Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger Zrhrgang 1(929 Freitag, den 22. März Nummer 25 Ium Tag des Buches. Ich finde und habe immer gefunden, daß sich ein Buch gerade vorzugsweise zu einem freundschaftlichen Geschenk eignet. Man lieft es oft, man kehrt oft dazu zurück, man naht sich ihm aber nur in ausgewählten Momenten, braucht es nicht wie eine Taffe, ein Glas, einen Hausrat in jedem gleichgültigen Augenblick des Lebens und erinnert sich so immer des Freundes im Augenblick eines würdigen Genusses. Wilhelm van Humboldt. * Ihr Frauen habt Unrecht, wenn Ihr immer Partei macht; Ihr leset gewöhnlich ein Buch, um darin Nahrung für Euer Herz zu finden, einen Helden, den Ihr lieben könntet! So soll man aber eigentlich nicht lesen, und es kommt gar nicht darauf an, daß Euch dieser oder jener Charakter gefalle, sondern daß Euch das Buch gefalle. Goethe. Es geht den Büchern wie den Jungfrauen. Gerade die besten, die würdigsten, bleiben oft am längsten sitzen. Aber endlich kommt doch einer, der sie erkennt und aus dem Dunkel der Verborgenheit an das Licht eines schönen Wirkungskreises hervorzieht. Ludwig Feuerbach. Nur in der Literatur linden wir unsere Physiognomie, da blickt hinter jedem einzelnen Gesicht, das uns bedeutend und aufrichtig ansieht, noch aus dunklem Spiegelgrund das rätselhafte Nationalgesicht hervor. Hugo van Hofmannsthal. Pinsel, Hammer, Meißel, Stift, lieber alles siegt die Schrift. Idol, vor dem die übrigen verblassen — Die Ttzelt in Worte fassen! Arno Holz. Vom Umgang mit Büchern. Von Hanns Martin Elster. Die Frage: „Wie geht man mit Büchern um?", ist nicht so dumm, wie mancher beim ersten Lesen vermeinen wird. Man muß wirklich so fragen, es gibt beim Umgänge mit Büchern mehr zu bedenken, als der naive Mensch zugeben mag. Zuerst fragt man natürlich überhaupt töeiter, ob man überhaupt Bücher hat, mit denen man umgeht. Man hat Umgang mit lebenden Wesen: aber auch mit toten Sachen? Warum nicht?, vorausgesetzt, daß mau eben Bücher besitzt, die einem Freund sind. Solcher Besitzer und solcher Bücher finden sich nicht viele. Gerade wie echte Freundschaften von Mensch zu Mensch selten sind, so auch Freundschaften zwischen Menschen und Büchern. Ich sage: Freundschaften! Büchersanatiker, Büchernarren gibt es leider zahlreicher als Bücherfreunde. Wir müssen sie suchen. Oft vermuten wir sie bei Bekannten oder Menschen, die uns besonders klug erschienen sind: betreten wir dann aber deren Heim, so finden wir, nichts, was wie ein Buch aussieht, oder wir finden einen dicken, schwerfälligen Bücherschrank, hinter dessen Glastüren Reihen von goldbedruckten Buchrücken glänzen, doch nichts hot den Anschein, als ob die Eigentümer dieses klotzigen Kastens Umgang mit den dicken oder zierlichen Bänden hätten. Und uns überkommt wieder einmal das ekelnde Gefühl, das wir stets vor allem Scheinwesen haben: man will uns eine Kenntnis der Klassiker vortäuschen, doch schiebt man sie beiseite, so kommt nur eine Liebe zu den Skatkarten ober zum Kegelspiel heraus. Am besten märe es, man vernichtete alle Bücherei, die ungenutzt bleibt. Was soll bas Papier in unseren Zimmern, dieser Staubfänger, wenn er doch nur Ballast ist? Suchen wir also nicht nach dem Besitz von Büchern, sondern nach dem einen Buch, mit dem man Umgang hat. Besser ist, man hat ein Buch im Kopf, im Herzen, als tausend Bücher ungelesen im Schranke. . Damit will ich nun freilich nicht sagen, daß man überhaupt keine Bücher kaufen solle. Im Gegenteil: wer es kann, soll ein regelmäßiger Bücherkäufer fein. Er tut Somit nicht nur ein gutes Werk gegen sich allein, sondern auch gegen seine Zeit und deren Kunst. Sagen ihm die gekauften Bücher nicht "zu, mag er sie verschenken. Nichts ist besser, als Bücher, die wandern, auf denen viele Augen ruhen. Ist ihr Jnhalt voller ®cgen, so sät das eine Exemplar tausendfachen Samen aus. Schon darum muß man Bücherkäufer sein, um das eine Buch oder die mehr oder weniger große Anzahl Bücher zu finden, womit man Umgang IWben will. Es ist nicht leicht, mit Büchern Freundschaft zu schließen. Auch bedrucktes Papier hak seine Launen. Manches Werk, das einem bei «r erstmaligen Lektüre persönlich wert geworden ist, hat beim zweiten Lesen ein ganz anderes Gesicht. Do geschieht es denn dem echten Bücherfreunde, daß er seine Sammlung Bücher fortwährend sichtet und durchliest. Dann bildet sich schließlich das heraus, was kein Zweiter haben wird: die wirklich subjektive Bücherei, zu der man iu allen Stunden des Lebens tritt, um sich Trost zu holen oder glücklich zu sein, um heiter zu werden oder Rat zu erfragen. — Wenn man Bücher nur äußerlich besitzt, kann man nicht mit ihnen umgehen. Es kennzeichnet den Protzen, wenn der Kasten voller Bücher ist, das Hirn sie aber nie kennenlernte. Bei allem Umgang mit Büchern gilt eine Hauptregel: die schlechten Bücher lies, wenn irgend möglich, nur einmal; dazu ist natürlich nötig, daß man gleich beim ersten Lesen der Wertlosigkeit eines Buches inne wird; und zum anderen: die guten Bücher lies, sooft du kannst. Denn es ist etwas anderes, ob du Grimms Märchen als Kind in dich auf« nimmst, ober ob bu als reifer Mann ober reife Frau hineinschaust. Wenn man bles vergleichende Lesen ein und desselben Buches zu verschiedenen Lebenszeiten getan hat, bann weiß man etwas mehr von dem Buchs und — von sich selbst. Hat man seine Auswahl von Büchern getroffen, jo betrachte man sie auch ganz als fein Eigentum. Das heißt: man scheue sich nicht, beim Lesen Striche an den Rand zu machen, Stellen hinzuzuschreiben. Liest man bas Buch zu einer anderen Stunde einmal wieder, so hat man ein tiefes Wiedererleben seines eigenen Jchs; man erfährt bann ben Fortschritt und