großer Jahrgang 1929 IFoittag, den 22. April Nummer 51 Meeresabend. Von Albrecht Schaeffer. Du schüttelst, Baum, dein dunkles Haupt, so ganz gedankenüberlaubt, so altersgrün, so zeitbestaubt. Geschüttelt flog der Windgott aus, mit Schwingen spitz, im kalten Saus, und kreist und bläst ums Bauernhaus. Dann schleicht er schlank und schlangengleich durchs weh'nde Gras, hinan den Deich, und hockt dort schwarz, norm Abend bleich. Der riesige Okeanos mit Rossen und Tritonentroh dahingestreckt die Augen schloß. O Glanz des Meers, perlmutterklar! Der Windgott schließt das Augenpaar und lüehelt, schmal und wunderbar... Verschwand er dann? — Der Deich ist leer. Es schläft der Baum, das Haus, das Meer. Aus Westen weht ein Traum daher... 1 iltuvu tichtung !» Ver- Detroit so ist in barj rnsehen, kommt, birgt er >d zwar '^gesetzt ßch auf Lersuch, 'den die sich bebauen, Herstel- im Zu- Schiffes -nag an !lrt von . Dabei das Ge- llschiffes i bisher gzeugen insofern irhebltch ud man ßen auf llzugroß n fliegt, sie dem dünner rennstosf >ff wird erzielen, cklich do- Bestim- hwierig- men, die stoss mit -möglich- e Stahl- Bis zu hwierig- ter über er, sogar n lassen, snehmen, . Bisher iterschied rf feilem deshalb en. Eine Amerika ibernom- -st jedoch itoff hervorderen ihlt, das! ein Kiel r nieder- rdichtetes >es Ven- den Lei- isen sind, förmigen etter aus gleichen ngeräusch r Dämpft und in t. Damit sich eine •en Lust' einigung Flugef- 18 sch"»- hen und t braucht lughäfen. i Kanada uig aus- er einge- e landen , die mit uch nwg- dergehen. Nietzen. SietzenerZamilieMätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger s. O. s. Erzählung nach einer wahren Begebenheit. Von Melchior Vischer. Steuermann Janns stand in seiner Kabine über den kleinen Tisch gebeugt. Er sah gespannt auf die ausgebreitete Seekarte; ab und zu murmelte er etwas vor sich hin und notierte mit seinem Bleistift Zahlen auf ein Papierblatt. Die Tür der Kabine war offen. Der Gang draußen war so schmal, daß ein Breitschultriger sich kaum durchzwängen konnte. Der offenen Kabinentür gegenüber, nur durch den engen Gang getrennt, lag die Kajüte des Kapitäns. Auch dort war die Tür offen. Man konnte aus der Kabine des Steuermanns durch die zwei Türrahmen in die Kapitänskajüte sehen. „ Janus nickte befriedigt. Dann schielte er in die Kajüte gegenüber. Wie ein Schuljunge in das Heft seines Vordermannes schielt, um ab- zuschreibeu. , Der Kapitän saß, mit dem Rücken zu Janus, an seinem Tifch und schrieb. Er schien mit der Berechnung der Grade noch immer nicht fertig 8 Janus war also diesmal schneller gewesen. Selbstgefällig machte er noch rasch einen Querstrich über das Papier und rief in die Kajüte hinüber: „Käpt'n, habt Ihr es schon--?" Er schaute durch die Türen den Rücken seines Vorgesetzten an; tief gebeugt saß der Kapitän dort und rechnete noch immer eifrig. „Ich hab' es genau, auf den Breitengrad, mit Minute und Sekunden, stier auf dem Papier steht es, wo jetzt unser Kasten gondelt!" — Vollertsen ärgert sich, dachte Janns, als er abermals keine Antwort bekam. „Werde den alten Seelöwen mal aufzieh'n", brummte er entschlossen, und schlich über den Gang in die Kajüte. Er wollte dem Alten eins fest auf die Schulter hauen und freute sich schon im voraus auf sein überraschtes Gesicht. Er stand nun dicht hinter ihm und holte zum Schlage aus. t , In diesem Augenblick drohte sich der Manu, der an dem J-ifa) saß, um. Jauns' erhobene Rechte sank jäh herab. Für einen Pulsschlag setzte sein Atem aus; er zitterte am ganzen Körper. Er starte in ein fremdes Gesicht. Und das Gesicht des Unbekannten starrte ihn an. — Es war bleich, lange Haarsträhnen fielen tief in die Stirn, zwei dunkle Augen glänzten wie im Fieber; ein verwilderter Bart verdeckte die untere Gesichtshälfte. ... Janns schrie auf und rannte aus der Kajüte, raste durch den Gang, über die Holztreppe — frifcber Wind blies ihm um die Ohren, er war auf Deck. Er stürzte auf den Kapitän, der Mittelschiffs stand, zu und fuchtelte mit seinen Händen in bedrohlicher Nähe von Vollertsens Alkoholnase. Hastig erzählte er, was er unten in der Kajüte soeben gesehen hatte. Der Kapitän fuhr ihn an: „Dil bist ja besoffen, olles Branntmeiu- saß!" Er stand dicht vor dem Steuermann, packte mit beiden Händen seine Kinnladen und riß sie auseinander. Er roch an dem gewaltsam geöffneten Mund; es war eine Eigentümlichkeit des 'Alten, immer andere für betrunken zu halten, wenn er selbst tief in die Flasche geblickt hatte. Janns sagte gekränkt: „Ich bin nüchtern!" Dabei hauchte er dem Kapitän ins Gesicht. „Unten in Eurer Kajüte sitzt ein Mann! Seht selbst nach!" „Gut!" sagte der Kapitän, der vor der festen Stimme seines Steuermanns Respekt bekommen hatte, „sehen wir nach. Zwei kommen mit!" — fifas Dulmkrack und Jörg Schuh gingen mit. Die anderen glotzten neugierig die Holztreppe hinunter. Kapitän Vollertsen ging zuerst, die Fäuste borbereit. Dicht hinter ihm Steuermann Janns, fiebernd vor Aufregung. Die zwei anderen folgten, gleichfalls neugierig. Knapp vor der Kapitänskajüte blieben alle stehen. Vollertsen rief laut: „Ist hier jemand--?" Die vier Männer hielten den Atem an und lauschten gespannt. Keine Antwort. Wenn Janns wirklich einen Fremden in der Kajüte gesehen hatte, iimßte man ihn jetzt erwischen. Denn der Gang hatte nur einen Ausweg: die Holztreppe, die aufs Deck führte, die sie soeben heruntergekommen waren. — Vollertsen machte stumm ein Zeichen. Alle stürmten vor, in die Kajüte. Die Kajüte war leer. Vollertsen pfiff durch die Zähne und blinzelte schadenfroh. Der Steuermann