SiehenerKmilienblätter ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Joljriioiifl 1929__________________________Mwtoi), öcu 22. juii Hummer 56 Lilieneron. Von Gustav Falke. Lilieneron, der edle Ritter, fegte wie ein Lenzgewitter durch die teutfche Litratur, Onkel, Tante, tief erschrocken, zerrten zitternd alle Glocken: Herr, schütz unsre fromme Flurl Blitz und Donner! Welch Geknatter! Eingeschlagen hat's, Gevatter! Und die alte Scheune brennt. Seht den roten Hahn, da steht er auf dem Strohdach, höhnisch kräht er Kikeriki! Potz Element! Alles rennt mit Tassen, Topfen, Kellen-, Kübeln Wasser schöpfen, Hannchen nimmt den Fingerhut. Doch sie löschen nicht die Flammen, und das Alte stürzt zusammen in der Frühlingswetterglut. Als der erste Schreck verflogen, funkelte der Friedensbogen herrlich über Land und See. Die erquickten Fluren dampften, und die frommen Rinder stampften friedlich wieder durch den Klee. Also brach der edle Ritter feurig wie ein Lenzgewitter ln die teutsche Lyrik ein. Wie das blitzte, wie das trachte, wie das jauchzte, wie das lachte: Kinder, nur nicht ängstlich fein! Doch man stand in Furcht verloren, spitzte lang' und längste Ohren: Hannchen, welch ein frecher Ton! Aber bald fiel man im Kreise trunken in die neue Weise ein: Viktoria! Lilieneron! und e Eigenart zu ihm haben wir „Vorbei ist die Mufike.. Line kurze Liliencron-wü rdigung. Von Dr. Siegfried Mauermann. SJor genau zwanzig Jahren, am 22. Juli 1909, ist einer unserer buntesten modernen Lyriker von uns gegangen: Detlev von Lilieneron. Aus der Buntheit feiner lyrischen Stoffe wollen wir fast so wahllos, wie er bald in gebundenster, bald in ausgelassenster Form dichtete i drauflos schwelgte, einige Verse herausgreifen, um seine Eigenart würdigen. Den für solche Darstellung nötigen Abstand von i' bereits gewonnen. Neues von ihm kann uns leider nicht mehr beschieden werden; er wandelt bereits im Elysium. Es giht sein eigenes militärischburschikoses Wort von ihm selbst: „Vorbei ist die Musiki; und doch nicht m dem Sinne, daß uns nicht noch ein Nachklang ertönte, den er ja auch lEst in dem eben angedeuteten „Tubaton"-Liede stimmungsvoll flimmern und zittern läßt. Richard Dehmel ist sein erster Herold gewesen; er hat durch eine Gesamtausgabe der Werke Liktencrons das Können dieses Niederdeut- Ichen aller Welt verkündet. Wir greifen den wirrkrausen Band heraus, ber sich „Der Mäcen" betitelt und in halb Raabescher Manier, halb in Goethe-Werther-Form des Briefes und Tagebuches nordsüdliche Eindrücke und Empfindungen aneinanderreiht, durcheinanderglüht. Der Verfasser ist ein Kind der Stadt Kiel und befindet sich in Afrika. Für öen Lyriker Lilieneron ist es besonders deswegen bezeichnend, weil der 4iuor in das Buch Betrachtungen einstreut, die er ,Lichter-Tage" nennt. stellt er Gedichte anderer, verstorbener und noch lebender Lyriker suiammen, die so recht nach seinem — nun brauchen wir einmal das Mögliche Wort — so recht nach seinem Geschmack gestaltet sind. Am großen Vorbild erkennen wir leicht die Eigenart des Jüngers. Hauptsächlich bei Storm, Gottfried Keller, Eonrad Ferdinand Meyer, graten, Lenau, Uhland, Eichendorff, Avenarius, Prinz Emil zu Schönaich- r-arolath, Peter Hille, Ernst Ziel und Otto Ernst findet Lilieneron etwas -»orblldliches. Es fällt ziemlich leicht, Verse und Stimmungen aus nn* tron herauszusuchen, die diesen Vorbildern entsprechen. Den« ot9 bleibt unser Dichter originell; er ist eben eine Summe aus allem gewaltige Eigenart des unbezwingbaren deutschen Nordadligen dazu. In Ernst von Wolzogen lebt noch ein Stück feiner Ursprünglichkeit; es ist sicherlich kein Zufall, daß mit Wolzogens . auch die Liliencronschen Verse vom soldatischen Durch- dlestadtmarschieren, eben jenes „Vorbei ist die Musike", volkstümlich wurden. Auch der große Balladenschöpfer Börries von Münchhausen ähnelt in manchem Ahnen- und Adelton unferm Detlev. fln Unabhängigkeit und Freiheit, bald in wilder Jägerart, in rauhem Wettergewohntsein, bald in lautenhaft frohem Singsang des Bohemiens: da Haven wir die Grundgewalt Liliencrons; und damit find zwei ober drei seiner Vorbilder eng berührt. Frei will ich sein. Meinen Jungen im Arm, in der Faust den Pflug, Und ein fröhlich Herz, und das ist genug ... Bietet der Staat mir Würden und Amt, Und trüg' er’s mir an auf purpurnem Samt, Ich winke den Bringern, ich lache dem Tand Und wehre sie ab mit verneinender Hand. Diese herrlich übermütige selbstfrohe Stimmung findet sich auch i« seinem Gedichte „Bruder Liederlich"; es klingt dort sogar dieselbe Reim- silbe. Allerdings mischt sich ironisches Ausschneiden hinein. 