Jahrgang 1929 Montag, den 21. Oktober Nummer 82 GiefMiFamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Vater und Sohn. Zu Reinhold Forsters 100. Geburtslage. Von Frank L y s k i r ch e n. Johann Christian Reil, der kaum dreißigjährige Stadtphysikus von Halle und Nervenarzt, war in die mit sauberen schwarzweißen Steinplatten ausgelegte Diele des Forsterschen Hauses getreten. Der hochgewach- sene Friese stand vor der rundlichen Frau Professor, die ihm tränenüber- strömt flüsternd ihr Leid klagte. Gestern war von einem Korrespondenten aus Göttingen die schreckliche Nachricht eingetroffen, daß Georg Forster, der älteste Sohn, vor ein paar Wochen einsam in Paris gestorben fei; und nun liege der Vater, der Professor, in schweigendem'Schmerz da, wolle nicht essen, niemand sehen, von nichts hören; sei er aber allein, ammere er laut vor sich hin und klage sich an, weil er vor ein paar Jahren aus verschiedenen Gründen mit dem Sohne, der in Mainz immer mehr ins Fahrwasser der französischen Revolution und des Jakobinertums gekommen war, gebrochen hatte. Er falle zusehends zusammen, und bei seinem Alter und seinem schwankenden Gesundheitszustände sei Schlimmes zu befürchten. Reil hörte schweigend zu, er blickte in das Oellicht, das still und rein den Raum erhellte; dann fragte er kurz: „Und er liegt im Dunkeln, Frau Professor?" Als diese bejahte, sogar beschrieb, daß er sich Licht in großer Erregung verbeten habe, sagte Reil bestimmt: „Geben Sie mir einen schönen Leuchter mit kräftigen Kerzen!", und zündete die beiden Wachslichter mit einem Fidibus am Oellichte an und schritt, ohne daß Frau Forster ihm folgte, in das Zimmer, das sie ihm wies. .. “4 Heimatgefühl muß auch in jedem herrschen, denn es ist une ech.^ustinkt geworden, allerdings nicht mehr jener materialistische In- k'^t. der beim Tiere waltet, sondern jener seelische, geistige Trieb, den die Einheit der Umgebung und unseres körperlichen wie intellektuellen Daseins in uns wachruft. Cs ist fast unmöglich, das Heimatgefühl begriff- verstandesmäßig zu umgrenzen, festzulegen, es ist ebenso schweifend und machtvoll wie das Lebensgefühl in uns, wird dlefes doch oft gestört, wenn das Heimweh an uns nagt. Wir haben auch nicht notig, uns eine klare Vernunftvorstellung von dem Heimatgefühl zu machen, weil wir alle es in uns tragen, wir alle es kennen, weil es in uns lebt, ohne daß wir die Macht haben, es zu beherrschen. Wir können m der herrlichsten Landschaft bei dem schönsten Wetter unter den liebens- wertesten und uns nächsten Menschen bei vollkommenster Sorgenfreiheit PB6"- c,s wird uns plötzlich doch eigen zumute, wenn jemand fragt, wie es jetzt daheim ausfchauen mag, oder wenn plötzlich eine Erinnerung an uns vorub erzieht, auch ohne daß sie laut wird. Nicht das, was wir empfinden, ist das Wesentliche des Heimatqefühls, wenn wir einem Fremden unsere Heimat zeigen, sei sie auch noch so arm- selig und schlicht, sei sie auch noch so bar jeder äußeren Vorzüge, sondern eben lenes Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Boden und jene tiefe Sehnsucht. Wie leer und schal erscheint uns das Leben, sind wir gezwungen, es in fremden Diensten, unter fremden Menschen, auf fremdem Boden zu verbringen! Für unsere Heimat und in ihr sind ro!r mutig, stark und sicher, tun hier alles. Die eigentlichen Volkskriege, wie die Befreiungskriege, sind Kämpfe um das Heimatgefühl, man will nicht mehr ein Fremdling fein in feinem Vaterlande. Am unlöslichsten ist der Bauer mit seiner Heimat verbunden: hat er auch einmal jene Sehn- sucht nach der Ferne, sie wird stets schnell befriedigt sein, denn ihm geht nichts über seine Scholle. Und mit Recht! Man kann nichts mehr beklagen, als daß die heutige Entwicklung und Not die Macht des Heimatgefühls brechen zu wollen scheint. Reißt dem Menschen die Heimat aus dem Leben, so dünkt ihn nichts mehr lebenswert. Bodenständigkeit ist nicht nur die Grundlage aller Kultur, sondern auch die aller Lebensmöglichkeit. Allein auf unserer Scholle, in unserer Heimat kommen wir zum vollen Bewußtsein unserer stlbst, unserer seelischen Kräfte, zur Erkenntnis des Göttlichen, das im Menschen ruht. Freilich ist damit nicht gesagt, daß man sich nie aus der Heimat entfernen solle. Das wäre eine falsche Schlußfolgerung; im Gegenteil, tue Ferne, die Fremde lehrt uns erst die Heimat lieben, und man kann nur jedem jungen Manne wünschen, daß er sich den Wind ein paar Jahre draußen in der Welt um die Nase wehen lasse. Man kann sich aber auch freuen über unsere Zeit, denn sie hat den Wert des Heimatgefühls erkannt, und sie handelt bisweilen danach. Die Auswanderungslust wächst bei den heutigen Verhältnissen in Deutschland leider von Tag zu Tag. Alle die, die unser Vaterland, ihre Heimat in ihren schwersten Tagen im Stich lasten wollen, gilt es zu mahnen: Denkt daran, daß auch in euch eines Tages das Heimweh, das Heimatqefühl wieder aufwachen wird! Dann beklagt euch nicht, wenn euch die Heimat dann nicht mehr rufen sollte!" Herbsttag. Von Adolf Georg Bartels. O daß ich euch allen, Meine Brüder, in die Arme fallen Und sagen könnte, was mich schwellt! Nichts weiter: ich bin übers Feld Gegangen, das sich herbstlich gilbte. Ein dickes Spatzenweibchen tschilpte. Die Jungens ließen Drachen steigen. Gerundet hingen an den Zweigen Die blauen Pflaumen, und ein alter Mann Band feine Apfelbäume an. Am Himmel ging die Sonne nach Haus, Die ganze Welt sah friedlich aus Und lächelte nach dem vollbrachten Tage. Nichts weiter ...: kommt, daß ich euch sage. Wie michs gewaltig aufgewühlt. Und wie ich euch zutiefft gefühlt! Heimatgefühl. Von Hanns Martin Elster. Vor gar nicht langer Zeit fuhr ich auf einer Kleinbahn, die mich bei ihrer Schmalfpurigkeit und der Leichtigkeit der Miniaturwagen ordentlich durchschüttelte, so daß ich innerlich schimpfte. Ich merkte bald, daß der einzige Mitreisende in meinem Abteil das auch tat; ich hatte ihn schon von Anfang der Reise an beobachtet und darüber nachgegrübelt, was dieser Amerikaner, denn das war er nach der Art seiner Kleidung und seines Benehmens, wohl auf der Kleinbahn in diesem entlegenen Winkel zu suchen hatte; ein „Business" war doch in dieser Gegend nicht zu machen, zu einer Jagd schien er auch nicht zu reisen, denn er hatte weder den notwendigen Schießprügel unter seinem Gepäck, noch war er entsprechend gekleidet. Als uns der ratternde Wagen an einer Kurve einander in die Arme schleuderte, war die Anknüpfung zu einem Gespräch gefunden, und der Amerikaner gestand mir bald, daß er seinem Heimatdorfe entgegenfahre, nach mehr als dreißigjähriger Abwesenheit und Arbeit im neuen Weltteil. Dort habe „es" ihm die ganzen letzten Jahre keine Ruhe mehr gelassen, er sei unbefriedigt von seiner Umgebung wie von seiner Tätigkeit geworden, unter seine nüchternsten Gedanken und Berechnungen hätten sich Erinnerungen aus feiner Jugend gemischt, und seine Phantasie hätte unaufhörlich die Bilder real längst bedeuieungsloser Stätten in ihm wachgerufen. Er hatte nicht mehr bleiben können ! Dieser Amerikaner — wir wissen es alle — steht nicht allein da; es ist typisch für alle Ausgewanderten, in die Ferne Verpflanzten, daß sie sich „nach Hause" sehnen, wenn das Alter naht; ebenso tyisch wie das Gefühl der Ferne, das die überfällt, die immer in der Heimat leben, und das diese fast mit dem Boden Verwachsenen hinaustreibt in eine neue, fremde Umgebung. Aber waren sie einige Wochen auf Reisen, so erwacht auch in ihnen das Heimweh, auch in ihnen der Widerwille an allem Fremden, Neuen und das Altgewohnte, von jeher Besessene, erscheint schöner, reicher und auch wertvoller. Und es ist auch das Wertvollste, was der Mensch hier auf Erden hat: die Heimat. Das ist ja wohl das Beklagenswerteste, was es gibt, heimatlos zu fein oder zu werden. Seit Urzeiten gilt die Verbannung aus der Heimat für eine der größten Strafen, die den Menschen treffen können. Das Heimatgefühl gehört zu denselben Regungen wie die Sehnsucht nach Religion. Hier ist es das Jenseits, das uns ruft, dort die Erde, nicht als Materie, sondern als unser Erlebnis. Wir sind nicht zu trennen von dem Fleck, auf dem wir geboren oder erzogen wurden, und haben wir die ersten zwanzig Jahre unseres Lebens an einem Orte verbracht, so werden wir die übrigen fünfzig Jahre unseres Daseins die Merkmale dieses Ortes nicht verlieren. Immer inniger kehren wir dorthin zurück, wo wir einst auf das Meer des Leben mit tausend Masten ausfuhren: wir kehren zurück mit einem Wrack, aber dieses Wrack ist stets fähig, noch das zu tragen, was wir uns selbsttätig erwarben, was wir erlebten. Welche Sühne wußte Gott, um den Brudermörder zu strafen? Keine andere als diese: „Unstet und flüchtig sollst du fein auf Erden!" Kain, der erste Heimatlose, aber antwortete: „3u groß ist meine Strafe, um sie 3U ertragen." Und wer ein Mensch ist, der erträgt auch diese Strafe nicht; es sind übermenschliche Kräfte, die zur Besiegung der Unruhe des Heimat- wsen erforderlich sind; ober es sind Gefühlsbarbaren, die sich über solche Verbannung hinweasetzen; wo sich aber noch ein menschliches Gefühl regt, und fei es das abschreckendste, fei es Gemeinheit, Bosheit, Tyrannei, das Heimatgefühl herrscht auch in olchen Seelen. Er stand in einem saalartigen Gemach des alten Hauses. Die Wände waren mit bücherschweren Regalen bedeckt, auf denen neben zierlichen Maroquinbänden gewaltige Folianten standen, außerdem aber seltsame Maschinen und Apparate, zahllose Flaschen und Gläser, mit Tieren, absonderlichen Fischen und anderen Merkwürdigkeiten in Spiritus; in einer Nische lauerte das Skelett eines Menschen, auf einem gesonderten Brette war eine Sammlung von weißen und gebräunten Schädeln zu sehen, deren leere Augenhöhlen den jungen Stadtphysikus anstarrten. Auf dem mächtigen Arbeitstische, der vom Kerzenlicht besonders erhellt wurde, war das behagliche Durcheinander des Arbeitstages eines Naturforschers, ein paar hohe schmale Gläser mit präparierten Pflanzen, aufge- lchlagene Tafelwerke, Blätter mit Notizen bedeckt, und auf einem Holzteller die Reste einer sezierten Pflanze, Pinzetten, Skalpelle und ein Vergrößerungsglas lagen dabei. Mitten darauf leuchtete aufdringlich ein Brief, offenbar der Unglücksbvief von Göttingen. Auf einem Ruhelager, das in einem Winkel des Saales stand, lag abgewandt, wie ein Papierbausch, den ein einzelner Forscher zerknüllt und stsrtgeworfen hat, der Professor, den Kopf in die Ecke auf die Wand zu gepreßt. Ein kaum merkliches Lächeln flog eine Sekunde lang über das ausdrucksvolle Gesicht Reils, er dachte an die Würde des Geheimrats Reinhold Forster auf dem Katheder, aber das Lächeln war mit tiefer Menschenliebe gepaart, er fühlte heißes Mitleid mit diesem genialen, unordentlichen, leidenschaftlichen Manne, dem er als Schüler in den Naturwissenschaften so viel verdankte. So ging er mit sicheren Schritten auf den Liegenden zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte ruhig: „Ich möchte Ihnen, verehrter Herr