-merkte n, und gewußt, mg im ete die bete in ) mehr i essen; Turm Kd), er fei für )te der wollen i, well n sein, le und SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang l929 ________ Freitag, den 25. August Nummer ^5 g, und srieden- Ouar- n Jah- eilstein, priesen, zu der tauchte ; zuerst größer, Vater mntag« rb nun lwesend jrenben Hernd- > seiner Kapelle vorbe- tblasen, :rei ein ar. So ingsten, 19, daß r jenen n Fest- n Hoch- hen die lebracht, *n mar, ut und as ihm is Brot ib, und unüber» Friedrich sei fast Glück, bestieg n aber Ite von us hielt, , ja er ienn es sondern lit, und Eebeum Choral t, denn zweiten llinckart tpfeifer leben. Die Pferde. Von Ssergej I e s s e n i n.*) Mit ihren Nüstern blasen sie im Schreiten vom Gras hinweg den goldnen Staub der Zeiten. Heber den Hügel hin zur blauen Bucht geht flatternd ihrer schwarzen Mähnen Flucht. Ihr Antlitz schwankt im stillen Wasserspiegel, vom Mond gehascht mit silberblankem Zügel. Der eigne Schatten macht sie schreckhaft schnaufen; die Nacht durchdämmern sie, um sroh im Tag zu laufen. Hell klingt der Frühlingstag ums Ohr der Pferde und lockt die ersten Fliegen aus der Erde. Und mittags, wenn die heißen Wiesen dröhnen, schlagen sie aus und schütteln ihre Mähnen! Stets schärfer will der Helle Hufschlag klinken, ins Leere bald, bald ins Gebüsch versinken. Doch hebt die erste Welle sich zum Stern, schwirren die Fliegen überm Wasser fern. * Das Licht erlosch. Nun sind die Wiesen müd. Der Hirte bläst auf seinem Horn ein Lied. Gesenkter Stirne hör'n die Pferde zu was ihnen spielt der bärtige Mann in Ruh. Das Echo aber führt mutwillig ihren Sinn auf unbekannte grüne Wiesen hin. Liebend die Tage dein und deine Nacht, hab ich, o Heimat, dir das Lied gemacht. Die Nase. Von Nikolas W. Gogol. 1. Am 25. März ereignete sich in Petersburg etwas höchst Seltsames. Der am Wosnessenski Prospekt wohnende Barbier Iwan Jakowlewitsch (fein Familienname ist uns leider abhanden gekommen und ist auch auf jenem Aushängeschild nicht zu finden, das einen Herrn mit' ein- gefeifter Backe nebst der Aufschrift zeigt: „Hier wird auch zur Ader gelassen") — dieser Barbier Iwan Jakowlewitsch also erwachte früh und verspürte sofort den angenehmen Geruch frischgebackenen Brotes. Sich im Beite ein wenig aufrichtend, sah er, daß seine ehrwürdige Gattin eben damit beschäftigt war, die noch heißen Brote aus dem Ofen zu holen. „Praskowja Ossipowna," so redete Iwan Jakowlewitsch seine Gattin an, „heute will ich mal keinen Kaffee trinken, sondern statt dessen lieber ein frisches Brötchen mit Zwiebeln belegt essen." — (Das heißt, eigentlich hätte Iwan Jakowlewitsch gern beides gehabt, aber er wußte, daß man von Proskowja Ossipowna, die solcherlei Gelüste gar nicht liebte, unmöglich zwei Dinge auf einmal fordern konnte.) — „Soll der Narr ein Brot haben," dachte die Gattin, „um so besser für mich, denn desto mehr bleibt von dem Kaffee übrig." Kaffee nämlich ging ihr über alles. Unb damit warf sie ihm ein Brot auf den Tisch. Iwan Jakowlewitsch zog mit Rücksicht auf den erforderlichen Anstand seinen Frack übers Hemd, setzte sich an den Tisch, nahm das Messer zur Hand, streute sich Salz hin, machte sich zwei Zwiebeln zurecht und begann, indem er eine wichtige Miene aufsetzte, das Brot zu zerschneiden.' Er schnitt es in zwei Hälften, deren Inneres er nun betrachtete. Hierbei sah er zu seinem Erstatmen aus dem Brot etwas hervorschimmern. Er stocherte mit dem Messer vorsichtig drum herum und betastete es mit dem Finger. „Es fühlt sich fest an," sagte er zu stch- „was kann es wohl fein?" Er bohrte feine Finger ins Brot und zog — eine Nase heraus. 3»an Jakowlewitsch ließ' die Hände sinken, dann rieb er sich die Augen und befühlte es noch einmal: eine Nase, wirklich und wahrhaftig, eine •Me, und noch dazu kam sie ihm bekannt vor. Entsetzen malte sich stuf dem Antlitz des Iwan Jakowlewitsch. Aber dieses Entsetzen war «n Nichts im Vergleich zu der Entrüstung, die sich seiner Gattin be- machtigte. „Wo hast du, Vieh, die Nase abgeschnitten?" rief sie im höchsten Zorn. „Du Gauner, du Säufer! — Ich selbst werde dich der *) Aus dem Russischen übersetzt von Sigismund von Radecki. Halunke, solch einer! Da habe ich's schon von dreien ft du die Leute beim Barbieren so an den Nasen zerrst, als wolltest du sie abreißen. Iwan Jakowlewitsch aber saß da, halbtot vor Schrecken: Er hatte ^« erkannt, sie gehörte niemand anderem an als dem Kollegien- msieren pfS^' ° ben er >eben Mittwoch und Sonntag zu E, Praskowja Ossipowna! Ich will dies Ding in ein Läpp, c^en wickeln und still in einen Winkel tun. Mag es dort ein Weilchen liegen. Und nachher trage ich es hinaus." item be- , t mehr. , .... ----- —., nie Dagewesenes, ngelegenheit für sich, und eine Nase irfjts begreife ich, nichts!" — Iwan „Nichts will ich davon hören, nichts! Soll ich es vielleicht zu- assen, daß hier bei mir im Zimmer eine abgeschnittene Nase herurn- liegt! ... Du Zwieback, gerosteter! Mit dem Rasiermesser auf dem Riemen rumrutschen, das verstehst du, aber sonst verstehst du nichts, Taugenichts, elender! Die Polizei wird man noch auf den Hals bekom- men deinetwegen, Schmierfink, Brett dummes! ... Weg damit, weg! Trag das, wohin du willst, aber daß hier keine Spur davon bleibt'" 3man Jakowlewitsch stand da wie gebrochen. Er dachte und dachte und wußte nicht was er benten sollte. „Weiß der Teufel, wie das zugeht' agte er schließend, sich hinter dem Ohre kratzend. „Bin ich gefte 9 ' soffen nach Hause gekommen oder nicht, genau weiß ich's nicht Wie dem auch sei, in jebem Fall ist dies etwas noch nie Sagen benn — Brot ist sozusagen eine Ar.