SießenerKmlilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Jahrgang 1929 Montag, den 2-1. Juni•Nummer ^8 Gedichte. Von I. W. von Goethe. Gedichte sind gemalte Fensterscheiben! Sieht man vom Markt in die Kirche hinein, da ist alles dunkel und düster; und so sieht's auch der Herr Philister; der mag denn wohl verdrießlich sein und lebenslang verdrießlich bleiben. Kommt aber nur einmal herein! Begrübt die heilige Kapellel Da ist's auf einmal farbig Helle, Beschicht' und Zierat glänzt in Schnell«, bedeutend wirkt ein edler Schein; dies wird euch Kindern Gottes taugen, erbaut euch und ergötzt die Augen! Wert Das Hasenschärtlin. Eine Anekdote von Wilhelm Schäfer. Dem Flickschuster Jakob Freidank ist es ergangen wie allen redlichen Leuten: er hat seine mühsam ersparten Groschen zur Kasse getragen und ein blaues Büchlein gehabt, darin die Zahlungen im Futter spärlicher Zinsen zu kärglichen Summen gediehen, mit denen «in Leichtfuß nicht weit springen könnte; ihm aber bedeuteten sie ein sorgloses Alter. Indessen der Krieg fällt übers Land und frißt das Gold aus den Kassen, wie er das Blut der Jungmänner zu fressen vier Jahre lang unersätttich - — -..... ■ * ■ im Jahre lang unersät ist. Ws seine Gier zuletzt an den" Grund kommt, sind die Zahlen Büchlein des Jakob Freidank aufgeblllht zu riesigen Summen; nur 5 haben die Zahlen und Summen nicht mehr. Das sorglose Alter ist mit in das Massengrab der deutschen Hoffnung gesunken. Sie haben uns begaunert!, sagt der Flickschuster Jakob Freidank ingrimmig, nimmt einen Blaustist, wie er ihn für die Sohlen braucht und streicht den Spruch vorne im Büchlein: „Spare in der Zeit, so hast du in der Not!" mitten durch. Darum wird er noch kein Verschwender; nicht allein, weil die Flicken und Sohlen kaum das Leder bezahlen, sogar die Holzstifte sind teurer, — sondern weil er den ganzen Tag Pfriemen und hämmern muß und auch gar nichts anderes möchte. So hat er zuletzt über das verlorene Geld seinen Humor, denn Kinder haben sie keine. ~ , Was gilt's gewettet? trotzt er seiner Frau Josephine, als ern Jahr Md mehr vergangen ist: Ob das im Sparkaffenbuch falsch oder richttg steht, macht mir nichts und dir nichts! Oder brauchtest du etwas davon? Die Frau Josephine läßt den alten Kopf hängen und schüttelt ihn wie ein Mädchen, auch wird sie rot; denn sie möchte ein neues Kleid für die Kirche, weil das alte verschaffen ist uni>_ an den Aermeln geflickt. Aber sie kennt ihren Alten, und weiß, was für ein Tyrann er mit den Pfennigen sein kann. Darum hat sie ein Jahr lang heimlich gespart und über dem Strickstrumpf hoffärtige Gedanken gehabt, bis aus den Messingpfennigen endlich die siebzehn Mark rund waren, die der Stoff kostet, und noch acht dazu, für die Näherin samt den Zutaten. Nun liegt er schon drei Wochen lang in der untersten Lade hinter dem Leinenzeug, als hätte sie ihn gestohlen, weil sie den Mut nicht findet, dem Alten ihre Heimlich- kett zu gestehen. _ Einmal am Abend trippelt sie richttg zum Hasenschärtlin hinauf, wie sie im Ort die Näherin mit der Hasenscharte nennen. Die hat zudem einen Buckel und ist ein freches Ding, dem der Schnabel in vielen Hausern gewetzt ist; auch kennt sie den alten Freidank. Ich komme in vierzehn Tagen, verspricht sie, wenn die Hochzeit bei Apothekers vorbei ist; und bringe Sand mit, ihn eurem Alten in die Augen zu streuen. Rach vierzehn Tagen, als der Jakob Freidank schon in der Frühe geflickschustert hat und zum Morgenbrot kommt, sitzt das Hasenschartlm da in der Stube und hat die zitternde Frau in die Kammer geschickt, brs dem Alten der Sand in die Augen gestreut ist. t .. f L . Was sie da mache? fährt er das dreiste Ding an, und sieht den schwarzen Stoff bereits auf der Fensterbank liegen. Ein neues Sonntagskleid für eure Frau, das sie arg nötig hat!, antwortet das Hasenschärtlin nebenbei und schart in ihren Nadeln; und tut erstaunt, daß der Alte noch weiter fragt. Den, Stoff? Den hat di« Fmu doch gefunden. Und erzählt eine lange Geschichte von dem Paket, das am Schwalbenrain droben auf einer Bank lag und keinem gehörte. Keinem gehörte? grollt der Jakob Freidank und tritt einen Schritt auf das freche Ding zu: Und wer es verloren hat, dem gehört rs nicht wehr? Denn er glaubt die lange Geschichte, wie er zu seinem Schaden vieles geglaubt hat, was ebenso dreist wie die Erzählung des Hasen- fchärtlin gelogen war. Und ob die Wherin neue Lugen aus ihren Radeln heraussucht: der Jakob Freidank kann sich den redlichen Zirkelpunkt seines Selbstgefühls nicht verrücken laffen, ohne den er nur e'm Flickschuster wäre. Siebzig Jahre lang sind meine Finger trocken geblieben und sollen nicht klebrig werden an einem Kleid! poltert er los und reißt dem Hasenschärllin den Stoff aus den Händen, ihn selber und sogleich aufs Fundamt zu brinaen. Als sein redlicher Lärm hinaus ist, klettert die Frau Josephine, di« oben an der Treppe alles mit angehört hat, kläglich herunter. DemHafen- schärtlin ist nicht nur der Schnäbel gewetzt: während der Jakob Freidank unterwegs ist mit seinem Paket und recht zu tun glaubt aus ihrer Lüge, hält sie der Frau mit flammenden Worten das Eigentumsrecht vor: Sie brauche nur selber aufs Amt zu gehen und denn die Wahrheit sagen, dann müßten sie ihr den Stoff wiedergeben. Sie könne ja alles beweisen! Alles kann ich beweisen!, weint die Frau Josephine und wischt di« Tränen mit ihrem Handrücken ab. Aber was hilft es ihr? Sie darf den Stoff nicht wieder ins Haus bringen. Das Hasenschärtlin begreift gar nicht, warum die Frau so einfälttg ist. Sie hüpft wie ein Rabe herum und will sich halb tot lachen über den Spaß, daß ihr der alte Freidank die Lüge so wörtlich geglaubt hat. Den Männern geschieht es darum recht, daß wir sie betrügen! höhnt sie und