Geheimrat, als erster meine Teilnahme an Ihrem Schmerz aus- fprechen!" Bei der klangvollen Stimme, die über ihm tönte, fuhr der fünfund- techzigjährige Forster, wie aus einer Erstarrung erwachend, herum, starrte dann eine kleine Weile Reil an, blickte auf den Arbeitstisch, ergriff plötzlich die Hand des Arztes, hielt sie fest, wies mit der Linken auf den Unheilvollen Brief und drückte stöhnend sein vergilbtes Gesicht an die kühle Hand, die ihn trösten wollte. Schon saß Reil neben ihm, wie ein Freund bei einem anderen, und legte: „Das ist die Tücke des Schicksals, offenbart hat ihn eins dieser bösen Erkältungsfieber abgerufen, die jetzt in der ganzen Welt wüten!" Fast lebhaft richtete sich der Professor auf: „Eine Tücke, meinen Sie, ein Zufall, als ob ihn auch zufällig ein Ziegel von einem Hausdach oder ein Baum erschlagen habe? Ein dummer elender Zufall, meinen Sie?" „Ja, so meine ich, eine Infektion, die ihn gerade so gut nicht hätte treffen können!" Da ließ Reinhold die Hand des Trösters los und weinte wie ein Kind; die Tränen erschütterten ihn, aber Reil sah, wie die gefährliche Erstarrung in den Zügen und in der Gestalt des alternden Herrn sich lösten und einer befreienden Wehmut wichen. Noch weinend begann Forster in abgerissenen Sätzen von seinem Sohne zu reden: „Damals, als ich noch als armseliger Pfarrer in Nassen- huben bei Danzig saß und mit Gott und der Welt haderte, da hatte ich einen holden Trost, meinen Sohn Georg. Ich hatte auch andere Sühne und Tochter, dieser aber, sagte mir eine innere Stimme, wird das schaffen, was dich zu schaffen das Schicksal hinderte, er wird, was du nicht konntest, die Leiter an den goldenen Baurn des Lebens stellen und die Früchte glücken. Ihn bildete ich aus, ihn lehrte ich alles, was ich konnte. An meinen Folianten lernte er gehen, mit acht Jahren konnte er lateinisch, französisch, russisch. Mit ihm streifte ich durch die Wälder, lehrte ihn kennen, was kreucht und fleucht, und war glücklich, als ich sah, wie dieser Junge alles das, was mir schwer wurde, spielend auffaßte, wie Geist und Herz bei ihm aufblühten wie eine seltene tropische Blume!" „Und sie hat Frucht getragen," schob Reil leise ein, „wir alle verehrten ihn als einen Meister unserer Sprache, seine „Weltumseglung mit Cook", seine „Reise nach dem Niederrhein und nach Flandern", seine zahlreichen anderen Werke sind unsterbliches Gut!" „Und meine Träume, die Träume eines in Nassenhuben bei Danzig festgenagelten Pfarrers mit zweihundert Talern Gehalt, Träume von fremden Ländern und Menschen, von Weltfahrten, von Südseeinseln, träumte er mit. Da plötzlich wurde aus den Träumen Wirklichkeit. Die Kaiserin Katharina rief mich nach Rußland, um den deutschen Kolonien an der Wolga eine Verfassung zu geben, einen Sommer lang streiften wir durch das russische Waldland, sammelnd, forschend, mein zehnjähriger Sohn Georg fast eifriger als ich. Die Kaiserin hatte versprochen, aber sie hielt nichts, für die Arbeit eines Jahres sah ich nichts, nicht einmal die tausend Rubel, die mir als Reisegeld zugesichert waren. Aber mein Junge tröstete mich, auch als ich nach England Übergefiedelt, mich mit Feder und Unterricht durchleppern muhte, half er schon mehr als man ahnen konnte. Und dann kam die große Erfüllung, ich durfte Cook auf seiner zweiten Weltreise begleiten, mein Sohn Georg war dabei, der Achtzehnjährige. Mit offenen Augen und offenen Armen tauchte er in das Goldlicht von Tahiti. Drei Jahre! Wie liebten ihn alle, wie wußte er alles, wie konnte er alles in herrliche Worte fassen! Da stand ich am Ziel, mein Leben sah ich in diesem kraftvollen, genialen Sohn verlängert, vergrößert, erhoben. Was ich nicht konnte, er würde es erreichen, was ich nicht sagen und dichten konnte, ihm war es gegeben. Hoffnung umstrahlte uns damals, ihn wie mich. Nach England zurückgekehrt, begann der leidige Streit mit der Admiralität, die mir verbieten wollte, die Reife in einem Werke zu schildern. Mein Sohn tat es, Sie kennen es. Aber nun war kein Glück mehr für meinen Sohn, es war, als wenn Tahiti alles Glück, das ihm für fein Leben gegeben war, aufgezehrt habe. Für mich gelang es ihm, ein Plätzchen zu finden, denn, mein lieber Reil, wenn ich hier sitze, fo verdanke ich es meinem Georg. Und er selbst, er hing sich an diese unglückselige Therese Heyne, die ihm schon als Verlobte untreu war und untreu nachher. Er war Professor in Kassel, in Wilna, schließlich Bibliothekar in Mainz. Ein solches Genie wie er schlüpfte als Bibliothekar unter! Ein solches Herz, solche Menschenliebe, soviel Güte verblutete sich, um Therese, diese geistreiche Wetterfahne, für sich zu gewinnen. Seine Herzensgüte geht fo weit, daß er, der selbst keinen rechten Wirkungskreis hat, für den ersten Liebhaber ebenso wie für den zweiten mit Aufbietung von viel Zeit und Mühe Stellen zu besorgen versucht. Man glaubte es nicht, man sagte, das muh kein Mann sein, und doch war es nur dies in Menschenliebe bebende Herz, das immer unglückliche Herz, das ihn trieb. Und zuletzt in Mainz. Das war die Zeit, da ich mit ihm brach und mir (eine Briefe verbat, ich, der ich ihn kannte und jede Woche wartete, daß er mir schreiben würde, das ganze Jakobinerwesen sei ihm wie ein wüster Traum versunken, wie vorher schon einmal das mystische Rosenkreuzertum, das er abgeftreift hatte wie ein falsches Kleid. Aber es blieb länger als ich dachte. Das Forstersche Haus in Mainz wurde die Herberge der Jakobiner, Therese blies in die Flamme, vielleicht