^^.^U jü. flu,, ulll ' hinwiederum eine ganz andere. Nichts begreife ich, nichts! Jakowlewitsch verstummte. Der Gedanke, die Polizei könnte die Nase nbr-£n b?Lur 3“r Verantwortung ziehen, dieser Gedanke 'UstwEe ihn blaß. Schon schwebte ihm ein leuchtend roter Kragen vor, mit silberner Tresse, dazu ein Säbel ... und er zitterte am ganzen Kfrper Endlich vervollständigte er seine Kleidung nach unten hin, wickelte die Nase in em Läppchen und verließ, geleitet von den schwerwiegenden Ermahnungen feiner Gattin, das Haus. Er beabsichtigte das Ding irgendwo hinzustecken, vielleicht unter die Schwelle einer Pforte, oder er wollte es so wie versehentlich fallen assen und bann geschwinb in eine Seitengasse einbiegen. Zu seinem Unglück aber begegnete ihm bald biefer, bafb jener Bekannte, ber ihn ofort ms Verhör nahm: „Wohin bes Wegs?" „Wen willst bu benn s° früh rasieren? Und Iwan Jakowlewitsch sah sich immer wieder an seinem Vorhaben verhindert. Endlich hatte er bas Dina doch glücklich fallen gelassen. Aber schon wies von weitem ein Nachtwächter mit einer Hellebarbe darauf hin: „Heda,- bu hast was verloren!" — und jo muhte er bie Nase wieder aufheben unb in bie Tasche stecken. Verzweiflung ergriff ihn, bie sich steigerte, ba bie Straße sich mehr und mehr zu beleben begann. Schon öffneten die Kaufleute ihre Läden Er beschloß, zur Jsaksbriicke zu gehen: sollte es ihm vielleicht gelingen, bas Ding in bie Neva zu schmeißen? ... Iwan Jakowlewitsch war, wie jeher orbentliche russische Handwerker, em großer Säufer vor dem Herrn, und obwohl er alle Tage fremde Kinne rasterte, war fein eignes Kinn doch immer unrasiert. Sein Frack war (er trug stets einen Frack, nie einen langen Rack) schwarz, bas heißt, er sollte es fein, aber bie gelblich-braunen unb grauen Flecken, hie ihn bedeckten, gaben ihm ein scheckiges Aussehen. Sein Kragen glänzte speckig. Und an Stelle dreier Knöpfe hingen bloß bie Fäden herab. — Wenn Iwan Jakowlewitsch den Kollegien-Assessor Kowalew rasierte, so entspann sich zwischen ihnen gewöhnlich folgendes Gespräch: „Iwan Jakowlewitsch, immer stinken deine Hände." — „Wonach sollten sie stinken?" — „Das weih ich nicht, Brüderchen, allein sie stinken." — Worauf Iwan Jakowlewitsch eine Prise nahm und den Kollegien-Assessor um so tüchtiger einseifte, — unter der Nase, hinter dem Ohr und unter dem Bart, kurz überall, wo es ihm nur beliebte. Der ehrenwerte Mann befand sich bereits auf ber Jsaksbriicke. Erst sah er sich nach allen Seiten um, bann beugte er sich über bas Geländer, als interessierten ihn bie Fische, bie unter ber Brücke burchschwam- men, — unb still lieh er sein Läppchen mit der Nase fallen. Es war ihm zumute, als fei eine Zentnerlast von ihm abgesunken. Er lächelte sogar vor sich hin. Statt sich nun dahin zu begeben, wo es Beamtenkinne zu rasieren gab, wandte er sich einem Gebäude zu, das die Aufschrift trug „Essen und Tee". Er beschloß, sich ein Glas Punsch zu leisten. Da plötzlich bemerkte er am Ende ber Brücke ben Ouartal- Aufseher, einen Mann von mürbigem Aussehen, mit breitem Backenbart, im Dreimaster, den Degen an der Seite. Iwan Jakowlewitsch erstarrte. Und schon winkte ihm ber Quartal-Aufseher mit krummem Finger: „Komm mal her, mein Lieber!" Iwan Jakowlewitsch, ber wußte, was sich schickt, zog von weitem ben Hut, ging eilfertig auf ben Mann zu unb begrüßte ihn mit ben Worten: „Wünsche Gesunbheit, Euer Wohlgeboren." „Nichts ba von Wohlgeboren, Brüderchen, sag' erst mal, was hast du ba getrieben, als du auf ber Brücke standest?" „Bei Gott, Herr, ich bin ausgegangen, um zu rasteren, und... und ich habe bloß sehen wollen, ob das Wasser schnell fließt." „Das lügst du. Und das Lügen hilft dir nichts. Sei so gut, mir ordentlich zu antworten." „Ich bin gerne bereit, Euer Gnaden zweimal in der Woche, sogar dreimal zu rasieren, und ganz umsonst", — erwiderte Iwan Jakowlewitsch. , , „Narrenspossen, mein Freund! Mich rasieren schon drei Barbiere und rechnen es sich noch zu hoher Ehre an. Sei jetzt mal so gut und erzähle, was du da gemacht?" Iwan Jakowlewitsch erblaßte ... Jedoch von hier ab hüllen sich die Ereignisse in Nebel, und was weiter geschah, bleibt uns verborgen. 2. Der Kollegien-Assessor Kowalew erwachte früh am Morgen und machte mit den Lippen: „brrr." Das tat er immer, wenn er aufwachte, ohne daß er hätte sagen können, warum er es tat. — Er streckte sich, reckte sich und ließ sich einen kleinen Spiegel reichen, der auf dem Tische stand. Gestern abend hatte er bemerkt, daß auf seiner Nase ein kleines rotes Bläschen hervorgesprossen war, und dieses Bläschen wollte er jetzt betrachten. Zu seinem größten Erstaunen aber sah er, daß sich an Stelle seiner Nase eine vollkommen glatte Stelle in seinem Gesicht befand. Erschreckt ließ er sich Wasser reichen und rieb sich mit dem angefeuchteten Handtuch die Augen: Tatsächlich, die Nase war weg! Er fühlte mit der Hand hin. Dann begann er sich an verschiedenen Stellen zu kneifen, um festzustellen, ob er schlafe oder wache. Nein, er schlief nicht. Er sprang aus dem Bett und schüttelte sich, — die Nase war und blieb weg! ... Er befahl, sofort alles Nötige für seine Toilette vorzubereiten, und als er diese beendet hatte, eilte er schnurstracks zum Ober-Polizeimeister. Jedoch, es wird nötig sein, einiges Nähere über diesen Kollegien- Ässessor mitzuteilen, damit der geneigte Leser sich ein Bild von ihm machen könne. Er führte seinen Titel erst seit zwei Jahren, und darum konnte er keinen