Gießener ZainilieiibMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger 3 rhrgang <929 Freitag, den 22. Zedruar Kummer 15 Lchlafendss Dorf. Von Martin Weife. Nun geht das müde Dorf zur Ruh. Die Fensterläden klappen zu. Die Lichter löschen alle aus — Im Dunkeln liegen Hof und Haus. Nur ein behäbiger Wächter wacht. Ruft Stund um Stunde in die Nacht: Die Zeit kommt her, die Zeit verrinnt, Gar bald der neue Tag beginnt. Der Glückspilz. Novelle von Robert Michel. I. Sie fuhren in einem zweifpännigen Gummiradler nach Grinzing. Berger hatte viel Mühe gehabt, diesen altmodischen Fiaker auszutreiben. Nun freute er sich, daß es ihm gelungen war, den Wunsch des jungen Amerikaners zu erfüllen, denn nur in einem der echten Wiener Fiaker, von denen ihm sein Vater ost vorgeschwärmt hatte, wollte Smith zu dem Heurigengarlen fahren, den er gleichfalls aus den Schilderungen seines Vaters kannte. Richard Smith war jenseits des großen Wassers zur Welt gekommen. Sein Deutsch hatte amerikanischen Klang, war aber von mannigfachen Wiener Dialektausdrücken durchsetzt, denn sein« Eltern sprachen noch immer, wenn sie zuhause und unter sich waren, „wienerisch. Trotz seiner Jugend hatte sich Smith in Amerika bereits eine führende Position errungen. Er hatte eine ganze Anzahl wichtiger Erfindungen, besonders auf dem Gebiete der Elektrotechnik und Elektrochemie, zustande- gebracht und sie als umsichtiger Kaufmann in eigenen Betrieben ausgewertet. Er war Besitzer und Kontroller zahlreicher Fabriken und industrieller Betriebe, die über die Vereinigten Staaten verstreut waren, und ein unermetzlicher Reichtum floß ihm aus diesen Quellen zu. Die heimatliche Atmosphäre beeinflußte den Amerikaner auf eine tiefgreifende Art und es war für Berger, seinen Sekretär und ständigen Begleiter, unterhaltend zu beobachten, wie das Wienertum, das im Blute des Amerikaners geschlummert hatte, sich in einen ergötzlichen Widerspruch zu seinem anerzogenen Amerikanismus stellte. Der schön« Sommerabend überglänzte den Wienerwald und die Wein- dörser lagen in den Talfalten in einen geheimnisvollen dämmrigen Dunst gehüllt. Die vielen vorbeisausenden Autos regten die flinken Rappen zu immer flotterem Trabe an und bald hielten die jungen Leute in der Kobenzlstraße vor dem alten Garten, aus dem ihnen Musik und fröhlicher Gesang entgegenscholl. Als sie zwischen den vollbesetzten einfachen Holztischen durch den Garten gingen, hatten die Schrammeln eben ein altes Wiener Lied angestimmt. das Smith ost von seinem Vater singen gehört hatte; so war der Empfang beim Heurigen für ihn besonders anheimelnd. Suchend blickte sich Berger nach einem leeren Tisch um; da hörte er aus einer Ecke des Gartens seinen Namen rufen. Er sah hin und erkannte einige seiner Kollegen, Journalisten und Künstler, die ihn mit lärmender Heiterkeit einluden, mit seinem Begleiter bei ihnen Platz zu nehmen. Smith fühlte sich überaus wohl in dieser Welt voll Gemütlichkeit und trank den duftenden leichten Wein so unbedacht, als wäre er bloß kühlendes Eiswasfer. Er wurde immer gesprächiger und gebärdete sich bald wienerischer als irgendeiner der anwesenden Stammpäst«. Er sang, klatschte mit den Händen den Takt zur Musik und trieb mit den Sängern und bald auch mit verschiedenen Leuten der Nachbarschaft allerlei Scherz. Als ihn einer der Journalisten über seine Tätigkeit in Amerika ausforschte. gab er bereitwillig Auskunft und ließ sich auch nicht lang« bitten, den Tischgenosien seine neueste Erfindung vorzuführen. Er zog aus seinem Ueberzieher ein Futteral hervor, dem er feine llniversalgluhbirne entnahm; sie war in einem kurzen zylindrischen Gehäuse eingebaut, das unten in eine Spitze auslief. Smith stieß diesen nmden Pflock mit der Spitze in die Erde und ließ einen der Herren an einem daran befindlichen Schalter drehen. Die Birne leuchtete in prächtigem Lichte aus und erregte allgemeine Derwundenmg. M»sik und Lärm verstummten und ein Kreis Neugieriger drängt« sich nm diese Lampe, die den Brennstoff gratis au» dem Erdboden und der Lust bezog. Da erhob sich Smith einigermaßen unsicher nochmals von seinem Sitz und drehte den zweiten Schalter. Da» Licht wurde schwächer, aber die Birne begann alsbald eine Wärme auszustrahlen, wie ein gntgeheizter Ofen und der Krei» der Neugierigen weitete sich rasch, denn nach Erwärmung hatte niemand Sehnsucht. Smith steckte die Glühbirne wieder ein, die Leute verzogen sich, aber er wurde noch lange von allen Tischen aus angestaunt wie ein Zauberer, bis neu« Lieder und eine neue Welle von Fröhlichkeit die Wunderlampe und ihren Besitzer in Vergessenheit geraten ließen. P Smith wurde darob für Augenblicke ganz traurig. Als aber ein Nach, bar mit ihm anstieß und er wieder den berauschenden Duft des Weines zwischen Gaumen und Zunge durchkostete, kam seine gute Laune rasch zuruck. Mit lauter Stimme begann er eine Lobeshymne aus die Stadt Wien und ihre Gemütlichkeit und nannte sich voll Stolz einen Wiener. "N h^.e meine Landsleute so sehr, daß ich die größte Lust hab«, ein echtes Wiener Kmd reich und dadurch auch glücklich zu machen." Man lachte und einige stellten sich gleich wie zum Scherz für diese, Experiment zur Verfügung. Ein junger Dichter, der schweigsam in der Tafelrunde gewesen war widersetzte sich aber heftig der Auffassung, daß Reichtum so selbstverständlich Glück bedeute. Weil er bisher nichts gesprochen hatte, horchte man unwillkürlich aufmerksam aus seine Wort« und bald entbrannte ein stammender Streit darüber, inwieweit Geld Gluck Hervorrufen könne: viele verfochten die Ansicht, nur Liebe oder Macht seien die Wege zum Glück; der Dichter aber schwieg schon wieder und nur das Lächeln um seinen Mund sprach davon, daß er es für