den Abstand von jenem Zeitpunkt, in dem man die ersten Bemerkungen schrieb. Oder wie mancher tote Freund oder Verwandter lebt nicht unmittelbar vor uns auf, wenn wir ein Buch In die Hand nehmen, wohinein er seine zarten ober festen Zeichen, seine Gedanken geschrieben hat! Eine der Wirklichkeit nähere Unterhaltung mit einem Verstorbenen gibt es gar nicht. So überbrückt das Buch den Abgrund zwischen Diesseits und Jenseits... So kann auch nun jedes gute Buch mit der Zeit eine kleine Gemeinde bilden, die die Sehnsucht der Dichter ist, eine kleine Zahl von Menschen, die sich untereinander verwandt und verbunden fühlen, die sich durch das Mittel des Buches hindurch verstehen und kennen. Sie sind nicht Vielleser, die aufnehmen, ohne ihr Gedächtnis damit zu beschweren, keine Leser, die die Zeit durch Umwenden von bedrucktem Papier tot» schlagen, keine Leser, die Unterhaltung suchen, sondern echte Jünger der Lebens, Gläubige der Kunst. Der Völkerbund des Buches. Von Dr. Friedrich Spreen. Goethes Todestag, der 22. März, wird in diesem Jahr zum erstenmal als ein „T a g des Buche s" begangen, der dann regelmäßig sich wiederholen soll. Es ist ein hoher und schöner Gedanke, den nachdrücklichen Hinweis auf die ewigen Geistesschätze, die sich im Buch verkörpern, mit dem Gedenken an den zu verknüpfen, der diese Weltmacht wohl am umfassendsten und überwältigendsten repräsentiert. Wie in einem Ozean vereinen sich die Ströme dichterischen und wissenschaftlichen Schaffens in dem ungeheueren Lebenswerk dieses einen, der zugleich als Künstler und Denker, als Gelehrter und Forscher das Höchste menschlicher Kraft offenbarte, der die bezwingende unb beglückende Wirkung des Buches durch die Geschichte seines Ruhmes beweist. Nirgends ist die Bedeutung des Schrifttums, die die Summe der Druckwerke darstellt, großartiger und tiefsinniger ausgesprochen als in einem Lieblingsgedanken Goethejcher Altersweisheit, der gleichsam die Krönung seiner ästhetischen Anschauungen darstellt: dem von ihm geprägten Begriff der „Weltlite» ratur”. Dieser Begriff, den er ganz anders auffaßte als bas, was man gemeinhin darunter versteht, kann uns so recht die Bedeutung des Buches für unsere Zeit vergegenwärtigen. Goethe'hat von Kindheit an danach gestrebt, in den Geist der verschiedenen Literaturen einzubrinaen, hat neben dem Lateinischen, Französischen und Englischen, Italienisch unb Hebräisch gelernt und, wie er selbst in „Dichtung unb Wahrheit" erzählt, der Schwester schon als Knabe „eine weit ausgeoreitete Melipoesie durch seine Uebersetzungen erschlossen. Herder erweiterte seinen Blick für die Volks- und Kunstdichtung der Völker, und je größere Gebiete sein eigenes Schaffen umspannte, je stärker bas Echo würbe, das seine Schriften im In- unb Ausland fanden, desto klarer erkannte er die inneren Zusammenhänge der Literaturen, fühlte, wie sein Schaffen über das Nationale in das Allgemein-Menschliche, Universelle hinauswuchs. Dazu kam, daß die junge Generation, von ihm beeinflußt, sich immer mehr in bas Wesen frember Dichtungen vertiefte und diese durch Uebertragungen im deutschen Schrifttum heimisch machte, daß die Romantik eine „Universalpoesie" forderte. Dadurch erhielt auch Goethes Altersdichkung und Altersweisheit einen neuen Zug ins Ferne, Allgemeine, Weltumspannende. Wie er sich in seinem Dichten dem Orient zuwandte, so traten ihm andererseits in der französischen, englischen, italienischen Literatur die deutlichen Spuren seines Einflusses entgegen, und ein Chor von Bewunderern aus allen Weltgegenden zeigte ihm, welche beherrschende Stellung er dem deutschen Schrifttum erobert. Das Gefühl dieses Stolzes und einer Gemeinschaft alles geistigen Schaffens tritt daher in den letzten Jahren seines Lebens immer stärker hervor. Hatte er 1823 scherzhaft gesagt, man werde ihn „aus der allgemeinen Literatur und der besonderen deutschen jetzt und künftig nicht mehr los werden," so sah er nun „die Eilboten aller Art aus allen Weltgegenden her immerfort sich kreuzen", um ihm Nachrichten von der Aufnahme feiner Bücher zu bringen. Andererseits mehrten sich die trefflichen Uebersetzungen ausländischer Werke ins Deutsche, fo daß er öfters die Meinung äußerte: „Die andern Nationen werden schon deshalb Deutsch lernen, weil sie inne werden müssen, daß sie sich damit das Lernen fast aller andern Sprachen ersparen köitnen," und er betont die Bedeutung dieses Austausches für die Weltkultur, indem er den Gebildeten die Pflicht auf- erlcgt, „ebenso mildernd und versöhnend auf die Beziehungen der Völker einzuwirken, wie die Schiffahrt zu erleichtern oder Wege über Gebirge zu bahnen. Der Freihandel der Begriffe und Gefühle steigere ebenso wie der Verkehr in Produkten und Bodenerzeugnifsen den Reichtum und das allgemeine Wohl der Menschheit." Aus diesen Gedankengängen heraus prägte er nun 1827 in „Kunst und Altertum" im Anschluß an eine Vergleichung seines „Tasso" mit dem gleichnamigen Drama von Duval, die französische Zeitschriften gegeben hatten, das Wort „Weltliteratur", indem er schrieb, er wolle seine Freunde darauf aufmerksam machen, „daß ich überzeugt bin, es bilde sich eine allgemeine Weltliteratur, worin uns Deutschen eine ehrenvolle Rolle vorbehalten ist. Alle Nationen schauen sich nach uns um, sie loben, sie tadeln, sie nehmen auf und verwerfen, ahmen nach und entstellen, verstehen und mißverstehen uns, eröffnen oder verschließen ihre Herzen; dies alles müssen wir gleichmütig aufnehmen, indem uns das Ganze von großem Wert ist." Er sieht also die Entwicklung eines „Höheren", ein „Vorschreiten des Menschengeschlechtes" über die notwendige begrenzte Nationalliteratur hinaus zu einer gemeinsamen Weltdichtung, wobei allerdings