M Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang l929 Zreitag, den ZH.Mai Nummer 39 i. ■ iw .■ MT.T.r.TT""rtTTTf*""' l~ITftiffgr,~Ji^aWil?rTTTrtffl,'iC-,''*y.',J'\tfm,*?g?tygT*.yT^J?ll5Vrx>S-ni>ig*2ny ■■ rrr:Tri.r.j"~r"7Tzi-.r.":"r'Tr.‘7jrt7n--“'.L~~.JT"T^r~'.1111. ~l.x. r^—.rjrr.— rr — .-Lr.-.Triij ur ~.u . . , I. ■! > |||>W . . ... !■< I . . ।. . _ _i ... . , — 11 ■ ■ ' ' Der Becher. Von Friedrich Hebbel. Von einem Wunderbecher hab' ich mit Angst geträumt, woraus dem durft'gen Zecher die höchste Fülle schäumt. Draus sollt' ich alles trinken, was Erd' und Himmel bot, doch mußt' ich dann versinken in einem ew'gen Tod. Mit Wonne und mit Grausen hielt ich ihn in der Hand, ein wundersames Brausen in seinem Kelch entstand; es flog an mir vorüber die Welt in Nacht und Glanz, wie regellos im Fieber verworrner Bilder Tanz. Und als ich länger blickte, bis auf den Grund hinein, wie Blitzesflamme zückte mir's da durch Mark und Bein, und, gänzlich drin versunken, ward mir zuletzt zu Sinn, als hätt' ich schon getrunken und schwände nun dahin. Der alte Knecht. Eine Anekdote von Wilhelm Schäfer. An einem Abend im Herbst kommt in die Wirtschaft zum „Strauß" in Biberach der alte Musiker Knecht, seinen Schoppen zu trinken. Er hängt den nassen Hut an den Haken und schüttelt den Mantel ab; denn der Tag ist in Regen vergangen, und rotgeränderte Wolken haben dem kommenden Morgen auch wieder Regen geweissagt. Die Wirtin hat eben das Messinglämpchen neben der Theke und die Kerze auf dem runden Tisch angesteckt, daran einige Bürger mit ihren Gläsern und Pfeifen im Flackerlicht sitzen, über das Wetter und über den ewigen Krieg, über den neuen Kometen, die schlechten Geschäfte und teueren Zeiten wichtige Worte zu sagen. Wie der alte Knecht sich nach seiner Gewohnheit schweigend zu ihnen setzt, will der Schönfärber Krall die große goldene Denkmünze sehen, die ihm die bayrische Königin für sein Gesangbuch gesandt hat. „Seid doch, Herr Nachbar," sagt der spöttische Schmerbauch und legt die Färberhände breit auf den Tisch, „seid doch nicht solch ein Drache mit Cuerm Ruhm! Gönnt uns auch einmal den Anblick, und ob die Denkmünze wirklich zwanzig Dukaten schwer ist!" Denn der alte Knecht ist Hoskapellmeister in Stuttgart gewesen, ehe er wieder Musiklehrer in Biberach wurde; und der hier mit den Handwerkern schöppelt, als wäre er ihresgleichen, hat nicht weniger Fleiß und Liebe an seine Dinge gesetzt, als andere auch; und wenn das Kerzenlicht all seiner Singspiele, Arien und Serenaden an der Sonne Mozarts verblaßt ist, so kennen doch manche im Reich, das weih er genau und hält sich daran, seinen Namen. Er kann wohl späßeln und schöppeln. mit diesen Männnern, ober sich brüsten vor ihnen oder sich sonst gemein machen, mag er nicht. „Das ist mein Ding!" wehrt er freundlich ab. „Meine Dinge sind anders als eure!" Und spricht von dem leeren Storchennest am weißen Turm, und daß dreiste Burschen einen Kürbis hineingelegt haben. So rasch will indes der Schönfärber den Abschlag nicht hinnehmen. „Der Kürbis ist recht," sagt er beiläufig, „da kommen vielleicht nächstes Jahr jung« Plattköpfe aus, weil die alten in Biberach rar werden!" Er meint den Knecht, der einen weihen Glatzkopf hat, und sieht mit listigen Augen rundum, ob die anderen seine Bosheit verstehen und lachen. Die aber schweigen im Qualm ihrer Pfeifen; nur der flinke Wirt, der nach ihrer Sitte dabeisitzt, will nun auch die große Denkmünze sehen, davon seine 6mu durch die ganze Stadt spräche. Cs ist aber die Frau des Musikers Justin Heinrich Knecht anders als er; wie sie seins gebeugt« Gestalt überragt, wenn sie zusammen über die Marktstätte schreiten, trägt sie auch sonst den Kopf steif, wo er ihn demütig neigt. Darum, als sie nichts gegen den lächelnden Alten net> mögen, gehen der Wirt und der Schönfärber unbeachtet hinaus, durch eine List zu erreichen, was ihrer Neugier, wie sie meinen, der alte Knecht vur aus Bescheidenheit hartnäckig verwehrt. Indessen er ahnungslos von dem Storchennest spricht, und daß man den Burschen das Fell geroen muffe, weil sie die Störche vertrieben, laufen die beiden Schälke im Dunkeln die Gasse hinauf und klopfen der Frau an die Tür. Die hat bei ihren Katzen gesessen, weil sie kinderlos ist und fragt erst lange durchs Fenster, ehe sie mit einer Kerze die Treppe herabkommt, sich selber schön zu beleuchten, indem sie die Hand gegen den Wind vor das Licht hält. „Euer Mann schickt uns, die große Denkmünze zu holen!", beginnt der Wirt, und der Schönfärber setzt listig hinzu, als sie zögernd die Tür zur unteren Stufe aufmacht: „Da doch die ganze Stadt davon spricht!" Weil die Frau die beiden als ehrliche Bürger kennt, auch über die neue Ausbreitung ihrer Berühmtheit nicht unerfreut ist, schließt sie den Sekretär auf und nimmt die Denkmünze heraus, die wie ein goldenes Tellerchen groß ist, legt auch die andere noch auf den Tisch, die von Schweden, und was sie sonst hat an kleinen Münzen. Als die beiden Schälke mit Ah und Oh genug gestaunt haben, will die Frau Katherina nicht, daß sie die Münzen etwa in ihren Taschen forttragen, ober gar mit feuchten Händen anfassen. Sie wickelt eine jede in Seidenpapier und holt ihr Potpourri her, darin sie Lavendel und Rosmarin hat, und senkt die Münzen hinein. „Laßt mir den Topf nur nicht fallen!" sagt sie noch, als sie die Schälks entläßt, von denen der Schönfärber das Porzellangefäß trägt und der Wirt höflich die Haustür zumacht. Unterdessen die beiden in die Wirtsstube zum „Strauß" zurückkommen, ist der alte Knecht gerade