töricht hielt, zu glauben, das Wunder des Glückes sei so eindeutig und seine Wurzeln bei allen Menschen seien gleicher Art. Sah er doch selbst im Leben ringsum und an den Geschöpfen seiner eigenen Gestalten, daß bei jedem Einzelnen Glück auf die vielfältigste Weise, ja auch aus unausforsch« lichen Gründen entstehen konnte und diese vielen Möglichkeiten des Glücke, sich etwa sovielemale noch vervielfachten, als es Menschen auf Erden gab. Der Amerikaner machte dem Streit ein Ende. Er stellte in einer Art, die jeden weiteren Widerspruch ablehnte, fest, daß in der jetzigen Zeit Reichtum und Glück gleichbedeutend sei, denn für Geld sei Macht, Liebe und überhaupt alles erreichbar. Einige, die ihm im allgemeinen schon zustimmten, ließen jetzt den Zweifel laut werden, er würde gewiß nicht soviel Geld opfern wollen, als notwendig wäre, um den Beweis für feine Ansicht zu erbringen. Da erbot sich Smith gereizt, einem Wiener durch v'erzehn Tage die Verfügung über sein ganzes Vermögen zu überlasten. Für Sekunden wurde es um den Amerikaner ganz still; scherzte er? Konnte ein Geschäftsmann, noch dazu ein amerikanischer, wirklich so weit gehen? Fast schüchtern wurden die Fragen laut: ob es ihm ernst damit sei? Ob er die Wahl des Glückspilzes dem Zufall anheimfallen lasten wolle oder ob er jemand Bestimmten im Auge habe? Den Zufall bestimmen lasten!, das wäre romantischer; die Mehrzahl war für diese Lösung. Auch Smith war damit einverstanden, nur meinte er, nicht ohne Spott, daß die hier Anwesenden ausgeschlossen fein müßten und keiner dem Zufall nachhelfen dürfe. Man quittierte diesen Spott, indem nun alle Smith bestürmten, die Bedingungen festzulegen; der Rückzug mußt« ihm unmöglich gemacht werden. Berger, der einzige vollkommen Nüchterne, verlangte aber ganz entschieden, daß die Summe, die Smith diesem Scherz opfern würde, nach oben begrenzt werden müßte. Er zog ein Notizbuch hervor, und unter allgemeiner Beteiligung wurde eine Art Vertrag entworfen. II. Die Werkstatt des Schustermeisters Losch lag in der Ottakringer Hauptstraße in einem neuen, vielstöckigen Haus. Durch die kleinen Fenster sah man di« Wagen und Autos auf der Fahrbahn, aber von den Passanten des Gehweges sah man meist nur die Beine. Der Meister war schlecht gelaunt. Er hatte den gestrigen Sonntag zu einem Familienausflug benützt und der hatte ihn eine Menge Geld gekostet. Jetzt saß er vor einem abgegriffenen, beschmutzten Notizbuch und schlug nach, welche Kunden ihm noch etwas schuldig waren. So vertieft war er in diese Beschäftigung, daß es seinem Gesellen, Franz Radler, der sich, wie gewöhnlich, am Montag verspätet hatte, gelang, unbemerkt auf feinen Platz beim zweiten Fenster zu kommen, wo'er gleich pfeifend mit dem Hammer auf einen Schuh klopfte, als wäre er schon die längste Zeit dagesesten. „Ha,' der Meister schlug auf fein Büchlein, daß Geselle und Lehrling erschrocken in die Höhe fuhren, „do ham ma'sl Drei Paar Schuh und zwa Doppler is er schuld!, der Herr von Berger, und wie lang scho! Gengan S', Franz.' wandte er sich an den Gesellen, „schaun S' ümi zu dem noblichten Herrn und sagn S' eahm. er soll endli zahln. Wenn i den Buam schick, fummt er eh wieder ohne Göld Ham." Dem Franz erglänzte das Gesicht vor Vergnügen, denn im Hause de» Herrn „von Berger" war auch jemand anders zu treffen, die hübsche Toni, die Tochter der Hausmeisterin, mit der er in der letzten Zeit feine freien Abende zu verbringen pflegte. Er zog eine Spiegelscherbe aus der Lade des Werktisches, prüfte feinen Schnurrbart, richtete den Scheitel auf seinem von Pomade glänzenden Haar, dann schnellte er empor, zog den Hemd'ragen zurecht und schlüpft« in den Rock. Dabei redete er unn»f. bäAich: .Heut' laß i mi aber net wenschickn' wenn er a wieda s--at: „Ach, Sie kommen vom lieben Meister Losch. Es ist wohl noch eine Kleinigkeit zu begleichen? Nun, bas wird nicht der Rede weri sein. Ich fahre diese Wo.i.e nach Hamburg, dort wirb ei i neues Stück von mir gegeben; solange wird sich der Meister wohl noch gedulden iönnen — eine Zigarette gefällig?" Er ahmte dabei auf iowische Art Berger in Sprache und Haltung nach. Eben wollte Radler noch die grüne Schürze ablegen, als ihn der Meister cntnurrte: „Was treibn S' denn da für G'schichtn? Schaun S', bah weiter kumina und richten S' Jhna net zsamm, als ob S' auf a Brautschau gangerten." Da machte sich Franz eilig auf die Beine. Er hatte Glück. Die Toni war allein zuhause. Er begrüßte das Mädchen herzlich und wollte sie an sich ziehen, aber sie klopfte ihm derb auf die Finger: „Was fallt denn Jhna ein, am hellichien Tag do herzukommen?" fragte sie ärgerlich. „Der Master schickt mi, i soll zum Herrn von Berger um a Gold." „Ah, der Berger, der wohnt setzt nimmt da. Er is Sekretär bei an reichen Amerikaner und wohnt mit eahm in an fein Hotel auf der Ringstraßen. Hotel Liverpool. Genoan S' nur glei hin, daß S' eahm net versehln. I hab jetzt eh ka Zeit für Jhna", dabei drängte sie den Berdntzten zur Tür hinaus und schlug sie ihm vor der Nase zu. „Was hat das Madl heut nur?" brummte Franz. „Sie tuat ja sonst net so!" Aber das Nachdenken war nicht seine Sache, und so machte er sich auf den Weg in das Hotel, das Toni ihm genannt hatte. Als er vor dem prächtigen Haus stand, fiel ihm ein, bah er ja noch die Schürze umhatte, und er wäre am liebsten umgekehrt. Er wagte es nicht gleich, durch die Drehtür mit den hohen Glasscheiben einzutreten, und blickte bewundernd zu dem schön uniformierten Türsteher hin, der ihn keines Blickes würdigte. Da kam aber gerade eine Gruppe lachender, schwatzender Herren aus dem Hotel heraus und Franz erkannte zu seiner Freude unter ihnen den Herrn von Berger. Er ging an der Seite eines eleganten