SiehenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang {929 Montag, den |9. August Ünütmer 6< Sommer-Refektorium. Von Eduard Mörike. Sommerlich hell empfängt dich ein Saal; man glaubt sich in einem Dom; doch ein heiterer Geist spricht im Erhabnen dich an. Ha, wie entzückt aufsteiget das Äug' im Flug mit den schlanken Pfeilern! Der Palme vergleicht fast sich ihr lustiger Bau. Denn oielstrahlig umher aus dem Büschel verlaufen die Rippen Oben und knüpfen, geschweift, jenes unendliche Netz, Dessen Felder phantastisch mit grünenden Ranken der Maler Leicht ausfüllte; da lebt, was nur im Walde sich nährt: Frei in der Luft ein springender Eber, der Hirsch und das Eichhorn; Habicht und Kauz und Fasan schaukeln sich auf dem Gezweig. — Wenn, von der Jagd herkommend, als Gast hier speiste der Pfalzgraf, Sah er beim Becher mit Lust über sich sein Paradies. Sommer. Von Waldemar B o n s e l s. Als der Vagabund das von Erlen und Weidengebüsch bewachsene Ufer des Flusses erreicht hatte, warf er sich ins Gras nieder, das in der feuchten, kühlen Erde so hoch stand, daß es ihn wie eine kühle Flut ausnahm und überschlug. Es war so still umher, daß man die Flügel der Libellen in der Luft des warmen Mittags hörte und die geheimnisvollen Stimmen des träge dahinziehenden Wassers. Die Rohrspatzen schrien im Schilf in einer nahen Sumpfniederung, in der das tote Wasser zwischen den hohen Halmen in der Sonne glitzerte. Der Ruhende dachte an das heiße Leidensband der Landstraße wie an eine überstandene schmerzhafte Krankheit, trocknete seine Stirn und atmete tief, als tränke er seine Genesung in diesem Frieden. Der sanfte Wind bewegte über seinen Augen die Halme, sie schaukelten im Himmel. Eine Biene zog daher, summte sorgenvoll und ließ sich am Rand des Kelches einer Sommerblume nieder, die sich mit ihr neigte. Das kleine Tier zog in die farbige Helligkeit der Blüte em, in den strahlenden Sonnentempel, in dessen reiner Halle das Leben einander suchte und begegnete, in den einfältigen Wundern der 9 bekommen einen heillosen Respekt, wenn sie sie anbonnert wie ein alter Seebär. . _ 2. Tag: Der Navigationsoffizier hat sich mit Karten und einem Kompaß versehen. Ich habe „Tierchen" aus dem Dock geholt und die Ladung übernommen: einige handliche Rindlederkoffer mit Kleidern, Zahnbürsten, Hemdchen und was sonst noch nötig ist. borgen geht es los. 3. Tag: Wir sind in aller Frühe ausgebrochen, von Berlin aus. Hinter dem Wannsee lag eine Nebelbank. In Treuenbrietzen gibt es Krach mit der Mannschaft, die einen Engländer verlegt hat. Die Mannschaft nimmt sich das wenig zu Herzen und intoniert — geographisch ganz auf der Höhe — das Lied vom Sabinchen, dem Frauenzimmer und ihrem hier beheimateten Schuhmachergesellen. Wittenberg ist die erste Stadt, in der wir uns „vollkommen verreist" haben und neugierig Umschau halten. Wir sehen in der Stadtkirche einen Granach und einen Dürer und in der Lutherkirche zwei sehr schöne Bronzeplatten von Peter und Hans Vischer. Dann geht es weiter über die große Elbebrücke durch das schlecht duftende Bitterfeld nach Leipzig, wo wir zu übernachten gedenken. (Warum es Pleiße-Athen genannt wird, haben wir in dieser Nacht nicht feststellen können.) 4. Tag: Wir fahren durch das sanfte Hügelland Thüringens. Louthe entdeckt in einem Winkel ihrer Seele den Hang zum Romantischen. Jede Felswand bringt sie in Ekstase, und an hundert verschiedenen Orten versichert sie, hier und nirgends anders wolle sie ihren Lebensabend beschließen. „Tierchen" macht gute Fahrt; der Navigationsoffizier kann schon nicht mehr ausrechnen, wieviel Knoten in der Stunde, bis ... 45 Fahrtminuten hinter Tennenlohe bleibt „Tierchen" plötzlich stehen. Die Mannschaft, noch von Thüringen her gerührt, findet auch dies sehr romantisch. Mich überkommt ein gelinder Graus. Verstopfte Benzinzuleitung — verdreckte Düsen — Zündungsdefekt — selbst ein mit allen Wassern gewaschener Kapitän neigt leicht dazu, sich gleich mit dem Schlimmsten zu erschrecken, zumal wenn es dunkel wird... Ich klettere aus dem Wagen, hebe die Motorhaube ab, schraube die Kerzen heraus, betrachte mit Ingrimm den Verteiler, sauge an der Düse. Benzin schmeckt zum... Weinen. Wie kann man nur so viel davon halten — aber ich kann nichts finden. Louthe ersinnt sich, daß jetzt der Mond aufgehen solle, und bringt mich an den Rand der Berzweiflung. Vollkommen desperat betrachte ich „Tierchen", das gravitätisch und eigensinnig mitten aus der Chaussee steht. Plötzlich kommt mir ein Gedanke: „Benzin", schreie ich, „Benzin, Stoff!" Und schon schraube ich aufgeregt den Tank aus. „Wann haben wir zum letzten Mal getankt?" frage ich streng die Mannschaft. Die zieht einen Flunsch und zuckt mit den Schultern. „Du