beiseitegegangen. So sieht er die Hinterlist erst, als der Schönfärber den Deckel schon abgehoben hat und die Münzen auswickeln will. Er hat den Unrat draußen gewittert; wie seine Augen die Dreistigkeit sehen, werden sie starr gleich Glas. Erst will er an den Tisch springen, ihnen zu entreißen, was sein gehütetes Eigentum war; da ist die große Denkmünze schon in den Händen der Männer, die staunend ihr Gold befühlen: die Bitterkeit macht ihn so schwach, daß er still die Tür öffnet und, den andern wie eine Erscheinung, wieder hinaus- geht. Erst haben sie den Alten am Tisch mit Hallo begrüßen und sich der Ueberlistung rühmen wollen; als sie sein blasses Gesicht sehen und den Schreckensblick seiner Augen, bleiben sie still; und wie er so wortlos hinausgegangen ist, hält der Färber wohl noch dis bayrische Denkmünze gegen das Kerzenlicht, aber nicht einer mehr sieht sie noch ungestört an. Als wären sie Diebe und hätten gestohlenes Gut auf dem Tisch, lassen sie ab von den Münzen und hören nicht mehr auf den Schmerbauch, der fein verlorenes Spiel noch mit Spott retten will, bis er das goldene Ding hart auf den Tisch wirft. „Hängt mich doch gleich an den Galgen!" sagt er zornig, läßt den Porzellantopf auf dem Tisch stehen, rafft seine Kappe vom Nagel und stapft mißmutig ab. „Wir müssen ihm gleich das Ding roieberbringen!" mahnt der Wirt, den der mißlungene Streich am meisten verdrießt, weil der alte Knecht sein täglicher Gast ist. Die andern indessen rauchen nur ihre Pfeifen, lassen ihn die Münzen «inwickeln und in den Topf tun, mit dem er zuletzt wie gescholten abgeht. Draußen ist dunkle Nässe, aber im trüben Licht der Wirtshauslaterne erkennt er den alten Knecht, der ohne Hut und Mantel dasteht und wartet. Sein weißer Glatzkopf sieht wirklich wie ein Kürbis aus; und als der Wirt auf ihn zugeht, weicht er zuerst erschrocken zurück und hebt die wehrenden Handflächen auf, als wolle er das feine nicht wiederhaben. Denn während den Männern von Biberach drinnen am Tisch die Beschämung geschah, hat der Musiker Justin Heinrich Knecht draußen im Regen den Beschluß feines Schicksals erfahren. Daß die Denkmünzen nur das goldene Siegel auf feine Erfolglosigkeit sind, weiß er lange. Seitdem sie feine Oper in Stuttgart begruben und ihn nach Biberach zurllck- kehren hießen wie einen entlassenen Diener, find feine Träume begraben. Um kärglichen Lohn hier im Oberland den Musikmeister spielen und für den Haushalt feiner großartigen Frau Stunden geben, ist das Los seines Alters, dem keine Hoffnung mehr blüht. Nicht ihn zu ehren, nur Dienste, wie das Gefangbuch, zu bezahlen, kamen die Denkmünzen in fein Haus; er aber hat sie empfangen, als wäre damit feine Kunst anerkannt; er hat sie heimlich gehalten für feinen Stolz, die Demütigung zu ertragen: nun gesteht er sich selber, daß es die letzte Selbsttäuschung war. Als wäre das Bittersalz seiner Erkenntnis darin, nimmt er das blinkende Porzellan mit beiden Händen vom Wirt entgegen, der es ihm auch so überreicht; und es sieht aus wie eine feierliche Handlung. Aber der Wirt ist froh, das Aergernis so rasch loszuwerden; er findet keines feiner gewohnten Worte für den Augenblick passend und geht hastig hinein. So bleibt der alte Knecht in der dunklen Nässe zurück, und die Wirtshauslaterne beleuchtet den Topf in feinen Händen, den er nun wieder nach Haufe tragen soll. Er fühlt gleich, daß er dies nicht vermag, steht noch eine trübe Verlassenheit da, und als seine Füße von selber beginnen, führt der Weg, den sie schreiten, aus der Enge der Häuser hinaus vor ein Gittertor. Der alte Knecht weiß nicht, was er da sucht bei den Toten; und wie er die Grabsteine aus der Nacht schimmern sieht, hängt sich das Grauen an seine Schritte. Er will fort aus dem Geben, das ihn so grausam gede- mütigt hat; und wenn er eine Pistole in den Händen trüge, wüßte er wohl das Ende. Ader es Ist ein Potpourri mit seinen Denkmünzen darin, und er kann es nur an das Grab seiner ersten Frau bringen, der es einmal gehört hat. Und so gelingt es dem alten Knecht, der nur zu schöppeln gedachte, in dieser Nacht einen Rückweg zu finden, den er kaum noch gesucht hat. Denn wie er mit seinem Topf tiefer in den Kirchhof hineingeht, bleibt wohl das Grauen der Toten über den Gräbern, aber es nimmt feine Bitterkeit auf, wie es die Dunkelheit allein nicht vermöchte, weil es ihn ganz aus der Alltäglichkeit scheidet, darin er längst nur ein Bürger von Biberach war. Es ist ein anderer Schluß als der mit der Pistole, ein lebendiger Tod, der ihn mit jedem Schritt tiefer hinein ins Grauen und dennoch in eine tiefe Befriedigung führt, für die das Grab seiner ersten Frau nur das Ziel der Füße, für die das Grauen der Lebensgrund seiner aufgejagten Natur ist. Denn einmal ging er nicht schöppeln und späßeln, einmal war er im Glück, nicht nur im heimlichen Trost seiner Dinge: als er in Ulm den Topf zu ihrem Geburtstag kaufte und selig war in ihrer Freude; als er die neue Orgel in Biberach baute und seiner Braut zuerst allein darauf spielte; als er noch wie ein Baum zu blühen und Frucht zu tragen im Saft seiner Hoffnungen stand; als er im brausenden Wind seinen Bruder und in den eilenden Wolken die Fahrzeuge seiner Musik fühlte; als das Glück noch um ihn war wie jetzt das Grauen und ihm aus der Tiefe des Lebens verwandt wie Geschwister. Das wirft sich über seine Verbitterung hin wie eine wilde Befreiung, die keine Selbsttäuschung mehr braucht. Als er das Potpourri erst auf das Grab seiner Frau gestellt hat, da weih der alte Knecht, was er da will auf dem