Siehener Knnilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1929 greitag, den 19. Juli «immer 55 Ballade des äuheren Lebens. Von Hugo von Hofmannsthal'). Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen, Die von nichts wisfen, wachsen auf und sterben, Und alle Menschen gehen ihrer Wege. And süße Früchte werden aus den herben Und fallen nachts wie tote Vögel nieder Und liegen wenig Tage und verderben. Und immer weht der Wind, und immer wieder Vernehmen wir und reden viele Worte ; Und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder. Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte Sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen, Und drohende, und totenhaft verdorrte... Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen Einander nie? und sind unzählig viele? Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen? Was frommt das alles uns und diese Spiele, Die wir doch groß und ewig einsam find Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele? Was frommt's, dergleichen viel gesehen haben? Und dennoch sagt der viel, der „Abend" sagt, Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben. Sizilien und wir. Von Hugo von Hofmannsthal. Dies ist eine der letzten Arbeiten des soeben unter so traurigen Umständen aus dem Leben geschiedenen Dichters. Indem wir als Deutsche dieses Jnselland betreten, scheint sich uns un- ablehnbar Goethes Genius zum Begleiter anzubieten. Wir kreuzen mit jedem Gang die Spuren seines Weges; alle diese Namen waren uns schon vorher durch ihn vertraut; wir hatten diese Buchten und Berg« durch ihn gesehen, bevor wir sie gesehen hatten. Es ift- unvermeidlich, daß wir uns seiner immer wieder erinnern. An dieser Insel gehen die Jahrhunderte fast spurlos vorüber, und sein Sinn, der auf das Gesetzmäßige und Bleibende gerichtet war, hat uns die Gestaltung der Landschaft überliefert mit der Genauigkeit eines Erdkundigen und ihre Färbungen und Belichtungen mit dem Auge eines Malers. Sein Bericht umfaßt die Bauwerke wie die Bräuche; er zeichnet auf, was sich auf di« Volkssitten be- e, wie das, was auf den Anbau der Feldfrüchte Bezug hat; auf die hrung der Heiligen, auf die Stvaßenpolizei, auf die Bereitung der Nahrungsmittel, die Wartung der Haustiere, die Bewässerung der Gärten; und alles mit dem gleichen, festen nüchternen und zugleich einschmeichelnden Zug des Griffels. Hier scheint er abwechselnd ein blldender Künstler, ein Botaniker, ein reisender Kaufmann, ein Sittenforscher; oder vielmehr, er ist dies alles zu gleicher Zeit. Hier treibt er seine Kunst — die Lebenskunst aufs höchste und versteht sie zugleich nach außen und nach innen zu wenden. Kein schattenhafter Geleiter ist hier mehr bei ihm; kein Palladio, kein Michelangelo, durch dessen Augen er sehen würde. Hier ist er ganz allein und hat sich ganz den Dingen übergeben; sie werden seine Sprache — er redet nur mehr aus ihnen. Aber nie ist er eben darum mehr er selbst und mächtiger seiner selbst. Der sizilische Aufenthalt war die Krönung feiner Reise, und diese Reise war das große Erlebnis seines Lebens. Die Harmonie seiner einander ergänzenden Sinne stand niemals höher, das Miteinander seltener und widersprechender Gaben: die innere Freiheit und die Selbstbezähmung; der Enthusiasmus und die Kraft, ihn niederzuhalten; die bis zur Härte gehende Festigkeit, und die alles annehmende Weichheit; die Begehrlichkeit vor der Natur und die Keuschheit vor der Natur. £ Nie, als während sein Fuß diesen glücklichen und lichtvollen Boden tritt, ist sein Geist so nrajestätisch im Gleichgewicht zwischen dem Rela- *) Aus dem Bande „Die Gedichte und Kleinen Dramen" (Jnselverlag, Leipzig). läuft uns; und wir verl der Wirklichkeit zuzuwen! tiven und dem Absoluten. Uneingeschränkt gewährt er sich die Lust der Hingabe an das einzelne, in der unser Geist sich erneuert, und die höhere per ordnenden Zusammenfassung. Er tränkt sich ohne Unterlaß mit dem Schauspiel des Lebens; und. jedes einzelne, das ihm vor Augen tritt, Meinl von der gleichen Wichtigkeit; aber Kraft des Gedächtnisses, dis Formen nebeneinander zu tragen, erhebt er sich in jedem Punkt der Darstellung mühelos und ohne heftige Flügelschläge und schwebt auf ins Gesetzmäßige Allgemeine. Nirgendwo war er großartiger klassisch und weiter von jeder Romantik; weiter von jedem Dualismus; dem von Materie und Geist, dem von Vergangenheit und Gegenwart; sie alle sind durch eine vollkommen große und ungequälte innere Haltung überwunden. Er lebt mit der Erde, auf der er steht; auf jede Macht für sich verzichtend, hat er alle Macht aus ihr in sich gezogen. Er lehnt alles ab, was die Erde je mit Gewalt bedroht und beleidigt hat: die Erdbeben, die Kriege, das gewaltsame unruhige Tun der Menschen. Er lehnt die Geschichte ab, die dies alles heranbringt. Majestätisch stehend, erblickt er alles im Stehen. Nie vielleicht seit Platon wandelte ein Sterblicher so ruhevoll im hesperi- schen Garten der Ideen. Wir sind anders hergekomrnen als er. Er kam, geschaukelt wie Odysseus, von widrigen Winden zurückgehalten, mühsam und gefährlich. Wir kommen über Nacht. Wir reisen schnell, fast so schnell wie der Blick über die Landschaft hinfliegt; ja die Schnelligkeit, mit der wir uns bewegen, ermutigt noch die Kühnheit unseres Auges: wo der Blick nichts gewahrt als einen bläulichen Duft, dort werden wir morgen umhergehen und einem neuen Horizont die Herrschaft unserer Gegenwart aufzwingen. So sehen wir schon