GietzenerKimilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang <929 Montag, den 23. Dezember Nummer |0() Legende vom Christkind. Volksweise. Als Gott der Herr geboren war. Das war es kalt. Was sieht Maria am Wege stehn? Ein Feigenbaum. Maria laß du die Feigen noch stehn. Wir haben noch dreißig Meilen zu gehn. Es wird uns spät. Und als Maria ins Städtlein kam Vor eine Tür, Da sprach sie zu dem Bäuerlein: Behalt uns hier, Wohl um das kleine Kindelein, Es macht dich wahrlich sonst gereun, Die Nacht ist kalt. Der Bauer sprach von Herzen ja, Geht in den Stall! Als nun die halbe Mitternacht kam, Stand auf der Mann; Wo seid ihr dann, ihr armen Leut? Daß ihr noch nicht erfroren seid, Das wundert mich. Der Bauer ging da wieder ins Haus, Wohl aus der Scheuer. Steh auf, mein Weib, mein liebes Weib, Und mach ein Feuer, Und mach ein gutes Feuerlein, Daß diese armen Leutelein Erwärmen sich. Und als Maria ins Haus hin kam, Da war sie froh. Joseph, der war ein frommer Mann, Sein Säcklein holt; Er nimmt heraus ein Kesselein, Das Kind töt ein bißchen Schnee hinein, Und das sei Mehl. Es tat ein wenig Eis hinein. Und das sei Zucker, Es tat ein wenig Wasser drein. Und das sei Milch; Sie hingen den Kessel übern Herd, An einen Haken, ohne Beschwerd Das Miislein kocht. Ein Löffel schnitzt der fromme Manu Von einem Span, Der ward von lauter Helfenbein Und Diamant, Maria gab dem Kind den Brei, Da sah'man, daß es Jesus sei Unter seinen Augen. Das Kind Jesus. Legende von Karl Röttger. Es wird erzählt, daß ein Kind, ein Mädchen, eines Tages den Knaben Jesus nahe dem Hause Josefs dabet überraschte, wie er mtt den Vögeln sprach und mit den Schmetterlingen spielte und so eines Geheimnisses des Weltenkindes teilhaft ward, das sie nicht verstand und das sie im Tlnverstand verriet an die ungeschickten Hände und Herzen derer, die vorerst noch nicht das beschwingte und leichte Herz 3efu- zu fassen vermochten... Das aber geschah so: Rachel, einer Witwe Tochter, ging des Morgens, im Frühling, ans Razareth und kam am Garten des Josef vorbei; da hörte sie Stimmen durch die dichtbewachsene Hecke und blieb stehen. Es waren Stimmen, die sie hörte, nicht eigentlich Worte. Indem sie lauschte, fragte sie in ihrem Sinn, was das sei. Einer Taube Gurren, eines Sperlings Ruf, eines Finken Triller — das und anderes war es, was sie hörte. Dazwischen etwas, wie eine Menschenstimme, aber nicht eigentlich Worte. Ein Kichern, ein Pfiff, ein Äh, ein Du, ein Pst, ein Lockruf. Es hielt sie fest auf dem Platz, da sie stand, fast wie eine Unruhe. Eine Reugier trieb sie, nahe an die Hecke zu treten; sie versuchte, durchzuschauen, aber es ging nicht. Dann kniete sie, kroch an der Hecke entlang, suchte einen Durchblick, fand eine Stelle, an der die Zweige locker und weit standen, bog sie zur Seite, schob leise den Kopf und die Brust hindurch und sah: Jesus, der Knabe, sah, mit dem Rücken gegen die Hauswand, hatte die Beine, gekreuzt, die Ärme erhoben, lächelnd, mit klarstem Blick. Eine Taube sah ihm auf der Schulter, ein Sperling im Haar, ein Fink nahe vor seinem Gesicht aus wippendem Zweig. Drei Falter aber, einer gelb, einer rotschwarz, einer blauweiß, schwebten auf und nieder in der Luft, wie um einen Reigen zu tanzen zu Ehren der Herrlichkeit des Kindes. Dein Mädchen Rachel dünkte es so seltsam, dah sie rufen wollte. Aber sie konnte nicht. Schaute nur. Da war es wieder: ein So cf ruf aus Jesu Munde und der Fink schwang sich zu der ausgestreckten Hand, neigte sein Köpflein hinein, als nehme er etwas daraus, schwang sich wieder zurück auf den Zweig. Der Kopf des Knaben wandte sich ein wenig zur Seite: die Taube gurrte und bewegte den Hals. Du. flüsterte der Knabe, und ein zweiter Sperling schoß schräg herab und sah an der Erde vor den Fähen Jesu. Pst. hörte nun das Mädchen Rachel, und eine Weile sind alle, Jesus und die Tierlein, wie lauschend. Äls wäre in diesem Augenblick ein Bann von dem Mädchen genommen, zwängt es sich ganz durch die Hec^, steht und ruft: Jesus! Jesus! Was ist das? Was machst du da? Vielleicht ist es nur der Ausdruck des namenlosen Staunens des Kindes, daß es so ruft. Es hat vielleicht gar nichts Böses damit anrichten wollen. Aber die Wirkung ist furchtbar... Auf einen Schlag mit Hauch und Husch sind die Vögel verschwunden, die Falter sind fort, hinter grünen Blättern. Und Jesus steht auf einmal, ohne Lächeln, leblos der Blick, mit hängenden Armen... Sein Mund ist ein wenig geöffnet, als wolle er etwas sagen. Sagt er etwas? Dem Kind deucht es hernach, er habe etwas gesagt: Rachel, warum das? Aber dann ist er schon fort, aus ihren Augen sortgenommen. Wär sie jetzt fortgegangen, leise und heimlich wie sie gekommen, so wäre es vielleicht gut gewesen. Aber sie schreit: Warum antwortest du nicht? Wenn du solche Dinge machst, soll niemand wissen dürfen, was es bedeutet? — Als sie merkt, daß sie ins Leere geschrien hat, wird sie zornig und schreit es noch einmal. Wartet noch aber es kommt niemand, ihr zu antworten. Da, eben als sie fortgehen will, öffnet sich die Türe, Maria steht da und schaut sie fragend an: Run? Rachel? Und zornig? Aber jetzt kann sie nicht mehr, sie wird ganz klein, als kröche sie in die Erde, verschwindet durch die Hecke; steht wieder auf der Straße, streicht übers Haar, über die Augen, als müsse sie sich besinnen ob denn das alles nur ein Traum war. Sie hat ganz vergessen. warum sie von Haus« fortgegangen ist, kommt heim, fitzt