GießeimKnmIienbMer ________Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger 3 ahrgang 1929 Sreitag, den 22. November Hummer 91 Gedanken über -en Tod. Von Theodor D ä u b l e r. Unendlich weit zurück reichen unserer Vorfahren Grabmäler: Vermutungen über ein Weiterleben nach dem Tode sind wahrscheinlicher- wcise fast überall mit religiösem Leben zugleich erwacht. Zuerst hat es also meistenteils einen Totenkult gegeben. Menschen in der großen Natur sind auch heute inneren Einsichten häufig zugänglich; wir können daraus wohl schließen, daß sich kindliche Völker, die hoch veranlagt waren, heiligender Eingebungen erfreut haben. Darauf berufen wir uns immer noch, wenn wir menschliches Urwissen vollkommen ernst zu nehmen gewillt sind. Auch Spuk wird besonders von Kindern und Tieren, und zwar überall auf Erden, gesichtet. Sein Vorhandensein ist unleugbar, «in Gespenst braucht aber keineswegs mit einem Verstorbenen identisch zu sein. Ein Herüberwirken aus dem Jenseits scheint aber ziemlich wahrscheinlich. Vor Erwachsenen in der Vollkraft ihres Lebens, die der Wildnis entrückt sind, tritt Spuk seltener auf; wer vernunftsmäßig urteilen kann, wird seine Weltanschauung schwerlich durch Gespenster-Erscheinungen bestimmen lassen. Der Unsterblichkeitsglaube erhält aus geradem Wege durch göttlichen Einfluß aus die Seele, Förderung aus einer uns unbegreiflichen Welt. Eines fei jedoch ausgesprochen: im Geheimnisvollen entstehen ununterbrochen Verbindungen zwischen unserer beiden Welthälften: der faßbaren und einer glaubwürdigen. Wir gehören in diese ebensowohl, wie in die andere; nur mit verschiedener Blickrichtung. Märchen, Sagen sind Erinnerungen an eine Kindheit, in ter uns die Sinne für eine nunmehr unsichtbare Nachbarschaft im Dasein offener standen. Der Mythos hingegen bleibt gerade dem vernünftigen Menschen ein gegenwärtiger Freund. Unerklärliche Vorgänge finden da, in uns verständlicher Gewandung, ihre Deutung. Das Vertrauen in dis Einsichten großer Religionsstifter und Weiser erhält die Seele rein; gedankliches Abschweifen, aus Wissensdrang um die letzten Dinge, über die Grenzen des Menschlich-Faßbaren, ist meistenteils 'unkeusch, marktschreierisch und verwirrend. Aus diesem Grunde stehe ich fest zu dem mir vom Schicksal zuerteilten Bekenntnis; Sektenbildungen seinen mir unnötig. Der größte Augenblick meines Lebens ist es gewesen, als ich wahrhaftig «in- iah, daß Christi Lehre für uns das höchste Gut eingesetzt hat. Der Heiland wollte sich auf uns verlassen können; wir sollten, ohne tägliche oder nächtliche Beweise, daß es Engel und Teufel gibt, Vertrauen zu höheren Gewalten, die uns nicht von der Seite weichen, besitzen; die guten Geister verschmähen es. sich sinnfällig zu zeigen, die bösen aber sollen ausgetrieben, aus dem Wege geräumt', unspürbar gemacht werden. Denn wir nun scheinbar allein da sind, kommt es darauf an, daß der Glaube unerschütterlich bleibe. Christi Worten und Taten wohnen uner- - Lethe. Bon Conrad Ferdinand Meyer. Jünst im Traume sah ich auf den Fluten Einen Nachen ohne Ruder ziehn, Strom und Himmel stand in matten Gluten Wie bei Tages Nahen oder Fliehn. Saßen Knaben drin mit Lotoskränzen, Mädchen beugten über Bord sich schlank, Kreisend durch die Reihe sah ich glänzen Eine Schale, draus ein jedes trank. Jetzt erscholl' ein Lied voll süßer Wehmut, Das die Schar der Kranzgenossen sang — Ich erkannte deines Nackens Demut, Deine Stimme, die den Chor durchdrang. In die Welle tauchte ich. Bis zum Marke Schaudert' ich, wie seltsam kühl sie war. Ich erreicht' die leise ziehnde Barke, Drängte mich in die geweihte Schar. Und die Reihe war an dir, zu trinken. Und die volle Schale hobest du, Sprachst zu mir mit trautem Augenwinten: „Herz, ich trinke dir Vergessen zu!" Dir entriß in trotz'gem Liebesdrange Ich die Schale, warf sie in die Flut, Sie versank, und siehe, deine Wange Färbte sich mit einem Schein von Blut. Flehend küßt' ich dich in wildem Harme, Die den bleichen Mund mir willig bot. Da zerrannst du lächelnd mir im Arme, Und ich mußt' es wieder — du bist tot. schopslich viele Gründe inne; eine seiner Absichten ist es auch gewesen, unseren Charakter, in scheinbarer Gottverlasstnheit, durch sein Beispiel im Leben, beim Sterben, zu kräftigen. Seliger wäre darum Thoma« gewesen, hätte er schon glauben können, ohne des Heilands Wunde berühren zu müssen! Allen Schwachgläubigen hat der Menschensohn versprochen er wurde ewig bei uns fein. Immer ist, während seines Lebensganges Jesus beim Vater und zugleich in der Welt gewesen: die voll- kommene Einheit ter, nach unserer Wesensart, scheinbar geschiedenen zwei Welthälften, hat sich dadurch dreiunddreißig Jahre lange erweisen können. Es ist ein Schluß der Vernunft, daß, wenn es einen allmächtigen Gott gibt, kein Blatt ohne fein Wissen vom Baum fallen wird. Als Christus das ausgesprochen hat, ist unsere Vernunft geheiligt worden. Sein Kreuzestod durch den er das Leid der Niedrigsten auf sich genommen hat, beweist die Vergebbarkeit aller Sünden: das Herabreichen des Schöpfers bis ins letzt« leidende Geschöpf. Die alle erlösten Wesen zu- sammenfassende Auferstehung überbietet jedoch im voraus jeden früheren oder spateren Pantheismus. Eigentlich tut das jedes Sterben. Auch Tiere und Pflanzen sind darin unpantheistifch: sie vollziehen, undeutlicher, ohne Vorhaben, die Sonderung des Alls in zwei Bestandteile: ten ausgeatmeten Atem Gottes, ter nunmehr, obwohl geschöpft, ohne Erlauchtsein versinken muß, und die im eingezogenen