zum guten Test in den feuchten Tropen, den ausgesprochenen Waldländern der Erde, sich findet, keine rechte Veranlassung, kein wirtschaftlicher Antrieb vor. Entlang den Kanälen und Landstraßen stehen hohe schöne Pappeln, viele, zahllose Pappeln, Pyramidenpappeln, italienische Pappeln, die in nördlichen Landschaften den Stilbaum der südlichen, die Zypresse, ersetzen. Man kann die Pappel wohl den Charakterbaum Frankreichs, der fran- zösischen Kulturlandschaft nennen, fo häufig ist sie, und ein Beweis für den Fleiß und die Absichtlichkeit, mit der sie gepflanzt wurde, dürfte die im Rheinland oft zu hörende Behauptung fein, daß die rheinischen Pappeln an den großen Landstraßen, die in der Zeit der zwanzigjährigen französischen Fremdherrschaft am Rhein vor gut hundert Jahren angelegt wurden, alle „von Napoleon gepflanzt" feien. In der Nähe des Dorfes liegt das Chatgau, das Schloß, in dem wohl meist ein Städter oder gar ein Pariser im Sommer wohnt; Chäteau — her Franzose ist entsprechend der Volltönigkeit aller romanischen Sprachen und der Raumbedürftigkeit romanischen Wesens freigebiger als wir in der Zuteilung gutklingender Benennungen und zum Gebrauch großer Wörter geneigt. Meist ist es ein Chäteau des Dix-huitiöme aus der Zeit ber Adelsherrfchaft, mit Mansard- und Walmdächern, das der späte Enkel noch hält oder das der Bourgeois in der Adelsfäkularisation erwarb. Aber auch Neubauten der letzten bürgerlichen Zeit sind bei dem konservativen Sinn der Franzosen für gewöhnlich im Stil des Dix-huitieme errichtet. (Versuche im modernen Stil sind wie überhaupt die — fetten« — moderne Architektur in Frankreich fast ausnahmslos greulich.) Schone Pappelalleen führen auf bie Chäteauxgu, namentlich auf die grötzern und altern, Terrassen schauen ins stille Land, und kleine ober größere Parke mit alten schönen Bäumen gibt es da voll von Stimmungszauber. Das französische Chäteau ist ein eigentümlicher und kostbarer Kulturbesttz des westlichen Europas! Man sieht Entenvögel, Störche und auch Reiher fliegen, kein Wunder in den verhältnismäßig schwach bevölkerten und vom modernen Gewerbe- fleitz nicht ergriffenen Landschaften. Burgen wie in Deutschland, kleine Burgen eines kleinen Rittertums, die von der Zeit ober, am Rhein, als erste „Entmilitarisierung Deutschlands" von französischer Politik durch die Louoois zerstört wurden, sieht man wenig, sieht man fast keine in Frankreich, das bei feiner alten zentralistischen Tendenz ein kleines Jndimbual- rittertum sich nicht entwickeln lieh. Nur einige, wenige große Burgen des großen Adels erscheinen im Land, namentlich an ber Loire, die bann und mit größtem Recht Chäteaux zu nennen finb und mit den Bauten ber Könige wetteifern. Das ist im großen das typische Bild einer Landschaft ber „douce France“, wie ein verliebter und liebenswürdiger Patriotismus sagt, im ganzen also ein wenig stiller und gehaltener als bei uns, ein „paysage intime“ — das Wort ist eine französische Erfindung — auch mehr einheitlich als bei uns, ein wenig antiquierter sicherlich auch, bas Bild einer Landschaft, wie wir sie aus den Romanen Balzacs für die Touraine (Balzac flammte aus Tours) kennen. Selbstverständlich ist solcher Art Landschaft immer ein wenig ausgesucht, eigentümlich und in Besonderheit auffällig, so mfe ein eigenartiger Mensch in der Masse, selbstveiständtich gibt es auch sozusagen neutrale, wenig ausgezeichnete und für Qtantreid) ebensowenig typische Landschaften, wie sie es für Deutsch'and wären, wo sie ebenso unterschiebt ch vorkommen. Es gibt natürlich weite Strecken, namentlich im nördlichen Frankreich, in denen man, wenn man nicht wüßte, daß man in Frankreich ist, in Deutschland zu fein glauben könnte. Das Untypische ist sich naturgemäß überall verwandter als das Typische, Gestalt