5Bar haben süperb uns die Zeit vertrieben, hallil Ich wollte, wir wären zusammengeblieben, hallo! Doch wurde die Sache mir stark ennuyant. Ich sagt' ihr, daß mich die Regierung ernannt, Kamele zu kaufen in Samarkand. Haiti und Hallo! ni) Genau so spielerisch behandelt er das weibliche Geschlecht in den, Marschliede, das unserer Betrachtung die Ueberschrift gegeben hat. Die Mädchen alle, Kopf an Kopf, Das Auge blau und blond der Zopf, Aus Tür und Tor, aus Hof und Haus Schaut Mine, Trine, Stine aus. Vorbei ist die Mufike. > So entschwindet sanft abebbend den einen wie den andern di« stramme und die anmutige Begegnung. Leben ist Weiterwandern. Sa kommt eine Sanftheit der Stimmung, eine Gefühlsfeinheit bet lone in Liliencrons Lyrik. Wir denken an feinen Lenau,' an feinen Elchendorff, an feinen Storm. Von welch inniger Zartheit sind beispiels- weise feine Heidebilder! Schlicht Hauptsatz an Hauptsatz gereiht; und e» entsteht ein Gedicht von der schmachtenden Heide, die endlich erlöst wirb? Klopstock und Werther tauchen in unsrer Seele auf. Ballnacht, Batt- geroitter, Erdgeruch durchs geöffnete Fenster, Frühlingsfeier! Im Zickzack zuckt ein Blitz, und Wasserfluten Entstürzen gierig feuchtem Zelt. Es jauchzt der Sturm und peitscht mit seinen Ruten Erlösend meine Heidewelt. Auch Platen war von Lilieneron hochgeschätzt. Sofort erhebt sich die Frage nach der Formengewandtheit des Dichters unserer Tage. Ganz wie Platen hat Lilieneron auch in italienischen Strophen geschwelgt, und zwar mit wohlklingender Meisterschaft. Sollen wir an die Stanzen des „Poggfred" erinnern, an die nonnenhaften Sizilianen Frühling und Herbst mit wundervollem Antithesenklang? Auch sein Friedhofsgedicht bringt solch Gegenstückliches. Es friert ein Gewesen; es taut ein Genesen. Damit kommen wir auch zu Liliencrons Gewandtheit im Kehrreim. Wie neckisch klingt die erst einsame "kleine blonde Conitesie in das erreichte Zweisame um: „Ich und die kleine Comtesse"! Dagegen wie trübernst das eintönige „Der Orgeldreher dreht sein Lied!" Jrn Gewoge und Gewimmel der Großstadtmenschen ist's nicht anders. Immer dasselbe. Und fragen wir uns, ob das alles bewußt ober unbewußt aus Herz und Hirn Liliencrons hervorgegangen ist, so müssen wir zur Antwort wiederum auf den „Mäcen" Hinweisen. Dort spricht Liliencron mit Eifer von reinen Reim, von der möglichsten Vermeidung des Hiatus, von der Vermählung des Tonfalles mit dem auszudrückenden Inhalte. Die lyrische Formung bringt auch in Liliencrons Episches hinein. Die Stanzen aus dem „Poggfred" waren bereits erwähnt. In seinen Balladen spricht lyrischer Temperamentsklang mit. Wie oft wird dec „Blitzzug" deklamiert mit seinem lyrischen Geratter, mit seinem stimmungsvoll traurigen Ausgange! Wie oft läßt ein Deklamator Liliencrons .Leidebrand" wüten, weniger um des epischen Geschehens als um der klanglichen Ausmalung willen! — Vorn Roman- und Bühnendichter Liliencron ist nicht so viel des Erfolgreichen zu künden; freilich seine aus dem Erleben geschaffenen Kriegserzählungen glühen ursprünglich und zünden; .Leben und Lüge" nennt er, der Aufrechte, äußerst bezeichnend seinen autobiographischen Roman. Sein Leben selbst wär Immer ein Ringen nach Freiheit und nach Vertiefung. Die Heide und wahre Religiosität lagen ihm am Herzen. Die Jahre 1844 und 1909 umrahmen sein Erdenwallen. In Kiel ist er geboren, in Alt-Rahlstedt bei Hamburg ist er gestorben. Von 1865 an war er preußischer Offizier. Nach längerem Aufenthalt in Amerika wurde er im Jahre 1882 Verwaltungsbeamter in Schleswig-Holstein; von 1887 ab lebte er als freier Schriftsteller. Und dieses Freisein ist und bleibt bezeichnend für ihn. Ansitz in Mecklenburg. Iagderlebnisse eines Nichtjägers. Don Paul Cipper. Ich muh gestehen, daß ich lange Zeit nicht begriff, wie ein Tierfreund zugleich auch ein Jäger sein könne. Treibjagden lehne ich auch heute noch als etwas Unwürdiges ab. Dagegen überzeugte ich mich durch wiederholten Aufenthalt in Jagdrevieren, daß Pürschgänge, allein oder zu zweien ausgeführt, voll herrlicher Äaturerlebnisse sind, und daß ein verantwortungsvoller Jagdinhaber in viel größerem Maße ein Heger ist als ein Schießer. Ein Jäger bin ich aber trotzdem nicht geworden, und ich spreche ohne Stolz und ohne Scham das Bekenntnis aus, daß ich nie in meinem Leben eine Schußwaffe gegen Tiere gerichtet habe. Utv belastet wandere ich über die Heide, mein Blick und mein Gehör schärfen sich, der Wald schließt seine Geheimnisse auf; es gibt für den Menschen der Steinstadt keine bessere Erholung. Der Kontrast vom Trubel zur Stille, die Köstlichkeit der reinen Luft, die Weite des Horizonts — man findet zu den Quellen zurück. Um die Mittagszeit fällt warmer Regen; wir stülpen uns Pelerinen über die Köpfe und klettern alle vier zu Förster Mielen auf den Kutschwagen. Die beiden braunen Pferdchen zockeln unbekümmert ihren Trab. Ich sitze auf dem Kutschbock, sehe unter mir die glänzenden Tierleiber, die dampfen und von Mückenwolken umschwärmt find. Ommer wieder lenken wir in einen neuen Waldpfad ein; es ist, als zögen wir durch lauter enge grüne Dome, und manchmal müssen wir uns bücken, damit nicht ein niedrig hängender Ast an unsere Köpfe stößt und ein intensives Sturzbad auf uns schüttet. lieber des Försters Stiefel und die meinen hat sich längelang der Dackelhund gelegt; er schläft. Der Regen hat aufgehört; wir fahren eben über ein Stück Heide, da stupft etwas zweimal in Förster Mietens Rücken, und wie von Zauberhand gebremst steht der Wagen. Langsam drehe ich den Kopf, sehe gerade noch den Bruder meines Freundes