vorm Hause ihrer Mutter auf dem Treppenstein, legt den Kopf in die Hand und ist sehr mißmutig. Gr muß es mir sagen, flüstert sie vor sich hin. Er muß es mir sagen! Jesus aber sagt es ihr nicht. Sie hat ihm ein paarmal aufgelauert, ihn am Rock gezupft: sag es mir! 2kber er ist wettergegangen und hat sie nicht angesehen. Davon wird sie böse und sinnt, wie sie ihm das Geheimnis dennoch entreiße. Er ergibt sich, dah sie eines Abends in der Dämmerung dazu kommt, als Jesus einem Trupp Knaben begegnet; sie halten ihn an, befehlen: Geh mit uns! — Jesus fragt: Warum? — Sie sagen: Darum! Genügt es nicht, wenn wir befehlen? Auch fehlt uns ein Junge beim Spiel... Es wird spät, sagt Jesus, und ich habe meiner Mutter versprochen, hinter der Dämmerung heim zu sein. — Ausrede! sagt der größte der Knaben, komm mit! Jesus hat einen sehr treuherzigen Blick, aber seine Hände zittern ein wenig, als er sagt: Ich versteh schon, es ist Sommer, ihr wollt noch ein wenig schwärmen im Feld, Feigen naschen am Weg; aber seht, was liegt euch daran, einen Knaben wie mich dabei zu haben? Jetzt ersieht Rachel ihren Augenblick, sie tritt hinzu und sagt: Laßt den! — Warum? sagt der Große. — Weil er ein Besonderer ist; einer, der euch entweicht aus den Händen, und ihr seht ihn nicht mehr... Hört nur... -Jesus sagt leise und vorwurfsvoll: Rachel! Willst du das tun? Aber Rachel ist trotzig und sie sagt: Ja! Ich erzähl es! Llnd sie erzählt, was sie neulich gesehen hat. — Die Jungen stehen lächelnd, dann lachend: So ein Änsinn! Mädchen, glaubst du denn das selber? Ich habe es gesehen, sagt Rachel. Aber der große Junge entscheidet: Wan sieht ja, was für einer er ist: Feigling, ein Mutterkind. Sollte froh sein, wenn wir uns seiner annehmen. Also gehst du mtt? Lerne bei uns. Werde ein Junge, noch bist du keiner, komm! Aber Jesus sagt: Rein! — Änd als der Junge den Arm hebt, sagt er leise: Was hab' ich für eine Wehr gegen dich! Run also. Mitgehen kann ich nicht. Wolltest du schlagen? — Es ist eine Pause.» Dann zischt der Knabe und ein zweiter und ein dritter: Feigling! — Und sie ziehen hinweg. Jesus und Rachel stehen auf der Straße allein. Jesus, Bittet Rachel ganz demütig, hab "ich dir Weh getan? Mer .er antwortet nicht. Seine Blicke liegen auf der Erde, er geht. Sie schleicht hinter ihm: Jesus, es brannte mich so. dir Weh zu tun und Dein Geheimnis zu wissen. Darf ich deine Hand fassen? Mer er geht, er sieht nicht um, auf keines ihrer Worte antwortet er. Wie ein Schatten ist sie bittend hinter ihm. Da fängt er an zu laufen. Sie weih nicht, warum er das tut und läuft auch. Er läuft, weil ihm die Tränen kommen, und er sich dessen schämt... So entweicht er ihr durch die Heckenpforte ins Haus. Sie steht noch einen Augenblick, dann entbricht es ihr: heulend rennt sie heim zur Mutter, der sie dennoch nicht zu sagen vermag: um was es ist. Daß es um einen großen Verrat ist. Spät schläft sie ein. Wer sie ist verwandelt von der Stunde an. ^Nachdenklich, verschlossen die vordem helle, singende Rachel: sie fängt an zu blassen nach Tagen. Die Mutter fragt: Bist du krank? Sie schüttelt Len Kopf und kann es nicht offenbaren. Wie sie vordem Jesu gesucht hat, meidet sie ihn jetzt. Ein Schmerz am Herzen möchte sie schreien machen, aber sie frißt es in sich und schweigt. Abermals nach Tagen liegt sie, fällt sie in ein Fieber, in dem das Schmerzen aus ihr bricht. In Worten, die die Mutter gleichwohl nicht versteht. Aber da der Rame Jesus ein paarmal darin wiederkehrt, besinnt sie sich der Gestalt der Maria. Maria ist die Sonne in Razareth; wo sie hinkommt, werden die Mienen und Augen hell. Frauen tragen ihre Röte und Schmerzen um die Männer, um die Kinder zu ihr. Maria schenkt. Trost an die Frauen und Mädchen, Blumen und Früchte an die Kinder. Die Un- geschickten lehrt sie, Menschen zu behandeln, Blumen zu pflegen, still zu sein und zu schweigen, leise zu singen und in das Flüstern der Frühlings- und Sommerabende zu lauschen. — Zu Maria also kommt Der Rachel Mutter, ihr zu klagen: aber da Jesus mit in der Stube ist, winkt sie Maria heimlich hinaus. Als die beiden Frauen draußen sind, starrt Jesus mit großem 2kug auf die Tür — dann geht es groß auf vor seinem inneren Blick, und es weiß alles: Rachel ist krank, liegt im Fieber und nennt manchmal seinen Ramen. Er tritt an die Tür und hört: Maria solle hinkommen und mit dem Kinde reden, in einer Stunde, da es außer dem Fieber ist. Ein Funke ist in sein Herz gefallen. Er denkt: an den zwei Frauen vorbeistürmen, Das geht nicht, — aber still aus dem Fenster springen, das geht... Als er nach eiligem Lauf in die Hütte der Rachel kommt, hört er, wie das Kind um Wasser bittet: er findet den Krug und gibt ihm zu trinken, Labei sieht er, sie hat die Augen geschlossen. Er sagt nichts, legt aber die Hand auf die Stirn, streicht darüber, wischt den Schweiß ab, legt die andere Hand auf. Ah, sagt das Kind und macht nach einer Weile die Augen auf... Soll sie lächeln? Aber die Mienen werden groß, fast angstvoll; da ist wieder das Schmerzliche, bis Jesus sagt: Rachel! Du bist es also wirklich? fragt das Kind, und Jesus nickt. Dann ist's gut, sagt das Kind und schließt wieder die Augen. Der Knabe Jesus steht still am Lager, dann sagt er: Du wolltest etwas fragen, Rachel, Rein, antwortet das Kind: nach einer Weile sagt sie: Doch, Das wollt ich fragen, warum du mich nicht mehr ansahst, als ich Dich bat, als mir das leid war, daß ich dein