ahnte die Schlaue, daß sie meinen Sohn töten würde ... damit sie sich dann anderen verbinden könne!" „Und dann," fiel Reil mit dunkler Stimme ein, „kam das tief Beklagenswerte: Georg Forster, einer der besten Schriftsteller, der Dichter, der von Politik kaum etwas ahnte, stürzt sich in den Strudel von Paris und verkündet als Abgesandter von Mainz jene schreckliche Proklamation an den Konvent, in der der Anschluß des rheinisch-deutschen Volkes an Frankreich gefordert wurde. Sie trieft von Tyrannenblut, und an diesem Tage hat der Konvent die Aufnahme der Rheinlande in die französische Republik erklärt!" „So ist es!" sagte Reinhold Forster leise, „aber er wäre zurückgekommen, er hätte durch doppelte Liebe ... Doch er ist ja tot, das liebe Herz hat aufgehört zu schlagen, ich werde ihn nie mehr sehen! Mir ist es, als ob mein Stamm erloschen fei!" Und begann wieder erschütternd zu meinen. „Sie versündigen sich, mein verehrter Herr Geheimrat," sprach Reil bestimmt, „sind Ihre anderen Kinder nicht blühend, ist Ihr zweiter Sohn, der junge Forstrat, nicht ein Muster von Mann? Kennen Sie die Wege der Vorsehung? Ich will ein Bibelwort sinngemäß anwenden auf Ihren Schmerz und Sie und Ihren Sohn: „Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Vaterlandsliebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle!" Ihr genialer Sohn Georg war ein Weltbürger, er war in England, in Tahiti, in Frankreich, Gott weiß wo zu Hause, aber, kaum in Deutschland, wurde sein Weltbürgertum sein Schicksal ..., wie es in gewissem Sinne und mit Bescheidenheit gesagt, auch das Ihrige ist. Nur, daß Sie einen Friedrich von Preußen sanden, der groß genug war, Sie als Professor in fein Land aufzunehmen, er aber nur eine Therese Heyne, die ihn weiter in den Abgrund trieb, immer weiter ab vom Feld, auf dem unsere Liebe wachsen muß, vom Vaterland, von Deutschland! Sehen Sie, Ihr Stamm blüht, Ihr Sohn, der Forstrat, ist ein Prachtmensch, und wenn er auch keine weltbekannten Bücher geschrieben hat, — in ihm lodert die heilige Flamme des Vaterlandes, die bei Ihnen nur glimmte, bei dem Verstorbenen aber in die Jrrnis züngelte. Wenn ich dem Forstrat die Hand gebe, weiß ich, das ist ein deutscher Mann auf Leben und Tod. Und das ist ein großer Gewinn, ein Gewinn auch ein Aufstieg für Ihren Namen, von dem Sie eben in Ihrem verständlichen Schmerz sagten, daß Sie ihn mit Georg als erloschen empfinden!" Forster blickte dem Stadtphysikus, der aufgerichtet vor ihm stand, lange und tief in die Augen und ergriff feine Hand. Reil drückte seine fest und sagte langsam: „Erlauben Sie ein freies Wort! Begraben Sie, verehrter Lehrer, mit Ihrem Sohn Georg das Weltbürgertum und entdecken Sie, erfahrener Weltfahrer, das deutsche Vaterland, das auf Männer wartet, die es finden wollen!" Nero sehnt sich nach den Pyramiden. Kleine Geschichte von Mensch und Tier. Von Peter Peppermint. Brausend donnerte der endlose Eisenbahnzug mit den riesigen weih und rot gestreiften Wagen, die alle die Aufschrift „The Worlds Greatest Zoo on Roads C. B. Dikkermiller, Scanton, Penns.“ trugen, durch die Gefilde des südlichen Karolina. Und richtig, da, wo der sonst so schnur- gerad laufende Schienenstrang die kleine, eigentlich unnötige Kurve in den Baumwollplantagen des Tobias Lincoln Beveridge macht, da gerieten die Wagen, durch deren enge Luftspalten sich kalte Eisbärenschnauzen und lange Pavianfinger quetschten, ins Schlenkern. Das ist übrigens dieselbe Kurve, um beretroiUen der junge Nash Roy Coddelbear schon feit einigen Jahren den Prozeß gegen die Eisenbahngesellschaft im Schadenersatz eines seinem Vater Henry Roy Coddelbear gehörenden Goldzahnes führt. Der Alte hatte sich vor langen Jahren just in dieser Kurve eine neue Pfeife angeftedt. Der Ruck in der Kurve bewirkte, daß er sich auf den künstlichen Zahn biß, wodurch dieser den Halt verlor, heraussiel und im Wagen nicht aufzufinden war. Er verklagte die Eisenbahngesellschaft auf Schadenersatz. Da der Alte, als er starb, seinem Sohne lediglich einige Millionen Pfunde, aber keine Arbeit hinterlassen konnte, beschloß der Sohn, den Prozeß, der in allen möglichen Instanzen bereits viele Tausende gekostet hatte, aus Pietät zu einem glücklichen Ende zu führen. Kurz, in dieser Kurve roar’s ... Auf einem der letzten Wagen lag obenauf ein kleiner Tierkäfig, einer alten großen Margarinekiste nicht ganz unähnlich, der an der Kurve schwankte, den haltenden Strick durch- scheuerte und — goddam! — sich vorn Wagen löste und den niedrigen Damm hinunter mitten in Tobias Linccoln Beveridges Baurnwoll- sträucher kollerte. Weiter schoß der Zug, und keiner mochte gesehen haben, daß da zwei Zentner ober mehr zurückgeblieben waren. Der alte Löwe Nero war zunächst auch ganz verdutzt, als er mitsamt seiner engen Behausung sich in den Baumwollsträuchern wiedersah, — die Pfote ein wenig verstaucht, der Kopf mit der einst fo stattlichen Mähne, die allerdings jetzt schon ein wenig an einen von Motten heimgesuchten Bettvorleger erinnerte, etwas demsig, der Käfig an der einen Ecke etwas lädiert, aber viel zu wenig, um mehr als die Rudimente der Schwanzquaste oder allenfalls eine Pfote hindurchzuzwängen, das Eisengitter unversehrt, so daß Nero also vorläufig von einer größeren Bewegungsfreiheit als zuvor nicht sprechen konnte. Wenn man aber ein älter Berberlöwe ist und Vater bedeutender Zirkushelden, dann harrt man der Dinge, die da kommen werden, in geätzter Ruhe ... Und die kamen bald. Zwischen den