ließ seine Blicke hilflos kreisen. „Käpt'n, Ihr braucht mich nicht so anzuschauen, ich weiß, was ich rede. Hier saß der Mann!" Jaiins zeigte auf den Stuhl vor dem Tisch: „Und hier schrieb er!" — Vollertsen folgte der Handbewegung und stieß plötzlich den Steuermann beiseite. Auf dem Tische lag ein großes Stück Papier. Darauf stand etwas geschrieben. Mit riesigen Buchstaben; ein jeder davon war so groß wie ein Finger. Janns und die anderen beugten sich vor. „Fahret Süd-Ost!" Vollertsen hatte laut gelesen. Verständnislos blickte einer den andern an. Der Kapitän wußte genau, daß er vor einer halben Stunde die Kajüte verlassen hatte. Das Papier war leer gewesen. Er starrte die Buchstaben an. Auf einmal drehte er sich um: „Warst du es doch nicht, Steuermann?" Janns schwor sämtliche Eide. „Da, schreib'!" Der Kapitän drückte dem Steuermann den Bleistift in die Hand. — „Was?" Janns schaute verständnislos drein. — „Schreib': Fahret Süd-Ost!" Janns schrieb. Kaum konnte man es lesen. Dann sollten auch die anderen schreiben; sie konnten aber nur drei Kreuze machen. Keiner von denen hier konnte also den geheimnisvollen Befehl geschrieben haben. Vollertsen suchte seine Kajüte ab, lief über den Gang in die Kabine des Steuermanns und suchte auch hier. Nichts. Dann ließ er auf Deck alle versammeln. Jeder von den Leuten wurde genötigt, den geheimnisvollen Satz zu schreiben. Von den zwölf Männern des Dreimasters „Tettenborn" — der von Australien nach Bremen fuhr, und sich jetzt im Indischen Ozean befand — konnten nur fünf schreiben. Keine Handschrist ähnelte der, die man in der Kajüte gefunden hatte. — Es mußte also noch jemand, ein dreizehnter Mann, als blinder Passagier auf dem Schiff fein. Das ganze Segelschiff wurde abgesucht. Stundenlang. Niemand wurde gefunden. Der Kapitän, der nichts zu versäumen hatte, änderte bett Kurs und ließ Süd-Ost steuern. Einige der Besatzung meinten, die Erscheinung des Unbekannten würde dem Schiff Unglück bringen; andere wieder sagten, der sonderbare Befehl deute auf einen Goldschatz hin, den man heben müßte. 'Aber niemand kam der Rätsellösung näher. „An allem ist der Geestemünder schuld!", polterte der erste Maat, Uwe Setzpfand, der den Steuermann Janns nicht leiden konnte. Janns blickte während dieser Gespräche meist vor sich hin. Er mußte immer wieder an seine Kindheit denken, wie er als Sohn eines Schiffs- zimmerrnanns in Geestemünde auf den Schisfsrümpfen gespielt hatte. Auch auf dem „Tettenborn" war an manchen Planken der Bordwände „P. I. - Geestemünde" eingebrannt. Der Zweimaster war von Pieter Janns, dem Vater des Steuermanns, gebaut worden. Plötzlich wurde er durch Setzpsand ausgeschreckt: „Janns, wann bist du eigentlich geboren?" — Janns amvortete mechanisch: „Im Schaltjahr 18.., am 29.Februar!" Die Männer sprangen auf und wichen zurück. Setzpfand rief aus: „Deshalb hat er den Klabautermann gesehen!" Die anderen nickten; den Klabautermann konnte nur einer sehen, der nm 29. Februar geboren war. , t Sie liefen zum Kapitän und beschworen ihn, bas Schiff wenden zu lassen. „Unsinn!" murrte Vollertsen. „Wir fahren Süd-Ost! Denn Kapitän Vollertsen war mehr neugierig als abergläubisch. In den Masten waren Ausguckposten ausgestellt. Die ganze Be- satznng war nervös; oft erschrak einer, wenn hinter dem Deckhaus plötzlich jemand auftauchte. Man vermutete überall den Unbekannten. Der „Tettenborn" fuhr schon drei Stunden in der geheimnisvollen , Eüd-Ost-Richtung. Es war ein trüber Tag. Auf einmal hörte der Kapitän vom Ausguck den Ruf „Ahoi!" Alle rannten auf Deck, um zu sehen. Kaum hundert Meter weit schwamm etwas Helles auf dem Wasser. Die Entfernung verringerte sich. Es war ein gelb angestrichener, truyenförmiger Gegenstand. „Da ist der Schatz drin!" meinten die Schatzsucher des „Tettenborn". Der Kapitän lächelte; Truhen mit Gold schwimmen bekanntlich nicht. Dennoch war auch er neugierig. Ein Boot wurde ausgesetzt, man fischte den ziemlich großen Kasten aus dem Wasser und schleppte ihn an Bord. Es war eine längliche Kiste mit fremdartigen Schriftzeichen. Der Deckel war ganz verquollen, es brauchte einige Zeit, bis man ihn aufbrachte, denn man wollte die Kiste nicht beschädigen. Endlich ging der Deckel auf; unter allgemeiner Spannung wurde die Kiste geöffnet. — Sie war leer. Es begann zu regnen. Eine Bö jagte die andere. Nach einer guten Stunde rief es vom Mast: „Schiff, vier Strich backbord voraus!" Vollerisen fetzte sein Fernrohr an. „Mit dem Schiss ist etwas nicht richtig!" meinte Setzpfand zum Kapitän, der gar nicht darauf antwortete. Das fremde Schiff war nun zu erkennen. Eine leichte Brigg. Man rief hinüber. Keine Antwort. Setzpfand stand wieder bei Bollertsen: „Käpi'n, drehen wir um. Mit dem Schiff dort ist es nicht geheuer, das bringt uns allen noch Unglück!" — Bollertsen winkte mürrisch ab: „Maat mach' mir die Leute nicht feige! Gespensterschiffe gibt es nur in euren Kindsköppen! Die Brigg dort drüben ist auf eine Sandbank geraten. Deshalb ist es mit dem Schiff nicht richtig!" — Setzpfand lächelte ungläubig; dabei war fein Gesicht von plötzlicher Angst verzerrt. Bollertsen schrie: „Boot hinunterlassen!" — Steuermann Janns, Dulm- krack und Schuh bestiegen das große Rettungsboot. Es war ein Stück Arbeit gegen Regen und hohen Seegang anzukämpfen. Endlich war das Boot längsseits. Sie riefen das fremde Schiff an. Keine Antwort. Nur das Klatschen des Regens und das Heulen des Windes war zu hören. Die drei stiegen an Bord. Das Deck war leer. Vorsichtig und auch ein wenig ängstlich suchten sie das Schiff ab. — Nichts. — Nun