Gotteshauch an des Allvaters Busen heimwärts gewehte Kreatur. Diese Vorstellung ist allerdings indischem Denken und Fühlen entlehnt; sie ist aber nichts desto- weNiger heute allgemein verständlich und widerspricht kaum grundsätzlich dem Christentum. ° 1 Natürlicherweise ist in diesem — aber nur in diesem — Sinne gegen einen Pantheismus, indem Hierarchie anerkannt wird, nichts einzuwen- den: er muß notgedrungen als Theologie in Erscheinung treten. Der wirklichste Mensch ist derjenige, der das Unvergängliche in sich selbst am geradesten, ungeschminktesten in seinem Leben zum Ausdruck bringt! deshalb wird Jesu, des Gottessohnes, Wirksamkeit bis ans Ente ter Tage nicht vergehen. Wer hätte jemals den Menschen besser gekannt als Jesus die Fragen der Welt eindeutiger aufgerollt? Er scheute nicht vor dem Verbrecher zurück: das Urteil über alles Unheil auf Erden war ihm vertraut, darunc kannte er ter Sünde Wesen besser als die damit Belasteten selbst: Er durchschaute Gründe und Zusammenhänge der Wirr- nis vom unverrückbaren Standpunkt des ordnenden Schöpfers aus. Diese vergängliche Welt hat er erleichtert, weil er das Gewicht in die eroig dauernde gelegt hat: aus ihr herüber wirkt das Gewissen und beeinflußt unsere Handlungsweise. Nur was ewig ist, gilt: wir sollen darum von unserem Wesen so wenig wie möglich mit haltlosen Dingen der Umwelt verknüpfen und es dem Vergehen nicht preisgeben. Wer ver ^hristum liebt, in ihm ten reichsten Spender erkennt, könnte an ter Unsterblichkeit zweifeln? Er hat sie uns durch Wort versprochen durch seine Taten vergegenwärtigt. Vieles von uns bleibt, hier in den Körper eingeschlossen, unbewußt. Cs gibt Männer in Indien, die behaupten, ihres Körpers täglichen Auf- und Abbau, ja, von Kindheit an, des ganzen Leibes Wachstum, dann Verfall schauen zu können. Sie wären also für sich bewußt an ter Schöpfung teilhaftig. Für uns gelte: das ge- te'me Geschehen in ter Seel« mag in ihrer Heimat klar erscheinen! Vielleicht sollen die göttlichen Einflüsse, die wir jetzt nur ahnen, dann vor dem inneren Lichte deutbar, weil kenntlich geartet hervortreten. Die höheren Erri'.ngenschaften um uns könnten dann nicht verhüllt bleiben. Die tiefften Verzückungen werden lebendig strahlen. Die Auswirkungen unseres Tuns hier mögen dann verblassen: oft sind di« Folgen gut gemeinten Tuns auf Erden verhängnisvoll; von Engeln aber heißt es, sie sähen bloß die Gesinnung. Jede Veraulasiung zu menschenwürdiger Handlungsweise verschwindet aber, weil sie aus himmlischem Boni gespeist worden ist, in der Sicht eines im Jenseits Geborgenen nie. lieber ein Leben nach dem Tote steht in ten Evangelien viel geschrieben; wie es geartet sein wird, aber nur selten etwas: wir sollen zu einem christlichen Leben Vertrauen in den Heiland mitbringen! Unser Zeitalter, das konkrete Dinge zu erfahren wünscht, fühlt sich aus diesem Grunde vielfach von Theosophie und anderen Lehren, die auf des Inters Wissen beruhen, angezogen; denn da wird dem Suchenden viel über die letzten Dinge berichtet. Unsere Seelenverfassung ist aber von ter indischen so ausgesprochen verschieden, daß wir zweifeln können, ob das, was auch dort Symbol bleiben muß, von Nordländern wirklich erfaßt werden kann. Beispielsweife wird die Vorstellung von einer oder wiederholten Wiedergeburten hier zu buchstäblich ausgenommen. Es heißt doch, daß die Inder selbst, allerdings in ihrer Esoterik, an persönliche Wiedergeburten nicht glauben. Das bleibe jedoch Angelegenheit des Jndienforschers! Jedenfalls aber scheut« der Buddhist die Reinkarnationen, trachtet er ihnen, durch Zurückgezogenheit vom Leben, nach Tunlichkeit zu entgehen; unser« Theosophen hingegen fassen diese Doktrin optimistisch, somit unindisch auf: voll von Begeisterung, sind sie gewillt, noch manches irdische Dasein auf sich zu nehmen. Im Abendland haben die Priesterschaften den Ansichten über das Leben nach dem Tode freieren Spielraum gelassen. So konnten die Dichter, ohne ketzerisch zu erscheinen und Einengungen zu erfahren, ihre vielfältigen Einbildungen malten lassen. Bei den Griechen scheint, bis in hellenistische Zeit, die Vorstellung, daß ein Leben im Jenseits minder beglückend verlaufen müsse als während unseres Aufenthaltes unter der Sonne oder Sternen, vorgeherrscht zu haben. Besonders in späteren Zeiten haben Griechen scharenweise, durch ihre Einweihung in Mysterien, beispielsweise zu Eleusis, die Ueberzeugung gewonnen, daß sie nach dem Tode bestimmt sortleben würden: und zwar in einem gehobeneren Bewußtseinszustand. Im christlichen Mittelalter sind Freude aufs Himmelsreich, Angst vor der Hölle sehr ausgesprochen gewesen. Ein Dichter, Dante, der über die anderen Welten herrlich gesungen hat, galt vielfach als Seher wahrhafter Reiche, in die wir eingehen müssen. Im Norden müssen die Visionen eines Swedenborg aus der anderen Welt vor allen anderen ernst genommen werden: er ist ein bedeutender Gelehrter gewesen, und man hat unanfechtbare Berichte über seine außergewöhnlichen okkulten Fähigkeiten feststellen und bezeugen können. Halten wir uns daran, daß unser Stern, wenn er auch nicht der einzig bewohnte sein muß, doch ein zuhöchst erlesener ist. Die christliche Lehre spricht uns von des Schöpfers unendlicher Liebe zu feiner irdischen Kreatur. Wir wissen nur von seinem Sohne, daß er auf Erden als Mensch wie wir zur Welt gekommen ist. Was er uns versprochen hat, kann nur zutiefst Wahrheit sein. Das Seemannsgrab im Mein. 1 Von Heinz Steg »weit. Genau so hat es sich zugetragen, es