liebt Ausschließlichkeit. Die Vergleichbarkeit des Untypischen mag sogar den größten Teil der Masse der beiden Länder beherrschen. Europa ist zu klein, um sehr große Formspannungen zu erzeugen. Wir kennen durch die Impressionisten viele Bilder von Landschaften der Seine und Marne. Und da ist die Wiedergabe folgender auffälliger Beobachtung am Platze: An einen, heißen Augusttage fuhr ich aus dem glühenden Paris seineaufwärts aufs Land. Wie leer waren die User der Seine! Wie wenige in der Millionenstadt drängte es hinaus in die Natur! Und dagegen ein AugusUonntag oder auch nur ein Werktag an den Ufern der Havel oder der Isar! Nein, der Pariser hat nicht das "urtümliche, ursprüngliche Verhältnis zur Natur! Ein französischer Journalist reift in Deutschland, er beschreibt das sommersonntägliche Treiben an den Havelseen vor den Toren Berlins, er nennt es im Pariser „Journal" — mit leichtem Schrecken offenbar und auch „degoü“ „hygienischen Paganismus". Wir Deutsche lesen das Wort mit anderm Vorzeichen und sind des veränderten Sinnes froh. Ich sprach mit einem französischen Dichter von heute, der auch in Deutschland nicht unbekannt ist, über die Eigenart, Weiträumigkeit, Behäbigkeit, Ruhe und gewisse Menschenleere der französischen Landschaft, den weitgedehnten Raum eines Volkes, dos zudem noch die unermeßlichen Abflußgebiete über dem Meere hat, von denen feine wander- und aus- wanderungsunlustige Bevölkerung keinen Gebrauch macht, während wir Deutsche uns in engem Land und übervoller Landschaft drängen: auch er wußte für uns keinen anderen Rat, aus der Not herauszukommen, als — echt französisch — die Kinderzahl zu beschränken. Fabelwesen der Tiefe. Von William V e e b e. Vor kurzem ist die erste Tieffee-Expedition der Neuyorker Zoologischen Gefellfchaft nach großen Erfolgen von ihrer langen Reife zurückgekehrt. Der Führer der Expedition und Autor der bekannten Bücher „Galapagos, das Ende der Welt" und „Dfchungelleben, Forscherfreuden in Guyanas Urwäldern" hat über die Expedition einen wundervollen Bericht geschrieben: „Das Arcturus-Abenteuer". Die erste Tietfee-Expedition der Neuyorker Zoologifchen Gefellfchaft. (Mit sieben bunten Tafeln, 50 Abbildungen und zwei Karten. Geheftet 14 RM. Ganzleinen 16 RM. F. A. Brockhaus in Leipzig.) Wir befinden uns auf Deck der „Arcturus", wo ein Schrei ein auf- kommendes Netz begrüßt. Der große seidene Kegel erhob sich triefend aus den Wellen, und ich sah an feiner Spitze eine sackende Masse von matt lachsfarbenem Gallert. Sogleich wurde diese sorgfältig in eine weiße Emailleschale geschüttet und in das Laboratorium gebracht. Kein Wunder, daß die Masse eiskalt war, denn sie entstammte Wassern, die sich 1,333 Kilometer unterhalb des Schiffes befanden. S.e war halbfest und fah aus, als ob sie aus tausend Stückchen von zweifarbigem Glas und Edelstein zusammengesetzt wäre — ein vorerst bewegungsloser, lebendiger Schatz, aus einer abgrundtiefen Hohle des Aladdin. Ich goß Wasser drauf, und mit der Verdünnung löste sich das Plankton in feine Bestandteile auf. Als die Zehntaufende von „Atomen" juwelen- haften Gallerts auseinanderfielen, nahm jedes Form und Besonderheit eines Einzelwesens an und begann je nach feiner Wesenheit zu strampeln, zu atmen, zu schwimmen ober zu pulsieren. Sichtbares Blut begann zu kreisen, deutlich erkennbar schlugen Herzen in den Tiefen glasartiger Körper, Feinde sprangen einander an die Kehle (oder was es sonst bei ihnen an Stelle dieses Körperteils gab), und kaum bot sich die nötige Be- wegungsfrecheit im Wasier, da tanzten und wirbelten auch schon Männchen gefiederten Fußes in Liebesekstase um ihre weniger schmuckreichen Gattinnen. Das sind keine bedeutungslosen, blumigen Redensarten, denn tatsächlich stellte die Gallertmasse unter dem Mikroskop