Mannes mit großer Hakennase; das war gewiß der Amerikaner. Franz überlegte, wie er sich bemerkbar machen könnte; da hatte ihn aber Berger erblickt und dem Amerikaner etwas zugerufen und im Nu sah sich Radler von den Herren umringt. Verschiedene Ausrufe umschwirrten ihn, deren Sinn er nicht fassen konnte: „So ein Glückspilz". „Ich möchte gleich mit ihm tauschen". „Der Zufall ist der beste Dichter". „Der Dumme hats Glück". „Den Seinen gibts der Herr im Schlaf" ... Franz wurde durch die Türe gewirbelt und durch die große Halle geführt und gleich darauf stand er mitten in der schwatzenden Gruppe in dem geräumigen Lift und fuhr zur Höhe empor. Man führte ihn in ein Zimmer, stieß ihn in einen Fauteuil, in dem er tief und weich versank, und stürmte von allen Seiten mit Fragen auf ihn ein. Franz fürchtete schon, in ein Rarrenhaus geraten z» feim Allmähli-d aber vermochte er den Reden zu entnehmen, daß ihm ein großes Glück in den Schoß gefallen mar, nur konnte er es noch nicht begreifen und noch weniger konnte er dran glauben. Er meinte zu träumen und wagte es nicht, sich vom Platze zu rühren, voll Angst, aus dieser Wunberwelt in die Wirklichkeit zu erwachen. Smith und Berger sahen, daß mit dem verschüchterten jungen Menschen auf diese Weise nicht weiterzukommen war, so drängten sie die Herren — es war die Tischgesellschaft von geltem abend — zur Tür hinaus. Nun war es um Franz ruhiger und er begann langsam zu lesen, was auf dem Zettel stand, den ihm einer der Herren — er konnte sich nicht entsinnen wer — in die Hand gedrückt hatte. „Jenem Wiener" — buchstabierte er — „dem ich morgen früh nach Heraustreten aus dem Hotel als Erstem begegnen werde, verpflichte ich mich durch vierzehn Tage alle Wünsche zu erfüllen, zu deren Verwirklichung Geld nötig ist." Immer wieder las er diese Worte und suchte ihrem Sinn auf den Grund zu kommen: was alles durfte er sich da wünschen? Durfte er auch Geld verlangen, um sich dann dafür zu kaufen, was Immer er wollte? Der Amerikaner ließ ihin aber keine Zeit zum Ueberlegen und drängte ihn, doch endlich zu sagen, was er gerne haben möchte. Da sagte Radler stockend: „A guats Frühstück war ma recht", denn die Gemütsbewegungen der letzten Minuten hatten ihm Appetit gemacht. Smith eilte selbst zur Klingel und läutete. Der Zimmerkellner kam so rasch, daß sich Franz noch nicht zurechtgelegt hatte, was er bestellen sollte. Smith wollte ihm helfen und zählte einige verlockende Delikatessen auf, aber Radler schüttelte nur immer wieder verneinend den Kopf. Diese Dinge waren ihm fremd, und was er nicht kannte, wollte er nicht essen. Da mischte fick Berger ein: „Sie werden dach eine Lieblingsspeise haben? Sie schaffen Sie sich an." Der Geselle lehnte sich behaglich zurück und über sein Gesicht ging ein Grinsen. „Freili, a Pstmrn mit Sauerkraut und Erdäpfln; und a Piilsner dazu." Ein schallendes Gelächter der beiden Herren war das Echo. Franz wollte es schon bereuen, daß er so voreilig auf einen Scherz eingegangen war, aber der Kellner verneigte sich so lief und entfernte sich so würdevoll, daß der Schulter doch wieder an den Ernst glaubte, umsomehr, als er das höhnische Lächeln des Kellners überleben hatte. Dem Amerikaner gefiel dieser Mann, dem sich das Märchen vom Tischleindeckdich erfüllen sollte, und er eiferte ihn an, weitere Wünsche bekanntzvoeben. Dem Gesellen war es, als mühte das Kartenhaus eines schönen Traumes zufammenbrechen, sobald er wirklich nach Geld verlangen würde. Mit leiser, heiserer Stimme sagte er schließlich: „Na. wann S' woll'n, so gehn S' ma halt hundert Dollar". Smith sog einen Hundert- dollarschein aus der Tasche und hielt ihn Franz hin. Radler riß ih,n die Note aus der Hand und oanz verblüflt verlangte er tausend Dollars. Ruch dieser Wunsch wurde ihm erfüllt. Franz wurde ganz rot im Gesicht, als wäre er vor einem schrecklichen fv'ftenanfall, und stammelnd und stockend forderte er nun zehntausend Dollars. Er konnte es nicht begreifen. daß daraufhin der Amerikaner gar nicht erschrak. Der bedauerte nur. nickt so viel bares Geld bei sich zu haben, aber er würde einen Scheck auf diese Summe ausstellen —- das Geld könne sich Franz in der Bank beheben. Radler hielt den Scheck: auf dem die Schriftzüge noch nah waren, vorsichtig zwischen zwei Fingern, und schaute mißtrauisch auf das Blättchen. Cs war zu erkennen, daß er den Wert dieses Wisches bezweifelte. Er erhob sich aus seiner bequemen Lage und knöpfte den Rock zu. Schließlich hatte er ja Gelb genug bekommen. Nun war es Zeit zu gehen. Der Meister würbe schon warten. Mit einem gewissen Unbehagen blickte er nach der Ausgangstür. Smith merkte, was in dem Kopf des Schusters vorging. „Ich werde meine Bank antelephonieren und Ihnen die zehntausend Dollars herbringen lassen." Franz schaute ihn ungläubig an. „Jo, wenns wahr is', aber i wull Schilling, tane Dollars. In Schilling kenn i mi besser aus." „Einverstanden", lachte Smith und ging zum Telephon, indes Franz sich bemühte, in seinem Kopf auszurechnen, wieviel Geld er da bekommen würde. Aber er kam damit nickt zurecht, denn eben trat der Kellner mit einer großen weißgedeckten Tasse ein, auf der eine Blutwurst eingebettet in Kartoffeln und Kraut dampfte. Franz vergaß auchs Rechnen und machte sich mit ungeheurem Appetit über seine Lieblingsspeise her. Gesättigt lehnte er sich wieder in seinen weichen Sessel zurück, ließ sich eine Zigarre reichen und schaute gedankenverloren den blauen Rauchwolken nach. Smith und Berger überließen ihn seinen Träumen. Eine halbe Stunde später klopfte es an die Türe und der Zimmerkellner führte einen Mann herein, der eine große Lcdertasche umgehängt hatte. Nachdem der Kellner abgeräumt hatte, lieh Smith das Geld dem Schuster auf der Tischplatte herzählen. Es waren fast lauter kleinere Geldscheine und vor den Blicken des Gesellen wuchs alsbald ein ansehnlicher Berg von Banknoten in die Höhe. „Das gehört alles Ihnen", sagte Smith ermunternd zu dem reglosen Schuster, da der Bankdiener sich entfernt hatte. Franz starrte auf das Geld; plötzlich sprang er in die Hihe, drehte sich auf dem Absatz, pfiff, lachte, fluchte und machte so groteske Sprünge, daß die Beiden besürch- teten, er sei in Gefahr, dem Wahnsinn zu verfallen. Allmählich beruhigte er sich und setzte sich, wie ermüdet von der übergroßen Freude, vor seinen Eeldbera hin.. Mit vorsichtig tastenden Händen griff er danach und versuchte, die Banknoten in seinen Taschen nnterzt!