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In tiefen Schauern, weltenfern den Alltagsgefühlchen, begreifen die, die sonst in der italienischen Oper zu bett Melodien des flötensüßen Rossini flirten, lachen, in Seichtigkeit pllit- Ophelias Sehn- Oie Götter. Von Friedrich Hölderlin. Du stiller Aether! immer bewahrst du schön Die Seele mir im Schmerz, und es adelt sich Zur Tapferkeit vor deinen Strahlen, Helios! ost die empörte Brust mir. Ihr guten Götter! arm ist, wer euch nicht kennt, Im rohen Busen ruhet der Zwist ihm nie, Und Nacht ist ihm die Welt, und keine Freude gedeihet und kein Gesang ihm. Nur ihr, mit eurer ewigen Jugend, nährt In Herzen, die euch lieben, den Kindersinn, Und laßt in Sorgen und in Irren Nimnwr den Genius sich vertrauern. Siebener Samilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger __________ ___ flötensüßen Rossini flirten, lachen, schern, daß man um einen Traum zu sterben vermag. . , suchtsantlitz wird auch ihnen für den Augenblick Symbol. Herrischer Wink des Dirigentenstabes: die Kontrabässe, vierfach geteilt, reißen, drohend, kurze Akkorde: da hinein flattert, wild, erregend, die Pauke. Schleichend nahen sich, pianissimo, die Hörner, steigern sich mit dem vollen Orchester zu vernichtendem Fortissimo-Blitzschlag. Düster, feierlich, im Hochglanz der Instrumentation, schreitet der Marsch, den Hinrichtungszug begleitend. Lärmende Ausbrüche! Abgemessene, dumpfe Schritte. Der Marsch steht! — Am Ziel. — Todbringend, totbereit, schicksalsgewaltig, erscheint noch einmal die „id£e fixe", das Leitmotiv — ein letzter, lebenbeschwörender Liebesgedankel — Der Schlag des Beils oer« Armer Berlioz, der nur Paris erobern will! Victor Hugo, der Dichter, der unter seinen künstlerischen Genossen, den Jungfranzosen, bett „vaillants de trente-ans" sitzt, nimmt sich vor, ben „fabelhaften" Dirigenten zu malen, die Weste unter dem dreieckig ausgeschnittenen Frack mit weißem Krepplack. Hat nicht Goethe gezeichnet und gemalt und wohl durch solche Beschäftigung die Plastik der Linien in seiner Dichtung erreicht? Alle diese jungen Dichter malen und die Maler dichten. Die Musiker tun beides. Vereinigung aller Künste ist ihr Ideal. In den Köpfen der Maler Ary Scheffer und Daumier, die Shakespeare, Byron und Theodor Amandeus Hofmann gelesen haben, dämmern blutrünstige Verse auf. Sieht der Mann, der heute die Ideale der Stürmer und Dränger zum Siege führen wird, nicht aus, als wäre er der Hölle verfallen oder als müsse der Tod, der geduckt und lauernd in der hintersten Ecke des Saales fitzt, jeden Augenblick über Raum und Menge hinweg nach ihm langen? — Doch nein — es ist nicht der Tod, — es ist nur ein „Gestorbener", der dort sitzt. Sieht aus wie der arme Lazarus, der drei Tags bereits die Schauer und Einsamkeiten des Grabes erfahren! Und nun weint er gar, — weint bittere Tränen, als im zweite« Satze der Symphonie die „idee fixe" mitten auf dem Ball erscheint, so daß die Walzermelodien der Streicher vor Schreck und sehnsüchtiger Glut in hilfloser Geberde erstarren —, weint, — fassungslos — als der dritte Satz das Schalmeienmotiv der beiden Hirten bringt; denn er weiß — Berlioz hat ihm Auszüge aus dem Werk vorgespielt — er weiß: der unschuldig-selige Klang muß verstummen. Geheimnisvoll wirb bie „idee fixe ihn ermorden, unter rollendem Nahen des Ungewitters, — in schwefliger Luft ... Viertes Bild: „Der Gang zum Hochgericht". Die Menge lieft: „Nachdem er bie gewisse Uebergeugung erlangt hat,, daß seine Liebe verschmäht ist, vergiftet sich der Künstler mit Opium. Zu schwach, ihn zu töten, versenkt ihn die narkotische Dosis nur in einen Schlaf voll fürchterlicher Visionen. Er träumt, er habe seine Geliebte getötet, fei deshalb zum Tods verurteilt, werde jetzt zum Richtplatz geführt und wohne feiner eigene« Hinrichtung bei." — Die Eingeweihten, bie Jungfranzosen, flüstern sich's zu, — wie Vogelflug jagt es burch den Saal: Dies ist alles ein einziges großes Oual- und Selbstbekenntnis! Er hat sich wirklich einmal mit Opium vergiftet, vor „ihren" entsetzten, leidenschaftlichen, unerbittlichen Augen! — Doch —■ er lebt! Immer noch sehnsüchtig — entsagend? Ist die Begleitung von Mutter und Schwester, bie „Ophelia" sich in die Loge mübrächte, nicht nur Komödie der Komödiantin? sehr eigenwilligen Herrschertum. Hat man, wenn seine erfolgarmen „Werke" aufgeführt wurden, ihn nicht immer bisher nur an der großen Pauke tätig gesehen? Was weiß man von ihm, als daß er feit vielen Jahren vergeblich um Ophelia" schmachtet und daß er um jeden Preis Aufsehen in Paris erregen will, so, wenn er mitten in den Konzerten des „conservatoire" wie ein Toller vor Entzücken aufspringt und in den Lärm des Orchesters hineinruft: „Bravo — Bravo!" Oder: „Wer wagt es hier. Gluck zu verbessern?" Oder: „Die Posaunen sind nicht gekommen! Es ist abscheulich!" Oder laut weint ober lacht! — Will er Paris erobern mit dieser Melodienarmut, mit diesen musikalischen „Bildern", bie bas „Programm", erläutert? Wendet er sich nicht gegen allen Geschmack? Das „Programm", das geschriebene Wort, das er ben Hörern in die Hände steckt, beweist am besten, daß feine Musik nichts zu sagen hat! Der junge Liszt mit den dämonisch blitzenden Schwarmaugen lehnt lang, schlank, an einer Säule im Hintergründe des halbdunklen Saales, Sein Kopf glüht. Er macht mit fliegender Hand Notizen. Hier ist Neues! Unerhörtes! Welch' eine Charakteristik des Klanges in den einzelnen Instrumenten! Selbst ein Beethoven fand sie nicht in dem differenzierten Maße! Er, Liszt, wirb diese Klangdifferenzierungen auf sein Instrument übertragen, ein ganzes Orchester daraus machen, — eine „Klavierpartitur" der „Phantastischen" schreiben! Und sie, wandernd, in ganz.Europa bekannt machen! l Die Menge, wandlungsfähig, hämisch wie Mephisto, ist e großes, erschrecktes Ohr, der <5aa( erfüllt von taufend Frage- rufungszeichen, vom Schlage erregter Herzen, von der Negation höhnischen Lächelns. Die schlanken Kontrabässe und Cellisten, bie in ihren eng anliegenben modischen Fräcken mit anschmiegsamem Sammettragen, arbeiten weit vornübergebeugt. In ihren Augen steht ein greller Lichtpunkt, starr, wie in den Augen Hypnotisierter. Aber er scheint nur ber Abglanz des harten Lichtes, das aus den Augen des Dirigenten sticht: die fixe Idee. Sie hat die dunkle Iris aufgezogen und brennt begrenzt, vereinsamt, in einer ungeheuren Weiße und Weite. Es ist, als ob der Tod Augen bekommen hätte? fürchterliche Augen! Und als müsse man vor Entsetzen laut ausschreien, käme der Mann da vorn mit diesen Augen auf einen zu! Er sieht aus wie ein ungeheurer dunkler Uhu, steht auf langen, dürren Beinen. Die Nase gleicht einem großen, krummen Schnabel. Eine wüste Haarmähne starrt über der Stirn empor, wie ein Wald von Federn, lieber bie Ohren, bis tief hinein in die Backen fallen seitlich groteske Eulenohrpuscheln. So steht er und dirigiert, bald die linke Hand seitlich in bie Hüfte gestemmt, bald mit ausgebreiteten Armen, — und ein jeder Luftschwung seines Führerstabes scheint ein sich Wegwerfen bis zur Selbstaufgabe. Aber es scheint auch nur so. Der anscheinend so locker« Stab gehorcht einem eisernen Zielbewußtsein, einem „phantastische Symphonie." Eine Berlioz-Novelle. Von Sophie Lederer-Eben. Trunken schwirren die Geigen. Die Harfen erbeben unter schmeichlerischen Händen in klingender Glut. Denn bie „idee fixe" ist plötzlich im Saal: auf ahnungsvoll erregten Wogen klangseliger „Träume und Leidenschaften" schwebte sie im Orchester empor, taumelnder Nachtschmetterling, in betörendem Sechsachtel-Flattertanz, — gerade in dem Augenblick, als die wunderzarte Verkörperung dieses klanglichen Gebildes, die englische Schauspielerin Harriet Smithson, die gerade wieder einmal als ideale „Ophelia" und „Julia" in Paris bejubelt wird, die hellerleuchtete Orchesterloge der großen „salle du conservatoire" betritt Der Saal hat plötzlich tausend Augen. — Im Antlitz des Dirigenten« Komponisten flammt es auf. Sie hat die ihr zugeschickte Karte von ihm angenommen ...! In toller Frage saugen sich seine Blicke fest an diesem Antlitz, das in der betörend gegensätzlichen Mischung von Leidenschaftsausdruck in den dunkel-erregenden großen Augen und süßer Schüchternheit um die feinen Linien des Mundes für ihn zum erschütternden Symbol jahrelangen Seelenmartyriums geworden ist, wie das Antlitz auf dem Tuche der heiligen Veronica einmal zum Symbol der Leichen eines Gekreuzigten ward. Gewährung? Kann sie stumm versprechen? Flatterte da nicht ein weißer Vogel in der Loge auf? Rein — es war Ophelias Hand. Die machte eine kurze abwehrende, gebieterische Bewegung. Es sah aus, als wolle sie das Orchester, als wolle sie ben Saal beschwören. Die weiten Mündungen eines Regimentes von Trompeten und Posaunen, wie man sie in solcher Menge noch in keinem Orchester sah, stöhnen plötzlich Klänge wie um Jericho. Sie wollen sich nicht gebieten lassen von einer weißen Hand! Die Celli und Kontrabässe, entgegen ihrer dunklen, gesetzten Natur, kreischen in tollen Sprüngen; die Geigen klettern entsetzt empor, wie in rasender Flucht. Die „idee fixe" jagt hinter ihnen her. Jetzt kein taumelnder Nachtschmetterling mehr, nein, — in der Maske des Verfolgungswahnsinns. Immer wilder ist sie den Instrumenten auf ben Fersen, bie sich immer toller geberben. Das „Allegro agitato e appassionato" hat bas Orchester überflutet. dichtet sie. — In diesem Augenblick bricht der Hexensabbath herein: in phantastisch tollen Klangfarben wogt das Präludium. Aufreizende Signalrufe, wie aus der Höhe, aus der Tiefe, von fern. Und von fern naht die „geliebte Melodie", — als Gespenst und als „Dirne", erniedrigt, in der ordinär klingenden Ls-Klarinettel Jetzt scheint sie angelangt. Wildes Fortissimo, heulender Orchesterjubel! Nun kann's beginnen! Das Motiv des „Hexenrundtanzes" kündigt sich an. Die Glockenklänge des „Dies irae" schlagen dazwischen. Höhnisch, in toll verschobenem Rhythmus, werden sie von Holzbläsern und Streichern zerrissen. Und nun setzt, in wilden Sprüngen, mit der „idee fixe" an der Spitze, der teufeltolle Tanz der Hexen ein. In Form einer Fuge. Das tobt und kreischt im Rhythmus der „idee fixe" in rasendem Galopp-Sechsachtel-Takt. In der Brust des revolutionstrunkenen jungen Liszt „zischen alle Schlänglein freudig empor", die darin nisten. O — diese großartig-geniale Idee von Berlioz, den Blocksbergtanz in die verhaßte Form einer Doppelfuge zu pressen, die „geheiligte" Form der „Klassiker", die man ebensogut wie sie zu handhaben versteht, zu verhöhnen! Wie der Kerl das abgebrauchte Gewand mit weltumstürzlerischem Inhalt zu erfüllen versteht! Heinrich Heine, der dem Orchester nahe, im ersten Rang, sitzt, glaubt bandförmige Luftströme zu sehen, die den Flöten und Labialpfeifen entsteigen, mit feurigen Zungen nach dem Komponisten lecken. Von oben gesehen blidete das in den wüsten Haarwald scharf eingeschnittene Dreieck, die Spitze der Nase und des Kinnes drei infernalische Winkel. Dem Dichter, der bei Musik immer Bilder sieht, ist, als führe das Orchester die Symphonie nicht alleine auf. Als ergriffen von oben herab manchmal schlanke, schöne Hände helfend mit in die Instrumente. Ja — dunkle Riesenschwingen gefallener Engel schweben und schatten über dem Men- schcnorchester! Sehnsüchtig — jetzt ganz nahe, streichen sie tief, — streifen das Haupt des Komponisten ... Das Bild ist fort. Der Dichter erhebt sich mit verschleierten Augen, denn soeben fuhr in rasender Umschlingung und Ueberwindung das Thema des Hexentanzes mit dem „Dies irae" zur Hölle. Die Symphonie ist aus! — Der „Gestorbene" bahnt sich aus keiner Ecke durch die beifallklatschende Menge den Weg zum