nSen be- achtruhe trotzdem ich eben ornahm erneuert ien, und würde, öahrneh- viellsicht durchge- loffnung I mich zn I iögerung gemachte mäßigen ien, weil ß ich es leicht an t meiner rern, er- hwierig. agenblilk 'standen, der, um ’fertugel n neben n, wenn Fall lag h wollte us dem Ausweg, en Höhe Steige- t folgte, md kam ß. Mein »alt auf» ren. Ich j m Rand parallel I und be- I i Tauen I anderes ück Holz en einen r bohrte ,te einen konischer , bis er Darunter bis zum oie rasch mng ge- . auf den Kruges . rüg, der s etwas • us einer fort aus- et hatte, ksamkeit ittüuscht :fer, und eert und ieder zu ir weni- ndgültig meiner April und die teer lag Himmel übrigens Jern im i Rande eibe des ch hasste endeiner daß in 1 genaue i würde st nicht» t drdnung llte war fjüllen. e Stun- afleruhr i, außer Heßen, GießenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1929 Montag, den 23. September Nummer 74 Oie Brücke. Von Gottfried Keller. Schöne Brücke, haft mich oft getragen, wenn mein Herz erwartungsvoll geschlagen, und mit dir den Ström ich überschritt. Und mich dünkte, deine stolzen Bogen find in kühnerm Schwünge mitgezogen, und sie fühlten meine Freude mit. Weh der Täuschung, da ich jetzo sehe, wenn ich schweren Leids hinübergehe, daß der Last kein Joch sich fühlend biegt i Soll ich einsam in die Berge gehen und nach einem schwachen Stege spähen, der sich meinem Krimmer zitternd fügt? Aber sie mit anderm Weh und Leiden und im Herzen andre Seligkeiten, trage leicht die blühende Gestalt! Schöne Brücke, magst du ewig stehen: Ewig aber wird es nie geschehen, daß ein bess'res Weib hinüberwalltk Die Nachtwache. Bon tzuigi P i r a n d e l l o. I. Im finstern Stiegenhause fragte Marco Mauri den Mann, der ihm rasch entgegenkam: „Sind Sie der Arzt? Kommen Sie schnell, sie stirbt!" Der andere blieb einen Augenblick stehen, als wollte er den fest ins Auge fassen, der ihn mit dieser Frage überfallen hatte. „Sie stirbt!" Mauri schluchzte, er versuchte sich durch Zeichen verständlich zu machen, denn er konnte nicht mehr sprechen; er sprang die Treppen hinan, durchquerte den Gang und überschritt als erster die Schwelle im Hintergrund. Angstvoll folgte ihm der eben Angekommene. Er war ein hochgewachsener Mann von etwa fünfzig Jahren; blonde Haarbüschel fielen ihm wirr über Stirn und Schläfen. Er strich sie zurück und ließ einen Augenblick die Hände auf der Stirn. Aus dem zerwühlten Bett in dem unordentlichen und halbdunkeln Zimmer lag eine Frau. Sie war totenblaß; die Haare von wunderschönem Rot tagen wirr und aufgelöst auf dem Kopfkisfen. Ein alter Priester, klein und dunkelhäutig, unterbrach das Gebet, das er zerstreut über das Bett hingemurmelt hatte und erhob sich von feinem Sitz; während Mauri mit leiser Stimme sagte: „Da, da sehen Sie — da ist die Wunde." Und er stieß einen Finger heftig gegen den Unterleib. „Da. Offenbar ist der Stoß abgeglitten. Kommen Sie, sehen Sie Aber der Mann, den er für den Arzt hielt, wandte sich an den Priester, der sich ihm schüchtern und verwirrt genähert hatte. „Sind Sie Don Cirillo Righi?" fragte er. . „Zu Ihren Diensten, gnädiger Herr. Und Sie — Sie sind der Doktor Silvio Gelli?" „Ach, ihr Mann!" stöhnte Mauri. „Schweigen Sie!" stieß der alte Priester gereizt hervor. „Nein, verzeihen Sie, erklären Sie mir lieber • • •“, kam ihm der andere zuvor; aber er stockte, denn aus einer Ecke des Zimmers sah er ein kleines Ungeheuer auf sich zukommen, eine arme Zwergin, kaum einen Meier hoch, mit gelbem mißgestaltetem Gesicht, in dem schwarze erschrockene Augen fimfelten. „Dorthin, 'Margherita, dorthin" sagte der Priester und rotes nach dem Sterbezimmer. „Meine Schwester", fügte er zu Gellt gewandt, mit mitleidigem Ausdruck hinzu. Aber dieser entgegnete hart: „Sie schrieben mir, sie sterbe.. . „In tiefster Reue, ja — glauben Sie mir nur, Herr Professor sagte Righi eilig und beschwichtigend. „Wer ist dann dieser?" fragte Gelli verächtlich. „Lassen Sie es sich erklären. Er kam am Abend des Tages, an dem die Dame uns ins Haus fiel. Wir hielten ihn zuerst für einen Verwandten, nicht wahr, Margherita?" Die Zwergin, die ängstlich an der Türe stehen geblieben war, nickte mehrmals mit dem Kopfe. , , , . „Und", fuhr Righi fort, „als die Dame — nachher — mir beichten wollte, da erfuhr ich erst, daß er sie verfolgte." Mauri stöhnte wieder auf und schüttelte den Kopf. „Ich kann es nicht begreifen", rief der Priester, „glauben Sie, es war nicht möglich, ihn zu entfernen!" „Und ich werde auch nicht gehen!" flüsterte Mauri und sah dabei zu Boden. „Auch nicht, wenn ich Sie hier verjage?" schrie Gelli, machte einen Schritt auf ihn zu und sah ihn voll an. „Nein, mein Herr! Beschimpfen Sie mich, schlagen Sie mich! aber lassen Sie mich bleiben!" brach Mauri aus." Wie könnte ich Sie stören? Ich werde hier bleibeu, hier in diesem Zimmer. Haben Sie Erbarmen! Lassen Sie mich doch meinen. Sie dürfen mich nicht verjagen, mich, der sie angebetet und der ihretwegen sein ganzes Leben vernichtet hat. Hören Sie: um ihretwillen t)abe ich, Marco Mauri, meine Familie verlassen, meine Frau, meine Töchter!" Er war bei diesen Worten aufgesprungen, mit wild aufgerissenen Augen und erhobenen Armen und fuhr fort: „Sehen Sie doch ein, daß es unmöglich wäre, mich zu verjagen!" Ein angstvolles Stöhnen klang herüber. Don Camillo Righi berührte Gelli ganz leise und vorsichtig am Arm und wies nach dem Zimmer der Sterbenden, die offenbar aus ihrer Beroußlosigkeit erwacht war. „Nein, nein, verzeihen