die Flinte hochreihen, es knallt — vorbeigeschossen, — ein prächtiger Fuchs flitzt hundert Meter voraus in sein Loch. Ein toller Bursche mit brandrot leuchtender Schwanzfahne, und hinter ihm sausen zwei Jungfüchse über die Straße, goldgelb und kugelig, mit großen Ohren am dicken Wollkopf. Wir fahren weiter durch dichten Tannenforst und kommen schließlich zu einem Blockhaus, wo die Pferde untergestellt werden. Die Gesellschaft teilt sich; der Bruder meines Freundes geht mit seinem Sohn und dem Förster nordwärts; wir beiden anderen ziehen im rechten Winkel davon, überschreiten eine Schneise, und nun bleibt mein Führer plötzlich stehen. „Fünfzig Schritte voraus biegt unser Weg nach rechts, dann weitere hundert Schritte bis zum Hochsitz. Hier ist der Rucksack. Ditte immer dicht hinter mir gehen, auf den Weg achten und nicht sprechen. Wenn wir ohne Geräusch in den Hochsitz kommen, werden wir im Bärensuhl sicher allerlei Wild zu sehen bekommen." Ich gebe mir alle Mühe und schleiche auf Zehenspitzen — soweit das in den schweren Jagdstiefeln möglich ist — geräuschlos dicht hinter meinem Freund. Gar zu gern hätte ich etwas von zwei Indianern auf dem Kriegspfad gesagt, aber ich darf ja nicht reden, und gewissenhaft untersuche ich jedes Stückchen Waldboden, ehe ich den Fuß darauf setze. So vergeht fast eine halbe Stunde und dann steht, zwanzig Schritte entfernt, zwischen Bäumen versteckt, die Hochkanzel vor uns, ein Gerüst aus vier Tannenstämmen, das in etwa zehn Meter Höhe eine Plattform hat. Roch einmal dreht sich mein Führer um und legt bedeutungsvoll den Finger an den Mund. Im Zeitlupentempo, jedes kleinste Geräusch vermeidend, schieben wir uns die letzten fünf Meter heran und stehen endlich am Fuß der Leiter, die zur Kanzel hinaufführt. Run wird mir eine Flinte in die Hand gedrückt und mein Freund steigt langsam die Knüppelsprvssen hinauf. Ais er beinahe oben ist, reiche ich ihm Gewehr und Rucksack nach und steige ebenfalls in die Lüfte empor. Gottlob, es hat alles geklappt. Wir sitzen auf einem schmalen Bänkchen in der Kanzel und sind durch die Geländerverschalung nach allen Seiten gegen Sicht gedeckt. Rur unsere Köpfe ragen darüber hinaus. Allmählich beginne ich, mich zu orientieren. Hinter uns und zu beiden Seiten ist Wald, die Tannenbäume schließen geradezu unsere Kanzel ein. Rach vorn aber breitet sich eine Wiese aus, das Bärensuhl, das seinerseits wieder an drei Seiten von Wald umgeben ist. Die Lichtung mag etwa achtzig Meter im Quadrat messen, zwei Moortümpel gehören mit dazu. Ich beuge meinen Kops hinter das Geländer und sehe auf die älhr. Glock sechs, wir sind ganz pünktlich und haben jetzt dreieinhalb Stunden Zelt zur Beobachtung. Am zehn wartet Mielen bei den Pferden im Wald. ®te ersten fünf Minuten oben im Hochsitz haben mich bedrückt, weil das Schweigen wie ein Alp auf mir lastet. Aber dann merke ich, daß eine eigentliche Stille gar nicht vorhanden ist, daß vielmehr tausendfältige Geräusch« um uns weben. Da summt eine Stechmücke über meiner Hand, die Wivfel in Reichweite unter mir wispern; von Irgendwoher hinter ust's krachte ekwaS laut wie ein Kanonenschuß und ist sicher nur ein Ast, der zur Erde fällt. Wie schön und gleichmäßig ragt die Höhe der Bäume rings um uns, und wie wechsel- voll ist das Grün vorn Boden bis zu den Wipfeln! Draußen auf der Waldwiese hüpfen Karnickel. Erst sehe ich nur einige hellgelbe Punkte im Gras, dann schiebe ich den Trieder ans Auge und vergnüge mich eine Viertelstunde beim Anblick der karussellspielenden Kaninchen. Plötzlich schrecke ich zusammen. Dicht an meinem Ohr ist Riesenlärm. Ich blicke mich um und sehe auf dem Gipfel der zunächst stehenden Tanne einen Schwarzspecht, der mächtig auf mich losschimpft, obwohl er so nahe ist, daß meine Hand ihn berühren könnte. Aber er weiß wohl aus Ersahrung, daß Menschen, die hier sitzen, sich nicht bewegen. Ich blicke dem Bogel scharf ins Auge, er dreht das Köpfchen, zwitschert noch einmal besonders erbost und fliegt davon. Auch die zweite Stunde geht vorüber und die dritte, ohne daß Rotwild oder Sauen erschienen wären. Selbst die berühmten mecklenburgischen Schinkenbröte können meinen Freund nicht trösten, der Gute glaubt, ich müsse enttäuscht sein. Dabei genieße ich voller Entzücken den Zug der Wolken, der sich zu abenteuerlichen Gestalten ballt, im Wind zerfetzt und mit immer neuen Gebilden über unsere Köpfe zieht. Dämmerung ist inzwischen hereingebrochen, und als eben das letzte Büchsenlicht erlöscht, taucht Rotwild im Abend» nebel auf und zieht in großer Ruhe, ein Tier hinter dem andern, Über die milchig dampfende Wiese, ruhig und still, silbern schimmernd wie durchscheinendes Glas. Als die Vision vergangen ist, steigen wir die Leiter hinab und gehen ohne große Vorsicht durch die Schneise dem Pferdestall entgegen. Plötzlich kracht es neben mir im Wald. Ein Höllenspektakel bricht los. Stampfen und Drechen •— ein Rudel Wildschweine tobt fünf Schritte vor mir aus dem Holz. Schwarze große Schatten, grunzend, fauchend, in der Aufregung übereinander stürzend und als letzter poltert ein ganz besonders