kein Volk feine Eigenart aufgeben soll. Bei der Begrüßung der englischen Zeitschrift „Edinburgh Review", in der er wie in ähnlichen französischen Zeitschriften Bundesgenossen erblickt, betont er ausdrücklich: „Nur wiederholen wir, daß nicht die Rede sein könne, die Nationen sollten überein denken, sondern sie sollen nur einander gewahr werden, sich begreifen und, wenn sie sich wechselseitig nicht lieben mögen, einander wenigstens dulden lernen." Und bei der -Besprechung einer englischen Ueberfetzung aus deutschen Autoren, „German Romance", kommt er 1828 wieder auf die liebgewordenen Gedanken zurück: „Offenbar ist das Bestreben der besten Dichter und ästhetifchen Schriftsteller aller Nationen schon seit geraumer Zeit auf das allgemein Menschliche gerichtet... Die Besonderheiten einer jeden muß man kennenlernen, um sie ihr zu lassen, um gerade dadurch mit ihr zu verkehren; denn die Einzelheiten einer Nation sind wie ihre Sprache und ihre Münze: sie erleichtern den Verkehr, ja sie machen ihn erst vollkommen möglich. Eine wahrhaft allgemeine Duldung wird am sichersten erreicht, wenn man das Besondere der einzelnen Menschen und Völkerschaften auf sich beruhen läßt, bei der Ueberzeugung jedoch festhält, daß das wahrhaft Verdienstliche sich dadurch auszeichnet, daß es der ganzen Menschheit angehört. Zu einer solchen Vermittlung und wechselseitigen Anerkennung tragen die Deutschen feit langer Zeit schon bei." Mit Genugtuung verzeichnet Goethe das Echo, das seine Ideen in den ausländischen Zeitschriften finden, besonders in dem französischen „Giode", und er freut sich der „Spiegelung", in der die Bilder deutscher Dichtung im fremden Gewand erscheinen. „Eine jede Literatur ennuyiert sich zuletzt in sich selbst, wenn sie nicht durch fremde Teilnahme wieder ausgefrifcht wird", meint er. Vor allem Carlyles geniales Wirken für deutsche Literatur in England erfüllt ihn mit Hoffnung: „Die sämtlichen Nationen, in den fürchterlichsten Kriegen durcheinander geschüttelt, hatten zu bemerken, daß sie manches Fremde gewahr worden, in sich aufgenommen, bisher unbekannte geistige Bedürfnisse hie und da empfunden. Daraus entftanb das Gefühl nachbarlicher Berhältnisie, und anstatt daß man sich bisher zugeschlossen hatte, kam der Geist nach und nach zu dem Verlangen, auch in den mehr oder weniger freien geistigen Handelsverkehr mit ausgenommen zu werden." Goethe hat sich mit diesem Gedanken bis in die letzte Zeit feines Lebens immer wieder beschäftigt, so in der Auszeichnung „Ferneres über Weltliteratur", in der er, warnend und ermunternd, die Notwendigkeit nationaler Eigenart und das natürliche Herauswachsen universeller Werke aus dem nationalen Boden hervorhebt, und in einer Reihe hinterlassener Schemata, von denen eines, am 5. April 1830 aufgezeichnet, die segensreiche Wechselwirkung der Völker zusammmen- faßt: „Daraus nur kann die allgemeine Weltliteratur entspringen, daß die Nationen die Verhältnisie aller gegen alle kennenlernen, und so wird es nicht fehlen, daß jede in der andern etwas Annehmliches und etwas Widerwärtiges, etwas Nachahmenswertes und etwas zu Meidendes untre ff en wird. Auch dieses wird zu der immer mehr umgreifenden Gernerks- und Handelstätigkeit auf das wirksamste beitragen; denn aus uns bekannten übereinstimmenden Gesinnungen entsteht ein schnelleres, entschiedenes Zutrauen." So sieht Goethe in der „Weltliteratur" einen Höhepunkt der geistigen Entwicklung, auf dem jedes Volk, feiner Eigenart bewußt, auch der der anderen Literatur gerecht wird und dadurch dazu beiträgt, daß die Menschheit sich in einer allgemeinen Harmonie vereinigt. Es ist alfo ein idealer Völkerbund, der nach seiner Anschauung durch die Völker verbindende und Völker versöhnende Macht des Buches geschloffen wird, wie er «s in dem „Weltliteratur" überschriebenen Gedicht ausdrückt: „Wie David königlich zur Harfe fang, Der Winzerin Lied am Throne lieblich klang. Des Perfers Bulbul Rofenbufch umbangt, Und Schlangenhaut als Wildengürtel prangt, Von Pol zu Pol Gesänge sich emeu’n. Ein Sphärentanz harmonisch im Getümmel, ■ < Laßt alle Völker unter gleichem Himmel Sich gleicher Gabe wohigemut erfreu’n!" Die Frau und ihr Buch. Don Alexander von Gleichen-Rußwurm. Die Frau hat immer ihr Buch gehabt, und seine Art hat viel gewechselt im Lauf der Erscheinungen. Als im Mittelalter kostbare, oft miniaturgeschmückte Handschriften Burgen und Stadipaläste zu Stätten der Bildung machten, beherrschte der Ritterroman zwar das geistige Interesse, und manches Lied ging von Mund zu Ohr, aber das Buch der Frau war ihr Stunbenbuch, ein kostbares Kleinod, aus dem sie in stillen Stunden Andacht und Erbauung schöpfte. Unter den Rittern konnten nur wenige lesen, diese Kunst »vor so ziemlich den Priestern und den Frauen vorbehalten, so daß die Edelfrau, die vielumschwärmte Same, geistig meist weit über den Männern ihres Kreises stand und im Stundenbuch eine Welt für sich suchte, einen heimlichen Garten, zu dessen Blüten sie an Tagen der Einsamkeit flüchtete. Es war nicht eigentlich ein Gebetbuch, wenn es auch auf die Note der Frömmigkeit gestimmt war, es rief zur Sammlung und sollte „böse Gedanken" vertreiben, wie sie leicht eine einsame Frau befallen, und die mittelalterliche Dame war der Einsamkeit oft preisgegeben, wenn die Männer auszogen zum Waidwerk oder zu ritterlicher Abenteuerfahrt. Frau Aventiure lockte, und wenn der Hörnerklang vor dem Burgtor verhallte, ging die Herrin stolz gefaßt in ihre Kemenate und öffnete das Stundenbuch. Aus den größten und gewaltigsten Abenteuerfahrten, den Kreuzzügen, brachten die Ritter außer vielen anderen Dingen, die den Welthandel belebten, der europäischen Frauenwelt ein neues