Baumwollsträuchern tauchten sie auf, die schwarzen Gestalten, die den seltsamen Fall beobachtet hatten. Men voran der baumlange Sam Toby Beebe, der schwarze Plantagenausseher Lincoln Beveridges, der ins hundertdritte Lebensjahr ging und achtundneunzig Jahre in den Baumwollplantagen verbracht hatte. Kaum, daß er des Käfigs ansichtig wurde, hob er die knochigen Hände hoch und begann das Spiritual „Ein gelbes Feuer fiel vom Himmel nieder aber das Geschrei der ganzen Gesellschaft belehrte ihn, wie der Fall zustande gekommen war. Da gab er seine geistlichen Gedanken auf und prahlte mit einigen Jagdabenteuern seines Grotzvaters, die dieser mit Löwen am Kongo erlebt hatte. Durch derlei Schilderungen selbst mutig geworden, ordnete er, da er alle Gefahr gebannt glaubte, an, datz die Kiste mit Inhalt in die Nähe seines Eselsstalles transportiert werden sollte, wo in einer alten Laube Platz zur Aufstellung des Käfigs vorhanden fei, bis „The Worlds Greatest Zoo on Roads“ das zweifellos wertvolle Inventar vermissen und reklamieren würde ... Nun, es gingen drei, vier, acht Wochen ins Land, ohne daß „The Worlds Greatest Zoo on Roads“ etwas von sich hören lieft. Diese Frist hatte sich Sam Toby Beebe gesetzt, um nach ihrem Ablauf den alten Nero als „seinen Nero" ansprechen zu können. Er hatte ihn in dieser Zeit sozusagen aus eigener Tasche ernährt, denn Beveridge selbst wollte nichts mit dem Vieh zu tun haben. Nicht nur Esel- und Rinderfleisch, nein, selbst einige Pfund Corned beef — Sie wissen, die gute Qualität von Packwack Lim., Ohio — hatten daran glauben müssen ... Die anderen lachten. Meinten, es sei eine Kateridee. (Weil sie immerhin eine dunkle Ahnung hatten, daft Löwen und Katzen verwandt seien.) Man soll aber einem so alten Manne wie Sam Toby Beebe einen solchen Spaß gönnen. Auch, als Nero schon bald ein Jahr bei Sam Toby Beebe hauste — noch immer in der alten Kiste, aber bereits in einer Ecke des Eselstalles — und sein „Herrchen" stramm auf seinen hundertundvierten Geburtstag losmarschierte, hatte dieser noch seinen Spaß an ihm. Und nun werden Sie denken, ich bin von Sams Greisenhaftigkeit angesteckt, wenn ich Ihnen sage, daft Sam und Nero sich unterhielten. Aber es war an dem. Wir werden ja alle nicht so alt wie Sam und können das nicht recht nachfühlen. Aber wenn unser Fleisch auf den Knochen langsam schwindet, wenn die wenig benötigten Winkel des Gehirns ab- fterben und andere Ecken dafür um so eifriger arbeiten, wenn die runzligen Lippen die Pfeife kaum noch halten können, und wenn dann der Spätsommer in Karolina die feinen Fäden, die er gesponnen hat, ins Land schickt, sehen Sie, dann spinnen auch so alte Leute wie Sam und Nero. Und da konnte es eintreten, namentlich wenn der alte Sam das alle Lied „Massas in the cold ground“ noch immer ziemlich melodiös vor sick) hingesummt hatte, daft man sich auch der alten, alten Heimat erinnerte, die über dem Wasser lag ... Afrika, Afrika ... Ja, Nero hatte das Thema selbst angeschnitten. „Man hat so seine Sehnsüchte ..." hatte er angefangen. „Ja", hatte Sam erwidert, und im ausgeblafenen Tabakrauch erstand ihm eine Welt der Träume. „Meine Vorfahren haben Afrika noch gekannt, meine Heimat ... Ich bin in fremder Erde geboren ..." Irgendein altes Lied wies diese Zeilen auf, drum klang es so poetisch. „Mir ist die Zeit in dieser alten Kiste höllisch lang geworden. Wissen Sie, wenn man an früher denkt ... Ich träume oft von den Pyramiden!" meditierte Nero. „Sie träumen oft von den Pyramiden?" Lange schwang der Satz im Dunst der Dämmerung. Also auch Nero krankte an dem Leid um die Heimat, dem groften Leid um Afrika? „Blasen Sie den Rauch der Pfeife nicht fo zwischen die Gitterstäbe! Meine Augen sind alt und tränen!" Nero legte sich auf die andere Seite. „9a ... ja ..." Sam brauchte zu dieser Aeufterung länger als zum Bereiten seines Morgenkasfees. „Die Pyramiden, die möd)te ich wohl auch mal sehen." ,/Das sind wahre Kunstwerke. Es hat entsetzlich lange gedauert, bis alles klappte und die Dinger standen —" „Das glaube ich gern, Nero. Aber sie sind wohl schön?" „O ja, verehrter Sam. Der Wille des einen, der sie erdachte und der mit großer Geduld, ja selbst mit der Peitsche auf genaueste Ausführung bedacht war, war bewunderungswürdig. Er ist übrigens tot —" „Das glaube ich gern, denn es ist lange her." Und wieder zog der Dust indianischen Sommers seine Kreise. „Ich habe Sehnsucht nach den Pyramiden", stöhnte Nero. „Aber meine Glieder sind alt, ich durste nicht mehr mithelsen. Jetzt baut die Jugend Pyramiden —" „Waren Sie denn in Afrika?" „Nein, ich bin leider im Transportkäfig geboren, Herr Sam." Sams Mund öffnete sich weit. „Und Sie kennen die Pyramiden?" „Ich habe selbst mitgemacht, geehrter Herr. Unser Dompteur Redder- man stellte die schönsten Pyramiden von sechzehn Löwen, zwei Tigern und sechs großen Doggen. Ich durfte eine Zeitlang auf dem obersten Podest stehen, fühlte mich als König und glaubte an die Poesie der Pyramiden ..." Sam wußte nicht aus, noch ein. „Welcher Pyramiden?" „Der Pyramiden im Zirkus Dikkermiller, die durch meine Mitwirkung so herrlichen Erfolg hatten ..." . . In Sam fiel alles zusammen. Das Lied von Afrika, die Sehnsucht nach der niegetannten Heimat, die über hundert Jahre in ihm wach gewesen war ... „Verzeihen Sie," Hub Nero an, „aber ich scheine Ihnen da eine Illusion zu zerstören. Diese Absicht habe ich nie gehabt. Ich meine nur, man soll die Dinge nehmen wie sie sind. Sie träumen von den Pyramiden in