Sie" sagte Gelli mit gezwungenem Lächeln, „Sie werden begreifen, daß ich nicht darauf gefaßt war —." „Herr Professor, verzeihen Sie", versuchte Righi einzulenken. „Wir stehen dem Tode gegenüber!" rief Mauri, „Jener Priester hat unrecht getan, Ihnen nicht zu schreiben, daß sie sich um meinetwillen getötet hat!" „Aber ich", entschuldigte sich Righi," habe nur die Pflichten meines heiligen Amtes befolgt — das ist alles." „Unsinn!" stöhnte Mauri. „Wollen Sie denn allen Ernstes die Komödie einer Verzeihung aufführen taffen? Gut: gehen Sie nur da herein. Gehen Sie und verzeihen Sie ihr »nd kehren Sie dann dorthin zurück, woher Sie kamen — aber scheint Ihnen das die rechte Zeit und der rechte Ort für Komödienspiele? Ich sage es Ihnen ganz aufrichtig, vor diesem Priester, was Sie hierher geführt hat: die Rene, Priester, die Reue! Denn er, er hat diese Unselige damals in Verzweiflung gestürzt, damals vor vielen Jahren! Ist es nicht so? Glauben Sie denn, daß es mit dieser Frau dahin gekommen wäre, wenn Sie Ihr Töchterchen nicht zurückbehalten hätten?" „Sie haben Ihre Kinder verlassen und haben noch die Stirne, mir das ins Gesicht zu sagen?" „Ja, mein Herr! Und mich klage ich an! Ich habe ein doppeltes Verbrechen begangen. Denn ich habe diese Frau betrögen. Ich habe ihr gesagt, daß ich frei bin. Inzwischen hat meine Frau sie aufgesucht und sie hat sich geschmeichelt, sie könnte das Glück einer Familie wieder Herstellen und ist hierhergekommen, um sich zu Tod zu martern. — Und da wollen Sie, daß ich jetzt gehe?" „Wollen Sie auf mich hören? Legen Sie endlich die Maske ab, und werfen Sie sich dort vor diesem Bette auf die Knie und lassen S i e sich vergeben und sagen Sie dieser armen Frau, daß sie eine Heilige ist und unser aller Opfer war. Sehen Sie her, sehen Sie her, was wir tun sollten, wir Männer!" Er kniete vor der entsetzten Zwergin nieder, faßte ihre Hände und schrie: „Speie mich an! Speie mich an! Speie mir ins Gesicht!" Gelli und der Priester standen da, wie gelähmt von der Leidenschaft des Irren. Mauri blieb auf den Knien liegen, preßte das Gesicht gegen den Boden und schluchzte; plötzlich sprang er auf und fragte: „Ich benehme mich wohl nicht sehr fein? Oh, welch peinliche Situation für den erlauch- fen Herrn, der hierhergekommen ist, um zu verzeihen! Und für den Herrn Kanonikus! Komödianten! Ihr Komödianten!" Schluchzend entfloh er. Aber nach einiger Zeit kehrte er etwas gefaßter zurück und zog ein kahlköpfiges, vollbärtiges Männchen hinter sich her. „Da äst der Doktor Balla!' „Jetzt gehen Sie aber! Sofort!" befahl Gelli, und schob und stieß ihn zur Türe heraus. . m , Doktor Balla schnaubte; bann verkündete er: „Ich war m Monte- pulciano." „Gut. Und was weiter?" fragte Righi. „Nichts weiter. Eine unnötige Bemühung. Ich habe den Kollegen Concelli gesprochen, ich habe ihm berichtet, aber er ist der Ansicht — ja — daß fein Kommen überflüssig märe." „Hier ist", sagte Righi, „der Gatte der Barne, der Doktor Gelli, eine" Leuchte der Wissenschaft." „Ah!" rief Balla, „um so besser!" . , Dann fragte er: „Haben Sie die gnädige Frau schon gesehen? Gelli schüttelte den Kopf. Balla sah ärgerlich den zerknirschten Righi an. „Ueberhoupt, was sollen wir tun?“ fragte er schließlich, „es ist schon bald zu Ende?“ Gelli betrat als erster das Schlafzimmer, die andern folgten ihm. II. Die Sterbende hatte die Augen geöffnet, deren mattes Blau unsagbar traurig aus den dunkeln eingesunkenen Augenhöhlen schimmerte. Als sie ihren Gatten erblickte, versuchte sic bestürzt, sich im Bette auszurichten. Silvio Gelli beugte sich über sie: „Fulvia, siehst Du? Da bin ich — Du hast mich rufen lassen, nicht wahr? Ich bin gekommen und ich will Dir sagen, daß ich es nicht bereue.“ „Danke,“ hauchte sie und Tränen quollen aus ihren geschlossenen Lidern. Er begriff, daß in diesen Tränen, auf ihren Lippen ein Name bebte, der keinen Ausdruck sand. „Livia?... Aber genug jetzt... Rege Dich nicht auf... Später...“ „Die Tochter" erklärte Righi leise dem Arzt. Dieser nickte; und da er dem Blicke Gellis begegnete, fragte er: „Fangen wir jetzt an?“ Righi ging. Doktor Balla näherte sich dem Bett um die Liegende aufzudecken. Aber wie geängstet hielt diese die Decke fest, sah ihren Gatten dabei unverwandt an und fragte: „Du?" „Du willst nicht?“ fragte Gellt und beugte sich wieder über sie. „Es ist ja wahr, ich bin gar nicht als Arzt hierhergekommen, vielleicht..." Er richtete sich auf, sah den Arzt an und setzte hinzu: „Ich würde ja eine furchtbare Verantwortung übernehmen..." „Es ist jetzt drei Tage und zwei Nächte her" sagt« Balla, der die Unschlüssigkeit des andern auf seine Weise auslegte. „Und es ist offenbar, daß der Entzündungsprozeß sehr weit fortgeschritten ist... Sie möchten jetzt noch versuchen? Ja, es ist eine furchtbare Verantwortung, aber andererseits ..." „Aber andererseits käme es ja auf den Versuch an“ schlug Gelli vor. „Also Geduld, nicht wahr, gnädige Frau?" sagte Balla und zog behutsam die Decke ab. Sie schloß die Augen wieder und runzelte schmerzlich die Stirn. Balla nahm den Verband ab und sagte: „Sehen Sie!" Silvio Gelli betrachtete die Wunde lange und aufmerksam. Vielleicht, wenn man rechtzeitig eine Laparotomie vorgenommen hätte, wäre sie noch zu retten gewesen. Aber jetzt nach drei Tagen... Er richtete sich auf, und sah Balla scharf an. Dieser zuckte die Achseln. Als Fulvia wieder verbunden und zugedeckt war, öffnet« sie die Augen, sah den Gatten an und fragte mit dünner Stimme: „Muh ich sterben?" „Nein," entgegnete er und legte ihr die Hand auf die Stirn. „Sei nur ruhig. Also morgen, Doktor. Bereiten Sie alles vor!" Ballah sah ihn unschlüssig an, er bemühte sich, zu erraten, ob der Befehl ernst gemeint oder nur eine fromme Lüge war; er begriff nicht, er blieb noch ein Weilchen, zuckte dann nervös die Achseln und ging. Silvio Gelli saß neben dem Bette. Die Sterbende wandte ihm den Kopf zu. Aber als sie sich umdrehte, fielen ihr die Haare ins Gesicht. Er strich sie zurück und gerührt über sich selbst, seufzte er: „Arme Fulvia!