Buch, das ihr so recht zu eigen wurde und der eleganten Dame des gotischen Zeitalters und der Renaissance wie anderer prächtiger Schmuck und Zierrat zugehört. Wir begegnen ihm zuerst in Venedig, wo die Mode des gotischen Luxus lange Ausgang nahm. Es war die erste Kosmetik, die zierlich geschrieben und kostbar gebunden, am Gürtel hing, damit kein profanes Auge und vor allem keine gute Freundin Einblick nehmen konnte, denn die Geheimnisse der weiblichen Schönheit, die Kunst, jung zu bleiben, war von kundiger Hand darin aufgezeichnet. Diese Rezepte — wie wir sagen würden — kamen zum großen Teil aus dem Orient und gaben an, wie das Haar und der Teint gepflegt, wie Fülle oder Schlankheit erzeugt werden sollten, aber es drängten sich auch „unfehlbare Liebeszauber" und ähnliche Dinge in die kunstvoll geschriebenen Seiten und man las darin, wie ein Gift zu bereiten fei, der Nebenbuhlerin oder einem, den man haßte, stillschweigendes Ende zu bereiten. Wer wußte, was die Frau in ihrem Buch alles am Gürtel trug, der man sich mit zierlich gewähltem Wort und heißem Begehren im Herzen näherte? Damals war das Leben in seinem Inneren stark dramatisch bewegt und das Buch der Frau zeigte an, wie man sich zum Liebeskampf rüstete ... wie man ihn zu beenden vermochte. Neue Zeiten bringen neue Erfindungen; die gedruckte Welt drängt die geschriebene zur Seite und in den Gemächern der Frau zeigt das Bücherschränkchen ein verändertes Angesicht. In vornehmen Häusern hielt man noch lange auf das geschriebene Stundenbuch und das Damenbüchlein (livret aux dames) mit seinen Geheimmitteln und Liebesgeschichtchen bleibt noch lange der Handschrift Vorbehalten. Unter den gedruckten Werken gab es anfangs überhaupt kein eigentliches Frauenbuch, die humanistisch gesinnten Damen liebten die lateinischen Klassiker, die frommen beschäftigten sich nicht anders wie die Männer mit religiösen Streitschriften. Eine besondere Vorliebe des weiblichen Geschlechts für einen bestimmten Literaturzweig tritt erst zutage, als die Pastorale sich von der Renaissance ablöste und das Barockzeitalter mit Schäferromanen und leichtem Liebesspiel einsetzte. Von Tassos „Aminia" und dem spanischen Roman Montemayors „Diana" beeinflußt, schrieb Honorä b’U r f 6 bas gelefenfte Buch seines Jahrhunderts „Astree", und die Prüfungen der Liebe, die fein Held „Cöladon" zu erdulden hatte, zauberten Tränen auf viel taufend schöne Wangen. Den Liebesroman in Körbchen ober Tasche, wanderte die Frau von Welt zwischen den zierlich geschnittenen Hecken ihres Gartens und versenkte sich auf moosiger Bank in die spannenden Geschichten der Modedichter, um von eigener Liebe zu träumen, wenn der Faden des Romans abbrach und der gelehrte Verfaffer sich in Theorien über die Liebe verlor. Immer gefühlsseliger, ja gefühlstrunkener wurden die Bücher, deren sich die Frau am liebsten bemächtigte, und wir sehen von England aus die empfindsame Welle auffteigen, die bas Rokoko unb die Zopfzeit überflutet. Sie sind unzählig unb ähneln sich alle, die sentimentalen Geschichten, die bas Boudoir der Frau überschwemmten, bis plötzlich wieder ein Buch von internationaler Bedeutung die Leserinnen Europas mächtig ergriff. Es war Rousseaus „Neue Heloise", ein Roman, der so gewaltiges Aufsehen erregte, daß es wenige Jahre nach feinem Erscheinen wohl keine Frau von Bildung gegeben haben mag, die ihn nicht gelesen und darüber nachgebachi ober wenigstens gesprochen hätte. Die Schriften Rousseaus finb nicht nur nach ihrem ästhetifchen unb moralischen Wen als eigentliche Frauenbücher zu betrachten, sondern in Verbindung mit der Gefamtkultur des 18. Jahrhunderts. Sie waren Mode, weil sie einer siegreichen Lebensanschauung Ausdruck gaben, die der Frau die Fesseln der vergangenen Kultur löste und ihr in der Philanthropie eine neue Lebensaufgabe stellte. Goethes „Werther" war mehr ein Männerbuch, wenn es auch die Frauen begierig lasen, und im 19. Jahrhundert schmückt sich der TW des Salons wie der zierlich ausgeftattete Lesewinkel des Boudoirs nicht nur mit endlosen Romanen und Liebesgeschichten, sondern es entsteht mn steigendem Einfluß eine Frauenfachliteratur, in der sich die veränderte Stellung des weiblichen Geschlechtes dem Gesamtleben gegenüber vorbereitet. Man kann den Faden dieser Gedankenrichtung bis zur Neuen Heloise zurückverfolgen. Die Bücher der Frau beginnen einen Kampf uns fetzen ihn fort, indem sie Liebesfreiheit verlangen, bann, als ernstere Zeiten hereinbrechen, Berufsfreiheit fordern und schließlich zu politischer Freiheit übergehen, wie sie die Gegenwart bringen sollte. Gibt es heute ein Buch der Frau wie einst das Stundenbuch und dann die Schüfergefchichte und den empfindlichen Roman? Sie liest alles, was sie interessiert, und hat Recht, denn die Zeiten sind vorüber, in denen strenge Väter und sogar Ehemänner sagten: „Das darfst du lesen und das nicht." Sie liest manchmal vielleicht etwas wahllos und einiges zu viel, indem sie vergißt, daß man das Buch der Frau das gute Buch nennen sollte, mag es sich um leichte Unterhaltung, um Belehrung, oder sogar um Werbeschriften für diesen oder jenen Gedanken handeln. Was ist aber ein gutes Buch? Jedes, das einem desto besser gefällt, je öfter man es lieft; das Feinheiten und Offenbarungen zu vergeben hat, di« sich nicht marktschreierisch aufdrängen, sondern die mit Liebe und Verständnis erfaßt sein wollen, wie man einen Menschen erst wirklich kennenlernt, wenn man die Beweggründe seines Handelns begreift. Und das Buch der Frau will öfters gelesen sein — in der stillen Stunde, wenn der Lärm des Alltags zurückebbt, wenn Sport und Gesellschaft, Arbeit und Beruf, Kindererziehung und häusliche Sorgen «ine Pause machen, in