Kirchhof. Er kennt den Verschlag, wo der Totengräber sein Grabzeug hat, und leise schleicht er sich hin, längst heimisch in seinem Grauen, holt eine Schippe und fängt mit Sorgsamkeit an, ein Loch auszuheben, groß genug für den Topf. „Wie böse verrost ist doch der Hügel!" denkt er strafend, und schämt sich vor ihren Augen, als ob sie irgendwoher auf ihn sähen, und streichelt den Topf und küßt seine blanke Kälte, ehe er ihn mit zärtlichen Händen versenkt und danach das kleine Grab zuzuschaufeln beginnt, bis der Rasen über dem Hügel wieder geschlossen ist. „Ich habe mich selber begraben!" sagt eine Stimme in ihm; aber sie kommt aus der Tiefe, wo das Glück und das Grauen eins find. Und es ist keine Selbsttäuschung mehr, wie der alte Knecht in der Nacht an dem Hügel steht, auf die Schippe gestützt, und horcht dem Gebrause der Jugend in sich, das mit Hörnern bläst und Geigen und Flöten hat in einem starken Gemenge; und weiß von keiner Demütigung mehr, weil er außer der Alltäglichkeit ist. Bis er die Nässe fühlt von dem dünn aus der Nacht rieselnden Regen, die Schippe in den Verschlag des Totengräbers zurückbringt und aus dem ewigen Reich der Toten wieder eingeht in den Alltag der Menschen, darin fein Leib noch in einer ihm fremden Verbundenheit steht. Elisabeth. Von Theodor Storm. Meine Mutter hat's gewollt, den andern ich nehmen sollt'; was ich zuvor besessen, mein Herz sollt' cs vergessen; das hat es nicht gewollt. Meine Mutter klag' ich an, sie hat nicht wohlgetan; Was sonst in Ehren stünde, nun ist es worden Sünde. Was fang' ich an! Für all mein' Stolz und Freud' gewonnen hab' ich Leid. Ach, wär' das nicht geschehen, ach, könnt' ich betteln gehen über die braune Heid'! Wiener Gestalten und Betrachtungen. Von Eduard Herr.iot. H e r r i o t, der ehemalige französische Ministerpräsident, läßt in diesen Tagen ein Buch über Beethoven erscheinen. Das Werk, das fast 450 Druckseiten umfaßt, trägt den Titel „La Vie de Beethoven“ und bildet den 30. Band der Sammlung „Vies des Hommes Illustres“ des Pariser Verlages Gallimard. Die nachfolgenden Betrachtungen, die uns der Verfasser zum Vorabdruck in deutscher Sprache zur Verfügung stellt, sind dem einleitenden Kapitel des Buches entnommen. In den letzten Märztagen des Jahres 1927 feierten Oesterreich und Wien in würdigster Weife die hundertste Wiederkehr des Tages, an dem Ludwig van Beethoven gestorben war. In dichter Folge drängten sich ergreifende Festlichkeiten. Am Ballplatz, d. h. in dem berühmten Füns- türensaale des alten Auswärtigen Amtes, in dem sich einstmals der Kongreß versammelt hatte, vereinigten Präsident und Kanzler der jungen Republik zu brüderlichem Frühstück die Vertreter der Staaten, die sich vor kurzem noch so heiß bekriegten. Ein solches Haus durchwandert man nicht, ohne auf Schattenbilder zu stoßen; Erinnerungen wachen auf; Wien bewahrt noch heute das Gedächtnis an die Arbeiten, die Feste und zahlreichen Zwischenfälle, die das Merkmal des Konferenzbeginnes bildeten. Während sich die Monarchen draußen vergnügen, verstehen sich ihre Minister zu gut, um sich zu einigen. „Der Kongreß hütet fein Geheimnis, weil er keines besitzt", murmelt mißtrauisch das Volk. Die Verhandlungen treiben lange Zeit ins Uferlose. Um so prunkvoller sind die Empfänge, die sie umrahmen. Dom Glanze der Jugend umstrahlt, erzählt dort Nesselrode aus seinen Pariser Erinnerungen, wo er als einfacher Botschaftsrat die Rüstungen Napoleons überwacht hatte. Wilhelm von Humboldt prägt bohrende Witzworte über Herrn von Metternich, der in seiner Eitelkeit von Weltherrschaft träumt, um zehn Uhr aufsteht, und seine Tage bei der Sag an verseufzt. Verliert man aber eigentlich seine Zeit, wenn man sich bei einer geistvollen Frau zu lange verweilt? Die Sagan ist jedoch der Renten müde, die sie ihren einstigen Gatten zahlen muh, und erklärt, sie habe sich an ihren Männern ruiniert und würde auf weitere derartige Abenteuer nicht mehr herein- fallen. Ein jeglicher Tag bringt Neuigkeiten, neue Klatschgeschichten. Der König von Preußen leidet an Rheumatismus und wahnsinniger Liebe zu Julia Zichy; außer Sachsen ist nichts ihm teurer auf der Welt. Der entfesselte Zar Alexander hat eine Gräfin zu erobern gesucht. „Sie scheinen mich mit einer Provinz zu verwechseln", ist ihm zur Antwort geworden. Wer war auf der letzten Redoute die reizende Maske im schwarzen Federhut? Aus Paris ist eine Tänzerin eingetroffen; sie heißt „Petite Aimee“. Dalberg läßt seine Akten liegen, die eine wohlgeschulte Polizei für ihn verfaßt. Mehr als die anderen beschäftigt und beunruhigt Herr von Talley - r a n d den Kongreß. Er erscheint mir so, wie wir ihn in einem Saale des Quai d’Orsay verewigt finden, auf dem Stich, nach dem Oelbild von Jean- Baptiste I s a b c y, das im Schlosse zu Windsor hängt, so wie ihn auch die Sepiastudie im Louvre darstellt. Er sitzt zur Rechten des Bildes, dessen Zentrum Eastlereagh innehat, während im Hintergründe Baron Humboldt lächelt und der Russe Stack)elberg eine Ansprache hält. Ein schlauer Fuchs, dieser Stachelberg! Wie sein versteht er, das angemessene Gesicht aufzusetzen, die ruhige Würde eines Mannes zu markieren, der nur zur Verteidigung des allgemeinen Rechtes hergekommen ist! Seht diese wachsamen Augen; es sind dieselben, die gestern die Kaiserin entlarvten und dort, wo andere Natürlichkeit sahen, die Spuren unzulässiger Koketterie entdeckten; diese Augen verstehen zwischen den Zeilen zu lesen, keine Nuancec einer Einladung entgeht ihnen und stets erkennen sie im Fluge den freien und geeigneten