vorübergehend, was wir morgen sehen werden. Wir beherrschen den Raum und zugleich die Zeit — wo er sich an die Erde schmiegte. Seinem reinen Menschensinn war dies Jnselland groß, weit, mächtig, unabsehbar. So ist es zu Stunden; zu Stunden ist es uns ein Dreieck im blauen Meer, über dem wir geisterhaft schweben, und jede seiner Seiten ist einer andern Welt zu gewandt, die sich ungeheuer in den Raum wie in die Zeit hinein erstreckt: wir aber sind des Anblicks dieser drei Welten mächtig. Ihn umgab hier der Länderkranz der antiken Welt: orbis terrarum, herrlich geordnet, rein umzogen, Herkulessäulen abschließend im Westen, das Judenland, Persien, Arabien herwinkend vom Osten. In diesem Kreis stand ihm der Sturz des Daseins still, wie das Himmelsgewölbe leuchtend aufruht auf den alterslosen Gewässern. Uns rufen hier deutlich unterscheidbar drei Welten an, und dem Anruf keiner können mir uns verschließen. An dem jonischen Strand der Ostküste legt sich di« griechische Welle: über Syrakus und Girgenii (noch nicht über Messina und Palermo) steht das griechische Licht; nicht in den Tempeltrümmern allein, nicht In den ewigen Namen der Landschaften und Städte — auch dort, wo nichts mehr da ist und fast weniger als nichts, kahles Gestein, der Ort des Gewesenen, erst recht rührt mit leiblicher Gewalt dies uns an di« tiefste Seele. („Was ist es, das an die alten seligen Küsten mich fesselt, daß ich mehr noch sie liebe als mein Vaterland?" Mehr noch! Und dies kam aus dem Munde eines, der sein Vaterland mit Kräften des Genius liebte.) Vom Süden her greift das Afrikanische herein und tief in uns herein auch dies. Eine Gehstunde von Palermo am Abhang des Berges, auf dem Hamilkar fein letztes Lager hatte, ist eine Garteneinsamkeit; sie könnte einen verlassenen Sultanspalast in Tunis oder weit drüben in Mek- nesch umgeben. Zweimal warf sich diese afrikanische Welt herüber: als phönikisch-punische, als sarazenische; dazwischen liegt das römische Jahrtausend. Aber dort, wo Spuren geblieben sind, in den Pflanzen, in den Das Sizilien, das er uns hinhält, ist im ersten Augenblick leuchtender, stärker — soll ich Jagen: wirklicher? — als das Wirkliche, das uns umgibt. Wir schwanken beinahe zwischen dem Reiz, mit dem die volkswimmelnden Straßen, diese schweigenden und duftenden Gärten, dies« großen Ausblicke uns anziehen, und dem unsäglichen Zauber, den er auf feine Blätter gebannt hat. Beides in Wirklichkeit, aber auf feinem Bilds ist alles zugleich: die ganze Landschaft, das ganze Tun der Menschen, das Wachstum der Pflanzen, ja das Werden der Gesteine. Wir sehen ein Bild ohnegleichen — und wir sehen es vor unseren Augen entstehen. Er, der es malt, steht immerfort neben uns und gewährt uns die Beglückung seiner Gegenwart zugleich mit dem Anblick seiner Kunst. Seins metaphorische Unerschöpflichkeit spielt vor uns mit den Objekten; keines ist ihm zu wirklich, daß er sich nicht mit ihm vereinigte: für einen Augenblick wandelt er sich in ein jedes, winkt uns aus dem Innern des Gegenstandes zu, taucht wieder auf. Mit einem Male ist nur mehr das Bild da. Er ist vor unseren Augen in fein Bild hineingegangen und uns entschwunden; wir sind allein mit einer gemalten Tafel. Ein Schauder Überhängen das Bild mit einem Vorhang, um uns „ _ :den, die unvertrauter, weniger spegelhaft gerundet, gefährlicher — aber unser ist. Das Geheimnis, daß wir Kinder unserer Zeit sind, rührt uns an, und die Unterscheidung zwischen den Jahrhunderten. Gesichtern, In 8er Sprache, vereinigen sie sich unk» verstärken einander; Unti so ist auch dies leibliche Gegenwart und macht als ein Lebendiges seinen Anspruch auf uns geltend, und die Namen überfallen uns leibhaft: Han- nibal, Hamilkar mischt sich mit Heinrich, Friedrich, Manfred. Ungeheuere Zusammenkunft! Gegen Westen aber sehen wir nun über das tyrrhenische Becken hinaus, über die Säulen des Herkules wittern wir ins Hesperisch-Unabsehbare, uralt Vergangene, zukunftträchtige Atlantische. Diese Insel ist für uns dramatischer als irgendein Punkt der Welt. Der Geist spannt sich von Pythagoras zu Columbus ohne Anstrengung; ihn regiert das Gefühl einer großartigen Gegenwart. Hier landet Platon. Hier schlägt der Karthager. Hier baut der Byzantiner. Hier schläft unter arabischen Kuppeln der Staufer in einem porphyrenen Sarg. Hier reitet Goethe einen Pfad meerentlang. Hier haucht Platen seine Seele aus. Abgründe sind dazwischen, aber in uns ist Abgrund genug, daß wir wissen, wie wir das Getrennte zusammenbringen. Es ist aber dies unsäglich freudige Licht vor allem, das uns den Mut gibt zu einer ungeheuren Fassung, in die wie in ein Becken die Zeiten und die Räume einschäumen. Dem Auge vertrauen wir uns an, das der geistigste unserer Sinne ist. Hier sind Horizonte leiblich erblickt, verschwimmend und doch völlig klar: ihr Rand scheint nicht im Raum, eher in der Zeit sich zu verlieren; sie sind wie Gedanken, nicht verfolgbar bis ans Ende, aber rein und wahr. Die Gräfin Taylor Toiras. Don Anton Schnack. Ich habe sie nicht gesehen, ich habe nur gehört, daß sie in einem Landhaus bei Saint Germain wohnte, bah sie eine Frau von achtunb« zwanzig Jahren, unabhängigen und stolzen Charakters war und einen angenehmen Reichtum besah. Sie war eine rothaarige Schönheit, die besonders an fahlen Rachmittagen wirkte. Dah sie auf dieses kam, was ich berichte, war bei ihrem wilden und neugierigen Wesen M erwarten. Was bedeutete ihr der Marquis de Villa Roche, der sie täglich