- bringen. Aber die Taschen waren schon voll und der Berg vor ihm auf dem Tische war noch nicht sonderlich kleiner geworden. (Schluß folgt.) Erkenntnis. Von Gottfried Keller. Willst du, » Herz! ein gutes Ziel erreichen, mußt du in eigner Angel schwebend ruhn; ein Tor versucht zu gehn in fremden Schuh'n. Rur mit sich selbst kann sich der Mann vergleichen! Ein Tor, der aus des Nachbars Kinderstreichen sich Trost nimmt für das eigne schwache Tun, der immer um sich späht und lauscht und nun sich seinen Wert bestimmt nach falschen Zeichen! Tu frei und offen, was du nicht willst lassen, doch wandle streng auf selbstbeschränkten Wegen und lerne früh nur deine Fehler hassen! Und ruhig geh den anderen entgegen; kannst du dein Ich nun sest zusammenfassen, wird deine Kraft die fremde Kraft erregen. Der Klaf iker der Rechtswissenschaft. Zu Saoigntjs 150. (Geburtstage. Von Er. Friedrich S p r e e n. Ms der nationale Aufschwung der Befreiungskrige den deutschen Gedanken tief in die Herzen gesenkt hatte, wuchs das Verlangen nach einem nationalen Recht. Mit der Beseitigung des aufgebrungenen Code Napoleon, der französischen Gesetzgebung mit dem Fortfall des Flickwerkes tleinftoü Ucher Sonderformen schien der Weg zum deutschen Recht gebahnt, und der berühmte Pandekten-Lehrer T h i b a u t betonte „die Notwendigkeit eines allgemeinen bürgerlichen Rechtes für Deutschland". Da erschien 1814 als Antwort die Schrift „lieber den Beruf unserer Zeit zur Gesetzgebung' von Karl Friedrich von Savigny, dem Vertreter des römischen Rechtes an der neuen Universität Berlin. Es war eine Geiste-tat ersten Ranges, für den Augenblick wie für die Zukunft, denn dieses Werk eines klaren und überlegenen Meisters brachte die unmöglichen Wünsche nach einer künstlichen Rechtsschöpfung zum Schweigen und begründete zugleich die historische Rechtswissenschaft. Die Aufklärung hatte sich hauptsächlich damit beschäftigt, die vernünftigen Grundlagen des Rechts philosophisch zu erörtern, und geglaubt, dog diese als richtig erkannten Gesetze dann ganz einfach von den jüriftscken Praktikern diktiert werden könnten. So hatten es Friedrich der Kroße, so Joseph!.. so zuletzt noch Nanoleon getan. Aber dos tiefere Derständni- jür geschichtliches Werden und Walten, das Justus Möser und Herder vorbereitet, Wilhelm von Humboldt auf den Staat angewendet hatten und die Romantik leidenschaftlich vertrat, 'onnfe sich mit einer so äußerlichen Auffassung des Recktoq nicht begnüoen. Saviany sprach nut seiner »unhörbaren Ruhe und Wärme den großen Gedanken aus dog der oberste Gesetzoeber nickt die Regierung, sondern bas Volk fei. Gleich der Sprache erwächst bas Reck) aus der ursprünglichen Natur und dem Leben des VoKes und o>fe Recktsbilbuna kann nickt durch Ve-Voiches- arb-st und willkü-'liche Feftfetzuna entll-chen, fonb"rn muß RückfW nehmen auf das Gewordene und lieberlieferte, auf Glauben und Sim- Gesetze werden gefunden, nicht gemacht und zwar hauptsächlich von jugendlichen, gesunden, aujsteigenLen Völkern. 'Aber nicht jede Zeit ist zur Gesetzgebung berufen, ebensowenig wie jede Zeit eine große Kunst hervorzubringen vermag. Die Gege,>wart, jagte Savigny, müsje erst den Zusammenhang mit der Vergangenheit gewinnen, um"Zukünstiges schaffen za fönncn. Dazu sei eine nationale, organisch fortschreitende Rechtswisfen- chast r.otwend g, die zu den Urquellen des deutschen Rechtes hinabsteigt, ■ ein? Entwicklung klarlegt und erkennt, was davon tot, was noch lebendig st; nur durch solche Forscherarbcit könne eine neue Rechtsbildung verbreitet werden. Savigny stellte hier den Begriff des geschichtlichen Werdens dem ab- . prakten Glauben an. ein „ideales Recht" gegenüber; er .glaubte an das „unbewußte Schaffen der Volksseele in Sprache, Sitte und Recht." Doch diese romantische Anschauung hat er in seinen anderen Werken dann in klassischer Weise durchgefkihrt. In Goethes Vaterstadt aus einer ursprüng- li.h französischen Familie geboren, die schon vorher in vier Generationen , bedeutende Männer besonders auf jurstischem Gebiet hervorgebracht, geriet der junge Savigny früh in Verbindung mit dem Kreis der Romantiker, besonders mit Clemens Brentano, der ihm in dem seherhafi . majestätischen Jüngling Jaropone seiner „Romanzen vom Rosenkranz" ein Denkmal setzte, heiratete seine Schwester Gunda und wurde als Professor in Marburg der Lehrer der Brüder Grimm, deren gelehrte Ar- beit er entscheidend bestimmte. Sein großes Verdienst war es, die genialen und dunklen Anregungen der Romantik in eine Sphäre der Klarheit zu heben und mit wissenschaftlichem Geiste zu durchdringen, jo daß er die geschichtlichen und germanistischen Studien befruchtete. Wir haben erst jetzt von dem jungen Savigny, diesem srühgerciften, genialen und guten, wahrhaft universalen und im edelsten Sinne harmonischen Geiste eine anschauliche Vorstellung erhalten in der reichhaltigen Vriefveröffent- lichung von Adolf Stoll, b'e ihn mitten hineinstellt in den Kreis der jüngeren Romantik