steht alles in den Akten der Wasserpolizei, nur die Lösung des Mirakels blieb ein Familiengeheimnis: Um die Herbstwende von 1887 hatte der Obstkahn Sankta Maria am Kunibertsufer von Köln Anker geworfen, um den ganzen Schiffsbauch voll Aepfel und Trauben nach und nach auf den Markt zu bringen. Das Rheinwerft roch hier festlich nach Most, so daß jeder Spazier- Slänger sich wunderte, warum allein die Schiffersleute dieses Obstbootes o traurige Gesichter machten. Man erfahre den Grund: In der Wohn- kajüte lag nämlich der alte Derk ten Vondelaer im Sterben, ein greiser Mann, der über ein Lebensalter lang die Sankta Maria zur Zeit der Aepfelernte und Traubenlese vom Oberrhein bis zur holländischen Niederung gesteuert hatte. Und nun konnte er nicht mehr, der Fünfundsiebzigjährige lag gelb und wächsern in seinem Bett, am Kopfende rauchten zwei Sterbekerzen, am Fußbrett knieten die Rosenkranzjungfern. Alle waren sie um ihn versammelt: der Sohn, die Tochter, die schluchzende Ehefrau und der Pfarrer von Sankt Kunibert. Und Derkt ten Vondelaer, vom Schlagfluß mächtig ins Gehirn getroffen, reckte sich stöhnend auf, er wollte sein Testament unter Zeugen verkünden: das sagte er denn stockend und mit erlöschenden Augen: Ich hab' immer ein richtiger Seemann werden wollen, aber der Rhein hat mich festgehalten. 75 Jahre lang. Der Kahn gehört meiner Familie, das Obst müßt ihr verkaufen, bevores faul und patschig wird — mich selber aber sollt ihr mitten im Rhein versenken, dann habe ich wenigstens ein Grab, das dem des richtigen Seemanns ähnlich ist...!" Der Pfarrer wollte dem sterbenden Schiffer das noch ausreden, gütig und mit streichelnder Hand, aber der Alte war schon hinübergefallen, sein Mund stand zuckend offen, als wollte er noch einmal Luft holen: kurzum: Derk ten Vondelaer, der greise Besitzer der Sankta Maria, war tot, sein Testament mußte erfüllt werden, draußen wurde das kleine Fähnchen pietätvoll halbmast gehißt. Da hatte die Familie ihre Sorgen: „Ist das christlich, Herr Pfarrer? Darf das angehen? Einen Toten ins Wasser zu werfen?" Der Gottesmann hob die Schultern: „Tja, richtige Seeleute werden eingesegnet und versenkt, aber ein Traubenschiffer vom Rhein...?" Köln war damals noch eine Stadt, die sich um den Schmerz des einzelnen kümmern konnte. So kam es, daß am andern Morgen schon viele Frauen und Männer am Kunibertsufer standen, das ganze Obst von der Sankta Maria zu kaufen. Diese armen, trauernden Schisfersleute sollten ihr Geld flüssig kriegen, sie hatten doch einen Sarg zu bezahlen, ein Totenhemd und einen Kranz, sie hatten auch noch Schulden beim Doktor und in der Apotheke. — Aber noch jemand fand sich auf dem Deck des hölzernen Obstnachens ein, und das war die strenge Polizei. Warum? Zunächst stammte der tote Derk ten Vondelaer aus Wefel; wehe dem also, der seine Leiche in Köln zu begraben wagte! „Wir wollen ihn ja gar nicht in Köln begraben", meint« Jupp ten Vondelaer, der Sohn des Verstorbenen, und die Mutter pflichtet« ihm ebenso wacker bei, wie es die Schwester Katharine tat. „Jaa", wieherte der Polizist und zwirbelte seinen Schnurrbart an den Ecken hoch, „jaaaa, bat wissen wir, wo aber wollt ihr ihn denn bejraben?" „Im Rhein", sagte Jupp, „mitten im Rhein, so steht es im Testament, der Pfarrer hat es ausdrücklich ausgeschrieben!" Der Unwille des Polizisten wundert uns nicht. Ja, wir billigen ihn sogar. Man bedenke: Ein Strom, der durch Städte und Wiesen flieht, ist kein Meer. Wohin sollte es führen, wenn jeder sein Toten dem Rheinwasser anvertraute wie die braven Hindus dem Ganges? Heute oder morgen würde der Fluß seinen Sarg ans Ufer spülen, und dann? „Nee, liebe Leute, bat jetzt nid)", meinte ber Polizist, „bat machen wir nich, bazu jede ich im Namen des Königs und der Strombauverwaltung nich die diesbezügliche Jenehmijung!" Jupp ten Vondelaer wurde rot und blau vor Wut, stampfte mit dem Stiefel aufs Schiff und schrie den Polizisten an: „Ich tu, was der selige Vater will, damit basta!" Die Mutter, die heulend dabei stand, trocknete jetzt ihre Tranen mit ber Schürze ab; diese Frau war stolz! Stolz auf ihren Sohn, stolz auf den Jupp, der den harten Dickschädel seines Vaters geerbt hatte. Der arme Derk, der immer ein richtiger Seemann sein wollte, der aber 75 Jahre lang nur über den Rhein plätschern durfte — also der Tote sollte sein Grab im Wasser haben? Gegen den Willen der Polizei? — Wundervoll! Mittlerweile war der Gendarm in die Stadt zurückgegangen, nachdem er alles genau in sein amtliches Notizbuch geschrieben hatte. Indessen halfen Katharine und die blasse Witwe ihrem Jupp, den schweren Sargdeckel Über den Vater zu legen; sechs eiserne Schrauben wurden angezogen, bis sie knackten. „So. Schluß. Den kriegt keiner mehr auf", knirschte Jupp, er hatte seinen fertigen Plan. Aber die Polizei war nicht so dumm und so nachgiebig, wie die Schiffersleute gehofft hatten. Kaum war es dunkler Abend geworden, kaum hatte sich der herbstliche Fluß mit kalten Nebelwolken eingeschleiert, als ein Kommando von drei Gendarmen an Bord der Sankta Maria erschien, just in dem Augenblick, da Jupp den Anker heimlich zur Fahrt hochdrehen wollte. Und was sagten die Polizisten von 1867? „Seid vernünftig, liebe Leute, jetzt den Sarg raus, wir laden ihn in einen kleinen Nachen und fahren ihn runter nach Wesel, ba ist ein anstänbiger Friedhof!" Jupp unb bi« Frauen sahen grollend ein, daß sie gehorchten mußten. Sie öffneten also die Wohnkajüte, sie machten auch den kleinen Nachen am Heck los: „In