“ Sie versuchte eine Hand unter der Decke hervorzuziehen und wiederholte, mehr mit den Augen als den Lippen: „Danke!" Er nahm die Hand und hielt sie fest in seiner. Dann sagte er: „Ja, Fulvia, für all das, was Du damals durch mich gelitten und seither gelitten hast... Ich..." Er unterbrach sich. Er wandte den Kopf der Türe zu, die Balla offen gelassen hatte. Vielleicht hörte dort jemand zu. Vielleicht stand dort der Verrückte, dessen Reden er eben fast wörtlich wiederholte... „2Barte.. Er ließ ihre Hand los und erhob sich, um die Tür zu schließen. Fulvia, auch ich habe sehr gelitten. Wie ichs nie für möglich gehalten hätte. Gleich vom ersten Tage an. Ich begriff alles und doch nichts. So war es. Ich stieß Dich an den Rand des Abgrunds und dort verließ ich Dich. Und Du, in Deiner Verzweiflung und Deinem gekränkten Stolz, stürztest Dich hinab. Wie leer ward es um mich! Ich blieb allein mit der verlassenen Kleinen und suchte mich mit der Sorge um sie, mit meiner Arbeit über die Leere in mir und um mich hin- wegzutäuschen — aber vergebens. Zuletzt habe ich das Leiden aufgesucht, um mich in dieser Leere zu behaupten... Ich bin hierhcr- gekommen, ich habe mir gesagt: sie stirbt, sie will in Frieden dahingehen; schnell eile zu ihr! Und mein Gefühl wird an der Wirklichkeit zuschanden, die ich mir nicht so hatte denken können... Ich habe nichts zu vergeben, ich muß mir vergeben lassen... Vergibst Du mir?" Er hatte mehr wie zu sich selbst gesprochen; er wandte sich dem Bette zu: sie war eingeschlummert. Er betrachtete sie eine Weile. Und einen Augenblick lang fand er in diesem Antlitz jenes wieder, das er seit so vielen Jahren im Gedächtnis bewahrte. Sie war immer noch schön. Nichts hatte den Adel der Züge zerstören können. Oder war es vielleicht schon der Tod...? Er erhob sich geräuschlos, um sie nicht zu wecken und ging auf den Fußspitzen ins Nebenzimmer, wo die Zwergin allein zurückgeblieben war. „Sie schläft" sagte er halblaut. Sie lächelte und sagte: „Ich gehe zu ihr." III. Gelli setzt« sich auf denselben Stuhl nieder, von dem er vorher auf- gestanden war, neben dem Tisch auf dem die Kerze brannte. Aber nach kurzer Zeit fuhr «r zusammen. Die Türe, die nach dem Gange führte, öffnete sich leise in der Totenstille. Marco Mauri steckte den Kopf herein, einen Finger an den Lippen und sagte leise: „Ich habe mich draußen auf dem finstern Korridor versteckt. Pst Jetzt wo wir beide allein sind, werde ich hierbleiben. Sie können es mir ja erlauben, es sieht's ja niemand, nicht wahr?" Gelli sah 'ihn sinster und überrascht an, aber er zuckte die Achseln und deutete auf das Kanapee neben sich, Mauri setzte sich nieder. Sie blieben lange Zeit in Schweigen versunken. Dann sagte Mauri: „Wollen Sie sich nicht eine Weile hinlegen? Wirklich nicht? Ich auch nicht. Ich habe jetzt vier Nächte nicht geschlafen, aber ich bin nicht schläfrig." Er schwieg in Gedanken versunken; dann fragte er und starrt« in die Kerzenflamme: „Wie nannten doch die Alten jenen Fluß? Lethe — od) ja — Lethe, den Fluß des Vergessens. Heute fließt er in den Tavernen, dieser Fluß. Wer ich trinke nicht. Zwei versluchte Grillen sitzen in meinen Ohren. Sie zirpen und zirpen und treiben mich zum Wahnsinn. Ich rede und rede — verzeihen Sie — aber ich kann nicht aufhören. Mir fitzt die Tobsucht im Magen. Ich werde anfangen zu schreien." Er warf sich auf das Sopha, das Kinn auf die Arme gestützt. Gelli beobachtete ihn und von jäher Angst gepackt stand er auf und ging an die Tür des Schlafzimmers; dort auf der Schwelle blieb er stehen. Mauri setzte sich auf und fragte angstvoll: „Schläft sie?" Gelli nickte. „Und ist wirklich keine Hoffnung, keine? Wenn sie doch schtäst? Lassen Sie mich sie ansehen! Von dort aus wo Sie stehen, ja?" Er sprang auf, stellte sich neben den andern und spähte ins Nebenzimmer. Die Zwergin, die neben dem Bette sah, erblickte nebeneinander die Köpfe der beiden Männer. Ihre Ueberrafdjung übertrug sich auf Gelli, der Mauri mit einer Hand zurückschob. „Setzen Sie sich! Setzen Sie sich wieder!" „Ja, Herr“, sagte dieser, „aber sie stirbt, sie stirbt, sie stirbt..." Seine Augen röteten sich, und reichliche Tränen flössen ihm wieder über die Wangen, während er sich bemühte, das Schluchzen zu unterdrücken; er biß es sich in den Handrücken, blinzelte mit den Augen und schluckte gewaltsam die Tränen herunter. Gelli beobachtete ihn eine Weile und fragte dann mit düstrer Stimme: „Wo haben Sie sie kennen gelernt?" „In Perugia" erwiderte Mauri und raffte sich zusammen, „knapp einen Monat, nachdem ich als Untersuchungsrichter dorthin versetzt war." „War sie verhaftet?" „Nein, mein Herr. Sie war als Zeugin geladen. Si« war auch erft feit etwa einem Monat dort." „Allein?" „In schlechter Gesellschaft. Mit einem — warten Sie — einem gewissen Samba, der sich für einen Maker ausgab. Aber er war nur ein elender Mosaikardeitex. Ein Lump, der sich tagtäglich betrank und sie