der die Frau aufatmet und sich zurückzieht in ihren „heimlichen Garten", wie ein Dichter gesagt hat, in dem die schönsten Blüten die Lieblingsbücher sind ... Dichter, Frauen und königliche Menschen gehören zusammen. Das Bilderbuch. Von Will Vesper. Den Weg, den die Menschheit in Jahrmillionen zurücklegt, muß, wie wir wissen, jedes Menschenkind in seinem kurzen Dasein noch einmal durchlaufen. So kommt auch das Kind in jenes Alter, wo es zwar die Schrift noch nicht kennt, aber schon das Bild begreift, sicher mit ganz dem gleichen geheimnisvollen Schauder im Herzen, mit dem einst der Urmensch das Bild entdeckte, ungefüge und doch ergreifend lebendig in die Erde oder in den Fels kratzte und dann anbetend betrachtete. Man beobachte einmal das zitternd« Verlangen und bebende Entzücken, mit dem ein Kind jein erstes Bilderbuch beschaut, in dem Augenblick, wo cs erkennt, daß man dies nicht in den Mund steckt, daß dies nicht ein Ding ist, wie die anderen ringsum, sondern eine neue Wirklichkeit, ein geheimnisvolles Heranjchaffen vonDingen—Kuh, Pferd undHase—von Dingen, die eigentlich nicht dajindunddiedochda sind. Ungeheure Schritte imGeist macht dasMndin solchen Augenblicken und seine noch ganz frische, unbeschriebene Seele füllt sich „inwendig mit Figur", mit Bildern, die vielleicht für seine Entwicklung bestimmender sind, als alle spätere Erziehung und Unterricht. Diese allerersten Jahre der sich entfaltenden Menschenseele, in denen noch nichts als das Bild zu ihr spricht, geben dem Charakter und Wesen die später kaum noch abzubiegende, jedenfalls nur schwer noch zu ändernde Richtung. Von einem Bild und einem Bilderbuch geht in dieser frühesten zartesten Seelenzeit, wie ich glaube, mehr wahrhaft bestimmender Einfluß aus, als später von jahrelangem Unterricht. Ich bin überzeugt, daß das Kind, das wir mit sechs Ähren aus dem Elternhaus in die Schule entlassen, damit es die Schrift lernt, schon ein in seiner Hauptrichtung fertiges Menschlein ist, an dem die Erziehung zwar noch allerlei schleifen mag, daß sie aber wesenhaft nicht mehr so bestimmt wie die erste Kinderzeit es bestimmt hat. Wenn alle Eltern sich das klar machten, so würden sie endlich begreifen, wie ungeheuer wichtig die Wahl des Bilderbuches ist, dieses ersten Fensters, durch das sich dem Kinde die geistige Welt öffnet, natürlich nicht nur für die ersten sechs Jahre, sondern überhaupt, solange das Kind noch vom Bilde aus stärker die Welt begreift, als von der Schrift aus. Für manche Menschen bleibt das bis ins Alter. Und nun muß man sich anschauen, wie gedankenlos viele Eltern noch immer diese erste wichtigste Nahrung ihres Kindes behandeln, wie sie sie ihm entweder ganz versagen oder sich damit begnügen, ihm irgendeinen bunten Fetzen in die Hand zu drücken, nur weil er nichts kostet. Unendlich oft wird hier den Kindern, die um Brot bitten, wahrhaft ein Stein, und wenn sie um Fisch bitten, eine Schlange gereicht. Die offene kleine Seele wird vergiftet und betrogen mit wertlosem Schund; denn ein schlechtes, oberflächliches, plattes Buch ist Gift für die Seele. Jedes Elternpaar wird sich bemühen, die beste und geeignetste Nahrung für den Leib der Kinder zu finden, die beste Kleidung. Und die Nahrung der Seele und des Geistes? Ist die weniger wichtig? Darf man da auf den Pfennig sehen und ohne nachgudenken das „Erstbeste", das heißt unüberlegt das Schlechte wählen? Gewissenhafte Eltern werden doch die Nahrung für die Seele ihres Kindes mindestens mit derselben Vorsicht prüfen, wie die Nahrung für den Leib. Sie werden sich von verständigen Führern beraten lassen — denn auch nicht jedes gute Buch eignet sich für jedes Kind — und wenn sie auch Jean Pauls Wort kennen und wissen, daß Bücher allein den Menschen nicht gut oder schlecht machen, so werden sie doch bedenken, daß ein einziges Buch ein Kind sehr wohl besser ober schlechter machen kann. Der Einfluß des Bilderbuches und des Jugendbuches überhaupt ist aber, wie gesagt, stärker als der aller anderen Bücher, weil er noch von weichen Seelen ausgenommen wird, bei denen noch jeder Eindruck in die Tiefe des Wesens geht und für das ganze Leben lang haftet. s Was gebt ihr für Essen und Trinken, was gebt ihr für die Kleidung toter Kinder aus? Man sagt, Essen und Kleidung müssen zuerst sein. Gewiß. Aber wollt ihr wirklich nur schön angezogene Tiere erziehen? Das Bilderbuch öffnet dem kleinen Wesen das erste Tor zum Menschen — 3U bem wir alle noch auf weiter Wanderschaft sind. Gute Bücher sind die besten Erzieher zum Menschen und die billigsten dazu. Ein gutes Buch ronn gar nicht in seinem Wert mit Geld bezahlt werden. Es ist das Zeichen kleiner Seelen und einer schäbigen Zeit, daß sie gerade dort Iparen wollen, wo sie selber im Grunde nur beschenkt werden. Unferm Birnbaum. Von Theodor Fontane. (Fortsetzung.) „Keinen ordentlichen Schlaf also," fuhr Geelhaar fort, „nid) bei Tag und nid) bei Nacht, und wankt immer so ’rum, und is mal im Hof und mal im Garten. Das hab' ich von der Male ... Hären Sie, Mutter Jeschke, wenn ich so mal nächtens hier auf Posten stehen könnte! Das wäre jo was. Line bleibt mit auf, und wir fetzen uns dann ans Fenster und wachen und gucken. Rich wahr, Line?" Line, die schon vorher das Weißzeug beiseite gelegt und ihren blonden Zopf halb aufgeflochten hatte, schlug jetzt mit dem losen Büschel über ihre linke Hand und sagte: „Will es mir noch überlegen, Herr Geelhaar. Ein armes Mädchen hat nichts als seinen Ruf." Und dabei lachte sie. „Kümmen's man, Geelhaar", tröstete die Jeschke, trotzdem Trost eigentlich nicht nötig war. „Kümmen's man. Ick geih io Bett. Wat doa to fiehn is, ick meen hier buten, bat hebb' ick siehn, bat roeet ick all. Un is