Dirigenten. Seine Bewegungen sind die eines Automaten, Hände und Füße scheinen durch Schrauben zu funktionieren. Es ist Paganini. Das lange, schwarze Haar liegt dunkel um das Leichengesicht! Er erhebt das tote Auge. Sprechen kann er nicht mehr, die durch viele Operationen durchlöcherte Kehle gibt schon lange keinen Laut mehr. Mit der Geberde eines geprügelten Hundes wirft er sich vor Berlioz auf die Knie — vor dem Sieger! Das Publikum rast, allen voran „Ophelia"! Sie hat sich weit vorae- beugt und klatscht — ruft: „Hoch! Hoch!" Die Genialität des Werkes wird von der Künstlerin in ihr intuitiv erfaßt. Sie hat dem Komponisten die Frau gewonnen! Die Türken vor Wien. Zur Erinnerung an die erste Türkenbelagerung am 22. September 1529. Von Dr. F. Ernst. (Nachdruck verboten.) „Die Türken vor Wien!" so klang der Kampfruf im Sommer des I Jahres 1683 und wir erinnern uns an all die heldenhaften Taten, an alle Anekdoten und Geschichten, die sich um den letzten großen Vorstoß des Ostens gegen den Westen gesponnen haben, an den Uebermut Kara Mustaphas, der aus der Flucht in Belgrad durch lieber« sendung der verhänigsvollen seidenen Schnur sein klägliches Ende fand, an die entschlossene, überlegene Verteidigung Rüdiger von Star- Hembergs und die glorreiche Entsatzschlacht beim Kahlenberg und Nußdorf. „Die Türken vor Wien!" war ober schon einmal früher ein Kampfund Schreckensruf in Deutschland gewesen, die Gefahr, daß damals, anno 1529, die ganze Christenheit vom osmanischen Ansturm verschlungen wurde, war mindestens ebenso groß, die Heldentaten der Verteidiger nicht minder; und trotzdem läßt sich sagen, daß die Belagerung Wiens durch S o l e i m a n den Prächtigen im Sommer 1529 nicht im entferntesten so bekannt und volkstümlich ist wie jene im siebzehnten Jahrhundert. Sultan Soleiman war wirklich ein großer Herrscher, der Gewaltigste, den der «stamm der Osmanen hervorgebracht hat, er faßte den Gedanken einer Moflemherrfchaft über die ganze Erde und fetzte ihn im ersten Jahrzehnt feiner Regierung auch mit Glück in Gang. 1521 fiel Belgrad in feine Hände, ein Jahr darauf eroberte er Rhodos, das die Johanniter vergeblich gegen feine Ueberzähl verteidigten, 1526 knechtete er fast ganz Ungarn durch den Sieg bei Mohärs, und fetzte den entarteten Johann Z a p o l y a als feinen Vafallenkönig ein. Nun spannen sich ein paar Jahre lang Verhandlungen, an denen König Franz I. von Frankreich einen verräterischen, überaus schädlichen Anteil hatte, indem er dem türkischen Großherrn den Rücken stärkte, um bei einem Türkensiege über Deutschland im Trüben zu fischen. Dann im Sommer 1529 zog Soleiman aus, um die christliche Welt zu erobern. In Mohärs küßte Johann Zapolya den Saum seines Gewandes und lieferte ihm die heilige Stephanskrone aus, in Ofen schon standen aber 700 deutsche Landsknechte auf der Burg und boten der .Viertelmillion der türkischen Streiter Trotz. Elf Stürme wiesen sie ab;'als die Burg nach der türkischen Beschießung einem Steinhaufen glich, verhandelten sie auf freien Abzug, erhielten ihn auch, wurden aber beim Ausmarsch bis auf den letzten Mann »iedergemetzelt. Ein deutsches Heer, das im Felde Widerstand hätte leisten können, war noch nicht vorhanden; bei Linz an der Donau sammelte es sieh langsam, aber ehe es auch nur zur Hälfte sich eingefunben hatte, überschritt Soleiman die Grenze, donauaufwärts, nach Mahren und Böhmen. Da warfen sich die Feldhauptleute des Kaisers nach Wien und beschlossen, die nicht einmal stark befestigte Hauptstadt zu halten. Die Belagerung begann, sechzehn Lager, 250000 Mann, legten sich rings um die Stadt, 25 000 Zelte waren aufgeschlagen, ungeheure Beute zusammengeschleppt. Nikolaus von Salm, aus dem alten rheinischen Dynastengeschlecht, befehligte neben anderen Führern, es waren an 17 000 Streiter, deutsche Landsknechte, Böhmen und Spanier die Werke wurden in Verteidigungszustand versetzt, die Vorstädte nieberqe- brannt, Proviant in die Stadt geführt. Die Wut der Verteidiger stachelte die Kunde von maßlosen Zerstörungen, Mordbrennereien und Scheußlichkeiten an, die sich die streifenden Banden der Türken, die „Renner und Brenner", im umliegenden Land« zuschulden kommen ließen. Damals wurden in Massen deutsche Frauen, Männer und Kinder gemartert, erstochen oder in die türkische Gefangenschaft geschleppt, und ein Schriftsteller berichtet, daß die Sklavenmürkte damals richtig überlastet gewesen seien. Jener Holzschnitt eines deutschen fliegenden Blattes, der einen türkischen Reiter zeigt, wie er gleich Schlachttieren ein deutsches Bauernpaar an einem Seile fortschleppt, während auf feiner Lanze ein Säugling aufgespießt ist, übertreibt sicher nicht. An der Verteidigung Wiens nahm der Kriegsadel Oesterreichs ruhmvoll Anteil, die Schwarzenberg, Starhemberg, Auersberg und Lichtenstein fochten mit den anderen in gelungenen Ausfällen, und bei den Stürmen der dreihundert Geschütze des Großherrn hatte Wien nur zweiundsiebzig gegenüberzustellen und die schwachen Befestigungen der Stadt lagen bald an mehreren Stellen in Trümmern, besonders aber setzten die türkischen Ingenieure der Umwallung mit Mienen zu. Am 9. Oktober flog eine zwischen der Hofburg und dem Kärtnertor auf, die Janitscharen stürmten mit ihrem Kriegsruf an, aber die Landsknechte riefen dagegen ihr „Her! Her!", und gegen ihre Spieße und Feuerrohre vermochte der türkische Sturm sich nicht zu halten. Fünfmal wurde, auch noch an anderer Stelle, der Angriff wiederholt, vergeblich; Wien hielt sich. Da brach ein rauher Spätherbst hinein, das ausgeraubte Land ernährte die türkischen Massen nicht mehr, Krankheiten brachen aus und Soleiman der Prächtige, der beim Losgehen der letzten Mine nicht einmal mehr einen Angriff gewagt hatte, zog sich eilig nach Ungarn zurück. Ungarn sollte noch ein Jahrhundert lang das türkische Joch tragen