schlug. Eines Nachts fand man ihn mit eingeschlagenem Schädel aus der Straße." Gelli bedeckte das Gesicht mit den Händen. „Gräßlich, nicht?" fuhr Mauri auf, „seien Sie so gut und lassen Sie bas!" Also so tief war sie gesunken! nicht wahr? „Lächerliches Zeug! Wissen Sie, daß Fulvia niemals schlecht von Ihnen gesprochen hat? Auch von keinem andern. Ms ich vor einigen Tagen wieder mit ihr zusammentraf, hat sie sogar mich verteidigen wollen und sich beschuldigt, ,ihren schlechten Instinkts wie sie das Bedürfnis nannte, das jede Frau hat, jedem zu gefallen und wäre es der Mann der eignen Schwester..." Er fuhr fort zu reden. Gelli hatten die Arme auf den Tisch gelegt und verbarg bas Gesicht barin. War er eingeschlafen? Plötzlich erschien bie Zwergin Margherita auf der Schwelle. Mauri machte ihr ein Zeichen zu schweigen. „Ist sie tot?" fragte er tonlos. Sie nickte, und Mauri. eilte auf den Fußspitzen ins Schlafzimmer; aber als er bie entseelte Frau erblickte, brach er in heftiges Schluchzen aus und warf sich verzweifelt über sie. Di« Zwergin näherte sich dem Schlafenden um ihn aufzurütteln; aber Silvio Gelli erhob den Kopf von den Armen und sagte dumpf, mit geschlossenen Augen: „Ich schlafe nicht. Aber lassen Sie ihn jetzt nur meinen... lassen Sie ihn ..." Uebersetzt von M. Wolf-Ferrari. Hintergrundgeffatten der Weltgeschichte. Joseph Fauche, der Diplomat Von Stefan Zweig. Die Reche seiner meisterhaften psychologischen Charakter- ftubien setzt Stefan Zweig in seinem im Insel-Verlag zu Leipzig erschienenen Buch „Joseph Fouchö, Bildnis eines politischen Menschen" fort, dessen Vorwort bie typische Bedeutung dieses unheimlichen Mannes scharf hervorhebt. Joseph Fouchö, einer der mächtigsten Männer seiner Zeit, einer der merkwürdigsten aller Zeiten, hat wenig Liebe gefunden bei seiner Mitwelt und noch weniger Gerechtigkeit bei der Nachwelt. Napoleon auf St. Helena, Robespierre bei den Jakobinern, Carnot, Barras, Talleyrand in ihren Memoiren, allen französischen Geschichtsschreibern, ob royalistisch, republikanisch ober bonapartifttsch läuft sofort @aUe in bie Feber, sobald sie nur seinen Namen hin schreiben. Geborener Verräter, armseliger Intrigant, glatte Reptiliennatur, gewerbsmäßiger Uebertäufer, niedrige Polizeiseele, erbärmlicher Jmmo- ralist — kein verächtliches Schimpfwort wird an ihm gespart, und weder Lamartine noch Michel et noch Louis Blanc versuchen ernstlich, seinem Charakter oder vielmehr seiner bewundernswert beharrlichen Charakterlosigkeit nachzuspüren. Ein einziger hat diese einzigartige Figur groß gesehen aus feiner eigenen Größe, und zwar nicht der Geringste: Bal zacc. Dieser hohe und gleichzeitig durchdringende Geist, der nicht nur auf die Schaufläche der Zeit, sondern immer auch hinter die Kulissen blickte, hat rückhaltlos Fouchä als den psychologisch interef(anteften Charakter seines Jahrhunderts erkannt. Gewöhnt, alle Leidenschaften, bie' sogenannten heroi- sehen hatte. 5. April. Das beispiellose Abenteuer des Hans pfaall. Von Edgar Allan Poe. (Fortsetzung.) 4. April. Guten Mutes aufgewacht und erstaunt über die merkwürdige Veränderung, die das Aussehen des Meeres erfahren hatte. Es hatte in hohem Maße die bisherige tiefblaue Farbe verloren und war jetzt grau» weiß mit einem blendenden Glanze. Die Konvexität des Ozeans war so klar geworden, daß die ganze Masse des fernen Wassers sich ungestüm in den Abgrund des Horizonts zu stürzen schien, und ich lauschte gespannt auf den Widerhall dieses mächtigen Wasserfalles. Die Inseln waren nicht mehr sichtbar; ob sie dem Horizont entlang nach Sudwest entschwunden waren oder ob ich sie bei meinem raschen Aufstiege außer Sicht gelassen hatte, war unmöglich zu sagen. Ich neigte aber zu letzterer Annahme Die Eisküste im Norden wurde immer deutlicher. Die Kalte war durchaus nicht besonders stark. Nichts Wichtiges ereignete sich. Verbrachte meinen Tag mit Lesen, da ich mich genügend mit Büchern ver- iwen ebenso wie die sogenannten niedrigen, in seiner Chemie der Gefühle als vollkommen gleichwertige Elemente zu betrachten, einen vollendeten Verbrecher, einen Vautrin, ebenso zu bewundern wie em moralisches Genie, einen Louis Lambert, niemals unterscheidend »wischen sittlich und unsittlich, sondern immer nur den Willenswert eines Menschen messend und die Intensität seiner Leidenschaft, hat Balzac sich gerade diesen einen verachtesten, geschmähtesten Menschen der Revolution und der Kaiserzeit aus seiner beabsichtigten Verschattung aeholt. „Den einzigen Minister, den Napoleon jemals besessen nennt er dieses „singulier genie", dann wieder „ta plus forte tete que je connaisse", und andern Ortes „eine derjenigen Gestalten, die so viel Tiefe unter jeder Oberfläche haben, daß sie im Augenblick ihres Handelns undurchdringlich bleiben und erst nachher verstanden werden kon- nen." — Das klingt bedeutend anders als jene moralistischen Verächtlichkeiten! Und mitten in seinem Roman „Une t&iebreuse affaire" widmet er diesem „düstern, tiefen und ungewöhnlichen Geist, ber^ ewig bekannt ist", ein besonderes Blatt: „Sein eigenartiges Genie, schreibt er, „das Napoleon eine Art von Furcht einjagte, offenbarte sich nicht auf einmal. Dieses unbekannte Konventmitglied, einer der auherordent- lichsten und zugleich der am falschesten beurteilten Männer seiner Zeit, wurde erst in den Krisen zu dem, was er nachher war. Er erhob sich unter dem Direktorium zu jener Höhe, von der aus tiefe Manner die Zukunft zu erkennen wissen, indem sie die