großer schwarzer Teufel aus dein Dusch, der Eber, dessen starke Hauer ich trotz aller Dunkelheit deutlich blinken sehe. Ich war sehr erschrocken und habe meinen Freund am Aermel gepackt, bis wir zum Schuppen kamen. Tastend schoben wir die 'Barriere zurück und traten in den Stall. Schwer atmend lagen die Tiere auf Laubstreu und erfüllten den Raum mit ihrer dumpf warmen Atmosphäre. Die Heimfahrt war von unsagbarem Zauber. Heber eine Stunde fuhren wir auf endloser Heide. Rachtdämmer, und nirgends Silhouette noch Kontur. Ebene ohne Horizont. Darüber aber wölbte sich wasserschwer die große Kuppel des Himmels, dunkel und sternenleer. und in ihrer Mitte hing drahtdünn und weihglühend die Sichel des zunehmenden Mondes. Am Ahr in der Früh sind wir wieder aufgestanden. Eine nie geahnte Stimmung, vor dem Hause zu stehen und zu beobachten, wie die Rächt von der Morgendämmerung aufgesogen wurde. Zuerst waren die Knechte dunkle Schemen, wenn sie vom Haus zum Brunnen schritten, auf dem Rückweg glitzerte bereits das Schöpfgefäß in ihrer Hand, und als wir auf den Wagen stiegen, war jeder Stein una) jeder Strauch hellgrau überpudert, mit einem unwirklichen Milchweiß > schattenlos erhellt. Diesmal ging Mieten mit mir und dem Hund zwischen den Revieren „Distelfang" und „Rosengarten" auf einen Schirmansitz zu, dieweil mein Freund jenseits des Kornfeldes einen Rehbock schießen wollte, der dem Förster durch die abgebrochene Gehörnstange ausgefallen war. Der Schirm-Ansitz ist eine Dank mitten im Wald, zu ebener Erde, um die kreisförmig eine Galerie von Tannenreisig geflochten ist. Das Ganze gleicht einer Zirkusloge. , Der Hund kauerte sich zu unseren Füßen nieder, ihn stören die erwachenden Mücken nicht, deren Anzahl selbst Mielen zuviel geworden ist, von mir ganz zu schweigen. Ich wußte bald nicht mehr, welche Stelle an mir nicht zerstochen war; rühren durste ich mich nicht, wenn wir die Rehe nicht verscheuchen wollten, also sah ich ergebungsvoll zum Himmel, wo plötzlich mitten im Morgennebel weihgoldene Flecken erschienen. Zn gleicher Zeit fetzte rings um uns Vogelgesang ein, und mit einem Mate flammten die Kiefernkronen in der Lusii und glühend rot brannten die Lineale der schlanken Tannenbäume — die Sonne ging auf. And die Moskitos verschwanden. Mitten in meine Freude über diese Herrlichkeit kracht ein Schuß. Der Hund zu unfern Füßen schreckt hoch, seine Augen erwarten Mielens Defehle, und obwohl er vor Aufregung zittert, rührt er sich nicht, trotzdem daß jetzt eine Wildschweinmutter mit zwei Frischlingen in Steinwurfsweite über die Schneise stiebt. Mielen sagt: „Der Herr hat geschossen, gehen wir zu ihm. Hund, bleib bei Fuß!" And so gut ist der Dackel dressiert, daß er ohne Laut zu geben bei uns bleibt, obwohl die Dache mit ihren Jungen noch einmal unferit Weg kreuzt. Mielen erklärt mir im Weiterschreiten die Spurbahn, die er mip« selig mit einer Egge überall auf den Hauptwechseln angelegt hat > und deutete mir die Hiroglyphenschrift der Fuhabdrücke, erzählt, welche Tiere gestern abend und wie viele bereits heute früh vorbei gekommen sind. Mein Freund hatte tatsächlich den Bock geschossen, und als tott drei Stunden später im Forsthaus die Leber brieten und der Dackel ! mit heißer Gier das Geschlinge fraß, winkte mir die Först ersfrau. Von ihrem Küchenfenster ans beobachtete ich zwei große männliche Hirsche, sieben Kühe und einige Kälber. Heber eine Stunde ästen st« am Waldsaum, gingen zum Kleefeld hinüber, die Mütter spielten,nut den halberwachsenen Jungen, und durch das Glas brachte ich teve ihrer Bewegungen ganz dicht an mein Auge. Weil von irgendwo eine Flinte drohte, war dies der schon"« Augenblick meiner Jagdtage in Mecklenburg. D irium kurze nung Neue wie ■ Um ! neu i wie Nach! 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Nachdem Forschungen von Biologen, wie Schleiden und Schwann, die Zelle als Einheit alles Lebendigen, sozusagen als biologisches Atom, entdeckt worden war, vollzog sich die Ausdehnung dieser Zellenlehre auf die Lehre von den Krankheiten in doppelter Richtung. Einerseits wurde die Krankheit als eine Veränderung an den Zellen, respektive an ihren Verbänden und Gruppierungen zu Geweben und Organen aufgefaßt, andererseits wurde in bahnbrechenden und groh- arttgen Arbeiten als Ursache vieler Erkrankungen, namentlich der mit Fieber einhergehenden Infektionskrankheiten, die Ueberschwemmung des Körpers mit zellenförmigen Lebewesen festgestellt. Diese Entdeckung, Ruhmestaten menschlichen Forschergeistes, die an die Namen von Koch, Behring, Pfeiffer und andere geknüpft sind, waren namenüich ür die praktische Bekämpfung der Krankheiten von weittragender und egensreicher Bedeutung; ihr Mangel bestand nur darin, daß dem ein- eitig aufs erkrankte Organ gerichteten Blick die tieferen, zwischen den einzelnen Organen bestehenden Zusammenhänge verborgen blieben. Diese Beeinflussung verschiedener Organe untereinander kann sich entweder auf dem Wege des Nervensystems oder durch die Vermittlung des Blutes vollziehen. Wissen wir doch, durch eingehend« Untersuchungen, daß es im Körper