Geheimnis verraten hatte. Verzeih, sagt Jesus, es schmerzte so. Mfo, was das Geheimnis lanbetrifft. — Jetzt hat das Kind Die Augen wieder auf: Ja! fragt sie. Also höre: Die Taube sah auf meiner Schulter, der Sperling in meinem Haar; der Fink auf dem Zweig sprach zu mir, die Falter tanzten in der Sonne: leiser Wind ging, und der Himmel Überwölbte uns; hab ich gesprochen mit den Seelen der Lierlein? Ich weih es nicht. Es ist nur: wo der grohe Einklang ist, da ist das möglich. Dein lautes Fragen zerbrach die Stille des Einklangs; aber sag, was du noch sragen willst —? Richts, sagt das Kind, es ist ja nichts zu sragen! Es ist schön, Daß Du gekommen bist. Dann legt sie die Hände auf die Decke und schließt wieder die Augen; nach drei, vier Atemzügen hört Jesus, sie schläft... Leise geht er durch die Hintertüre, denn er hört die Mutter auf der Strahe kommen. Geht auf kleinem Umweg, aber eilend, heim. Vor der Dämmerung sagt Maria zu ihrem Sohn: Rachel ist krank, ich soll auf den Abend hinkommen und eine Stunde beim Kinde sitzen. Jesus blickt in das Abendlicht und sagt: Ja, geh nur; aber ich glaube, Das Kind wird bald wieder auf sein. Maria sagt nichts auf die Worte und geht. Ms Maria hinkommt, steht Die Mutter an der Türe, legt den Finger auf den Mund und flüstert: Ich weih nicht, was es ist; aber sie schläft, und das Fieber ist geschwunden. Komm und sieh! Ms Maria in die Kammer tritt, liegt das Kind mit geschlossenen Augen, aber der Mund lächelt. Leise sagt die Stimme: Warum tut ihr so heimlich? — Wenn du wach bist, sagt die Mutter ganz glücklich, Dann kannst dar ja die Augen auftun und schaun, wer gekommen ist. Jetzt lächelt das Kind und sagt: Rein, das will ich nicht; aber wer da gekommen ist, soll die Hand auf mein Gesicht legen. Fran Maria legt die Hand auf das Gesicht des Kindes und sieht Die Mutter an. Es ist Frau Maria, sagt das Kind, ich kann mir auch denken, warum sie gekommen ist. Aber es ist nicht mehr nötig. Jetzt macht sie die Augen auf und sagt: Man darf nicht sragen; ich will es nicht tun, aber ihr sollt es auch nicht, und käm>r er, Du weißt schon, Frau Maria, mit Der Taube auf der Schulter und Den Schmetterlingen auf seiner Hand herein. Richt fragen. Rur schauen. — Langsam hebt sie sich ein wenig auf, Maria die Hand reichend und das Gesicht glücklich ihr entgegenneigend. Maria sagt: Dann ist ja alles gut, und deine Mutter ist getröstet. Die Mutter, glüMchen Auges, sagt: Wie geht denn das zu? So überraschend ist die Wendung. Eigentlich — nicht fragen, sagt das Kind, aber hier ist es etwas anderes. Maria kann dir's vielleicht sagen. Sie weih ja alles, was ihn angeht. Zwei sind eins! Eine Weihnachlsgeschichle. Don H.Wolfgang Seidel. Die schauderhafte Erfindung des Katzenklaviers war, wie die Familie behauptete, Durch Timm neu bewerkstelligt und den Bedürfnissen Des Zeitalters angepatzt worden. Da es nicht der Würde BeS Säkulums entsprach, armseligen Mäusefängern in die Schwänze zu kneifen, bis sie ihre gequälten Stimmen erhoben, so benutzte Timm Menschen und erzielte auf dem zarten Instrument ihrer Aerven beträchtliche Klangfolgen. Daß er seine Musik am Morgen des ersten Weihnachtstages hervorbrachte, war nicht feine Schuld, denn er mutzte seine Wihbegterde, sein Unterhaltungsbedürfnis und seine Gabe für humoristische Beobachtung austoben; den Kalender aber hatte er nicht geschaffen. Jedenfalls erhielt er den Befehl, vorzeitig Die Frühstückstafel zu verlassen und sich in des Zimmer, wo der Tannenbaum stand, zu begeben. Er tat es mit tiefer Dankbarkeit — es gab auch dort Rahrungsmittel. Timm, blond, männlich und von schweifenden Phantasien erfüllt, erlebte sein achtes Weihnachisfest. Er erlebte es unter erfreulichen Umständen: seine Schwester Maria halte ihm lederne Hosen angezogen, was er für ehrenvoll hielt, und außerdem waren Ferien — die kannte man nicht in jenen paradiesischen Tagen der frühesten Kindheit. Im übrigen stand er so heftig in der Gegenwart, daß er für irgendeine Rückschau nicht zu haben war. Mit milder Rachsicht pflegte er die Schilderung seines ersten Weihnachtsfestes hinzunehmen: wie er Damals im langen Säuglingskleid auf dem Arm der Mutter gesessen und sofort beim Anblick Des Lichterbaums geblinzelt hätte, damit einen Beweis unheimlicher und fast bedenklicher Intelligenz liefernd. Inzwischen hatte sich Die Familie über seine geistigen Fähigkeiten beruhigt und erklärte nur noch, daß dies Verhalten irgendwie „rührend" gewesen sei. Timm gönnte ihr diese psychologische Reliquie, legte selber keinen Wert darauf. Indem er den blauen Saal durchschritt, der abwechselnd als Zimmer der Dame, Musikraum und abendliche Leseskube behandelt wurde, gab er sich flüchtig über die Gemütszustände seiner Angehörigen Rechenschaft. Sie erschienen ihm ungleich und seltsam: Maria und Die Mutter waren sichtlich gespannten Geistes, und der Papa suchte vergeblich jene Seelenruhe, die er als patriarchalischer König schätzte in seinem wohlgeordneten Haushalt. Tante Betty aber glich einem unseligen Geiste, der plötzlich die Formel für das Eindringen in verschlossene Räume vergessen hat. „Um mich kümmert sich feiner“, pflegte sie vor sich hinzusagen, denn sie wünschte Beachtung mit dem Rechte der alten Leute, die schon jedermann im Umkreise ihres Wandels auf dem Schoße getragen haben. Simm, ausgestattet mit jener Einfühlungsgabe, die die Erwachsenen meist verloren haben, war überzeugt, daß im Mittelpunkte dieses