GietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1929 Freitag, den 20. Dezember" Nummer 99 Kafchubisches Weihnachteilied. Von Werner Bergengruen. Herr Jesus hat alle Dinge geliebt zur Weihnacht. Du darfst nicht spinnen in heiliger Zeit zur Weihnacht. Nimm den Flachs vom Spinnrad und gib ihm Ruh, leg Nadel und Faden und Scher in die Truh zur Weihnacht. Herr Jesus hat alle Tiere geliebt zur Weihnacht. Gib deinen Gänsen geweihtes Brot zur Weihnacht. Leg einen geweihten Dengelstein deinen Pferdchen in die Strippe hinein zur Weihnacht. Herr Jesus hat alle Bettler geliebt zur Weihnacht. Den Hungrigen mache mit Mohnklößen satt zur Weihnacht. Es soll kein Wanderer draußen sein, er muß an den heißen Ofen herein zur Weihnacht. Spinnrad und Nadel, lobt Jesum Christ zur Weihnacht! Alle meine Tierchen, bekennt den Herrn zur Weihnacht! Alle Menschen in ihrer Traurigkeit * soll'n schmecken die gute Gnadenzeit zur Weihnacht. So füllt sich von selber der Leinenschrank zur Weihnacht. So werden die Tiere fett und stark zur Weihnacht. So beten dich endlich allzugleich alle Bettler auf Erden ins Himmelreich zur Weihnacht. Oer Giern der Sterne. Don Alfred Richard Meyer. Wollte der kurze Wintertag bereits wieder in Aacht übergehen? Fast in gleichmäßig grauem und bedrückendem Dunkel verschlich sich Stunde in Stunde Arbeit, die zu schaffen war, des Lebens notwendigste Güter zu erwerben, wollte nicht fruchtbar werden, geschweige denn frohmachend im Rausch schöpferischen Erkennens. Der „Kaiserliche Hofmathematiker“ Johannes Kepler seufzte auf und blickte von den „Rudolfinischen Tafeln", deren Vollendung ihm von Thcho Drahe, nun ein toter Ruhm da unten in der Prager Sein« kirche, hinterlassen war, zu den Fenstern hinaus, zur Moldau hinab, zum Himmel hinauf, allwo da hinter Wolken irgendwo der große Geist sein geheimes Zentrum haben mußte, das durch seine De« wegungskraft die Planeteil um die Sonne führte. And diesem vierzigjährigen Mann war es, wie tocnn sein tiefes Seufzen nur ein dumpfes Echo aus dem Rebengemach wäre, in dem nun schon seit Wochen sein Weib Barbara Müller von Mühleck, die, ach so Adelsstölze, am ungarischen Fieber darniederlag und aus ihrer ewig trüben Stimmung bisweilen in einen epileptischen Anfall zuckend versank. Dazu — die Kinder von den Pocken befallen und gewiß nicht von den besten Dienstboten verpflegt, weil der kaiserliche Herr, übel der Hypochondrie verfallen, der Pflichten seines Regimentes nicht ein« gedenk, wieder einmal mit dem Salarium erheblich im Rückstände war. Dazu -- Weihnachten! Das Fest aller Feste mit — dem Stern Der Sterne! Der mußte doch jetzt wieder am Himmel stehen! Wie er einst den Königen aus dem Morgenland erschienen war und wie er ihm, dem Johannes Kepler aus der freien Reichsstadt Weil, der Stadt im Schwäbischen, diese Konstellation offenbart hatte: Jupiter, Saturn und Mars im Zeichen der Fische, zu welcher Kon« junktion sich noch nahe am östlichen Fuß des Schlangentreters em fixsternartiger Körper gesellte —- was einst den Israeliten den Auszug aus Aegypten und dann im Jahre 748 nach der Erbauung Roms die Geburt des Heilandes bedeutete. And daß er, Johannes, selbst nicht ganz ein Weihnachtskind geworden war, sondern nach schweren Wehen am 27. Dezember 1571 zur Welt kam, als schwächliches sieben« mvnatskind. erklärte vielleicht des Schweren so manches, mit dem er sich jetzt abzufinden hatte und das er doch nur als himmlische Prü« fung nahm, da, nach seiner genauen Berechnung, jetzt der Stern des Sterne wieder in die weihnachtliche Erscheinung getreten war. Wolken, schneeschwangere — gebt mir den Himmel frei!, schrie der gequälte Mensch auf. Oder — o Gott, da soll ein holländischer Drillenmacher eine Konvex« und eine Konkavlinse mit einem Rohr zusammengefügt haben, daß der Collega Galilei, der Mathematik Professor in Padua, vermittels dieser so entstandenen Doppellinse die entfernten Gegen« stände ganz ganz nahe sehen kann — also auch den Stern der Sterne, um den mein gack schwaches menschliches Ringen geht! Diese Weih« nachtsnacht, so vielen Wundern schon gnädig gewesen, — daß auch mich sie einmal beglücke! And Keplers Erinnerungen an all« Weihnachtsnächte seines Lebens liefen zurück bis zu der einen, da er, ein einjähriges Knäblein, zu« sammen mit Vater Heinrich, der sich, obgleich er Protestant war, als Söldner für Herzog Alba ins Äiederländische hatte anwerben lassen, zusammen mit Mutter Katharina, im Feldlager von Geer« truiüenberg auf nassem Stroh lag und ein Häuflein gefangener Meer« geusen, der Getreuen deS Prinzen Wilhelm von Oranien, Graf von Rassau, singend durch den Weihnachtsabend vorüberzog. Dieses Bild hatte er nie vergessen und auch nicht jene Melodie, deren kraftvolle Worte er erst sehr viele Jahre später erfuhr und begriff: „Wilhelmus van Rafsouwe Ben ick van Duytschen bloet. Den vaderlant ghetrouwe Blijf ick tot in den boot.