ümmer bat Sülwigte." „Dat Sülwigte?" _ „Joa. Nu nid) mihr. Awers as noch tccn Snee wihr. Doa ..." • „Da. Was denn?" > „Doa wihr fe nächtens ümmer so ’rümm hier." „So, so", sagte der Gendarm und tat vorsichtig allerlei weitere Fragen. Und da sich die Jeschke von guten Beziehungen zur Dorfpolizei nur Vorteile versprechen konnte, so wurde sie trotz aller Zurückhaltung immer mitteilsamer und erzählte dem Gendarmen Neues und Altes, namentlich auch das, was sie damals, in der stürmischen Novembernacht, von ihrer Küchentür aus beobachtet hatte. Hradscheck habe lang da gestanden, ein flackrig Licht in der Hand. „Un wihr binoah so, as ob he wull, bat man em seihn füll." Und bann hab' er einen Spaten genommen unb sei bis an den Birnbaum gegangen. Und da hab' er ein Loch gegraben. An der Gartentür aber habe was gestanden wie ein Koffer ober Korb ober eine Kiste. Was? das habe sie nicht genau sehen können. Und bann hab' er bas Loch roieber zugefchütiet. Geelhaar, der sich bis dahin, allem Diensteifer zum Trotz, ebenso sehr mit Line wie mit Hradscheck beschäftigt hatte, ja, vielleicht mehr noch Courmacher als Beamter gewesen war, war unter diesem Bericht sehr ernsthaft geworden unb sagte, während er mit Wichtigkeitsmiene seinen gebunfenen Kopf hin unb her wiegte: „3a, Mutter Jeschke, das tut mir leib. Aber es wird Euch Ungelegenheiten madjen." „Wat? wat, Geelhaar?" „Ungelegenheiten, weil Ihr damit so spät herauskommt." „Joa, Geelhaar, wat fall bat? wat mienen's mit „to spät"? Et hett mi joa teuer nich froagt. Un Se ook nich. Un wat roeet ick denn 00k? Ick roeet joa nix. Ick roeet joa goar nix." „Ihr wißt genug, Mutter Jeschke." ,,'Jlei, nei, Geelhaar. Ick roeet jaar nix." „Das ist gerabe genug, daß einer nachts in seinem Garten ein Loch gräbt unb roieber zuschüttet." „Joa, Geelhaar, ick roeet nich, aroers jeb* een möt doch in fielt ejen ®oarben en Loch bubbeln tonn’." „Freilich. Aber nicht um Mitternacht und nicht bei solchem Wetter." „Ra, rieben’s mi man nich rin. Un moaten Se't good mit mi ... Line, Line, segg dock) 00t wat." ■ Und wirtlich, Line trat infolge dieser Aufforderung an den Gendarmen heran und sagte, tief aufatmenb, wie wenn sie mit einer plötzlichen und mächtigen Sinnenerregung zu tämpfen hätte: „Laß nur, Mutter Jeschke. Herr Geelhaar wird schon wissen, was er zu tun hat. Und wir werden es auch wissen. Das versteht sich dock) von selbst. Nicht wahr, Herr Geelhaar?" Dieser nickte zutraulich und sagte mit plötzlich verändertem und wieder freundlicher werdendem Tone: „Werde schon machen, Mamsell Line. Schulze Woytasch läßt ja, Gott sei Dank, mit sich reden und Vowinkel auch. Hauktsach' is, daß wir den Fuchs überhaupt ins Eisen kriegen. Un is dann am Ende gleich, wann wir ihn haben und ob ihm der Balg heut oder morgen abgezogen wird." XI. < Vierundzwanzig Stunden spater tarn — und zwar auf die Meldung hin, die Geelhaar, gleich nach seinem Gespräche mit der Jeschke, bei der Behörde gemacht hatte — von Küstrin her ein offener Wagen, in dem, außer dem Kutscher, der Justizrat und Hradscheck saßen. Die Luft ging scharf und die Sonne blendete, weshalb Vowinkel, um sich gegen beides zu schützen, feinen Mantel aufgeklappt, der Kutscher aber seinen bis an Nase unb Ohren in den Pelzkragen hineingezogen hatte. Nur Hradscheck saß frei da, Luft und Licht, deren er seit länger als vier Wochen entbehrt hatte, begierig einfaugenb. Der Wagen fuhr auf der Dammhöhe, von der aus sich das unten liegende Dorf bequem überblicken und beinah jedes einzelne Haus in aller Deutlichkeit erkennen ließ. Das da, mit dem schwarzen, teergestrichenen Gebälk, war das Schulhaus und das gelbe, mit dem gläsernen Aussichtsturm, muhte Kunickes sein, Kunickes „Villa", wie die Tschechiner es spöttisch nannten. Das niedrige, grab’ gegenüber aber, das war feine, das sah er an dem Birnbaum, dessen schwarzes Gezweig über die mit Schnee bedeckte Dachfläche roegragte. Vowinkel bemerkte wohl, wie Hradscheck sick) unwillkürlich auf seinem Sitze hob, aber nichts von Besorgnis drückte sich in seinen Mienen und Bewegungen aus, sondern nur Freude, seine Heimstätte wieder zu sehen. Im Dorfe selbst schien man der Ankunft des justizrötlichen Wagens schon entgegen gesehen zu haben. Auf dem Vorplatz der Jgelschen Brett- und Schneidemühle, die man, wenn man von der Küstriner Seite her kam, als erstes Gehöft zu passieren hatte (gerade so wie bas Orthsche nach der Frankfurter Seite hin), stand der alte Brett- und Schneidemüller und fegte mit einem kurzen ftorrigen Besen den Schnee von der obersten Bretterlage fort, anscheinend aufs eifrigste mit dieser seiner Arbeit beschäftigt, in Wahrheit aber nur begierig, den herankommenden Hradscheck - «Nb Der!«,: Vrühl fche UniverfitLtS-B«ch- »nd Steindruckerei,D. Lang«, eHe9tfl> Verantwortlich: Dr. Han» Thyriot. eher als irgendein anderer im Dorf gesehen zu haben. Denn Schneidemüller Igel, oder der „Schneidige!", wie man ihn kurzwcg und in der Regel mit absichtlich undeutlicher Aussprache nannte, war ein Topfgucker- Aber so topfguckrig er war, so stolz und hochmütig war er auch, und so wandt er sich in demselben Augenblicke, wo der Wagen an ihm vorüberfuhr, rasch wieder auf sein Haus zu, bloß um nicht grüßen zu müssen. Hier nahm er, um seine Neugier, deren er sich schämen mochte, vor niemandem zu verraten, Hut und Stock mit besonderer Langsamkeit vom Riegel und folgte dann dem Wagen, den er übrigens bald danach schon vor dem Hradscheckschen Hause Vorfahren sah. Frau Hradscheck war nicht da. Statt ihrer übernahm es Kunicke, den sie darum gebeten haben mochte, den Wirt und sozusagen die Honneurs des Hauses zu machen. Er führte denn auch den Justizrat vom Flur her in den Laden und von