Gottes Namen, rudert den Vater nach Wesel!" „Einer darf mitfahren von euch", meinten die Gendarmen, „aber nur einer, cs sehen bloß vier Mann in den Nachen, denn der Sarg nimmt viel Raum weg!" Da entschloß sich Jupp dem Toten das letzte Geleit zu geben; der Abschied kostet« noch einige Tränen, sonst aber blieb man tapfer. Bald war der kleine Nachen in Nebel und Finsternis verschwunden. Der Sarg stand brav auf dem inneren Kiel, über dem Deckel lag ein Kranz aus Herbstlaub und Aftern. Die Polizisten ruderten, Jupp hockte schweigend am Steuer, kalt war es, wann würden sie wohl ankommen? Bis Wesel war eine gute Strecke, na, die Polizei muhte es ja wissen. Eine Stunde ging so dahin, die zweite wurde angebrochen, da geschah etwas Seltsames: Jupp, der den Sarg des Vaters traurig betrachtet, tarn plötzlich auf den Gedanken, zum allerletzten Abschied noch einmal an den Deckel zu klopfen. Und da stockfinstere Nacht war und da ferner einer der Polizisten die unheimlichsten Spukgeschichten von toten Menschen erzählt hatte, so daß die Gemüter allemal voll wallender Aufregung waren, l)atte jeder das Klopfen gehört, so gespensterhaft und laut, als könne es nur von innen gekommen fein! Die Folge war, daß die Männer erschrocken ihre Ruherholme fahren ließen und flink auf einer Seite des Nachens frierend zusammenkrochen; die weitere Folg« war, daß das schwache Fahrzeug gegen diese «inseitige Belastung rebellierte unb --kenterte! Der Sarg poltert« ins Wasser, taucht« sofort unter, Jupp unb bie Genbarmen schwammen entsetzt ans Ufer, bei Zons krabbelten sie wie nasse Frösche auf ben Sanb. Ein barmherziger Wirt nahm sie in feine Wohnung auf, dort stand ein warmer Ofen, dort gab es auch Schnaps unb leihweise trockene Kleider. Jupps Gewissen war nicht rein, aber durst« er sich verraten? Nein, er stierte zähnklappernd vor sich hin wie die armen Gendarmen; unb er hatte nichts eingumenben, als bie Polizisten mit frommem Gruseln sagten: ‘ „Man soll hoch nie etwas gegen den Willen ber Toten tun!" Derk ten Vondelaers Sarg blieb bis heute ungefunden, nur hinter Emmerich fischten holländische Beamte einen herbstlichen Asternkranz aus dem Rhein, denn ohne Zollgebühren dürfen Blumen nicht über bie Grenze. Mutter ten Vondelaer aber wurde jetzt noch stolzer auf ihren Jupp, Schwester Katharine nicht minder, denn das spukhafte Klopfen war ihnen kein Geheimnis geblieben, der tote Vater hatte feinen Willen, Gott hab' ihn selig! Der Tod im Volkslied. Von Dr. Hedwig F i s ch m a n n. Aus dem vielstimmigen Rauschen und Raunen, mit dem des Volkslieds ewig junger Quell durch die Jahrhunderte strömt, klingen, zauber- gewaltiger als alle andern, zwei Melodien in immer neuem, machtvollen Anschwellen: hell unb jubelnd die eine, dunkel unb schicksalschwer die zweite: bi« Weisen vom Lieben unb Sterben, von reichster Daseins- erhöhung und bitterer Todespein. Aeußerste Pole menschlicher Lebensentfaltung unb doch beide gleich geliebt von dem Volkslied und oftmals zufammentönend in ihm zu einem vollen und tiefen Akkord. Aber unpathetisch und ohne übermäßigen Gefühlsanfwand erklingen sie beide, wie es des schlichten Mannes.Art ist, sich ihnen gleich Naturgewalten zu beugen. Wie in dem heldischen Volksepos von der Nibelungen Not Kriemhilds unb Siegfrieds heiß loderndes Liebesglück umschlägt in Todes- kampf unb Todesnot unzähliger tapferer Ritter und Mannen, so durchmißt auch das Volkslied gern in feiner enger bemessenen Spannweite ben Schicksalsweg von Liebeslust zum Leide, zu jenem bittersten Scheiden unb Meiden, das kein Wiedersehen kennt. Ob es von ber klassischen Liebespaare, von Heros unb Leanders, von Pyramus unb Thistzes dunkelm Ende kündet ober von all ben tausend Namenlosen in Schlössern und Hütten, unter ber Linde ober am Wegesrain erzählt, deren Brautbett das kühle Grab geworden, immer tönt gleich ergreifend die schmerzvoll« Grundmelodie: . „Und der uns scheibet, das ist der Tob, ab«! Ja Scheiden und Lassen tut weh!" Weher noch, wenn es die Untreue des geliebten Mannes oder Mädchens ist, die dem Tode den Weg bereitet, wie in dem auch heute noch uxnt verbreiteten, von Goethe zuerst im Elsaß für Herder ausgezeuh- neten Sieb vom „Ritter und der Maid", in dem die verlassens Jungfrau den ungetreuen Liebhaber im Tode nach sich zieht, das aber dennoch den mild versöhnenden Ausklang findet: „Man legt' den Ritter zu ihr in Sarg, Begrub sie wohl unter die Linde; Da wuchsen nach drei Vierteljahren Auf ihrem Grab drei Lilien." Aber Treue bis über den Tod hinaus, Trauer um den Verlorenen, „bis alle Wasser Zusammengehen", d. h. bis in alle Ewigkeit, und „den Leuten zum Possen, dem Tode zum Trutz", das ist der reichste Ruhmes- kranz, den das Volkslied am Grabe des toten Geliebten niederzulegen weih. Und daß dabei — genau so wie im Leben — Liebe nicht nach Verdienst oder Schuld fragt, daß die Blume Treue auch über des Treulosen Hügel erblüht, davon zeugt das ergreifende Lied von der „Nonne", die dem toten Grafen, obgleich er sie schnöde verlassen und hinter Klostermauern getrieben, mit ihren schneeweißen Händen selbst das letzte Bett bereitet und aus ihren schwarzbraunen Augen das Weihwasser spendet. Um der Treue zu seiner Braut willen verweigert Herr Olof Erlenkönigs Tochter den Tanz und erleidet den tödlichen Schlag beim nächtlichen Ritt durch den Wald. Oftmals auch lauert der Knochenmann ungesehen schon als der Dritte im Bunde der Liebenden, sich des leicht entsesselten Schwertes des eifersüchtigen Knaben oder Gatten zu seinem blutigen