Augenblick darauf vergessen. Und da er kein gewöhnlicher Kollegien-Assessor war, sondern ein „kaukasischer", so nannte er sich niemals einfach „Kollegien-Assessor", sondern immer „Major". — Also werden auch wir diesen Kollegien-Assessor fortan Major nennen. Der Major Kowalew also hatte die Gewohnheit, jeden Tag auf dem Newski Prospekt spazieren zu gehen. Sein Hemdkragen war stets von außerordentlicher Sauberkeit und schön gestärkt. Seine Bartkoteletten waren von der Art, wie man sie auch jetzt noch bei Landmessern, Architekten und Regimentsärzten und überhaupt bei allen solchen Männern findet, die volle, roten Backen haben und ausgezeichnet Boston spielen. Diese Bartkoteletten verlaufen über die Mitte der Wange geradlinig bis zur Nase. Er trug an seiner Uhrkette eine Menge von Siegelsteinen, solche, in die Wappen hineingeschnitten waren, und andere, mit denen man: Mittwoch, Donnerstag, Montag und dem ähnliches siegeln konnte. Der Major Kowalew war in wichtigen Angelegenheiten nach Petersburg gekommen, nämlich: eine seinem Range angemessene Stellung zu finden, — wenn's gelang, als Vizegouverneur, und wenn nicht dies, so vielleicht irgend etwas anderes in irgendeinem vornehmen Departement. Major Kowalew hatte auch nichts dagegen zu heiraten, freilich nur in dem Falle, daß die Mitgift der Braut nicht weniger als zrvei- malhunderttausend Rubel betrug. Und hiernach wird der geneigte Leser selber beurteilen können, was es für den Major bedeutete, als er an Stelle feiner nicht unschönen regelmäßigen Nase diese leere, glatte, dumme Stelle in seinem Gesicht erblickte. Unglücklicherweise zeigte sich auch nicht eine Droschke auf der - Straße, und so mußte er zu Fuß gehen. Er schlug den Mantel fester um sich und hielt sich ein Taschentuch vors Gesicht, als habe er Nasenbluten. „Vielleicht habe ich mich getäuscht," dachte er, „es kann nicht (ein, daß die Nase so mir nichts dir nichts verlorengegangen ist." Und da er eben an einer Konditorei vorüberkam, ging er hinein, bloß um noch einmal in den Spiegel zu blicken. Zum Glück befand sich in der Konditorei niemand außer den bedienenden Knaben, die den Fußboden kehrten und die Stühle zurechtrückten. Einige von ihnen mit verschlafenen Augen brachten auf Teebrettern kleine Kuchen herbei. Auf den Tischen und Stühlen lagen kaffeeübergossene Zeitungen vom gestrigen Tage umher. „Gott sei Dank,"-sagte Kowalew, „niemand hier, jetzt kann ich schnell mal Hinschauen." Zaghaft ging er an den Spiegel und blickte hinein. „Weiß der Teufel, was für eine Gemeinheit!" murmelte er, indem er ausspie. „Wenn wenigstens irgend etwas an Stelle der Nase da märe, — aber so einfach nichts!" — Verdrossen, mit eingekniffenen Lippen trat er auf die Straße hinaus und beschloß, ganz gegen seine Gewohnheit, auf keinen der Vorübergehenden zu blicken und keinem zuzulächeln. Plötzlich, vor der Tür eines Hauses, blieb er wie erstarrt stehen. Seine Augen sahen eine unerklärliche Erscheinung. An der Vorfahrt des Hauses hielt, eine Kalesche. Die Tür des Wagens öffnete sich. Heraus sprang gebückt ein Herr in Uniform und eilte die Treppe hinauf. — Wie groß war das Entsetzen und zugleich das Erstaunen Kowalews, als er in diesem Herrn — wen erkannte? — seine eigene Nase! — Bei diesem Anblick drehte sich ihm alles vor den Augen. Er fühlte sich kaum noch imstande, aufrecht zu stehen. Zugleich aber war er fest entschlossen, die Rückkehr des Herrn zur Kalesche abzuwarten. Er zitterte wie im Fieber. Nach wenigen Minuten kam die Nase wieder zum Vorschein. Sie, oder vielmehr er (den es war ja ein Herr Nase) war in Uniform, goldgestickt, mit rotem Stehkragen, die Hosen aus feinem Leder, an der Seite den Degen. Der Federbusch, der den Hut schmückte, ließ darauf schließen, daß sein Träger im Range eines Staatsrates stand. Die ganze Ausmachung zeigte, daß der 'Herr eben Visiten machte. Er sah sich erst nach der einen, dann nach der andern Seite um, rief dem Kutscher „Pferde her!" zu, stieg in den Wagen und fuhr davon. Der arme Kowalew verlor fast den Verstand. Er wußte nicht, was er von diesem seltsamen Ereignis halten sollte. Wie war es denn in der Tat möglich, daß dieselbe Nase, die sich gestern noch in seinem Gesichte befand und weder fahren noch gehen konnte, heute plötzlich in Uniform auftrat? — Er lief hinter der Kalesche her, die zum Glück nicht weit fuhr, sondern bald wieder hielt, und zwar vor der Kasan- schen Kathedrale. (Fortsetzung folgt.) Kirdjali. Don Alexander Puschkin. Kirdjali versetzte mit seinen Naudtaten die ganze Moldau in Schrecken. Alm v'on ihm einen Begriff zu geben: Eines Nachts überfielen er und der Arnaut Michalaki ein Dorf. Sie zündeten es an beiden Enden an und sprangen von Hütte zu Hütte. Kirdjali mordete, und Michalaki schleppte die Beute. Beide schrien: „Kirdjali! Kirdjali!" Das ganze Dors stob auseinander. Er schloß sich dem Griechen-Aufstand von 1821 an und nahm an der traurig berühmten Schlacht bei Skuljani teil. Stellen Sie sich 700 Arnauten, Albaner, Griechen, Bulgaren und jegliches Pack vor, das eine Ahnung vom Kriegführen hat und sich angesichts von 15 000 Mann türkischer Kavallerie an das Pruth-Ufer, die russische Grenze, zurückzieht. Ihre ganze Artillerie bestand aus zwei winzigen Kanön- chen, mit denen der Gospodar von Jassy während seiner Bankette die Salute hatte feuern lassen. Die Türken hätten gerne kartätscht, wagten dies aber nicht aus Angst vor den Aussen, denn die Kartätschen wären unbedingt aufs russische Alfer hinübergeprasselt. Der Grenzkommandeur hatte, in seinen vierzig Dienstjahren