diesem in die dahinter befindliche Weinstube, wo man einen Imbiß bereit gestellt hatte. Vowinkel nahm aber, unter vorläufiger freundlicher Ablehnung, nur ein kleines Glas Portwein und trat dann in den Garten hinaus, wo sich bereits alles, was zur Dorsobrigkeit gehörte, versammelt hatte: Schulze Woytasch, Gendarm Geelhaar, Nachtwächter Mewissen und drei bäuerliche Gerichtsmänner. Geelhaar, der, zur Feier des Tages, seinen Staats-Czako mit dem armslangen schwarzen Lampenputzer aufgesetzt hatte, ragte, mit Hilfe dieser Paradezutaten, um fast drei Haupteslängen über den Rest aller Anwesenden hinaus. Das war der innere Zirkel. Im weiteren Umkreis aber standen die, die bloß aus Neugier sich eingefunden hatten, darunter der schon stark gefrühstückte Kantorssohn und Dorfdichter, während einige zwanzig eben aus der Schule herangekommene Jungens mit ihren Klappantinen auf das Kegelhaus geklettert waren, um von hier aus Zeuge zu fein, was wohl bei der Sache herauskommen würde. Vorläufig indes begnügten sie sich damit, Schneebälle zu machen, mit denen sie nach den großen und kleinen Mädchen warfen, die hinter dem Gartenzaun der alten Jeschke standen. Alles plapperte, lachte, reckte den Hals, und wäre nicht Hradscheck gewesen, der, die Blicke seiner alten Freunde vermeidend, ernst und schweigend vor sich hinsah, so hätte man glauben können, es sei Kirmes oder eine winterliche Jahrmarktsszene. , Die Gerichtsdiener flüsterten und steckten die Kopfe zusammen, wahrend Woytasch und Geelhaar sich umsahen. Es sch.en noch etwas 31t fehlen, was auch zutraf. Als aber bald danach der alte Totengräber Wonnekamp mit noch zwei von seinen Leuten erschien, rückte man naher an den Birnbaum heran und begann den Schnee, der hier lag, fortzu- fchippen. Das ging leicht genug, bis statt des Schnees die gefrorene Erde kam, wo nun die Pickaxt aushelfen mußte. Der Frost indessen war nicht tief in die Erde gedrungen, und so konnte man den Spaten nicht nur bald wieder zur Hand nehmen, sondern kam auch rascher vorwärts, als man anfangs gehofft hatte. Die herausgeworfenen Schollen und Lehmstucke wurden immer größer, je weicher der Boden wurde, bis mit einem Male der alte Totengräber einem der Arbeiter in den Arm fiel und mit der seinem Stande zuständigen Ruhe sagte: „Nu giw mi moal; nu kämmt wat." Dabei nahm er ihm das Grabscheit ohne weiteres aus der Hand und fing selber an zu graben. Aber ersichtlich mit großer Vorsicht. Alles drängte und wollte sehen. Und siehe da, nicht lange, so war ein Toter ausgedeckt, der zum großen Teile noch in Kleiderresten steckte. Die Bewegung wuchs, und aller Augen richteten sich auf Hradscheck, der, nach wie vor, vor sich hin sah und nur dann und wann einen scheuen Seitenblick in die Grube tat. , „Nu hebben se'n", lief ein Gemurmel den Gartenzaun enlang, unklar lastend, ob man Hradscheck oder den Toten meine; die Jungens auf dem Kegelhäuschen aber reckten ihre Hälse noch mehr als vorher, trotzdem sie weder nah noch hoch genug standen, um irgend 'was sehen zu können. Eine Pause trat ein. Dann nahm der Justizrat des Angeklagten Arm Und sagte, während er ihn dicht an die Grube führte: „Nun, Hradscheck, was sagen Sie?" .. ' m , , < - . Dieser verzog keine Miene, faltete die Hande wie zum Gebet und sagte dann fest und feierlich: „Ich sage, daß dieser Tote meine Unschuld be- So waren seine Worte. Und diese Worte gefielen den Bauern ungemein. „Er will nicht an seinem eignen Tisch zu Gaste sitzen und das Brot, das er gebacken, nicht als Gnadenbrot essen. Da hat er recht. Das möcht' ich auch nicht." Gendarm Geelhaar ging an dem Zaun entlang, über den, samt andern! Weibervolk, auch Mutter Jeschke weggeguckt hatte Geelhaar tippte dieser mit dem Finger aus den Dutt und sagte: „Nu Line, was macht der Zopf?" „Meiner?" lachte diese. „Hören's, Herr Gendarm, jetzt kommt Ihrer an die Reih'." „Wird so schlimm nicht werden, Lineken ... Und Mutter Jeschke, was ägt die dazu?" „Joa, wat fall se seggen? He is wedder ’rut. Awers he kämmt ovk woll wedder 'rin." XII. Eine Woche war vergangen, in der die Tschschiner viel erlebt hatten. Das wichtigste war: Hradscheck, nachdem er noch ein Küstriner Schlußverhör durchgemacht hatte, war wieder da. Schlicht und unbefangen, ohne Lücken und Widersprüche, waren die Dunkelheiten aufgeklärt worden, so daß an seiner Unschuld nicht länger zu zweifeln war. Es seien ihm, so hieß es in seiner vor Vowinkel gemachten Aussage, durch Unachtsamkeit, deren er sich selber zu zeihen habe, mehrere große Speckseiten verdorben, und diese möglichst unbemerkt im Garten zu vergraben, habe er an jenem Tage vorgehabt. Ec sei denn auch, gleich nachdem seine Gäste die Weintube verlassen hätten, ans Werk gegangen und habe, genau so wie's die Jeschke gesehen und erzählt, an dem alten Birnbaum ein Loch zu graben versucht; als er aber erkannt habe, daß da was verscharrt liege, ja, dem Anscheine nach ein Toter, habe ihn eine furchtbare Angst gepackt, infolge deren er nicht weiter gegraben, sondern das Loch rasch wieder zugeschüttci habe. Der Koffer, den die Jeschke gesehen haben wolle, das seien eben jene Speckseiten gewesen, die, dicht übereinander gepackt, an der Gartentür gelegen hätten. „Aber wozu die Heimlichkeit und die Nacht?" hatte Vowinkel nach dieser Erklärung etwas spitz gefragt, woraus Hradscheck, in seiner Erzählung fortfahrend, ohne Verlegenheit und Unruhe geantwortet hatte: ,^u dieser Heimlichkeit seien für ihn zwei Gründe gewesen. Erstens hab' er sich die Vorwürfe seiner Frau, die nur zu geneigt sei, von seiner Unachtsamkeit in Geschäftsdingen zu sprechen, ersparen wollen. Und er dürfe wohl hinzusetzen, wer verheiratet sei, der kenne das und wisse nur zu gut, wie