einem Land, bas Sie nicht kennen, aber ich zehre an den Erinnerungen meiner groften Zeit, an dem Abglanz meiner Pyramiden, die viel greifbarer sind als die Ihrigen. Ihre Pyramiden stehen im Dunst Ihres Tabakqualms, meine Pyramiden aber standen fest auf dem Boden der Manege und ich obenauf ..." Da erhob sich Sam schwer und ging auf feine Hütte zu, die jünger war als er. Die alte Clara wollte ihm das Abendsüppchen bringen. Er aber schlug es aus. „Ich passe nicht in diese Welt", sagte der Hundertjährige und kroch ins Bett. Als der Morgen kam, sah Clara, daß Nero bei einem Versuch, die Gitterstäbe auseinanderzureiften, mit dem Hals In die Stricke geraten war, die die wacklige Kiste zusammenhielten, während drinnen in der Hütte einer lag, der von den Pyramiden eines fernen Landes träumte, zu denen er jetzt pilgerte ... Heimweh nach London. Von Jeanne B a i l h a ch e. Ich liebe London... Ich werde mein ganzes Leben lang Heimweh nach London haben. Um London zu lieben, muft man dort gelebt haben. Das heißt, daft London nicht jene Liebe auf den ersten Blick auslöst wie Parts. London hat nicht jene berauschende Atmosphäre wie Paris. London übt nicht jene heftige, direkte, unmittelbare Wirkung aus wie Paris... London nimmt allmählich gefangen, fein Reiz wirkt langsam, aber sicher, und darum nur um so tiefer. London strömt eine ganz besondere Atmosphäre aus durch feine Unermeftlichkeit — etwas Beunruhigendes und Erregendes: es liegt Geheimnis in London... Und dennoch wirkt London nicht auf die Nerven wie Paris: der Rhythmus des Ledens ist weniger rasch, die Intensität weniger heftig — eine relative Ruhe im Vergleich zu dieser Immensität... vielleicht ist es gerade dies, was jene Sensation des Geheimnisvollen gibt! Und bann ist London eine Stadt, die voller Versichrung ist durch ihre Phantasie... immer irgend etwas Unerwartetes. Hier eine große Verkehrsstraße... Autobusse, Taxis, Fußgänger: ein Höllenlärm. Zur Rechten bemerken Sie ein wenig Grün, Sie gehen darauf zu, und plötzlich finden Sie sich aus der Hölle in einen ©arten Eden versetzt: ein mit prachtvollen Bäumen bepflanzter Square, viele, verschiedenartige Blumen. Ringsherum kleine Häuser, jene entzückenden kleinen englischen Häuser, die einen alles begreifen taffen, was das Wort „home" an Liebe und Freude zu umschließen vermag... Tausende dieser Squares sind so aufs Geratewohl über ganz London verstreut. Hier eine häßliche große Strafte, häßliche große Häuser — und dort drüben ein kleiner Square, ein bezaubernder kleiner Square mit bezaubernden kleinen Häusern (in denen man zweifellos ausgezeichnete Puddings macht). All das wie in einer kleinen Provinzstadt... Piccadilly-Cirkus — feine alten dicken, häßlichen Blumenverkäuferin- nen um feine Fontäne herum. Seine riesigen Lichtreklamen: der ziga- rettenrauchenbe Hund... das rollende Auto... die wehende Feder auf dem Hut der Dame... dieser ganze entzückende schlechte Geschmack! Der schlechte Geschmack ist ganz augenscheinlich einer der groften Reize Londons; es gibt keine Frau, die fo viel von der Mode reden würde wie die Engländerin, und keine, die fo schlecht angezogen ist (wohlverstanden mit einigen Ausnahmen). Man sieht in London geradezu unwahrscheinliche Dinge, absolut einzigartige „Typen". Als ich in London lebte, war die Mode der „Ensembles bereits seit einiger Zeit aus Frankreich eingeführt worden. In Paris trug man „Ensembles" in neutralen Farbtönen, beige, braun. In London in lebhaften Farben: grün, tango, violett... Man stelle sich vor: Hut, Kleid, Strümpfe, Schuhe in einem Ton: alles tangofarben... Man möchte um Gnade rufen! Allerdings muft man zugeben, daft dieser schlechte Geschmack eine unerschöpfliche Quelle für die Phantasie ist. Und was in London alle Kühnheiten begünstigt, was erlaubt, der Phantasie freien Laus zu lassen, das ist der Geist der Freiheit, der dort herrscht. Sonntagmorgen... Hyde Park... Hier hält eine Frau eine Rede, dort ein Mann. Hier ein politisches Thema, dort ein religiöses. Jeder verteidigt seine Sache: man kann gleichzeitig die Anhänger der konservativen und der sozialistischen Richtung hören. Katholiken und Protestanten: „high church“, „middle church“, „low church“... Die Anhänger der Christian Science, die alle Krankheiten durch Gebet heilen... Alle Parteien... alle Sekten... Und hier die Adepten der Heilsarmee: sie singen Choräle... andere sprechen Gebete .. All das unter freiem Himmel, zwei Schritt von einer der belebtesten Verkehrsstraften entfernt: Oxford Street (Marble Arch). Alle die e Leute beten, fingen, predigen, halten Lobreden, sprechen Verdammnisse aus, formulieren Drohungen, schleudern Bannflüche... Die meisten haben Zuhörer, manchmal entfpinnen sich Diskussionen. Einige sprechen ins Leere... niemand hört sie an ... In Paris wären derartige Dinge unmöglich: man wurde alle diese Leute durch Witzworte und Spottreben umbringen... sie mußten die Flucht ergreifen. In London ist es möglich, alles ist möglich... Die Engländer haben einen solchen Respekt vor ber Individual,tat, einen so tiefen unb vollkommenen Sinn für die Unabhängigkeit... Und vielleicht auch... ein wenig Mangel an kritischem Sinn... Zuerst findet der Fremde dies alles lächerlich, spater fmbet er, daß es köstlich ist... ,, Wollen Sie bie Sensation der Freiheit erleben, wollen Sie sich an Freiheit vergiften, sich daran berauschen... so gehen Sie nach London: dort atmet man die Luft der Freiheit! Niemand beachtet Sie, niemand wundert sich über irgend