Retzes halbangesponnener Gefühle, sich kreuzenden Wsichten Herr Drodersen sitze. Richt, daß er ihn mit einer Spinne verglich, denn er schätzte ihn. Drodersen hatte ihm beispielsweise gestern abend ein Marzipanherz zukommen lassen, so daß er jetzt mit dem, das Maria ihm gab, zwei besaß. Aber gerade dieser Akt einer edlen Männerfreundschaft schien die anderen verstimmt zu haben. Wollten sie auch Brodersensche Herzen? Wohl möglich, aber Damr hätte sich beispielsweise Maria etwas weniger kratzbürstig benehmen müssen, sooft der genannte Herr erschien. Timm fühlte sich durch dieses Herz anerkannt und beschloß, Dem Geber häufiger einen Einblick in das eigne geheimnisreiche Dasein zu gewähren. Indes verzichtete er auf weiteres Rachdenken, sobald er das Weihnachtszimmer Betrat. Der Christbaum stand jetzt in lebendiger Frühsonne, flammenlos, aber blitzend von tausend Lichtfunken, die mit den silbernen Kugeln, Den gläsernen Eiszapfen, den taubenblauen Perlengehängen spielten, im Lametta verrieselten und aus dem satten Rot der Aepfel widerstrahlten. Irgendwie schien hier das Wunder mit dem Wirklichen zu verschmelzen, der Baum des Lebens trat aus der Märchendämmerung der stillen Rächt in die Tagesklarheit und behauptete sich, unbegreiflicherweise nun, Da er die Sonne ertrug. Timm fand ihn noch schöner als gestern, er war jetzt ein Stück grüner Wald und stellte gleichzeitig Sommer und Winter dar; er duftete wie die Kiefernheide duftet, und dennoch überwehte ihn der Hauch ferner Zonen und unwirklicher Traumgärten. In diesem 2lugenblick gebar Timm den Plan, sich als Einsiedler in jene Höhle zurückzuziehen, die durch den Christbaum und den sanft rumorenden Kachelofen gebildet wurde. Ein Scheine! ward zur „Moos- bank" befördert, ein Teller mit weihnachtlichen Erfrischungen durfte nicht fehlen; er setzte ihn vorsichtig an die Erde und warf gleichzeitig einen seligen Blick in die Doppeltanne, wo drei Schokoladenk^änze und eine Quittenwurst unruhig hin- und herschwankten, als wüßten sie, datz Einsiedler sich mit Vorliebe von den Früchten der Wald- bäume ernährten. Um sich herum stellte er dann seine zahmen Tiere auf: Hirsche und Rehe aus Papiermache, samtartig anzufühlen und irgendwie nach Leim duftend — eine Zwergrasse, die hier von abgefallenen Radeln und der Zärtlichkeit ihres Beschützers leben mußte. Darnach lehnte er sich behaglich an die Kacheln und begann, mit Dem Zeigenfinger unter den Zeilen entlang kriechend, „Das Schloß in der Höhle" zu lesen. Höhleneinsiedler im Urwald pflegen an merkwürdigem Umgang keinen Mangel zu haben, und so überraschte es auch Timm keineswegs, alsbald Den Zauberer Mattetai, den türkischen Knaben Lameth und eine auserlesene Schar von Luftgeistern kennenzulernen. Gedankenvoll verzehrte er das herzförmige Markusbrot, das ihm Maria verehrt, ward entrückt über der schweren, doch betörenden Arbeit des Lesens und überhörte es gänzlich, daß in einem fernen Teil des Hauses Die Glocke anschlug, Gespräch kam und ging, Schritte sich regten und sich alsbald näherten. Wer daß plötzlich zwei Menschen in das Weihnachtszimmer eintraten, mutzte ihm doch auffallen. „Eidechsenschuhe und Männerstiefel", dachte er, Benn er fjuriie ft<5 immerhin zur Froschperspektive verurteilt, »das eine ist natürlich Marias und den Herrn werde ich auch noch herausfinden." Aber er merkte sehr schnell, daß es Brodersen war. „Wie seltsam," sagte alsbald das junge Mädchen, »ich glaubte doch, Timm sei hier!" „Lassen wir den Jungen einmal frei herumspazmren," antwortete eine tiefe, etwas rauhe Stimme. „Muh denn Timm immer dabei sein? Timm ist vorzüglich, aber er nimmt Menschen und Göttern die Unbefangenheit." „Gr stellt etwas an," murmelte Maria, „ich kenne ihn. ohnenift es natürlich gleichgültig, wenn er sich plötzlich vom Ofen herabläht und mich zu Tode erschreckt." „Aber Maria!" rief jetzt der Besucher. „Wann wäre mir je Ihre Person gleichgültig gewesen! Und Sie können beruhigt sein — er befindet sich anderswo — auf dem Ofen ist nur — Staub!" „So — ich weiß wirklich nicht, wie das gemeint ist...“ Die Stimme des jungen Mädchens klang eigentümlich dünn, und Herr Brodersen fragte sich, ob ihre Hausfrauenehre gekränkt sei, oder weil er so ohne weiteres Maria gesagt hatte. Natürlich lag aus dem Ofen Staub — was sollte sonst dort liegen? Immerhin — er glaubte, daß hier etwas gntzimiachen sei, und bemerkte, vom Dämon verführt: „Bei uns zuhause fanden wir einmal auf dem Ofen tote junge 'Mäuse — sieben Stück." Jetzt schien die Gesprächspartnerin wirklich verstimmt zu sein: der Besuch sah es mit Schrecken. „Ich weih nicht, Herr Drodersen, was Sie unter einem Weihnachtsgespräch verstehen: tote Mäuse sollten überhaupt nicht erwähnt werden, kaum lebendige. Aber wir können uns ja setzen, vielleicht tut uns das beiden wohl. Sie waren gestern verreist, ja? Unverheiratete junge Herren verreisen wohl gerne in den Weihnachtstagen?" Herr Brodersen war nicht verreist gewesen. Er hatte zuhause gehockt, wie er erklärte, und dies gab ihm den Anlah, sein Heim zu beschreiben. Es war eine Schilderung, die gänzlich jene heitere Auffassung vermissen ließ, mit der er sonst sein möbliertes Zimmer zu betrachten pflegte. Maria erhielt den Eindruck, daß er in einer Art leerer Sardinenbüchse nächtige. Er betonte die seelische Oede, die verruchte Unpersönlichkeit dieses Gelasses und äußerte sich lieblos über die Verwandtenbilder seiner Wirtin an den Wänden. Auch