Platz, auf den man sich lässig niedersetzen muh, um seinen unbeugsamen Willen kundzugeben; es sind die Augen, die auf dem Antlitz eines Metternich mit tätlicher Sicherheit die Wirkung einer improvisiert scheinenden, doch klug berechneten Antwort abzulesen wissen. Die Einfalt erscheint diesem Diplomaten als ras- finierteste Form seiner Gerissenheit; er verlangt sie von seinen Agenten wie von sich selbst. Ich sehe immer wieder dieses zarte Gesicht, das'lange Locken umwallen und das durch die Steifung des gestickten Kragens gestützt scheint: immer wieder sehe ich aber vor allem diese unvergeßlichen Augen, die gleich denen eines Jägers, unter halbgeschlossenen Augenlidern in die Höhe und die Weite schauen. Unter all diesen uniform- und stickereibeladenen Persönlichkeiten lächelt der Fürst, doch ist dieses Lächeln kaum zu bemerken. Man fühlt, daß er an die Aufrichtigkeit des menschlichen Wortes allen Glauben verloren hat, daß alle seine Interventionen, daß selbst der Ton feiner Steuerungen ihm durch nacktes Interesse, durch Menschenverachtung und Pessimismus diktiert werden, die ja die Grundlage aller traditionellen Politik und Diplomatie gebildet haben. Ein echt gesellschaftlicher Ton herrscht im Kongreßsaal. Man kolportiert ein Wort des französischen Botschafters. Der Prince de Eigne hatte auf die Frage „Leugnen Sie, daß Sie ein Heuchler sind?" von Talley- rand die schlagfertige Antwort bekommen: „Das kann ich Ihnen gerne zugeben, da Sie mich ja doch für einen Leugner halten." Ordengeschmückt hinkt der Vertreter Frankreichs zum Whisttisch, und seine lahmen Bewegungen gestatten ihm, dabei dem bayrischen Gesandten ganz unauffällig ein Geheimrendezvous zu geben. Unsichtbar herrscht der Geist Napoleons über der Versammlung. Hat Marie-Louise tatsächlich gemeint, als sie sein Bild wieder sah? Wird der Papst sich nicht zur Auflösung ihrer Ehe entschließen? Wird man den Stürzer von Königstronen der Küste Europas so nahe dulden können? Herr von Talleyrand läßt diese Sorgen wie alles andere spielen, was seinem geprüften Lande Vorteil bringen könnte. Noch heute meint man im Fünftürensaale die Worte weiser Ergriffenheit zu hören, mit denen er Moral und Recht zu beschwören pflegte, wenn es politische Absichten zu verhüllen galt. Zu jener Zeit stellt der russische Botschafter, Fürst Rasuinosky in seinem herrlichen Palais am Kanal den Geladenen einen Musiker vor, der mehr Befremden als Bewunderung erregt. Der hohe Herr hat gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die Schwester der Prinzessin Kack Lichnowsky geheiratet und empfängt feit jener Zeit gelegentlich Besuch von „Dilettanten". Er unterhält ein berühmtes Quartett, in dem er selbst die zweite Geige spielt; Schuppanzigh, Weiß und Linke heißen seine Partner. Er spricht nicht ohne Stolz von den Werken, die ihm Beethoven gewidmet hat. Wie be[d)eiben wirkt unsere Versammlung in diesem Rahmen, der soviel Weltgeschichte umschlossen hat! Wieviel sammlungsvoller ist sie aber auch, die bescheidene Erinnerung die uns hier vereint! Ich denke nn einen Satz aus dem Heiligenstädter Testament „Gottheit, die Du den Grimo meines Herzens siehst, Du weiht, daß Menschenliebe und Wille zum Guten darin wohnen." Ich höre mit meinem geistigen Ohr das Schluchzen der Eavatine des dreizehnten Quartetts, dieses schmerzliche Flehen, dos unter Tränen entsteht, als der Meister am Ende seines Lebens noch einmal versucht, das Ideal, dem seine Leidenschast gatt, zu erreichen. Gey eine Morgenröte auf, die Beechoven nicht hatte ahnen können? könnte zum Beweise an seinen hundertsten Geburtstag erinnern, der im Augenblick von Frankreichs tiefen Niederlagen begangen worden tft; 3“ dieser Zeit lieh Richard Wagner das Schwergewicht feiner BrutaUM auf das gemarterte Frankreich niedersausen. Ich will mit dieser Erinnerung nicht Mißbrauch treiben. Männer, die ihr Vaterland haben teioei sehen, sind zu den Wiener Feiern dem Ruf eines Volkes gefolgt, das pm durch Heldenmut im Kampfe gegen feine Prüfungen, der Unabhängig- feit, des Friedens gezeigt hat. Ein lang geschmähter Name knupp zwischen ihnen das Band gemeinsamer frommer Verehrung: ein WnW geadelter Genius hat sie aus feiner verzweifelten Einsamkeit zu Menicy- heitspflicht und Brüderlichkeit aufgeriisen. Zu seinem Gedächtnis Hoven er cis hatte, n von >t, um krliert i Frau 1 ihren inner» herein- n. Der ebe zu :t. Der ■ „sie ntmort -ke im e heißt wohl- llcy- ile des Jean- n auch dessen Baron le hält. nnge= i mar« ommen Kaiserin nnzu- Zeilen kennen > lässig es sind cherheit i Anils rasigen ten > lange ms ge> ßlichen nlibern 1= und Lächeln nensch- tionen, , durch Irund- folger« ; hatte lallet)« gerne chmuckt Bewe- ussällig a po = e weint, skösung en der )t diese Vorteil Worte zu be- f y in •r vor, gegen i Karl Besuch r selbst heißen ie ihm der io« e aber i einen Grund e zum luchzen n, das ch ein« .Geht ? Ich der im ist) zu .italität krinne- leiden ias sich )ängig= fnüpsi« chmerz- llensch- haben «ch Hände schweigend incmanSergefegt die stets befreundet ineinander ruhen möchten. Rach einem Jahre sind den Menschheitsfesten für Beethoven die deutschen Festlichkeiten für Schubert gefolgt. Noch ist sich Oesterreich seiner Zukunft nicht klar. Wir alle aber, die nicht daran glauben, daß die Probleme Europas nach alten Formeln gelöst werden können, wir olle, die aufrichtigen Herzens neue Formen suchen, in denen der Genius jeder Nation sich frei und friedlich entwickeln kann, wir bleiben dem Geiste Beethovens treu. Und jedes menschliche Wesen sollte, wenn es reines Herzens ist, sich Rat und Beispiel bei dem herrlichen Schöpfer suchen, der uns in gleicher Weise die Hingabe in seine Kunst, das Streben nach menschlicher Vollkommenheit und glühende Begeisterung für den Frieden zu lehren hat. (Autorisierte Uebersetzung von H. A. v. Maktzahn.) Des Menschen unsichtbare Freunde, t Von Dr.