und als ihren heimlichen König erkennen läßt. War dieser vornehme und verschlossene Mann bis dahin trotz seiner Berühmtheit doch eigentlich ein Unbekannter geblieben, so gewinnt er erst jetzt . auck menschlich seinen. Platz unter den besten Geistern der deutschen Geistesges.chichte. Wie hilfsbereit tritt er hier auf, wie großartig in feiner Beurteilung der Zeiten und Menschen, zugleich wie stolz und abgellärt, durch nichts von seinem Wege abzubringen, durch nichts zu entmutigen, wie etwa nach dem Verlust feiner unersetzlichen Pariser Handschriften, der Fruckt mühseliger Studien, an deren Neubeschaffung er sofort geht. Mit der Berufung nach Berlin 1810 schließt die Jugendzeit Savignys ab. An der Schöpsung der Universität hatte er bedeutenden Anteil, wirkte als einer der ersten Rektoren und wurde durch seine Lehrtätigkeit und seine Schriften das Haupt der h storischen Rechtsschule. Seine Arbeit gehörte der Erforschung des römischen Rechtes, dessen kritisches urb geschichtlich bedingtes Studium er in seiner Erstlinaeschrift „Dos Recht des Besitzes" (1803) begründet hatte. Em Hauptwerk ist die „Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter", durch die «r zum ersten Male den Zusammenhang des antiken und modernen Rechtes aüf- deckie. Ein überraschender Fund kam ihm dabei zu Hilfe: die Entdeckung des verlorenen Textes des Gaius, der das klassische Zeitalter der römischen Rechtswissenschaft erst der Forschung zugänglich machte, und dessen Bedeutung Savigny erkannte. Nachdem er so die Rechtegeschichte Europas, soweit sie durch das römische Recht bestimmt wurde, der Wissenschaft erschlossen hatte,.stellte er in seinem zweiten gelehrten Hauptwerk „Das System des heutigen römischen Rechts" bar, ohne diese lebte Arbeit freilich trotz der acht erschienenen Bände zu vollenden. Unterdessen hatte er selbst seinen „Beruf zur Gesetzgebung" zu zeigen, da ihn Friedrich WlhelmIV. an die Spitze eines „Ministeriums für Gesetzgebung" berief. Saviany. der kein Staatsmann und Divlomat roar, hat in dieser schwierigen Stest-wg unter den größten Hemmnissen doch Bedeutendes geschaffen und „Musterleistungen an Gründlichkeit, Ideenreichtum und echt wissenschaftlichem Geist" hinterlassen. Als Savigny am 25. Oktober 1861 starb, endete ein reiches, fruchtbares und glückliches Gelchrtenleben, das aus Deutschlands höchster Geistesblüte kostbaren Gewinn gezogen. Savignys Persönlichkeit hatte viel von jener olympischen Würde und umfastenden Geisteskraft, die Goethe eigen war. Mit seinem großen Landsmann ist er daher öfters verglichen worden, am treffendsten wohl von seinem Biographen Ernst Landsberg, der darüber schreibt: „Nicht Romantiker, sondern Klassiker ist Savigny nach Bildung, Gesinnung, Empfindung, Schreibart und Denkart. So sehr Klassiker, daß man kaum seiner gedenken kann, ohne ihn, wie vielfach geschehen, mit Goethe zu vergleichen. Eine Reihe äußerer Umstände haben den Bergleich nahegelegt: beide Männer sind in Frankfurt a. M. geboren, aus bester Familie abstammend; beide find während ihres ganzen Lebens durch reiche Glücksgüter vor allen Sorgen der mate- ri'llen Existenz geschützt, in der Lage gewesen, sich frei, wie der Geist sie trieb, bewegen zu können, auch haben sie beide hohe Etoateämter eingenommen und diesem Umstande in ihrer ganzen Haltung bemerkbar Rechnung getraoen: zuletzt haben beide ihr Leben bis zum höchsten Greisenalter fortsühren, so ihre Keisteegaben allseitig voll entwickeln und der Welt ein abgeschlossenes Bild organischen Blühens und Verblühens hinterlassen können. Und so sind wir denn wohl berechtigt, obschon mir die bedeutsamen — weit über das etwa bloß durch die Verschied<-nheit des Gebietes der Geistesbetätigung Bedinote hinausreichenden — Unter« ßieb? keineswegs verkennen dürfen, für die die abschließende Würdigung r allgemeinen Bedeutung Savianys von Goetbe auszugehen. Was uns dieser in Poesie und Literatur, das ist jener aus dem bescheideneren Gebiße der Rechtswissenschaft gewesen; wie alle Völker der gebildeten Welt Goethe verehren, so hat überallhin — Goethe selbst bezeugt es in einem bekannten Wort — den Ruf deutscher Rechtsgelebrsamkeit Saviany getragen; wie Goethe hinausragt über Nation und Zeit. und. ein Gut der ganzen Menschheit, sich den alten Klassikern anrecht, so ist Saviany eine Zierde nicht bloß der deutschen, sondern aller Jurisprudenz, der Klassiker bürgerlichen Gelehrsamkeit in unmittelbarem Anschlüsse an die Klassiker der römischen Zivilistik." Im llr/o zum OrafuI von Delphi. Bon Friedrich Koch-Wawra. So'rates spricht: Vor das Ziel haben die Götter den Schweiß gesetzt. Die ersten Schweißtropfen perlen gleich hinter der österreichischen Grenze. Es gibt näm.ich eine t-anlstraße Agram—Be grab—Ues^üb-Athen. Diese „Straße" haben vor vielen, vielen Jahren die Türken angelegt: Schmal, höckerig, ohne Unterbau. Drei Iah Hunderte find Frachtwagen und Kriege darüber hinwexgerollt, zuletzt der Weltkrieg. Nicmard hat je etwas getan für diese verwaschene, verschlammte Fährte aus Höckern und Mulden und zugewchten Autofallen. So geht es weiter über Topola, Kragujewatz, hinauf ins serbische Hochland und wieder hinunter zur griechischen Grenze, bis dahin, wo vor zehn Jahren deutsche Truppen den Wardar gegen Senegalneger verteidigten. Genau an dieser Stelle ändert sich das Bild. Eine neu angelegte schmale Landstraße führt über Termopylä nach Theben im Herzen von Attika. Und am Wege stehen heute ebensooiele Venzsnkantir.en wie einstmals heilige Haine und gottgeweihte Zeichnen, Denn fortschrittlich und hilfsbereit find die Chaussee-Griechen, bas muh man ihnen lassen. Einmal versacke ich spät abend« auf der Landstraße in tiefem Schlamm. Vis über die Achsen stecken die