wirst wohl heute deinen Mond noch aufgehen sehen," denke ich wütend. Das also ist der Grund allen Hebels. Wir haben keinen Stoff mehr. Es ist schon recht schummrig geworden. Man sieht nicht mehr allzu weit. „Wenn jetzt kein Auto kommt, sind wir aufgeschmissen!" sage ich zu Louthe. Sie bleibt sehr gleichgültig. „Romantisch," sagte fie. Wenn sie nur ahnte, wie sehr mir ihre Romantik auf die Nerven geht... Aber wir haben Glück. Es ist noch keine Stunde vergangen, da leuchtet der Horizont auf. Ein Auto. Wir stoppen den Wagen, und fein Besitzer, ein freundlicher Bayer, ist . bereit, mich nach Tennenlohe mitzunehmen zum Benzin besorgen. Louthe muß bei „Tierchen" bleiben. Der Bayer ist wirklich ein netter Mann. Er läßt sich von mir betören und fährt mich von Tennenlohe wieder zu „Tierchen" zurück. Einsam steht es im Licht unserer Scheinwerfer auf der Straße. Wo mag Louthe sein? Ich rufe Hallo. Da rast sie uns auch schon entgegen. „Ich habe kein Benzin," jammert sie „Ich kann hier nicht weiter." „Ach nein," platze ich heraus, „nicht zu glauben". Wir halten. Jetzt erst erkennt sie mich. „Ach du bist es, Kapitän," sagt sie. Und nun schimpft sie los. „Denk dir, was mir passiert ist! Ich sitze ganz artig hier und habe Angst. Mit der Romantik ist das so eine Sache. Da hält plötzlich ein Auto kurz vor mir. Ein Kerl kommt raus, weißt du, so ein Eingeborener, mit Lederhosen und Knicker, mit Stutzen und brüllt, daß ich glaube, mein letztes Stündlein sei gekommen. Ich denke an Jiu-Jitsu und frage schüchtern: „Wie bitte?" „Saupreißen!" schreit er, „könnt Ihr nicht aus dem Sommerweg halten?" „Verstehen Sie doch, „Tierchen" hat kein Benzin," schrie ich. „Dann schieben's den Wagen doch 'nüber!" sagt der Wilde. „Mit Ihrer gütigen Mithilfe ja!" flüstere ich schwach. Da ist er schon davon. „Denf dir bloß, wenn er ein Mörder gewesen wäre." An diesem Abend wurde die ganze Mannschaft auf halbe Ration gesetzt wegen feigen Verhaltens vor dem Feind. 5. Tag: Wir haben in Nürnberg übernachtet. Die Kojen waren gut Heute soll's bis München gehen. In Ingolstadt winken uns zwei Hamburger Zimmerleute — die einzigen Zünftler unserer Zeit. Da sie in ihrer alten Handwerkertracht dekorativ aus sehen, nehmm wir sie mit. Sie wollen nach Pfafsenhofen. Rechts und links stehen sie auf den Trittbrettern unseres Wagens und balancieren auf einem Sein, um zu zeigen, daß sie Gleichgewicht gelernt haben. Und nun fangen sie an zu erzählen. In drei Wochen wollen sie in Wien fein, zur Arbeit gehen — weiß Gott, auf welchen Umwegen noch! Der eine wird plötzlich ein bißchen verzweifelt. „Es ist ein anstrengendes Leben," sagte er, und seine Jungensstirn legt sich in schwere Falten. Wir fahren in Pfaffenhofen ein. Die Mannschaft kramt in ihrem Portemonnaie. Der Schein, den sie hervorzieht, wird für die nächste Mahlzeit der Jungen reichen. Sie verabschieden sich artig und verlassen uns ein wenig getröstet. „Sie waren so reizend," lispelte die Mannschaft. Und wie ich sie nun angucke, wird sie ganz rot. 6. Tag: In München wollen wir bleiben. Es soll unser Hauptquartier fein, von dem aus wir Ausflüge machen wollen, um Bayern gut kennenzulernen. Adieu, Hauptquartier! Wir steuern auf Mittenwald zu. Weithin klare Sicht. Großhesselohe, Wolfratshausen. Die Berge liegen vor uns. Heber die grünen Wiesen springen die neugierigen Kühe, um „Tierchen" zu begrüßen. Kochel, der herrliche Kochelsee. Die Straße sührt dicht am Wasser entlang. Die Mannfchaft stöhnt unvermittelt über Hitze und macht sich eifrig an den Koffern zu schaffen. Der Kapitän begreift und steuert in einen Seitenweg. „Tierchen" bleibt am Ufer stehen, behangen mit Kleidungsstücken aller Art und wartet auf uns, die wir begeistert ins Wasser stürzen. Nach dem Bad schlafen wir auf dem Hang und fahren dann weiter. Hinter Mittenwald ragt das Karwendelgebirge in den blauen Nachmittagshimmel. Die Stadt hat die fdjönftbemalten Häuferfaffaden in dieser Gegend. Noch sehr viel Geigenbauer gibt es hier. Wir schauen uns tine Werkstatt an. Da liegen Geigenboden und -decken in großen Mengen herum. Sie werden nicht mehr wie früher mit der Hand, sondern mit Maschinen geschnitten. Von ihren edlen Vc-bildern sind diese Instrumente kaum zu unterscheiden. Die Maserung ist gewählt schön, und die Schnecken prächtig geschnitzt. Und doch, welch ein Unterschied im Ton! Louthe spielte eine Suite von Bach und bekommt immer mehr Publikum, Kenner und Liebhaber von München. 