müssen. Wenn auch der Zusammenbruch des Soleimanschen Angrasfs nicht durch einen Feldzug beroirtt'rourbe wie 1683, so war doch der tapfere, entschlossene Widerstand Wiens entscheidend gewesen. Dunkle Schatten waren die zerstörten Dörfer und Siedlungen, die Tausende von verkauften Sklaven, das barbarisch auf Jahre hinaus verwüstete Land. Damals und 1683 wurde der östliche Vorstoß abgewehrt, endgültig, schrieben die Geschichtswerke. Der Weltkrieg hat uns Vorsicht bei solchen Dingen gelehrt. Nichts ist endgültig, die Welle des Völkerlebens hebt sich, senkt sich, hebt sich wieder. Auf den Stoß aus Osten folgte der Gegenstoß aus Westen, von den Zeiten P r i n z E u g e n s bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Jetzt gleitet die Welle wieder zurück, und wer weitsichtig ist, sieht östliche Kräfte, keine Türken natürlich, wieder gegen den Westen vorrücken; nicht mit kriegerischem Spiel, sondern mit blutgetränkten bolschewistischen Ideen. Fünf Dinge. Von I. W. von Goethe. Was verkürzt mir die Zeit? Tätigkeit! Was macht sie unerträglich lang? Müßiggang! Was bringt in Schulden? Harren und Dulden! Was macht Gewinnen? Nicht lange besinnen! Was bringt zu Ehren? Sich wehren! Seltene Gläser ans seltenen Erden. Von Professor Weilburg. (Nachdruck verboten.) Von allen Werkstoffen der heutigen Technik sind die Gläser die klarsten und durchsichtigsten; aber daraus folgt noch nicht, daß uns auch ihr Wesen klar und durchsichtig erscheint; es gibt uns im Gegenteil in vielen Fällen mehr Rätsel auf als einfachere, minder zusammengesetzte Stosse. Als ich kürzlich Professor W e i d e r t, früher einer der Leiter der neuerdings mit Zeiß verschmolzenen Optischen Werkstätten von C. P. Goerz, jetzt Professor an der Technischen Hochschule zu Berlin, in seinem Laboratorium besuchte, stellte er vor mich auf einen Tisch einige Gläser. Sie zeigten die bekannten Formen von Fruchtschalen, Weingläsern usw. Aber sofort fesseln sie den Blick: Wohl zeigen sie untereinander Unterschiede, aber eines ist allen gemeinsam: Sie wechseln ständig die Farbe; manche schillern, je nachdem wie der Blick auf sie fällt und ob sie von Tageslicht ober künstlichem Lichte getroffen werden, von blau bis rot, andere vom Grünen ins Gelbgrüne hinein, in dünnen Schichten haben sie sogar mitunter einen bräunlichen Ton. Auch wenn man die Gläser bewegt, schlägt die Farbe vielfach um, denn durch die Bewegung ändert sich natürlich die Dicke der Glasschicht, die das Licht durchsetzen muß, um in unser Auge zu gelangen. Noch viel merkwürdiger als diese Erscheinungen sind aber die, die zu ihrer Erklärung herangezogen werden. Professor Weidert entwirft im verdunkelten Raum ein Spektrum, leuchtende, satte SRegenbogenfarben. Nun gibt er mir ein paar von seinen Glasplättchen in die'Hand. Sie sind tnapp zentimeterdick und erscheinen dem nicht besonders aufmerksamen Blick als vollkommen farblos und klar durchsichtig. Erst bei schärferein Zusehen merkt man ganz geringe Spuren einer grünen, bräunlichen oder rötlichen Farbe. Nun aber sehe ich durch das Glas nach dem Farbenband ke zu- cheini- waren r, die berge- achelte cheuß, tenner . Da- emar- b ein rlastet ö, ber ltsches ie ein igung Barlt e i n innen 'ebzig i halb ischen eine ernten „Her! ftische Steile, auher lassen !, ber f geil ein nicht pfere, latten ver- b. ültig, >lchen t sich, egen- Ziger rrüd1, lieber i mit <■) klar- ) ihr ielen osfe. ber ■ P. nein iifer. UftD. ttcr- rbe; von rot, i sie be= sich i in ■ zu im ben. sind nett rem iber and bcs Spektrums un8 siehe da: Das Anscheinend' so harmlose dünne Glas ruft breite schwarze Streifen im Band ber Regenbogenfarben hervor; sie sind bei allen Gläsern verschieben; aber bei fast allen sind bie gelb- roten Teile des Spektrums am stärksten betroffen; bei manchen Glasern sind sie ganz verschwunden, bei anberen erscheinen bort zwei buntle Streifen, bie aber durch einen in ber ursprünglichen Farbe leuchtenden Strich getrennt sind; bei anderen Gläsern treten auch im roten Teil ober in anberen Teilen des Spektrums buntle Streifen auf; mitunter finb biefe ganz scharf begrenzt, mitunter auch unscharf, „verwaschen" wie der Fach- ausbruct lautet. Nun finb biefe Erscheinungen nicht so merkwürbig, wie sie auf ben ersten Blick vielleicht aussehen; olle Gläser, ja, alle burchsichtigen Stoffe überhaupt, verhalten sich ganz ähnlich, nur mit dem Unterschieb, daß bie Verschluckung — „Absorption" sagt der Physiker — meist nicht gerade ben verhältnismäßig engen Bereich ber sichtbaren Strahlen, sondern irgendeine andere Stelle des weit ausgedehnten Strahlengebietes betrifft. Wäre also unser Auge beispielsweise für ultraviolettes Licht empfindlich, fo könnten wir mit ganz gewöhnlichem Fensterglas ähnliche Versuche machen. Aber gerade dieser Umstand, baß bas vom Glas verschluckte Strahlengebiet dem sichtbaren Teil bes Lichtes angehort, macht ben Wert ber neuen Gläser aus; benn hierauf beruhen die sich nun leicht erklärenden Farbenerscheinungen: Nehmen wir an, bah betrachtete Glas habe einen breiten ,Verschluckbngsstreifen" im gelbroten, einen schmalen im blauen ober grünen Teil des Lichtes: Dann wird bei dünnen Glasschichten nur ber gelbrote Zeil bes Lichtes zurückgehalten; das durchgehenbe Licht erscheint, da ihm ein Teil bes zum Zustandebringen bes gewöhnlichen weißen Lichtes fehlt, gefärbt, und zwar etwa bläulich-violett, das bie Gegenfarbe des gelbroten ist. Wirb nun bie Glasschicht bitter, so macht dies für das gelbrote Licht nichts aus, benn dieses ist auch schon von dünnen Glasschichten verschluckt worben; wohl aber wächst nun bie bisher ganz unbebeutenbe Aufzehrung bes Lichtes im Grünen unb Blauen, unb so erscheint bas nunmehr noch durchgehenbe Licht rot. Daß bie Gläser verschiedene Farben zeigen, je nachdem ob sie von Tageslicht ober von künstlichem Licht getroffen werden, ist