Werk bedienend. So laufen, eng miteinander verflochten, die beiden tiefroten Fäden der Liebe und des Todes durch des Volkes Weifen. Doch mit dem lebenbejahenden, erdverwurzelten Daseinsgefühl, das seinen Ursprung verrät, sträubt sich das Volkslied gegen den Alles- bezwinger Tod. „Sterben ist harte Pein," klagt es, und sieht in ihrem Urheber den „grimmigen" Feind, den nicht nur die Kinder der „Herzogin von Orlamünde" durch angeboten« Geschenke gnädig zu stimmen und abzuwenden trachten; auch der unschuldig den Tod auf dem Hochgericht erleidende junge Knabe fleht beweglich in heißer Lebenssehnsucht: „Ach meine Augen verbindet mir nicht, Ich muß die Welt anschauen, Ich sehe sie heut — und nimmermehr, Mit meinen schwarzbraunen Augen." Und aus dem Geiste dieser menschlichen Vernichtungsfurcht sind die Gestalten geboren, in denen der Tod durch das Volkslied schreitet. Da beschleicht er das Mädchen im Blumengarten als ein gar erschrecklicher Mann, ohne Kleider, Fleisch, Blut und Haare, farblos verblichen und verdorrt, der, taub für alle Bitten, mit der ©enfe, seinem Wappenzeichen, an eines jeden Tür klopft. Mit grimmige.r Wollust schildert er die Schrecken der drohenden Verwesung, wie sich ja das Volkslied auch sonst in Grausamkeiten bei der Ausmalung der Todesqualen gefällt; so wenn es den Bremberger in der oft behandelten Märe vom „Herzessen" wie einen Fisch zu Riemen schneiden und sein Herz von der geliebten Frau verzehren läßt oder die Ermordung des jungen Königs Ladislaus mit all ihren gräßlichen Einzelheiten ausmalt. Aber auch die starke Naturverbundenheit des Volksliedes kommt deutlich in den Bildern zutage,, die es sich vom Tode macht. Da schmilzt ihm seine Gestalt in den Fruhlingsbräuchen und Frühlingsliedern des Todaustreibens zusamen mit dem grimmen Winter. Dann wieder wird er ihm, Leben gewinnend aus dem Umkreis des eigenen ländlichen Daseins zum Jäger, dessen Horn niemand entrinnen kann, oder zum Schnitter Tod, dem vom höchsten Gott Gewalt gegeben über all die schönen Blümelein. Er wetzt nur (ein Messer, und: „Was heut noch grün und frisch dasteht, Wird morgen schon hinweggemäht." Aber trostreich klingt dieses „Erntelied" in der Hoffnung aus die Versetzung der Dahingemähten in den himmlischen Garten aus. In ähnlicher Weise wird in dem Liede von der Fllrstentochter Tod die unbarmherzig zufassend« Gewalt in einem groben Bauern symbolisiert, der mit Pflugschar zwischen die lachenden Blumen fährt und sie entwurzelt, daß sie hinsterbend die Köpfe neigen, und zugleich in einem des Wegs daherkommenden Wandersmann, der feine gierige Hand nach der frischen Blume ausstreckt, indessen er die halbverwelkte verschmäht. Gleich den packenden Totentänzen, an denen die bildende Kunst so reich ist, kennt auch das Volkslied dies« sinnfällige Darstellung der alles gleichmachenden Gewalt des den Reigen anführenden Knochenmannes: „Nun schick dich, Mägdlein, schick dich, Du mußt mit mir an Tanz! Ich will dir bald aufsetzen Ein wunderschönen Kranz," lockt spottend der seiner Macht Bewußte; denn all«, alle, wie unwillig sie sich auch gebärden mögen, müssen seinem Reigen folgen: der König mit seinem Hausgesinde, Frau wie Mann, und selbst das zarte Kindlein zieht er schonungslos aus der Wiege hervor. Es ist, als wolle sich hier die Phantasie des Volkes in der Ausmalung des die gesamte Menschheit umschlingenden Totenreigens Genüge tun für die nicht aus der Welt zu schaffenden sozialen Ungleichheiten des Lebens. Aber einem schaurigen Widerspiel dieser Totentanz«, wenngleich nur beschränkt auf eine Klasse, ist jene mit grandioser Wucht geschilderte „Reveille" vergleichbar, da der tote Tambour noch einmal durch seinen Trommelwirbel die stillen Brüder erweckt und mit ihnen vereint den Feind schlägt, um bann dem Tode auf ewig zuzugehören: „Da stehen morgens die Gebeine In Reih und Glied wie Leichensteine, Die Trommel steht voran, Tralali, Tralalei, Tralala!" Es scheint, als habe es das Sterben auf dem Schlachtfeld, als der „seligste Tod" in der Welt, dem Volkslied ganz besonders angetan. Hier, und vielleicht nur hier, erscheint er nicht als der grimme Feind, sondern als ein mild mahnender Freund, mit dessen Ruf, wann immer er erschallt, sich jeder Soldat wie mit einem an ihn ergangenen Befehl abfindet. In diesen ernsten und festen Tönen klingt der „Husarenglaube" fast fröhlich aus. Nur vor dem rühm- und ehrlosen Ende des Deserteurs erlischt der verklärende Glorienschein des Soldatentodes, nicht aber das warme Mitgefühl. Hier findet das Volk in feinen Weisen trotz aller herben Zurückhaltung ergreifende Töne der Menschlichkeit, wie für jenen Schweizer, den „zu Straßburg auf der Schanz" der Klang des heimischen Alphorns verführte und der nun statt um sein Leben nur um ein schnelles End« bittet, oder für den armen Tambougesellen, dem so maßlos vor dem ihm bestimmten hohen Haus, dem Galgen, graut und der doch mit heller Stimme von den Kameraden und Offizieren den ewigen Urlaub nimmt. So begleitet das Volkslied des Menschen Ausgang aus dieser Welt mit feinen alles verstehenden Tönen und schlingt durch seinen reichen vollblühenden Kranz neben den heißglühenden Rosen als gleichberechtigte Schwesterblüte die süß betäubende Totenblume Rosmarin. Schnitter Tod. Alte Volksweise. Es ist ein Schnitter, heißt der Tod, Hat Gewalt vom großen Gott; Heut wetzt er das Messer, Es schneid't schon viel besser, Bald wird er dreinschneiden. Wir müssen's nur leiden. Hüte dich, schön's Blümelein! Was heute noch grün und frisch