Vergangenheit richtig beurteilen; dann gab er plötzlich, wie manche mittelmäßige Schauspieler, durch eine plötzliche Erleuchtung aufgeklärt, ausgezeichnete Darsteller werden, während des Staatsstreiches am IS.Brumaire Bewerfe ferner Geschicklichkeit. Dieser Mann mit dem blassen Gesicht, unter klösterlicher Zucht ausgewachsen, welcher alle Geheimnisse der Bergpartei kannte, der er anfangs angehörte, und ebenso di« der Royalisten, zu denen er schließlich überging, dieser Mann hatte die Menschen, die Dinge und die Praktiken des politischen Schauplatzes langsam und schweigsam studiert; er durchschaiite Bonapartes Geheimnisse, gab ihm nützlich« Ratschläge und kostbare Auskünfte; ... weder seine neuen noch seine ehemaligen Kollegen ahnten in diesem Augenblick den Umfang seines Genies, das im Wesentlichen ein Regierungsgenie war: treffend in allen seinen Prophezeiungen und von unglaublichem Scharfblick. So Balzac. Seine Huldigung hatte mich zuerst auf Fauche aufmerksam gemacht, und seit Jahren blickte ich nun gelegentlich dem Manne nach dem ein Balzac nachrühmte, er habe „mehr Macht über Menschen besessen als selbst Napoleon". Aber Fouchö hat es, wie zeitlebens auch in der Geschichte gut verstanden, eine Hintergrundfigur zu bleiben: er läßt sich nicht gerne ins Gesicht und in die Karten sehen. Fast immer steckt er innerhalb der Ereignisse, innerhalb der Parteien hinter der anonymen Hülle seines Amtes so unsichtbar tätig verborgen wie das Uhrwerk in der Uhr, und nur ganz selten gelingt es im Tumult der Gelchehniss«, an den schärfsten Kiirven seiner Bahn, fein wegsluchtendes Prosit zu erhaschen. Und noch sonderbarer! Seins dieser fliehend gefaßten Profile Fouches stimmt auf den ersten Blick zum andern. Es kostet einige Anstrengung, sich vorzustellen, daß der gleich« Mensch, mit gleicher Haut und gleichen Haaren 1790 Priesterlehrer unb 1792 schon Kirchenvlünderer, 1793 Kommunist und fünf Jahre spater schon mehrfacher Millionär und abermals zehn Jahre später Herzog von Otranto war Aber je verwegener in seinen Verwandlungen, um so interestanter trat mir der Charakter oder vielmehr Nichtcharakter dieses vollkommensten Mnchiavellisten der Neuzeit entgegen, immer anreizender wrirde mir fein ganz in Hintergründe und Heimlichkeit gehülltes politisches Leben, immer eigenartiger, ja dämonischer seine Figur So kam ich ganz unvermutet, aus rein seelenwissenschafklicher Freude dazu, die Geschichte Joseph Fouchös zu schreiben als einen Beitrag zu einer noch ausständigen und sehr notwendigen Biologie des Diplomaten, dieser noch nicht ganz erforschten, allergefährlichsten geistigen Rasse unserer Lebenswelt. Solche Lebensbeschreibung einer durchaus amoralischen Natur, selbst einer so einzigartigen und bedeutungsvollen wie Joseph Fouck)es sie ist ich weiß es, gegen den unverkennbaren Wunsch der Zett. Unsere Zeit will und liebt heute heroische Biographien, denn aus der eigenen Armut an politisch schöpferischen Führergestalten sucht sie sich höheres Beispiel ans den Vergangenheiten. Ich verkenne nun durchaus nicht die seeben- ausweitende, die krastfteigernde, die geistig erhebende Macht der heroischen Biographien. Sie sind seit den Tagen P lut a r ch s notig für edes steigende Geschlecht und jede neue Jugend Aber gerade im Politischen bergen sich die Gefahr einer GeschichtssGschung, nämlich als ob Minnis und immer die wahrhaft führenden Naturen auch dasW^Aickl bestimmt hätten. Zweifellos beherrscht eine heroische Natur.durch> ihr bloßes Dasein noch für Jahrzehnte und Jahrhunderte das geistige Leben, aber nur das geistige. Im realen, im wirklichen Leben, in derMch - sphäre der Politik entscheiden selten — und dies muß zur Warnung vor aller politischer Gläubigkeit betont werden die überlegenen Gestalten, die Menschen der reinen Ideen, sondern eine viel geringer wertige, aber geschicktere Gattung: die Hintergrundgestalten..1914 wie 1918 haben wir mitangesehen, wie die welthistorischen Entscheidungen de Krieges und des Friedens nicht von der Vernunft und der Verantwortlichkeit aus getroffen wurden, sondern von rückwärts verborgenen Menschen anzweiselbarsten Charakters und unzulänglichen Verstandes Und täglich erleben wir es neuerdings, daß in dem fragwürdigen und oft frevlerifchen Spiel der Politik, dem die Völker noch immer treuglatwig ihre Kinder und ihre Zukunft anvertrauen, nicht die Manner des sittlichen Weitblicks, der unerschütterlichen Ueberzeugungen durchdringen, lonoern daß sie immer wieder überspielt werden von jenen professionellen ^)asar- deuren, die wir Diplomaten nennen, diesen Künstlern der flinken Hande, der leeren Worte und kalten Nerven. Wenn also wirklich, wie Napoleon schon vor hundert Jahren sagt«, die Politik „la fatahte moderne geworden ist, das neu« Fatum, so wollen wir zu unserer Gegenwehr versuchen, die Menschen hinter diesen Mächten zu erkennen, und Mimt das gefährliche Geheimnis ihrer Macht. Ein solcher Beitrag zur Topologie des politischen Menschen sei diese Lebensgeschichte Joseph Fouches. Habe die sonderbare Erscheinung beobachtet, daß die Sonne aufgeht, während fast die ganze sichtbare Erdoberfläche in Dunkelheit gehüllt bleibt. Mit der Zeit breitete sich das Licht überall aus, und ich sah wieder die Eislinie im Norden. Sie war nun sehr deutlich und schien von sehr viel dunklerer Farbe als das Wasser des Ozeans. Ich näherte mich ihr offenbar mit großer Schnelligkeit. Ich bildete mir ein, wieder einen Streifen Land zu sehen, im Osten sowohl wie im Westen, war