ist ein rechter Unflat mit dreisten Worten und schlechten Geschichten, wie sie den Frauen geholfen hat, hinter dem Rücken der Männer doch ihre Kleider zu kriegen. Indem sie noch swätzt, steht sie den Jakob Freidank mit gerechten Schritten di« Strohe herauskommen und zieht di« Frau durch di« Hoftür hinaus auf die hintere Gaffe. Nur schnell! drängt sie: ehe die auf dem Amt sich an den Stoff gewöhnt haben! Heutzutage sind die Menschen schleckst und die Beamten haben auch ihre Frauen zu Hause! Also gedrängt, trippelt die Frau Josephine durch die Hintergasse der Wohnung hinab, den ihr Mann durch die Vordergasse hinauf geschritten ist. Sie fürchtet sich vor den frmden Beamten: aber das Hasenschärtlin bleibt ihr zur Seite, und es gibt keinen Gedanken in ihrem verdonnerten Kopf, den die buckelige Näherin nicht dreist und listig ans Licht zieht: Wo es geschrieben stände, daß die Männer allein zu kommandieren hätten? Die gingen ins Wirtshmis und sähen nicht auf die Groschen für ihre Dinge. Nur die Frauen säßen daheim und müßten um jeden Pfennig fragen, den sie soviel oder mehr als die Männer mit ihrer Hausarbeit verdient hätten! Die Frau Josephine weiß genau, daß es ein böser Geist ist, der neben ihr geht, und daß sie dem Jakob Freidank weder ein Wirtshaus noch sonst eine Verschwendung nachsagen kann. Aber der Stoff ist doch mein!, begehrt sie auf und denkt an die Mühseligkeit, ihm am Mund abzusparen, indeffen der Alte immer fein Essen gehabt hat, wie er seinen schwarzen Tuchrock hat, aber ihr Zeug ist verschliffen! So scharen die hämischen Worte doch im Geröll der Verdrossenheit, das sich aus unfriedlichen Stunden gesammelt hat, und ihr Herz ist bitter vor Groll gegen die Tyrannei ihres Alten, als sie durch die Tür des Amtes geht, die das HasensckMtlin vor ihr öffnet und hinter ihr schließt. JnJ dem kahlen Raum stehen zwei Polizisten, die sie kennt, und sprechen mit einem dritten, der an dem Tisch schreibt; auch ihr Stoff liegt daraus, und einer der Polizisten befühlt ihn fachmännisch. Nun, Mutter Freidank, wo habt ihr das Zeug gefunden? fragt der erste, und der zweite legt die Hand an die Mütze, als stände er zu einem Schwatz unter ihrem Fenster. So sehr di« Frau erlöst ist, daß sie ihre Worte nicht fremden Ohren sagen muß, so sehr erschrickt sie, als sie damit herauskommen will. Denn nun soll sie gestehen, daß sie ihren Mann belogen und betrogen und zum Narren gemacht hat mit der Lüge des Hasenschärtleins und soll ihn lächerlich machen mit ihrem Geständnis der Wahrheit, um ein Kleid, das sie für diesen Preis nicht anziehen könnte. Auf einmal fängt da ein redlicher Besen an zu fegen in ihr, daß die schlechten, hinterlistigen Worte M Kehricht werden und alle bösen Gedanken, die sich der Lüge der Näherin angehängt haben. Aber die Wahrheit, die davon übrigbleibt, ist selber häßlich geworden. Die alte Frau Josephine, die den Stoff daliegen sieht, daran sie ein Jahr lang kümmerlich gespart hat, und die nur ein Wörtchen zu sagen brauchte, ihn zu erhalten, bekennt sich tapfer zur Lüge und hält ihrem Alten die Treue, die sie mit der Wahrheit verriete, und erzählt die Geschichte vom Schwalben- Nun gut, Mutter Freidank, sagt der Polizist, als sie das Protokoll unterschrieben hat: nach einem Jahr kommt ihr wieder; hat sich dann niemand gemeldet, gehört der Stoff euch! Noch einmal ein Jahr?, verplappert sich Frau Josephine und tft doch wieder dem Weinen nahe, das sie kaum verschluckt; aber st« geht tapfer hinaus mit dem Bescheid und bringt ihn dem Hasenichartlem, das sich tot« giften will über die Einfalt. Sie läßt das freche Ding gehen und weiß nicht, warum auf einmal die Gaffe hell im Sonnenschein liegt, die vorhin noch düster war und warum sie gleich einem Mädchen nach Hause geht, das schulfrei bekommen hat. Tessiner Reisetagebuch. Von Max Gersenheyner. ' II. Der erste Spaziergang am Morgen nach einer langen Reise in einer Gegend, die man noch nicht gesehen, gleicht einem Sprung in kühles, frisches Wasser nach langer, staubiger, ermüdender Fahrt. Wie ein Schwimmer, der die Wollust der vorwärtsstoßenden, kraftvollen Bewegungen in noch unbekannten Wellen über alles liebt, erobert man mit langen Schritten und tiefen Atemzügen die Landstraße, die Feldwege, die Bäume, die Wiesen, die Weinberge, den Himmel und die Menschen. Als beträte man einen neuen Erdteil. Und ist plötzlich erfüllt von lieblichen Bildern, neuen Lauten und der Symphonie der dunstigen Berge, des blauen Himmels, des weißen Lichtes; ist eingegliedert, aufgeschlossen, ein Lebewesen des neuen Landes! Auf unserem Mittagstisch, in dem schönen, kleinen Eßsaal mit dem prächtigen Kamin, standen heute Hunderte von Primeln, Anemonen und Veilchen, dicht bei dicht. Wir sahen die kleinen Schüsseln nicht, aus denen sie Wasser sogen. Gewölbt und bunt prangte der Blumenflor über der Mitte des Tisches. Durch die offenen Fenster kam die Sonne, sahen die hohen Berge, glänzten die grünen Wiesen. Ein Brunnen rauschte im Hof. Draußen in der prallen Sonne stand ein zweijähriger, blonder Junge im weißen Kleidchen und preßte einen weichgewordenen Schokoladenkuchen an den Mund. Ernst und weise betupfte er mit ihm seine Lippen und seine Backen. In den verkrupelten, schwarzen Weinreben am Fenster hingen dicke, weihe Tropfen. Der Wein weinte. Tut man sich ein paar Tropfen davon ins Haar, jo bekommt man, wie die Leute behaupten, keine Glatze. Das muß wahr fein. Denn die Glatzen, die ich in Tessin sah, stammten sämtlich aus Hamburg, Frankfurt oder Berlin. * Italienisches Gepräge hat das Land. Aber Mussolini kennen sie nur als schwärzlichen, kleinen Kuchen aus Schokolade, mit stark geschlagenem Eiweiß mit einem kleinen, schmalen Zuckerhelm darüber. Kommt man des Nachmittags einmal ein bißchen