mit weichlichen und müden Orchideen langweilte; oder der Dichter Mauriac, der von nichts anderem sprach als von seinen zukünftigen Premieren! Oder der Flieger Caspari, der den Flugdienst Paris—Algier hatte. Er war Maschine geworden, Oel, Route. Propeller, Luftloch und Döe. Uebrigens stand sie den Frauen näher als den Männern, deren Phlegma sie bestürzte und deren Korrektheit ihr peinlich war. Sie sah mit der Gräfin Colandi und dem russischen Manniquin Lkenia Popoff eines Abends in einer wenig bekannten Dar am rechten (Seineufer. Reger schlugen die Jazzmusik. Ihre Zähne blitzten. Die Stirnfalten zogen sich in Ringen empor. Ihre Lippen wulsteten sich auf: die ganzen Gesichter schienen zu lachen und zu grinsen. Es waren Reger aus Südamerika, die ein Manager nach Paris gebracht hatte. Diese musikalischen Cxcentrics spielten mit allen Gliedern, machten Teufelsfratzen, traurige und glühende Augen, sie fieberten, schrien und pfiffen und entfesselten eine Musik von grellem und wildem Rhythmus. In dieser Dar verkehrten viele Farbige; scheue Tonkingchinesen, Regerlabhs aus Liberia, Marokkaner, Inder, Siamesen, Mulattinnen mit wunderbar biegsamen Körpern, Matrosen, Soldaten, Hausierer, fliegende Händler, schwarze Diener aus den großen Dazaren, Leben ging hier ein und aus, das sich überall umhergeschleppt hatte, wo es grell, primitiv, grausam, gnadenlos, hungrig und gemein zuging. Duft und Hauch von Schiffen, Freudenhäusern, Meeren, Fiebersümpfen, von stinkigen, afrikanischen Gasen, lautlosen blauen Gärten, Oasen und Karawanen, von lärmenden Häfen, Sternnächten, Dschungelwäldern und Gefängnissen brachten diese Gestalten mit sich und verzauberten die Dar, wo es alle exotischen Gesöffs und Drinks gab, zu einem Weltraum. Das war der Ort, wo die Gräfin Taylor Toiras mit der Gräfin Colandi die Wette um fünfzigtausend Dollar schloß, ohne Schutz und Dedeckung die gefährlichsten und schlimmsten Orte der Erde aufzusuchen, ohne dah ihr etwas Wesentliches geschehen würde. Der Morgen hatte einen blauen Tropenhimmel. Der kleine mittel- amerikanische Dreckhafen stank nach Teer, Zimt, Küchen und Gewitter, als das Segelboot „Mary Dear", ein alter Kasten, der verwahrlost, gespenstisch und zum Untergang Bereit aussah, in den schmetternden Azurglanz des Meeres stach. Es war ein Strafboot des Staates Costa Riea, das von Verbrechern bedient wurde, die Zwangsarbeit auf der Insel Malpelo zu leisten hatten. Die Insel lag zehn Tage weit südwärts. Steinige Klippen, mit ungeheurer Wucht aus dem Meere emporgeworfen, weih, nackt und von Vögeln beschmutzt, ein schweigsames Eiland, von dem es kein Entrinnen gibt. Die Gräfin Taylor Toiras sah furchtbar verlottert aus. Sie hatte eine Letnenbluse an, die die Tropensonne ausgelaugt hatte. Die Lust war weih. Die Flagge gelb. Vom Kapitän des Schiffes bis zum letzten Matrosen herunter waren es Mörder, Räuber, Halunken, Gauner und Diebe. Der Kapitän Dob Flower war zu zehnjähriger Zwangsarbeit auf dem Schiff verurteilt. Er hatte im Hafen St. Juan del Sur einen Schiffsjungen erstochen, der ihm ein Glas Whisky vom Tische heruntergeworfen hatte. Die Segel wurden voll. Das Meer war blau und glänzte wie eine geschlissene Scheibe ins Unendliche. Die Taylor stand auf Deck, dicke Taue lagen um sie herum. Ihre kurze cremefarbene Hose war von Oel- und Fettspuven versaut. Die Stiesel hatten tiefe Risse im Leder. Braun war ihre Haut. Das Land verschwand. 2n der rechten Hosentasche hatte sie einen kleinen Revolver mit sechs Kugeln. Ein zweites Lager von sechs Kugeln hatte sie In einer unsichtbaren 'Futtertasche der Innenseite ihrer Muse. Gut genug, um Löcher in den Himmel zu schiehen. Oder den Haifischen aus die Schnauze. Er war nutzlos. Die Desatzung war furchterregend. Sie bestand aus Europäern, Regern, Chinesen und Mischlingen. Es waren zwanzig Männer, deren Rücken von Messerstichen zerhackt waren, manche sahen schon in nordamerikanischen Singsinggefängnissen. Es waren Dankräuber darunter, die Dynamit lose in den Taschen getragen hatten. Das Verbrechen war ihnen das Himmelreich. Einer nur schien verlählich. Er war Koch, hieß Vanna, war von Geburt ein Italiener, der zu vier Jahren Zwangsaufenthalt auf dem Schiffe verurteilt war. Er hatte in St. Josse den Heizer Hastiks mit einer Eisenstange erschlagen, weil dieser seine rothaarige Frau Leda nicht gegen seine dunkle Kubanerin tauschen wollte. Er war breit-, schulterig, hatte eine breite Narbe auf der rechten Stirnseite und zwinkerte mit den Augen. Sie fuhren schon zehn Tage. Viel Wind hatten sie. Die Rächte fielen plötzlich und ohne Uebergang ein. Sterne kamen durch die Luft geflogen. Das Meer rauschte von den Geschwadern der fliegenden Fische herauf. Haie standen wie graue Glassärge im Wasser. Del» phinschwärme rollten vorüber. Das Trinkwasser war muffig und schlecht. Das Mehl stickig. Von den Matrosen wurden mit Rollangeln Hechtdorsche und blauäugige Flundern gefangen, die durch ihren Grätenreichtum fast uw genießbar waren. Es gab ein gesalzenes Fleisch, das halb verfault war. Im schnellen Morgengrauen Überflogen Topikvögel das Schiff. Die Sonne lag wie Schwefel über dem gewaltigen Meer. Gewitter zogen nordwärts vorbei. Das Schiff kam gegen Abenddämmerung vor die Klippen der Insel Goronia. Die Taylor Toiras war froh, in der Äähe von Land zu fein; denn ein Chinese namens Cham, der wegen Straßew raub es zu vielen Jahren Schiffsdienst in den Tropen verurteilt war, schlich wie eine Katze seit der