leicht erklärlich, benn beibe Arten von Licht weisen eine verschiedene Zusammensetzung auf, bie sich natürlich bei diesen Gläsern anders bemerkbar macht als bei anderen Gegenständen, die keine so scharfe und eigentümliche Farben- auslese zeigen. Der Grund für die eigenartigen Eigenschaften ber neuen Gläser liegt in ihrer Zusammensetzung; es spielen babei die sog. „seltenen Erben" eine mertroürbige Rolle. Das sind fonberbare Stoffe, mit denen die Ehemie lange Zeit weder praktisch noch theoretisch etwas anzufangen wußte. Sie zeigten bie für viele Fälle außerordentlich unbequeme Eigenschaft, daß ihr chemisches Berhalten fast keine Unterschiebe aufwies, obwohl sich sonst gerabe Stoffe von nahe bei einanberliegenben Atomgewichten chemisch sehr stark zu unterscheiben pflegen. Hier aber waren die Unterschiede so gering, daß in manchen Fällen nicht einmal bie Trennung gelang; man hielt Stoffe für einheitlich, bie in Wirklichkeit zwei biefer Elemente aufwiesen. Die Chemiker nannten bie ganze Gcpppe bie „Rumpelkammer der Natur" unb bamit mußte man sich zufrieben geben. , Ein neues Zeitalter für bie seltenen Erden begann, als Auer von W e l s b a ch eine von ihnen, das Cer, zu ben Strümpfen des Gasglühlichtes oerroenbete; ber Monazitfanb, ber babei als Rohstoff bient, unb ber leiber in Deutschland nicht vorkommt, wurde ein sehr geschätzter Stoff. Die Auergesellschaft aber hat noch heute den Alleinverkauf für" bie aus bem Monazitfanb gewonnenen Stoffe. 'Auch ber Grunb für bie gerabezu unerhörte große chemische Aehnlichkeit ber Stoffe ist nun geklärt: Die neue Atomtheorie zeigt, daß bie Unterschiebe ber seltenen Erben voneinanber tief im Atominnem liegen, währenb sich die chemischen Vorgänge an ber Atomoberfläche abspielen. Freilich hält diese Aehnlichkeit vor dem scharfen Blick des Optikers nicht stand, denn bie Farbenerscheinungen ber Gläser, insbesondere, wenn man sie mit bem Spektrum untersucht, finb ganz verschieben, je nach bem Vorhanbensein bestimmter Erben im Glas. Die Namen ber beiben wichtigsten finb Neodym und Praseodym. Die neuen Gläser finb praktisch und theoretisch von großer Wichtigkeit. Daß sie einen prächtigen und reizvollen Schmuck für jede Gasttafel abgeben, ist klar. Es ist auch beobachtet, baß viele Farben durch sie reiner und gesättigter erscheinen als von Natur. Das erklärt sich so, baß die von ihnen verschluckten Farben bem Auge als Mischfarben erscheinen, weil sie gleichzeitig zwei Farbenempfinbungen im Auge Hervorrufen. Fallen biefe Uebergangsfarben fort, so erscheinen bie übrig bleibenden Farben in klareren Unterschieden. Es kommt sogar vor, daß Farbenblinde, bie freilich nicht ganz „blinb" sein bürfen, burch biefe Gläser einen deutlicheren Eindruck des Rot und Blau haben, als es ihnen sonst mög- üch war. Auf diesem Gebiete bleibt eine wichtige Anwendung ber Gläser ber Zukunst vorbehalten. Meist minber wichtig finb bie Fortschritte in ber Erkenntnis. An Hand der Spektraluntersuchung können wir verfolgen, welche Rolle die seltene Erde in ben Gläsern spielt, können beispielsweise schließen, daß biefe Stoffe — ähnlich übrigens wie auch andere Metalle, z. B. Blei — ben Alkalien, etwa bem Natrium ober bem Kalium gegenüber wie eine Säure, Säuren (Kiesel-, Bor- unb Phosphorsäure) gegenüber wie eine Base auf- treten. So verfolgen wir ganz im einzelnen bas Berhalten von Stoffen, bie man früher nicht einmal von ihren Verwandten trennen konnte, unb oie man deshalb in bie erwähnte Rumpelkammer warf. Bon allen Werkstoffen, vielleicht nicht einmal bie Leichtmetalle ausgenommen, hat wohl keine Gruppe eine fo fabelhafte Entwicklung er= tabren wie die Gläfer. Nur wenige Grundstoffe waren es, die man stutz er zur Glasschmelze benutzte. Heute ist sozusagen kein Clement mehr davor sicher, in ein Glas hineingebracht zu werden. Dem Begründer der heutigen Glastechnik, Otto Schott, sagte man nach, daß er den Gläsern ins Herz zu blicken verstand. Es scheint, daß er in Weidert einen wür- oigen Nachfolger gesunden hat. Das beispiellose Abenteuer des Hans pfaall. Von Edgar Allan Poe. (Fortsetzung.) Nachdem ich den Sack so übergezogen unb nach allen Seiten und am Boben einen vollstänbig geschlossenen Raum hergestellt hatte, war es notrpenbig, feinen obersten Teil, seine Oeffnung, zu befestigen, indem ich ben Stoff über ben Rand bes Weidengeflechts zog, d. h. zwifchen Weibengeflecht unb Raub. Aber was sollte bie Gonbel festhalten, währenb bas Geflecht vom Rande entfernt war, um den Gummisack durch- zulassen? Run war bas Geflecht nicht unbeweglich an ber Gondel befestigt, sondern durch eine Anzahl von Schiffer- oder Laufknoten. Ich machte also nur einen Teil der Knoten zu gleicher Zeit auf, so daß die Gondel an ben übrigen hängen blieb. Nachbem ich so einen Teil des Tuches, bas ben oberen Teil bes Sackes bildete, eingefügt hatte, befestigte ich bie Laufknoten mieber, unb zwar nicht an bem Raub — das wäre ja nicht möglich gewesen, ba ber Stoff jetzt dazwischen steckte — sondern an einigen großen Knöpfen, bie am Stoffe selbst etw 3 Fuß über der Oeffnung des Sackes angebracht waren; die Abstände zwischen dey Knöpfen entsprachen genau ben Abstänben zwischen ben Laufknoten. Nachdem dies geschehen war, loste ich wieder eine Anzahl Knoten vom Rande, fügte einen neuen Teil des Tuches ein, unb bann trafen die gelösten Knoten mit ben zu ihnen paffenben Knöpfen zusammen. Auf diese Weise war es möglich, ben ganzen oberen Teil des Sackes zwischen Rand und Geflecht zu bringen. Nun könnte man annehmen, ber Raub mit ber Gonbel müsse herabgefallen sein, ba bas ganze Gewicht ber Gondel und ihres Inhalts nur durch bie Stärke ber Knöpfe gehalten würbe. Dies scheint auf den ersten Blick eine unzulängliche Verbinbung, aber sie war es durchaus nicht, benn bie Knöpfe waren nicht nur selbst sehr fest, son- bern auch so nahe