noch nie Kugeln pfeifen gehört, doch jetzt gab das Schicksal Gelegenheit: einige summten ihm an den Ohren vorbei. Das alte Männchen wurde schrecklich wütend und schimpfte deswegen den Major durch, dem die Grenzstation unterstellt war. ©tiefer wußte sich nicht anders zu helfen, lief zum Fluh, wo bereits die türkischen Einzelreiter .courbettierten, und drohte iFinnen mit dem Zeigefinger. Die Aeiter sahen das, machten kehrt, und galoppierten fort — und mit ihnen auch das ganze türkische Heer. Am nächsten Tage jedoch attackierten die Türken. Aus Angst vor Grenzverletzung, ganz gegen ihre Gewohnheit allein mit der kalten Waffe. Es war ein schauerliches Schlachten mit Ja tagaus. Endlich durften sich die Hetairisten, mit Erlaubnis der russischen Regierung, über den Pruth und hinter die Grenzwache flüchten. K-m- tagoni und Safianos blieben als die letzten auf dem türkischen Alfer. Kirdjali, am Tage vorher verwundet, lag bereits in der Grenzstation Kantagoni, der ungeheuer dick war, bekam eine Pike in den Leib. Mit einer Hand hob er den Säbel, mit der anderen griff er nach der Pike, stach sie tiefer in sich hinein, um so an seinen Gegner heranzukommen, und stürzte, mit ihm zugleich sterbend, nieder. Alles war zu Ende. Die Türken blieben Sieger. Die Moldau war geräumt. Die letzten Reste der Arnauten zerstreuten sich über Bessarabien. Man konnte sie ständig in den Kaffeehäusern sitzen sehen mit ihren langen Tschibuks, wie sie den Kaffee aus den winzigen Täßchen schlürften. < „ .. ©er Pascha von Jassy verlangte auf Grund der Vertrage die Auslieferung des Räubers. Die Polizei fing ihn in Kischinewa, als er in der Dämmerung mit sieben Kameraden nachtmahlte. Ein junger Beamter hat mir seine Abreise beschrieben. Bor dem Gefängnis hielt eine Caruzza — ein niedriges geflochtenes Wägelchen, an das man acht kleine Pferdchen gespannt hatte.. Jungfrauen, nachlässig gekleidet und mit schlüpfenden Pantoffeln, Arnauten in zerlumpter, malerischer Tracht, schone Moldauerinnen mit schwarzäugigen Kindern auf dem Arm — alles umstand die Earuzza. Die Männer hüteten ein Schweigen, die Frauen schienen fieberhaft irgendetwas zu erwarten. Das Tor tat sich auf, und einige Polizeioffiziere schritten auf die Straße! hinter ihnen führten zwei Soldaten den eisengefesselten Kirdjali. _ , Er schien dreißig Jahre alt. Die Züge seines braunen Gesichtes waren regelmäßig und finster. Er war hoch von Wuchs, breitschultrig und überhaupt von ungewöhnlicher körperlicher Kraft. Ein bunter Turban sah schief auf seinem Kopf, ein breiter Gürtel umschlang Die schmalen Hüften; ein Tolman von grobem blauem Tuch, ein gebauschtes Hemd und schöne Pantoffeln machten den übrigen Anzug aus. Sein Aussehen war stolz und ruhig. Einer der Beamten, ein rotfratziges altes Männchen in verschossener Uniform, an der drei Knöpfe baumelten, sattelte seinen bläulichen Höcker, Rase genannt, mit einer riesigen Zinnbrille, entfaltete ein Papier und begann krächzend in moldauischer Sprache zu lesen. Von Zeit zu Zeit blidite er verächtlich auf den gefesselten Kirdjali, auf welchen sich anscheinend das Papier bezog. KirdM hörte ihm aufmerksam zu. Der Beamte hatte jetzt sein Vorlesen beendet, faltete das Papier zusammen, schrie wütend das Volk an, daß es auseinandergehen solle, und befahl nun, die Caruzza vor- zilsühren. Da wandte sich Kirdjali an ihn und sagte ihm einige Worte auf Moldauisch; seine Stimme zitterte, sein Gesicht hatte sich verändert; er brach in Tränen aus und wälzte sich im Staub vor den Füßen des alten Männchens, wobei seine Ketten erklirrten Der Beamte fuhr ängstlich zurück, die Soldaten wollten KiroM Hochreißen, doch er sprang allein auf, nahm feine Ketten zusammen, stieg in die Caruzza und schrie: Gai-daaa! Ein Gendarm setzte fw neben ihn; der moldauische Dauer knallte mit der Peitsche, uni> die Caruzza rollte weg. ., Was hat Ihnen Kirdjali gesagt? — fragte der junge Beamte Daalte Männchen. Er hat, sehen Sie, mich da um etwas gebeten — versetzte M grinsend der Polizeibeamte: — daß ich mich um seine Fran uno sein kleines Kind kümmern solle, die in einem bulgarischen Awi, nicht weit von Kilo, wohnen: et fürchtet, VaH sie seinetwegen $u leiden haben werden. Ein dummes Pack, das. Eie Erzählung des jungen Beamten hatte mich lebhaft berührt. Mir tat der arme Kirdjali leid. — Lange habe ich von ihm nichts gehört. Einige Jahre darauf traf ich den jungen Beamten. Wir sprachen von früher. llnb was macht Ihr Freund Kirdjali?, fragte ich: wissen Sie nicht, wie es ihm ergangen ist? Wie soll man das nicht wissen, sagte er und erzählte mir folgendes: Kirdjali wurde nach Jassy vor den Pascha gebracht, der ihn zum Tod durch den Pfahl verurteilte. Die Hinrichtung wurde auf irgend- einen Feiertag verschoben. Vorläufig sperrte man ihn ins Gefängnis. Ihn bewachten sieben Türken (einfache Leute und im Innersten ebensolche Räuber wie auch Kirdjali): sie schätzten ihn hoch und lauschten mit echt orientalischer Gier seinen wunderbaren Erzählungen. Der Gefangene und die Wächter waren bald nah miteinander bekannt. Eines Tages sprach Kirdjali zu ihnen: Brüder!' meine Stunde ist nah. Memand entrinnt seinem Schicksal. Bald werde ich pon euch scheiden. Ich möchte euch gerne etwas zum Andenken hinterlassen. Die Türken spitzten die Ohren. Brüder, fuhr Kirdjali fort: vor drei Jahren, als ich mit dem verstorbenen Michalaki räuberte, haben wir in der Steppe, nicht weit von Jasfh, einen Kessel mit Dukaten vergraben. Ich sehe jetzt, daß ich diesen Schatz nie mehr besitzen kann. Also gut, es sei: nehmt ihn