gestern habe er — kurz, er sei gegen neun Uhr noch ausgegangen und sozusagen umhergeirrt. Wohin — nun, überall hin. Auch durch die Straße, wo Marias Papa wohne, sei er zufällig gekommen; man streife eben durch viele Straßen in solchem Zustande — äußerst gleichgültige, aber auch sympathische, mit denen irgendwie angenehme Erinnerungen verbunden seien. „Ja," sagte Maria und lächelte, „angenehme Erinnerungen tun viel. Ich denke auch zuweilen noch an den Kohlenplatz, auf dem ich Schlittschuhlaufen lernte. Und wo man einen anderen Menschen, den man liebt, zum erstenmal getroffen hat, das vergißt sich nicht." „Dies ist ein ganz verbautes Zimmer," bemerkte Herr Drodersen etwas unvermittelt, „und doch — wie reizend sitzt es sich hier! Sch sage verbaut, weil ich Architekt bin. Habe ich in diesem Raume nicht meinen Antrittsbesuch gemacht?" Maria antwortete nicht, sondern sah in die Weihnachtstanne, ldie dastand wie ein Wald und mit ollen Westen prangte, als sei fie der Himmelsbaum, an dem Planeten als Lichter flammten. Eine groye und modernde Stille entstand: jetzt mußte etwas geschehen oder der häuserbauende Brodersen konnte seinen Hut aufsetzen und in die Sphäre der unmöglichen Menschen entweichen. Wußte er es nicht selber? Er sah so aus und ahnte, daß alle seine männlichen Eigenschaften ihm nichts helfen würden, wenn er in dieser Stunde nicht die unbegreifliche Furcht überwände, die ihn stets vor Maria ver- stummen ließ. Er dachte: „So irrt man durch die Wildnis und ist ein großer Esel, der sich in den Dornen verstrickt hat. Und den einen Weg, der einen herausführte, wagt man nicht zu gehen, aus Angst, daß dann alles verloren ist. Ach Maria..." , Aber Maria beobachtete jetzt ein wahrhaft teuflisches Schweigen. Sie hatte ihnt, wie sie meinte, die Wege hinreichend geebnet, und so gut sie ihn verstand, so wenig wußte sie von der Art gerade emes tüchtigen Mannes: sich vor der geliebten Frau unwert zu fühlen. Sie lächelte und schien dem Weinen nahe. Dies war der Augenblick, wo die Stimme eines Unsichtbaren die Zeit gekommen fühlte, Schicksal zu spielen. Zum Entsetzen der beiden Wanderer auf Liebespfaden erklang es aus der Dunkelheit des Baumes: muß sich Ihrer erbarmen!" , , . „ Timm kroch hervor und erblickte ein Paar, das keineswegs über ihn erfreut zu sein schien. Jetzt rief Herr Drodersen: „Ich glaube, er bringt ims unsere Herzen! — denn der Knabe hielt in der einen Hand etwas, das einem jener weihnachtlichen Kunstgebilde ähnlich sah, wenigstens in der Form. Allein Timm antwortete mit ernster Stimme: „Euere Herzen siird nur noch eins!", wobei er flüchtig seinen Magen berührte, hoffend, daß damit alles gesagt sei. Und es war auch alles gesagt! DE nun schrie Herr Drodersen: „Dies ist das erlösende Wort! und^uni armte Maria. Sie hatte nichts dagegen, als er sie küßte, und -imm erst recht nicht, denn warum sollten sie es nicht tun? Er hatte sich schon immer gewundert, daß sie es unterließen. Hierauf allerdings wurden sie ganz unsinnig und umarmten auch ihn, ohne auf seine patriarchalische Würde die geringste Rücksicht zu nehmen. Er war froh, daß sie dann beide das Zimmer verließen, vermutlich um in anderen Bezirken des Hauses gleichen ateniraubenden Unfug zu „Sie haben sich verirrt. Sie hungern. Der würdige Einsiedler erbarmen!" . . . „ ^Worauf er sich in den Stuhl setzte, den seine Schwester soeben verlassen hatte, ebenfalls in den Weihnachtsbaum starrte und mit einem unbegreiflich guten Gewissen das zweite Marzipanherz aufatz. Er wußte nicht genau, ob es von Maria oder Herrn Drodersen stammte, aber darauf kam es ja nun gar nicht mehr an! Frühe dsrüfche Weihriachisbikder. Don Walther A p p e l t, Plauen. Die ältesten deutschen Darstellungen der Christusgeburt sind vo einer oftmals rührenden Primitivität. Aber vielleicht ist gerade das die Voraussetzung für die herzlich frische und gesunde Naivität, mit der Vorgänge und Wiedergabe erfaßt und angefaßt sind. Und so abhängig sie im allermeisten, erklärlicherweise, von italienischen Vorbildern sind, hauptsächlich von Beit frühgotischen Reliefs — so „deutsch" sind sie doch, was ungekünstelte, bisweilen drastische Derbheit des Ausdrucks anbelangt. Dabei soll hier nicht einmal von den Miniaturen und Einblattholzschnitten die Rede sein, die ebenso reich sind an köstlichen Kindlichkeiten wie humorigen Nuancen, die auch auf Frömmere als wir es sind, nicht profan wirken können, weil fie im Rahmen des Ganzen einfach selbstverständlich sind. . Auch auf den Gemälden, die teilweise stark beschädigt und vielleicht, deshalb kaum allgemein bekannt sind, führt das im Alltag wurzelnde gedankliche Nacherleben zu Einzelheiten, die von den Vorbildern abweichen — und doch eigentlich bas Richtige treffen. Erwähnt sei z. D. die als liegend oder doch ruhend angedeutete Stellung der Mutter, die viel logischer ist als jede andere: Meister Bertram (Anfang des 14. Jahrhunderts), Rheinische Meister. Ein Tiroler Bild, Drixener Schule, gibt sogar inmitten allen Kronen- und sonstigen Zierats ein hübsch buntkariertes Kopfkissen. Daß Maria das Kind in eine Krippe legte, paßte den deutschen Malern jener Zeit offenbar nicht in das Bild, das sie sich von der Szene machten. Allenfalls lassen sie das Kind in einem Korbe liegen, während d;e Krippe den Tieren als Futterbehälter überlassen bleibt. (Lustig ein rheinischer Meister um 1320: Die Krippe, schön rechteckig gemauert — aber perspektivisch falsch gemalt! — hängt