bastelst, Wird morgen schon hinweggemäht: Die edel Narzisse!, Die englische Schlüssel, Die schön' Hyazinthen, Die türkischen Binden. Hüte dich, schön's Blümelein! Er macht so gar kein'n Unterschied, Geht alles in einem Schnitt, Der stolze Rittersporn Und tölumen im Korn, Da liegen’s beisammen, Man weiß kaum die Namen: Hüte dich, schön's Blümelein! Trutz! Tod, komm her, ich fürcht' dich nit. Trutz! Komm her und tu ein’n Schnitt. Wenn er mich verletzet. So werd' ich versetzet. Ich will es erwarten, In den himmlischen Garten, Freu dich, du schön's Blümelein! ' Oer arme Spielmann. Erzählung von Franz Grillparzer. lFortsetzung.) Ich war heftig erzürnt und wollte ihm eben antworten, daß ich, mit seiner Erlaubnis, vom Gegenteile Überzeugt sei, als ich bemerkte, daß er bereits in sein Zimmer zurückgegangen war, weshalb ich mich faßte und ebenfalls an meinen Schreibtisch ging. Doch ließ er sich feit dieser Zeit nicht nehmen, daß ich ein liederlicher Beamter und ein ausschweifender Mensch sei. Ich konnte auch wirklich desselben und die barauffolgenben Tage kaum etwas Vernünftiges arbeiten, so ging mir das Lied im Kopfe herum, und ich war wie verloren. Ein paar Tage vergangen, wußte ich wieder nicht, ob es schon Zeit sei, die Noten abzuholen oder nicht. Der Organist, hatte das Mädchen gesagt, kam in ihres Vaters Laden, um Muskatnuß zu taufen; die konnte er nur zu Bier gebrauchen. Nun war seit einiger Zeit kühles Wetter und daher wahrscheinlich, daß der wackere Tonkünstler sich eher an den Wein halten und daher so bald keiner Muskatnuß bedürfen werde. Zu schnell anfragen schien eine unhöfliche Zudringlichkeit, allzu langes Warten konnte für Gleichgültigkeit ausgelegt werden. Mit dem Mädchen auf dem Gange zu sprechen, getraute ich mir nicht, da unsere erste Zusammenkunft bei meinen Kameraden ruchbar geworden war und sie vor Begierde brannten, mir einen Streich zu spielen. Ich hatte inzwischen die Violine mit Eifer wieder aufgenommen und übte vorderhand das Fundament gründlich durch, erlaubte mir wohl auch von Zeit zu Zeit, aus dem Kopfe zu spielen, wobei ich aber das Fenster sorgfältig schloß, da ich wußte, daß mein Vortrag mißfiel. Aber wenn ich bas Fenster auch öffnete, bekam ich mein Sieb doch nicht wieder zu hören. Die Nachbarin tfang teils gar nicht, teils so leise und bei verschlossener Türe, daß ich nicht zwei Töne unterscheiden konnte. Endlich — es waren ungefähr drei Wochen vergangen — vermochte ich's nicht mehr auszuhalten. Ich hatte zwar schon durch zwei Abende mich auf die Gasse gestohlen — und das ohne Hut, damit die Dienstleute glauben sollten, ich suchte nur nach etwas im Hause — so oft ich aber in die Nähe des Grieslerladens kam, überfiel mich ein fo heftiges Zittern, daß. ich umkehren mußte, ich mochte wollen oder nicht. Endlich aber — wie gesagt — konnte ich's nicht mehr aushalten. Ich nahm mir ein Herz und ging eines Abends — auch diesmal ohne Hut — aus meinem Zimmer die Treppe hinab und festen Schrittes durch die Gaffe bis zu dem Grieslerladen, wo ich vorderhand stehen blieb und überlegte, was weiter zu tun fei. Der Laden war erleuchtet, und ich hörte Stimmen darin. Nach einigem Zögern beugte ich mich vor und lugte von der Seite hinein. Ich sah bas Mädchen hart vor dem Ladentische am Lichte sitzen und in einer hölzernen Mulde Erbsen ober Bohnen lesen. Vor ihr stand ein derber, rüstiger Mann, die Jacke über die Schulter gehängt, eine Art Knüttel in der Hand, ungefähr wie ein Fleischhauer. Di? beiden sprachen, offenbar sn guter Stimmung, denn das Mädchen lachte einigemal« kaut auf, ahn? sich aber in ihrer Arbeit zu unterbrechen oder auch nur aufzusehen. War es meine gezwungene vorgebeugte Stellung oder was sonst immer, mein Zittern begann wieder zu kommen: als ich mich plötzlich von rückwärts mit derber Hand angefaßt und nach vorwärts geschleppt fühlte. In einem Nu stand ich im Gewölbe, und als ich, losgelassen, mich umschaute, sah ich, daß es der Eigentümer selbst war, der, von auswärts nach Hause kehrend, mich auf der Lauer überrascht und als verdächtig angehalten hatte. „Element!" schrie er, „da sieht man, wo die Pslaumen hinkommen und die Handvoll Erbsen und Rollgerste, die im Dunkeln aus den Auslagkörben gemaust werden. Da soll ja gleich das Donnerwetter drein schlagen!" Und damit ging er auf mich los, als ob er wirklich dreinschlagen wollte. Ich war wie vernichtet, wurde aber durch den Gedanken, daß man an meiner Ehrlichkeit zweifle, bald wieder zu mir selbst gebracht. Ich verbeugte mich daher ganz kurz und sagte dem Unhöflichen, daß mein Besuch nicht seinen Pflaumen oder seiner Rollgerste, sondern seiner Tochter gelte. Da lachte der in der Mitte des Ladens stehende Fleischer laut auf und wendete sich, zu gehen, nachdem er vorher dem Mädchen ein paar Worte leise zugeflüstert hatte, die sie, gleichfalls lachend, durch einen schallenden Schlag mit der flachen Hand auf seinen Rücken beantwortete. Der ©rieslet gab dem Weggehenden das Geleit zur Türe hinaus. Ich hatte derweil schon wieder all meinen Mut verloren und stand dem Mädchen gegenüber, die gleichgültig ihre Erbsen und Bohnen las, als ob das Ganze sie nichts anginge. Da polterte der Vater wieder zur Türe herein. „Mordtausendelement noch einmal," sagte er, „Herr, was soll's mit meiner Tochter?" Ich versuchte, ihm den Zusammenhang und den Grund meines Besuches zu erklären. „Was Lied?" sagte er, „ich will euch Lieder fingen!" wobei er den rechten Arm sehr verdächtig auf und ab bewegte. „Dort liegt es", sprach das Mädchen, indem