7. Tag: Heber das phantastische Wasserburg, Altenmarkt, Reichenhall sahren wir nach Berchtesgaden. Wir kommen an eine wunderschöne eingezäunte Wiese mit blühenden Glockenblümchen und Mar- gueriten. In der Mitte steht ein großes Schild: Icering. Wir sind im strahlendsten Sommer im Wintersportland. Von Berchtesgaden nach dem Königssee sahren wir zwischen zweimal Atemholen — im Winter auf Skiern dauert das eine Stunde .Wir lassen „Tierchen" am Ufer stehen, mieten ein Boot, und die Mannschaft kommt endlich dazu, ihren wahren Beruf auszufüllen: rudern bis die Hände heiß werden. Stundenlang liegen wir gegenüber dem Kloster St. Bartholomä, dessen runde Türme sich zitternd im Dunkelgrün spiegeln. Am Ufer treffen wir Amerikaner, Cook-Leute, wie man sie überall findet. Sie sehen einander ähnlich wie Zinnsoldaten diese bunten, uniformierten Fertigfabrikate. Erinnert man sich später ausnahmsweise an einen van ihnen, so weiß man nie recht, hat man ihn in Sidney ober in Spandau getroffen. In jeder Schachtel Zinnsoldaten findet man einen Offizier — in jeder Cook-Gruppe eine besonders häßliche, herrische ältere Dame, die mit vieler Energieentfaltung ihre unerwünschte Privatmeinung zu äußern gewohnt ist. Da ihr niemand aus ihrer Gesellschaft mehr zuhört, wendet sie sich an uns. Wir empfehlen ihr, den Watzmann zu besteigen (sie wird selbst das große weiße Schweigen als Gesprächspartner benutzen, sagt Louthe) und fahren nach dem Hauptquartier zurück. Morgen ist Rasttag. 8. Tag: „Tierchen" bleibt heute in der Garage. Wir haben uns gerührt von ihm verabschiedet mit einem Klaps auf den Notsitz und Louthe konnte es nicht unterlassen, ihm noch schnell und zärtlich in die Pneus zu kneifen. Nun , trotten wir durch die Straßen von München. Louthe ist einsilbig und melancholisch. „Weißt du," sagte sie, „im Auto macht sich doch alles schöner." „Es hat so seine eigene Romantik," meine ich versöhnlich. Aber selbst soviel Entgegenkommen vermag ihre Laune nicht aufzubessern. „Was soll denn von einem Mädchen noch übrigbleiben, wenn man das Auto abzieht," klagt sie bitter, und gibt mir ein Re- chenexempel auf, das ich nicht lösen kann. Neue Ergebnisse der Meteorsorschung. Von Arthur Stendel. Während die Menge der täglich in unsere Atmosphäre eindringenden kleinen Meteore oder Stern schnuppen, soweit man sie mit unbewaffnetem Auge beobachten kann, rund 1,5 Millionen, und soweit sie sich noch im Fernrohr zeigen, d. h. bis zur Helligkeit der 11. Größenklasse herab, mindestens 35 Millionen beträgt, ist die Zahl der aus dem Welträume auf die Erde stürzenden großen Meteore oder 8 eu erlüg ein im Vergleiche mit jenen nur gering, um so geringer, je schwerer die Körper sind. Beider wissenschasiliche Erforschung gehört erst der neueren Zeit an, sie setzte mit besonderer Gründlichkeit, sowohl bei den kleinen wie bei den großen Meteoren, jedesmal nach einem außerordentlichen Ereignisse ein. So veranlaßte der gewaltige Stern- schnuppensall Mitte November 1866 Professor Schiaparelli und andere Astronomen zur Hntersuchung über den Zusammenhang zwischen Meteoren und Kometen, und so regte auch die ungeheure Meteorkatastrophe im sibirischen Hrwald am 30. Juni 1908 Professor L. A. Kulik zu eingehendem Studium am Orte des Meteor-Einschlags an und gab wohl den Anstoß zur wissenschaftlichen Hntersuchung anderer schon vor langer Zeit niedergegangener, doch bisher wenig beachteter großer Meteormassen. Im Gegensatz zu den zahlreichen, stets in der höheren Atmosphäre vergafenden und deshalb nie die Erdoberfläche erreichenden winzigen Körperchen der Sternschnuppen fordern die selteneren, vielfach auf die Erde niederstürzenden und zuweilen sehr schweren Stein- oder Metallmassen der Feuerkugeln unser besonderes Interesse heraus, da sie — was bisher in historischer Zeit glücklicherweise noch nicht vorgekommen ist — in bewohnter Gegend bedenkliches Hnheil anrichten können, vielleicht auch einmal anrichten werden. Eine gewisse Gefahr bieten schon die in ganzen Schwärmen von größeren und kleineren Körpern aus dem Welträume die Erde treffenden und afs sog. Steinregen sich über ein weites Gebiet verbreitenden Meteore. Beispielsweise zählte man nach dem Meteorsall von Holbrook in Arizona am 19. Juli 1912 mehr als 14 000 Einzeltrümmer. Der Steinregen von Pultusk in Polen am 30. Juni 1868 lieferte gegen 100 000 und der von Mocs in Ungarn am 3. Februar 1882 noch weit mehr Körper. Manche von den Meteoriten besitzen ein recht ansehnliches Gewicht; nach dem Steinfall von Knyahinya in Ungarn am 9. Juni 1866 fand man u. a. einen Block von 300 Kilogramm. Weit schwerer noch sind viele in früherer und neuerer Zeit niedergegangene Eisen-Meteorite. Einige vorgeschichtliche südamerikanische Eisenmassen wiegen über 8 Tonnen (8000 Kilogramm), die von Otumpa in La Plata 15 und die von Willamette in Oregon 16 Tonnen; Peary brachte aus Nordgron- land sogar einen Eisen-Meteoriten von 36,5 Tonnen mit. Einer der fchwersten prähistorischen Meteorite, im Gewicht von etwa 50 Tonnen, wurde, wie