-Jng. Otto Huppert. (Nachdruck verboten.) In den Märchen von den Heinzelmännchen wird vorahnend etwas erzählt, was Menschenverstand später erst klar erkennen sollte. Myriaden solcher Heinzelmännchen arbeiten Tag und Nacht für uns — manche, ober verhältniswenig wenige, auch gegen uns — in der Erde, im Wasser, in der Luft, in uns selbst, und, wenn wir die kleinen Gesellen mit unserm Mikroskop um die Wirkung ihrer Tarnkappe bringen, dann sehen wir, was für zahlreiche, verschiedenartige Klassen von Bakterien es auf der Erde gibt. Die meisten Menschen kennen sie auch heute noch nur von ihrer schlechten Seite, nämlich als Krankheits- und Fäulniserreger. Daß ober diese Kleinlebewesen höheren Pflanzen und Tieren das Leben erst ermöglichen, ist wenig bekannt. Verschwänden die Bakterien mit einem Male von der Erde, so wäre nach einigen Wochen alles Leben tot. 3eder lebende Körper, ob Pflanze oder Tier, besteht im wesentlichen aus den Elementen Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff. Diese sind in äußerst verwickelter Weise zu den Bausteinen, den Zellen, miteinander verbunden, die dem betreffenden Pflanzen- oder Tierkörper ureigen sind und in ganz der gleichen Zusammensetzung bei keinem ein« sigen anderen Lebewesen wieder vorkommen. Stirbt das Tier oder die Pflanze, so beginnen gewisse Bakterien, die beständig überall vorhanden / sind, auf den Tod ihrer Opfer wartend, ihr Werk. Sie vermehren sich — die guten Zeiten ausnutzend — und bauen die Zellen des Leichnams ab, das heißt, sie machen unter Mithilfe des Luftfauerstoffs aus dem verwickelten Gebilde einfache chemische Verbindungen, nämlich Kohlensäure, , aus Kohlenstoff und Sauerstoff bestehend, und Salpetersäure, aus Wasserstoff, Stickstoff und Sauerstoff zusammengefetzt. Diese dienen dann den Pflanzen als Nahrung, wobei wieder andere Bakterienarten mithelfen. Die Pflanze baut alsdann für sich wieder ihre besonderen Zellen auf, dient als Tiernahrung oder verwelkt, und der Kreislauf beginnt von neuem. Außer diesen Aasvernichtern gibt es auch Bakterien, die die Aufgabe haben, tkerische und menschliche Abfallstoffe in einfachere Verbindungen iibcrzuführen. Solche Bakterien finden sich in großen Mengen im Ackerboden sowie in allen stehenden und fließenden Gewässern. Wie groß \ die reinigende Kraft, die sogenannte Selbstreinigung des Wassers infolge der Bakterienwirkung ist, geht daraus hervor, daß ein Teich von der Größe eines Hektars und 50 bis 70 Zentimeter Tiefe genügt, die Abwässer eines Ortes von 2000 bis 3000 Einwohnern aufzunehmen. Durch die Düngung des Teick)es können zwölf Zentner Karpfen im Jahr ge- \ Wonnen werden. Das geht so vor sich: Die Bakterien stellen, ähnlich wie die vorhin erwähnten Aasvernichter, aus den Abfallstoffen Kohlensäure und Salpetersäure her, diese dienen Algen und Pilzen zur Nahrung, die daun von kleinen Wafsertierchen, z. B. winzigen, mit bloßem Auge nicht mehr sichtbaren Krebsen, ausgenommen werden; der Karpfen freut sich dieser kleinen Tierchen, und der Mensch freut sich des Karpfens, und wenn auch die Bakterien nach unserem Gefühl die unangenehmste Arbeit zu leisten haben, so gedeihen sie doch vorzüglich dabei, und jeder kommt i« dein Kreislauf zu seinem Rechte. Von sehr großer Bedeutung für Gesundheit und Leben des Menschen is! die Erscheinung, daß Bakterien sich gegenseitig zerstören, wodurch die Gclbftreinigung des Wassers noch ihre besondere Bedeutung bekommt. Alle Arten von Krankheitserregern, wie die des Typhus, der Tuber- kulofe, der Diphtheritis usw. gehen in kurzer Zeit in fließenden und sichenden Gewässern zugrunde, vorausgesetzt, daß die Zahl der Bakterien 'm Vergleich zur Wassermenge nicht zu groß ist. In Davos z. B. leitet man das Abwasser unterhalb des Kurortes in das sehr rasch fließende Landwasser ein. Schon nach zwei bis drei Kilometern enthält das Wasser keine Krankheitserreger mehr. Diese Abwasserdeseitigung ist also völlig einwandfrei. In den letzten beiden Jahrzehnten ist eine neue Wissenschaft entluden, die Gärungstechnik, deren Einfluß auf den landwirtschaftlichen ««trieb zunehmend größer wird. Jede Gärung ist eine durch Kleinlebewesen verursachte Zersetzung organischer Stoffe; somit ist auch die vor- ■ 2!n, erwähnte Arbeit der Bakterien im Ackerboden eine Gärung. Das uaiser-Wilhelm-Jnftitut für Gärungsgewerbe in Berlin-Dahlem befchäf- "St sich zur Zeit unter anderem auch mit der Frage, auf welche Weise der Landwirtschaft durch richtig geleitete Gärungstechnik geholfen werden wnnte. Gras, frisch geschnitten, verfüttert, hat einen wesentlich höheren ^iahrwert als im getrockneten Zustande, und zwar kann man annehmen, > kw» ein Viertel vom Werte des Grases bei der Heuwerdung verloren sieht. Es sind daher mit wechselndem (Erfolge Versuche gemacht worden, was, Rüben, Kartoffeln usw. dadurch in ihrem Grünfutierzustande zu erhalten, daß man sie in Futtertürmen aufftapeltc. Das Futter nahm rwrin mit der Zeit eine saure Beschaffenheit an, die es aber zum Ver- juttern durchaus nicht ungeeignet machte. Nach dem Bericht von Prof. Dr. 0 a yd u ck, dem Leiter des genannten Instituts, kennt man heute die «vrgange im Futterturm genügend genau, um sie nach Wunsch zu leiten. Jfan weiß, daß es sich um eine