euch und teilt ihn brüderlich. Die Türken wurden fast verrückt vor Freude. Sie beratschlagten, wie man die geheime Stelle ermitteln könne. Sie stritten hin und her und beschlossen endlich, daß Kirdjali selbst sie hinführen solle. Es kam die Rächt. Die Türken ketteten Kirdjalis Füße los, banden seine Hände mit einer Schnur zusammen und wanderten mit ihm aus bet, Stadt hinaus in die Steppe. Kirdjali führte sie und hielt sich, von Hügel zu Hügel, in gerader Richtung. Sie wanderten lange. Endlich machte Kirdjali bei einem großen Steine halt, stampfte mit dem Fuß auf und sagte: Hier. Die Türken machten sich ans Werk. Viere zogen ihre Jatagans und begannen die Erde aufzuhacken. Drei blieben als Wache. Kirdjali setzte sich auf den Stein und sah ihrer Arbeit zu. Run, dauert's noch lange? fragte er: seid ihr nicht schon drauf- gestoßen? Rein, noch nicht, sagten die Türken und arbeiteten, daß ihnen der Schweiß heruntersloß. Kirdjali begann ungeduldig zu werden. Ist das ein Volk, sprach er. Richt einmal Erde graben können sie vernünftig. Bei mir wäre die Sache schon längst, in zwei Minuten, erledigt. Kinder! macht mir die Hände frei, gebt mir einen Jatagan. Die Türken dachten nach und begannen zu beratschlagen. Was kann dabei sein? (flüsterten sie), binden wir ihn die Hände los und geben wir ihm einen Jatagan. Das ist doch nichts: er ist allein, und wir sind sieben. Und sie banden ihm die Hände los und gaben ihm einen Jatagan. Endlich —I Kirdjali war frei und mit einer Waffe in der Hand. Was er wohl gefühlt haben mag!... Er begann eifrig zu graben, die Wächter halfen ihm... Plötzlich fuhr er einem von ihnen mit dem Jatagan mitten ins Herz, lieh das Messer in der Brust stecken und riß ihm aus dem Gürtel die zwei Pistolen. Als die übrigen sechs den Kirdjali mit zwei Pistolen in der Hand erblickten, stoben sie auseinander. Kirdjali räubert jetzt in der Gegend von Jassy. Neulich schrieb er an den Gospodar und verlangte von ihm fünftausend Lewas: im Falle einer Säumigkeit der Zahlung drohte er, Jassy anzuzünden und sich bis an den Gospodaren selbst heranzuarbeiten. Die fünftausend Lewas wurden ihm prompt zugestellt. Wie gefällt euch Kirdjali? (Deutsch von Sigismund von Radeck i.) Aus Maxim Gorkis Iugendjahren. Von Dr. Petroff. Gorkis Großvater mar Soldat und hatte sich im Kriege so ausgezeichnet, daß er zum Offizier befördert wurde, ein in der alten russischen Armee äußerst seltener Fall. Wegen seiner Grausamkeit im Verkehr mit den Soldaten wurde er aber degradiert und nach Sibirien verbannt. Seinen Sohn, Gorkis Vater, der Maxim Peschkoff hieß — Gorki ist ein Pseudonym und heißt auf deutsch Bitter — hat er einmal beinahe zu Tode geprügelt und den Sohn auch sonst auf die denkbar grausamste Weise behandelt. Gorkis Vater war Tapezierer und hatte, als Maxim, der übrigens Alexej getauft wurde, eine Werkstatt in Nischny-Nowgorod. Die Familie siedelte im Jahre 1870 nach Astrachan über. Während der Cholera-Epidemie im Wolgagebiet erkrankte der kleine Gorki an Cholera. Der Vater pflegte das Kind, steckte sich an und starb, Frau und Kind mittellos hinterlassend. „Hier fing für mich das tiefe, bunte, unsagbar seltsame Leben an, ein finsteres Märchen, das von einem guten, jedoch peinlich wahrheitliebenden Genie erzählt ist," schreibt Gorki. Tierische Grausamkeit, Schlägereien im ewigen Wodkarausch, Verhöhnung der Schwachen — das waren die ersten Eindrücke des aufgeweckten Knaben. „Furchtbar quälten mich die bleiernen Widerwärtigkeiten des wilden russischen Lebens." Eines Tages wurde der Junge von seinem Großvater mütterlicherseits so geschlagen, daß er mehrere Tage lang krank war. „Diese Tage waren für mich große Tage des Lebens," schreibt er. „Mein Herz, von dem man die Haut abgezogen hatte, wurde unglaublich empfindlich gegen jede Ungerechtigkeit und jeden Schmerz, gleichviel ob ich oder ein anderer der Leidende war." Bei seinem Großvater lernte Gorki lesen, es machte ihm Spaß, Gedichte umzuändern und durchaus „etwas Eigenes" zu verfassen. In Nischny-Nowgorod, wohin die Mutter Gorkis inzwischen zu ihren Eltern gezogen war, ging der Knabe in die Volksschule. Als bet Bischof die Schule einmal inspizierte, fiel ihm der kleine Peschkoff, der sehr viele fromme Gedichte auswendig konnte, durch sein glänzendes Gedächtnis auf. In der Schule steckte sich Gorki an Pocken an. Zu Hause wurde er in ein dunkles Zimmer gelegt. In einem Fieberanfall zerschlug er die Fensterscheibe und sprang auf den Hof, wo er in einem Schneehaufen bewußtlos liegen blieb, bis man ihn auffand. Im Jahre 1877 verheiratete sich Gorkis Mutter zum zweitenmal und zwar mit einem Adligen, einem Studenten, namens Eugen Maxim offt Der Student war ein Spieler und Ouartalsäufer und mußte das Studium bald aufgeben, um Arbeiter und dann Bahnhofskassierer zu werden. Maximoff prügelte seine Frau jeden Tag. Der zehnjährige Gorki sprang einmal der Mutter zu Hilfe, griff nach einem Messer und wollte den Stiefvater töten. „Im vollen Bewußtsein schwor ich meiner Mutter^ die der Stiefvater geschlagen hat, den Mann zu töten und mir dann das Leben zu nehmen." Daraufhin nahm Gorkis Großvater den Jungen zu sich. Nach der Schule suchte der Knabe auf der Straße und in Müllkästen nach Abfällen, um sie zu verkaufen und den Großeltern, die in großer Armut lebten, auf diese Weise zu helfen. Straßenjungen verfolgten den kleinen Gorki mit ihren Witzen, Schulkameraden verhöhnten ihn und wollten nicht neben ihn sitzen, da er angeblich nach dem Müllkasten roch. „Ich war durch diese Verleumdung tief beleidigt. Ich