einer Mitteilung der Hamburger Sternwarte entnommen sei, im Jahre 1871 bei einer El Ranchito genannten Hacienda, südwestlich von der Stadt Bacubirito in der mexikanischen Provinz Sinaloa, im Erdboden aufgeifunben und im Jahre 1902 von Professor Henry A. Ward untersucht, der dann einen Bericht über seine Ergebnisse der Akademie der Wissenschaften zu Rochester vorlegte. Noch schwerer als der Eisen-Meteorit von Bacubirito ist der seit 20 bis 30 Jahren bekannte Eifen-Nickel-Meteorit von Grootfoniein in Deutsch-Südwestafrika. Heber diesen ist erst jetzt durch das Harvara Bulletin Authentisches an die Oeffentlichkeit gekommen. Der Astranonn- schen Zentralstelle in Kiel und der Hamburger Sternwarte verdankt der Verfasser folgende Angaben: Der Meteorit liegt bei 18 Grad östlicher Länge von Greenwich und 19,6 Grad südlicher Breite, also etwa >n der Mitte zwischen Grootfontein und Otarvi. Seine ungefähr rechteckige Oberfläche mißt 2,7 X 2,9 Meter, seine Dicke wechselt von 0,9 bis 1,2 Meter, und sein Gewicht beträgt 50 bis 70 Tonnen. Zusammengesetzt ist er aus 81,2 v.H. Eisen und 17,4 v. H. Nickel. Der gewaltigste in der Vorzeit auf die Erde niedergestürzte Meteorit, gewissermaßen ein kleiner Weltkörper, ruht in der Wüste von Arizona, nah« dem Canon Diablo, wo er sich tief in das Gestein einbohrte und den, einem kleinen Mond-Ringgebirge täuschend ähnlichen, riesigen Meteorkrater erzeugte. Obwohl der kreisförmige Wall naturgemäß schon sehr lange bekannt ist, erstreckt sich die wissenchaft- liche Untersuchung doch auch hier nur über die letzten zwei Jahrzehnte. Da eine vulkanische Entstehung in der völlig unvulkanischen Gegend, einer Sandsteinwüste, ausgeschlossen war, konnte nur ein Meteor den Krater erzeugt haben, und diese Annahme wurde zur Gewißheit, als man die ganze Umgebung bis zu 10 Kilometer Abstand von Nickeleisen- Meteortrümmern übersät fand. Die 1300 Meter im Durchmesser, d. i. eine Wanderstunde im Umsang, besitzende Wallerhebung ragt über die Umgebung 50 Meter empor, während ihr Inneres 150 Meter unter dem Niveau der Umgebung, also 200 Meter unter dem Kraterrande, liegt. Auf 200 Millionen Tonnen schätzt man die Steinmassen, die der ungeheure Eisen-Nickel-Körper durch seinen Aufschlag in Bewegung setzte; Blöcke bis zu 7 Tonnen Gewicht wurden weit umhergeschleudert. Di« 18 Jahre lang wiederholt fortgesetzten Bohrungen endeten unter Förderung von viel Nickel-Eisen-Schlamm schließlich in 430 Meter Tiefe am Widerstand einer unangreifbar harten Masse — vielleicht des Meteorits selbst. Als Gewicht des Körpers ergeben sich bei Zugrundelegung eines, sicher zu kleinen, Durchmessers von 100 Meter mehr als eine Million Tonnen! Von den in neuerer Zeit vorgekommenen Meteorfällen steht der am 30. Juni 1908 in der Taiga, dem Urwalde Zentralsibiriens, geschehene sowohl in bezug auf das Gewicht der ihm angehörenden Körper als auch und ganz besonders auf das Ausmaß feiner Verwüstungen vollkommen vereinzelt da. Niemals in historischer Zeit ist eine so außerordentliche Meteorkatastrophe beobachtet worden, wie die am Oberläufe der Podkamennaja Tunguska, der steinigen Tunguska, einem rechten Nebenflüsse des Jenissei. Einigermaßen bekannt geworden ist das Ereignis erst 1928, also zwanzig Jahre nach seiner Zeit, doch waren die damals verbreiteten Nachrichten teils ungenau, teils widersprachen sie sich. Die erste auf authentischer Grundlage beruhende, erschöpfende Darstellung des tungusischen Meteorfalls brachte vor kurzem die Zeitschrift „Das Weltall". Danach unternahm Professor L. A. Kulik im Auftrage der Akademie der Wissenschaften in Leningrad bisher drei Expeditionen zur Erforschung des Meteorsturzes. Die erste, 1921, hatte wegen der Unzulänglichkeit des Fallgebiets nur den Erfolg der ungefähren Ermittlung des Fallortes, die zweite, 1927, führte Professor Kulik an Ort und Stelle und zeitigte eine Reihe großartiger Ergebnisse, und die dritte, im Februar 1929 begonnene, vortrefflich ausgerüstete Expedition weilt gegnwärtig in dem zwischen den Faktoreien Wanowara im Süden und Streik« im Norden liegenden Fallgebiet, wo sie bis zu II Jahren zu bleiben beabsichtigt. Wie Professor Kulik feststellt, bestand das Meteor aus vielen, teils sehr großen Einzelkörpern, die von einer glühenden Wolke «ingehüllt waren und bei ihrem furchtbaren Aufprall tief in den Boden einschlugen, zahlreiche größere und Heinere Krater erzeugten und den Urwald viele Kilometer weit im Umkreise radienförmig umwarfen und verbrannten, dabei eine Herde von 1500 Remitieren vernichtend. Noch nicht genauer wissensä)aftlich untersucht ist das vermutlich im Januar 1927 im unbewohnten Teile von Alaska herabgestllrzte Riesenmeteor. Dieses schlug die ganze Seite eines Berges herunter und