“ :n io« , Wie diese Melodie jetzt wieder in ihm aufströmte, daß er sie erst heimlich summen, nun aber gar schon halblaut durch die Dunkelheit singen mußte! And da riß es ihm das Herz schmerzlich zusammen, idah es für ihn, den großen Astronomen — jawohl, so durfte er sich doch Wohl nennen! — in der Württemberger Heimat, in Stuft« «art oder in Tübingen keinen Halbwegs gut bezahlten Platz gab. Ja, wenn sich die Fürsten von noch so Wohlmeinenden Konsistorial« raten beraten ließen... Sein Buch „Merkur in der Sonne“ hatte er nach Stuttgart geschickt. Was ward ihm als Gegengabe? Ein silbern „Becherlin“ im Werte von ganzen fünfzehn Gulden! Her damit! Vom letzten Wein ein paar kümmerliche Schlücke hinein, auf daß es mit der Arbeit vielleicht froher und frischer vor sich gehe! Krankes Weib Barbara da nebenan! And ihr fiebernden Kinderlein! And Mutter Katharina nicht zu vergessen, du Kätterle von Leonberg — daß dir dein bißchen zank« und klatschsüchtiges Zünglein nur nicht einmal zur Verderbnis werde und du dem grimmen Obervogt von Leonberg, dem Martin Luther Einhorn nicht in den Geruch einer Hexe kommest! Euch allen Gesundheit und der Friede und das Licht, so da Weihnacht heißen und es allen Menschen sein sollen, zu ihrem Wohlgefallen! And da Kepler das Becherlin feierlich zum Munde hob, glühte es ihm aus innerstem, wie schier aus mystischem Grunde purpurn ein Leuchten entgegen und zauberisch aufsteigend näher und näher, wie wenn es heiß über seine Lippen flammen wolle und den Augei ein magisches Gesicht gar geben. Das war das Licht, das er schor, früh Weltharmonie genannt hatte, das die astronomischen Maßzahlen verband, das auch seine Theorie der arithmetischen Tonintervall« der Musik hell machte! And aus diesem Licht sprang auf die Erkenntnis: daß auch das möglich sein müsse: zwei Konvexgläser, eine ganze Anzahl von Linsen zu einer Kombination gebracht! Da — wie ward mit einem Male der Himmel jetzt von allen Wolken frei? And des Sterns der Sterne Licht fiel in diesen Becher roten Weins, der zitterte und pulste wie lebendiges Menfchenblut — durchtanzt von allen fünf regulären Polyedern: Tetraeder, Hexaeder, Oktaeder, Dodekaeder, Ikosaeder, um und in die er vor Jahren schon einmal alle Planetenbahnen beschrieben hatte. Dieser Becher aber, ein umgekehrter Kegel, geschlossen durchschnitten — ja, das war die große Wahrheit, an der nicht mehr zu zweifeln war! Das war das Gesetz, das feinem Ramen Ansterblichkeit verleihen mußte: „Alle Planetenbahnen sind Ellipsen, in deren einem Brennpunkte die Sonne steht.“ Ganz laut hatte er diesen Satz vor sich hingesprochen — in der Dunkelheit. And ihm war, wie wenn eine ganz fremde und gar nicht seine eigene Stimme aus ihm gesprochen hätte — daß er erschrak. Oder — hatte von nebenan Barbara ihn gerufen, in Angst, wieder in die epileptischen Krämpfe höllisch gerissen zu werden? Besorgt öffnete er die Türe und trat leise an dc»s Bett der Kranken^ Sie schlief. Das böse Fieber schien gewichen. And auch die Kinder — in dem hinteren Zimmer — sie schliefen, verschliefen diesen Abend, den die Menschen den Weihnachtsabend nennen, da sie selbst sich also gern anreden lassen: Bruder in Christo. Diese kleinen Kinder... Das Glück, von dem man nicht weih, vermißt man nicht und trauert ihm nicht nach. Wie vielen Kindern hier auf Erden mag es also «gehen — all die Jahre und Jahrzehnte nach uns! Sie sind glücklicher als jene, die da nicht wissen, was alles sie sich wünschen sollen, und schliesslich auch in der Erfüllung ihrer höchsten Wünsche enttäuscht find... Es klopft am Tor. So späte Post? Aus Linz? Die Hoffnung, daß es mit den Seufzern über die „turbae Bohemicae" zu Ende sein solle, daß man an der Donau einen neuen oberösterreichischen Landschafts« mathematicus benötige? O — weit mehr! Ein Salarinm von 400 Gulden, dazu 100 weitere Gulden als .Umzugskosten, dazu seitens der Stände Uebernahme all der Schulden, mit denen Kaiser Rudolf schon so lauge im Rückstand war! Mehr denn je zu erwarten war! Das ist schon ein Trinkgeld für den Boten wert! Der lacht sich eins, Der lacht! Der pfeift sich eins die Treppe hinab! Was pfeift sich