standen sie in der Großluke. Janns rief nach unten. Sie lauschten. Kein Laut. Dann stiegen sie die Holztreppe hinunter, die Pistolen schußbereit haltend. Drüben auf dem „Tettenborn" standen die andern und verfolgten gespannt das Tun ihrer drei Kameraden. Plötzlich tauchte auf dem fremden Schiff Steuermann Janns wieder auf, der, wie von Furien gehetzt, sich über Bord schwang und an dem Fallreep hinunter ins Boot kletterte. Was war drüben geschehen? Und wo waren die zwei andern? Schon war Janns an Bord des „Tettenborn", atemlos stürzte er auf den Kapitän zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Seine Worte hatten eine furchtbare Wirkung. Dollertfens Gesicht wurde plötzlich blaß. Dann riß er sich zusammen und kommandierte: „Das zweite Boot hinunterlassen! Kriete und Lüders gehen mit. Drüben wird euch Janns das Weitere sagen!" Schweigend gehorchten die Leute. Beide Boote stießen ab. Die Zurückgebliebenen standen an Bord und ließen die Brigg nicht aus den Augen. Man sah. wie die drei drüben an Bord stiegen und in der Luke verschwanden. Die Leute auf dem „Tettenborn" warteten in fieberhafter Spannung. Der Kapitän gab auf neugierige Fragen keine Antwort. Der Regen hatte aufgehört. Endlich regte es sich drüben. Gebückt kamen zwei aus der Luke, die etwas Langes trugen. Man konnte nur Umriffe erkennen, da dicke Nedelfchwaden die Sicht uerfperrkn. Dann trat Janns aus der Luke und blieb an der Reeling stehen. Die andern verschwanden nach unten. Gleich kamen sie wieder, auch diesmal gebückt, etwas Langes tragend; das wiederholte sich mehrmals. Plötzlich lagen die Brigg und der „Tettenborn" für einige Minuten in dichtem Nebel. Man sah überhaupt nichts mehr. Als eine Brise endlich den Nebel zerteilte, erblickte man die zwei Boote schon ganz in der Nähe der „Tettenborn". In der Mitte eines jeden Bootes lagen Menschen, mit Segeltuch zugedeckt. Mit großer Mühe wurden sie an Bord gebracht. Es waren Fieberkranke. Fünf Seeleute hatte man geborgen. Steuermann Janns machte einen seltsam aufgeräumten Eindruck. Er pfiff fröhlich vor sich hin und war um einen Fieberkranken, den man als Letzten an Bord gebracht hatte, besonders bemüht. Er ließ ihn sofort in seine Kabine bringen. - Die Geretteten waren Seeleute der Hamburger Brigg „Kattwyk", die hier vor vier Wochen im Nebel auf eine Sandbank gelaufen war. In einem Anfall von Berzweiflung hatte sich der Kapitän erschossen. Da diese Stelle abseits von den Schiffsstraßen lag, waren die Leute, die alle am Tropenfieber erkrankt waren, ohne Hilfe geblieben. Bor drei Tagen waren dazu noch alle Eßvorräte sowie auch noch das Trinkwasser auf- gebraucht. Heute morgen war einer von ihnen nach der Nachtwache fest eingeschlafen, nach zwei Stunden war er plötzlich wieder aufgewacht — es war gegen zehn Uhr — und sagte mit fester Stimme: „Wir werden heute gerettet werden!" Er hatte bann (einen verzweifelten Kameraden erzählt, ein Zweimaster, den er im Traum gesehen hätte, nähme seinen Kurs auf die Sandbank. Auf einmal hatte sich das Wetter gewendet; Böen gingen über das Schiff hinweg, dazu hatte es zu regnen begonnen. Sie hätten sich alle mit Mühe unter das Deck geschleppt und wären dort vor Entkräftung im Fieber bann eingeschlafen. Das erzählten die Kranken ihren Rettern. Was aber Steuermann Janns gegen Abend dem Kapitän in dessen Kajüte sagte, davon erfuhren die anderen Leute des „Tettenborn" erst später. Janns erzählte, wie er drüben auf der Brigg plötzlich in einem Fieberkranken den Mann erkannt hätte, der ihn am Vormittag in Vollerisens Kajüte so erschreckt hatte. Aber das war noch nicht alles. Als Janns dem Kranken zu trinken gegeben und ihm die Haare aus der Stirn gestrichen hatte, war ihm an der linken Schläfe des Kranken eine dreieckige Narbe aufgefallen. Diese seltsame Narbe konnte nur ein Mensch auf der Welt haben: Der Fieberkranke war fein feit zehn Jahren verschollener Zwil- l'ngsbruder Hein, der in der Nähe einer australifchen Insel schiffbrüchig geworden war, dann lange Jahre unter Wilden gelebt und endlich unter vielen Gefahren auf einem Baumkahn an der australischen Küste gelandet war. Er hatte sich bis Adelaide durchgeschlagen und war dort auf der deutschen „Kattwyk", die nach Hamburg zurückkehrte, angeheuert worden. Als dann die Brigg auf die Sandbank festgerammt war, hatte ihn große Verzweiflung gepackt. Die Sehnsucht nach der Heimat war von Tag zu Tag stärker in ihm geworden. Seine Gedanken suchten immer wieder seinen Zwillingsbruder, den Steuermann, und erreichten ihn, wie heute Radiowellen ihren Empfänger ereichen. Es waren aber außer der Blutsverwandtschaft der beiden noch andere Gründe eines gegenseitigen Kontaktes gegeben. Denn auf dem „Tettenborn" war ja bas Zeichen „P. I. - Geestemünde" eingebrannt; dieser Zweimaster war, wie wir schon wissen, von dem Vater der Zwillingsbrüder gebaut worden. Die beiden hatten als Knaben ost auf den Planken des unfertigen Schiffes gespielt. Das Schiff des Vaters war Hein im Traum erschienen. Am nächsten Tage lieh Vollertsen den Bruder des Steuermanns, dessen Fieber schon nachgelassen hatte, die Worte „Fahret Sud-Ost!" schreiben. Es war dieselbe Schrift wie auf dem Papier in der. Kapitans- ta,UUnb doch hatte Steuermann Janns diese Worte selbst geschrieben. Er war schlafwandelnd in die Kapitänskajüte gegangen und hatte den geheimnisvollen Befehl in der Handschrift seines Bruders niedergeschrieben, als Werkzeug eines fremden Willens. Das Traumbild des Uebetannten beim Erwachen Janns' war fo stark gewesen, daß er an die Existenz des fremden Passagiers selbst