aus Raummangel so hoch an der Wand, daß Ochs und Esel auf keine natürliche Weise zum Hinaufreichen gebracht werden könnten. Der Künstler weih sich zu helfen, indem er, seltsam aus der Wand herauswachsend, einfach nur die Köpfe der beiden, dennoch mit sichtlichem Behagen fressenden Tiere hinmalt.) Am Claren-Altar im Kölner Dom liegt das Kind woh, in der Krippe, und zwar in einer phantastisch vornehmen Krippe, die auf edlen Säulen ruht und somit wiederum nichts mit der Krippe der Evangelien zu tun hat — aber die Tiere lassen sich dadurch nicht aus der gewohnten Ordnung bringen. Die räumliche Umgebung des Geschehens, die also zwischen einem tempelhaft idealisierten und dem früh-italienischen „Stall" schwankt, der eigentlich nur ein windgeschütteltes Wetterdach ist, weist im übrigen wenig hervorstechens Eigenes auf. Hierin sind die Vorbilder doch mehr oder weniger kopiert — man tat im Wiedergeben des Raumes noch nicht den forschen Schritt, den man in' der Kennzeichnung der Personen so unbekümmert und vernünftig längst gegangen war: geradezu Menschen aus dem Leben zu malen, und zwar «aus dem deutschen Leben, das den Maler wie den Bildbetrachter umgab und davon sie selber Tei-e waren. Das muh bedeutend dazu Beigetragen haben, den breiten Massen das Evangelium nahezubringen und ihm sein Verstehen wenigstens einigermaßen zu ermöglichen. Diese innige Maria, die mit runden Wangen und großen Augen mehr fragend und wissend (dies auch auf das Religiöse bezogen), mehr flehend als verheißend auf das Wunder ihres Kindes, ins Geben oder auch aus dem Bilde herausschaut, ist ganz der sanfte Typ der deutsch-mittelalterlichen, sentimentalen und noch recht sehr lebensfremden Jungfrau. Auf Bildern, da Engel, zuweilen noch dazu Heilige auftreten (die meisten bei Bartholomäus Bruyn Ende des 15. Jahrhunderts —, der schon viel umfaffender als vie Dorgänger von italienischem Einflüsse beherrscht ist), scheint sie über diese, in ihrem Zweck und Sinn ihr unerklärlichen Gäste noch viel erstaunter als über alles andere. — Ein Kapitel für sich ist, wie allerdings auch auf den Christgeburt bildern anderer, bei den frühen Deutschen Josef. Schon oft ist zutreffend die nicht sehr glückliche Rolle erörtert worden, die dieser Vater und auch nicht Vater auf den.Weihnachtsbildern spielt und spielen muß. Aber die deutschen Künstler des 14. und 15. Jahrhunderts, von denen hier die Rede ist, erfüllen das gewisse älnbeteiligtscin Josefs an den Vorgängen der Christnacht mit einem gefunden Humor. Schon in der Charakteristik treiben sie den — „urkundlich" kaum zu rechtfertigenden — großen Altersunterschied zwischen der nndhaften Maria und dem durchaus großväterlichen Josef so weit, daß die ihn nicht nur vollbärtig, sondern noch dazu glatzköpfig ergraut und offen - sichtlich altersmüde malen. Einige lassen ihn die Vorgänge so toenig angehen, daß er die Mutter allein sich um ihr Neugeborenes bemühen läßt und dies durch einen festen Schlaf noch besonders sichtbar mach.. (Hans Multscher: Altar in Sterzing — Strecknitzfahrer-Altar im Lübecker Dom.) Auf dem schon erwähnten Bild des Meisters Bertram (in der Kunsthalle Hamburg) tut er mit Behagen einen guten Schluck aus der riesigen Pilgerflasche: merkwürdiger und luftiger Gegensatz zu den Engeln, die auf dem Dach des „Stalles sitzen oder durch Luken feiner Holzwand langen und andächtig — Weihrauch- süsser schwingen, älnd noch, wo Josef sozusagen für voll genommen wird, wo er neben oder — hinter Maria das Kind betrachten darf, bekommt er meist eine nützliche und notwendige Funktion im improvisierten Haushalt übertragen: entweder muß er zur Aufhellung des Raumes eine Kerze halten (Michel Wohlgemuth in der Zwickauer Marienkirche, Meister der Verherrlichung Mariae) oder, mit und ohne Blasebalg, das Feuer schüren: Wildunger Altar des Conrad von Soest 1404, Lüneburger Goldene Tafel um 1410. Auf vielen Bildern, so dem „Ortenberger Altar", Anfang 15. Jahrhunderts, jetzt im Museum Darmstadt, stützt er sorgenvoll den Kopf !« die Hand — offenbar mit der schwierigen Frage beschäftigt, was eigentlich los ist. — Schon im Laufe des 15. Jahrhunderts, und erst recht cm der Wend« des 15. zum 16., fand das alles mit Altdorfer, Dürer, Grünewa ld niehr oder weniger ein Ende. Die Darstellungen der Shristgeburt werden kultivierter, wenn man will: „künstlerischer". Aber die primitive Kunst, die Anfänge bildnerischen Gestaltens eines Volkes, werden immer die Quellen und Wurzeln bleiben, die irgendwie noch alles später Keimende und Reifende befruchten — oder überhaupt erst ermöglichen. Nußknacker und Mausekönig. Ein Märchen von E. T. A. H o f f m a n n. lFortietzung.» Das war ihr denn aber wohl klar, daß sie, um den Nußknacker zu retten, Zuckererbsen und Marzipan hergeben müsse. Soviel sie davon besah, legte sie daher den andern Abend hin vor die Leiste des Schranks. — Am Morgen sagte die Medizinalrätin: „Ich weiß nicht, woher die Mäuse mit einemmal in unser Wohnzimmer kommen: sieh nur, arme Marie, sie haben dir all dein Zuckerwerk aufgefressen." Wirklich war es so. Den gefüllten Marzipan hatte der gefräßige Mausekönig nicht nach seinem Geschmack gefunden, aber mit scharfen Zähnen benagt, so daß er weggeworfen werden mußte. Marie machte sich gar nichts mehr aus dem Zuckerwerk, sondern war vielmehr im Innersten erfreut, da sie ihren Nußknacker gerettet glaubte. Doch wie ward ihr, als in der folgenden Nacht es dicht an ihren Ohren