Denn der da die Treppe hinab? Dass Kepler hinter ihm herlaufeir muh — hinter dem alten Lied: „Wilßelmus van Rassouwe ben ick van Duhtschen bloet!" herlaufen muh und fragt. «Ja — bin einer der alten Meergeusen! Sang die 'Weise schon im Feldlager von Geertruidenberg, da uns der Mba erwischte! Habe Middelburg und Leiden mitentsetzt. War leider auch in jener Julinacht mit dabei, als unser Wilhelm in Delft von dem Bravo Gerard meuchlings erschossen ward. Aber — wir haben die Republik der vereinigten Riederlande! Wir haben Waffenstillstand mit dem Spanier! Gute Botschaft, Herr! Gute Botschaft und gute Weihnacht!" So — nun stand Kepler unten aus der Straße. Wie gut die kühle Luft tat! Drüben der Krämerladen hatte noch Licht? Da gab's wohl eine Puppe und auch ein hölzern Pferdlein mit Wagen dahinter zu kaufen und auch wohl ein paar Lichtlein — den Kindern für morgen früh am Bettchen aufzubauen und ihnen die Geschichte von der Geburt des Heilandes zu erzählen und auch das Mysterium vom Stern der Sterne, der da hell durch die Rächt strahlte und dessen Wunders kein Ende ist durch all die Jahrhunderte... Oie papua-Weihnachi. Bon W. K. von R o h a r a. »Rehmen wir einen Kaktus," meinte Herr Talke, als man von der Llnmöglichkeit sprach, einen richtigen Tannenbaum zu beschaffen. »Rehmen wir «inen Kaktus, der grünt nicht nur zur Sommerszeit, nein auch im Winter, wenn es „Wenn es 40 Grad Wärme im Schatten ist," lachte Herr Peters und zeigte auf das Thermometer am Fenster. „ — und außerdem," fuhr Herr Talke fort, „hat er ebensowenig Blätter wie eine Tanne. Wir nehmen einen ganz großen Kaktus mannshoch, und pieken Kerzen auf die Stacheln, das geht sehr gut; wir haben es unten in Mexiko auch so gemacht vor drei Jahren." Talke, fünfundzwanzigjährig, blond und mit einem offenen Gesicht, hat trotz seiner Jugend fast die ganze Welt gesehen, sich überall beliebt gemacht, doch nirgends durchsetzen können und saß nun als Gehilfe bei einem alten Farmer am trostlosesten Strich der Küste Des Papualandes. „.Und wie steht's mit dem Eßbaren?" fragte Herr Tonder, der sich stets am lebhaftesten für den eßbaren Teil der Festlichkeiten interessierte. Jeder schloß die Augen, um) indem er die Lippen genießerisch spitzte, phantasierte er von fernen, fernen Lieblings« gerichten, die unerreichbar schienen — 80 Dampferfahrtage entfernt. „Karpfen," flüsterte einer, „Gänsebraten! Stollen! Pfannkuchen!" „Plumpudding," schlug Herr Peters vor, der sich gern Pieters nennen hörte und früher in Sarawak bei den Engländern gewesen war. „Gänseleberpastete!" schrie Herr Talke. Lieber diesen Punkt herrschte die größte Uneinigkeit, doch man beschloß, das; man — ob mit, ob ohne Weihnachtskaktus, ob mit, ob ohne Gänsebraten — am Heiligabend bei Peters zusammen- kommen würde, der verheiratet war und die größte Farm befaß. Wie waren eingeladen, ich auch; und wir sollten recht früh kommen, Damit man nach der Bescherung die Kinder zeitig zu Bett schicken konnte. Wer Kir.der hatte, sollte sie selbstverständlich mitbringen; sie konnten dann bei Peters Überfrachten. Damals gab es ja in unserem Teil von Reu-Guinea noch keinen geregelten Dampfer verkehr, Post und Pakete von zuhause kriegte man alte zwei Monate einmal mit dem Regierungsdampfer. der Diesmal erst Ende Januar fällig war, und so sah es mit dem 'Weihnachtsfest einigermaßen trostlos aus. Dazu kam, daß die Papuas, Lis in den Bergen und den noch unbesiedelten Teilen der Küste lebten, unruhig geworden waren und uns viel Sorge machten. Lmnrerhin, als wir am Heiligabend ziemlich früh bei Peters zufammenkamen, hatte sich manches Eßbare angesammelt, eine Art Kiefer war christbarlmmäßig zurechtgestutzt und mit Kerzen und ausgeschnittenen Zigarettenbildchen geschmückt worden, und Talke hatte — der Teufel wußte wie — eine Kiste aufgetrieben mit Konserven, Die nur äußerlich durch Seewasser gelitten hatten. Die Etiketts waren alle weg und keiner wußte über den Inhalt Bescheid. Herr Talke meinte: „Wir verlosen die Büchsen einfach, und jeder muß essen, was er kriegt." — Aber Herr Länder wandte ein, was denn einer machen sollte, 6er Rkixed Pickles zog, oder tote Rüben oder Tomatenpnree. Zugleich entdeckte Herr Peters einige Büchsen in der Gestalt von Blumentöpfen und behauptete, Da wäre Plumpudding drin; die könnte man ruhig öffnen. Eine Büchse wurde geöffnet und am Inhalt gerochen. „Plumpudding." bestätigte Herr Peters, „ich habe es ja gleich gesagt!" „Rein," entgegnete Herr Tonder und roch auch daran, „falscher Hase." Er