etwas. Sn Paris Ist alles Unmoderne, jedes Uebermaß an schlechtem Geschmack unmöglich: all« Welt dreht sich um... In Berlin werden Sie, wenn Sie nur ein wenig auffällig geschminkt sind, von allen Seiten scharf angesehen... In London würden Sie, selbst wenn die Laune Sie ankäme, sich die Haare abzurasieren und sie durch verschiedenartige Muster zu ersetzen, nur sehr wenig Aufsehen erregen. Ich möchte sogar sagen, daß die Engländer in allem, was die Mode anbetrifft, eine fast kindliche Bewunderung für alles Neu« haben! Und die wenigen Leute, die Ihren Einfall vielleicht seltsam finden kötflrten, würden lieber an ihrem Lachen ersticken, als sich eine einzige inkorrekte Aeußerung gestatten... Denn die Engländer sind die höflichsten Leute der Welt... in ihrem Lande wenigstens... In London ist alle Welt höflich. Denn alle wollen sie eine „Lady" fein oder ein „Gentleman“: von den sechsjährigen Kindern angefangen bis zu dem alten Dienstmädchen, das die Stufen vor dem Hause scheuert, mit einem Hut auf dem Kopf, Wie eine „Lady*l (Ein schmutziger, prätentiöser, lächerlicher Hut!) London! Das Leben, wie die Engländer es auffasien. Zunächst das morgendliche Frühstück, ein wahres Festmahl! Dann der Lunch, den man in Eile einnimmt, jeder für sich: Madame in ihrem Klub, Monsieur in feinem — oder auch im Restaurant. Sie Bureaus, die nicht zu spät am Abend und am Samstag sehr zeitig schließen. Jenes „week-end", das jeder so vorzüglich zu organisieren versteht. Es gibt London! Es gibt das Leben in London! Es gibt die Engländer in London! Die Engländer sind „such very nice people"! Ihre Häuser find mit dem allerbesten Geschmack möbliert und eingerichtet — welcher Gesellschaftsschicht sie auch angehören. Es scheint, als konzentriere der ganze Geschmack der Engländer sich auf ihr „sweet home". London! Seine Bezirke! Seine tausendundein Gesichter! Der Hafen. Der ganze Betrieb. Die City — elf Uhr vormittags: Dies ganze mannigfaltige Gewimmel von eiligen Bankiers und Kassenboten... all diese Banken... all diese Schecks... all dies Rollen des Geldes... all diese Börsenspiele... all diese Vermögen, die gemacht, verloren und wieder gemacht werden... diese Triumphe und diese Krachs... diese Tausende von Armen, die sich ausstrecken... ein einziger, riesenhafter Arm, der über die Meere hinwegreicht... all diese Hirne... all diese in eins zusammenströmenden Willen...all diese Anstrengungen ... all diese Spannung... Höllische und zugleich großartige Vision... Alle Straßen... Alle Squares... Alle großen Häuser... Alle kleinen Häuser... Alle großen Kaufhäuser..» Alle kleinen Kaufhäuser... Hy de Park... Alle großen schönen Parks..« London! Seine entzückende Umgebung.., Die Themse... Ich liebe London! Ich werde mein ganzes Leben lang Heimweh nach London haben! (Deutsche Uebersetzung von B. Beßmertny.) Oer jRuf durch den Archer. Von Max P e r k o w. Am Wattenmeer der Nordsee vagen dort, wo die Bäderdampfer nach Juist, Norderney, Baltrum und Langeoog die zahlreichen Badegäste vom ostfriesischen Festland zu den Inseln hinübertragen, gewaltige Funktürme empor, die sieben Sendetürme der Funkstation Norddeich von 75 bis 120 Meter Höhe. Vor einigen Jahren waren sogar drei noch weit höhere Türme erbaut worden, aber einer der hier öfter tobenden Stürme, von deren Kraft sich der Binnenländer kaum eine Vorstellung machen kann, stürzte sie mit einem Ruck alle drei um. Solche Türme also sind die fast überall gleichbleibenden äußeren Zeichen einer größeren Funkstelle. Die Funkstelle Norddeich besteht seit 1902 und hat in dieser Zeit natürlich den ganzen Entwicklungsgang der Funktechnik mitgemacht. Früher war sie zugleich Sender und Empfänger, aber wie noch an andern Stellen, so ist auch hier vor einiger Zeit eine Betriebsteilung dahin eingetreten, daß der technisch etwas einfacher gewordene Empfang aus praktischen Gründen verlegt wurde, und zwar im Falle Norddeich in das fünf Kilometer entfernt liegende Städtchen Norden. Das Funkwesen ist bekanntlich in Deutschland, soweit es behördlich ist, eine Sache der Reichspost, und die Funkbeamten sind Tlegraphenbeamte. Diese Telegraphisten also sitzen in Norden vor ihrem Morse-Telegraphenapparat, und wenn sie zur Weitergabe ihrer Meldung die Taste anschlagen (oder bei großen Meldungen auch die maschinelle Einrichtung einstellen), so werden die Zeichen sofort durch Kabel nach Norddeich übertragen, wo die Morsezeichen im gleichen Augenblick auf der Sendestation mit Hilfe großer elektrischer Kraft über die riesigen Antennen in den Aether geschleudert werden. Der in Norddeich zu diesem Zweck erforderliche elektrische Strom wird teils selbst erzeugt, teils von einer Ueberlandzentrale bezogen. Zahlreiche Transformatoren formen ihn um, da er In den allerverschiedensten Stärken wie auch als Gleich- und Wechselstrom ae. braucht wird. ' ä Es gibt hier wie überall einen kleinen und einen großen Sendeoerkehr. 