Ausfahrt um sie herum. Eines feinet Augen war von einem furchtbaren Geschwür geschlossen. Mit dem anderen glotzte er die Gräfin beständig an. Ihr rotes Haar stach ihm bis Mut. Er konnte sich nicht satt an ihr sehen ... Es war Rächt. Die Brandung schlug immerfort. Die Toiras sah, wenn sie durch die Luke spähte, den weihen Sturz der Wellen durch die violette Dunstnacht schimmern. Nacht- vogel flogen inselwärts. Ihre Schreie waren schrill und böse. ES war heiß im Schiff und es stank quälend. Die Frau ging die Treppe zum Deck hinauf, die bei jedem Schritte alt, und morsch knarrte. Sie ahnte, daß Hände in dieser Rächt an ihre verriegelte Türe greifen würden. An die Holzwand ihrer Kajüte schienen sich Leiber zu pressen. Sie fühlte die Unruhe, die im Schiffsbauche lautlos umherging. Die Ratten pfiffen Überall. Sie hatte die letzte Stufe der Treppe erreicht. Sie atmete freier. lieber ihr stand eine funkelnde Sternwand. Der Wind war ganz klein. Die Lust war ttotz der Meeresnähe wie ein Sud. Die Toiras wollte fort. Aber wohin? Alle Horizonte waren Meer. Dor ihr im Ansturm der Drandung lag die Insel. Weiter gen Westen noch eine, eine dritte, eine vierte. Dor der grausamen Große des Meeres waren sie bedeutungslos. Und übrigens wimmelte hier das Wasser von Haifischen. Eine Gestalt stand vor ihr aus. „Wer ist da?" „Ich, Cham, der Matrose." Sie sah ein Gesicht, gelb wie eine Mondscheibe. Die Vogel schrien immer noch, manchmal ganz nahe. Manchmal ungeduldig und leise. Es war traurig, wie die Drandung rauschte. Der furchtbare Mann aus San Franzisko lauerte sie an. „Was willst du," sprach sie, „geh, laß mich auf das Deck gehen!" Er aber stürzte sich auf sie. Ein dumpfes Grunzen als Antwort. Sie fühlte feuchte Hände wie Schlangenhaut. Seine Drust, die sie mit ihren Händen abhielt, war glatt und ölig. Sie schrie nicht. Sie fühlte, daß ein einziger Schrei das ganze Gewürm, das sie die Nacht hindurch belagert hatte, herauflocken würde. Sie wäre die Deute aller gewesen. Sie schoß auch nicht. Es hätte das Gleiche bewirtt. Der Gelbe hatte ihre Hände niedergedrückt und sie, kniend, konnte kaum mehr dem Ansturm seiner rücksichtslosen grausamen Kraft widerstehen. Der Kopf sackte nach hinten. Sie Sterne gingen hoffnungslos fern und erreichbar, kalte Götteraugen, durch die grüne Glasnacht. Da sprang aus einem Segelpacken ein Schatten und fiel, em breites Messer schwingend, lautlos auf den Rücken des Mannes. Nichts war zu hören als das leise Aufprallen der metallenen Schneide auf einen Halsknochen. Die Finger des Chinesen lösten sich ruckweise und müde von ihrem Fleisch. Unterirdisch schrien die unsichtbaren Vögel. Wie seltsam, daß sie jetzt, in diesem grauenhaften Augenblicke, an ihre Vogelschönheit dachte. Am Nachmittage hatte sie einen auf der Segelstange sitzen gesehen: aus seinem seidenhaft grauen Gefieder blitzte ein zichorienblauer Schnabel. Unten in den Kabinenlöchern schien Lärm zu erwachen. Im Dauch des Schiffes schrie eine dumpfe Stimme. Es war ein Slangwort, das sie nicht verstand. Ein Schlag folgte. Noch einer. Vanna, der Koch, zog das Messer an seinem rechten Hosenbein drei- oder viermal ab, bis kein Dlut mehr daran war. Dann warf er eine Hängeleiter die Backbordseite hinunter. Er winkte ihr und glitt wie ein ® ins Wasser. Sie folgte. Das Wasser war warm und glühte grün und weiß durchleuchtet von unten herauf. Sie schwammen schweigend Manchmal streifte ein Fisch ihre Hände. Durch die Drandung sie wie ein geschleuderter Pfeil. Sie fühlte unter ihren Füßen Sand Als sie unter Bäumen waren, fetzte sie sich nieder. Eine große Müdigkeit kam über sie. Es würbe Morgen; aus dichten bschungelarklgen Wipfeln glitten Fregattvögel zum Strand hinunter. Ihr rechter Arm war blau und ganz zerkratzt. Sie weinte. „Ich liebe dich, Frau," sagte Danna. Sie sah, daß das Messer noch in seinem Gurt steckte. Leicht neigte sie den Kopf. Er begriff, dah es die Zustimmung zu seinen Worten toor. Er ging voran und brach mit seinem Messer einen Weg durch das Dschungelgestrüpp. Auf einer Lichtung stand ein Haus, aus Mocken gebaut. Sie traten ein. '„Trau uns, Mister Dennet," schrie der Koch den verwahrlosten und stoppelbärtigen Mann an. Mit einer zerschlissenen Bibel in der Hand tat er es. Danna war glücklich. Die Gräfin war wie gelähmt. Don draußen rauschte das Meer herein, und ein unbekanntes Tier schrie. Danna flüsterte der Tahlor zu, dah er Hier, auf dieser Strafinsel, em Der steck habe, in dem ex viele Perlen gesammelt hätte. Er schenke sie ihr zum Tage ihrer Hochzeit. Sie glühte ihn an, lächelnd, erregt. „2a. ja, hole sie, ich liebe Perlen, du machst mich glücklich damit ..." Er sah sie nicht mehr. Er kehrte zurück und die Perlen quollen über die Schalen seiner zusammengelegten Hände hinaus. Dann und wann fiel eine aus feiner Hand. Er beachtete es nicht. Die Tahlor war durch das Dschungel gebrochen. Ein großes Schiff kam, als sie das freie Meer sah, langsam an die Insel herangedampft. Sie schoß in die Luft und ritz den Aermel ihrer Bluse ab, womit sie winkte. Sie pfiffen als Antwort mit einer schrillen Pfeife. Als es Abend wurde, lag sie in einer Kajüte. Ein Doh rieb ihr die Schläfen und Pulsstellen der Hände mit einem scharfen Essig ein ... Geschichten von alten Zauberkünstlern. Von Graf Carl Klinckowstroem. Saltarino (H. Otto) hat die Geschichte der Taschenspielkunst in drei Abschnitte eingeteilt: von den Anfängen des ägyptischen Priestertums bis zum Beginn des Mittelalters