war nicht davon abzubringen; dem Aussehen nach konnte es ebensogut Plumpudding wie falscher Hase sein. Riechen tat es lediglich nach Büchse, wie Herr Talke feststellte. Lind da Herr Tonder in kulinarischen Sachen als Autorität gatt (et atz immer am meisten), Herr Peters aber andererseits im Sarawak bei den Engländern gewesen war, spaltete sich die Gesellschaft in zwei Lager — in die falschen Hasen und in die Plumpuddings. Frau Peters, eine resolute rundliche Person, tat das einzig richtige: sie stellte die Büchse In einen Topf mit kochendem Wasser. — Ich schlug vor, der falsche Pudding oder der Blumhase, oder was es nun war, sollte in zwei Halsten geschnitten werden, die falsche-Hasen-Leuie sollten die eine Hälfte mit Dratensohe ejsen, die Plumpuddingleute ihre Hälfte mit warmem Himbeersaft und abgebranntem Rum. So kam es auch, und nach den ersten Bissen erklärten diejenigen, dir ihren Anteil mit Bratenfohe gewürzt hatten, sie hätten geirrt, es müsse doch wohl Plumpudding sein; während die andern, die viel Himbeersaft und eine Änmenge Rum an ihrer Hälfte verschwendet hatten, schworen, es wäre falscher Hase — und nicht einmal schlechter. Lind so ging man zu den anderen Speisen über. Gegen 7 Llhr sollte der Daum angezündet werden, damit die Kinder um 8 Llhr zu Bett gehen konnten. Run strahlte aber draußen noch der Helle Sommertag — im Dezember! — und so schlug Herr Talke vor,, man sollte die Läden vor den Fenstern schließen, damit es einigermaßen schummerig und stimmungsvoll würde. Sie hätten eS drunten in Mexiko auch so gemacht. Die Läden wurden geschlossen, die Kerzen angezündet, und wir setzten uns — drei Familien und vier Junggesellen — um den Daum, und es war furchtbar schön, und wir mußten alle voneinander wegblicken, weil wir Wasser in den Augen halten, weil die Kinder wie die Engel sangen und es doch Weihnachten war, wenn auch weit weit weg von der Heimat, von Tannenbäumen, vom Schnee auf den Dächern und dem Glockengelänte um Mitternacht. Ra, und als schließlich Peters mit einer Lleberraschung herausrückte, einem Grammophon, das er bis zu Weihnachten versteckt gehalten hatte, da wurden wir richtig scheußlich gefühlvoll. Die Kinder wurden mit ihren Gefchenken zu Bett geschickt, die Frauen hatten sich in einer Ecke zusammengesetzt, bei den Männern kreiste die Rumslasche „feiern wir gleich Silvester mit, denn da kommen wir doch nicht nochmal zusammen; dazu leben wir zu weit au6etnanber," sagte Herr Tonder — das Grammophon spielte Märsche, Lieder, Männerchöre, das tollste und kitschigste Zeug, wem', ich heute daran zurückdenke — kurz, es war wunderschön. Llm Mitternacht wünschten wir uns also gleich ein glückliches neues Jahr und Profit und eine recht gnädige Regenzeit und keine .Uebersälle 6er Papuas; und dann beschlossen wir, nicht vor dem Morgen äugeinanderzugehen. Die Frauen hatten sich inzwischen zurückgezogen und schliefen, der Baum war längst abgebrannt, aus dein Weihnachtsfest war allgemach eine Silvesterfeier geworden und daraus wiederum ein richtiggehender Skatabeno. , Der Skatabend verwandelte sich in einen Skatmorgen, in den noch immer und immer das Grammophon hineintrompetete. — Lim 4 Llhr hatten wir alle einen schweren Kopf vom Rum, von den Zigarren und vom Skat und traten hinaus, um ein wenig frische Lust zu schöpfen. Wir gingen am Strand entlang bis zur Dkündung des Flusses, der dort vom Gebirge herunterkam, und blickten das schöne kühle Wasser hinaus. „Himmel, mein Plüfchsofa!" schrie da Herr Tonder ganz unvermittelt, und wir dachten nicht anders, als daß er von Rum und von der Hitze im Zimmer das Delirium tremens gekriegt hatte und statt der traditionellen weißen Mäufe zur Abwechselung mal rote Plüsch- sosas sah. — Aber seiner ausgestreckten Hand folgend, sahen wir ganz richtig ein rotes Plüschsofa ruhig und gleichmütig den Strom hinabsegeln und da — und du — folgte ein Küchenstuhl, eine Bettdecke, ein Rachitisch und ein Kinderwagen —. „Himmel," sagte Herr Tonder und Hatte sich etwas verfärbt, „wie kommen meine Sachen ins Wasser?" Herr Tonder lebte nämlich mit Fran und Kind weit oben in den Bergen und am Äser des Flufses; und während wir eilig Peters Farm zuschritten, um die Frauen zu wecken, kam schon die Lösung des Rätsels in Gestalt eines völlig abgehetzten atemlosen Chinesen, der zunächst in unartikulierten Lauten, dann in abgerissenen Sätzen auf uns einzureden begann. Es war Herrn Tonders chinesischer Diener und er schien einfach nicht begreifen zu können, daß sein Herr und wir alle