später ins Cafch dann heißt es an den blitzsauberen, düftereichen und verlockenden Theken: „Mussolini weg! Ganz alle!" Dann ist die Gelegenheit günstig, auf den Monte Bre zu fahren und dort Kaffee zu trinken. An der Drahtseilbahn fordert man sein Billett auf italienisch, schwyzerisch oder deutsch. Der Schaffner versteht alles, und wenn einer gar nichts sagt, ist er auch im Bilde. Steil geht es hinauf durch manchen kühlen Tunnel. In einer guten halben Stund« ist man oben. Auf die natürliche Plattform des Berges ist noch ein Ausstchtsturm gestellt. Hier öffnet sich in weiter Runde ein Panorama, das in Worten schwer zu beschreiben ist. Ringsum in der Tiefe, gleich einer blauen, sauber geschnittenen Stahlplatte, genau in die Windungen der Berge eingcpaßt, der See von Lugano. Me winzigen Boote auf ihm wie kleine, schwarze Holzstückchen. Die massigen Glieder der Berge verlieren ihr Unheimliches. Sie werden zu steinernen Tieren der Urwelt, die bis an den Rand des Sees herangekrochen sind. Ihre Rückenlinien gleichen denen mächtiger Saurier, die niattgrllnen Wälder wolligen Haaren, die Dörfchen und Städte auf ihren Pranken einer Ansammlung Krokodilschuppen. Weit am Horizont die Geistererscheinungen der fernen Schneeriesen. Um aber den Ausbruch von Größenwahnsinn beim Anblick der Elemente zu verhindern, werden di« Gäste, nachdem sie vom Aussichtsturm heruntergestiegen sind, Gott sei Dank, mit Zitherspiel und Gesang empfangen. Ein altes Ehepaar in italienischer Tracht ist dazu angestellt, di« Umwelt zu verniedlichen. Sie singen und sammeln mächtig ein. Auf der Terrasse des Hotels knipst immer eine deutsche Braut einen deutschen Bräutigam, liest immer ein Engländer eine Zeitung, spricht immer ein Schwyzer chinesisch. Man ist wieder bei den Menschen angelangt, trinkt versöhnenden Kaffee und ißt friedlichen Kuchen. Zu Fuß hinunter! Im allmählichen Schreiten, im Senken von Schritt zu Schritt kommt die Landschaft des Tales näher und näher. Oft kaum merklich, aber dann ist es, als fei man mit einer Serpentine sechs Stockwerke tief hinabgestiegen. Manchmal führt der Weg durch di« schmale Steingasse eines Dorfes. Lieder klingen aus den Häusern. Die erste Abendstunde ist da. Man sieht von der Höhe, wie sich die ersten Laternen in Lugano entzünden. Nach einer halben Stunde prangt die Stadt in einem Lichtermeer, als wäre aus den Tälern eine Armee von Fackelträgern zu einer Prozession an den See herangerückt und stände in feierlicher Erwartung da. lieber den San Salvatore steigen in regelmäßigen Abständen die Lichterketten seiner Drahtseilbahn gleich einer feurigen Leiter zum Himmel empor. Die Natur wird zum Dichter. Die Farbe der Felsen, dunkel und weich, der See unbeweglich, dunkel, ohne Materie, alles Widerschein, Traumbild und Ruhe. Stoßen dann noch durch die blaue Nacht Sterne, wird der Zauber unbeschreiblich. Die Schönheit der Landschaft erhält ihre nächtliche Vollendung. Vom Wasser stieg ein feiner Fischdunst auf. Eine frische Brise wehte, die Wellen glitzerten. Der kleine elegante Dampfer nach Morcote zog an. Jetzt erst, vom Wasser aus, sahen wir, wie schön Lugano ist, wie sauber, rot« vornehm, eingeschmiegt in den Arm der Berge. Eine alte Berlinerin — niemand kann sich so begeistern wie alte Berlinerinnen — war hingerissen. Sie mußte sofort eine Ansichtskarte an ihren Sohn schreiben. Sie tat das wie ein Feldherr, der von einer gewonnenen Schlacht Bericht erstattet und übergab stolz die Karte zur Weiterbeförderung am Landungssteg der nächsten Station. Hier war dicht neben der Brücke das große Bronzedenkmal eines Feldsoldaten mit Stahlhelm aufgestellt. In der erhobenen Faust hielt er eine Eiergranate und zielte nach dem Schiff. Die Insassen des Dampfers faßen ganz ängstlich drein. Nur eine gewaltig« Holländerin mit ihrer Mutter bewahrten, wie auch beim Anblick der schönsten Fernsichten, ihre Gelassenheit. Die Tochter, zwei Meter lang, angezogen im Stil von 1900. Ihr schönes, frisches Gesicht, so groß, daß man mit den Augen stundenlang darauf spazieren gehen konnte. Die Mama, der es auf Deck zu kühl war, verschwand ab und zu in den Salon des Schiffes. Dann saß die Tochter am Heck wie eine riesige Gallions- figur. Wenn sie die Beine übereinanderMug, nahm sie das halbe Verdeck ein. Dicht vor Morcote packte sie ein Paket aus, nahm einen halben Napfkuchen heraus und steckte ihn in den Mund. Ohne daß man viel vom Kauen gemerkt hatte, zerkrümelte sie ihn zwischen den Zähnen. Mit Andacht sahen wir dem Schauspiel zu. Sie hätte bis Morcote warten sollen, denn hier gab es einen Tee, wie man ihn so leicht in seinem Leben nicht wieder findet. Die Holländerin schlürfte zwei Kannen voll aus und spähte gelangweilt nach der dritten. Außer so lieblichen Dingen zeigte Morcote die ganze Pracht eines Aufstieges zu einer alten Kirche mit Zypressen und seltsamen Pflanzen auf fo vielen Steinstufen, daß einem das Herz vor Freude stehen blieb, wenn man oben angelangt war. Aber es lohnte sich. Die Nachmittagssonne wärmte, ohne übermäßig zu Hitzen. Zaubervolle Gärten taten sich auf, stille Steinbänke und märchenhafte Blicke auf den See. Für die Rückfahrt war ein Schnelldienst eingerichtet. Ohne Unterbrechung ging es nach Lugano. Die Ruhe der Fahrt, der Anblick der Ufer, das Rauschen des Wassers, verführten zu einem holden dolce far niente. Selbst die blonde Holländerin war ergriffen und steckte die andere Hälfte des Napfkttchens in den Mund. Sie reichte damit bis Lugano, wo sie am Landungssteg mit unendlicher Ruhe den letzten Krümel von der Lippe wischt«. Ein Fischlein im klaren Wasser schnappte gierig danach. Die Eroberung Mexikos. Bon Egon F r i e d e l l. Als Herman Cortez im Jahre 1519 den Boden Mexikos betrat, fand er dort eine hochentwickelte, ja