habe mich jeden Morgen sorgfältig gewaschen und besuchte niemals die Schule in derselben Kleidung, in der ich Abfälle sammelte." Nach Beendigung der Volksschule verbrachte Gorki den ganzen Tag auf der Straße und verrichtete alle möglichen Gelegenheitsarbeiten. Im Jahre 1879 starb seine Mutter an galoppierender Schwindsucht. „Ich fing ein Leben unter Menschen an," heißt es über die erste Anstellung in einem Geschäft. Gorki wurde Lehrjunge in einem „Geschäft für elegante Schuhwaren" in der Hauptstraße von Nischny-Nowgorod. „Die Arbeit war schwer, Wochen- und Feiertage waren von einer unbedeutenden, nutzlosen und geisttötenden Arbeit ausgefüllt." Der Lehrjunge mußte auch in der Küche mithelfen. Eines Tages verbrühte er sich die Hände mit kochender Suppe und wurde zum Großvater zurückgeschickt. Dort war kein Platz für ihn, und so mußte der Knabe in den Hafenanlagen schlafen. Oft ging er in die Kirche. „Es war der einzige Ort, wo ich mich ausruhen konnte. Dort fühlte ich mich wohl. Mein kleines Herz, das soviel Unrecht kannte und von der bösen Grobheit des Lebens beschmutzt war, reinigte sich durch unklare Träume. Ich dichtete eigene Gebete in Versen, in denen ich mein trauriges Schicksal vor (Sott beklagte." So lebte der kleine Vagabund, bis er eines Tages eine neue Anstellung als Abwaschjunge auf einem Wolgadampfer erhielt. Von sechs Uhr früh bis tief in die Nacht mußte er in der Küche das Gefchirr ab- wcffchen. Das unergründliche Schicksal wollte es aber, daß der zukünftige Dichter gerade hier feinen „ersten Lehrer" finden sollte. Sein Vor- gesetzter, der Schiffskoch, ein ehemaliger Unteroffizier namens Michail Srnury, „ein Mann von phantastischer physischer Kraft, unglaublich brutal, aber sehr belesen," erweckte bei dem Jungen das Interesse am Lesen. „Bis dahin waren mir Bücher und überhaupt jede gedruckte Schrift verhaßt, mit Schlägen und Zärtlichkeit zwang mich mein Lehrer, die große Bedeutung der Bücher anzuerkennen, und lehrte mich, das Buch zu lieben. Der Koch hatte einen ganzen Koffer voll von kleinen Büchern in ledernen Einbänden. Es war die seltsamste Bibliothek der Welt — Eckardtshausen lag neben Nekrassoff, Walter Scott neben Gogol, revolutionäre verbotene Zeitschriften neben wissenschaftlichen Magazinen, fromme Schriften neben Büchern in ukrainischer Sprache." Der Koch war ein strenger Literaturkritiker — eine patriotische Novelle unter dem Titel „Wie ein Soldat dem Zaren Peter das Leben gerettet hat", die den kleinen Gorki entzückte, unterzog er einer vernichtenden Kritik und geriet darüber mit feinem Günstling in heftigen Streit. Die Schiffskellner beneideten den Abwaschjungen um die Gunst des Kochs, spielten ihm verschiedene böse Streiche und beschuldigten ihn des Diebstahls. Der Inhaber des Schiffsbüfetts entließ Gorki und zahlte ihm dabei die bis« her größte Summe, die er verdient hatte — ganze 8 Rubel! Gorki kehrte in das' Haus feiner Großeltern nach Nischny-Nowgorod zurück. Er wurde Vogelfänger und verbrachte die Nächte im Walde am Wolga-Ufer. Dann erhielt er eine Anstellung in einem Zeichnerbureau. Während der Tagesarbeit durfte der Junge — er war jetzt 13 Jahre alt — nicht lesen, um so eifriger verschlang er Bücher, die er für seine mühselig ersparten Groschen sich kaufte, nachts bei Mondschein, denn für Kerzen reichten seine paar Groschen nicht aus! Er las alles, aber meistens französische Literatur — Dumas, Balzac, Gaboriau, Xavier-de- Montepin. „Diese Romane, reich an Menschen und Erlebnissen, schilderten ein unbekanntes, bewegtes Leben, das so ganz anders war als das Milieu, das mich umgab." Aber auch historische Romane und Schilderungen des Lebens russischer Heiligen fesselten sein Interesse. „Beim Lesen französischer Kriminal- und Abenteurerromane verstand ich recht bald, daß es sich, trotz verschiedener Namen und Begebenheiten immer um dasselbe drehte: gute Menschen sind unglücklich und werden von schlechten Menschen verfolgt, die schlechten haben immer mehr Gluck und sind klüger als die guten, jedoch werden die schlechten zum Schluß durcb etwas Unfaßbares besiegt, so daß die guten zuletzt doch triumphieren. Die Liebe, von der Männer und Frauen immer in denselben Ausdrücken sprechen, lanaweilte mich. Diese Eintönigkeit erweckte Zweifel an der Wahrheit des Geschriebenen." Balzacs Roman „Gugeme ©raubet" erschien dem aufgeklärten Jungen „künstlerisch wahr . Balzac wurde bald sein Lieblingsdichter. 1882 nahm der 14jährige Gorki wieder eine Stellung als „Kuchen- niuschik" (wie man die Abwaschkellner nannte) auf einem Wolgadampfer an. Er fing an, in ein dickes Heft Aufzeichnungen und Gedichte niederzuschreiben. Im nächsten Jahr ist Gorki Verkäufer in einem Jkonen- ©eschäft in Nischny-Nowgorod. Bei seinen Wanderungen durch die Stadt lernt er das Leben der Obdachlosen kennen. „Das waren Leute, die vom Leben abgesprungen waren, jedoch schien es, daß sie sich ein eigenes lustiges und unabhängiges Leben geschafft haben. Wenn sie keine Arbeit hatten, stahlen sie Kleinigkeiten. Das konnte mich aber nicht abstoßen — ich sah, daß das ganze Leben voll von Diebstahl war. Dafür konnten diese Leute mit unerhörtem Aufschwung arbeiten, bei Feuersbrünsten, im Hafen, beim Eisgang. Sie lebten überhaupt feierlicher als andere Leute." Zur gleichen Zeit lernte Gorki, der zukünftige Verfasser ergreifender Bllhnenwerke, zum erstenmal das Theater kennen. „Der Straßensänger Klestschoff gab mir den Gedanken, als Statist auf die Bühne zu gehen. Auf halbdunkler Bühne jagte uns, eine Schar von Jungen, ein kleines