noch am Leben waren. Mo: die Papuas hatten sich vergangenen Abend ausgemacht, um uns Europäer im Schlas zu überfallen und umzubringen. Sie wollten jeden von uns einzeln erledigen; und das Borhaben wäre ihnen bei der verstreuten Lage der Farmen sicher geglückt, wenn nicht — ja wenn nicht gerade Weihnachtsabend gewesen wäre und wir u:i5 alte, aber auch alle bet PeterS versammelt gehabt hätten. So hatten sie die Rester leer gefunden, hatten nur die eingeborenen Diener fürchterlich verprügelt und alles Lebendige umgebracht — 14 Schweine, 5 Ziegen, 3 Kühe und 27 Hühner, wie eine spätere Zählung ergab — dann hatten sie alles, was sie nicht brauchen konnten, Schreibmaschine, Wanduhren ufw. zerschlagen und ins Wasser geworfen. — Daher Herrn Tonders Plüschfofa im Fluß! Was der Chinese aber nicht begreifen wollte, war die Tatsache, daß wir alle am Leben waren und von den Papuas nichts bemerkt hatten. „Die Papuas wollten zuletzt Helln Petels," das r konnte er als Chinese nicht aussprechcn, „und die Flau und die Kindel töten. Sie hatten eine fulchtbale Wut, weil sie die andelen nicht elwischt hatten. Helln Petels und die Flau und die Kindel wollten sle schlachten und essen." Aber auch siir diese rätselhafte Errettung fanden wir bald eine Lösung, als wir später von einem gefangenen Papua erfuhren, tote Peters' Haus und wir alle schon von den Wilden umzingelt waren, toie sie bann aber beim Anblick des „brennendert Baums, der nicht verbrannte den st« Arch Ritzen in Sen Fent.ertLderr sätzen. stutzig geworden von der plötzlich ertönenden Musik aus dem .Kasten, in dem hundert Manner wohnen", einen solchen Schreck gekriegt hatten, baß sie auf und davongerannt waren und rücht eher rasteten, bis ue,dre Berge und ihre dichteir Wälder wieder erreicht hatte,!. — Das erfuhren wir alles damals nach der Straf^pedrtion. A^^in allem — den meisten von uns waren die Farmen Sct’,® Haustiere getötet worden — war es doch eine schön« -Weihnacht, an die wir noch lange dankbar zurückdachten. Auch nach- totf Weihnachten gefeiert hatten, mit klappbarem Dannenbaum, musikalischem Daumständer und echtem Plumpudding, zum Llmerschied von jenem, den wir mit Bratensohe atzen. Vom Pfefferkuchen und seiner Geschichte. Bon Albiii Michel. Die erste gewerbliche Herstellung von Pfefferkuchen läßt sich aus Vurnb^g,^ Alm und Basel zurückführen. Dah in diesen Städten die atten Klosterrezepte zur Herstellung feiner Gewürzkuchen am ersten ausMiutz, wurden, lag mit an der Gunst der Verkehrslage. Städte S 11 3^' Hatten schon früHgeiitg einen lebhaften Derteyr mit Venedig, und konnten von dort aus die feinen Gewürze, Sur^Herstellung von Gewürzkuchen nötig sind, mit geringeren Kosten beziehen, a.8 dies Kaufleuten in weiter nördlich gelegenen S.adten möglich war., eie.r Nacht des Jünglings Horoskop stellen!" — Damit riß er die -cachtnmtze vom Kops und fing gleich an zu obfermeren. Des Vetters Sohn war in der Tat ein netter, wohlaewachfener Junge ber nach nie rasiert worden und niemals Stiefel getragen. In früher xiugeub war er zwar ein paar Weihnachten hindurch ein Hampelmann ge* roefen; bas merkte man ihm aber nicht im mindesten an, so war er durch des Vaters Bemühungen ausgebildet worben. An ben Weihnachtstagen trug er einen schönen roten Rock mit Golb, einen Degen, ben Hut unter dem Arm und eine vorzügliche Frisur mit einem Haarbeuiel. So stand m glänzend in feines Vaters Bude und knackt« aus angeborener Galanterie ben jungen Mädchen die Nüffe auf, weshalb sie ihn auch Schön- Nuhknackerchen nannten Den andern Morgen fiel der Astronom dein Arkanisten entzückt um den hals und rief: „Er ist es — wir haben ihn — er ist gefunden! Nur zwei Dinge, liebster Kollege, bürfen wir nicht außer acht lassen. Fürs erste muffen Sie Ihrem vortrefflichen Neffen einen robusten hölzernen Copf siechten, der mit dem untern Kinnbacken so in Verbindung steht, daß dieser dadurch fest angezogen werden kann: dann muffen wir aber, kommen wir »ach ber Residenz, auch sorgfältig verschweigen, daß wir den jungen Mann, ber die Nuß Krakatuk aufbeißt, gleich mitgebracht haben; er muß sich vielmehr large nach uns einfinden. Ich lese in dem Horm jfop, baß ber König, zerbeißen sich erst ein’ge die Zähne ohne weiteren Erfolg, dem, ber die Nuß aufbeißt und der Prinzessin die verlorene Schän- heit toicbergibt, Prinzessin unb Nachfolge im Reich zum Lohn verfprechen ?