überentwickelte Kultur, die der europäischen weit überlegen war; verblendet durch den doppelten Größenwahn seiner Religion und seiner Rasse, vermochte er sich jedoch nicht zu dem Gedanken zu erheben, daß Wesen von anderer Weltanschauung und Hautfarbe ihm auch nur ebenbürtig seien. Es ist tragisch und grotesk, mit welchem Dünkel diese Spanier eine Kultur betrachteten, deren Grundlagen sie nicht einmal ahnen konnten. Gleichwohl läßt sich der Gestalt des Cortes eine gewisse Größe nicht absprechen; er war zwar ein Conquistador wie alle anderen: roh, verschlagen, gierig und ohne höhere moralische Hemmungen, ober es fehlte ihm nicht an planvollem Mut, politischer Klugheit und einer gewissen primitiven Anständigkeit; auch tat er nie etwas aus bloßer Blutgier, ja er hatte sogar einen gewissen Abscheu gegen das Blutvergießen, wie er ja auch die Schlacht- opfer der Azteken abgeschasst hat: vielleicht die einzige, eines Kulturmenschen würdige Handlung, bie _im Laufe der ganzen spanischen Eroberung begangen worden ist. Seine Umgebung bestand jedoch mit wenigen Ausnahmen, zu denen vor allem die Geistlichen gehörten, aus Subjekten niedrigster Kategorie, Rowdys und Verbrechern, die ihr Mutterland ausgestoßen hatte: Deklassierten Spaniern, dem Abschaum des damaligen Europa. Das Motiv der ganzen Expedition war Goldgier: „Die Spanier," sagte Cortez nicht ohne eine gewisse überlegene Ironie zu dem Statthalter, den ihm Kaiser Montezuma entgegenschickte, „leiben an einer Herzkrankheit, gegen die Gold ein besonders geeignetes Mittel ist." Die Kultur Mexikos haben wir uns ungefähr auf einer Entwicklungsstufe vorzuftellen, die von der der römischen Kaiserzeit nicht allzuweit entfernt war. Sie war offenbar schon in jenes letzte Stadium getreten, das Spengler als „Zivilisation" bezeichnet und das durch Groß- stadtwesen, raffinierten Komfort, Imperialismus, autokratische Regierungsform, Massigkeit der Kunstbauten, gehäufte Ornamentik, ethischen Fatalismus und Varbarifierung der Religion charakterisiert ist. In der Hauptstadt Tenochtitlan, die auf Pfählen in einen wunderschönen See gebaut war, sahen die Spanier riesige Tempel und Spitzsäulen, große Arsenale, Krankenhäuser und Kriegerasyle, Menagerien und botanische Gärten, Barbierläden, Dampfbäder und Springbrunnen, Teppiche und Gemälde aus prachtvollem Federmosaik, köstliche Goldschmiedearbeiten, kunstvoll gearbeitete Geräte aus Silber und Schildpatt, herrliche Baumwollmäntel und Lederrüstungen, Plafonds aus wohlriechendem Schnitz- werk, Termophore für Speisen, Parfümzerstäuber und Warmwasserleitungen. Auf den von Hunderttaufenden besuchten Wochenmärkten war eine Fülle aller erdenklichen gediegenen Waren zum Kauf ausgebreitet. Eine dewündersrvert organisierte Post beförderte durch Schnelläufer aus sorgfältig ausgebauten Wegen und Stufengängen, die das ganze Land durchzogen, jede Nachricht mit unglaublicher Geschwindigkeit und Präzision; Polizei und Besteuerungsapparat funktionierten mit der größten Genauigkeit und Zuverlässigkeit. In den Küchen der Wohlhabenden dufteten die erlesensten Speisen und Getränke: Wildbret, Fische, WassAn, zarte Brühen, pikante Gewürzgerichte; dazu tarnen noch eine Reihe Genüsse, die der alten Welt neu waren: der delikate Truthahn; chocolail, das Lieblingsgericht der Mexikaner, kein Getränk, sondern eine feine Creme, die, mit Vanille und anderen Spezereien gemischt, kalt gegessen wurde, pulque, ein berauschender Trank aus der Aloe, die den Azteken außerdem ein schmackhaftes artischockenähnliches Gemüse und ausgezeichneten Zucker lieferte und yetl, der Tabak, der entweder mit flüssigem Ambra vermischt, aus reich vergoldeten Holzpfeifen oder in Zigarrenform aus schönen silbernen Spitzen geraucht wurde. Die Sauberkeit der Straßen war so groß, daß, wie ein spanischer Bericht sagt, ein Mensch, der sie passierte, sicher sein konnte, sich die Füße ebensowenig zu beschmutzen wie die Hände; ebenso erstaunlich war die Ehrlichkeit der Bevölkerung: alte Häuser standen vollkommen offen: wer seine Wohnung verließ, legte zum Zeichen seiner Abwesenheit ein Rohrstäbchen vor die Türmatte, und niemals gab dies Anlaß zu Diebstählen; überhaupt solle" die Gerichte fast niemals genötigt gewesen sein, über EigentumsdenM zu jubilieren. Die Aufzeichnungen geschahen auf pikiographischem Wege, das heißt mit Hilfe einer sehr ausgebildeten Bilderschrift; außerdem 9" es Schnellmaler, die mit unglaublicher Geschwindigkeit alle (sreigmil sprechend ähnlich festzuhalten wußten. Der mathematische Sinn oe Azteken muß sehr entwickelt gewesen sein, denn ihr arithmetisches SM war auf dem schwierigen Prinzip der Potenzierung aufgebaut: ote cri Grundzahl war 20, die nächsthöhere 202 = 400, die nächste M -8000 u so weiter; auch sollen die Maya, unabhängig von den Indern, die J halben m viel warten i Leben us und ■ Zeigte che mit einem r. Aber Hitzen. erichtet. >rt, der holden > steckte mit bis letzten betrat, die der n Grö- ch nicht grotesk, deren sich der ir zwar tb ohne nvollem ibigfeit; nen ge- Kultur. jen Er- och mit en, aus ir Mui- um des luiuyiti. 