riß einen Streifen von 90 bis 120 Meter Breite auf eine Entfernung von mehr als drei Kilometer mit sich fort, bevor es sich in die Erde eingrub. Große Felsstücke und Trümmer wurden nach einem 21 Kilometer entfernten Tal geschleudert und ändere bis zu einer Höh« von 300 Meter emporgeworfen, um jenseits des Tales niederzufallen. Der Sladtpfeifer. Von Wilhelm Heinrich Riehl. (Schluß.) In Paris erging's ihm wunderlich. Für fein Ledersäcklein voll Briefe sagten ihm die vornehmen Pariser mehr Artigkeiten in einer Woche, als die Kölner in fünf Jahren, aber Arbeit wollte ihm kein Mensch verschaffen. Als ein Monat um war, hatte er all fein Geld verzehrt, und er durchsuchte eben den Koffer, ob nicht ein paar Heller unter die schwarze Wäsche geraten seien; da sieht er ganz unten den Brief des Fuhrmanns Müller aus einem zerrissenen Strumpf hervorgucken. Zum erstenmal kommt ihm die Neugierde, die Adresse zu lesen. Der Brief war gerichtet an den ersten Kammerdiener des Königs. Gleich läuft der Maler ins Schloß; der Kammerdiener ist nicht zu sprechen, er lieft eben Sr. Majestät die Zeitung vor. Aber seine Frau ist zu Hause. Statt aus fran- öösisch begrüßt sie den Ueberbringer des Briefes auf kölnisch. Sie ist ja die Tochter des Fuhrmanns Müller. Sie schilt den Maler, daß er »en Brief so spät abgebe. Heiliger Antonius, wie hätte der es ahnen sollen, daß eines Kölner Frachtfuhrmannes Kind auch einmal einen königlichen Kammerdiener in Paris heiraten kann! Als der Kammer- dlener heimkommt, freut er sich mit feiner Frau über den kölnischen fr"adsmann, und nun geht's Schlag auf Schlag. Binnen acht Tagen tztzt die Majestät dem deutschen Maler; das Bild gelingt, Prinzen und Herzöge wollen von ihm gemalt fein, der Mann wird Mode in Paris, uni) als er nach drei Jahren wieder gegen den Rhein zog, da war das Ledersäcklein, worin die Empfehlungsbriefe gewesen, mit Louisdors ge- tullt — alles durch die Protektion des Frachtsuhrmannes hinter der Mariinskirche." Der Kapuziner hatte kaum das letzte Wort gesprochen, so klopfte Cs Qn die Türe. „Herein!" — Der Stadtpfeifer stand wie vom Schlage gerührt: — der Fürst selber war es, der eintrat, und hinter ihm Neubauer, so nüchtern als möglich, im ziegelroten Sonntagsrock. „Ich muß unseren Schützenkönig einmal in seiner hohen Residenz besuchen", rief der Fürst, dem Stadtpfeifer herzlich die Hand schüttelnd. „Daß Er im Schießen ein Wundertäter, habe ich ehvorgeskern gesehen; nun erzählt mir mein neuer Hofkapellmeister Neubauer," — Frau Christine machte gewaltig große Augen bei diesem Wort — „daß Er und sein Friedrich auch in der Musik wahre Wundermenschen seien, daß ihr gleichsam als musikalisches Zwillingspaar Duette geigtet, wie man sie in Wien nicht hören könne. Er nannte euch beide die größte Merkwürdigkeit, die gegenwärtig in Weilburg existiere. So bin ich denn alsbald auf Euern Turm gestiegen, damit man mir nicht nachsage, ich suche das Schönste in der Ferne, während ich es doch in meinem eigenen Schlosse habe." Der Stadtpfeifer stand regungslos wie ein Türpfosten während dieser Anrede — er war ja in Hemdärmeln! Außer dem Staatsrock, worin der neue Hofkapellmeister prangte, befaß er nur noch ein ganzes und ein zerrissenes Kamisol, beide für die Werktage bestimmt, und ein Kamisol konnte er doch nicht eigens zu Ehren des fürstlichen Besuches anziehen! Christine hatte schon zweimal Neubauer am Aerrnek gezupft, ihn bittend und beschwörend, daß er in die Seitenkammer gehen und ihrem Manne den roten Rock ausliefern möge. Vergebens! Er blieb taub! Der Fürst ließ Friedrich herbeirufen und unterhielt sich eine Weile freundlich mit dem Jungen. „Nun zu den Geigen", rief er dann mit erhobener Stimme. „Ich möchte auch eines von den schönen Duetten hören, Stadtpfeifer, und bitte meines Vetters, des Herrn Schützenkönigs Liebden, mit rechtem empressement um diese Gunst." Der Stadtpfeifer blieb regungslos und schweigend wie vorher und gab nur zuweilen durch tiefe Verbeugungen ein Lebenszeichen von sich. Während der Fürst mit Friedrich sprach, hatte er gegen Neubauer halblaut hinübergerufen: „Gebt mir meinen Rock! Hört! Meinen Rock! Den Rock, oder ich schlage Euch nachher Arm und Beine entzwei!" Der Fürst blickte den versteinerten Stadtpfeifer staunend an. Da trat Neubauer mit zierlicher Verbeugung vor und sprach: „Ich erzählte Euer Durchlaucht schon, daß mein Freund die Grille hat, nur bei verschlossener Türe zu geigen, daß er nur im Duett ein Meister ist, keineswegs aber, wenn er allein spielt. Ich vergaß noch eine andere Eigenheit. Er kann nur in Hemdärmeln so vortrefflich spielen; sobald er den Rock anzieht, wird die Geigenhaltung unsicher, der Bogenstrich steif. Ich bitte darum meinen gnädigsten Herrn in meines