zahlreiche Drüsen gibt, als solche mit innerer Sekretion bezeichnet, die ihr Produkt unmittelbar in das Blut ergießen, und so ihren Einfluß überall, wohin das Blut gelangt, ausüben. Der zweite Irrtum der rein bakteriologisch gerichteten Zeit besteht darin, daß die Unterschiede des Krankheitsbildes bei verschiedenen Individuen bloß auf die Verschiedenheiten in der Stärke und Zahl der Erreger zurückgeführt wurden, die wichtige Rolle der Beschaffenheit des Organismus dabei übersehen wurde. Wir wissen jetzt, daß jede Krankheit das Produkt darstellt aus den von außen auf den Körper eindringenden Erregern und den der Krankheit entgegnwirkenden Abwehrkräften. Diesen geänderten Anschauungen entsprechend, hat sich auch unser therapeutisches Denken und Handeln ganz wesentlich verschoben. In der Blütezeit der Bakteriologie suchte man gegen jedes krankheiterzeugende Lebewesen, bzw. gegen die von ihm im menschlichen Körper abgesonderten Gifte, spezifische Heilmittel. Heute vollzieht sich die unaufhaltsame Verbreitung nicht spezifischer Methoden in der Medizin. Die bloße Bekämpfung der Krankheitserreger mit Hilfe abgetöteter Bakterien- kulluren und Heilserum erreicht oft nicht das gewünschte Ziel, und der Arzt muß trachten, die natürlichen Abwehrkräfte des Organismlls gegen Bakterien und Gifte im allgemeinen zu steigern. So werden Rotlauf, Lungenentzündung, Angina und Gelenkrheumatismus mit Injektionen von Milch und ähnlichen Eiweißpräparaten behandelt und dadurch öfters ein ' Abbrechen der Krankheit oder ein leichterer Verlauf derselben erzielt. Auch akute Vergiftungen werden in dieser Weise behandelt, da man im Tierversuch Ausbleiben von Strychninvergiftungen beobachtete, wenn eine Viertelstunde und nachher eine Milchinjektion verabreicht wurde. Diese um stimmende Therapie wird mit dem größten Erfolg bei allen ’ rheumatischen Erkrankungen, Neuralgien und Ischias angewendet, sie feiert ihre größten Triumphe in der Malariabehandlung der Paralyse. Eine Abart dieser Methoden ist die ableitende Therapie, wie sie schon vor Jahrhunderten geübt wurde, wo viele Krankheiten mit Abführmitteln und häufigem Aderlaß behandelt wurden und wie sie in der Bienenstichkur bei Rheumatismus, in der Behandlung mit dem Glllheifen durch Bier ihre Auferstehung feiert. An dieser Stelle muß auch das steigende Interesse für die Homöopathie ermähnt werden, das auch auf Vier zurückgeht. Die homöopathische Schule geht vom Grundsatz aus, daß eine kleine Gabe des Stoffs, der imstande ist, eine Krankheit hervorzu- rufen, sie günstig zu beeinflussen und zu heilen vermag. Auf diese Weise gelang es Bier, Lungenentzündungen durch Injektionen von kleinster Mengen Aeiher zu heilen, der in größeren Mengen schädigend auf die Bronchien einwirkt. Vielleicht ist auch das Wesentliche dieser Methodik eine Umstimmung des Körpers, eine Erweckung und Steigerung natürlicher Abwehrkräfte. Gleichzeitig sehen wir, wie die modernen Heilbestrebungen ihren Blick vom erkrankten Organ weg auf den ganzen Körper richten und die Ein- heits- ober Ganzheitsbetrachtung ist neben der Umstimmung zum beliebtesten medizinischen Schlagwort von heute geworden. Ganz neu ist auch dieser Standpunkt nicht, denn schon 1845 lesen wir ähnliche Ansichten in den Schriften von F e u ch t e r s l e b c n. So ist es uns begreiflich, daß durch die Behandlung eines Körperteils, der für den v Heilerfolg vollkommen gleichgültig ist, oft so gute Erfolge erzielt werden, wie durch die Milzbestrahlung beim Asthma oder durch die Allgemein- bestrahlung des Körpers bei der Tuberkulose. Es sei auch erwähnt, daß bei der Epilepsie jede Behandlung, die eine Aenderung des Körperhaushalts zur Folge hat, sei es nun eine Hungerkur, häufige Aderlässe/ ja, auch eine Blinddarmoperation, ein zeitweiliges Aufhören der Anfälle i' bewirkt. Manche Forscher gehen noch weiter, und auf der Lehre des hippokrates fußend, der die Krankheit als Folge einer fehlerhaften Zu- lammenfetzung der Körpersäfte auffaßte, suchen sie bei den verschiedenen Rrankheitszuständen eine Reinigung und Entgiftung des Körpers herbei- zufuhren. Es fei noch auf einige Bestrebungen hingewiefen, welche sich mit der allgemeinen Problematik des ärztlichen Berufs beschäftigen und ihn in weologjscher und ethischer Richtung tiefer zu fundieren trachten. Sie stlminen In der Ansicht Überein, für das erfolgreiche Händeln des Arzte» fei nicht Wissen und Können allein ausschlaggebend, sondern es müsse noch etwas hinzutreten, das von verschiedenen Seiten verschieden bezeichnet wird, entweder als Intuition ober als befonbere Begabung. So stellt Sied Mediziner und Arzt in scharfer Anttthese einander gegenüber, so glauben Sch wenninger, der bekannte Leibarzt Bismarcks und ähnlich auch B l ü h e r, die Medizin müsse sich von der Naturwissenschaft loslösen und wieder in den Schoß der Geisteswissenschaft zurückkehren. Sicher ist, daß die bloßen Kenntnisse allein den Arzt nicht machen, daß gewisse, an die Person geknüpfte Eigenschaften vor allem ethischer Natur, hinzukommen müssen, soll der Arzt seine Ausgabe vollkommen erfüllen. So sind diese Anschauungen