aber nicht ganz sicher. Wetter mäßig. Nichts Wichtiges den ganzen Tag zu sehen. Ging früh zu Bett. ß War überrascht, den Eisrand in sehr geringer Entfernung zu sehen und ein riesiges Feld von gleicher Art, das sich im Norden nach dem Horizont hin erstreckte. Es war klar, daß der Ballon, wenn er fernen jetzigen Kurs einhielt, bald über dem Eismeer ankommen mußte, und ich bezweifelte kaum mehr, daß ich schließlich den Pol sehen werde. Den ganzen Tag über näherte ich mich weiter dem Eise. Gegen Abend erweiterten sich plötzlich deutlich die Grenzen meines Horizonts, was zweifellos daher kam, daß die Erde ein abgeplattetes Sphäroid ist und ich über den abgeflachten Gegenden in nächster Nähe des arktischen Kreises angekommen war. Als mich schließlich die Dunkelheit überraschte, ging ich in großer Besorgnis zu Bett, da ich fürchtete, daß ich den (Segern stand meiner großen Neugier gerade bann überfliegen könnte, wenn ich keine Möglichkeit hätte, ihn zu beobachten. ? Stand früh auf und erblickte zu meiner großen Freude — den Nordpol selbst Es konnte nichts anderes sein! Er war es ohne Zweifel — genau zu meinen Füßen, aber ach! ich war nun in eine solche Hohe gelangt, daß ich nichts genau unterscheiden konnte. Wenn ich tn Der Tat nach dem Zunehmen der Zahlen urteilte, die meine jeweilige Hohe zu den verschiedenen Tageszeiten zwischen 6 Uhr nachmittags und 9 Uhr abends am 2. April angeben (wo das Barometer abgelaufen war), so mußte ich folgern, daß der Ballon jetzt, am 7. April um 4 Uhr morgens eine Höhe von 7254 Meilen über dem Meeresspiegel erreicht habe. Diese Höhe mag ungeheuer erscheinen ,und doch blieb die Schätzung, auf der sie beruhte, wahrscheinlich weit hinter der Wirklichkeit zurück. Zweifellos überblickte ich den ganzen größten Durchmesser der Erde; die ganze nördliche Halbkugel lag wie eine senkrecht projizierte Karte vor mir, und der große Kreis des Aequators selbst bildete die Grenzlinie meines Horizonts. Ew Exz. mögen sich trotzdem leicht vorstellen, daß die bisher noch nicht erforschten Gegenden innerhalb der arktischen Zone, obgleich unter mir gelegen, also ohne Verkürzung sichtbar, doch verhältnismäßig zu klein unb zu weit von meinem Gesichtspunkte entfernt waren, um eine genaue Untersuchung zu gestatten. Was ich aber sehen konnte, war trotzdem von sonderbarer und aufregender Natur. Nördlich von dem erwähnten ungeheueren Rande, den man mit einer kleinen Einschränkung die Grenze der von Menschen entdeckten Gegenden nennen kann, dehnte sich eine nahezu ununterbrochene Eisfläche aus. In den ersten Graben ihrer Ausdehnung ist ihre Oberfläche merklich abgeflacht, später in eine Ebene zusammengedrückt, um schließlich „nicht wenig konkav am Pol selbst in einem scharf abgegrenzten kreisförmigen Mittelpunkt zu endigen, dessen scheinbarer Durchmesser in einem Winkel von etwa 65 Sekunden zu dem Ballon lag und dessen schwärzliche Farbe, in Schattierungen wechselnd, immer dunkler war als irgendein anderer Fleck auf der sichtbaren Halbkugel und gelegentlich sich zu völligem Schwarz vertiefte. Aber sonst konnte ich wenig feststellen. Um 12 Uhr hatte der kreisförmige Mittelpunkt an Umfang wesentlich abgenommen unb um 7 Uhr nachmittags entschwand er völlig meinen Blicken, da der Ballyn über den westlichen Eisrand rasch in der Dichtung nach dem Aequator flog. $ Stellte eine erhebliche Verminderung im scheinbaren Durchmesser der Erde fest, außerdem eine wesentliche Veränderung in ihrer allgemeinen Farbe unb ihrem Aussehen. Die ganze sichtbare Flache hatte in verschiedenen Abstufungen eine blaßgelbliche Färbung angenommen und an manchen Stellen einen Glanz erhalten, der sogar den Augen schmerzlich war. Der Blick abwärts war auch erheblich behindert durch die mit Wolken überhäufte dichte Luft in der Nähe der Oberfläche, durch deren Wolkenmassen ich nur hie und da einen Blick von der Erde selbst erhaschen konnte. Diese Erschwerung des direkten Sehens hatte mich schon seit den letzten 48 Stunden mehr ober weniger gestört; aber weine augenblickliche ungeheure Höhe brachte gleichsam die trechenden Dunstkorper dichter zusammen, und die Störung wurde natürlich im Verhältnis zu meinem Aufstiege mehr und mehr fühlbar. Trotzdem konnte irf) let^t merken, daß der Ballon jetzt über der Gruppe großer Seen m Korb- amcrifa schwebte und einen Kurs genau nach Süden nahm, der mich balo nach den Tropen bringen mußte. Dieser Umstand gewahrte nur die aufrichtigste Befriedigung, und ich begrüßte ihn als em glückliches Vor- > Verantwortlich. Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch« und Steindruckerei, 2t. Lange, Gießen. (X7- ApnO beim Erwachen aus einem kurzen, aufgeregten Schlummer die Erdflache unter mir so plötzlich und wunderbar im Umfang ver- großert fand, daß sie nicht weniger als 39 Grad scheinbaren Durchmessers darstellte. Ich war wie vom Donner gerührt. Worte können keinen Be- griff von dem völligen Schrecken und dem Erstaunen geben, die mick ergriffen und ganz und gar überwältigten. Meine Knie zitterten unter ™,rrf — meine Zahne klapperten — mein Haar stand zu Berge. „Der Ballon ist also wirklich geplatzt," das waren die ersten verworrenen Gedanken, die meinen Geist durchstürmten, „der Ballon ist also wirklich p atzt und ich fiel, fiel mit der heftigsten, beispiellosesten Geschwindigkeit! Aus der riesigen Entfernung, die ich schon so rasch durcheilt hatte, war zu schließen, daß es höchstens noch zehn Minuten dauern könnte, bis ich Mit der Erdoberfläche