Räder im Lehm; an Herauskommen ist nicht zu denken. In den nahen Sümpfen zirpen Grillen, die balsamische Nachtkuft flimmert vor Wärme. Am attischen Himmel ober zwinkern die ©ferne, als wollten sie mich auslachen. Da sitze ich nun mit meiner Gefährtin und flehe vergebens zum göttlichen Hephaistos, dem Schirrnhern des Feuers und der Metallbearbeitung, also auch zum Schutzgott dieser sinnreichen Kombination von Benzin und Metall, die der Neugrieche „Äutomobilos" nennt kmkt dem Akzent auf der dritten Silbe), und siehe — es erscheint sogleich ein Bauer mit sechs Pferden Es sind genau sechs. Man hat den Eindruck, gks fei das hilfreiche Gespann soeben aus dem Erdboden gewachsen. Da steht er nun vor uns im Dunkel der Nacht und bietet seine Dienste an, und wie von ungefähr erscheinen noch zwei Knechte mit langen Peitschen. Ein paar Versuche mit vereinten Kräften. Der Motor brummt wie ein zorniges Raubtier, der Wagen zittert im ersten Gang wie ein geheizter Schiffsrumpf, die Pferde werben von den Knechten bis aufs Blut malträtiert, da — ein R"ck! Der Wagen fährt knirschend an und steht halb glücklich auf festem Grund. Der Bauer nennt sein Honorar. „Es macht zweihundert Drachmen, Herr!" Zweihundert Drachmen sind beinahe sechzehn Mark. Ich zahle fünfzig, und das ist noch viel zu viel. Denn die Lehmkuhle auf der nachtdunklen Straße ist die privilegierte Erwerbsquelle des menschenfreundlichen Bauern. Er pflegt sie sorgsam mit Sumpfwosser, damit sie nicht aus- trocknet. Sein Sozius ist offenbar der Schutzmann, der im Augenblick der Honorarzahlung plötzlich neben uns stand. Da erschlaffen mitten auf freier Strecke die beiden Hinterrsisen. Beide — und zu gleicher Zeit. Kein Nagel ist zu entdecken. Das Mißgeschick scheint rätselhaft. Doch genau wie bei der bösen Lehmkuhle sind sogleich bi? rettenden Mechaniker zur Stelle. Sie kommen ganz zufällig auf einem Motorrad vorüber und stürzen sich begeistert a' f die Arbeit, die sie träge und plaudernd zu Ende führen. Auch dieses Honorar bezahlt man nur einmal. Wenn man das nächstemal in einer Weinkneipe sitzt und recht aufmerksam durchs Fenster steht, hat man bere’ts den Lümmel om Kragen, der, mit einer Ahle bewaffnet, den Wagen umschleicht und auf die Gelegenheit lauert, die Pneumatiks anzubohren. So läßt der Himmel die Sonne über attische Landstraßen scheinen, und die klassischen Enkel lassen sichs wohlergehen: fern den Musen und nahe den Drachmen. Eines Morgens mache ich mich auf den Weg zum Orakel van Delphi. Eine Straße führt nicht dorthin, man muß auf Richtung fahren übet Stock und Stein, durch ausgetrocknete Flüsse und über steile Engpässe. Doch für einen guten Wagen gibt es nichts Unmögliches, und so erscheine ich am nächsten Mittag in Begleitung eines Janitscharen, den ich vom Automobilklub mitbekommen habe, in dem Oertchen Delphi. Ein kleiner Zeitungsjunge, Epaminondas Papafigou, hat nufere Ankunft als erster bemerkt. Darauf übergibt er fein Gewerbe dem Stiefelputzer Themistokles Ambatllos und bietet mir das erste Geschäft an, noch ehe ich die Hotel- zimmertüre hinter mir geschloßen habe. Er hat einen Korb voll Raritäten gesammelt: Knochen, Kieselsteine, Kröten, Fliegen, Kellerasseln, und was es forst roch in einem Ora'el- städtchen zu greifen gibt. Er stellt mir den Korb aufs -Bett und berichtet im gebrochenen Englisch von feinem Leid. Von Hunger und Elend, von Krankheit und menschlicher Niedertracht, von Lumpen und Läusen und bloßen Füßen. Alles sei ihm genommen und nichts ließe man ihn verdienen. Und er verlangt fünfundzwanzig Drachmen. Da ergreife ich den Korb, stelle ibn vor die Türe, packe den kleinen Epaminondas am Kragen und fetze ihn daneben. „So ein frecher Hund, was?" Das Wörtchen „was" ist-noch nickt ausgesprochen, da steht Cpa- minondas fckon wieder im Zimmer und bietet mir feine gesammelte Verwandtschaft zur Benutzung an. Die-mal fliegt er zur Türe hinaus, daß feine braunen Knochen knacken. Als ich ins Zimmer zurückkomme, sibt Eplmanondas schon wieder drin. Er ist über den Balkon geklettert Wenn der Herr dann schon feine Waren nickt kaufen wolle, so gäbe ef wohl etwas anderes zu verdienen? Vielleicht Filmanfpahmen zu machen) Ist der H?nr Kameramann? Zeitungsmann wie er? Solidarität sei dock heut? die Losung. Aks ick aus dem Hotel komme, bat fick eine Volksmenge ancefammeli die ein beifälliges Murmeln von sich gibt, als sie mei^r anfW-g wird Ganz Delphi ist hierhergekommen, um an mir zu verdi-m-m. D'e Stad rüstet sich. Die Emsiakeit enireift foaar di" H"lcke. Selbst die beidei Recktsanwält- aeg»nüber stehen an ihren Fenstenn ,>nd fckeinen es z! merken: Ein Fnemder ist angekommen. Jetzt whh rosten !>' Delnhl Ein alter M-mn bietet mir die B-wölker-na des Stirntckens kür Film ausnastmen an. Was denn aezablt wlird"? Ex bn*fg so fünsüo Dnackmei n-o Mann und Stunde. Und was das Volk machen faste: Geb-stsülmngen Orakelbeschwörungen, Schattenspiele, Hahnenkämpse, Streichmusik, rituelle Schlachten, Entführung Minderjähriger? Ich sage „nichts", steige ein und fahre hmau; zam Oialel. Die junftaujend Habgierigen tri|jt der Schlag. No film — uo business. Das delphijche Oraiel weissagt noch heutzutage. Eine Stimme antwortet aus einei liiysljjchen Dampswolks aus Englisch. Die gute Frauenstimme kündet: „Sie sind ein feiner Herr aus Germanien, in Ihrer linken Hosentasche haben Sie ein Feuerzeug, in Ihrer rechten Brusttasche einen braunen Reisepaß, in der linken eine rotlederne Brieftasche. Sie lieben eine Dame aus Amerika. Der Zähler Ihres Autos zeigt: 7629 Kilometer. Bitte mir Fragen über ihre Zukunft zu stellen! Pro Frage hundert Drachmen. Der Herr dort wird sich erlauben, jeweils zu kassieren." Ein Greis tritt aus mich zu und hält die