eine Minute nach der Verdünnung jede Lebensaußerung zur Schau, deren wirbellose Tiere fähig sind. Die allgemeine Färbung dieses dichtgedrängten Tierlebens war ein reiches Lachs, durchsetzt mit Flecken von Dunkelbraun, Schwarz, Kastanienbraun, Purpur und einem tiefen und lebhaften Scharlachrot, das sofort das Auge anzog und hypnotisch festhielt. In der Nähe eines Punktes in dieser schreienden Farbe zog ein Akrobat meine Aufmerksamkeit auf sich. Obwohl er frei dahinschwamm, schien er in feinen Bewegungen merkwürdig beschränkt zu sein. Man hätte meinen können, daß er Hebungen an einem unsichtbaren Reck vorführe. Als ich ihn herausgeschöpft hatte, wurde mir seine Beengtheit verständlich. Wieder ziehe ich Diogenes als Vergleich an, denn es war, als ob jener zynische Philosoph Handstände oder Purzelbäume in seinem Faß geübt hätte. Ich hatte einen Flohkrebs in einer Tonne vor mir — gewiß war die Tonne durchsichtig, aber sie i war dennoch von einem Tiefseefaßbinder wohl mit Reisen und Dauben versehen. Der Krufter selbst gehörte zu der Gruppe, die L a t r e i 11 e vor einhundertfünfundzwanzig Jahren Phronima genannt hatte. Ein zweites Stück in einer anderen Tonne war in einen Schleier gehüllt, der sich unter der Lupe als eine Schar rosagefärbter junger Phronimen heraus- s stellte. Es handelte sich hier also um keine gelegentliche oder zufällige Verbindung, sondern, wenn es mir möglich gewesen wäre, eins von diesen Jungen weiter zu beobachten, würde ich gesehen haben, daß es zu feiner Zeit von einer vorbeischwimmenden Tonne Besitz ergriffen hätte. Diese Tonne ist übrigens die Schale ober das Gehäuse einer Seescheide mit Namen Doliolum, einem T er, das mit feinen Verwandten, den Salpen, einige Sprossen auf der Leiter der Entwicklung herunterqerutscht ist, nachdem es schon beinahe den Stand der Wirbeltiere erreicht hatte. Phronima kümmerte sich darum nicht und Machte sich daran, Doliolum buchstäblich aus Haus und Hof herauszufressen und zur Hintertür hinein- zusch'üpsen. Damit hatte sie nicht nur ein Glasbaus und eine treffliche Kinderstube gewonnen, sondern auch ein Motorboot. Sie hielt sich mit dem größten Klauenpaar fest, streckte den Leib weit nach hinten heraus und konnte nun durch wildes Aufrühren des Wassers eine erstaunliche Geschwindigkeit erreichen; dabei trieb sie gleichzeitig das Wasser durch die Vordertür herein, bas Sauerstoff für sie selbst und ihre Brut mitbrachie. Zu dem Kopf ber Phronima findet sich außerhalb ihrer eigenen Art kein Gegenstück. Seine Heberschwere erinnerte mich schwach an eine Termite, aber die Augen paßten so recht zu dem Kops, an dem sie saßen. Auf dem Scheitel befanden sich Myriaden von winzigen geschaffenen Flächen, jede bildete das Ende eines fadendünnen Nervs, der sich nach der Seite des Kopfes erstreckte, wo zwei anscheinend normalere Augen zu sehen waren. Phronima ist wohl ganz besonders gut mit Sehorganen ausgestattet, denn man glaubt, daß die zuerst erwähnte Bildung auf dem Scheitel für das blaffe Dämmerlicht der allgemeinen Umgebung eingerichtet ist, während die Seitenaugen besser für die Betrachtung glänzend erleuchteter Gegenstände geeignet sind. Man stelle sich vor, baß einer ber gefräfj gen Astronthes in vollem Glanz feiner hundei Stückpforten daher kommt: Phronima bedient sich sofort ihrer Seitenaugen, wirft den Schwanz hart nach Backbord herum und fährt in ihrer Tonne mit Volldampf davon. Jedes geringfügige Rücken an der Schale voll Plankton ließ eine neue Welt in Erscheinung treten ober eher ein neues Weltall, benn langsam rollte jetzt ein Planet durch den Raum — eine meinrote Kugel, die eine Meduse war — schwer wie ein Schatten, durchscheinend wie Wasser und über alle Maßen schön. Wie weit schien sie vom Tierreich entfernt in ihrem blumenhaften