*!rb-L.. Vetter Puppenbrechsler war gar höchlich damit zufrieden, daß fern söhnchen die Prinzessin Pirlipal heiraten und Prinz und König werden sollte, und überließ ihn daher den Gefandten gänzlich. Der Zopf, den Drosselmeier dem jungen hoffnungsvollen Vetter an setzte geriet überaus wohl, so baß er mit dem 'zlufbeißen ber härtesten Pfirstchkerne die glänzendsten Versuche anstellte. Da Drosselmeier und ber Astronom bas Ausfinden der Nuß Krakatuk sogleich nach der Residenz berichtet, fo waren dort auch auf ber Stelle die nötigen Aufforderungen erlassen warben, unb als bie Reisenben mit dem Schönheitsmittel ankamen, hatten sich schon viele hübsche Leute, unter denen es sogar Prinzen gab, eingesunden, die, ihrem gesunden Gebiß vertrauend, bie Entzauberung der Prinzessin versuchen wollten. Die Gesandten erschraken nicht wenig, als sie bie Prinzessin wiedersahen. Der kleine Onkel und Neffe. — Druck und Verlag: Vrühl'fchs Univerj itäts'Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen. Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Hot jemand von meinen hochverehrtesten Lesern oder Zuhörern jemals den Zufall erlebt, sich mit Glas zu schneiden, so wird er selbst wissen, wie wehe cs tut, und welch schlimmes Ding es überhaupt ist, da es so lang,am heilt. Hatte doch Marie beinahe eine ganze Woche im Bette zubringen müssen, weil es ihr immer ganz schwindlicht zu Mute wurde, sobald sie aufstand. Endlich aber wurde sie ganz gesund und konnte luftig wie fonft in der Stube umherspringen. Im Glasschrank sah es ganz hübsch aus; denn neu und blank standen da Bäume und Blumen und Häuser und Prinzessin Pirlipat doch eigentlich em garstiges, undankbares -Otngjei; Frist versicherte dagegen, daß, wenn Nußknacker nur sonst ein braver Kerl sein wolle, er mit dem Mausekönig nicht viel Federlesens machen und leine vorige hübsche Gestalt bald wiedererlangen werde. Entzücken. . ... Der große Tumult brachte den jungen Drosselmeier, der noch feine sieben Schritte zu vollenden hatte, nicht wenig aus der Fassung; doch hielt er sich und streckte eben den rechten Fuß aus zum siebenten Schritte: da erhob sich, häßlich piepend und quiekend, Frau Mauserinks aus dem Fußboden, so daß Drosselmeier, als er den Fuß niedersetzen wollte, auf sie trat und dermaßen stolperte, daß er beinahe gefallen wäre. — O Mih- geschick! — urplötzlich war der Jüngling ebenso mißgestaltet, als es vorher Prinzessin Pirlipat gewesen. Der Körper war zusammengeschrumpft und konnte kaum den dicken ungehalten Kopf mit großen hervorstechenden Augen und dem breiten, entsetzlich aufgähnenden Maule tragen. Statt des' Zopfes hing ihm hinten ein schmaler hölzerner Mantel herab, nut dem er den untern Kinnbacken regierte. — Uhrmacher und Astronom waren außer sich vor Schreck und Entsetzen; sie sahen aber, wie Frau Mauserinks sich blutend auf dem Boden wälzte. Ihre Bosheit war nicht ungerächt geblieben: denn der junge Drosselmeier hatte sie mit dem spitzen Absatz seines Schuhes so derb in den Hals getroffen, daß fte sterben mußte. Aber indem Frau Mauserinks von der Todesnot erfaßt wurde, da piepte und quiekte sie ganz erbärmlich: „O Krakatuk, harte Nuß — an der ich nun sterben muß! — hihi! — pipi! — fein Nußknackerlein — wirst auch bald des Todes sein. — Söhnlein mit den sieben Kronen — wird s dem Nußknacker lohnen — wird die Mutter rächen fein — an dir, du klein Nußknackerlein! — O Leben so frisch und rot — von dir scheid' ich, o Todesnot! — Quiek!" — Mit diesem Schrei starb Frau Mauserinks und wurde von dem, königlichen Ofenheizer fortgebracht. Um den jungen Drosselmeier hatte sich niemand bekümmert; die Prinzessin erinnerte aber den König an sein Versprechen, und sogleich befahl er daß man den jungen Helden herbeischasse. Als nun aber der Unglückliche in seiner Mißgestalt hervortrat, da hielt die Prinzessin beide Hände vors Gesicht und schrie: „Fort, fort mit dem abscheulichen Nußknacker! Alsbald ergriff ihn auch der Hofmarfchall bei den kleinen Schultern und warf ihn zur Tür hinaus. Der König war voller Wut, daß man ihm habe einen Nußknacker als Eidam aufbringen wollen, schob alles auf das Ungeschick des Uhrmachers und des Astronomen und verwies beide aut ewige Zeiten aus der Residenz. Das hatte nun nicht in dem Horoskop gestanden, welches der Astronom in Nürnberg gestellt; er ließ sich aber nicht abhalten, aufs neue zu observieren, und da wollte er in den Sternen lesen daß der junge Drosselmeier sich in seinem neuen Stande so gut nehmen werde, daß er trotz seiner Ungestalt Prinz und König werden würde. Seine Mißgestalt könne aber nur bann verschwinden, wenn der Sohn der Frau Mauierinks, den sie nach