Milchsäuregärung handelt. Diese Säure wird durch Bakterien aus Zucker hergestellt. Fehlt "es an diesem, so tarnt nicht genügend Milchsäure gebildet werden, um den Gärungsvorgang von einer bestimmten Zeit an zu unterbrechen, und die Fäulnisbakterien treten in ihr Recht. Ist aber genügend Milchsäure vorhanden, so wird die Bakterienwirkung gehemmt oder unter Umständen sogar aufgehoben, und weitere Zerfetzungserfcheinungen im Futterturm sind nicht möglich. Da man die Zusammensetzung der verschiedenen Futtermittel kennt, ist es nicht schwer, bei etwa fehlendem Zuckergehalt durch geschnitzelte Zuckerrüben oder Melasse — einem bei der Herstellung von Zucker verbleibenden Rückstand — nachzuhelfen. Man sck)ätzt den Wert der jährlichen Heuernte in Deutschland auf drei Milliarden Mark. Eine Milliarde Mark geht demnach durch die Heuwerdung verloren. Jedes Hunderteil der Grasmenge, dessen Vollwert im Futterturm bis zum Gebrauche erhalten werden kann, ist daher von volkswirtschaftlicher Bedeutung. Besonders das letzte Beispiel zeigt, daß sich unsere Freunde, die Heinzelmännchen, die einstmals so arbeiteten, wie cs sich gerade für sie ergab, heute dazu bequemen müssen, sich ebenso sehr dem menschlichen Willen zu unterwerfen, wie ihre großen, sichtbaren Geschwister aus der Pflanzen- und Tierwelt. Kinder des Volks. Von Alfred Bock. » (Fortsetzung.) Das Erscheinen eines zweiten Gastes unterbrach feine düsteren Gedanken. Es war Herr Palmer, der Vikar, der im Löwen feinen Frühschoppen trank. Sein langer, blauer Rock war mit Fettflecken besät; seine Beinkleider waren so kurz, daß die rissigen Stiefelschafte zum Vorschein kamen. Von seiner fchäbchen Bekleidung hob sich der glänzend weiße Hemdkragen seltsam ab. Seine Frau behauptete, es verlohne sich nicht, ihm einen guten Anzug zu geben, er vexschlampe ihn doch. Das einzige, worauf sie bei ihm halte, fei reine Wäsche. Das fei sie ihrem Renommee als Waschfrau schuldig. Herr Palmer klopfte auf den Tisch. „Wirtschafti" Da niemand kam, trat er an den Schrank und zapfte sich selbst. Als Stammgast konnte er sich das erlauben. Darauf ließ er sich Schollas gegenüber nieder. „Wie ist mir denn, Herr Schollas? Sie wollten doch heut nach Frankenhain?" „Wollt' ich auch. Hab' mir’s aber anders überlegt. Hab' in der Stadt zu tun." „Aha, eine Versicherung!" „Keine Spur." „Will's noch immer nicht?" „Nein, Herr Vikar." „Der Neid, lieber Schollas, der gemeine Neid." „Wie meinen Sie das?" „Daß Sie jetzt in der Wolle sitzen, das gönnt man Ihnen nicht." „Glauben Sie?" „Jawohl, lieber Schollas, da liegt der Hund begraben. Sie müssen wissen, ich kenne die Menschen. Wenn jemand Grütze im Kops und Geld im Kasten hat, das ertragen sie nicht. Da werden alle niedrigen Instinkte frei, da sündigen sie wider das achte Gebot, und ihre Zungen sind schärfer denn ein zweischneidig Schwert. Wie ist mir es ergangen? Sie müssen wissen, hab' mein Handwerk verstanden. Aus purem Neid haben sie mich geschaßt. Wollten mich mundtot machen. Aber sie haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Sie müssen wissen, ich arbeite an einem großen Werk: Die Kirche der Zukunft. Es ist das Hohelied von der Verbrüderung aller denkenden Menschen. Und wird wie der Föhn über Länder und Meere wehen. Eine große Wallfahrt wird fein zu mir. Und sie werden sagen: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Hosianna!" Er leerte fein Glas auf einen Zug, ging'an den Schrank und zapfte sich wieder. „Pröstchen, Herr Schollas! Pröstchen!" Der Schreiber, der nur mit halbem Ohr zugehört hatte, tat ihm mechanisch Bescheid. Palmer lachte. „Wo sind denn Ihre Gedanken, junger Ehemann? Natürlich bei der Frau Liebsten. Das muß der blasse Neid ihr lassen, sie hat sich ganz brillant gehalten. Wer es nicht weiß, der gibt ihr höchstens fünfundzwanzig. Diese Elastizität, phänomenal! Obendrein die Revenuen. Sie haben einen guten Griff getan. Pröstchen, Herr Schollas! Pröstchen! Die Frau soll leben!" „Soll leben", brachte Schollas gezwungen heraus und nippte an feinem Glas. Palmer fang das Lob der Stadlern weiter. Er rühmte ihre Verträglichkeit. In ihrem Haufe wohnten vier Parteien; mit allen lebe sie in Frieden, allen erweise sie sich gefällig und gütig. Treue fei der Grundzug ihres Charakters. Wer einmal den Weg zu ihrem Herzen gefunden,' den lasse sie nimmer fallen. Man brauche bloß ihre Freunde zu fragen. Die gingen allesamt für sie durchs Feuer, ließen Geschäft und Verdienst im Stich und leisteten ihr Gesellschaft, wenn der Herr Gemahl abwesend fei. Schollas verfärbte sich. Bon diesen Freundschaftsbezeugungen wisse er gar nichts. Er verlange sofort Aufschluß. „Sie meinen doch, Sie bitten darum", sagte der Vikar mit einer Schärfe, die man ihm gar nicht angetrant hätte. Zufällig fei er orientiert. Mittwoch habe der Bahnmeister Zapf seine Aufwartung gemacht, Freitag der Schuster Reining. Jetzt eben stattet der Buckelmüller feine Visite ab. „Sie müssen wissen," setzte er stolz hinzu, „ich habe mehr zu tun, als darüber Buch zu führen, wen Ihre liebe Frau empfängt." Der Eintritt des Wirts machte der Unterhaltung ein Ende. Schollas zahlte feine Zeche und ging. Das Blut kochte in seinen Adern. Dor lange Zutt hatte recht gehabt. Nun war es arn Tag, daß sie ihn betrog. — Er ballte die Fäuste. „Wart', du Schnippel, dir leg' ich das Handwerk!" Jetzt rasch heim. Bei Leibe nicht den direkten Weg. Am besten, er lies den Stadtgraben entlang, setzte über und kam durch den Garten ins Haus. Gedacht, getan. Er stürmte fort. Wenn ihm das Pärchen nur nicht entschlüpfte. Es