dickes Männchen mit seinem Stock hin und her. Wir hielten Probe zum Ausstattungsstück „Christoph Columbus". Ich sollte einen Indianer und dann einen Teufel verkörpern. „Krokodile, Totenköpfe, ihr bringt mich um", brüllte der Regisseur. „Sind das Indianer? Sind das Teufel? Bären seid ihr und keine Teufel!" In den Kulissen erschien der Kopf einer beleibten Dame. Mit tiefer Baßstimme fragte sie: „Weißt du denn, wie ein Teufel aussieht?" „Natürlich, mein Schatz, wie Ziegenböcke sehen sie aus. Das geht dich übrigens gar nichts an." Ich dachte, da ich viele Wildwestroman« gelesen hatte, daß ich eine richtige Vorstellung von den Indianers hätte. Trotzdem schrie der Regisseur mich mit wütender Stimme an. An einem Feiertag wurden zwei Vorstellungen gegeben. Die müden Schauspieler waren betrunken, sie waren lustig, spielten für sich, und das Publikum brüllte vor Vergnügen. In der Pause lud^ der total betrunkene Darsteller alle ein, mit ihm zu soupieren. Die Heldin war gleichfalls betrunken. Die Leute heulten wie wilde Tiere. Mich ekelte das ganze an, ich entschloß mich, das Theater sofort zu verlassen. Nur einmal war ich damals als Zuschauer dort, und das genügte mir, um die furchtbare Kraft des Theaters zu fühlen. Ich wollte mich auf die Bühne stürzen, um den Bösewicht umzubringen. Nach der Vorstellung wanderte ich die ganze Nacht im Felde umher. Ein Betrunkener versetzte mir einen Schlag auf den Kopf — ich war gar nicht beleidigt. Im Herbst 1885 siedelte Gorki nach Kasan über in der Hoffnung, dort studieren zu können. Aber auch dort muhte er schwer arbeiten, die Mittel zum Studium konnte er nicht aufbringen und mußte weiter als Gelegenheitsarbeiter und später als Bäckergeselle ein kümmerliches Dasein fristen... Der Spieler. Von F. M. Dostojewskij. Diese interessante Schilderung aus dem Leben eines leidenschaftlichen Spielers entnehmen wir der Meisternovelle des großen Aussen F. M. Dostojewskij, „Der Spieler", die in formvollendeter Aebertragung aus dem Russischen durch 21. D. Braun in der bekannten Novellen- bücherei fürs deutsche Haus im Verlag von Quelle & Weher erschienen ist. 175 Seiten. In Liebhaberband 2 Mk. Es war ein Viertel nach zehn Ahr; ich betrat den Spielsaal in einer so felsenfesten Hoffnung und zu gleicher Zeit in einer Aufregung, wie ich sie noch nie zuvor empfunden hatte. In den Sälen befanden sich noch recht viele Menschen, wenngleich weniger als am Morgen. Don elf Ahr ab bleiben nur noch die eigentlichen, die wahrhaft leidenschaftlichen Spieler bei den Spieltischen sitzen, diejenigen, für die in den Kurorten einzig und allein nur das Roulette existiert, für das allein sie auch nur her gereist kamen, die nur oberflächlich auf alles achtgeben, was um sie her geschieht, sich für nichts während der ganzen Saison interessieren, sondern nur spielen, vom Morgen bis spät in die Rächt hinein, und die gerne die ganze Rächt hindurch bis zum Morgenanbruch spielen würden, wenn's erlaubt wäre. Und wenn der erste Croupier vor dem Schluß, kurz vor zwölf Uhr ausruft: „Les trois derniers coups, messieurs!" so sind sie oftmals bereit, bei diesen drei letzten Schlägen alles aufs Spiel zu setzen, was sie in der Tasche haben, und hier wird dann wirklich auch am meisten verspielt. Ich ging an denselben Tisch, an welchem vorhin die Großmutter gesessen hatte. Das Gedränge war nicht sehr groß, so daß ich mir sehr bald einen Stehplatz verschaffen konnte. Auf dem grünen Tuch, gerade vor mir, stand das Wort „Passe“. „Passe“ ist die Bezeichnung für eine Zahlengruppe von neunzehn bis sechsunddreihig einschließlich. Die erste Gruppe — von eins bis achtzehn — heißt „Manque"; aber was ging das mich an? Ich berechnete gar nicht, ja hörte nicht einmal, auf welche Zahl der letzte Gewinn gefallen war: ich erkundigte mich auch nicht danach, als ich mit Bem Spiel begann, wie jeder nur einigermaßen kombinierende Spieler es getan hätte. Ich nahm meine ganzen zwanzig Friedrichsdor aus der Brieftasche warf und sie auf das vor mir stehende „passe“. „Vingt-deux!“ rief der Croupier. Ich hatte gewonnen und setzte wieder alles, was ich hatte: das eigene Geld, wie den Gewinn. „Trente et un!“ rief der Croupier. Abermals ein Gewinn. Run besah ich schon achtzig Friedrichsdor; da rückte ich das ganze Geld auf die zwölf Zahlen der mittleren Gruppe (ein dreifacher Gewinn, doch zwei Chancen gegen mich), das Rad drehte sich, die Kugel fiel auf vierundzwanzig. Man schob mir drei Rollen, zu je 50 Friedrichsdor, hin und zehn Goldstücke; alles in allem hatte ich nun zweihundert Friedrichsdor. 2ch war wie im Fieber, rückte den ganzen Haufen Geld auf Rot — und kam plötzlich zu mir! And nur dies eine Mal während des ganzen Llbends überlief mich die Angst eisigkalt und rief in Händen und Füßen ein Frösteln hervor. Mit Entsetzen fühlte und verstand ich einen Augenblick, was es für mich bedeuten würde, wenn ich jetzt verlöre! Mein ganzes Leben hing ja an diesem Einsatz! „Rouge!“ rief der Croupier, und ich atmete erleichtert auf; feurige Ameisen liefen mir über den Rücken. Wan zahlte mir den Gewinn in Banknoten aus; ich war also in den Besitz von viertausend Gulden und achtzig Friedrichsdor gelangt. Damals konnte ich noch einigermaßen die Rechnung überblicken. Dann, wie ich mich entsinne, setzte ich zweitausend Gulden wieder auf die mittlere Zahlengruppe und verlor, setzte zum zweiten Wale mein Gold, die achtzig Friedrichsdor, und verlor wieder. Rasende Wut packte mich: ich ergriff die letzten übrig gebliebenen zweitausend Gulden und setzte sie auf die zwölf ersten Zahlen; so — aufs Geratewohl, ohne jede Aeberlegung! Das Gefühl übrigens, welches ich einen Moment lang während der Erwartung hatte, muh wohl demjenigen ähnlich gewesen sein, das Madame Dlanchard empfand, als sie in Paris von ihrem Luftballon auf die Erde hinabstürzte. „Quatre!