Zusammenstößen und in die Vernichtung gestürÄ werden mußte." Aber endlich kam mir die Ueberlegunq zu Hilfe. Ich sann ich grübelte, und ich begann zu zweifeln. So war die Sache unmöglich. Ich konnte keinesfalls so rasch heruntergekommen sein. Ueberbies "ayerte ich mich zwar der Fläche unter mir, aber längst nicht in dem Schnelligkeitsoerhältnis, daß ich zuerst angenommen hatte. Diese lieber, legitng trug dazu bei, meinen gestörten Geist zu beruhigen, und es war nur schließlich möglich, die Erscheinung aus dem ihr zukommenden Ge- sichtspunkte zu betrachten. Tatsächlich muhte der Schrecken mich meiner Sinne beraubt haben, um mich den großen scheinbaren Unterschied zwischen der Fläche unter mir und der Oberfläche meiner Mutter Erde übersehen zu lassen. Letztere war in Wirklichkeit über mir und vollständig durch den Ballon verborgen. Während der Mond, der Mond selbst in seinem Glanze unter mir, zu meinen Füßen lag. Die Betäubung und Ueberraschung, die durch diese außerordentliche Veränderung im Stande der Dinge in meinem Geist erregt wurde war vielleicht das unerklärlichste an dem ganzen Abenteuer. Denn der Umsturz selbst war nicht nur natürlich und unvermeidlich, sondern ich hatte ihn auch tatsächlich erwartet, als einen Umstand, der eintreten müßte wenn ich an dem Punkte meiner Reise angekommen wäre, wo die Anziehung des Planeten durch die Anziehung des Satelliten aufgehoben wurde, ober besser gesagt, wo die Schwerkraft des Ballons zur Erde weniger stark wäre als feine Schwerkraft zum Monde. Freilich erwachte ich aus einem tiefen Schlummer mit verwirrten Sinnen, um eine Erscheinung wahrzunehmen, die ich zwar kommen sah, in diesem Augenblick jedoch nicht erwartete. Der Umschwung selbst hat sich natürlich allmählich und gradweise vollzogen, und es ist durchaus nicht sicher, daß ich ihn durch irgend einen internen Beweis einer Umkehrung wahrgenommen hätte, wenn ich wach gewesen wäre, els er sich zutrug, d. h. wahrscheinlich hätte, ich weder an meiner Person noch an meinem Apparat irgendwelche Belästigung ober Störung bemerkt. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß, als ich zum richtigen Verständnis meiner Lage kam und von dem Schrecken, der jede Regung meiner Seele verzehrt hatte, befreit war, meine Aufmerksamkeit zunächst der Betrachtung der physikalischen Erscheinung des Mondes galt. Er lag unter mir wie eine Karte, und obgleich er noch in einer nicht unerheblichen Entfernung zu fein schien, konnte ich doch seine Gliederung mit auffallender und geradezu unbgreiflicher Genauigkeit feststellen. Das gänzliche Fehlen von Meeren, sowie auch von Seen, Flüfsen und sonstigen Gewässern, fiel mir beim ersten Blick als erstaunlichstes Merkmal seines geologischen Baues auf. Doch, so sonderbar es klingt, sah ich große ebene Gebiete, die entschieden angeschwemmt waren, während bei weitem bet größte Teil der sichtbaren Halbkugel mit unzähligen vulkanischen Bergen bedeckt war, die kegelförmig in der Form, eher wie künstliche als wie natürliche Erhebungen aussahen. Der höchste davon ist nicht mehr als 3| Meilen hoch; aber eine Karte der vulkanischen Gegenden von Campi Phlegraei würde Ew. Exz. einen besseren Begriff von der allgemeinen Gestalt geben, als irgendeine unwürdige Beschreibung, die ich selbst wagen könnte. Die meisten Vulkane waren entschieden im Zustande des Ausbruches, und ihre Wut und Wucht äußerte sich in fürchterlicher Weise durch das wiederholte Donnern der fälschlich so benannten Meteorsteine, die nun mit immer schrecklicher werdender Häufigkeit aufwärts zum Ballon geschleudert wurden. 18. April. Heute stellte ich eine riesige Zunahme der Gestalt des Mondes fest, und die entschieden gesteigerte Schnelligkeit meines Abstieges fing an, mich zu beunruhigen. Ich muß daran erinnern, daß zu Beginn meiner Erwägungen über die Mgölichkeit einer Fahrt nach dem Monde bas Vor- handensein einer Atmosphäre in seiner Nähe, deren Dichtigkeit im Verhältnis zum Körper des Gestirnes stände, eine erhebliche Bedingung meiner Berechnungen bildete, und zwar trotz vieler Lehren vorn Gegenteil und, wie ich hinzufügen muß, trotz allgemeinen Unglaubens gegen das Bestehen irgendeiner Mondatmosphäre. Aber außer meinen früheren Behauptungen bezüglich des Enckeschen Kometen und des Zodiakallichtes stützten sich meine Ansichten auf gewisse Beobachtungen von Herrn Schroeter von Lilienthal. Er beobachtete den Mond, der zweieinhalb Tage alt war, abends nach Sonnenuntergang, bevor der dunkle Teil sichtbar wurde, und setzte seine Beobachtungen fort, bis er zu sehen war. Die beiden Hörner schienen sich in sehr scharfen, verschwommenen Spitzen zu verlängern und ihre fernsten Ausläufer waren von den Sonnenstrah- len schwach beleuchtet, bevor irgendein Teil der dunkeln Halbkugel sichtbar wurde. Kurz nachher war der ganze dunkle Rand beleuchtet. Diese Verlängerung der Hörner über dem Halbkreis, dachte ich, mußte durch den Wiederschein der Sonnenstrahlen durch die Mondatmosphäre entstehen (die genügend Licht in seine dunkle Halbkugel zurückwerfen konnte, um ein helleres Zwielicht zu erzeugen als das Licht, das die Erde zurück- wirft, wenn der Mond etwa 32 Grad von Neumond entfernt ist), also 1356 Pariser Fuß. Mit Hinblick darauf nahm ich an, daß die größte Höhe, aus der die Sonnenstrahlen zurückgeworfen werden können, 5376 Fuß sein müsse. (Fortsetzung folgt.) -eichen für meinen endlichen Erfolg. Tatsächlich hatte ich über meine bisherige Richtung einige Beunruhigung empfunden, denn wenn ich sie noch länger beibehalten hätte, wäre überhaupt keine Möglichkeit gewesen, an den Mond zu gelangen, dessen Bahn nur in dem kleinen Winkel von 5-8-48" zur Ellipse geneigt liegt. So sonderbar es auch scheinen mag, begann ich jetzt erst einzusehen, welchen großen Irrtum ich begangen hatte, als ich meine Abfahrt von der Erde nicht von einem Punkt in der Ebene der Mondellipse aus unternahm. 