war kein Augenblick zu verlieren. „Dummerjan, was hetzt du dich ab?" raunte ihm eine Stimme zu. „Du weißt ja, wie ihre Aufführung war. Die Katze läßt däs Mausen nicht. In drei Teufels Namen, lass' sie doch. Was geht dir denn ab? Hast die Tasche voll Geld. Ein feines Leben!" „Verflucht will ich sein," gab er zurück, „wenn ich so weiter tu. Roch heute schneide ich das Tischtuch entzwei. Und will meinen guten Namen retten. Und bettele lieber mein Brot zusammen!" Der Weg zieht sich hin, und Eile tut not. Er prallt gegen eine Marktfrau an. Die schickt ihm eine Flut von Schimpfwörtern nach. Er sieht und hört nichts. Zu, nur zu! Noch hundert Schritte: er ist am Ziel. Jenseits des Grabens zieht sich das Grundstück der Stadlern hin. Ein Sprung, er ist drüben. Flugs durch den Garten. Durch den Hof. Die Haustür ist angelehnt. Sacht die Schelle beigedrückt. Achtung! Ein Ton kann alles verderben. Nun ist er drin. Er schleicht auf den Zehen. Vorn in der Eckstube sprechen zwei. Näher heran. Er unterscheidet seiner Frau und des Buckelmüllers (stimme. Tod und Teufel! Er bückt sich. Durch das Schlüsselloch fällt sein Blick auf das Kanapee. Sein Gesicht verzerrt sich zu einer wilden Grimasse. Wo ist gleich ein Stecken? Halt, in der Küche. Auf den Zehen hin. Und lautlos zurück. Die Tür fliegt auf. Ein Schrei, das Pärchen fährt auseinander. Der Schreiber packt den Buckelmüller und läßt seinen Stecken auf ihm tanzen. Dem Mann ist der Schreck in die Glieder gefahren, daß er sich gar nicht zur Wehr setzen kann. Nun bricht er zusammen und erhebt ein kläglich Geheul. Schollas, in förmlicher Raserei, schleift ihn wie einen Sack durch das Zimmer und befördert ihn mit einer Wucht hinaus, daß er wie eine leblose Masse auf den Steinfliesen liegen bleibt. Jetzt wendet sich der Tobende gegen sein« Frau. Diese bietet sich ihm furchtlos dar. Ihre Blicke treffen sich. Er läßt den Arm, den er schon erhoben hat, sinken und brüllt: „Du schlechtes Mensch, du bist nicht wert, daß ich meinen Stecken an dir probier'!" Sie schweigt und macht sich daran, die durcheinander geworfenen Möbel in Ordnung zu bringen. Unterdessen rennt er wie toll auf und ab und fuchtelt mit dem Stock in der Luft herum. Endlich wirft er sich erschöpft auf das Kanapee und schlägt sich auf die Brust. „Ich Esel, ich Dummkopf, ich Trottel!" Sie fährt in ihrem Tun fort und verhält sich immer noch still. Nach einer Weile tritt sie an ihn heran und spricht: „Konrad, ich will mich nicht rein waschen. Nur das sag' ich: 's ist keine Schlechtigkeit, 's ist bloß der Hang in mir. Und wann ich mich noch soviel quäl', ich zwing's nicht nieder, 's ist wie ein Fieber, das mich packt. Und gibt kein Hemmen und Halten. No mein ich, geschehen ist geschehen. Was hilft am End' das Gezänks? Du hast von mir noch kein böses Wort gehört. Und ich häng' auch an dir, das kannst du mir glauben. Jetzt bitt' ich dich, sei wieder gut." Er schlägt eine grelle Lache auf. „Du Untier, unterstehst dich, das Maul aufzutun? Daß du erstickst! Wärst du mir nie vor die Augen gekommen. Du hast mich ruiniert." „Ich hab' dich nicht gesucht, Konrad," versetzte sie ruhig, „das weißt du wohl. Und wie war's bann? Du saß'st im Schlamassel drin. Und wollt'st heraus. Und konnt'st doch nicht. Wann ich nicht war, die Lene hätt' dich sestgehalten." Er zuckt zusammen. Die Lene! Das fehlt noch, daß ft« den Pseil abschießt. So weit ist er heruntergekommen, daß ihn die Sündenschuld nicht drückt. Nein, bas lügt er sich vor. Insgeheim hat's ihn all die Zeit gepeinigt.. Er ist wie ein Schurke mit dem Mädchen umgegangen. Hat gar (ein Äinb verleugnet, sein Fleisch und Blut. Nun trifft ihn die gerecht« Strafe. Hat er’s nötig, aufzubegehren? Wahrhaftig nicht. Was wehrt er sich? Er steht bis an den Hals irn Pfuhl. Und hilft kein Sträuben. Er muß ertrinken. Er stöhnt laut. Großer Gott, er ist nicht so schlecht. Er fühlt die Schande, an dieses Weib gekettet zu sein. Und fühlt auch die Kraft, das Band zu zerreißen. Vielleicht, daß er sich wieder reinigen, begangene Schuld tilgen kann. Jetzt fort, nur fort, aus der verpesteten Luft! Er springt auf. Sein Körper ist straff «mporgerichtet. Aus seinem Gesicht spricht mannhafte Festigkeit. „Hör' an. Ich lass' dir dein Haus mitsamt deinem Geld. Ich will tn den Schmutz hier nicht mehr greifen. Von Stund an find wir geschiedene Leute. So wahr mir Gott helfe!" Mit hallenden Schritten verläßt er das Zimmer.---— Di« Belloffen hatte einen bösen Anfall gehabt. Die Nachbarn in der Hintergasse sprachen, di« Gicht sei ihr aus den Kops geschlagen, in Wahrheit hatte Freund Hein mit der Hippe gewinkt. Als sie aus tiefer Ohnmacht erwachte, war ihre linke Seite gelähmt. Der Medizinalrat, gleich herbeigerufen, befahl die größte Ruhe an. Daß das Karlchen sie nicht störe, bettete man sie in der Hinterstube, wo sie nun schmerzlos und fried- sam lag. Nachts pflegte sie eine barmherzige Schwester; am Tag stand ihr Lene Launsbach bei. Diese mußte ohnehin die Fabrik versäumen, weil tws Kind jetzt ihrer Wartung bedurfte. ....... Eben hatte sie der Kranken eine kräftige Fleischbrühe eingeflöht. Danach, wurde die alte gesprächig wie in gesunden Tagen. „Ja, Lene, 's ist nix mehr mit mir." „Sprechen Sie nicht so, Frau Velloff, das gibt sich wieder." „Glaubst du's? Ich glaub's nicht." „'s ist nicht aus mir, daß ich's jag’." „Der Medizinalrat?" „Jawohl." „Ach der!" „Weswegen hat er dann die Arznei verschrieben? Di« hilft." „Närrchen! Die hilft gewiß. Wann nicht mir, so dem Apotheker, 's ist nix mehr, Lene. Und was ist dabei? Den Weg müssen