dem Tode ihrer sieben Söhne mit sieben Köpfen geboren und welcher Mausekönig geworden, von feiner Hand gefallen sei, und wenn eine Dame ihn trotz seiner Mißgestalt lleb- gewinnen würde. Man soll denn auch wirklich den jungen Drostelmeier in Nürnberg zur Weihnachtszeit in seines Vaters Bude, zwar als Nußknacker, aber doch als Prinz gesehen haben. — Das ist, ihr Kinder, das Märchen von der harten Nuß, und ihr wißt nun, warum die Leute so oft sagen: Das war eine harte Nuß! und wie es kommt, daß die Nußknacker so häßlich sind. , So schloß der Obergerichtsrat seine Erzählung. Marie meinte, daß die Prinzessin Pirlipat doch eigentlich ein garstiges, undankbares Ding sei; schöne glänzende Puppen. Vor allen Dingen sand Marie ihren lieben Nußknacker wieder, der, in dem zweiten Fache stehend, mit ganz gesunden Zähnen sie anlächelte. Als sie nun den Liebling fo recht nut Herzenslust anblickte, da fiel ihr mit einemmal sehr bänglich aufs Herz, daß alles, was Pate Drosselmeier erzählt habe, ja nur die Geschichte des Nußknackers und seines Zwistes mit der Frau Mauserinks und ihrem Sohne gewesen. Nun wußte sie, daß ihr Nußknacker kein anderer sein könne als der junge Drosselmeier aus Nürnberg, des Pate» Drosselmeier angenehmer, aber leider von der Frau Mauserinks verhexter Neffe. Denn daß der künstliche Uhrmacher am Hofe von Pirlipats Vater niemand anders geroefeu als der Obergerichtsrat Drosselmeier selbst, daran hatte Marie schon bei der Erzählung nicht einen Augenblick gezweifelt. — „Aber warum half dir der Onkel denn nicht, warum half er dir nicht?" fo klagte Marie, als sich es immer lebendiger und lebendiger in ihr gestaltete, daß es in jener Schlacht, die sie mit ansah, Nußknackers Reich und Krone galt. „Waren denn nicht alle übrigen Puppen ihm untertan, und war es denn nicht gewiß, daß die Prophezeiung des Hofastronomen eingetroffen und der junge Drosselmeier König des Puppenreichs geworden?" Indem die kluge Marie das- alles so recht im Sinn erwägt«, glaubte sie auch daß Nußknacker und feine Vasallen in dem Augenblick, daß sie ihnen Leben und Bewegung zutraute, auch wirklich leben und sich bewegen müßten. Dem war aber nicht so; alles im Schranke blieb vielmehr starr und regungslos, und Marie, weit entfernt, ihre innere Ueberzeugung auf- zuaeben, schob das nur auf die fortwirkende Verhexung der Frau Mauserinks und ihres siebenköpfigen Sohnes. „Doch," sprach sie laut zum Nußknacker, „wenn Sie auch nicht imstande sind, sich zu bewegen oder ein Wörtchen zu sprechen, lieber Herr Drosselmeier, so weiß ich doch, daß Sie mich verstehen und es wissen, wie gut ich es mit Ihnen meine; rechnen Sie auf meinen Beistand, wenn Sie dessen bedürfen! Wenigstens will ich den Onkel bitten, daß er Ihnen mit seiner Geschicklichkeit beispringe, wo es nötig ist." Nußknacker blieb still und ruhig; aber Marien war cs so, als atme ein leiser Seufzer durch den Glasschrank, wovon die Glasscheiben kaum hörbar, aber wunderlieblich ertönten, und es war, als sänge ein kleines Glockenstimmchen: „Maria klein — Schutzenglein mein — dein werd' ich sein — Maria mein!" Marie fühlte in den eiskalten Schauern, die sie überliefen, doch ein seltsames Wohlbehagen. Die Dämmerung war eingebrochen; der Medizinalrat trat mit dem Paten Drosselmeier herein, und nicht lange dauerte es, fo hatte Luise den Teetifd) geordnet, und die Familie faß ringsumher, allerlei Lustiges miteinander sprechend. Marie hatte ganz still ihr kleines Lehnstuhlchen her- beiqeholt und sick) zu den Füßen des Paten Drosselmeier gesetzt. Sils nun gerade einmal alle schwiegen, da sah Marie mit ihren großen blauen Augen dem Obergerichtsrat starr ins Gesicht und sprach: „Ich weih jetzt, lieber Pate Drosselmeier, daß mein Nußknacker dein Nefse, der junge Drosselmeier aus Nürnberg, ist. Prinz oder vielmehr König ist er geworden, das ist richtig eingetroffen, wie es dein Begleiter, der Astronom, üorausgefagt hat; aber du weißt es ja, daß er mit dem Sohne der Frau Mauserinks, mit dem häßlichen Mausekönig, in offenem Kriege steht. Warum hilfst du ihm nicht?" Marie erzählte nun nochmals den ganzen Verlauf der Schlacht, wie sie es angesehen, und wurde oft durch das taute Gelächter der Mutter und Luisens unterbrochen. Nur Fritz und Drostelmeier blieben ernsthaft. Aber wo kriegt das Mädchen all das tolle Zeug in den Kopf?" sagte der'Medizinalrat. — „Ei nun," erwiderte die Mutter, „hat sie doch eine lebhafte Phantasie! — Eigentlich sind es nur Träume, die das heftige Wundfieber erzeugte." — „Es ist alles