pfiff und quiekte! Ach, der Mausekönig war wieder da, und noch abscheulicher wie in der vorigen Nacht funkelten seine Augen, und noch widriger pfiff er zwischen den Zähnen: „Mußt mir deine Zucker- — deine Tragantpuppen geben — klein Ding, sonst zerbeiß' ich deinen Nußknacker!" Und damit sprang der grauliche Mausekonig wieder fort. Marie war sehr betrübt. Sie ging den andern Morgen an den Schrank und sah mit den wehmütigsten Blicken ihre Zucker- und Tragantpüppchen an. Aber ihr Schmerz war auch gerecht: denn nicht glauben magst du's, meine aufmerksame Zuhörerin Marie, was für ganz allerliebste Figürchen aus Zucker oder Tragant geformt die kleine Marie Stahlbaum befaß. Mchstdem, daß ein sehr hübscher Schäfer mit seiner Schäferin eine ganze Zierde milchweißer Schäflein weidete und dabei sein munteres Hündchen herumsprang, so traten auch zwei Briefträger mit Briefen in der Hand einher, und vier sehr hübsche Paare, sauber gekleidete Jünglinge mit überaus herrlich geputzten Mädchen, schaukelten sich in einer russischen Schaukel. Hinter einigen Tänzern stand noch der Pachter Feldkümmel mit der Jungfrau von Orleans, aus denen sich Marie nicht viel machte; aber ganz im Winkelchen stand ein rotbäckiges Kindlein, Mariens Liebling. Die Tränen stürzten der kleinen Marie aus den Augen. „Ach," rief sie, sich zu dem Nußknacker wendend, „lieber Herr Drosselmeier, was will ich nicht alles tun, um Sie zu retten; aber es ist doch sehr hart!" — Nußknacker sah indessen so weinerlich aus, daß Marie, da es überdem ihr war, als sähe sie Mausekönigs sieben Rachen geöffnet, den unglücklichen Jüngling zu verschlingen, alles aufzuopfern beschloß. Alle Zuckerpüppchen setzte sie daher abends, wie zuvor das Zuckerwert, an die Leiste des Schranks. Sie küßte den Schäfer, die Schäferin, die Lämmerchen, und holte auch zuletzt ihren Liebling, das kleine rotbäckige Kindlein von Tragant, aus dem Winkel, welches sie jedoch ganz hinterwärts stellte. Pachter Feldkümmel und die Jungfrau von Orleans mußten in die erste Reihe. „Nein, das ist zu arg", rief die Medizinalrätin am andern Morgen. „Es muß durchaus eine große garstige Maus in dem Glasfchrank hausen; denn alle schönen Zuckerpüppchen der armen Marie sind zernagt und zerbissen." Marie konnte sich zwar der Tränen nicht enthalten; sie lächelte aber doch bald wieder; denn sie dachte: „Was tut's, ist doch Nußknacker gerettet!" Der Medizinalrat sagte am Abend, als die Mutter dem Obergerichtsrat von dem Unfug erzählte, den eine Maus im Glasschrank der Kinder treibe: „Es ist doch aber abscheulich, daß wir die fatale Maus nicht vertilgen können, die im Glasschrank so ihr Wesen treibt und der armen Marie alles Zuckerwerk wegfrißt!" — „Ei", fiel Fritz ganz luftig ein, „der Bäcker unten hat einen ganz vortrefflichen Legationsrat; den will ich heraufholen. Er wird dem Dinge bald ein Ende machen und der Maus den Kopf abbeißen, ist sie auch die Frau Mauserinks selbst ober ihr Sohn, der Mausekönig." — „Und", fuhr die Medizinalrätin lachend fort, „auf Stühlen und Tischen herumsprinqen und Gläser und Tassen herabwerfen und taufend andern Schaden anrichten." — „Ach, nein doch!" erwiderte Fritz. „Bäckers Legationsrat ist ein geschickter Mann; ich möchte nur so zierlich auf dem spitzen Dach gehen können wie er!" „Nur keinen Kater zur Nachtzeit!" bat Luise, die keine Katzen leiden konnte. „Eigentlich", sprach der Medizinalrat, „hat Fritz recht; indessen können wir ja auch eine Falle aufstellen; haben wir benn keine?" — „Die kann uns Pate Drosselmeier am besten machen, der Hai sie ja erfunden!" rief Fritz. Alle lachten, und auf die Versicherung der Medizinalrätin, daß keine Falle im Hause sei, verkündete der Obergerichtsrat, daß er mehrere dergleichen besitze, und ließ wirklich zur Stunde eine ganz vortreffliche Mausefalle vom Hause herbeiholen. Dem Fritz und der Marie ging nun des Paten Märchen von der harten Nuß ganz lebendig auf. Als die Köchin den Speck röstete, zitterte und bebte Marie und sprach, ganz erfüllt von dem Märchen und den Wunderdingen darin, zur wohlbekannten Dore: „Ach, Frau Königin, hüten Sie sich doch nur vor der Frau Mauserinks und ihrer Familie!" Fritz hatte aber feinen Säbel gezogen und sprach: „Ja, die sollten nur kommen, denen wollt' ich eins auswischen." Es blieb aber alles unter und auf dem Herde ruhig. Als nun der Obergerichtsrat den Speck an ein feines Fädchen band und leise, leise die Falle an den Glasschrank fetzte, da rief Fritz: „Nimm dich in acht, Pate Uhrmacher, daß dir Mausekönig keinen Possen spielt!" Ach, wie ging es der armen Marie kn der folgenden Nacht! Eiskalt tupfte es auf ihrem Arm hin und her und rauh und ekelhaft legte es sich an ihre Wange und piepte und quiekte ihr ins Ohr. Der abscheuliche Mauskönig saß auf ihrer Schulter, und blutrot geiferte er aus den sieben geöffneten Rachen, und mit den Zähnen knatternd und knirschend, zischte er der vor Grauen und Schreck erstarrten Marie ins Ohr: „Zisch aus — Zisch aus! — geh nicht ins Haus — geh nicht zum Schmaus — werd' nicht gefangen! — Zisch aus! — gib heraus, gib heraus — deine Bilderbücher all, dein Kleidchen dazu — sonst hast keine Ruh'. — Magst's nur wissen — Nußknackerlein wirft sonst missen — der wird zerbissen — hi hi — pi pi — quiek quiek!" — Nun war Marie voll Jammer und Betrübnis; sie sah ganz blaß und verstört aus, als die Mutter am andern Morgen sagte: „Die böse Maus hat sich noch nicht gefangen", so daß die