Freundes Namen, ihm für die Ablegung der ersten Probe feiner Kunst vor einem fo hohen Kenner zu dem übrigen auch noch die Hemdärmel nachzusehen." Der Fürst lachte herzlich. „Die Bitte ist gewährt! Was doch so einem Musiker für Ratten durch den Kopf laufen! Aber flugs zu den Geigen! Stadtpfeifer, ich verlange viel von einem Duett in Hemdärmeln!" Als nun Vater und Sohn ihre Instrumente richteten, war es seltsam zu sehen, wie gewandt, fein und doch so bescheiden Friedrich sich zu benehmen wußte, während der Alte so hölzern war, als seien die Hemdärmel eine Eisenrüftung, und vor dem Fürsten scheu die Augen niederschlug, dem neugebackenen Hofkapellmeister aber Blicke tödlicher Wut zuwarf. Frau Christine verlor ganz den Kopf über die Vermessenheit ihres Mannes, Duett vor den durchlauchtigen Ohren des Fürsten und den kritischen Neubauers zu spiele«. Der Kapuziner hatte.sich auf ihre Bitte davongeschlichen, um unten im Schlosse beim Küchenmeister einen Rock zu borgen. Das Duett klang anfangs etwas rauh und steif. Der Stadtpfeifer gedachte noch mehr der Hemdärmel als der Musik. Doch, da er dem Sohne wieder Äug' in Auge sah, schwanden ihm diese Gedanken. Es klang allmählich wie sonst; die Zuhörer waren vergessen. Friedrich blickt« voll kindlicher Unbefangenheit aufwärts; der Alte sah herab mit Blicken, die so hell glänzten, daß man nicht wußte, ob von Tränen oder vor Freude. Ja, das war ein Duett! Es war das allerschöNste, welches jemals in der Pfeiferstube gegeigt worden ist. Wer's auch nur mit angehört hätte! Zuerst mußte der Stadtpfeifer die Hemdärmel vergessen; jetzt sah aber auch der Fürst die Hemdärmel nicht mehr. Die Wände hallten wider von dem lauten Lobe; doch diejenigen, denen es galt, hörten es kaum, so tief waren sie ergriffen von dem eigenen Spiel. „Hört", sprach der Fürst und faßte den Stadtpfeifer bei der Hand. „Euer Sohn muh nach Wien, nach Italien, daß er ein ganzer Meister wird. Rüste Er allmählich seine Abreise. Was zur Ausstattung fehlt, kaffe Er bei mir fordern; die Reise- und Lehrkosten bezahle ich, und nach der Rückkehr wird sich ja wohl ein Platz in Unserer Hofkapelle für den jungen Hexenmeister finden." Der Stadtpfeifer hieß den Pflegesohn sorkgehen, legte feine Geige nieder und sprach: „Ich würde in Freuden Dank sagen meinem gnädigsten Herrn, wenn mir die Tränen nicht zu nahe stünden. Ich glaube, heute hab' ich zum letztenmal gegeigt. Sehen Eure Durchlaucht, ich bin eigentlich ein schlechter Musikant. Immer habe ich mich geplagt und konnte doch nichts zuwege bringen. Da ist mir dieser Bub vom Himmel herabgeschickt worden. Ost habe ich bei mir gedacht, ob Friedrich nicht mehr fei als ein bloßes Findelkind, fo ein — wie soll ich sagen — cherubimischer Genius der Musik, der einmal inenschlicherweise hier unten geigen wollte, statt droben im Konzert der Engel die Harfe zu spielen. Dann wies ich aber meine Gedanken allezeit streng zurecht und sprach zu mir: Kullmann, sei nicht närrisch! Allein, wenn mir der liebe Gott am selben Abend das Geld für einen Laib Brot auf die Straße legte, warum soll er nicht auch eigens dieses Kind für mich dorthin gelegt haben, damit ich bei ihm ein Brot der Erquickung für meinen inwendigen Menschen fände? Als ich den Buben um Gottes willen aufzog, da ward ich inne, daß mir’s wenigstens gegeben sei, in einem anderen zu erwecken, was ich so deutlich in mir fühlte und doch nicht von mir geben konnte. Oh, wie tröstete mich das! Ich weiß nicht, war es ein Wunder, oder hat es natürlich so sein müssen, — nur mit Friedrich konnte ich meistermähig spielen und bis daher auch nur insgeheim mit ihm. Es ist uns oft recht elend gegangen, gnädigster Herr, aber es ist doch kein Mensch in Weilburg so glücklich gewesen, als wir armen Leute hier oben auf dem Turm, wenn ich mit Friedrich Duett geigte. Das ist nun aus und vorbei. Jawohl, Friedrich muß hinaus. Wie sollen wir Euer fürstlichen Gnaden dafür danken? Aber mit ihm zieht das beste Stück von mir fort. Und wer weiß, ob ich je wieder der ganze Stadtpfeifer werde, der ich gestern noch gewesen bin!" „Ich will ihm ja seinen Friedrich nicht nehmen", tröstete der Fürst tief ergriffen. „Er wird wiederkommen als vollendeter Meister, und Ihr werdet dann nicht bloß der ganze, sondern, ein verdoppelter Stadtpfeifer sein." „Und doch ist mir’s, als Hütt' ich heute zum letztenmal gegeigt", sprach Heinrich Kullmann leise vor sich hin, indes der Fürst dem lauten Dank sich entzog, für den jetzt Frau Christine Worte fand, und die Wendeltreppe hinabstieg. Neubauer blieb noch einen Augenblick zurück. „Unglücklicher Mann," rief er dem Stadtpfeifer zu, „warum habt Ihr meinen alten Reiserock, der neben in der Kammer hängt, nicht angezogen? Wäret Ihr nicht in den