beieinanber, baß nur ein sehr kleiner Teil bes ganzen Gewichtes an jebem einzelnen hing. Ja, wäre bie Gonbel unb ihr Inhalt noch breimal so schwer gewesen, hätte ich mir auch keine Gedanken darüber gemacht. Nun zog ich ben Reifen mieber in bem Kautschuküberzug hoch unb spannte ihn fast auf seine frühere Höhe burch brei leichte Stangen, bie ich für diese Gelegenheit vorbereitet hatte. Dies geschah natürlich, um den Sack oben ausgeftredt zu halten und ben unteren Teil bes Weibengeflechtes in seiner richtigen Stellung zu bewahren. Nun blieb nur noch bie Oeffnung bes abgeschlossenen Raumes zu befestigen, unb dies geschah rasch, inbem ich bie Falten bes Stosses vereinigte unb burch eine Art feststehendes Drehkreuz sehr bicht an der Innenseite zusammenbrehte. In ben Seiten bes so um die Gondel befestigten Ueberzuges waren brei Fensterscheiben von bickem aber klarem Glase angebracht, burch die ich ohne Mühe nach jeber horizontalen Richtung sehen konnte. In bem Teil bes Stoffes, ber ben Boben dübele, war ein viertes Fenster derselben Art eingesetzt, bas in einen kleinen Spalt ber Gonbel paßte. Dies ermöglichte mir, senkrecht herunterzusehen; aber da ich wegen der Falten, bie sich in bem Stoffe burch bie befonbere Art feiner Befestigung gebilbet hatten, keine entfpredjenbe Einrichtung über mir anzubringen vermochte, konnte ich nicht erwarten, baß mir Dinge im Scheitelpunkte über mir sichtbar würben. Doch bas war von geringer Wichtigkeit, denn selbst wenn es gelungen wäre, ein Fenster oben anzubringen, würde der Ballon selbst mich an seinem Gebrauch gehindert haben. Ungefähr einen Fuß unter einem der Seitenfenster befand sich eine kreisförmige Oeffnung, an deren innerer Kante ein Messingring mit Schraubgewinde angebracht war. In diesen Ring wurde ber Schlauch bes Kondensators eingeschraubt, dessen Hauptteil" natürlich im Innern ber Gummizelle war. Durch biefen Schlauch wurde ein gewisser Teil ber umgebenben dünnen Atmosphäre vermittelst eines luftleeren Raumes im Innern ber Maschine angezogen unb bann in fonbenfiertem Zu- ftanbe entloben, um sich mit ber bünnen Luft zu vermischen, bie. bereits in ber Zelle war. Dieses mehrmals wiederholte Verfahren füllte schließlich ben Raum mit einer zum Atmen ganz geeigneten Atmosphäre. Aber in einem so engen Raume wäre sie natürlich sehr bald verdorben und durch das häufige Ausatmen aus ber Lunge untauglich geworden. Deshalb wurde sie aus einem kleinen Ventil am Boden ber Gondel abgelassen, da bie biefe Luft leicht in bie bünne Atmosphäre heruntersank. Um bie Unerträglichkeit, zu irgenbeiner Zeit einen vollstänbig luftleeren Raum innerhalb ber Zelle Herstellen zu müssen, zu vermeiden, wurde diese Reinigung niemals auf einmal bewirkt, sondern nach unb nach, inbem ich das Ventil nur wenige Sekunden öffnete und wieder schloß, bis ein bis zwei Stoße ber Pumpe bes Konbensators die abgelassene Luft ersetzt hatten. Als Experiment hatte ich bie Katze mit ihren Jungen in einen kleinen Korb gesetzt unb außerhalb ber Gonbel an einen ber untersten Knöpfe aufgehängt in ber Nähe bes Ventils, durch das ich sie jederzeit füttern konnte, wenn es nötig war. Dies geschah nicht ohne Gefahr. Bevor ich die Oeffnung des Zimmers schloß, indem ich mit einem der erwähnten Stäbe, an dem ich einen Haken befestigt hatte, unter die Gondel reichte. Sobald dichte Luft dem Raume zugesührt war, wurden Reifen und Stäbe unnötig, ba bie Expansion ber eingeschlossenen Atmosphäre ben elastischen Gummi mächtig ausbeljnte. Als ich 'mit diesen Einrichtungen vollstänbig fertig war, und wie beschrieben den Raum gefüllt hatte, war es 10 Minuten bis 9 Uhr. Während der ganzen Zeit meiner Beschäftigung damit litt ich die schrecklichsten Qualen durch Atemnot, unb bitter bereute ich bie Nachlässigkeit ober sogar Tollkühnheit, deren ich mich schuldig gemacht hatte, als ich eine so wichtige Sache auf den letzten Augenblick verschob. Aber nachdem sie vollendet war, genoß ich sogleich die Vorteile meiner Erfindung. Endlich atmete ich wieder vollständig frei und leicht, unb weshalb sollte ich auch nicht? Es überraschte mich auch angenehm, baß ich in hohem Maße von ben heftigen Schmerzen befreit war, bie mich seither geplagt hatten. Leichte Kopfschmerzen unb ein Gefühl von Vollsein unb Äusdehnung in ben Hanb- unb Fußgelenken und im Halse waren fast die einzigen Beschwerden, über die ich jetzt zu flogen hafte. Daraus ging hervor, daß ber größte Teil ber Schmerzen, bie bas Fehlen des Luftdruckes begleiteten, jetzt uerminbert waren, wie ich erwartet hafte, und daß die in den letzten M tor' Verantwortlich: vr. Han» Thhriot. — Druck und Verlag: Drühl^fche Mnioetf itätee&u<$« und Steindruckeret.R. Lang«, Dieben- meh tooii selbst r fter, die man 3 rasch 2 Auge R mach hina> fiinti A [enet wirr Augi r Sinn schön G das seine Sie V der« klein Met schrc Ster leidi 2 Rigi zwei Stunden erlittene Qual nur die Wirkung der mangelhaften Atmung war. 20 Minuten vor 9 Uhr, also kurz bevor ich die Oeffnung der Zelle schloß, hatte das Quecksilber seine Grenze erreicht oder war im Barometer, das, wie schon gesagt, von besonders großer Bauart war, abgelaufen. Es zeigte jetzt eine Höhe von 132 000 Fuß oder 25 Meilen, und ich konnte also damals von der Erdoberfläche einen Abschnitt übersehen, der nicht weniger als den 320. Teil ihres ganzen Umfanges ausmachte. Um 9 Uhr sah ich im Osten wieder kein Land mehr, aber erst als ich bemerkte, daß der Ballon rasch nach NNW trieb. Der Ozean unter mir behielt seine scheinbare Konkavität, obgleich mein Blick oft durch die hin- und herflutenden Wolkenmassen aufgehalten wurde. Um 9.30 Uhr machte ich das Experiment, einige Handvoll Federn aus dem Ventil zu werfen. Sie schwebten nicht, wie ich vermutet hatte, sondern fielen alle zusammen mit größter Geschwindigkeit wie eine Kugel herunter und waren nach wenigen Sekunden