sie, ohne die Mulde mit Hülsenfrüchten wegzusetzen, sich samt dem Sessel seitwärts überbeugte und mit der Hand auf den Ladentisch hinwies. Ich eilte hin und sah ein Notenblatt liegen. Es war das Lied. Der Alte war mir aber zuvorgekommen. Er hielt das schöne Papier zerknitternd in der Hand. „Ich frage,“ sagte er, „was das abgibt? Wer ist der Mensch?" — „Er ist ein Herr aus der Kanzlei", erwiderte sie, indem sie eine wurmstichige Erbse etwas weiter als die andern von sich warf. „Ein Herr aus der Kanzlei?" rief er, „im Dunkeln, ohne Hut?" Den Mangel des Hutes erklärte ich durch den Umstand, daß ich ganz in der Nähe wohnte, wobei ich das Haus bezeichnete. „Das Haus weiß ich", rief er. ,„Da wohnt niemand drinnen als der Hofrat" — hier nannte er den Namen meines Vaters — „und die Bedienten kenne ich alle." — ,Hch bin der Sohn des Hofrats", sagte ich, leise, als ob’s eine Lüge wäre. — Mir sind im Leben viele Veränderungen vorgekommen, aber noch keine so plötzliche, als bei diesen Worten in dem ganzen Wesen des Mannes vorging. Der zum Schmähen geöffnete Mund blieb offen stehen, die Augen drohten noch immer, aber um den untern Teil des Gesichtes fing an eine Art Lächeln zu spielen, das sich immer mehr Platz machte. Düs Mädchen blieb in ihrer Gleichgültigkeit und gebückten Stellung, nur daß sie sich die losgegangenen Haare, fortarbeitend, hinter die Ohren zurückstrich. „Der Sohn des Herrn Hofrats?" schrie endlich der Alte, in dessen Gesichte die Aufheiterung vollkommen geworden war. „.Wollen Euer Gnaden sich’s vielleicht bequem machen? Barbara, einen Stuhl!" Das Mädchen bewegte sich widerwillig auf 'bem ihren. „Nu, wart, Tuckmauser!" sagte er, indem er selbst einen Korb von feinem Platze hob und den darunter gestellten Sessel mit dem Vortuche vom Staube reinigte. „Hohe Ehre", fuhr er fort. „Der Herr Hofrat — der Herr Sohn^wollt' ich sagen, praktizieren also auch die Musik? Singen vielleicht wie meine Tochter, ober vielmehr ganz anders, nach Noten, nach der Kunst?" Ich erklärte ihm, daß ich von Natur keine Stimme hätte. „Oder schlagen Klavizimbel, wie die vornehmen Leute zu tun pflegen?" Ich sagte, daß ich die Geige spiele. „Habe auch in meiner Jugend gekratzt auf der Geige", rief er. Bei dem Worten Kratzen blickte ich unwillkürlich auf das Mädchen hin und sah, daß sie ganz spöttisch lächelte, was mich sehr verdroß. „Sollten sich des Mädchens annehmen, heißt das in Musik", fuhr er fort. „Singt eine gute Stimme, hat auch sonst ihre Qualitäten, aber das Feine, lieber Gott, wo soll's Herkommen?" wobei er Daumen und Zeigefinger der rechten Hand wiederholt übereinander schob. Ich war ganz beschämt, daß man mir unverdientermaßen so bedeutende musikalische Kenntnisse zutraute, und wollte eben den wahren Stand der Sache auseinanber- setzen, als ein außen Vorübergehender in den Laben hereinrief: „Guten Abend alle miteinander!" Ich erschrak, denn es war die Stimme eines der Bedienten unseres Hauses. Auch der ©riesler hatte sie erkannt. Die Spitze der Zunge vorschiebend und die Schulter emporgehoben, flüsterte er: „Waren einer der Herren Bedienten des gnädigen Papa. Konnten Sie aber nicht erkennen, standen mit dem Rücken gegen die Türe." Letzteres verhielt sich wirklich so. Aber das Gefühl des Heimlichen, Unrechten, ergriff mich qualvoll. Ich stammelte nur ein paar Worte zum Abschied und ging. Ja selbst mein Lied hätte ich vergessen, wäre mir nicht der Alte auf die Straße nachgesprungen, wo er mir's in die Hand steckte. So gelangte ich nach Hause, auf mein Zimmer, und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Und sie blieben nicht aus. Der Bediente hatte mich dennoch erkannt. Ein paar Tage darauf trat der Sekretär meines Vaters zu mir auf die Stube und kündigte mir an, daß ich das elterliche Haus zu verlassen hätte. Alle meine Gegenreden waren fruchtlos. Man hatte mir in einer entfernten Vorstadt ein Kämmerlein gemietet, und so war ich denn ganz aus der Nähe der Angehörigen verbannt. Auch meine Sängerin bekam ich nicht mehr zu sehen. Man hatte ihr den Kuchenhandel auf der Kanzlei eingestellt, und ihres Vaters Laden zu betreten, konnte ich mich nicht entschließen, da ich wußte, daß es dem meinigen mißfiel. Ja, als ich dem alten ©riesler zufällig auf der Straße begegnete, wandte er sich mit einem grimmigen Gesichte von mir ab, und ich war wie niebergebonnert. „Es sollte aber noch schlimmer kommen. Das Glück unseres Hauses ging abwärts. Mein jüngster Bruder, ein eigenwilliger, ungestümer Mensch, Offizier bei den Dragonern, mußte eine unbesonnene Wette, infolge der er, vom Ritt erhitzt, mit Pferd und Rüstung durch die Donau schwamm — es war tief In Ungarn — mit dem Leben bezahlen. Der ältere, geliebtefte, war in einer Provinz am Ratstisch angeftettt. In immerwährender Widersetzlichkeit gegen feinen Landesvorgesetzten unb, wie sie sagten, heimlich dazu von unserem Vater aufgemuntert, erlaubte er sich sogar unrichtige Angaben, um feinem Gegner zu schaden. Es kam zur Untersuchung, und mein Bruder ging heimlich aus dem Lande. Die Feinde unseres Vaters, deren viele waren, benützten den Anlaß, ihn zu stürzen. Von allen Seiten angegriffen und ohnehin ingrimmig über die Abnahme seines Einflusses, hielt er täglich die an« greifenbften Reden in der Ratssitzung. Mitten in einer derselben traf ihn em Schlagfluß. Er wurde sprachlos nach Hause gebracht. Ich selbst erfuhr nichts davon. Des andern Tages auf der Kanzlei bemerkte ich wohl, daß sie heimlich stüsterten und mit den Fingern nach mir wiesen. Ich