geglaubt hatte. Es war gegen zehn Uhr vormittags gewesen, um dieselbe Zeit, in der sein Bruder auf der Brigg von feiner Rettung und dem Zweimaster geträumt hatte. Aus den Lebensläufen der Polarforscher. Von Anton Schnack. Der Bootsmaat Nikifor Begitschew. Er war ein untersetzter Bursche, von Kälte gerötet und von dem vielen Alleinsein schweigend gemacht. Er hatte ein kühles graues Auge und den Instinkt eines Tieres. Sein Gesicht war hoch und ungemein kühn. Er liebte Robbenfleisch, das Nordlicht, das Gleiten der Hundeschlitten und das Erzählen über den russischen General Koltschak. lieber dem gewaltigen Fluß Jenissei touren die Abenddämmerungen eisgrün. Im Frühling tobte er die ganze Nacht; das Eis spaltete sich mit krachendem Donner. Nikifor hakte eine Hütte bei Dudinka, ein wenig abseits stehend und von Hunden umheult. Sie lag im Schatten einer Steinklippe, auf der er oft stand. Er hatte schmale Kajaks, eine Wand voller Gewehre, eine Kiste mit Fallen, Wurfhaken, Harpunen, Lammfell- und Eisbärmutzen, Mäntel aus Seehundsfell, Stiefel aus Rindsleber, Geweihe von Renntieren, Pelze von Silberfüchsen, einen Herd, eine kleine flotte Frau, bie ein paar kohlschwarze Augen und eingefettetes schwarzes Haar hatte. Grausam war sein Beruf. Er jagte unb fischte. Er stach blitzschnell nach ben Lachsen. Die Wildgänse schoß er im Fluge ab, an bie schlafenben Seehunde schlich er sich lautlos heran. Ende Mai des Jahres 1920 erreichte ihn beim Fallenreinigen die Nachricht der Sowjetunion, daß Amundsens Maudmatrosen Peter Tefsem und Paul Knudsen seit einem Jahre vermißt wären. Er möge nach ihnen suchen. Die Norweger hätten viel Geld gestiftet. Begitschew rüstete eine Hundeexpeditton aus, suchte vier Manner aus Dudinka, Sibirier von Entfchlofsenheit und Kenntnis, unb brach auf. Immer die Küste entlang, von der bas Eis im Sommerwind sich loste. Die Fahrt ging langsam, ba sie untersuchten, spähten, in Felsrisse rochen und nach Feuerstellen ausschauten. Zuweilen schoß er einen Baren, bann gab es frisches Fleisch. Stürme fegten über sein Zelt. Er war nicht so wie die anderen: er fand, daß manchmal bie Sterne furchtbar in ihrem nahen Glanze waren. Er horchte oft nach dem Gebell der Eisstichse und nach dem Rausck;en der Brandung. m Bei Port Dikfon trafen sie auf Hütten, Zelte, Walfifchfanger, Pelzjäger und Soldaten. Keiner wußte etwas von den vsrfchollenen Nor- Jn^Port Dikfon blieben sie einige Tage zur Raft, fütterten die Hunde auf, besserten die Schlitten aus, bas Leder, die Stricke unb ihre Mantel, schliefen und fraßen sich voll. . Dann zogen sie zum Kap Wilde hinauf, das sie m der Dämmerung erreichten. Sie waren wieder viele Tage lang gefahren, suchend, spähend, horchend; nichts. Eines morgens stolperte er allein über einen Felshang, der besät war mit losen Steinen. Er stutzte, ba er Steinblöcke sah, die aufeinanbergelefit ivaren. Er ging hin unb fand zwischen ben Steinen eine kleine Konservenbüchse norwegischer Herkunst. Sie war vom Schnee verrostet, aber gut verschlossen. Sie enthielt ein Schriftstück, bas er lesen konnte. Os lautete: . _ „ „Zwei Mitglieder der Maubexpedition haben auf Hundeschlitten diele» Punkt am 10. November 1919 erreicht. Wir stießen hier aus ein Lebms- mittelbepot. Das Brot war feucht und vom Salzwasser verdorben. Wir schlugen an einer höheren Stelle der Küste unser Lager auf und nahmen Nahrungsmittel mit. Wir sind gesund. Unser Marsch geht weiter, zim 15. November 1919. Peter Tessem, Paul Knudsen." Nikifor zitterte, als er dies gelesen hatte. Er war ihnen auf der Spur. Eine großartige Entschlossenheit kam über ihn. Er zog mit einem Schlitten und einigen Hunden, Proviant und einem Kajak, allein j» dreizehn Tagemärschen nach der Bucht Blibukaia. Manchmal stieg ein Schneehuhn vor ihm aus, äugte unb verfchwanb. Das Meer lag unter grauen Schneegestöbern. Es rvar am Ufer eisfrei unb von wilder Brandung. Eines Nachmittags kam er an einen Felsen, der riffartig vom Meere aufstieg. Eine Wolke schwarzer Raben saß auf ihm. Hinter diesem Felsen entdeckte er alte Asche, ein von Rost angegru- fenes Jagdmesser, eine Patronenhülse und drei Schritte weiter noch eine. Als er mit seinem Gewehrlauf die Asche durchstöberte, fand er Knocyei, ein Schulterblatt, lange schmale Schienbeinknochen, Schädelstücke und or mtet ge- auf ■uert satte war chten chten aber >ines r ja war, eben, iiffes >nns, Ost!" icins- i. Er i ge- eben, mten ; des vor« Srigg etzter d ge- ieres. , das den ingen e sich wenig einer e mit iäntel ieren, e ein schnell enden n die bestem ihnen r aus f. > löste, rochen dann cht s° ihrem e und P-lz- Nor- Hunde iäntel, lerung ähcnd, it war rgelegt Kon- , aber !e. Es diesen ebens- i. Wir ahmen r. Am Spur, einem -in in g k'" unter Bron- g vom gegns- h eine, nochen, ,d drei Kinqerglieder. Mehr fand er nicht. Er suchte noch am folgenden Tage, guj bti ganzen Halbinsel war keine Spur oon den Verschollenen zu ent^ckewlegte un& [ejne Hunde Polarhasen, von denen es viele aab. Dann brach er sein Zelt ab und zog hinab an den Jenissei. Denn her Polarwinter kam mit grünen Nordfeuern heran. Seine Frau Petrowna sah ihn an einem Mittage von Norden her kommen. Er schoß aus seiner Flinte und rief ihr durch die hohle Hand -u. Er war müde, abgemagert und etwas fahl im Gesicht. Sieben Hunde batte er eingebüht. In einem Sack aus Robbenleder hotte er die Knochen, leite der Asche, das Messer und die Hülsen. Mit einem Bericht schickte er ten Sack an die Sowjets zum Weiterleiten. Er brach zum zweiten Male auf, als der Frühling kam. Diesmal hielt er sich westlicher. Er hatte