aus meinem Gesichtsfelde verschwunden. Ich wußte zunächst nicht, was ich aus dieser außergewöhnlichen Erscheinung machen sollte, da ich nicht glauben konnte, daß die Geschwindigkeit meines Aufstieges plötzlich so ungeheuer zugenommen habe. Aber bald begriff ich, daß die Atmosphäre jetzt viel zu dünn war, um auch nur Federn zu tragen, daß sie tatsächlich mit so großer Geschwindigkeit fielen, wie es den Anschein hatte, und ich durch die gleichzeitige Schnelligkeit ihres Fallens und meines Aufstieges überrascht wurde. Um 10 Uhr hatte ich wenig Interessantes zu beobachten. Alles ging glatt, und ich glaubte, der Ballon befinde sich jetzt in einem jeden Augenblick schneller werdenden Aufstiege, obgleich ich keine Möglichkeit besaß, die SchnelligkeUszunahme zu messen. Ich fühlte weder Schmerzen noch Unwohlsein irgendwelcher Art und war in besserer Stimmung als je seit ich Rotterdam verlassen hatte; beschäftigte mich bald mit dem Nachprüfen meiner verschiedenen Apparate, bald mit der Erneuerung der Luft in der Zelle. Für diese hatte ich beschlossen, regelmäßige Abstände von vierzig Minuten einzuhalten, mehr meiner Gesundheit zuliebe, als weil eine so häufige Lufterneuerung nötig gewesen wäre. Inzwischen konnte ich mich nicht enthalten, Zukunftbilder zu .ntwerfen. Meine Einbildungskraft schwelgte in der Vorstellung der wilden und traumhaften Gefilde des Mondes. Die plötzlich entfesselte Phantasie schweifte nach Herzenslust durch die ewig wechselnden Wunder eines schwankenden Schattenlandes. Einmal sah ich altersgraue, urehrwürdige Wälder mit felsigen Abhängen und Wasserfällen, die mit lautem Getöse in bodenlose Abgründe stürzten; dann kam ich plötzlich in ewig mittägliche Einöden, wo kein Wind vom Himmel jemals eindrang und weite Strecken, mit Mohnwiesen und schlanken liliengleichen Blumen bestanden, sich ewig still und bewegungslos ausdehnten. Dann wieder geriet ich tief hinab in eine andere Gegend, die nur von einem einzigen trüben, dunklen, von Wolken eingefaßten See erfüllt war. Aber diese Bilder waren nicht die einzigen, die meinen Geist beherrschten. Finstere, entsetzliche Schrecken drängten sich allzu häufig meinem Gemüte auf und erschütterten die innersten Tiefen meiner Seele nur durch die Ahnung ihrer Möglichkeit. Aber ich ließ meine Gedanken nicht bei diesen Vermutungen verweilen, da ich fand, daß die wirklichen und greifbaren Gefahren meiner Reise schon für meine ungeteilte Aufmerksamkeit genügten. Als ich um 5 Uhr damit beschäftigt war, die Luft zu erneuern, benutzte ich die Gelegenheit, um die Katze und ihre Jungen durch das Ventil zu beobachten. Die Katze selbst schien wieder sehr zu leiden, was ich ohne weiteres hauptsächlich den Atembeschwerden zuschrieb; aber mein Experiment mit den Kätzchen hatte sehr merkwürdige Ergebnisse. Ich hatte natürlich erwartet, daß sie auch einige Qual äußern würden, obgleich in geringerem Maße als die Mutter, und dies hätte genügt, um meine Ansicht bezüglich des gewohnheitsmäßigen Ertragens des Luftdruckes zu bestätigen. Aber ich war nicht darauf vorbereitet, sie bei genauster Untersuchung kerngesund zu finden, mit größter Leichtigkeit und völliger Regelmäßigkeit atmend und nicht das geringste Unbehagen äußernd. Dies konnte ich mir nur erklären, indem ich in meiner Annahme noch weiter ging, nämlich, daß die stark verdünnte Luft ringsum vielleicht nicht, wie ich sicher angenommen hatte, chemisch ungenügend für das Leben fei, und daß möglicherweise ein in diesem Medium geborenes Lebewesen schließlich gar keine Belästigung bei der Atmung fühlen, sondern im Gegenteil beim Versetzen in eine dichtere Luft dieselben Qualen erleiden könne, die ich kürzlich durchmachte. Seither habe ich immer tief bedauert, daß ich durch einen widrigen Zufall meine kleine Katzenfamilie verlor, was mich der Einsicht in diese Frage, die ich durch fortgesetzte Beobachtung vielleicht hätte gewinnen können, beraubte. Als ich meine Hand mit einer Schale Wasser für die alte Katze durch das Ventil schob, blieb mein Hemdärmel in dem Laufknoten, der das Körbchen festhielt, hängen und löste es einen Augenblick vom Knopfe. Wäre das Ganze plötzlich in Luft aufgegangen, hätte es nicht plötzlicher und unerwarteter meinen Blicken entzogen werden können. Zwischen dem Loslösen des Korbes und seinem völligen Verschwinden ist sicher nicht eine Zehntel Sekunde vergangen. Meine guten Wünsche begleiteten Katze und Kätzchen, aber ich hatte natürlich keine Hoffnung, daß.sie am Leben bleiben könnten, um von ihrem Unglück zu erzählen. Um 6 Uhr bemerkte ich, daß der östliche sichtbare Teil der Erde größtenteils in dicke Schatten gehüllt war, die mit großer Geschwindigkeit zunahmen, und 5 Minuten vor 7 Uhr war die ganze sichtbare Fläche in nächtliches Dunkel gehüllt. Die Strahlen der untergehenden Sonne hörten jedoch erst viel später auf, den Ballon zu beleuchten. Obgleich ich dies selbstverständlich erwartet hatte, verursachte es mir doch großes Vergnügen. Es ging daraus hervor, daß ich morgens das aufgehende Gestirn mindestens viele Stunden früher sehen werde als die Bürger von Rotterdam, obgleich ihre Lage viel östlicher war, und daß ich so Tag für Tag im Verhältnis zu der erreichten Höhe das Sonnenlicht immer länger und länger genießen könne. Ich beschloß nun, ein Reisetagebuch zu fuhren, wobei ich die Tage durchgehend mit 24 Stunden 6«, rechnete, ohne die Zeit der Dunkelheit zu berücksichtigen. Als ich um 10 Uhr schläfrig wurde, beschloß ich, mich zur Nachtruhe niederzulegen. Aber hier zeigte sich eine Schwierigkeit, an die ich, trotzdem sie einleuchtend genug ist, bis zu dem Augenblicke, von dem ich eben spreche, nicht gedacht hatte. Wenn ich schlafen ging, wie ich mir vornahm wie konnte dann in der Zwischenzeit die Luft in der Zelle erneuert werden? Es war unmöglich, sie länger als eine Stunde einzuatmen, und