schmutzige Hand hin. Ich soll ein halbes Pfund hineinlegen. Nichts lege ich hinein. Denn in diesem Augenblick geht mir ein Licht auf. Ein schwaches Kerzenlicht nur. Doch es genügt, um zu erkennen, daß der Gauner Epaminondas, der mich in meinem Zimmer beobachtet hat, die Seherin in der Dampfwolke beizeiten über meine Berhältnisfe aufklärte. So ist der Lauf der Welt. Das Los aller Kulturen ist schließlich der Untergang; selbst mit Pindar und Plato hat das Schicksal keine Ausnahme gemacht. Nur die Dummheit überdauert die Jahrtausende; sie höret nimmer auf, wie die Liebe. Vor dem Orakel schützt kein Sokrates, und neben Goethe lebt die Kartenlegerin. Geburt des Buchstabens. Besuch in einer Schriftgießerei. Von Hermann Linden. Herstellung der Matrizen. Der Weg der Type beginnt bei dem Zeichner. Die Variationen der Schriften hängen von dem Einsallreichtum der Zeichner ab. Immer wieder werden neue Schriften erfunden. Das Alphabet existiert in unzähligen Figuren. Der Buchstabe wird in vergrößertem Maße aus Papier gezeichnet. Im eigenen photographischen Atelier, das über di« modernsten und praktischsten Apparate verfügt, wird diese Zeichnung photographiert, und zwar in dek verileinerten Form der wirklichen Type. Nach dieser Photographie erfolgt die Herstellung der Matrize, das ist die Gußsorm des herzustellenden Buchstabens, di« Mutter der Type. Die Herstellung der Matrizen, die in verschiedenen Räumlichkeiten erfolgt, ist ein langsames, mühevolles und vor allem sehr anspruchsvolles Arbeiten. Da gehören feine Augen und geduldige Hände dazu. Das Schneiden der Matrizen ist erstklassige Handwerkskunst. Es geschieht nach drei verschiedenen Methoden. Der Stahl st empel. Die älteste, auch heute noch gebräuchliche Art ist die Herstellung des geschnittenen Stahlstempels. Das geschieht folgendermaßen: Auf die polierte Kopffläche eines kleinen Stahlblockes, der die Größe eines kleinen Fingers hat, wird die Buchftabenform nach der photographierten Zeichnung ab« gepaust. Dann ergreift der Schneider seine Feilen, eckige hat er und runde, und schneidet den Buchstaben scharf, tief und genau in den Stahl hinein. Den Stahl läßt man vorher erglühen; dann ist er weich und nachgiebig. Der Buchstabe mutz erhaben erscheinen, daher wird das überflüssige Metall innerhalb und außerhalb des Buchstabens weggefeilt. Der fertig« Stahlstempel, Matrize genannt, trägt aus seinem Kops den positiven Buchstaben. Zur Kontrolle des Schristbildes macht der Stempelschneider während der Arbeit Rutzabdrücke, nach denen Korrekturen vorgenommen werden. Zum Guß der Type aber ist die entgegengesetzte Form, die negative Form, notwendig, eben die Matrize. Der Stahlstempel wird daher in ein weicheres Metall, Eisen oder Kupfer, hineingepreßt. Ein kleiner Eisen- ober Kupferblock wird in ein Richtinstrument gespannt, um die möglichst genaue Stellung des Stempels zu erhalten. In einer Hebel- preffe wird nun der Stempel eingeprägt, und so entsteht die Matrize. Bei größeren Schriftgraden ist der Stahlschnitt unwirtschaftlich, man benutzt deshalb die zweite Herstellungsart der Matrize, die galvanische Methode. Richt in Stahl, sondern in ein weicheres Metall, Zeug genannt, schneidet man den Buchstaben auf die Breitseite ein. Der Zeugschnitt geht auf die gleiche Art vor sich wie der Stahlfchnitt, mit Händen und Feilen. Von dem in Zeug geschnittenen positiven „Original" wird die negative Matrize auf galvanischem Weg« hergestellt. Das ist für den Zuschauer ganz autzerordentlich interessant. Wir treten in ein kleines Gemach ein, das uns zunächst zur Flucht anregt. Ans dem Absatz möchten wir uns herumdrehen und sofort verschwinden. Warum? Warum? — W»il wir da in einer ganz verwünschten Weise immerzu husten müssen. Der „Meister dieses mysteriösen Kabinetts", ein Mann, der schon lange nicht mehr zu husten braucht in diesem alchimistischen Zimmerchen, erklärt. Vor uns sehen wir zwei Badewannen, in die wohl keiner von uns steigen möchte, denn die Temperatur ihrer Flüssigkeit ist 80 bis 90 Grad Celsius. Zudem sieht die Flüssigkeit, di« darin hin und her schwabbelt, dickes, grünes Gewäsier, nicht einladend aus. Auch duslet sie nicht nach göttlichen Parfüms. Hier also bilden sich unsichtbar und peheimnisvo'l. dennoch zauberhaft genau die galvanischen Matri-en. Mehrere Originale — was das ist, wurde vorhin erklärt — legt der Gal- vanovlastiker zusammen, schließt sie mit einer Isolierschicht — die Se'te mit den einflemeftt-n Buchstaben bleibt natürlich offen — und hängt sie in das Bad. An Kupferstangen. Den Originalen gegenüber hängt man die Nick-lplatten, das Geburtsmaterial der Matrizen. Sämtliche Stücke hängen tief in der Flüssigkeit. Wenn man sie seben will muß man sie an ihren Drähten Heraufziehen. Die Flüssigkeit enthält Nickelsulsat — präpariert» N'ckchsalze —. Malier und Essigsäure. Durch diese Bestandteile wird die Fo-tleituna der elektrischen Ströme begünstigt. Positive und negative Elekt'-Iziiäten strömen die Kunlerd^ähte hindurch, unter ihrer Kraft zersetzen sich die «ingehängten Nickelplatten; die kleinen Teilchen des zersetzten Nickels schwemmen d!e Originale an, und bilden eine dicht zusammenhängende Schicht, die später von den Originalen abgeklopst, auf ihrer Innenseite die negative Form der Buchstaben zeigen. Das so gewonnene negative Abbild, das Auge, wird dann mit Zink hintergossen. Die gußfähige Matrize ist fertig. Die Bohrmaschine. Wir kommen nun zu der dritten Methode der Matrizenherstellung, Die bereits geschilderten sind Handarbeit, die dritte ist maschinell. Hier erspart sich die Vorarbeit. Es wird das Buchstabenbild nicht erst positiv hergestellt, sondern das negative Bild wird direkt gebohrt mit raffiniert konstruierten