schon wochenlang die Küste abgestreist und nichts anderes gesehen und gehört als quäkende Schneehühner und schrille Raubmüven. In den Lehmebenen am Ufer schnatterten Ringel- günse. Auf den Eisschollen sah er Robben sich sonnen. An einem Mittag sei-te sich ein Leinhänfling auf eine Stange seines Zeltes und fang. Es war derselbe Mittag, an dem er auf einem Felsen eine verweste Manner- [eiche fand. Raben und Raubzeug hatten daran herumgehauen und genagt. Reben der Leiche lag eine Taschenuhr, die Tessems Monogramm trug. Sie stand auf zwei. Er begrub den Leichnam unter Steinen und deckte ein Flaggentuch mit dem Sowjetstern darüber. Er kletterte den Kelsen ab, spähte in jede Spalte, aber er sand nichts mehr; Gewehr und Schneeschuhe fehlten. Der Abhang des Felsens war steil. An seinem Fuße brandete das Meer. Ueber dem Toten lag ein unersorschbares Geheimnis. Himmel und Schnee und das ewige Brausen des Meeres hatten über dieses Geheimnis ihre Schwermut gelegt. Begitschew brach nach einigen Tagen vergeblichen Suchens und Um« herschweifens zum Rückweg auf. Er hatte auf 117 Grad östlicher Länge und 74 Grad nördlicher Breite eine Insel entdeckt, die Felsklippen wie Buckel in das Meer wölbte. In ihrem nördlichen Teil war sie vereist und ohne Lebewesen. Er kehrte zurück in sein Haus bei Dudinka, feine Hunde waren heil, aber er war schwermütiger als sonst. Er sandte einen zweiten Bericht, und die Norweger schickten ihm aus Anerkennung eine große Geldsumme. Es waren dreißigtausend Mark. Die Jäger am Jenissei beneideten ihn. Im Herbst des Jahres 1926 brach Begitschew mit einer Jagdgesellschaft auf, um Eis- und Silberfüchse zu jagen. In seiner Begleitung war der Jäger Natalschenko, der einen Kopf größer war und weißblonde hagre hatte. Er war sehnig wie ein Renntier und schwieg gerne. Dieser . Natalschenko war der Liebhaber von Begitschews Frau geworden. Die Jäger hatten viel geschossen; drei Schlitten von Fellen zogen die Hunde; am meisten hatte Begitschew erlegt. Am 21. Mai 1927 — sie hatten den Fluß Piefsina erreicht — stießen beide, Begitschew und Natal- jchenko, auf Bärenspuren, die sie verfolgten. Begitschew wollte, als sich die Spuren teilten, nach links, Natalschenko aber nach rechts. Dies war sinnlos; denn die Bären waren tatsächlich nach links abgestrichen. Für Natalschenko war dies Anlaß, einen Streit zu suchen. Er beschimpfte seinen Jagdgenossen und warf ihn schließlich zur Erde. Bei diesem Sturz hatte sich Begitschew den linken Knöchel ausgekugelt; er konnte nicht vom ' Boden auf und bat Natalschenko um Hilfe. Aber dieser schlug dem Gefallenen mit dem Ende seiner harten Stiesel auf den Schädel, bis er bewußtlos umfauk. Er zog ihm den Mantel aus, riß ihm die Stiefel Von den Füßen und ließ ihn liegen. Der Abend brach mit bitterer Kälte . herein. Begitschew lag die Nacht durch. Begitschew lag am nächsten Tage ' noch auf der Erde und lebte. Sein Blut, das aus der gesprungenen Schädeldecke sickerte, fror an ihm fest. Die zweite Nacht kam, Begitschew lag immer noch und sein Herz schlug. Am dritten Tage, in der grünen Morgendämmerung, starb er. Aus der Ferne stieg das Meerrauschen. Ein Eisbär kletterte über eine Felsklippe und brummte furchtbar. Der Mörder warf Steine über den Toten, brach fein Zelt ab und traf nach drei Tagen die Gefährten. Ihnen fagte er, Nikifor Begitschew sei am Skorbut gestorben. Der Mereorkrctter von Arizona. Bon Dr. Balduin Ern st. (Nachdruck verboten.) Wenn Meteoriten aus die Erdoberfläche niederschlagen, bohren sie sich natürlich stets mehr oder weniger tief in den Boden ein. Bon besonders großartiger Wirkung war der Aufprall eines in vorgeschichtlicher Zeit in Nordarizona nahe bei der Stadt Winslow niedergegangenen gewaltigen Meteoriten oder Meteoritenschwarms, dessen Einschlagsloch feit seiner ersten Auffindung in den siebziger Jahren das Interesse der Fachwelt zunehmend du} sich gezogen hat. Mitten in die einförmig flach gelagerten Sand- und Kalksteinschichten des Gebietes ist unvermittelt ein an 200 Meter tiefes kraterförmiges Loch eingefen'.t, das von einem durch steil stehende Gesteinsbänke gebildeten 40 Meter hohen Randwall umgeben ist und einen x Durchmesser von 1350 Meter im Mittel hat. Seine Entstehung war lange Zeit strittig. Zunächst dachte man an vulkanische Bildung, etwa nach Art unserer Eifelmaare, die einmaligen heftigen Gaszerknallen ihren Ursprung verdanken. Da aber in der ganzen Umgebung sonstige Zeugen vulkanischer Tätigkeit fehlen, so ist man von dieser Anschauung sehr bald zurück- gekommen, um so mehr, als Bohrungen inmitten des Kraterbodens keine Anzeichen für das Vorhandensein einer Vulkanesse ergaben. Nach Durchsinken einer mächtigen Lage von lockeren, großenteils staubförmigen Trüm- inermassen, die den rundlich anstehenden Sandsteinen und Kalken entsprechen und durch reichliche Beimengung meteorischen Stoffs ein besonderes Gepräge erhalten, traf man auf eine gefrittete Gesteinszone und darunter auf feste normale Sandsteinbänke. Eine Decke von feinem Gesteinsmehl, untermengt mit großen Kalk- und Sandsteinbrocken und einer Anzahl von Bruchstücken von Meteoreisen, ist auch für den weiteren i Umkreis des Loches bezeichnend. So kann heute kein Zweifel mehr bestehen, daß der Arizonakrater mit dem Aufprall einer ungeheuren Meteormass« zujammenhängt, die das Gestein der Erdoberfläche zersprengte. Der meteorische Stofs tritt in allen Größen von feinstem Korn bis zu Stücken von mehreren hundert Kilogramm Gewicht auf. In {einer chemischen Zusammensetzung zeigt er gegenüber den sonst bekannten Meteoreisen keine