selbst wenn diese Zeit nur um eine Viertelstunde verlängert würde könnten die verhängnisvollsten Folgen daraus entstehen. Die Wahrnehmung dieser Verlegenheit bereitete mir keine geringe Sorge; vielleicht wird man mir nicht glauben, daß nach allen Gefahren, die ich durchgemacht hatte, ich diesen Punkt so schwer nahm, daß ich alle Hoffnung auf die glückliche Ausführung meines Endzweckes aufgeben und mich zu der Notwendigkeit entschließen wollte, abzusteigen. Aber diese Zögerung war nur vorübergehend. Ich überlegte, daß der Mensch der ausgemachte Sklave seiner Gewohnheiten ist, und daß manche Dinge im regelmäßigen Laufe seines Lebens überhaupt nur für unbedingt notwendig gelten, weil er sie durch seine Gewohnheit dazu gemacht hat. Sicher war, daß ich e5 ohne Schlaf nicht aushalten konnte, aber ich mußte mich doch leicht an die Unbequemlichkeit gewöhnen können, während der ganzen Zeit meiner Ruhe alle Stunde geweckt zu werden. Die Luft ausgiebig zu erneuern, erforderte nicht mehr als höchstens 5 Minuten, und die ganze Schwierigkeit bestand darin, ein Mittel zu erfinden, um im richtigen Augenblft wach zu werden. Die Lösung dieser Frage machte mir, ehrlich gestanden, große Mühe. Ich hatte natürlich von dem Studenten gehört, der, um nicht über den Büchern einzuschlafen, in einer Hand eine Kupferkugel hielt, deren Fallen auf eine Metallschale, die auf dem Fußboden neben seinem Stuhle stand, sehr wirksam dazu diente, ihn aufzuwecken, wem die Müdigkeit ihn einen Augenblick Überwältigt hatte. Aber mein Fall lag anders und konnte nicht in dieser Weise erledigt werden, denn ich wollte ja nicht wach bleiben, sondern in gleichmäßigen Abständen aus dem Schlafe geweckt werden. Schließlich verfiel ich auf folgenden Ausweg, Ich muß vorausschicken, daß der Ballon in seiner jetzt erreichten Höhe noch immer seinen Aufstieg mit gleichmäßiger und regelmäßiger Steigerung fortsetzte, und die Gondel mit so vollkommener Stetigkeit folgte, daß nicht die geringste Schwankung fühlbar war. Dieser Uebelstand kam mir sehr zugute bei dem Plan, den ich nun auszuführen beschloß. Mein Wasservorrat war an Bord in Fäßchen von je 5 Gallonen Inhalt aufbewahrt, die sehr sorgfältig in der Gondel rundum verstaut waren. Ich band eins davon los, nahm zwei Taue, band sie fest quer über den Rand des Flechtwerkes, so daß sie etwa einen Fuß auseinander und parallel lagen und eine Art Lager bildeten; legte das Fäßchen darauf und befestigte es in wagerechter Lage. Etwa 8 Zoll genau unter diesen Tauen und 4 Fuß vom Boden der Gondel entfernt befestigte ich ein anderes Lager, dieses aber aus einer dünnen Planke, dem einzigen Stück Holz dieser Art, das ich besaß. Auf dieses Gestell und genau unter den einen Rand des Fäßchens stellte ich einen kleinen irdenen Krug. Nun bohrte ich ein Loch in den Boden des Fasses über dem Kruge und paßte einen Spund aus weichem Holze hinein, der in spitz zulaufender oder konischer Form geschnitten war. Diesen Spund probierte ich solange aus, bis er gerade so fest war, daß das aus dem Loch sickernde und in den darunter befindlichen Krug fallende Wasser diesen im Verlauf einer Stunde bis zum Rande füllte. Das war leicht festzustellen, indem ich beobachtete, wie rasch der Krug gefüllt werden konnte. Nachdem ich dieses alles in Ordnung gebracht hatte, war mein übriger Plan klar. Ich legte mein Bett so auf den Boden der Gondel, daß mein Kopf genau unter den Ausguß des Kruges . zu liegen kam. Nun mußte also nach Verlauf einer Stunde der Krug, der vollgeworden war, überlaufen, und zwar aus dem Mundstück, das etwas 1 niedriger lag als der Rand. Ebenso sicher war, daß das Wasser aus einer Höhe von 4 Fuß auf mein Gesicht fallen und ich infolgedessen sofort auf- wachen mußte — selbst aus dem festesten Schlummer der Welt. Es war genau 11 Uhr, als ich diese Vorbereitungen vollendet, halle, und ich legte mich sofort nieder im festen Vertrauen auf die Wirksamkeit meiner Erfindung. Auch wurde ich in dieser Beziehung nicht enttäuscht. Pünktlich alle 60 Minuten weckte mich mein zuverlässiger Zeitmesser, und nachdem ich den Krug wieder in das Spundloch des Fäßchens geleert und die Bedienung des Kondensators besorgt hatte, legte ich mich wieder zu Bett. Diese regelmäßigen Unterbrechungen verursachten mir sogar weniger Unbehagen, als ich befürchtet hatte, und als ich schließlich endgültig ausstand, war es 7 Uhr, und die Sonne hatte viele Grade über meiner Horizontlinie erreicht. 3. April Ich fand, daß der Ballon jetzt in einer ungeheueren Höhe und die Konvexität der Erde überraschend deutlich sei. Unter mir im Meer lag eine Gruppe schwarzer Flecken, die zweisellos Inseln waren. Der Himmel über mir war pechschwarz und die Sterne glänzend sichtbar; übrigens waren sie das immer seit dem ersten Tage meines Aufstieges. Fern ini Norden sah ich eine dünne, weiße und äußerst glänzende Linie am Rande des Horizonts, und ich zögerte nicht, sie für die südliche Eisscheibe des Polarmeers zu halten. Meine Neugier war heftig erregt, denn ich hoff» noch viel weiter nördlich zu kommen und mich vielleicht zu irgendeiner Zeit genau über dem Pol selbst zu befinden. Ich bedauerte nur, daß tn diesem Falle meine große Höhe nicht verhindern würde, eine so genaue Untersuchung vorzunehmen, wie ich sie gewünscht hätte. Immerhin wurde ich vieles feststellen können. An diesem Tage ereignete sich sonst nicht» außergewöhnliches. Mein Apparat arbeitete weiter in guter Ordnung und der Ballon stieg ohne wahrnehmbare Schwankung. Die Kälte war sehr groß und zwang mich, mich fest in meinen Ueberrock zu lMm Als die Erde im Dunkel tag, ging ich zu Bett, obgleich noch viele Stunden rings um meine eigene Lage helles Tageslicht blieb. Die WasstE war pünktlich in ihrem Dienst und ich schlief fest bis zum Morgen, außer den regelmäßigen Unterbrechungen. (Fortsetzung folgt.) ____