Hemdärmeln geblieben, so hätte Euch der Fürst hier auf der Stelle zum Hofmusiker ernannt: es war alles schon abgeredet!" Der Stadtpfeifer trat gelassen näher, befühlte das Tuch seines eigenen ziegelroten Rockes und sprach: „Das Kleid sitzt Euch wie angegossen. Seht, Ihr seit gleich an den rechten Mann gekommen, in ganz Weilburg ist vielleicht kein zweiter, dessen Rock Euch so schön gepaßt hätte; ich dagegen bin ein Unglücksvogel, und wo mir endlich einmal der Hirsebrei fürstlicher Gnade geradezu vor den Mund niederregnet, habe ich keine Schüssel, um ihn aufzufangen." Neubauer eilte dem Fürsten nach. In dem Augenblick, da er die Stube verließ, trat der Kapuziner atemlos zur anderen Tür herein, den Rock des Küchenmeisters auf dem Arm. „Zu spät!" rief der Stadtpfeifer und warf sich todesmüde auf einen Stuhl. „Zu spät?" wiederholte der Kapuziner. „Dann will ich ungesäumt in den. goldenen Löwen gehen, um zu erkunden, wie es Neubauer an- gefangen, daß er innerhalb einer Stunde ganz besoffen den Schneider mit dem Kruge prügelt und bann wieder fast wie nüchtern dem Fürsten aufwartet, so gewandt, als sei er auf dem Parkettboden zur Welt gekommen. Dieser Neubauer ist ein Mann, den man bewundern und studieren muß!" In wenigen Tagen trat Friedrich die Reise nach Wien an. Nun ward es still in der Turmstube. Der Stadtpfeifer blies nur noch im Dienste und im Geschäft. Die Geige hing im Schrank; Kullmann wollte sie nicht anrühren, bis er wieder mit Friedrich Duett spielen könne. Nur wenn zu Zeiten ein Brief aus Wien kam mit erwünschter Nachricht über des Sohnes Wohlbefinden, ja wohl gar mit einem beigeschlossenen eigenhändigen Schreiben Joseph Haydns — dem Stadtpfeifer zitterte allemal die Hand, wenn er das Siegel des vergötterten Meisters erbrach — über Friedrichs unerhörteFortschritte, nur dann ging er langsam zum Schrank und schaute sich die Geige vergnügt wehmütig an; aber um keinen Preis würde «er einen Strich darauf getan haben. So verging ein halbes Jahr gar stille, und es war Winter geworden. Kapellmeister Neubauer hatte sich festgesetzt bei Hofe und die ganze alte Hofkapelle umgewälzt. Doch der Erfolg sprach für seine kecken Neuerungen. Minderen Beifall fand es, daß er allwöchentlich bald vor diesem, bald vor jenem Wirtshause um Mitternacht selber in bedenklichen Umwälzungen gefunden und vom mitleidigen Nachtwächter heimgetragen wurde. Nach Neujahr kam eines Morgens der Kalikant der Hofkapelle auf den Turm und übergab dem Stadtpfeifer ein dickes Paket. Neubauer war ausdauernd gewesen in feiner Dankbarkeit von wegen des ziegelroten Rockes; er hatte nicht geruht beim Fürsten, bis er allmählich dessen Abneigung gegen den allzu grillenhaften Stadtpfeifer besiegte. Das Paket enthielt ein Anstellungsdekret als Hofmusikus für Heinrich Kullmann. An den Rand hatte jedoch der Fürst die eigenhändige Bemerkung geschrieben: „Nota bene: Im Hofkonzert wird nicht in Hernb- ärmeln gegeigt." Heinrich und Christine feierten einen Tag stiller Freude. Zum Ju- bettag wollte derselbe nicht werden, denn es war dem Ehepaar fast wehmütig, die altgewohnte Turmstube zu verlassen, wo sie so viel Leids und Siebes einträchtig zusammen erlebt. Gegen Abend ging der Stadtpfeifer zu Neubauer, um ihm zu danken. Er fand den jungen Wüstling in auffallend ernster, weicher Stimmung. Als er ihm seinen Dank aussprechen und seine Freude über das unverhoffte Glück bekunden wollte, unterbrach ihn Neubauer: „Seid stille, Meister! Was ist alles Menschenwerk und Menschenhoffen! Wir sind wie Gras auf den Wiesen, das am Morgen noch stolz stehet und am Abend abgemäht ist — ich weiß nicht mehr genau, wie der Spruch heißt, aber er klingt ungefähr so. Und daß ichs kurz Jage — denn Ihr seid ja ein Mann, und ich bin kein Pastor — heute früh hobt Ihr einen Brief mit rotem Siegel erhalten; hier ist einer für Euch mit schwarzem — Morgenrot, trüber Abend — lest ihn selber." Der Brief enthielt die Nachricht von Friedrichs Tode. Sein schwacher Körper hatte das Uebermaß des Studierens, dem er sich hingab, nicht aushalten können. „Der Tod will seine Urfach' haben", bemerkte Neubauer zu dieser Stelle, die sie beide nicht ganz fassen konnten, und der Stadtpfeifer fügte hinzu: „So oder so: ich habe es voraus gewußt, daß ich mein Kind nicht Wiedersehen würde." In den ersten Tagen der Trauer saß Kullmann oft stundenlang im dunkelsten Winkel der Stube, blickte auf den Boden und faltete die Hände über dem Knie. Und als die Frau ihm freundlich zuredete in dieser Trübsal, sprach er: „Weib, tröste mich nicht. Jetzt bin ich mehr als Hoftrompeter, ich bin wirklicher Hofmusikus und habe satt zu essen; o wäre ich wieder Stadtpfeifer und wir blieben hier auf dem Turm und wären hungrig und — hätten unseren