gerne man sich solchen Anklagen und Streitszenen entziehe. Der zweite Grund aber sei noch wichtiger gewesen: die Rücksicht auf die Kundschast. Die Bauern, wie der Herr Justizrat ja wisse, seien die schwierigsten Leute von der Welt, ewig voll Mißtrauen, und wenn sie derlei Dinge, wie Schinken und Speck, auch freilich nicht in seinem Laden zu kaufen pflegten, weil sie ja genug davon im eignen Rauch hätten, so zögen sie doch gleich Schlüsse vom einen aufs andere. Dergleichen hab' er mehr als einmal durchgemacht und dann wochenlang aller Ecken und Enden hören müssen, er passe nicht auf. Ja, noch im letzten Herbst, als ihm ganz ohne seine Schuld eine Tonne Heringe tranig geworden sei, habe Schneidigel überall im Dorf geputscht und unter anderem zu Quaas und Kunicke gesagt: „Uns wird er damit nicht kommen; aber die kleinen Leute, die die ..." Der Justizrat hatte hierbei gelächelt und zustimmend genickt, weil er die Bauern fast so gut wie Hradscheck kannte, so daß, nach Erledigung auch dieses Punktes, eigentlich nichts übrig geblieben war als die Frage, „was denn nun, unter so bewandten Umständen, aus dem durchaus zu beseitigenden Speck geworden sei?" Welche Frage jedoch nur dazu beigetragen hatte, Hradschecks Unschuld vollends ins Licht zu stellen. „Er habe die Speckseiten an demselben Morgen noch an einer anderen Gartcn- stelle verscharrt; gleich nach Szulskis Abreise." „Nun, wir werden ja sehen", hatte Vowinkel hierauf geantwortet und einen seiner Gerichtsdiener abgeschickt, um sich in Tschechin selbst über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Aussage zu vergewissern. Und als sich nun in kürzester Frist alles bestätigt oder mit anderen Worten der vergrabene Speck wirklich an der von Hradscheck angegebenen Stelle gefunden hatte, hatte man das Verfahren eingestellt, und an demselben Nachmittage noch war der unter so schwerem Verdacht Gestandene nach Tschechin zuräckgekehrt und in einer stattlichen Küstriner Mietschaise vor seinem Hause vorgefahren. Ede, ganz verblüfft, hatte nur nach Zeit gefunden, in die Wohnstube, darin sich Frau Hradscheck befand, hineinzurufen: „Der Herr, der Herr ...", worauf Hradscheck selbst mit der ihm eigenen Jovialität und unter dem Zurufe: „Nun-Ede, wie geht's?" in den Flur seines Hauses eingetreten, aber freilich im selben Augenblick auch wieder mit einem erschreckten „Was is, Frau?" zurückgefahren war. Ein Ausruf, den er wohl tun durfte. Denn gealtert, die Augen tiel eingesunken und die Ham wie Pergament, so war ihm Ursel unter der Tür entgegengetreten Hradscheck war da, das war das eine Tschechiner Ereignis. Aber das andere stand kaum dahinter zurück: Eccelius hatte, den Sonntag daraus, über Sacharja 7, Vers 9 und 10 gepredigt, welche Stelle lautete: „vo spricht der Herr Zebaoth: Richtet recht, und ein jeglicher beweise an feinem Bruder Güte und Barmherzigkeit. Und tuet nicht Unrecht den Fremdlingen und denke keiner wider seinen Bruder etwas Arges in (einem Herzen." Schon bei Lesung des Textes und der sich daran knüpfenden Einleitungsbetrachtung hatten die Bauern aufgehorcht; als aber der Pastor das allgemeine fallen ließ und, ohne Namen zu nennen, den Hradscyew schen Fall zu schildern und die Trüglichkeit des Scheines nachzuwei en begann, da gab sich eine Bewegung kund, wie sie seit dem Sonntag ik» ging nun ins fünfte Jahr), an welchem Eccelius auf die schweren Nttl qen Vergehen eines als Bräutigam vor dem Altar stehenden reichen Bauern sohnes hingewiesen und ihn zu besserem Lebenswandel ermahnt »am, nicht mehr dagewesen war. Beide Hradschecks waren in der Kirche S» gegen und folgten jedem Worte des Geistlichen, der heute viel Bibelspr zitierte, mehr noch als gewöhnlich. (Fortsetzung folgt.) zeugen wird." _ ... ■ ... Und während er so sprach, sah er zu dem alten Totengräber hinüber, der den Blick auch verstand und, ohne weitere Fragen abzuwarten, geschäftsmäßig sagte: „Ja, der hier liegt, liegt hier schon lang. Ich denke zwanzig Jahre. Und der Pohlsche, der es sein soll, is noch keine zehn Wochen tot." Und siehe da, kaum daß diese Worte gesprochen waren, so war ihr Inhalt auch schon bewiesen und jeder schämte sich, so wenig kaltes Blut und so wenig Umsicht und Ueberlegung gehabt zu haben. In einem gewissen Entdeckungseifer waren alle wie blind gewesen und hatten unbeachtet gelassen, daß ein Schädel, um ein richtiger Schädel zu werden, auch sein Stück Zeit verlangt und daß die Toten ihre Verschiedenheiten und ihre Grade haben, gerade so gut wie die Lebendigen. Am verlegensten war der Justizrat. Aber er sammelte sich rasch und sagte: „Totengräber Wonnekamp hat recht. Das ist nicht der Tote, den wir suchen. Und wenn er zwanzig Jahre in der Erde liegt, was ich keinen Augenblick bezweifle, so kann Hradscheck an diesem Toten keine Schuld haben. Und kann auch von einer früheren Schuld keine Rede sein. Denn Hradscheck ist erst im zehnten Jahre in diesem Dorf. Das alles ist jetzt erwiesen. Trotz alledem bleiben ein paar dunkle Punkte, worüber Aufklärung gegeben werden muß. Ich lebe der Zuversicht, daß es an dieser Aufklärung nicht fehlen wird, aber ehe sie gegeben ist, darf ich Sie, Herr Hradscheck, nicht aus der Untersuchung entlassen. Es wird sich dabei, was ich als eine weitere Hoffnung hier ausspreche, nur noch um Stunden und höchstens um Tage handeln." Und damit nahm er Kunickes Arm und ging in die Weinstube zurück, woselbst er nunmehr, In Gesellschaft von Woytasch und den Gerichtsmännern, dem für ihn servierten Frühstück tapfer zusprach. Auch Hradscheck ward ausgefordert, sich zu setzen und einen Imbiß zu nehmen. Er lehnte jedoch ab und sagte, daß er mit seiner Mahlzeit lieber warten «olle, bis er im Küstriner Gefängnis fei.