9. April. Der Erddurchmesser hatte stark abgenommen und die gelbe Farbe der Oberfläche wurde stündlich tiefer in der Tönung. Der Ballon hielt stetig seinen Kurs nach Südwest und tarn um 9 Uhr nachmittags über der Nordecke des Golfs von Mexiko an. 10. April. Heute früh wurde ich plötzlich durch einen lauten knatternden, krachenden Lärm aus dem Schlafe geschreckt, den ich mir nicht erklären konnte. Er dauerte nur kurz, aber während er zu hören war, hatte er keine Aehnlichkeit mit irgend etwas, was ich jemals auf der Welt vernommen hatte. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich äußerst beunruhigt war, da ich im ersten Augenblick den Lärm für das Platzen des Ballons hielt. Aber bei genauester Untersuchung des ganzen Apparates fand ich nichts in Unordnung. Verbrachte einen großen Teil des Tages mit Grübeln über den außergewöhnlichen Vorfall, konnte aber keine Lösung finden. Ging unbefriedigt zu Bett, in großer Angst und Aufregung. 11. April. Bemerkte eine überraschende Abnahme des scheinbaren Durchmessers der Erde und zum ersten Male eine große Zunahme in demjenigen des Mondes, der in wenigen Tagen voll fein mußte. Ich brauchte lange Zeit und große Mühe, um die Zelle mit der zum Leben genügenden atmosphärischen Luft zu füllen. 12. April. Die Richtung des Ballons änderte sich in sonderbarer Weise, und obgleich ich dies natürlich erwartet hatte, war ich doch sehr darüber erfreut. Nachdem der Ballon bei seinem früheren Kurs etwa den 20. Grad südlicher Breite erreicht hatte, schwenkte er plötzlich in steilem Winkel nach Osten ab und setzte den ganzen Tag diese Richtung fort, sich fast, wenn nicht vollständig, genau in der Ebene der Mondellipse haltend. Bemerkenswert war eine starke Schwankung der Gondel als Folge dieser Rich- tungsänberung — eine Schwankung, die während mehrerer Stunden stärker ober schwächer anhielt. 13. April. Wurde wieder sehr beunruhigt durch eine Wiederholung des lauten knatternden Geräusches, das mich am 10. April erschreckt hatte. Dachte lange darüber nach, ohne eine befriedigende Schlußfolgerung daraus ziehen zu können. Große Abnahme im Erddurchmesser, der jetzt zum Ballon in einem Winkel von kaum mehr als 25 Grad lag. Den Mond konnte ich überhaupt nicht sehen, da er fast im Zenit stand. Blieb weiter in der Ebene der Ellipse, aber ohne weiter nach Osten zu kommen. 14. April. Aeußerst rasche Abnahme des Erddurchmessers. Heute hatte ich entschieden den Eindruck, daß der Ballon augenblicklich die Linie der Apsiden zum Punkt der Erdnähe durchlief, mit anderen Worten, daß er den direkten Kurs hielt, der ihn unmittelbar zum Mond bringen mußte, und Zwar an die der Erde am nächsten liegende Stelle feiner Bahn. Da der Mond selbst direkt über mir war, blieb er meinen Blicken verborgen. Große anhaltende Anstrengung nötig, um die Atmosphäre zu kondensieren. „ 15. April. Nun konnte ich nicht einmal mehr die Umrisse der Kontinente und Meere mit Bestimmtheit auf der Erde bezeichnen. Ungefähr um 12 Uhr hörte ich wieder, zum dritten Male, den schrecklichen Ton, der mich früher schon erschreckt hatte. Jetzt dauerte er aber längere Zeit an und nahm an Stärke zu. Schließlich, während ich bestürzt und von Grauen ergriffen irgendeine gräßliche Zerstörung erwartete, erzitterte die Gondel mit äußerster Stärke und eine riesige flammende Masse aus irgendeinem mir unbekannten Stoffe tarn mit dem Lärm tausendfachen Donners brüllend und heulend an den Ballon. Als ich meine Angst und mein Erstaunen einigermaßen überwunden hatte, vermutete ich ohne weiteres, daß es ein vulkanisches Bruchstück sei, das von dem Weltkörper, dem ich mich so großer Schnelligkeit näherte, abgestoßen war; ein Teil jener Substanz, von der man auf der Erde zuweilen Teile findet und sie in Ermangelung einer besseren Bezeichnung Meteorsteine nennt. sirr , 16. April. Als ich heute, so gut ich konnte, aus allen Seitenfenstern aufwärts sah, bemerkte ich zu meiner großen Freude einen sehr kleinen Teil der Mondscheibe, die auf allen Seiten des großen Umfanges meines Ballons hervorsah. Ich war in äußerster Erregung; denn ich bezweifelte nicht, daß meine gefährliche Fahrt sich ihrem Ende nähere. Die Bedienung des Kondensators erforderte jetzt eine so ungeheure Mühe, daß ich mir kaum noch die geringste Rast von meiner Anstrengung gestatten konnte. Schlaf war überhaupt ausgeschlossen. Ich wurde ganz krank, und mein Körper Zitterte vor Erschöpfung. Unmöglich konnte die menschliche Natur diesen Zustand heftigen Leidens noch länger ertragen. Während der jetzt kurzen Zeit der Dunkelheit kam wieder ein Meteorstein in meiner Nähe vorbei, und die Häufigkeit dieser Erscheinungen erschreckte mich einigermaßen. 17. April. Dieser Morgen wurde ein Wendepunkt in meiner Reise. Ich erinnere Daran, daß am 13. April die Erde in einem Winkel von 25 Grad lag. Am 14. hatte dieser noch erheblich abgenommen, am 15. war eine noch stackere Abnahme bemerkbar, und als ich mich am 16. schlafen legte, ! - k ich einen Winkel von nicht mehr als etwa 7 Grad und 15 Minuten feft. Wer beschreibt mein Erstaunen, als im am Morgen dieses Tages