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Höchstwahrscheinlich war der amerikanische Kuliurkreis ein Glied jenes großen Kulturgürtels, der in für uns prähistorischer Zeit die ganze bewohnte Erde umschlang, indem er sich von Aegypten und Vorder- chjen über China und Indien bis nach Mittelamerika erstreckte und vermutlich auch die beiden vorantiken europäischen Welten, die etruskische und die ägäische in sich schloß: eine Hypyothese, die unter dem Namen Panbabylonismus" viel Widerspruch und Anerkennung hervorgerufen j!ut Und in der Tat zeigen die Azteken in ihrem Kalenderwesen, ihrer Bilderschrift und ihrem Gestirnkult eine große Verwandtschaft mit den Babyloniern, während andererseits eine ganze Reihe von Eigentümlichkeiten sehr lebhaft an die Aegypter erinnert: ihre Regierungsform, die eine Verbindung von Gottkönigtum und Priesterherrschaft darstellt; ihr Bureaukratismus, der in der pedantischen Bevormundung der breiten Volksmassen eine Hauptaufgabe der Verwaltung erblickt; das sorgfältig abgezirkelte Zeremoniell ihrer Verkehrsformen; die Fratzenhaftigkeit und Tiergestalt ihrer Götterbildnisse; ihre große Begabung für das natura- listi che Porträt, verbunden mit einem starken Hang zur Stilisierung der höheren Kunstsormen; die verschwenderische Pracht und ausschweifende Kolossalität ihrer Bauten. Am frappantesten sind jedoch die Aehnlichkeiten zwischen der Religion der Mexikaner und dem Christentum. Die Krone ihres Kaisers, der zugleich der höchste Priester war, hatte fast dieselbe Form wie die päpstliche Tiara, ihre Mythologie kannte die Geschichte von Eva und der Schlange, der Sintflut und dem babylonischen Turmbau; sie besaßen in ctroas transformierter Gestalt das Institut der Taufe, der Beichte und des Abendmahls; sie hatten Klöster mit Mönchen, die ihr Leben mit Vigilien, Fasten und Geißelungen verbrachten; sie erblickten im Kreuz ein heiliges Symbol und hatten sogar eine Ahnung von der Dreieinigkeit und der Inkarnation. Einige ihrer Sittengebote zeigen eine saft wörtliche Uebereinstimmung mit der Bibel. Eine ihrer Lehren lautet: „Halte Frieden mit allen, ertrage Schmähungen mit Demut: Gott, der alles sieht, wird dich rächen", und eine andere: „Wer eine Ehefrau zu aufmerksam ansieht, begeht Ehebruch mit den Augen." Ihre Religon war jedoch besteckt durch die Sitte der Menschenopfer, die Kriegsgefangenen wurden an bestimmten Festtagen zum Tempel geführt wo ein für diesen Dienst bestimmter Priester mit einem scharfen Beinmeffer ihnen die Brust öffnete und das noch rauchende und klopfende Herz herausriß, das bann am Altar des Gottes niedergelegt wurde. Dieser Brauch hat begreiflicherweise den Abscheu der Nachwelt erregt und der Vermutung Raum gegeben, daß die Mexikaner doch nur eine Art Wilde gewesen seien, doch läßt sich zu seiner Entschuldigung einiges anführen. Zunächst war er auf die Azteken beschränkt, die Tolteken übten ihn nicht, und er scheint auch bei jenen im Schwinden gewesen zu sein: wenigstens gab es in Cholula, der' zweitgrößten Stadt Mexikos, einen Tempel des Gottes Quetzalcoatl, dessen Kultus die Menschenopfer durch Vegetationsopser ersetzt wissen wollte. Sodann trug er keineswegs den Charakter der Grausamkeit und Blutgier, sondern war eine, obschon höchst barbarische, religiöse Zeremonie, durch die der Gläubige sich die Gottheit geneigt zu stimmen suchte und die für so wenig entehrend galt, daß sich bisweilen fromme Personen freiwillig dazu erboten: er war eine einfache Frucht der Angst und des Aberglaubens und stand moralisch sicher nicht tiefer als die Autodafes der Christen, deren Motive Fanatismus und Rachsucht waren und zweifellos höher als die Glabiatoren- fpiele der Römer, bie ihre Gefangenen zum Vergnügen schlachten ließen. Eine ber merkwürbigsten Eigentümlichkeiten ber mexikanischen Religion war ber Glaube an bie Rückkehr des soeben erwähnten Gottes Quetzalcoatl, von dem man annahm, daß er vor langer Zeit geherrscht, das Volk in allen möglichen nützlichen Künsten unterrichtet, alle bestehenden gesellschaftlichen Einrichtungen gestiftet und schließlich in seinem Zauberschisf davongesahren sei, mit dem Versprechen, eines Tages zu- ruckzukehren. Nun hatten gerade um jene Zeit die Priester erklärt, daß die Zeit der Wiederkunst Gottes nahe sei. Er wurde aus dem Osten erwartet und es hieß, daß er sich von den Azteken durch weiße Hautfarbe, blaue Augen und blonden Bart unterscheiden werde. Alle diese Prophezeiungen sollten sich erfüllen, und dieser rührende Glaube, von den Spaniern in der niederträchtigsten Weise ausgenützt, war einer der Gründe für die wunderbare Tatsache, daß es einer hergelaufenen Rotte von analphabetischen Banditen gelungen ist, diese Kulturwelt nicht nur zu unterjochen, sondern völlig zu zertrampeln. Dazu kamen noch andere Ursachen: die geringere physische Energie der Eingeborenen, deren Existenz durch das erschlaffende Tropenklima und das jahrhundertelange Leben in Ruhe und Ueberfluß allmählich etwas Vegetatives, Blumen- haftes angenommen zu haben scheint, die Ausrüstung der Europäer mit Feuergewehren, Pulvergeschützen, Stahlpanzer und Pferden, lauter Dingen, die den Mexikanern völlig unbekannt waren und auf sie neben der physischen Wirkung auch einen ungeheuren moralischen Eindruck machen mußten; die höhere Entwicklungsstufe der spanischen Taktik, bie der aztekischen etwa ebenso überlegen war wie die mazedonische ber persischen; bie innere Uneinigkeit bes Reiches unb der Abfall mächtiger Stämme. Der Hauptgrund dürste aber darin bestanden haben, daß die ganze Mayakultur sich bereits im Stadium der Agonie befand unb es ihr irgenbroie bestimmt gewesen sein muß, unterzugehen. In der ganzen uns bekannten Geschichte können wir ja das Schauspiel verfolgen, daß ältere Kulturen durch jüngere unterworfen werden: die sumerische durch die babylonische, die babylonische durch die assyrisch«, die assyrische durch die persische, die persische durch die griechische, die griechische durch die römisch«, die römische durch die germanische. Aber immer bemerken wir auch, daß die niedrigen Kulturen sich die höheren assimilieren: so übernahmen die Babylonier die sumerisch« Keilschrift, die Perser die chaldäische Sternkunde, die Römer die griechische Kunst und Philosophie, die Germanen die römische Kirche. Aber in Amerika hat sich nichts der- «mchen ereignet: die indianisch« Kultur ist spurlos verschwunden. Dieser 'N ber