Mutter in dem Glauben, daß Marie um ihr Zuckerwerk traure und sich überdem vor der Maus fürchte, hinzufügte: „Aber fei nur ruhig, liebes Kind; die böse Maus wollen wir schon vertreiben. Helfen die Fallen nichts, so soll Fritz seinen grauen Legationsrat herbeibringen." Kaum befand sich Marie im Wohnzimmer allein, als sie vor den Glasfchrank trat und schluchzend also zum Nußknacker sprach: „Ach, mein lieber guter Herr Drosselmeier, was kann ich armes unglückliches Mädchen für Sie tun? — Gab' ich nun auch alle meine Bilderbücher, ja selbst mein schönes neues Kleidchen, das mir der heilige Christ einbeschert hat, dem abscheulichen Mausekönig zum Zerbeißen her, wird er denn nicht doch noch immer mehr verlangen, fo daß ich zuletzt nichts mehr haben werde, und er gar mich selbst statt Ihrer zerbeißen wollen wird? O ich armes Kind, was soll ich denn nun tun?" Als die kleine Marie so jammerte und klagte, bemerkte sie, daß dem Nußknacker von jener Nacht her ein großer Blutfleck am Halse sitzen geblieben war. Seit der Zeit, daß Marie wußte, wie ihr Nußknacker eigentlich der junge Drosselmeier, des Obergerichtsrats Neffe, fei, trug sie ihn nicht mehr auf dem Arm und herzte und küßte ihn nicht mehr; ja sie mochte ihn aus einer gewissen Scheu gar nicht einmal viel anrühren. Jetzt nahm sie ihn aber behutsam aus dem Fach und fing an, den Blutfleck am Halse mit ihrem Schnupftuch abzureiben. Aber wie ward ihr, als sie plötzlich fühlte, daß Nußknackerlein in ihrer Hand erwärmte und sich zu regen begann. Schnell setzte sie ihn wieder ins Fach; da wackelte bas Münbchen hin unb her, und mühsam lispelte Nußknackerlein: „Ach, werteste Demoiselle Stahlbaum — vortreffliche Freundin — was verdanke ich Ihnen alles! — Nein, kein Bilderbuch, kein Chriftkleidchen sollen Sie für "mich opfern — schaffen Sie nur ein Schwert — ein Schwert! — für bas übrige will ich sorgen, mag er ..." Hier ging dem Nußknacker die Sprache aus, unb seine erst zum Ausbruck ber innigsten Wehmut beseelten Augen würben wieder starr unb leblos. Marie empfand gar kein Granen, vielmehr hüpfte sie vor Freuden, da sie nun ein Mittel wußte, den Nußknacker ohne weitere schmerzhafte Aufopferungen zu retten. Aber wo nun ein Schwert für den Kleinen hernehmen?— Marie beschloß, Fritzen zu Rate zu ziehen und erzählte ihm abends, als sie, da die Eltern ausgegangen, einsam in der Wohnstube am Glasschrank saßen, alles, was ihr mit dein Nußknacker und dein Maufe- könig widerfahren, unb worauf es nun ankomme, den Nußknacker zu retten, lieber nichts wurde Fritz nachdenklicher als darüber, baß sich nach Mariens Bericht seine Husaren in ber Schlacht so schlecht benommen haben sollten. Er fragte noch einmal sehr ernst, ob es sich wirklich so verhalle, und nachbem es Marie auf ihr Wort versichert, so ging Fritz schnell nach bem Glasschrank, hielt seinen Husaren eine pathetische Rede unb schnitt bann zur Strafe ihrer Selbstsucht unb Feigheit einem nach bem anbern bas Felbzeichen von ber Mütze und untersagte ihnen auch, binnen einem Jahr de» Gardehusarenmarsch zu blasen. Nachbem er fein Strafamt vollendet, wandte er sich wieder zu Marien, sprechend: „Was den Säbel betrifft, so kann ich dem Nußknacker helfen, da ich einen alten Oberst von den Kürassiers gestern mit Pension in Ruhestand versetzt hübe, ber folglich seinen schönen scharfen Säbel nicht mehr braucht." Besagter Oberst verzehrte die ihm von Fritzen angewiesene Pension in der hintersten Ecke des dritten Faches. Dort wurde er hervorgeholt, ihm der in ber Tat schmucke silberne Säbel abgenommen unb dem Nußknacker umgehängt. Vor bangem Grauen konnte Marie in der folgenden Nacht nicht einschlafen; es war ihr um Mitternacht so, als höre sie im Wohnzimmer ein seltsames Rumoren, Klirren und Rauschen. — Mit eineinmal ging es: Ouiek! — „Der Mausekönig! Der Mausekönig!" rief Marie und sprang voll Entsetzen aus dem Veite. Alles blieb still; aber bald klopfte es leise, leise an die Tür unb ein feines Sümmchen ließ sich vernehmen: „Allerbeste Demoiselle Stahlbaum — machen Sie nur getrost auf! — gute fröhliche Botschaft!" Marie erkannte die Stimme des jungen Drosselmeier, warf ihr Röckchen über unb öffnete flugs bic Tür. Nußknackerlein stand draußen, das blutige Schwert in ber rechten, ein Wachslichtchen in ber linken Hanb. Sowie er Marien erblickte, ließ er sich auf ein Knie nleber unb sprach also: „Ihr, o Same, seid es allein, bie mich mit Ritiermut stählte unb meinem Arme Kraft gab, den Uebermütigen zu bekämpfen, ber es wagte, Euch zu höhnen. Ueberrounben liegt ber verräterische Mausekönig unb wälzt sich in seinem Blute. Wollet, o Same, bie Zeichen des Sieges aus der Hand Eures Euch bis in den Tob ergebenen Ritters anzunehmen nicht verschmähen!" Somit streifte Nußknackerchen bie sieben goldenen Kronen des Mausekönigs, bie er auf den Unten Arm heraufgestreift hatte, sehr geschickt herunter unb überreichte sie Marien, welche sie voller Freude annahm. Nußknacker stand auf unb fuhr also fort: „Ach, meine allerbeste Demoiselle Stahlbaum! was könnte ich in diesem Augenblicke, da ich meinen Feind überwunden. Sie für herrliche Dinge schauen lassen, wenn Sie bie Gewogenheit hätten, mir nur ein paar Schrittchen zu folgen! — O tun Sie es — tun Sie es, beste Demoiselle!" (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thhrivt. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Aniversitäts-Büch»- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.