geeignet, gegen den unsere Zeit beherrschenden, in alle Berufe vorbringenden Merkantilismus einen Damm aufzurichten. Andererseits dürfen sie uns nicht dazu verleiten, das erlernbare Wissen und Können, das, was Goethe die handwerkliche Beschränkung nannte, zu gering einzuschätzen. Die naturwissenschaftlichen Gesetze sind und bleiben, darüber darf kein Zweifel herrschen, die unerschütterliche und unveräußerliche Grundlage der Medizin. Vielleicht ist es gerade der Beruf der Psychotherapie, zwischen Natur- und ©elftes» Wissenschaft die versöhnende Brücke zu schlagen. Auf eine Lampe. • Von Eduard Mörike. Noch unverrückt, o schöne Lampe, schmückest du, an leichten Ketten zierlich aufgehangen hier, die Decke des nun saft vergess'nen Luftgemachs. Aus deiner weihen Marmorschale, deren Rand der Efeukranz von golbengrünem Erz umflicht, schlingt fröhlich ein« Kinderschar den Ringelreihn. Wie reizend alles! lachend, und ein sanfter Geist des Ernstes doch ergossen um die ganze Form — ein Kunftgedild der echten Art. Wer achtet sein? Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst. Die Iudenbuche. Lin Sitfengemälbe aus dem gebirgigten Westfalen. Von Annette v. Droste-Hülshoff. (Fortsetzung.) „Herein, herein!" sagte er bann barsch; „worauf warten wir?" Man trat in Friebrichs Kammer. Er war nicht da, aber das Bett noch warm. Man stieg auf den Söller, in den Keller, stieß ins Stroh, schaute hinter jedes Faß, sogar in den Backofen; er war nicht da. Einige gingen in den Garten, sahen hinter den Zaun und in die Apfelbäume hinauf; er war nicht zu finden. „Entwischt!" sagte der Gutsherr mit sehr gemischten Gefühlen; der Anblick der alten Frau wirkte gewaltig auf ihn. „Gebt den Schlüssel zu jenem Soffer." — Margret antwortete nicht. — „Gebt den Schlüssel!" wiederhole der Gutsherr, und merkte jetzt erst, daß der Schlüssel steckte. Der Inhalt des Koffers kam zum Vorschein; des Entslohenen gute Sonntagskleider und (einer Mutter ärmlicher Staat; dann zwei Leichen- hemben mit schwarzen Bänbern, bas eine sür einen Mann, bas andere für eine Frau gemacht. Herr von S. war tief erschüttert. Ganz zu unterst auf dem Boden des Koffers lag die silberne Uhr und einige Schriften von sehr leserlicher Hand, eine derselben von einem Manne unterzeichnet, den man in starkem Verdacht der Verbindung mit den Holzfrevlern hatte. Herr von S. nahm sie mit zur Durchsicht, und man verließ das Haus, ohne daß Margret ein anderes Lebenszeichen von sich gegeben hätte, als daß sie unaufhörlich die Lippen nagte und mit den Augen zwinkerte. Im Schlosse angelangt, fand der Gutsherr den Amtsschreiber, der schon am vorigen Abend heimgekommen war und behauptete, die ganze Geschichte verschlafen zu haben, da der gnädige Herr nicht nach ihm geschickt. „Sie kommen immer zu spät", sagte Herr von S. verdrießlich. „War denn nicht irgendein altes Weib im Dorfe, daß Ihrer Magd die Sache erzählte? und warum weckte man Sie bann nicht?" — „Gnäbiger Herr," versetzte Kapp, „allerbings hat meine. Anne Marie den Handel um eine Stunde früher erfahren als ich; aber sie wußte, daß Jhro Gnaden die Sache selbst leiteten, und bann," fügte er mit klagender Miene hinzu, „daß ich fo todmüde war!" — „Schöne Polizei!" murmelte der Gutsherr, „jede alte Schachtel im Dorf weiß Bescheid, wenn es recht geheim zugehen soll." Dann fuhr er heftig fort: „Das müßte wahrhaftig ein bummer Teufel von Delinquenten fein, der sich packen ließe!" Beide schwiegen eine Weile. „Mein Fuhrmann hatte sich in der Nacht verirrt," hob der Amtsschreiber wieder an; „über eine Stunde lang hielten wir im Walde; es war ein Mordwetter; ich dachte, der Wind werde den Wagen umreißen. Endlich, als der Regen nachließ, fuhren wir in Gottes Namen darauf los, immer in das Zellerfeld hinein, ohne eine Hand vor den Augen zu sehen. Da sagte der Kutscher: „Wenn wir nur nicht den Steinbrüchen zu nahe kommen!" Mir war selbst bange; ich ließ halten und schlug Feuer, um wenigstens etwas Unterhaltung an meiner Pfeife zu haben. Mit einem Male hörten wir ganz nah, perpendikulär unter uns eine Glocke schlagen. Euer Gnaden mögen glauben, daß mir fatal zumute wurde. Ich sprang aus dem Wagen, denn seinen eigenen Beinen kann man trauen, aber denen der Pferde nicht. So stand ich, in Kot und Regen, ohne mich zu rühren, bis es gottlob sehr bald anfing zu dämmern. Und wo hielten wir? dicht an der Heerfer Tiefe und den Turm von Heerse gerade unter uns. Wären wir poch zwanzig Schritte weiter gefahren, t»lr wären alle Kinder des Todes gewesen.