Weltgeschichte einzig bastehende Fall erklärt sich aber eben burch die ebenfalls einzig dastehende Tatsache, daß ein ganzes Volk nicht von einem andern Volk, das zwar barbarischer, aber doch auch ein Volk war, unterjocht, sondern von einer ruchlosen Räuberbande ausgeplündert unb ausgemorbet würbe, und während längst versunkene Kulturen wie bie ägyptische und die vorderasiatische, von der griechischen und römischen gar nicht zu reden, noch heute auf geheimnisvolle Weise ihre befruchtend« Wirkung ausüben, ist durch das schändliche Verbrechen der Eonguista die Menschheit um eine hohe unb einmalige Art, bie Welt zu sehen unb damit gewissermaßen um einen Sinn, ärmer geworden (Erinnerungen an Wilhelm Jordan. Don PaulWittko. Der knorrige Wilhelm Jordan war in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, also in der Zeit des schwärmerischsten Wagner- Rausches, einer der kaltblütigsten Wagnergegner. Er empfand und erklärte Wagners Kunst als undeutsch, schwül-sinnlich, raffiniert unb theatralisch. Er hatte damals den Mut, der Allenweltsüberzeugung zum Trotz, Wagner nachzusagen, daß er die sittliche Strenge der Nibe- lungensage „versodomt" habe, daß Wagners Musik erschlaffend auf Nerven und Sinne wirke. Man beachtete damals diese Jordan sch« Verwerfung Wagners kaum, nur hier und da erhob sich eine höhnische Stimme gegen Jordan, der „im Toten Meer ertrinke", während gleichzeitig Friedrich Stoltze, Frankfurts humorvoller Lokalpoet, dem alten bärbeißigen Nibelungen-Dichter mit den Worten huldigte, daß Frankfurt, wo Jordan seit seiner Teilnahme an dem ersten deutschen Parlament lebte, nicht am Main, sondern am Jordan liege. Heute teilen bekanntlich nicht gar so wenige Jordans Wagner-Ablehnung. Als ich im Jahre 1890 in Wiesbaden die erste deutsche Stimm- rechtlerinnen-Zeitschrift herausgab, mit der ich die heranreifende werbliche Generation zu einer modernen Weltanschauung und vaterländischem Gefühl erziehen, obendrein womöglich noch eine Blüte nationaler Frauenpoesie heraufführen wollte, da forderte ich u. a. auch Wilhelm Jordan zur Mitarbeit auf, und er schrieb mir: „Auch ein Wochenblatt vornehmer Tonart wäre nicht unerwünscht zum Frvntmachen gegen die Afterpoeten und Kotrealisten, die sich genial dünken, wenn sie statt Farben, Eiter und Blutwurst selbst auf die Palette nehmen, um Geschwüre an kranken Gliedern der Gesellschaft natur- treu zu malen." In jungen Jahren hatte Jordan in Leipzig die Zeitschrift „Die begriffene Welt" gegründet. Mit ihr wollte er dem Volke „eine breite bequeme Straße emporbahnen zu den Höhen der Wissenschaft und den lebenzeugenden Funken der Erkenntnis herabbringen zu den gewöhnlichen Menschenkindern, allmählich die gesamte Welt der Erscheinungen einem größeren Leserkreise so begreiflich machen, wie sie von den Wissenschaften auf ihrem gegenwärtigen Standpunkt begriffen sind". Er war ein Darwinist vor Darwin, der in einem Aufsatze „Zur Geschichte der Menschenrassen" vierzehn Jahre vor Darwin den Kern der Darwinschen Lehre ausgesprochen hat. Als Königsberger Student hatte er Georg Herwegh eigene Dichtungen unb Franz Liszt eigene Tondichtungen öffentlich vortragen hören. So kam er zu der Einsicht, daß Dichtungen ebenso wie Tondichtungen nur durchs Ohr zu höchster Wirkung gelangen könnten. Um vor die Nation hinzutreten aber müsse der Dichter eine „Hörpoesie" mitbringen, bie tauglich fei, sie in ihrer Gesamtheit zu versammeln. Als geeigneten Stoss solcher Poesie erkannte er den nationalen Sagenschatz. Es entstanden seine „Nibelungen". Im 19. Jahrhundert, sagte sich Jordan, haben die Naturwissenschaften das erreicht, was ber altgermanische Naturmythos ahnungsvoll in Sinnbilbern anbeutete. Also müsse ein neuer Nibelungenbichter in erster Linie naturwissenschaftlich wahr unb klar fein. Diese seltsame Schkuhforberung, bie ihn bazu führte, sich selbst ben „Dichter der wissenschaftlichen Erkenntnis" zu nennen, belastete seine rauhen Recken der Vorzeit mit einer lleberfülle wissenschaftlicher unb neuzeitlicher Weltanschau- ungsgebanten. Doch Jordan las auch das allgemeine Menschenschicksal, die ewige Naturempfindung des Menschenherzens aus den Sagen des germanischen Altertums heraus, und indem er ihnen bie Gewandung ber Mythe ließ, weckte er in der Seele seiner Helden und Heldinnen edelste Menschenempfindungen, die in ihren Grundtönen immer lebendig bleiben werden. Sein Epos sollte nach seinem grandiosen Plane die Hauptbestandteile des Gesamtgutes seiner Zeit an geistigem unb seelischem Eigentum bewahren. Daß ihm bas tatsächlich gelungen ist, hat vor wenigen Jahren Ludwig Klages in seiner klugen Schrift „Mensch unb Erbe" begeistert anerkannt. Zum minbeften könnten heute, wie um bie Wende des sechziger und siebziger Jahrzehntes des vorigen Jahrhunderts, Jordans Nibelungen aufs neue das ihre beitragen zu der jetzt mehr denn je notwendigen Erhaltung und Festigung des vaterländischen Gefühls. Muller Schulzen. Erzählung von Ewald Gerhard 6 e e l i g e r. (Schluß.) Gottlieb wurde Geselle und richtet« den First manches Hauses in ber Umgegend aus, bis er zum Militär muhte. Mutter Schulzen weinte ein paar ehrliche Tränen unb gab ihm bas Geleite bis zum Hoftor. Hinter dem Dorfe aber fiel ihm Kathrina Krause immer und immer wieder zum letzten Male um ben Hals, daß er Mühe hatte, zur rechten Zeit auf dem Bahnhof zu sein. Zweimal schrieb er aus ber Kaserne an seine Mutter, sie möchte ihm doch etwas Gelb schicken. Mutier Schulzen brachte nach zwei Wochen mühseliger Arbeit endlich ein längeres Schriftstück zustande, legte zwei Zehnpfennigmarken hinein, klebte die dritte aufs Kuvert und schickte es an ihren Gottlieb. Der zog ein schiefes Gesicht, bedankte sich mittelst ber einen Marke und benutzte bie andre, um an Kathrina