Friedrich wieder! Ach, es war mir immer im Gemüte, daß der Junge zu gut und zu zart sei für diese Welt!" Dann aber richtete er sich plötzlich hoch auf, reichte der Frau die Hand und vollendete in männlicher Fassung: „Wir wollen dennoch nicht verzagen. Der Haussegen, den uns Gott gegeben, weil wir uns dieses Kindes erbarmt, wird nicht von uns genommen sein. Schicke mir unsere drei Kinder herein, daß ich mit ihnen spiele und ihnen von Friedrich erzähle. Wer Trost sucht, der findet Trost." Der neue Hofmusiker zog vom Turm in eine Stadtwohnung, und jener Hausfegen zog mit ihm, und bald war auch die stille Zufrieden- heit bes Pfeiferstübchens wieder heimisch geworden in dem neuen Quartier. Ein sonniges Alter war den Eheleuten nach so vielen rauhen Jahren bereitet. Christine gedachte jetzt manchmal des Wirtes zu Beilstein, der ihr auf der Hochzeitsreise das Behagen des Sonnenscheins gepriesen, als sie Sturm und Regen so luftig gefunden hatte. Jetzt war sie zu des Wirtes Ansicht bekehrt. Der Sonntagskuchen des elterlichen Hauses in Ebersbach tauchte nach mehr als achtzehnjähriger Pause mit einemmal wieder auf; zuerst kam er klein wie das erste Mondviertel auf den Tisch, dann größer, gleich dem Bollmond, dann gewaltig wie ein Mühlstein. Der Vater Kapuziner witterte den Kuchen, zu dem Frau Christine an Sonntag, mittagen sogar ausnahmsweise einen Kaffee spendete, und ward nun ein Stammgast in Kullmanns Hause. Sowie noch ein Dritter anwesend war, erzählte er bann mit großem Humor und alljährlich sich mehrenden sagenhaften Ausschmückungen die Geschichte von dem Konzert in Hemdärmeln. Als Neubauer sich schon längst zu Tode getrunken, ward seiner dabei immer noch dankend gedacht. Heinrich Kullmann rührte keine Geige mehr an. In der Kapelle blies er die Hoboe. Als er Hofmusikus ward, hatte er sich jedoch Vorbehalten, an besonderen Festtagen auf dem Turme den Choral mitblasen, ja, ihn bann selber auswühlen zu bürfen. Erst ba die Stabtpfeiferei ein Enbe nahm, fühlte er, wie sehr sie ihm ans Herz gewachsen war. So blies er denn oben auf Weihnachten, Neujahr, Ostern und Pfingsten, und die Bürger merkten's gleich an dem vollen, feierlichen Klang, daß der alte Heinrich Kullmann wieder auf dem Turme stehe. Außer jenen Kirchenfesten hatte er sich aber auch noch für einen persönlichen Festtag die erste Posaune ausbedungen. Es war dies der 14. Juli, sein Hoch- zeittag. Da überdachte er wohl in dämmernder Frühe beim Aufstehen die wunderbare Führung, mit der ihn Gott durch Leid zu Freud' gebracht, und freute sich des Segens, der nicht von seinem Hause gewichen mir, obgleich er dasselbe in Leichtsinn gegründet, bann aber in Mut und Gottvertrauen gestützt und gefestigt hatte. Zweierlei war es, was ihm nach feiner Meinung diesen Segen beschert: bah er nicht bloß das Brot vom Wege aufgehoben, sondern mit dem Brote auch das Kind, und dann, daß er in dem Bauernmädchen von Ebersbach ein so unübertreffliches Weib gefunden. Was er von feinem verstorbenen Friedrich zu sagen pflegte, bas sagten bie Leute auch wohl von ihm: er sei fast zugut für biese Welt unb zu zart, unb fügen bann hinzu: ein Gluck, daß er eine so gestrenge, heftige Frau hat. Mit frommen Gedanken, mit schmerzlich süßen Erinnerungen bestieg ber ehemalige ©tabtpfeifer am 14. Juli ben Schloßturm. Dann aber stieß.er oben so mächtig in feine Tenorposaune, daß es widerhallte von ben Felswänben bes engen Talkessels, unb wie er bie Töne aushielt, anschwellen und verklingen ließ, so machte es ihm keiner nach, ja er selbst konnte an keinem anderen Tage blasen, wie an diesem. Denn es schallte nicht bloß die Posaune, daß sie den rechten Ton gab, sondern der Stadtpfeifer fang auch inwendig bei sich den rechten Text mit, und es klang in ihm, wie ein ganzer voller Chorgesang, wie ein Tedenm nach gewonnener Schlacht, wenn sie selbviere zu blasen anhuben: „Nun danket alle Gott Mit Herzen, Mund und Händen, Der große Dinge tut An uns und allen Enden; Der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an Unzählig viel zu gut und noch jetzunb getan." Traten die Bläser ans gegenüberftefjenbe Fenster, um den Choral zu wiederholen, bann schmetterte ber Alte noch gewaltiger brein, denn er schaute nun hinunter auf fein Haus und fang im stillen den Zweiten Vers des Liedes, und dieser lautete, als habe ihn Martin Rinckan ganz besonders gedichtet für unseren Heinrich Kullmann, ben ©tabtpfeifer von Weilburg: „Der ewig reiche Gott Woll' uns bei unferm Leben Ein immer fröhlich Herz Und rechten Frieden geben Und uns in feiner Gnad' erhalten fort und fort Und uns aus aller Not erlösen hier und dort." Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'fche UniversitatS-Buch. unb (Steinbruderei, A. Lange, ©ießen-