Besonderheiten. Neben Eisen besteht er aus etwa 8 v. H. Nickel. Dazu treten noch geringe Mengen von edlen Metallen, im besonderen Platin und Iridium, die nach neueren Untersuchungen etwa 0,0018 v. H. der Gesamtmasse ausmachen. Schließlich ist schon länger auch das gelegentliche Vorhandensein von kleinen, dunklen Diamanten und Graphit im Ärizonoeifen bekannt. Ueber die Gesamtgröhe des Arizona-Meteoriten bestehen nur Schätzungen, die je nach der Geschwindigkeit, die ihm im Augenblick seines Aus- tresfens auf den Erdboden zugeschrieben wird, mehr oder weniger groß ausfielen. Die oon verschiedenen Seiten genannten Zahlenwerte schwanken zwischen 1 bis 5 Millionen Tonnen. Ein Rätsel, das bisher nicht völlig gelöst werden konnte, ist die Frage nach dem Verbleib des Meteoriten- körpers. Da die früheren Vohrversuche, die in der Mitte des Kraterbodens angesetzt wurden, erfolglos geblieben waren, so tauchte der Gedanke auf, daß die meteorische Masse vielleicht im Laufe der Jahrtausende durch Oxydationsvorgänge ganz aufgezehrt worden sei, eine Annahme, die allerdings von vornherein im Hinblick auf die Unmenge von Estenbrocken in der Trümmerschicht des Kraterbodens wenig Wahrscheinlichkeit für sich hatte. Oder sollte das Eisen, durch die Wucht des Anpralls zurückgeschnellt, vielleicht in weiter Entfernung erst endgültig zur Ruhe gekommen sein? Neuere Untersuchungen durch den amerikanischen Ingenieur Min- h i n n i ck gingen nun von der Ueberlegnng aus, daß der Meteorit nicht senkrecht, sondern möglicherweise in schräger Richtung auf die Erdoberfläche aufgetroffen und deshalb heute nicht in der Mitte des Loches, sondern an irgendeiner Stelle unter dem Randwall anzutreffen sei. Diese Vorstellung ist nicht ohne weiteres mit den sonstigen Beobachtungen von Meteoritenfällen in Einklang zu bringen, da die mit kosmischer Geschwindigkeit schräg in die irdische Lufthülle eindringenden Himmelskörper in großer Höhe durch den Luftwiderstand abgebremst werden und dann senk- recht zur Erde stürzen. Immerhin haben die Bohrungen am Südrcmd des Kraters, die bis 450 Meter Tiefe vordrangen, eine über 10 Meter mächtige Schicht von rein meteorischer Natur durchläuft, fo daß die Hoffnung auf die endliche Auffindung des Hauptmeteoriten neue Nahrung erhält. Meteoriten, die dem Arizonaeisen auch nur annähernd an Größe gleich- tommen, waren der Wissenschaft bis vor kurzem unbekannt. Der Eisenklotz von Ranchito in Mexiko, als der gewaltigste unter ihnen, wurde auf 50 Tonnen geschätzt. Das von Nordenskjöld aus Grönland mit« gebrachte Eisen wiegt 25 Tonnen, und das älteste, heute noch unversehrt erhaltene, das von Kuyahinya in Ungarn 293 Kilogramm. Erst die den russischen Geologen nach planmäßigem Suchen vor einiger Zeit geglückte Auffindung des Riefenmeteors im sibirischen Gouvernement Jenisseisk hat dem Arizonafall einen nahezu ebenbürtigen Bruder zur Seite gestellt, der auch sonst manche Uebereinftimmung mit ihm zeigt. Das sibirische Eisen ist 1908 erschienen. Sein Aufprall machte seinerzeit die Erdkruste in einem Umkreis von mehreren taufend Kilometer erzittern. Heute findet sich an der Aufschlagstelle ein 200 Meter tiefes, kraterförmiges Loch, ähnlich dem vom Canyon Diablo, nur daß in diesem Fall der Meteoreisenklotz an der Sohle des Kraters einwandfrei erkannt werden kann. Sein Gewicht wird vom Finder auf 820 000 Tonnen geschätzt. Noch jetzt, nach 20 Jahren, sollen die Wälder in meilenweiter Umgebung die schrecklichsten Verwüstungen erkennen lassen, die der niederstürzende Koloß verursachte. Ihrer Entstehung nach werden die Meteoriten bekanntermaßen als Bruchstücke eines zerstörten Himmelskörpers angesehen. Da sie in Ablagerungen erdgeschichtlich älterer Zeiten bisher noch nie angeiroffen worden sind und 'Eisenmeteoriten nicht einmal der Urmensch, der als großer Sammler sicher nicht an ihnen vorbeigegangen wäre, gekannt zu haben scheint, so hat man neuerdings hieraus schließen woll.n, daß unser Sonnensystem erst vor verhältnismäßig ganz kurzer Frist in den Bereich der Meteoriteuwolke eingetreten sei. So würde sich auch für den Arizonafall eine gewisse Abgrenzung nach der Vergangenheit hin ergeben. Die hohe wissenschaftliche Bedeutung der Meteoriten als Zeugen des Weltalls liegt auf der Hand. Für das Arizona- wie für das sibirische Eisen aber wird man auch die wirtschaftliche Seite nicht übersehen dürfen. Legen wir für unsere Betrachtung nur eine Gesamtmasse von 1 Million Tonnen zugrunde, so würden bei einer praktischen Ausdeutung in Arizona neben den gewaltigen Eifenmengen 80 000 Tonnen Nickel und 18 000 Kilogramm Platin und Iridium zu erwarten sein, die bei den hohen Preisen der drei Metalle einen ungeheuren Wert haben. Kinder des Volks. Von Alfred B o ck. (Fortsetzung.) „Ihr Alaun hat sich vor'm Jahr aufgehangen. Aus lauter Kummer über das Mensch. Die hott' gleich ein halbes Dutzend am Bändel. Und nahm sie, weih Gott, mit ins Haus. Und der Stadler, der Schlappes, ließ fich's gefallen. Wie sie ihn abgeschnitten haben, hott' er einen Zettel in der Tnsch'. Dodrauf stand: „Vettel, du siehst mich nicht wieder." Seit sie nun los und ledig ist, treibt sie das Geschäft ganz offen. Und muß eine gute Kundschaft haben. Beim Schuster Reinig kriegt sie ihr' Schuh' umsonst gemacht. Und der Buckelmüller nimmt ihr für den Kaffee nix ab. Jetzt scheint's, sie will über den Skandal ein Mäntelchen hängen, dann sie heirat' wieder die andere Woch'." „Wen?" fragte Lene ahnungsbang. „Jo, wen! Den SchollosI Den elenden Fittch!" „Den Schollas?" schrie Lene auf, und die Tränen stürzten ihr aus den Augen. „Gott steh' mir bei!" Der Belloffen schmolz vor Mitleid das Herz. „Ich hab' dir's die Zeit her nicht sogen wollen. Schon feit Johanni geht er zu dem Mensch. Und alleweil sind sie ousgehängt. Hab's mit meinen eignen Augen gesehen." ein der sie's ihr beibringt mit und eine andere Tonart an Nüstern zucken, aus ihren Die Lene steckt mit zitternder Hand den Rest ihres Frühstücks und steht ein paar Schritte auf die Kienholzen zu. „Was meinst du dann mit der Straf'?" Die Alte hat den Teufel im Leib. Eh' Stadlern, soll sie noch ein bisschen zappeln. „Du dauerst mich halt doch", schlägt sie kehrt die Mitleidige heraus. Die Seite tritt dicht an sie heran, ihre Pupillen sprühen Funken. Verantwortlich: Di-. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei, R. Lange, ®iC6cn' jungen Mädchen ihren Platz. Zuerst das Lieschen Hormann, eine Waise, die bei der Witwe Frau Reidel wohnte, alsdann die Cordula Schmitz, einer Botenfrau Tochter, zuletzt die Lene Launsbach, die nach langem' unfreiwilligem Feiern heute wieder erschienen war. Es ist Vormittag. Durch die trüben Fensterscheiben des Arbeits. raumes fällt gedämpft das helle Tageslicht. Die Maschinen sind in vollem Gang. Man hört den lauten Anschlag der „Schlitten", das leise Knittern der Radeln. Gesprochen wird soviel wie nichts, denn die Bedienung der Maschinen erheischt Aufmerksamkeit. Punkt nun Uhr bimmelt im Hof das Sehelichen und kündigt die Früh, stückspause "n. Einige sprengen die eben fertige Ware von den Radeln ab, andere drehen die Kurbeln aus und halten Kamm und Gewichte fest Rach und nach nehmen alle an roh gezimmertem Tische Platz und ver- zehren bedächtig ihr kärgliches Frühstück. Rur die Cordula Schmitz ißt nichts. Sie hat gestern ihren Namenstag gefeiert. Da hat ihr Schatz was draufgehen lassen. Heut ist ihr katzenjämmerlich zu Mut. „Ess' doch ein Muffel Brot," rät ihr die Kienholzen, „'s wird dir ja blimerant vor den Augen." Die Schmitz schüttelt den Kopf. „Ich bring' kein' Bissen herunter." „Ja, ja, das kommt von der Strunzerei." „Es soll sich kein? zum Essen zwingen," gibt die Reideln ihre Mei» nung kund. „So einmal richtig gehungert, ist sehr gesund," spricht die scheppe Krämern. „Hast du's dann schon probiert?" fragt die Kienholzen. „Und ob. Tu' nur deinem Magen die Gunn einmal an und lass' ihm ein’ Tag Ruh. Was glaubst du, was der sich bei dir bedankt?" „So ist's", bekräftigt die Reideln. „Lene, du mußt's ja wissen", wendet sich die Kienholzen an die junge Genossin, die, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, ihr Milchbrötchen verspeist. „Du hast drei Monat lang nichts zu acheln gekriegt." „Wo wär' ich wohl da!" sagt Lene, ohne ihre Stellung zu verändern. „Das sind so Geschwätzer unter den Leut', als müßt' eins Hunger leiden im Spital." „Ja, ja, so wird gesprochen." „Wann ich's mein Lebtag nicht schlechter krieg wie droben, hernach will ich zufrieden sein." „Was heißt das?" spöttelt die scheppe Krämern, „du kriegst's vielleicht noch besser." „Vielleicht, vielleicht auch nicht." „Ro wann du erst Frau Notarschreiber bist!" Erbleichend richtet sich Lene auf. „Dein' Hohn kannst du für dich behalten!" „'s ist auch wahr", pflichtet die Reideln der Seite bei und schiebt einen Brocken Brot in den Münd. „So?" fährt die Kienholzen plötzlich los. „Wer hat denn den Ton hier eingeführt? Ich möcht' wissen, so eine Hochnäsigkeit. Und steckt nix dahinter. Erst das Veriuckeln mit dem Schatz, als wär's wunder was für ein großes Tier. Gott fei's getrommelt und gepfiffen! Auf einmal kommt der Herr Schollas heraus. Da bist du an den Rechten geraten. Bon dem Kind will ich alleweil gar nicht schwätzen. Das ist schon ganz anderen Leut' passiert. Und passiert noch mehr. Aber daß du alles in dich hinein- gefressen hast und während du hier die Heimducksern spielst, dadesür kriegst du jetzt deine Straf'!" „Deine Erbarmnis ist mir zum Lachen! Was dir auf der Zung brennt, weiß ich schon lang'. Und ist meine Sach! Und geht dich nix nn. Und gehört nicht hierher. Pfui schäm' dich mit deiner Berhönscherei!' Die Kienholzen wirft den Kopf zurück und stemmt die Ellbogen in die Hüften. „Du freche Krott, was fällt dir dann ein? Sitzt in der Bredullje um ranzst mich an? Die Stadlern, guck, die gönn’ ich dir. Ehnder will ich doch verrecken, als daß ich mit dir noch ein Wort schwätz’." Zornglühend stehen sie sich gegenüber. Die Kameradinnen sind aufgesprungen und ergreifen, jede ihrem Charakter gemäß, der Alten oder des Mädchens Partei. Da öffnet sich die Tür, der Chef tritt herein. „Kreuzfackerment, seid ihr dann toll? Ein Geschrei, daß man's vorne im Laden hort. Kienholz, was geht hier vor?" A Die Kienholz streicht das Haar aus der Stirn und tut ganz erstaunt. „Was soll dann hier vorgehen? Weiß von nix. Wir haben nur |o miteinander geschwätzt." I „Gekrischen meinen Sie doch wohl", donnert Herr Vitus und zieh» | die Brauen zusammen, daß seine Aeuglein ganz verschwinden. ,,aw»- ich werd' euch Mores lehren. Roch ein Skandal, und ich wers' euch!lWU und sonders zum Tempel hinaus!" Draußen bimmelt wieder das Schellchen. die Frühstückspause ist verstrichen. Alle gehen an ihre Plätze. Gleich darauf klippern die M-tzcym-n und der Hader ist verstummt. (Fortsetzung folgt.) Ein jäher Zorn durchlohte das Mädchen. „Schänd und Brand tu’ ich ihm an!" Die Bellossen hob die Schultern ein wenig. „Ich hab' da nix hereinzuschwätzen. Du mußt wissen, was du tust." Lene stand auf und schritt zur Wiege, darin ihr Karlchen ruhig schlief. Und ihre Tränen flössen aufs neue. „O Gott, o Gott!" schluchzte sie jammervoll, „das