Krause zu schreiben, die sofort nach Empfang des Briefes aus ihrem Strohsack _ Druck und Verlag: Brühl'jche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen. Verantwortlich: vr. Hans Thhrivt. hatte. . . _ Das erste, was Mutter Schulzen tat, als sie wieder zur Besinnung kam, war, daß sie ihren Geldstrumpf herausholte und die Taler zahlte. Kein einziger fehlte! Die Freude darüber stärkte sie so, daß sie am nächsten Tage schon an die gewohnte Arbeit gehen konnte. Aber krumm und gebeugt ging sie und brauchte einen Stock, wenn sie über die Straße wollte. Sie ahnte wohl, wer sie gepflegt hatte, allein sie hütete sich, danach zu fragen, sie hätte dann womöglich die Auslagen ersetzen müßen. Das ging ihr ebensosehr wider den Strich, wie das Bedanken. Kathrina Krause aber schrieb an ihren „gefreiten Musketier" Gottlieb, daß Mutter Schulzen wieder gesund und munter sei. Aber Mutter Schulzen hotte sich sehr verändert. Nach der Stadt konnte sie nicht mehr, Gänse und Schweine hatte sie dieses Jahr nicht grotzziehen können. Sie war zu nichts mehr nütze und sich selbst irrt Wege. Bei schönem Wetter hockte sie vor der Tür, bei schlechtem Hinterm Ofen. Als Gottlieb im Herbst von den Soldaten freikam, raffte sie sich noch einmal auf. Mit einer bewundernswerten Energie hielt sie sich aufrecht und gönnte sich keine Ruhe, wie er auch bat und schalt. Sie wollte Kathrina Krause nicht gutwillig das Feld überlassen. Doch lange dauerte es nicht, da sank sie kraftlos zusammen, beim Melken glitt sie vom Schemel und lag lange besinnungslos. Gottlieb fand sie, fühlte, daß noch Leben in ihr war, und trug sie aufs Bett. Dann holte er Katharina Krause, die sich auf kranke Leute bester verstand als er. Mutter Schulzen ruhte wochenlang in den Kissen und mußte sich pflegen lasten. Wenn Kathrina Krause an ihr Bett trat, kam fedesmal eine fliegende Unruhe über sie. Aber sie war zu schwach, sich gegen ihre Berührung, die sie verabscheute, zu wehren. Das wurde noch schlimmer, als Gottlieb und Kathrina nach vier Wochen zum Standesamt und zum Pastor gingen, um sich zusammengeben zu lassen. Kein Wort gönnte Mutter Schulzen ihrer Schwiegertochter, weder im Guten noch'm Dosen. Sie drehte sich mit dem Gesicht gegen die Wand, um die Verhaßte nicht ^Mit^aller^ Gewalt wollte sie gesund werden, aber es ging diesmal nicht so rasch. Ihr Herz kam nicht mehr so recht in den Takt. Der Doktor verordnete Ruhe und nochmals Ruhe und Fernhalten jeder Aufregung. Das war für Mutter Schulzen dasselbe, als wenn er einem Kater das ^°Schon°am nächst°e?Morgen, als Gottlieb in der Arbeit und Kathrina im Kuhstall war, krabbelte sie unter Aechzen und Stöhnen aus dem Bett und kroch, am ganzen Seite frierend, in die Kleider. Dann taslltt! sie sich an der Wand entlang in die große Stube und ließ sich schwerfällig auf das Reisigbündel in der warmen Ofenscke fallen. Eisige Schauer liefen über ihre Haut, und die fröstelnden Finger streckten sich grerig der roten Sie hatte nur noch einen Gedanken: ihr Geld. Im ganzen Hause war kein festes Fach, wo sie es hätte verschließen können. Die kupferne Osen- blase war der sicherste Ort. Auch hatte sie allerlei Lumpen und Fückwerk ekn paar Taler heraussuchte und damit in die Stadt lief. Weihnachten darauf kam Gotllieb auf Urlaub. Mutter Schulzen war ordentlich verwundert über ihren großen Jungen. Besonders die Uniform machte auf sie tiefen Eindruck. Als sie am ersten Feiertag beim Frühstück saßen, brachte Mutter Schulzen einen handtellergroßen Kuchen. So weit hatte sie ihren Geiz besiegen können. Sie selbst benagte eine Brotrinde. Danach langte sie auf den Kleiderschrank hinauf, holte Gottliebs erste Zigarre herunter, die dort schon seit echs Jahren lagerte, und legte sie ihm, ohne ein Wort zu sagen, neben die Kaffeetasse. Gottlieb steckte sie an, und da sie genügend ausgetrocknet war, brannte sie hellauf wie Stroh. Sie schmeckte ihm ganz und gar nicht, aber er ließ sich nichts merken, denn er hatte etwas auf dem Herzen und durfte Mutter Schulzen die gute Laune nicht verderben. Und zwischen den einzelnen mutigen Zügen an dem Stinkkraut brachte er stockend und zaghaft heraus, daß er heute Kathrina Krause Herdringen möchte, um mit ihr Kaffee zu trinten. Mutter Schulzen sah ihn eine Weile sprachlos an, drehte sich um und setzte sich in die Ofenecke. Gottlieb nahm das für eine stillschweigende Zusage, schnallte das Koppel um, setzte sich die Mütze auf und ging hinaus, wo der er den Dessauer Marsch pfiff. Als Mutter Schulzen die beiden am Nachmittag über den Hof kommen sah, tief sie zur Hintertür hinaus und versteckte sich in ter Scheune. Kathrina Krause erschrak sehr, als sie in die leere Stube kam, ober Gottlieb beruhigte sie und meinte, Mutter sei wohl zum Kramer gegangen. Dann kochten sie beide den Kaffee. Aber wie sie auch bei der dampfenden Kanne saßen und warteten, Mutter Schulzen kam nicht zum Vorschein. Gottlieb suchte in Haus und Hof, rief und schrie, doch Muller Schulzen war eigensinnig und gab keine Antwort. Er sprang zum Krämer hinüber, und als er zurückkehrte, fand er Kathrina in der Sofaecke sitzen und leise in die Schürze hineinweinen. . . , , , Mutter Schulzen schlüpfte erst aus ihrem Scheunenwmkel hervor, als die Luft rein war. Sie wäre vielleicht die ganze Nacht dort hocken geblieben, aber die Kälte trieb sie endlich ins Haus. Doch sie hatte allein den Schaden davon: Gottlieb verbrachte seinen Urlaub mehr bei Kathrina Krause als bei ihr. Kaum war er fort, packte sie das Fieber. Sie kroch ins Bell und fing an zu phantasieren. Die Kühe brüllten nach Futter, die Ziegen meckerten kläglich, Mutter Schulzen hatte sie vergesten, nur an den Talerstrumpf m ter kupfernen Ofenblase dachte sie zuweilen. Er schlängelte sich durch ihre