Strahlengleichmaß, für bas sie zu Lieb ober Leid einen langftengeligen Vorfahr aus urvergangenen Zeiten zu Dank verpflichtet war. Sagitten, die schnellen Seewürmer in Pfeilform, zeigten durch ihr rosafarbenes Kleid an, aus welcher Tiefe sie stammten, bedeutete ihre Färbung doch Annäherung an die scharlachrote und schwarze Wasserzone. Ohne weitere Bewegung verharrten sie in sich selbst vibrierend ober schossen mit halbverdeckten Kiefern geschwind durch die Planktonmasse. Sie sind die Falken dieser Planktonwelt, und ich sand im Magen eines solchen Wurms einen Leuchtfisch, eine Vinciguerria, die so wohl erhalten war, als ob sie noch lebte. Ein Mondstein, der in Form eines Ovals geschnitten war, zog meinen Blick auf sich — ich erkannte ihn als die Umhüllung einer Röhrenqualle. Unter ber Lupe überbot sie die Schönheit jebes unorganischen Edelsteins, denn sie war von pochendem Leben erfüllt und wies eine höchst verwickelte Bauart auf. Der Stoff, aus dem sie beftanb, war so flüchtig wie eine Menge ineinandergreifender Schatten, die für kurze Zeit in Bläschen von ein paar Salzwassertropfen gefangen sind Die gebogenen Muskelbänder, die vielen unendlich feinen, kunstvoll verschlungenen Fangfäden, der einwärts gestülpte Mund — alles war vollkommen. Die Außenseite dieses Wesens war von einem Farbenspiel überzogen, das das Schillern von Seifenblasen an Vielfältigkeit und Schönheit übertraf. Als ich weiter in ber Masse stumpfgrauen Planktons rührte, traf wieder ein Fleck stärkster Farbe bas Auge, wie ein Schlag auf den Körper ober ein krachender Ton auf das Ohr wirkte. Ich wüßte keine andere Wahrnehmung, die in gleicher Weife auf das Auge einro.rll — oder auf das Gehirn hmter dem Auge wie die Erscheinung einet großen, glühenden, lebenden, tiefscharlachroten Garnele, die, falt wie Eis, eben durch 800 Meter Wassertiefe emporgehoben worden ist. Keine Blume in noch günstigerer Umgebung hat mir je einen ähnlichen Eindruck gemacht. Man darf nchi vergessen, daß diese Garnele, wie alle ihre Vorfahren seit unvordenklichen Zeiten, nichts als das schwärzeste Wesen in einer pechschwarzen Welt gewesen war, und daß die leuchtende Farbe nur während ber eben vergangenen wenigen Minuten existiert hatte. Dieser Umstand mag zum Teil die aufregende Wirkung der Erscheinung erklären, w,e sie in ähnlicher Weise von den ungewohnten Linien und Kegeln in unserer eigenen Netzhaut ausgeht, wenn wir auf dem Kopf stehend in die Welt hinausschauen. Als ein plötzliches Rollen ber „Arcturus" bie Hauptmasse des kalten Planktons auf die eine Seite der Schale spülte, blieb auf dem Boden ein dicker Satz von Myriaden feiner Punkte in allen Farben und Größen zurück. Diese stellten nun womöglich eine noch schönere und erstaunlichere Welt voll Lebens bar als bie größeren, obenauf treibenben Tiere. Hier fanben sich Hunderte von Schalen der einzelligen Globigerina, die alle mit ihren w nzigen Bewohnern, amöbischen Protoplaemakügel- chen, besetzt waren. Andere Schalen waren rund, länglich ober schneckenförmig unb mit einer geringeren Anzahl von wirklichen Schnecken vermischt, von denen einige zweischalig, bie andern langgewunden waren. Hier und da begann aus einer nautilusähnlichen Schale ein Tier etwas hervorzukommen. Aus einer gewundenen Masse unbestimmbaren Gewebes tauchten zwei Augen auf, bann ein langer Rüssel unb im Verfolg mehrerer anberer Organe ein paar Flügel. Während ich beobachtete, begannen die Flügel zu schlagen, anfangs langsam, bann stärker unb regelmäßiger, unb schließlich erhob sich die Flügelschnccke mit Schale unb allem Zubehör langsam von der Globigerina unb bewegte sich durch das Wasser wie etwa eine ziemlich ungeschickte Fledermaus. Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerf itätS-Vuch» und Steindruüerei, R. Lange, Gießen.