war aber derlei schon gewohnt und hatte kein Arges. Freitags darauf — es war Mittwochs gewesen — wurde mir plötzlich ein schwarzer Anzug mit Flor auf die Stube gebracht. Ich erstaunte und fragte und erfuhr. Mein Körper ist sonst stark und widerhältig, aber da fiel’s mich an mit Macht. Ich sank besinnungslos zu Boden. Sie trugen mich ins Bette, wo ich fieberte und irre sprach den Tag hindurch und die ganze Nacht. Des andern Morgens hatte die Natur die Oberhand gewonnen, aber mein Vater war tot und begraben. „Ich hatte ihn nicht mehr sprechen können: ihn nicht um Verzeihung bitten wegen all des Kummers, den ich ihm gemacht: nicht mehr danken für die unverdienten Gnaden — ja Gnaden! denn seine Meinung war gut, und ich Hofe ihn einst wiederzusinden, wo wir nach unfern Absichten gerichtet werden und nicht nach unfern Werken. Ich blieb mehrere Tage auf meinem Zimmer, kaum daß ich Nah- rung zu mir nahm. Endlich ging ich doch hervor, aber gleich nach Tische wieder nach Hause, und nur des abends irrte ich in den dunkeln Straßen umher, wie Kain, der Brudermörder. Die väterliche Wohnung war mir dabei ein Schreckbild, dem ich sorgsältigst aus dem Wege ging. Einmal aber, gedankenlos vor mich hinstarrend, sand ich mich plötzlich in der Nähe des gefürchteten Hauses. Meine Shriee zitterten, daß ich mich anhalten mußte. Hinter mir an die Wand greifend, erkenne ich die Türe des ©rieslerladens und darin sitzend Barbara, einen Brief in der Hand, neben ihr das Licht auf dem Ladentische und hart dabei in aufrechter Stellung ihr Vater, der ihr zuzusprechen schien. Und wenn es mein Leben gegolten hätte, ich mußte eintreten. Niemanden zu haben, dem man fein Leid klagen kann, niemanden, der Mitleid fühlt! Der Alte, wußte ich wohl, war auf mich erzürnt, aber das Mädchen sollte mir ein gutes Wort geben. Doch tarn es ganz entgegengesetzt. Barbara stand auf, als ich eintrat, warf mir einen hochmütigen Blick zu und ging in die Nebenkammer, deren Türe sie abschloß. Der Alte aber faßte mich bei der Hand, hieß mich niedersitzen, tröstete mich, meinte aber auch, ich fei nun ein reicher Mann und hätte mich um niemanden mehr zu kümmern. Er fragte, wieviel ich geerbt hätte. Ich wußte das nicht. Er forderte mich auf, zu den Gerichten zu gehen, was ich versprach. In den Kanzleien, meinte er, fei nichts zu machen. Ich sollte meine Erbschaft im Handel anlegen. Knoppern *) und Früchte würfen guten Profit ab; ein Kompagnon, der sich darauf verstände, könnte Groschen in Gulden verwandeln. Er selbst habe sich einmal viel damit abgegeben. Dabei rief er wiederholt nach dem Mädchen, die aber kein Lebenszeichen von sich gab. Doch schien mir, als ob ich an der Türe zuweilen rascheln hörte. Da sie aber immer nicht kam und der Alte nur von Geld redete, empfahl ich mich endlich und ging, wobei der Mann bedauerte, mich nicht begleiten zu können, da er allein im Laden sei. Ich war traurig über meine verfehlte Hoffnung und doch wunderbar getröstet. Als ich auf der Straße stehen blieb und nach dem Haufe meines Vaters hinüberblickte, hörte ich plötzlich hinter mir eine Stimme, die gedämpft und im Tone des Unwillens sprach: ,Trauen Sie nicht gleich jedermann, man meint es nicht gut mit Ihnen/ So schnell ich mich umkehrte, sah ich doch niemand; nur das Klirren eines Fensters im Erdgeschosse, das zu des ©rieslers Wohnung gehörte, belehrte mich, wenn ich auch die Stimme nicht erkannt hätte, daß Barbara die geheime Warnerin war. Sie hatte also doch gehört, was im Laden gesprochen worden. Wollte sie mich vor ihrem Vater warnen? oder war ihr zu Ohren gekommen, daß gleich nach meines Vaters Tode teils Kollegen aus der Kanzlei, teils andere, ganz unbekannte Leute mich mit Bitten um Unterstützung und Nothilfe angegeangen, ich auch zugesagt, wenn ich erst zu Geld kommen würde. Was einmal versprochen, mußte ich halten, in Zukunft aber beschloß ich, vorsichtiger zu sein. Ich meldete mich wegen meiner Erbschaft. Es war weniger, als man geglaubt hatte, aber doch sehr viel, nahe an elftausend Gulden. Mein Zimmer wurde den ganzen Tag von Bittenden und Hilfesuchenden nicht leer. Ich war aber beinahe hart geworden und gab nur, wo die Not am größten war. Auch Barbaras Vater kam. Er schmälte, daß ich sie schon drei Tage nicht besucht, woraus ich der Wahrheit gemäß erwiderte, daß Ich fürchte, seiner Tochter zur Last zu fein. Er aber sagte, das solle mich nicht kümmern, er habe ihr schon den Kopf zurechtgesetzt, wobei er auf eine boshafte Art lachte, so daß ich erschrak. Dadurch an Barbaras Warnung rücferinnert, verhehlte ich, als wir bald im- Gespräche darauf kamen, den Betrag meiner Erbschaft; auch feinen Handelsvorfchlägen wich ich geschickt aus. „Wirklich lagen mir bereits andere Aussichten im Kopfe. In der Kanzlei, wo man mich nur meines Vaters wegen geduldet hatte, war mein Platz bereits durch einen andern besetzt, was mich, da kein Gehalt damit verbunden war, wenig tümmmerte. Aber der Sekretär meines Vaters, der durch die letzten Ergebnisse brotlos geworden, teilte mir den Plan zur Errichtung eines Auskünfte-, Kopier- und Uebersetzungskontor mit, wozu ich die ersten Einrichtungskosten vorschießen sollte, indes er selbst die Direktion zu übernehmen bereit war. Aus mein Andringen wurden die Kopierarbeiten auch auf Musikalien ausgedehnt, und nun war ich in meinem Glücke. (Fortsetzung folgt.) ♦) Galläpfel zum Färben und zur Tintenbereitung. Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche AniversitätL-Buch- und Steindruckerei, "K. Lange, Gießen.