reicht jene erste Epoche, in der die wirkliche Erzeugung scheinbar übernatürlicher Vorgänge nüt dem Anspruch höherer (magischer) Kräfte austritt. Zu der zweiten Epoche gehören die Gaukler des Mittelalters und der Neuzeit bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts, die meistens zugestehen, daß, es bei ihren Zauberkünsten mit natürlichen Dingen zugehe. Der dritte Abschnitt endlich datiert vom Beginn des 19. Jahrhunderts, mit welchem die Taschenspieler ohne marktschreierische Pose auf der Bühne austreten. Den Aebergang von der zweiten zur dritten Epoche bezeichnet der zu seiner Zest neben Philadelphia berühmteste Taschenspieler Joseph Pinetti (1750—1800), „Professeur de physique amüsante", der große Geschicklichkeit mit Erfindungsgeist paarte und zwei Jahrzehnte lang mit großem Erfolg die Hauptstädte Europas bereiste. Er nahm es aber gewastig übel, wenn jemand es wagte, seine Geheimnisse zu entschleiern, deren Undurchsichtigkeit allein ihm volle Kassen schaffen konnte. Dies geschah ihm zuerst 1784 in Paris durch H. Decremps, in dessen Buch „La Magie blanche devoilee“, sodann 1769 in Berlin durch den Professor I. W. A. Kosmann. Hier war Pinetti durch die Gräfin L i ch t e n a u, die Mätresse Friedrich Wilhelms IL, dazu herangezvgen worden, den mystischen Dingen geneigten König für ihre dunklen Zwecke auszunutzen. Der König ernannte den Zauberkünstler sogar zu seinem Hofphysikus und schenkte ihm für seine Darstellungen das ehemalige Döbbelinsche Theater in der Behrenstraße. Als nun der Italiener den Professor Kosmann mit einem Dolche bedrohte, da hatte seine Stunde geschlagen: er wurde ausgewiesen. Einen sehr üblen Streich spielte er noch in demselben Lahre in Neapel einem dort als Arzt tätigen französischen Grafen Edmond de G r i s h (geb. 1769), der als Amateur eine glühende Begeisterung für die Taschenspielkunst gefaßt hatte und Pinettis Dorführungen, die er genau studiert hatte, im Privatkreise mit großem Geschick nachahmte. Pinetti witterte Konkurrenz. Er suchte heimtückisch de Grisys Freundschaft und bewog ihn schließlich, zu einem öffentlichen Auftreten mit Pinettis Apparaten, wobei ihm auch seine Gehilfen zu den üblichen Dienstleistungen zur Verfügung stehen sollten. Bei dieser Vorstellung, die zu einem gesellschaftlichen Ereignis wurde, war auch der König von Neapel anwesend. Pinetti wußte es nun so einzurichten, dah der König gelegentlich eines Kartenkunststücks eine Karte zog, auf welcher eine beleidigende Aeuherung stand, und die Vorstellung endete vorzeitig mit einem großen Skandal, der dem verzweifelten Amateur nicht einmal Zeit ließ, sich zu rechtfertigen: Grish muhte Hals über Kopf Neapel verlassen. Aber nun sann der Graf auf Räche und wurde wirklich zum Konkurrenten Pinettis. Er zog sich ein halbes Jahr in die Einsamkeit zurück und bereitete sich sorgfältig auf die Laufbahn als Berufstaschenspieler vor. In dem Bewußtsein, seinen Gegner mit seinem Können weit übertrumpfen zu können, zog Grisy unter dem Künstlernamen T o r r i n i stets dieselbe Straße wie Pinetti, mit dem Erfolg, dah der letztere leere Häuser hatte. Pinetti ging nach Nußland und starb dort im Jahre 1880 offenbar in Armut. Grish-Torrini wußte seinen Ruf als hervorragender Magiker, den er schnell gewann, insbesondere durch ein Kunststück zu festigen, das er in Rom dem Papst Pius VII. und seinen Ka.rdinälen vvrführte und wobei ihm der Zufall zu Hilfe kam. Jedenfalls verstand er es ausgezeichnet, die Situation auszunutzen. Am Tage vor der Vorstellung im Vatikan befand sich Torrini bei einem Ahr- macher, als gerade ein Diener des Kardinals B. Nachfragen kam, ob d>e Ahr Seiner Eminenz bereits repariert fei. Erst am Abend, lautete der Bescheid des Ährmachers. Dieser zeigte darauf die einzigartige Taschenuhr, ein Meisterstück Breguets, seinem Besucher Md sagte ihm, daß der Kardlnal sie für dn Unikum hielte. Mer, so erzählte der geschwätzige Ahrmacher weiter, gerade vor zwei Tagen sei ein junger Mann bei ihm gewesen und habe ihm eine völlig gleiche Ahr desselben Meisters zum Kaufe angeboten. Sofort beschloß Torrini, Die günstige Gelegenheit auszunutzen; er kaufte diese Dublette für 1200 Franken und lieh von dem Ahrmacher das Wappen des Kardinals nach dem Original daraufgravieren. Am Schluß seiner Vorstellung im Vatikan bat sich andern Tags Torrini einen hesvnders wertvollen, möglichst eigenartigen Gegenstand aus, um dem Verdacht vvrzubeugen, dah er bei, dem nun folgenden Kunststück den entliehenen Gegenstand gegen einen ähnlichen austausche. Zögernd -reichte ihm der Kardinal T. seine Ahr, nachdem Torrini wohlweislich eine Anzahl anderer Gegenstände als nicht einzigartig genug zurückgewiesen hatte. Run lieh sich der Zauberkünstlar einen Mörser geben und zerstampfte darin vor aller Augen die unersetzliche Ahr des davon wenig erbauten Kardinals. Der arme Besitzer muhte in den Resten seiner zertrümmerten Ahr sein Eigentum erkennen. Er erklärte, da es sich um ein Unituni handle, könne von einer Vertauschung nicht die Rede sein. Natürlich hatte To.vrini aber das längst vertauschte Pendant zertrümmert. Diesen dramatischen Augenblick wuhte er geschickt dazu zu benützen, um das Original heimlich in die Tasche des Papstes gleiten zu lassen, der sich erhoben hatte, um die Äebevreste der zerstörten Ahr im Mörser zu besichtigen. Als sich die Erregung ein wenig gelegt hatte, bat Torrini, ihm «ine Person zu bezeichnen, die gewih nicht im Verdacht stehe, mit ihm im