nicht wahr, sprach Fritz; „solche Poltrons sind meine roten Husaren nicht. Potz Bossa Manelka, wie wurd ich sonst darunterfahren!" Seltsam lächelnd nahm aber Pate Srojfelmeier die kleine Marie auf den Schaß und sprach fünfter als je: „Ei, dir, hebe Marie, ist ja mehr gegeben als mir und uns allen; du bist rote Ipirlipot eine geborene Prinzessin; denn du regierst in einem schonen blanken Reich. — Aber viel hast du zu leiden, wenn du dich des arnwn mißgestalteten Nußknackers annehmen willst, da ihn der Mausekönig auf allen Wegen und Stegen verfolgt. Doch nicht ich — du, du allein kannst ihn retten; iei standhaft und treu!" Weder Marie noch irgend jemand wußte, was Sroffetmeier mit diesen Worten sogen wollte; vielmehr kom es dem Medi- - zinolrot so sonderbar vor, daß er dem Obergerichtsrat an den Puls suhlte und sagte: „Sie haben, wertester Freund, starke Kongestionen nach dem Kopse;'ich will Ihnen etwas ausschreiben." Nur die Medizinalratin schüttelte bedächtlich den Kopf und sprach: „Ich ahne wohl, was der Obergerichtsrot meint; doch mit deutlichen Worten sogen kann ich s nicht. Der Sieg. Nicht lange dauerte es, als Marie in einer mondhellen Rocht durch ein seltsames Poltern geweckt wurde, dos aus einer Ecke des Zimmers zu kommen schien. Es war, als würden kleine Steine hin und her geworsen und gerollt, und recht widrig pfiff und quiekte cs dazwischen. „Ach, die Mäuse, die Atäuse kommen wieder!" rief Marie erschrocken und wollte die Mutter wecken; aber jeder Laut stockte, ja, sie vermochte kem Glied zu regen, als sie soh, wie der Mausekönig sich burrf) ein Loch der Mauer hervorarbeitete und endlich mit funkelnden Augen und Kronen ’-m 3immer herum, dann ober mit einem gewaltigen Satz auf den kleinen Tisch, der dicht neben Mariens Bette stand, heraufsprang. „Hi — hi — hu mußt mir deine Zuckererbfen — deinen Marzipan geben, klein Ding: — sonst zerbeiß' ich deinen Nußknacker — deinen Nußknacker! So pfiff Mausekönig, knupperte und knirschte dabei sehr häßlich mit den Zahnen und sprang dann schnell wieder fort durch das Mauerloch. Marie war so ge- änaftet von der graulichen Erscheinung, daß sie den andern morgen ganz blaß ousfoh und, im Innersten aufgeregt, kaum ein Wort zu reden vermochte. Hundertmal wollte sie der Mutter ober der Lucke ober wenigstens dem Fritz klagen, was ihr geschehen aber sie dachte: „Glaubt s nur denn einer, und werd' ich nicht obendrein tüchtig ausgelacht?" (Fortsetzung folgt.) Körper mit den winzigen Händen und Füßchen konnte kaum den uiv förmlichen Kopf tragen. Die Häßlichkeit des Gesichts wurde noch durch weißen baumwollenen Bart vermehrt, der sich um den Mund und Kinn gelegt hatte Es kam alles fo, wie es der Hofastronom im Horoskop gelesen. Ein Milchbort in Schuhen noch dem andern biß sich an der Nuß Krakatuk Zähne und Kinnbacken wund, ohne der Prinzessin im mindesten zu helfen, und wenn er bann von den dazu bestellten Zahnärzten halb ohnmächtig weggetragen wurde, seufzte er: „Das war eine harte Nuß!" — Als nun der König in der Angst feines Herzens dem, der die Entzauberung vollenden werde, Tochter und Reich versprochen, meldete fid) der artige sanfte Jüngling Drofselmeier und bat, auch den Versuch beginnen zu dürfen. Keiner als der junge Drostelmeier hatte fo sehr der Prinzessin Pirlipat gefallen; sie legte die kleinen Händchen auf das sterz und seufzte recht innig: „Ach, wenn es doch der wäre, der die Nuß Krakatuk wirklich aufbeißt und mein Mann wird!" Nachdem der junge Drostelmeier den König und die Königin, dann aber die Prinzessin Pirlipat sehr höflich gegrüßt, empfing er aus den standen des Oberzeremonienmeifters die Nuß Krakatuk, nahm fte ohne weiteres zwischen die Zähne, zog stark den Zopf an, und (rat—trat! zerbröckelte die Schale in viele Stücke. Geschickt reinigte er den Kem von den noch daranhängenden Fasern und überreichte ihn mit einem untertänigen Kratzfuß der Prinzessin, worauf er die Augen verschloß und rückwärts zu schreiten begann. Die Prinzessin verschluckte alsbald den Sern, und — o Wunder' verschwunden war die Mißgestalt, und statt ihr stand ein engel- schönes Frauenbild da, das Gesicht wie von lilienweißen und von rosaroten Seidenflocken gewebt, die Augen wie glänzende Azure, die vollen Locken wie von Goldfaden gekräfelt. Trompeteii und Pauken mifdjtcn sich in den lauten Jubel des Volks. Der König, fein ganzer Hof tanzte wie bei Pirlapcsts Geburt auf einem Beine, und die Königin mußte mit Eau de Cologne bedient werden, weil sie in Ohnmacht gefallen vor Freude und