Maschinen. Diese Bohrmaschinen beruhen auf dem lieber« tragungsfgftem des Pantograph (Storchschnabel). Auf einer Messing, schablone wird der Buchstabe eingeschnitten, etwas größer, als er hergestellt werden soll. Diese Messingschablone wird zur Rechten des Pan« tographs eingefchraubt. Die Schablone befindet sich jetzt unter dem Führungsstift. Der Arbeiter setzt die Maschine in Betrieb und fährt mit dem Führungsstift den Buchstaben auf der Schablone nach. Diese Bewe- gung erzeugt gleichzeitig eine andere Bewegung am anderen Ende der Maschine. Hier dreht sich der B o h r ft i f t fortwährend um feine eigene Achse. Dieser Bohrstift besteht aus Silberstahl. Während er sich drehh sechstausendmal in der Minute, bohrt sich seine Spitze in das unter ihm eingeklemmte Eisen- oder Bronzestück ein, tief und scharf. Die Bewegungen, die vom Führungsstift ausgeführt werden, übertragen sich auf die Supports, zwei kleine Metallblöcke, auf deren oberstem das zur Matrize bestimmte Bronzestück eingefchraubt ist. So wiederholt der Bohrstift zur Linken die Bewegung des Führungsstiftes zur Rechten. Und auf dem Vronzestück erscheint das eingebohrte Bild des Buchstabens in der richtig verkleinerten Form. Der Bohrer kann durch zwei Schrauben auf jede beliebige Tiefe eingestellt werden. Die Bohrspitzen haben verschiedene Stärken. Alle Ausdehnungen der Buchstaben — Länge, Breite und Tiefe — ergeben sich nach der Gesamteinstellung des Pantographs und der Stärke der verwandten Bohrspitzen. Die nun auf diese drei Arten hergestellten Matrizen sind in der bis jetzt erreichten Form noch nicht ganz gußfähig. Sie werden „justiert". Die beim Einprägen, Hintergießen und Bohren entstandenen kleinen Unregelmäßigkeiten werden beseitigt. Mit Handgießinstrument und Hand- pumpe werden Probebuchstaben gegofsen. Bei allen Phasen der Herstellung wird mit äußerster Präzision gearbeitet. Es stehen zur Prüfung der Tiefe der Matrize, der Linien und Ausdehnung der Buchstaben außerordentlich genaue Meßinstrumente zur Verfügung, denn das fertige Produkt, die Schrifttype, mutz sich genau in das seine typographische Maßsystem einfügen. Nun kennen mir die Vorarbeiten für die Herstellung der Druckbuchstaben. Die eigentliche Fabrikation geschieht erst durch den Guß der Type aus der Matrize. Das Gießen der Buchstaben. Der Schilderung des Gießens seien einige Angaben über das Material vorausgeschickt. Das Material, aus dem die Typen gegossen werden, ist eine Legierung von Blei, Zinn und Antimon. Diese Mischung, die nach einem bestimmten Verhältnis erfolgt, garantiert die Widerstandsfähigkeit und Geschmeidigkeit der Buchstaben. Das Typenmaterial wird meistens schon in der richtigen Legierung von den Metallhüttcn geliefert, teilweise aber auch in der eigenen Schmelze der Gießerei hergestellt. Wir betrachten zuerst die Handgießmaschinen, die heute nur noch in beschränktem Maße Verwendung finden. Ueberhöngende Buchstaben von Kursivschriften, Schmuckstücke und Einfassungen werden auf diesen langsamer produzierenden Maschinen hergestellt. Der Buchstabe, der aus der Handgießmaschine fällt, hat noch ein Angußstück, das abgebrochen werden muß. Auch ist noch ein Schleifen, Ausfetzen und Fertigmachen notwendig. Alle diese kleinen Nebenarbeiten erspart die Komplettgießmaschine, die dis zu 40 000 Buchstaben im Tage gießt. Um eine noch höhere Gesamtleistung zu erzielen, hat man die Doppelgießmaschine gebaut, die eigentlich zwei Gießmaschinen auf einem Sockel darstellt, jedoch von einem Arbeiter bedient werden kann. Die Tagesleistung dieser Maschine beträgt etwa 70000 Buchstaben. Die Gießmaschine besteht aus zwei Teilen, die sich beim Guß ineinander vereinigen. In dem einen Teil wird in einer kleinen zur Matrize führenden Röhre der Körper des Buchstabens gegossen, im anderen Teil ist die sich nähernde Matrize, die sich aus den Kopf der einströmenden Bleimasse abdrückt. Die Komplettgießmaschine arbeitet ihrem Namen gemäß: komplett. Sie entläßt den Buchstaben im Gegensatz zur Hand- gießmaschine druckfähig. Ihr innerer Organismus ist technisch vollendet. Sie gießt nicht nur den Buchstaben, hurtig und genau, sie schneidet ihn auch richtig und stützt die Angüsse ab. Druckfertig fallen die Buchstaben aus der Maschine und reihen sich auf einem hölzernen Winkelhaken nebeneinander auf. Die Maschine ist in ihren sämtlichen Teilen diirchhöhll, kanalisiert. Fortwährend fließt durch Schläuche zugeleitetes Master durch diese Kanäle, um die Maschine in der richtigen Temperatur zu halten, sie vor Ueberhitzung zu bewahren. Um das in dem Napf flüssige Blei in seinem Schmelzzustand zu erhalten, wird dieser Bleinaps von Mischpreß- gas beheizt. Der sich fortwährend bildende silbrige Bleischaum wird abgeschöpft. Nun greifen die Leiterinnen in die Produktion ein. Das sind weiblich« Arbeitskräfte, die das Zusammenlegen der fertigen Buchstaben besorgen. Don jeder Schrift wird eine bestimmte Einheit gegossen, zusammengelcgt und verkauft. Diese Einheit, deren Zusammenstellung sich nach den Eigentümlichkeiten der betreffenden Sprache richtet, heißt das „Minimum. Der Guß erfolgt nach besonders aufgestellten Gießzetteln, die die Gun- zahl jedes einzelnen Buchstabens bestimmen. Die Leiterin holt P4)JW Buchstaben von den Maschinen, legt sie nach den Vorschriften desMmi- mums zusammen, packt ein, etikettiert, numeriert, und der Buchstabe ist versandfertig. Diese Minima kommen dann aus das Lager, das zwar räumlich nicht riesenhaft, aber so beschwert durch sein« bleiernen Lasten ist, daß man so vorsichtig war, es in bas Souterrain zu quartieren. Verantwortlich: Ur. HanS Thyrlot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche LlnlversitütS-Duch-- und Steindruckerei, R. Lange, Viehen.