Einvernehmen zu arbeiten. Er wolle die Ahr in deren Tasche zaubern. Der Papst bot sich lächelnd selbst dazu an. Nach einigen magischen Bewegungen und Sprüchen forderte der Zauberkünstler Seine Heiligkeit auf, die Ahr aus seiner Tasche hervorzuholen. Zweifelnd griff der Papst hinein und brachte in der Tat zum allgemeinen Erstaunen die völlig unversehrte Ahr zum Vorschein, die er dem beglückten Besitzer einhändigte. Torrini hat die Kosten, die ihm dieser Scherz verursachte, nicht bereut. Eine bessere Reklame hätte er nicht machen können. Ein anderer feiner Tricks, den er auf seinen Gastreisen durch die ganze Welt häufig vvrführte, bestand darin, dah er einen der Zuschauer ein Gewehr auf seinen kleinen Sohn, der einen Apfel zwischen den Zähnen hielt, abschiehen lieh. Er nannte diese Vorführung Den Tell-Schuh. Der Knabe blieb unverletzt, und Torrini zog das Geschoß aus dem Apfel. Es war ein Vertauschungstrick; die in das Gewehr geladene Kugel bestand aus einer Weichen Masse von Bleifarbe, die beim Verlassen des Laufes sofort zerstäubte. Das Anglück wollte es, dah einmal versehentlich eine echte Bleikugel in den Kasten mit den präparierten Trickkugeln geriet, und der Knabe fand bei der Vorführung den Tod. Torrini verlor saft den Verstand über diesen Verlust, er wurde trübsinnig und muhte zudem noch auf ein halbes Jahr ins Gefängnis wandern. Von da ab war sein Stern erloschen. Mit einem für seine besonderen Zwecke gebauten Künstlerwagen zog er von Markt zu Markt. Da las er einmal in Südfrankreich einen jungen Menschen auf, den er ohnmächtig auf der Landstraße fand. Er nahm ihn mit sich und pflegte den Schwerkranken gesund. Hier hat der Zufall wieder einmal seine Hand im Spiele gehabt und menschliches Schicksal wunderlich gelenkt. Dieser Jüngling war der Ahrmachergehilfe und Mechaniker Jean-Eugene Robert, der bereits als Knabe ein unstillbares Interesse für Zauberkünste gehabt hatte, und aus dem später der berühmteste Taschenspieler des 19. Jahrhunderts wurde: Rvbert-Houdin (1805 bis 1871). Etwa zwei Jahre blieb der junge Robert bei Torrini und wurde von ihm in alle seine Geheimnisse eingeweiht. Robert-Houdin hat wechselvolle Schicksale erlebt, die er in seinen Memoiren sehr lebendig beschreibt, ehe er seinerseits der erfolgreiche Magiker wurde. Einen Höhepunkt in seiner Laufbahn bildete für Robert-Houdin eine Privatvorstellung im Schlosse von St. Cloud vor König Louis Philippe und der königlichen Familie. Hier gelang auch ihm ein verblüffendes Experiment, das er durch die geschickte Aufmachung geradezu zu einer Sensation zu gestalten wuhte. Das war im Jahre 1846. Inmitten seines übrigen Programms, zu dem auch die Vorführung seines kleinen Sohnes als „Hellseher" gehörte — ein von Rvbert-Houdin sehr geschickt ausgebauter Trick mit verabredeten Geheimsignalen — ließ er sich von seinen hohen Zuschauern sechs Taschentücher reichen, machte daraus ein Paket und legte sie auf den Tisch. Darauf lieh er von verschiedenen Anwesenden auf besonderen Karten je einen Wunsch schreiben, wohin er die Tücher unsichtbar verschwinden lassen solle. Aus diesen Karten lieh er den König die Auswahl treffen. Dieser entschloß sich für eine Karte, auf welcher der Kasten bezeichnet war, in dem ein Orangenbaum am rechten Ende eines Parkweges eingepflanzt war. Robert-Houdin war damit einverstanden. Er ließ die Taschentücher unter Zauberformeln „verschwinden", und sogleich begaben sich mehrere von der Gesellschaft zu dem bezeichneten Orangenbaum, um die Nachsuche zu überwachen. Ein Gärtner grub in der Erde der angegebenen Kiste nach und förderte eine verrostete Eisenkassette zutage, die alsbald dem König, von 6er anhaftenden Erde schnell gesäubert, überreicht wurde. Der König fragte den Zauberkünstler zweifelnd, ob er wirklich glaube, daß sich die verschwundenen Tücher in dieser alten Kassette finden würden. „Gewih, Sire," meinte dieser, „sie sind seit 60 Jahren darin". And er forderte den erstaunten König auf, das Kästchen zu öffnen. „Ohne Schlüssel?" „Es liegt nur an Ihnen, Sire, den Schlüssel in Empfang zu nehmen. Bitte, ihn vom Halse dieser Turteltaube zu nehmen, die ihn Ihnen soeben bringt." Louis Philippe löste einen kleinen, rostigen Schlüssel von dem roten Bande, das die Taube um den Hals trug, öffnete unter allgemeiner Spannung die Kassette. Zunächst fiel ihm ein Pergamentstreifen in die Hand, auf welchem in alter Schrift zu lesen stand, dah Dalsamo, Graf von Cagliostro, am 6. Juni 1786 diese sechs Taschentücher in dieser Kassette verschlossen war das Wort." Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch, und Steindruckerei, R. Lange, Sieben. Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — sammen; dann furchtbares Geschrei und Getümmel die Treppe heran. — „Um Gottes willen! brennt es?" rief Frau von S. und sank mit dem Gesichte auf den Stuhl. Die Türe ward aufgerissen und herein stürzte die Frau des Juden Aaron, bleich wie der Tod, das Haar wild um den Kopf, von Regen triefend. Sie warf sich vor dem Grtsherrn auf die Knie. „Gerechtigkeit!" rief, sie, „Gerechtigkeit! mein Mann ist erschlagen! und sank ohnmächtig zusammen. Es war nur zu wahr, und die nachsolgende Untersuchung bewies, daß der Jude Aaron durch einen Schlag an die Schläfe mit einem stumpfen Instrumente, wahrscheinlich einem Stabe, sein Leben verloren hatte durch einen einzigen Schlag. An der linken Schläfe war der blaue Fleck, stnst keine Verletzung zu finden. Die Aussagen der Jüdin