arme Wurm!" Da humpelte die Alte herbei und legte sanft die Hand auf ihres Schützlings Schulter. „Guck, Bene, wann man so alt ist, wie ich, wundert man sich über gar nix mehr. Als Saujfrau bin ich in vielerlei Häuser tomrnen. Hab' nach die Mannsleut' fennenc "lernt. Von der ©ort’, wie der Schollas ist, find die rnehrsten. Schlappschmcinz' wie der Stadlern ihrer zählen nicht mit. Und die Braven find mit der Satern’ zu suchen. Jetzt bitt' ich dich um Goteswiüen, was hälfst du denn an dem Schollas gehabt? Ei, fei doch froh, daß es so kommen ist. Lieber töt' ich einzling verhungern, als mit so einem Wicht ein Schlaraffenleben zu führen. Hat obendrein nichts zuzubrocken. Dessentwegen sticht ihm der Stadlern ihr Hans in die Augen und was sie sonst bei ihrem sauberen Handwerk zusammenschrappt. Ro wirst du sprechen, ich geh' ans Gericht. Ja, bist du dann so einem Heuchler gewachsen? Es heißt als, das Recht hat eine wächserne Ras'. Und der ist durchtrieben bis dahinaus. Und wann's zum Klappen kommt, fährst du ab." „Frau Belloff," versetzte Lene schweratmend, „in der Sach' kann mir Kems nicht raten, 's geht nicht um mich, 's geht um das Kind. Ich lass' ihn nicht los. Stein, tausendmal nein! Ich such' mein Recht. Und krieg' mein Recht. Und wenn ich drüber zu Grund gehen muß!" Die Bellossen gab ihr Drcinreden auf, denn sie kannte des Mädchens Sinnesart. Die hatte ihren Kopf für sich. Wem nicht zu raten war, war nicht zu helfen. Seufzend schlappte sie in die Küche hinaus. Die Hände auf die schmerzende Brust gepreßt, ging Lene unruhig hin und her. Ihr war so elend zu Mut. Beinah' wie damals, als sie ins Spital hinaufkam. Nein, doch anders. Ganz anders. — Ihr starker Wille hielt sie aufrecht. Rur jetzt keine Schwächlichkeit. Die Gedanken beieinander. Was tun? Eh's zu spät war, den Schollas fassen. Nut. Aber wie? Der Schollas war schlau, der hütete sich, ihr in den Schuß zu kommen. So ging sie direkt ins Haus des Notars. Da mußte sie ihn treffen. Treffen, jawohl. Das war vielleicht alles. Er speiste sie mit ein paar Redensarten ab. Nun begehrte sie seinen Herrn zu jpredjen. Tat ihm leid, der Herr Notar war beschäftigt. Herrgott, sie hält' ihn erwürgen mögen. Und stand vor ihm wie eine Bettlerin. Das war nichts mit dem Gang zum Notar. Was sonst? Es war keine Zeit zu verlieren. Gleich ans Gericht? Das blieb als letztes. Sie grübelte und grübelte. Ein Gedanke schoß ihr durch den Kops: wenn sie sich überwinden würde, der Stadlern Vorhaltung zu machen! Der Stadlern? Warum nicht gar! Was hatte sie mit der Person zu schaffen? Der würde sie nie die Schwelle betreten. Da eftimierte sie sich doch zu hoch. m Sacht, sacht! Unglück und Stolz paßten schlecht zusammen. Bedachte man's recht, der Plan war nicht übel. Die Belloffen meinte es gewiß gut, aber sie hörte nur das Geträtsch der Leute, und darauf war nicht viel zu geben. Die Stadlern mochte sein, wer sie wollte, so arg war sie nicht auszudenken, daß nicht ein Tröpfchen Gntheit in ihr stak. Spürte man erst das Tröpfchen auf, war's möglich, man brachte sie von dem Schollas ab. , , Ein Schein von Hoffnung glomm in Lene auf. Ihr Entschluß war gefaßt. Morgen in der Mittagspause ging sie zu der Stadlern hin. 2. Herr Vitus Brückner betrieb neben seinem Tapisseriegeschäst eine Strumpfwarenfabrik. Das will besagen, er hatte im Obergeschoß seines Hinterhauses ein halbes Dutzend Strickmaschinen aufgestellt, die von ebensoviel Frauen und Mädchen bedient wurden. Als Spezialität wurden Herrensocken und Frauenstrümpfe mit „Patentbördchen" fabriziert. Der Verkauf der Fabrikate, soweit diese nicht im Ladengeschäft Verwendung fänden, geschah durch Beauftragte in größeren Städten. Herr Brückner, ein angehender Fünfziger mit stattlichem Bauch und feistem Gesicht, aus dem zwei winzige Aeuglein lugten, war in der Stadt als guter Gesell- ichafter und Witzbold geschätzt. In Geschäftssackien verstand er keinen Spaß. Nicht allein, daß er für die vielerlei Artikel seiner Tapisserie- Handlung gepfefferte Preise nahm, ging er als Strumpfwarenfabrikant von dem Grundsätze aus, seine Maschinen und seine Arbeiterinnen als gleichwertig zu betrachten, dergestalt, daß er aus beiden möglichst viel Kapital schlagen müsse. Da ihm in dem entlegenen Städtchen keinerlei Konkurrenz in die Quere kam, konnte er es seit Jahren wagen, an em und demselben niedrigen Lohnsatz festzuhalten. Trotz seiner Gewinnsucht und allerlei Tücken war Herr Vitus humaner Regungen fähig. Er war Präsident des Armenvereins und sucht von Amts wegen die Unglücklichen und Enterbten auf, die in keiner Gemeinde fehlen. Daß er dabei mancher erschütterten Existenz zu Brot verhalf, wurde ihm von seinen Mitbürgern hoch angerechnet. Er lieh das Mäntelchen der Nächstenliebe mit der Würde eines Granden um seine breiten Schultern flattern und spickte seinen Beutel, denn jene Arbeitskräfte waren fügsam und billig. — Als Veteranin in der Fabrik des Herrn Vitus stand die Kienholzen an der Strickmaschine. Ihr Mann, ein windiger Pumpenmacher, hatte eines Tages das Weite gejucht und die Fran in Not zurückgelafsen. Ihrem Alter und ihrer Erfahrung gemäß war sie tonangebend in der Arbeitsstube. Ihr zunächst arbeitete die Witfrau Neidet, die für drei schulpflichtige Kinder zu sorgen hatte. Sie war eine hübsche, dralle Person, die deswegen mancherlei Anfechtungen hatte, aber immer standhaft geblieben war. Als Dritte folgte die „scheppe" Krämern, deren Mann als Treiber bei einer Jagd um das Augenlicht gekommen und mit feiner Entschädigungsklage abgewiesen worden war. In fortlaufender Reihe hatten die