3m kleinen Sendeverkehr, der in der Hauptsache die westeuropäischen Küsten einschließlich England und Island umfaßt, werden lange Wellen verwendet (hier z.V. vielfach die Wellen 2290, 2400 oder 2100) weil die Heineren Seefahrzeuge ihre Empfänger noch nicht aus die erft feit kurzer Zeit eingeführten kurzen Wellen umgestellt haben. Dieser Nah- verkehr spielt für die ganze Küstenschiffahrt eine große Rolle, am meisten wohl für die Hochseefischerei, die ja einen weit größeren Umfang hat. als man tm Binnenland weiß. Hier ist es besonders die Gesellschaft „H o ch s e er u ndf u n k" in Hamburg, die einen regelmäßigen Funk- verkehr über die Küstenfunkstationen eingerichtet hat und zu diesem Zweck einen ober einige Senber oft stundenlang für sich beansprucht. D'e meisten deutschen Reedereien sind ihr angeschlossen, und sie gibt mim heftens je einmal am Tage und in der Nacht Nachrichten an die Schisse aus, z.B. Wettermeldungen der Seewarte, neue Vorschriften der Reeder über den von den Schiffen einzuschlagenden Weg, Meldungen über b« einzelnen Fischplatze, über Rückkehr oder Einkehr zum Entladen in emem anbern als bem vorher vereinbarten Hasen und ähnliches. Sehr lebhaft ist dabei z B. der Funkverkehr nach den Fischdampfern bei Js- land, die dort oft lange Zeit auf See bleiben. Dazu kommen die zahlreichen Benachrichtigungen der übrigen Reedereien an ihre anderen, größeren Schiffe, wie die Personen- und Fracht- dampfer nach Amerika, Afrika, Ostasien und Australien, solange sie im Bereich des kleinen Sendeverkehrs sind. Die großen Schiffahrtslinien schicken auch ihre iMhrpläne immerwährend ein, so daß die Funker der Kustenstationen stets den Standort der Schiffe wissen. Kommt nun ein Funkentelegramm an ein solches Schiff, so rechnet sich der Telegraphist den günstigsten Zeitpunkt und Standort aus. Für große Entfernungen aber werden in neuerer Zeit die kurzen Wellen benutzt. Seit ihrer Einführung erreicht auch der Sender Norddeich praktisch den ganzen Erdball. Als z.B. im Frühjahr 1929 der deutsche Dampfer „Resolute“ eine Weltreise unternahm, blieb er mit Hdfe der Funkstelle Norddeick) ständig in Verbindung mit der Heimat. Sn den ersten Jahren betrug allerdings die Reichweite der Funkstationen nur einige hundert Kilometer, bis die neuen Erfindungen und anderen technischen Vervollkommnungen sie immer mehr steigerte. Die Station Nauen, die als erster deutscher Sender den Weltfunkverkehr pflegte, hatte im Lauf der Jahve folgende Reichweite: 1906: 1100 Kilometer. 1910: 3000, 1914: 8300, 1916: 11000, seit 1918 aber 20 000 Kilometer' bie inzwischen wohl bie anbern größeren Stationen gleichfalls erreichten. Sebes Schiff hat fein bestimmtes. Rufzeichen, ebenso aber auch jede Funkstelle. So hat z. B. Norddeich bas Rufzeichen „DAN", bas Luftschiff Graf Zeppelin „DENNE , ein Schiff etwa „DDAS". Will nun die Funkstelle Norddeich eine Meldung an das Schiff mit dem Ruf. Zeichen „D D A S" geben, so funkt der Telegraphist so lange, bis er Antwort erhält, folgenden Satz: „DDAS von DAN". Wenn der Funker des gerufenen Schiffes den Ruf vernommen hat, was oft lange dauern kann, wenn ein Schiff den Empfänger nicht dauernd besetzt hat, fo antwortet es: „DAN zu DD AS kommen!“, worauf die Funkstation ihre Meldung im Morsezeichen gibt, die der Telegraphist auf bem Schiff mit einem Fernsprechhörer einfach abhören kann, ba fein Gehör ja auf bie Morseschrift genau eingestellt ist. Die Melbung kann, wie im inneren Verkehr, wiederholt werben, doch gibt der Empfänger, wenn er verstanden hat, oft einfach fein Schlußzeichen: RRR. Für eine Sendung auf kurze Entfernung kann eine elektrische Spannung von 3000 Voll genügen, doch erfordert andererseits eine Funksendung auf weiteste Entfernung 15 000 Volt. Diese Kraft wird, nachdem sie für den Gebrauch in der Funkstation umgeformt worben ist, in Glasröhren nach bem alten System ber Leydener Flaschen bereitgehalten. Sie entlädt sich beim Funken durch das Auslösen der Senbetafte in die Antennendrähte und strahlt ihre Kraft von dort in Gestalt von kurzen oder langen Zeichen (den Punkten oder Strichen des Morse-Mphabetes) nach allen Richtungen aus. Umgekehrt erfolgt natürlich ständig auch der Anruf von See her ober von andern Fukstellen im Inland und Ausland, ba ja bie Funkstelle als öffentliche Einrichtung der Reichspost die Stelle eines Fernsprechamtes vertritt. Der Anruf geschieht auf die gleiche Art, wie durch bie Funkstation. Es kommen Wettermeldungen an, es gehen auch Handels- oder Zeitungsnachrichten ein, die Telegramme der Schiffsreisenden auf See an Familie ober an Firmen, auch Anfragen von Schiffskapitänen nach Wetterlage ober um Stanbortpeilung, wenn sie ben Standort selbst nicht sicher und schnell genug feststellen können. Gelegentlich alarmiert auch ber Hilferuf eines Schiffes, das bekannte SOS=SignaI (als Morfezeichen ... — ...), die Funkstelle, aber er geht selbstverständlich in erster Linie bie nahegelegenen Stationen und bie Schiffe an. Neuerdings ist auch drahtloser Sprechverkehr zwischen Schiffspassagieren und beliebigen Fernsprechteilnehmern in Deutschland möglich. Herr Müller in Berlin, München ober Düffeldorf kann z. B. auf dem Wege über bie Küstenfunkstelle Norddeich von seiner Wohnung mit Hilfe feines Fernsprechapparates mit feinem Freunde Schmitt sprechen, ber sich mitten auf bem Atlantik oder einem andern Ozean befindet. Ein hochinteressantes Problem, dieser Weltstmk! Jeder Tag kann neue Ueberraschungen bringen und ihn in feiner Entwicklung um einen Schritt ober auch um eine Meilenlänge Vorwärtstreiben. Und während ber Badegast auf Norderney und Juist zu ben Funktürmen herüb erspäht, vielleicht sogar in Norbdeich zu ihren Füßen im Sanbe liegt, wird oben Wort um Wort mit größter Kraft und doch für den Zuschauer unhörbar in ben Aether hinausgeschleubert. Dort jagt es mit einer Geschwindigkeit von 300 000 Kilometer in ber Sekunde um bie Erde und sucht sich ben Weg zu seinem Empfänger. Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: BrShl'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.