und ihres Knechtes Samuel lauteten so: Aaron war vor drei Tagen am Nachmittage ausge- qangen, um Vieh zu kaufen und hatte dabei gesagt, er werde wohl über Nacht ausbleiben, da noch einige böse Schuldner in B. und S. zu mahnen seien. In diesem Falle werde er in B. beim Schlachter Salomon übernachten. Als er am folgenden Tage nicht heimkehrte, war seine Frau sehr besorgt geworden und hatte sich endlich heute um drei Uhr nachmittags in Begleitung ihres Knechtes und des großen Schlacht- Hundes auf den Weg gemacht. Beim Juden Salomon wußte man nichts von Aaron; er war gar nicht dagewesen. Nun waren sie zu allen Bauern gegangen, von denen sie wußten, daß Aaron einen Handel mit Herr von S. wär auf dem Heimweg verstimmt, die jedesmalige Folge, wenn der Wunsch, seine Popularität aufrechtzuerhalten, ihn bewog, solchen Festen beizuwohnen. Er sah schweigend aus dem Wagen. „Was sind denn das für ein paar Figuren?" — Er deutete auf zwei dunkle Gestalten, die vor dem Wagen rannten wie Strauße. Nun schlüpften ie ins Schloß. — "Auch ein paar selige Schweine aus unserm eigenen Stall!" seufzte Herr von S. — Zu Hause angekommen, fand er die Hausflur vom ganzen Dienstpersonal eingenommen, das zwei Kleinknechte umstand, welche sich blaß und atemlos auf der Stiege niedergelassen hatten. Sie behaupteten, von des alten Mergels Geist verfolgt worden zu sein, als sie durch das Brederholz heimkehrten. Zuerst hatte es über ihnen an der Höhr gerauscht und geknistert; darauf hoch in der Luft ein Geklapper, wie von einander geschlagenen Stöcken; plötzlich ein gellender Schrei und ganz deutlich die Worte: „D weh, meine arme Seele!" hoch von oben herab. Der eine wollte auch glühende Augen durch die Zweige funkeln gesehen haben, und beide waren gelaufen, was ihre Beine vermochten. „Dummes Zeug!" sagte der Gutsherr verdrießlich und trat in die Kammer, sich umzukleiden. Am anderen Morgen wollte die Fontäne im Garten nicht springen, und es fand sich, daß jemand eine Rohre verrückt hatte, augenscheinlich, um nach dem Kopfe eines vor vielen Jahren hier verscharrten Pferdegerippes zu suchen, der für ein bewahrtes Mittel wider allen Hexen- und Geisterspuk gilt. „Hm," sagte der Gutsherr, „was die Schelme nicht stehlen, das verderben die Narren." Drei Tage später tobte ein furchtbarer Sturm. Es war Mitternacht, aber alles im Schlosse außer dem Bett. Der Gutsherr stand am Fenster und sah besorgt ins Dunkle, nach seinen Feldern hinüber. An den Scheiben flogen Blätter und Zweige her; mitunter fuhr ein Ziegel hinab und schmetterte auf das Pflaster des Hofes. „Furchtbares Wetter!" sagte Herr von S. Seine Frau sah ängstlich aus. „Ist das Feuer auch gewiß gut verwahrt?" sagte sie; „Gretchen, sieh noch einmal nach, gieß es lieber ganz aus! Kommt, wir wollen das Evangelium Johannis beten.' Alles kniete nieder und die Hausfrau begann: ^Allgemeiner Aufruhr; die Mädchen sprangen zurück, aus Furcht, sich zu beschmutzen, oder stießen den Delinguenten vorwärts. Andere machten Platz sowohl aus Mitleid als Vorsicht. Aber Friedrich trat vor: „Lumpenhund!" rief er; ein paar derbe Maulschellen trafen den geduldigen Schützling; dann stieß er ihn an die Tür und gab ihm einen tüchtigen Fußtritt mit auf den Weg. Er kehrte niedergeschlagen zuruck; seine Wurde war verletzt, das allgemeine Gelächter schnitt ihm durch die Seele, ob er sich gleich durch einen tapfern Juchheschrei wieder in den Gang zu bringen suchte — es wollte nicht mehr recht gehen. Er war ,m Begriff, sich wieder hinter die Bahviole zu flüchten; doch zuvor noch ein Knalleffekt, er zog seine silberne Taschenuhr hervor, zu jener Zeit ein seltener und kostbarer Schmuck. „Es ist bald zehn", sagte er. „Jetzt den Brautmenuett! Ich will Musik machen." , , . ., , . . _ „,, „Eine prächtige Uhr!" sagte der Schweinehirt und schob sein Gesicht in ehrfurchtsvoller Neugier vor. . . .. m , .Was hat sie gekostet?" rief Wilm Hulsmeyer, Friedrichs Nebenbuhler. — „Willst du sie bezahlen?" fragte Friedrich. — „Haft du sie bezahlt?" antwortete Wilm. Friedrich warf einen stolzen Bück auf ihn und griff in schweigender Majestät zum Fidelbogen. — „Nun, nun, sagte Hülsmeyer, „dergleichen hat man schon erlebt. Du weißt wohl, der Franz Ebel hatte auch eine schöne Uhr, bis der Jude Aaron sie ihm wieder abnahm." — Friedrich antwortete nicht, sondern winkte stolz der ersten Violine, und sie begannen aus Leiskräften zu streichen. Die Gutsherrschaft war indessen in die Kammer getreten, wo der Braut von den Nachbarfrauen das Zeichen ihres neuen Standes, die weiße Stirnbinde, umgelegt wurde. Das junge Blut weinte sehr, teils, weil es die Sitte so wollte, teils aus wahrer Beklemmung. Sie sollte einem verworrenen Haushalt vorstehen, unter den Augen eines mur= ritten alten Mannes, den sie noch obendrein lieben sollte. Er stand neben ihr, durchaus nicht wie der Bräutigam des hohen Liedes, der „in die Kammer tritt wie die Morgensonne". — „Du hast nun genug geweint, sagte er verdrießlich; „bedenk, du bist es nicht, die mich glücklich macht, ich mache dich glücklich!" — Sie sah demütig zu ihm auf, und schien zu fühlen, daß er recht habe. — Das Geschäft war beendigt; die junge Frau hatte ihrem Manne zugetrunken, junge Spaßvogel hatten durch den Dreifuß geschaut, ob die Binde gerade sitze; und man drängte sich wieder der Tenne zu, von wo unauslöschliches Gelächter und Lärm herüberschallte. Friedrich war nicht mehr dort. Eine große, unerträgliche Schmach hatte ihn getroffen, da der