“ erscholl die Stimme des Croupiers. Zusammen mit dem Einsatz waren es wieder sechstausend Gulden. 3d) schaute schon drein wie ein Sieger, fürchtete schon nichts mehr und warf viertausend Gulden auf Schwarz. Diele Spieler, wohl zehn an der Zahl, beeilten sich, gleich mir auf Schwarz zu setzen. Die Croupiers wechselten miteinander die Blicke und berieten sich. Der Gewinn fiel auf Schwarz. Von nun ab erinnere ich mich schon keiner meiner Kombinationen mehr, auch nicht der Reihenfolge meiner Einsätze. 3ch weih nur noch wie halb im Traum, daß ich schon nahezu sechzehntausend Gulden gewonnen hatte, als ich plötzlich durch drei unglückliche Schläge zwölftausend davon verlor. Nachdem schob ich die letzten viertausend aus passe (ich empfand dabei eigentlich gar nichts mehr, ich wartete nur, ganz mechanisch und ohne Gedanken) und gewann wieder und darauf gewann ich noch viermal hintereinander. Ich weiß auch, daß ich das Geld zu Tausenden einheimste, und dah die Gewinne meistens auf die Zahlen der mittleren Gruppe fielen, denen ich dann eine Zeitlang auch treu blieb. Sie tauchten ganz regelmäßig auf, unbedingt drei- bis viermal hintereinander, blieben dann wohl zweimal aus und kehrten darauf drei- bis viermal von neuem wieder. Diese erstaunliche Regelmäßigkeit tritt mitunter strichweise auf, und das ist es auch, was diejenigen Spieler, die da glauben, die Chancen mit dem DlÄ- stift in der Hand berechnen zu können, so verwirrt. And was für eine grausame 3ronie des Schicksals erlebt man hier häufig! Ich glaube, seit meiner Ankunft war nicht mehr als eine halbe Stunde verflossen. Plötzlich teilte mir der Croupier mit, ich hätte dreihigtausend Gulden gewonnen, und da die Dank für mehr als diese Summe die Verantwortung nicht übernehme, so müsse man das Roulette bis morgen schließen. Ich ergriff all mein Gold, schüttete es mir in die Taschen, steckte auch die Banknoten zu mir und ging an einen anderen Spieltisch im Rebensaal, wo sich ein zweites Roulette befand. Die ganze Menschenmenge wogte hinter mir drein. Dort machte man mir sogleich einen Platz frei, und ich begann wieder zu sehen, ohne zu rechnen, ohne nachzudenken. Was mich gerettet hat, weih ich nicht! . . Hin und wieder kam es übrigens vor, dah in meinem Kopfe irgendein System aufdämmerte. Ich hielt dann an manchen Zahlen und Chancen fest, gab sie aber bald wieder auf und setzte von neuem wie in halber Bewuhtlosigkeit. 3ch muh Wohl sehr zerstreut gewesen sein, denn ich entsinne mich, dah die Croupiers mehrere Male mein Spiel korrigierten. 3ch machte grobe Fehler. Meine Schläfen waren mit Sch weih bedeckt, die Hände zitterten mir. Auch die Polen kamen wieder dienstbereit hinzugeeilt, ich aber hörte auf niemanden. Das Glück blieb mir ununterbrochen treu. Plötzlich vernahm ich rings um mich her laute Gespräche und Gelächter. „Bravo, bravo!“ riefen alle, einige klatschten sogar in die Hände. 3ch hatte auch hier mit einem Gewinn von dreihigtausend Gulden die Dank gesprengt, und sie muhte bis zum nächsten Morgen geschlossen werden. Ich erwachte plötzlich. Wie? Hunderttausend Gulden hatte ich an diesem Abend schon gewonnen? Mehr brauchte ich ja gar nicht. Ich ergriff die Banknoten, stopfte sie mir, ohne zu zählen, in die Taschen, raffte alles, was an Gold und Geldrollen vor mir auf dem Tische lag, zusammen und lief davon. Als ich durch die Säle ging, lachten alle ringsum über meine abstehenden Taschen, über meinen durch die Schwere Goldes unsicheren Gang. 3ch glaube, es war mehr als ein halbes Pud, das ich trug. Mehrere Hände streckten sich mir entgegen; ich gab allen, soviel meine Hand fassen konnte. Zwei Juden hielten mich beim Ausgange an: „Sie haben Mut! Viel Mut!“ sagten sie zu mir. „Aber reisen Sie durchaus morgen früh ab, so früh wie möglich, Sie verlieren sonst wieder alles! ..." Ich hörte gar nicht auf sie. 3n der Allee war es so dunkel, da» man die Hand vor den Augen nicht sehen konnte, und bis zum Hotel war es fast eine halbe Werst. Ich habe nie — auch nicht als ich klein war — Furcht vor Dieben und Räubern gekannt, auch jetzt dachte ich nicht daran. Was mir wegsüber durch den Sinn flog, weih ich übrigens nicht mehr, Gedanken hatte ich jedenfalls keine. Ich hatte nur Die Empfindung einer maßlosen Wonne über den Erfolg, den Sieg oder die Macht, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Auch das Bild Paulinens tauchte sekundenlang vor mir auf, ich war mir. bewußt, daß ich zu ihr gehe, gleich mit ihr zusammentreffen und ihr alles zeigen werbe ... Aber die Erinnerung daran, was sie mir jüngst gesagt hatte und weshalb ich gegangen war, und all das, was ich vor nur anderthalb Stunden empfunden hatte, erschien mir jetzt als etwas längst Vergangenes, als etwas, das bereits abgetan und veraltet war, auf das wir schon nicht mehr zurückkommen würden, denn von nun an mußte ja etwas ganz Reues beginnen. Kurz aber, bevor die 2u!ee zu Ende war, überfiel mich plötzlich die Furcht. Wie, wenn man mich hier jetzt totschlüge und beraubte! Mit jedem Schritt verdoppelte sich diese Furcht in mir. Ich lief fast. Da — am Ende der Allee — strahlend im vollen Glanze seiner unzähligen Lichter, erhob sich vor mir unser HoteL Gott sei gedankt! Ich war zu Hause! Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.