wir all' gehn. Ich hab' nun die Jahre. Wann man zu nix mehr nutz ist auf der Welt und andern zur Last fallen soll, macht man sich am besten fort. Guck, Lene, ich hab' mich mein Leben lang abrackern müssen. Und beklag' mich nicht. Die sich gegen das Arbeiten auflehnen, das ist Pack. Freilich, daß die armen Leut' dünne Suppen kochen, ist schlimm, 's wird jetzt noch soviel lawerieri, vielleicht, daß es doch einmal anders wird. Hätt's gern noch erlebt. No ich denk', droben wird man's auch gewahr. Dann ich glaub' an das Himmelreich. Und horch! Weil ich nicht allen Adjes sagen kann, soll auf meinem Grabstein stehn: .Wiedersehn ist meine Hoffnung/" „Frau Belloff," fiel ihr Lene ins Wort, „Sie tun sich mit dem Sprechen zu viel. Das hat ja all' noch Zeit." „Laß mich", wehrte die Alte ab. ,,Eh' ich's vergess', drüben in bet Kommod', weißt, wo mein« guten Schürzen liegen, steckt ein Zettel. Und ist alles ausgeschrieben. Das Mehrste kriegt mein Schwesterkind in Volkhartshain. Das versteht sich von selbst. Aber du kriegst auch dein Teil und das Karlchen extra. Ja, das wär's. Jetzt ist mir leicht. No, mein' ich, ich könnt' ein Nickerchen machen." „Ja, Frau Belloff, das stärkt." Lene brachte die Kranke in eine bequemere Lage. Sief« lächelte ihr dankbar zu und schloß die Augen. — In der Vorderstube sah das Karlchen in seinem Bettchen und spielte mit einem Hampelmann. Lene begab sich hinüber. Ihre Augen blickten kummervoll, und das Jauchzen des Bübchens stimmt« sie nicht heiter wie sonst. Der Medizinalrat hatte es klipp und klar gesagt, mit der Bellossen ging's zu Ende. Es tat ihr herzinnig leid um die Alte. Da konnte man lang suchen, bis man soviel Bravheit wie- dersand. Nie würde sie vergessen, was die Gute an ihr getan. Wie sollte es nun werden? Sie muhte bei Zeit Umschau halten, wem sie das Karlchen in Pflege gab. Si« zerbrach sich den Kopf und wußte niemand. Wenn sie sich mit ihrer Arbeitskollegin, der Neideln, zusammentat? Die hatte zur Beaufsichtigung der Kinder ihre Gote ins Haus genommen. Der Plan war nicht schlecht. Und doch stellte sich ein Bedenken entgegen. Der Neideln ging die Arbeit an der Strickmaschine schwer von der Hand. Dabei war sie auf den Pfennig versessen wie der Teufel auf eine arme Seele und sah's mit ersichtlichem Neid, daß die Kameradin zwei, auch drei Mark mehr verdiente. Darauf fußend, würde sie sicher ein hohes Kostgeld verlangen. Das konnte und wollte Lene nicht geben. So gering ihr Wochenlohn auch war, befolgte sie doch den Grundsatz, vorsorglich an allerlei Zufälle denkend, einen Teil des Verdienstes zurück^ulegen. Gerade in den letzten Wochen hatte sie's mit Anspannung aller Kräfte auf rund dreizehn Mark gebracht. Da war die Kienholzen mit frechen Reden gekommen. Die Lene habe es wahrhaftig nicht nötig, soviel Geld zusammenzuschrappen. Der Herr Vollhardt bezahle den Laufdienst so gut, daß sie allein davon leben könne. Noch dazu sei der Herr Vollhardt ein schöner Mann, dem man gern zu Gefallen gehe. Die Lene tue so unschuldig und habe es faustdick hinter den Ohren. Sie war blaß und rot geworden. Mochte das böse Weibsstück sie verlästern, das berührt« sie nicht; aber auf dem Lehrer ließ sie nichts sitzen. Und sie redete sich in die Hitze, daß sie alle merken mußten, wie gut sie dem Herrn Vollhardt war. Seitdem er sich ihrer angenommen, hatte sie einen neuen Menschen angezogen. Di« Wolkenwand, die hinter ihr stand, war kleiner und kleiner geworden, und eines Tages, das fühlte sie, würde sie ganz verschwunden sein. Ein Lebensmut trug sie empor, der ihre Arbeitslust verdoppelte und all die trüben Gedanken verscheuchte, die sie sonst beunruhigt hatten. Das dankte sie dem einzigen Mann. Manchmal dünkte ihr, sie sei jetzt erst zu Verstand gekommen. Waren di- Vortragsabende daran schuld oder die Bucher, die er ihr gab? s wat ihr selber spaßig, daß sie darüber simuliert«. Am liebsten war ihr, gestand sie sich heimlich, wenn er in feinem Arbeitsstübchen mit ihr fprad). -Ba floß es ihm nur so aus dem Mund. Und hatte alles Hand und Fuß. Und war nichts zu gering, daß er doch etwas daraus zu machen wußte. Und seine Gucker leuchteten akkurat wie zwei Sterne, daß sie immerfort hm- einschauen mußte. Und ward ihr wohl und warm. Freilich war sie vernünftig genug, sich nichts in den Kopf zu setzen. Der Herr Vollhardt staM so hoch,' just wie der Pfarrer auf der Kanzel. Und sie begehrte niaji mehr, als um ihn zu fein und sich an seinem Wort zu erbauen. Früher als sonst war es dunkel geworden. Schwere Tropfen fchiuge» an die Scheiben, und der Nordwind trieb sein Spiel. Lene sah nach oer Kranken, die geräuschvoll atmend schlief. , Eben war sie in die Vorderstube zurückgekehrt, als es an die -uire klopfte. . . „Herein!" rief sie, nicht anders glaubend, es [ei der Medizinalrat, oet um diese Stunde zu kommen pflegte. Ein Mann trat herein, den sie im Zwielicht nicht gleich erkannte. Das Wasser troff von seinen Kleidern- Den Hut hielt er bescheiden in der Hand. „Guten Abend!" bot er die Zeit. .. Beim Klang der Stimme befiel Lene ein jäher Schreck, unö am» Blut strömte ihr nach dem Herzen. Ms müsse sie ihr Kind beschütze, nahm sie vor dem Bettchen Stellung. „Schollas!" stieß sie angstvoll hervor. „Was willst du?" . „Du brauchst nicht zu erschrecken, Lene," sagte der Schreiber in kläglichem Ton. „Bin ein geschlagener Mann. Sjab’ alles verloren, mein Brot, meine Ehr'. Und geh' in den Tod." (Schluß folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Dlniversitäts-Buch-- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.