Fieberträume wie ein böser, giftiger Lindwurm und peinigte sie. Aber alle Tage morgens und abends kam jemand und erbarmte sich ihres Viehes und pflegte sie. Muller Schulzen erkannte sie nicht, denn am Tage ließ sich Kathrina Krause nicht sehen, da sie keine Zeit halle. Mit rührender Ausdauer und 'Sorgfalt wachte sie über das schwache ßebens- flännnchen des alten Weibleins, wie sie es ihrem Liebsten versprochen daraufgepackt. Und doch fühlte sie Angst um ihren Schatz, bohrende, quälende Angst, die ihr zum Herzen flutete, daß es zitterte und bebte! Wenn die beiden das Geld fanden, würden sie es ihr wegnehmen, denn ie brauchten welches, weil sie mehr ausgaben, als sie schaffen konnten. Mit Ingrimm bemerkte sie die weißen Vorhänge an den Fenstern. Und bgar echten Bohnenkaffee tranken sie. Sie hatten gewiß schon Schulden und lauerten nur auf ihr Geld! Vielleicht hatten sie sogar schon danach gesucht, als sie krank war und sich nicht rühren konnte. Da kam Kathrina herein und schalt nicht wenig über Mutter Schulzenz Unvorsichtigkeit, doch sie war nicht zu bewegen, aus ter Ecke heraus- zukommen. Sie rieb nur ihre dürren Finger vor dem glühenden Loche und schwieg. Kathrina ging in die Kammer, deren Tür sie anlehnte, und Mutter Schulzen mußte sofort wieder an ihr Geld denken. Jetzt ging sie wieder in der Kammer danach suchen! Und das Herz stand ihr eine ganze Weile still, als sie von drin den leisen, verräterischen Klang des kupfernen Ofenblasenteüels hörte. Gleich darauf vernahm sie leises Geklapper wie von großen Silberstücken. Katharina stahl ihr das Geld!!! Mit einem Satz war Mutter Schulzen an der Kammertür; sie sah, wie Kathrina die Hand aus der Ofenblase herauszog und den Deckel herunterklappte, dann schwanden ihr die Sinne. Sie brach zusammen und schlug mit der Stirn gegen die Ofenbank, daß ihr das Blut über die Augen rann. t Kathrina hörte einen dumpfen Fall und stürzte aus der Kammer. Sie jammerte so laut, als roär’s ihre eigene Muller, vergaß aber darüber das Helfen nicht. Sie nahm die Kranke auf die Arme und trug sie ins Bett. Hier wusch und verband sie die schlimme Stirnwunde und horchte nach dem Herzen hin. Aber Mutter Schulzen war zähe. Ei« ganze Woche lag sie mit geschlossenen Augen. Doch von Kathrina, ter Diebin, nahm sie leinen Bissen an. Gottlieb mußte sie morgens und abends füttern wie ein kleines Kind. Am zweiten Samstag um die Mittagszeit konnte sie sich zum ersten Male wieder aufrichten. Aber das bekam ihr schlecht. Den ganzen Nachmittag ruhte sie halb ohnmächtig in den Kiffen. Gegen Stbenb hörte sie, wie Gottlieb heimkam und Kathrina einen Teil seines Wochenlohnes gab. Gleich darauf trat er in die Kammer und rief Mutter Schulzen leise an. Doch sie war zu schwach, eine Antwort zu geben oder die Augen zu öffnen. Er kam näher, sah ihr scharf ins Gesicht und hob sodann den Deckel ter Ofenblase in die Höhe. Noch einmal streifte er mit scheuem Blick das Gesicht ter Ruhenden, dann zog er etwas Strümpfen« über den Rand heraus und ließ zwei Taler hineingleiten, die er [einer Westentasche entnommen hatte. Dann machte er den Deckel unhordar wieder zu und schlich hinaus. Mutter Schulzen hatte alles gesehen. Sofort war sie im klaren. Er hatte das Geld, das Kathrina herausgenommen hatte, wieder hinein- getan. Aber es fehlte gewiß noch mehr, viel mehr! Fiebrig zuckten ihre Hände auf der Bettdecke. Doch sie rührte sich nicht, brs tee beiten drin zu ^Bcmn’tam ter^Mond und goß durch das Laub des Butterapfriteum- und durch das kleine haldblinte Kammerfenster feinen grunfilbernen Schein über ihr Lager, über den schiefen, grauen Kachelofen und ruhte in gelblichen Reflexen auf dem schmutzigen Kupferbraun der .Ofenblase. La- zu schlug draußen eine Nachtigall. Da kroch Mutter Schulzen unter unsäglichen Anstrengungen zum Fußende ihres Bettes, langte weit hinein in tee sonderbare Schatzkammer und brachte nach langem mühsamen Suchen ihren anglnhen, gestrickten Geldbeutel ans Licht des Mondes Vorsichtig schüttelte sie das Geld ouss weiche Federbett und zählte langsam tee Stucke in den Strumpf jurutf. Das war eine harte Arbeit für sie dazu schlug die Nachtigall dicht vor ihrem Kammerfenster so laut, daß sie sich emmal bald verzählt hotte. Als sie fertig war, atmete sie hoch auf. Sie waren alle da, bis auf einen einzigen! Verzählt hatte sie sich nicht, das wußte sie genau. Aber da roareine Masche zerrissen und vielleicht hatte er sich durch das Loch 0efM Nach ihm fahndete sie nun in der weiten Höhlung der Ofenblase. Plotzl q stockte ihr Arm. Die tastenden Finger waren an etwas Hartes geraten, das nicht die Wand des Ofens sein konnte. Ste zog es heraus. Em derer Strumpf kam zum Vorschein, in dem ganz unten etwa eine syxw voll Talerstücke lagen. . „ r „.t. Mcp Mutter Schulzen starrte ihn an wie em Weltwunder. Datz au stücke hecken, hatte sie noch nie gehört. Und dach war sie zuerst ge 9 dieses Geld als ihr rechtmäßiges Eigentum zu betrachten. Plötzlich aber fiel es wie ein Blitz in ihr Bewußtsein, wem das iw" 9e!)Sie' sparten beide, hielten Mammen und mehrten mit Fleiß!!! Da atmete sie hoch auf, so hach daß ihr schwaches Het^.tee tiurjmen Blutwellen nicht mehr bezwingen konnte. Es machte alle seine u. "" Mit rinem stillen, glückseligen Zä-teln auf dem Äffest" °n Mutter Schulzen tot auf ihrem Bette, tee beiden Geldstnimpse T ihre Brust gedrückt. So fand sie Kathrina am nächsten Morgen. imb ließ Gottlieb drückte ihr die Augen zu, sprach em stummes Gebet sie nach drei Tagen begraben. on Der Pastor aber predigte an ihrem Grate über den schonen spruch: „Und wenn es köstlich gewesen ist, sa ist es Muhe un ^Kathrina meinte bitterlich. Gottlieb aber nahm sie stumm und ernst in die Arme und führte sie durch reifende gelter heimwärts.