* — „Das war in der Tat kein Spaß", versetzte der Gutsherr, halb versöhnt. Er hatte unterdessen die mitgenommenen Papiere durchgesehen. Es waren Mahnbriefe um geliehene Gelder, die meisten von Wucherern. „Ich hätte nicht gedacht," murmelte er, „daß die Mergels so tief drinsteckten." — „3a, und daß es so an den Tag kommen muß," versetzte Kapp; „das wird kein kleiner Aerger für Frau Margret sein." — „Ach Gott, die denkt jetzt daran nicht!" Mit diesen Worten stand der Gutsherr auf und verließ das Zimmer, um mit Herrn Kapp die gerichtliche Leichenschau oorzunehmen. — Die Untersuchung war kurz, gewaltsamer Tod erwiesen, der vermutliche Täter entflohen, die Anzeigen gegen ihn zwar gravierend, doch ohne persönliches Geständnis nicht beweisend, seine Flucht allerdings sehr verdächtig. So mußte die gerichtliche Verhandlung ohne genügenden Erfolg geschlossen werden. Die Juden der Umgegend hatten großen Anteil gezeigt. Das Haus der Witwe ward nie leer von Jammernden und Ratenden. Seit Menschengedenken waren nicht soviel Juden beisammen in L. gesehen worden. Durch den Mord ihres Glaubensgenossen aufs äußerste erbittert, hatten sie weder Mühe noch Geld gespart, dem Täter auf die Spur zu kommen. Man weiß sogar, daß einer derselben, gemeinhin der Wucher- joel genannt, einem seiner Kunden, der ihm mehrere Hunderte schuldete und den er für einen besonders listigen Kerl hielt, Erlaß der ganzen Summe angeboten hatte, falls er ihm zur Verhaftung des Mergel verhelfen wolle; denn der Glaube war allgemein unter den Juden, daß der Täter nur mit guter Beihilfe entwischt und wahrscheinlich noch in der Umgegend sei. Als dennoch alles nichts half und die gerichtliche Verhandlung für beendet erklärt worden war, erschien am nächsten Morgen eine Anzahl der angesehensten Israeliten im Schlosse, um dem gnädigen Herrn einen Handel anzutragen. Der Gegenstand war die Buche, unter der Aarons Stab gefunden und wo der Mord wahrscheinlich verübt worden war. — „Wollt ihr sie fällen? so mitten im vollen Laube?" fragte der Gutsherr. „Nein, Jhro Gnaden, sie muß stehenbleiben im Winter und Sommer, solange ein Span daran ist." — „Aber, wenn ich nun den Wald hauen lasfe, so schadet es dem jungen Aufschlag." — „Wollen wir sie doch nicht um gewöhnlichen Preis." Sie boten zweihundert Taler. Der Handel ward geschlossen und allen Förstern streng eingeschärft, die Judenbuche auf keine Weise zu schädigen. Darauf sah man an einem Abende wohl gegen sechzig Juden, ihren Rabbiner an der Spitze, in das Brederholz ziehen, alle schweigend und mit gesenkten Augen. Sie blieben über eine Stunde im Walde und kehrten dann ebenso ernst und feierlich zurück, durch das Dorf B. bis in das Zellerfeld, wo sie sich zerstreuten und jeder seines Weges ging. Am nächsten Morgen stand an der Buche mit dem Beil eingehauen: '9 D’toy FIFIK 1tZ/K3 7s3 JZ3B’ FTlH Dlpt93 DK Und wo war Friedrich? Ohne Zweifel fort, weit genug, um die kurzen Arme einer so schwachen Polizei nicht mehr fürchten zu dürfen. Er war bald verschollen, vergessen. Ohm Simon redete selten von ihm, und dann schlecht; die Judenfrau tröstete sich am Ende und nahm einen andern Mann. Nur die arme Margret blieb ungetröstet. Etwa ein halbes Jahr nachher las der Gutsherr einige eben erhaltene Briefe in Gegenwart des Amtsschreibers. „Sonderbar, sonderbar!" sagte er. „Denken Sie sich. Kapp, der Mergel ist vielleicht unschuldig an dem Morde. Soeben schreibt mir der Sbent des Gerichtes zu P.: „Le vrai n’est pas toujours vrai- lable"; das erfahre ich oft in meinem Berufe und jetzt neuerdings. Wissen Sie wohl, daß Ihr lieber Getreuer, Friedrich Mergel, den Juden mag ebensowenig erschlagen haben, als ich oder Sie? Leider fehlen die Beweise, aber die Wahrscheinlichkeit ist groß. Ein Mitglied der Schlem- mingschen Bande (die wir jetzt, nebenbei gesagt, größtenteils unter Schloß und Riegel haben), Lumpenmoises genannt, hat im letzten Verhöre ausgesagt, daß ihn nichts so sehr gereue, als der Mord eines Glaubensgenossen, Aaron, den er im Walde erschlagen und doch nur sechs Groschen bei ihm gefunden habe. Leider ward das Verhör durch die Mittagsstunde unterbrochen, und während wir tafelten, hat sich der Hund von einem Juden an einem Strumpfband erhängt. Was sagen Sie dazu? Aaron ist zwar ein verbreiteter Name usw. — „Was sagen Sie dazu?" wiederholte der Gutsherr, „und weshalb wäre der Esel von einem Burschen denn gelaufen?" Der Amtsschreiber dachte nach. — „Nun, vielleicht der Holzfrevel wegen, mit denen wir ja gerade in Untersuchung waren. Heißt es nicht: der Böse läuft vor seinem eigenen Schatten? Mergels Gewissen war schmutzig genug auch ohne diesen Flecken." Dabei beruhigte man sich. Friedrich war hin, verschwunden und — Johannes Niemand, der arme, unbeachtete Johannes, am gleichen Tage mit ihm.-- Eine schöne lange Zeit war verflossen, achtundzwanzig Jahre, fast die Hälfte eines Menschenlebens; der Gutsherr war sehr alt und grau geworden, sein gutmütiger Gehilfe Kapp längst begraben. Menschen, Tiere und Pflanzen waren entstanden, gereift, vergangen, nur Schloß B. sah immer gleich grau und vornehm auf die Hütten herab, die wie alte hektische Leute immer fallen zu wollen schienen und immer standen. Es war am Vorabend des Weihnachtsfestes, den 24. Dezember 1788. Tiefer Schnee lag in den Hohlwegen, wohl an zwölf Fuß hoch, und eine durchdringende Frostlust machte die Fensterscheiben in der gehetzten Stube gefrieren. Mitternacht war nahe, dennoch flimmerten überall matte Lichtchen aus den Schneehügeln, und in jedem Hause lagen die Einwohner auf den Knien, um den Eintritt des heiligen Christfestes mit Gebet zu erwarten, wie dies in katholischen Ländern Sitte ist, obek Wenigstens damals allgemein war. Da bewegte sich von der Breder Höhe herab eine Gestalt langsam gegen das Dorf; der Wanderer schien sehr matt oder krank; er stöhnte schwer und schleppte sich äußerst mühsam durch den. Schnee. An der Mitte des Hanges stand er still, lehnte sich auf feinen Krückenstab und starrte unverwandt auf die Lichtpunkte. Es war so still überall, so tot und kalt; man mußte an Irrlichter auf Kirchhöfen denken. Nun schlug es zwölf im Turm; der letzte Schlag verdröhnte langsam und im nächsten Hause erhob sich ein leiser Gesang, der, von Haust zu Hause schwellend, sich über das ganze Dorf zog: Ein Kindelein so löbelich Ist uns geboren heute. Von einer Jungfrau säuberlich. Des freu’n sich alle Leute; Und wär' das Kindelein nicht gebor'n. So wären wir alle zusammen verlor'n: Das Heil ist unser aller. O du mein liebster Jesu Christ, Der du als Mensch geboren bist, Erlös uns von der Hölle! Der Mann am Hange war in die Knie gesunken und versuchte mit zitternder Stimme einzufallen: es ward nur ein lautes Schluchzen dar- aus, und schwere, heiße Tropfen fielen in den Schnee. Die zweite Strophe begann; er betete leise mit; dann die dritte und vierte. Das Lied war geendigt und die Lichter in den Häusern begannen sich zu bewegen. Da richtete der Mann sich mühselig auf und schlich langsam hinab in das Dorf. An mehreren Häusern keuchte er vorüber, bann stand er vor einem still und pochte leise an. „Was ist denn das?" sagte drinnen eine Frauenstimme; „die Türe klappert und der Wind geht doch nicht." — Er pochte stärker. — „Um Gottes willen, laßt einen halberfrorenen Menschen ein, der aus der türkischen Sklaverei kommt!" — Geflüster in der Küche. „Geht ins Wirtshaus," antwortete eine andere Stimme; „das fünfte Haus von hier!" — „Um Gottes Barmherzigkeit willen, laßt mich ein! ich habe kein Geld." Nach einigem Zögern ward die Tür geöffnet und ein Mann leuchtete mit der Lampe hinaus. — „Kommt nur herein;" sagte er dann, „Ihr werdet uns den Hals nicht abschneiden." In der Küche befanden sich außer dem Manne eine Frau In den mittleren Jahren, eine alte Mutter und fünf Kinder. Alle drängten sich um den Eintretenden her und musterten ihn mit scheuer Neugier. Eine armselig« Figur! mit schiefem Hals«, gekrümmten Rücken, die ganze Gestalt gebrochen und kraftlos; langes, schneeweißes Haar hing um sein Gesicht, das den verzogenen Ausdruck langen Leidens trug. Die Frau ging fchweigend an den Herd und legte frisches Reisig zu. — „Ein Bett können wir Euch nicht geben," sagte sie; "aber ich will hier eine gute Streu machen; Ihr müßt Euch schon so behelfen." — „Gott's Lohn!" versetzte der Fremde; „ich bin's wohl schlechter gewohnt." — Der Heimgekehrte ward als Johannes Niemand erkannt, und er selbst bestätigte, daß er derselbe sei, der einst mit Friedrich Mergel entflohen. Das Dorf war am folgenden Tage voll von den Abenteuern des so lange Verschollenen. Jeder wollte den Mann aus der Türkei sehen, und man wunderte sich beinahe, daß er noch aussehe wie andere Menschen. Das junge Volt hatte zwar keine Erinnerungen von ihm, aber die alten fanden seine Züge noch ganz wohl heraus, so erbärmlich entstellt er auch war. „Johannes, Johannes, was seid Ihr grau geworden!" sagte eine alte Frau. „Und woher habt Ihr den schiefen Hals?" — „Vom Holz- und Wassertragen in der Sklaverei," versetzte er. „Und was ist aus Mergel geworden? Ihr seid doch zusammen fortgelaufen?" „Freilich wohl; aber ich weiß nicht, wo er ist, wir sind voneinander gekommen. Wenn Ihr an ihn denkt, betet für ihn," fügte er hinzu, „er wird es wohl nötig haben." Man fragte ihn, warum Friedrich sich denn aus dem Staube gemacht, da er den Juden doch nicht erschlagen? — „Nicht?" sagte Johannes und horchte gespannt auf, als man ihm erzählte, was der Gutsherr geflissentlich verbreitet hatte, um den Fleck von Mergels Namen zu loschen. — „Also ganz umsonst," sagte er nachdenkend, „ganz umsonst so viel ausgestanden!" Er seufzte tief und fragte nun seinerseits nach manchem. Simon war lange tot aber zuvor noch ganz verarmt, durch Prozesse und böse Schuldner, die er nicht gerichtlich belangen durfte, weil es, wie man sagte, zwischen ihnen keine reine Sache war. Er hatte zuletzt Bettelbrot gegessen und ;war in einem fremden Schuppen auf Stroh gestorben. Margret hatte länger gelebt, aber in völliger Geistesstumpfheit. Die Leute int Dorfe waren es bald müde geworden, chr beizustehen, da sie alles verkommen ließ, was man ihr gab, wie es denn die Art der Menschen ist, gerade die Hilflosesten zu verlassen, solche, bei denen der Beistand nicht nachhaltig wirkt und die der Hilfe immer gleich bedürftig bleiben. Demnach hatte sie nicht eigentlich Not gelitten; die Gutsherrschaft sorgte sehr für sie, schickte ihr täglich das Essen und ließ ihr auch ärztliche Behandlung zukommen, als ihr Emm merlicher Zustand in völlige Abzehrung übergegangen war. In ihrem Hause wohnte jetzt der Sohn des ehemaligen Schweinehirten^ der an jenem unglücklichen Abende Friedrichs Uhr so sehr bewundert hatte. " (Schluß folgt.) ___ Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei.». Lange, Giehen.