Jude Aaron, ein Schlächter und gelegentlicher Althändler aus dem nächsten Städtchen, plötzlich erschienen war, und nach einem kurzen, unbesriedigenden Zwiegespräch ihn laut vor allen Leuten um den Betrag von zehn Talern für eine schon um Ostern gelieferte Uhr gemahnt hatte. Friedrich war wie vernichtet fortgegangen und der Jude ihm gefolgt, immer schreiend. „O weh mir! warum habe ich nicht gehört auf vernünftige Leute! Haben sie mir nicht hundertmal gesagt, Ihr hättet all Euer Gut am Leibe und kein Brot im Schranke!" — Die Tenne tobte von Gelächter; manche hatten sich auf den Hof nachgedrängt. — „Packt den Juden! wiegt ihn gegen ein Schwein!" riesen einige; andere waren ernst geworden. — „Der Friedrich sah so blaß aus wie ein Tuch", sagte eine alte Frau, und die Menge teilte sich, wie der Wagen des Gutsherrn in den Hof lenkte. ihnen im Auge hatte. Rur zwei hatten ihn gesehen, und zwar an demselben Tage, au welchem er ausgegangen. Es war darüber sehr spät geworden. -Oie große Angst trieb das Weib nach Haus, wo sie ihren Mann wiederzufinden eine schwache Hoffnung nährte. So waren sie im Brederholz vom Gewitter überfallen worden und hatten unter einer großen, am Berghange stehenden Buche Schutz gesucht; der Hand hatte unterliefen . auf eine ausfallende Weise umhergestöbert und sich endlich, trotz allem Locken, im Walde verlaufen. Mit einem Male sieht die Frau beim Leuchten des Blitzes etwas Weißes neben sich im Moose. Es ist Der Stab ihres Mannes, und fast im selben Augenblicke bricht der Hund durchs Gebüsch und trägt etwas im Maule: es ist der Schuh ihres Mannes. Nicht lange, so ist in einem mit dürrem Laube gefüllten Graben der Leichnam des Juden gefunden. — Dies war die Angabe des Knechtes, von der Frau nur im allgemeinen unterstützt; ihre übergroße Spannung hatte nachgelassen und sie schien jetzt halb verwirrt oder vielmehr stumpfsinnig. „Aug um -äuge, Zahn um Zahn!" dies waren die einzigen Worte, die sie zuweilen yer- vorstieß. ,. In derselben Nacht noch wurden die Schützen aufgeboten, um Fneo- rtt zu verhaften. Der Anklage bedurfte es nicht, da Herr von S selb Zeuge eines Auftritts gewesen war, der den dringendsten Verdacht auf ihn werfen mußte; zudem die Gespenstergeschichte von jenem Abende, das Aneinanderschlagen der Stäbe im Brederholz, der Schrei aus de Höhe. Da der Amtsschreiber gerade abwesend war, so betrieb yerr von S. selbst alles rascher, als sonst geschehen wäre. Dennoch begann d>- Dämmerung bereits anzubrechen, bevor die Schutzen so gcratwo wie möglich das Haus der armen Margret umstellt hatten. Der Gutsherr selber pochte an; es währte kaum eine Minute, bis geöffnet war und Margret völlig gekleidet in der Türe erschien. Herr von S. M zurück; er hätte fie faft nicht erkannt, so blaß und steinern sah sie aus. „Wo ist Friedrich?" fragte er mit unsicherer Stimme. „Sucht ihn", antwortete sie und setzte sich auf einen Stuhl. D« Gutsherr zögerte noch einen Augenblick. (Fortsetzung folgt.) ___________________ Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott — Ein furchtbarer Donnerschlag. Alle fuhren züchtbares Geschrei und Getümmel die Treppe heran. Habe, mn einen magischen Akt zu vollenden, Bet tn 60 Iahten vo^ den Augen von Louis Philippe und seiner Familie werde ausgefuhrt werden. Neben der Unterschrift fand sich Cagliostros Siegelabdruck. Darauf entnahm der König ein ebenfalls mit Cagliostros Swgel verschlossenes Paket, in welchem sich die verschwundenen Taschentücher vorfanden. _ „ Der Erfolg war durchschlagend, und der König war sehr befriedigt. Aber Nobert-Houdin hat sein Geheimnis nur zum Teil gelüftet: von seinem Lehrer Torrini hatte er einen Siegelabdruck Cagliostros erhalten und sich danach ein Petschaft Herstellen lassen. Die toetfere Aufklärung verdanken wir Harry Houdinr, der m seinem Buch, The unmasking of Robert-Houdin“ dessen Künste entzaubert hat. Nobert-Houdin hatte sechs Tage Zeit, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Houdini hat dasselbe Kunststück einmal in Neuhork in zeitgemäß veränderter Aufmachung mit demselben Erfolg wiederholt. Die Iudenbuche. Ein Siikengemälde aus dem gebirgigien Westfalen. Von Annette v. D r o st e - H ü l s h o f f. (Fortsetzung.) Jetzt ist es gut!" sagte er endlich und trat schweißtriefend an den Kredenztisch; „die gnädigen Herrschaften sollen leben und alle die hochadeligen Prinzen und Prinzessinnen, und wer es nicht mittrinktz den will sich an den Ohren schlagen, daß er die Engel singen hort! Em lautes Vivat beantwortete den galanten Toast. — Friedrich machte seinen Bückling. — „Nichts für ungut, gnädige Herrschaften; wir sind nur ungelehrte Bauersleute!" „ . , In diesem Augenblick erhob sich ein Getümmel am Ende der Tenne, Geschrei, Schelten, Gelächter, alles durcheinander. „Butterdieb, Butterdieb!" riefen ein paar Kinder, und heran drängte sich, oder vielmehr ward geschoben, Johannes Niemand, den Kopf zwischen die Schultern ziehend und mit aller Macht nach dem Ausgange strebend. — „Was ist s? was habt ihr mit unserem Johannes?" rief Friedrich gebieterisch. „Das sollt Ihr früh genug gewahr werden , keuchte em altes Weib mit der Küchenschürze und einem Wischhader in der Hand Schande. Johannes, der arme Teufel, dem zu Hause das Schlechteste gut genug sein mußte, hatte versucht, sich ein halbes Pfundchen Butter für die kommende Dürre zu sichern, und ohne daran zu denken, daß er es, sauber in sein Schnupftuch gewickelt, in der Tasche geborgen, war er ans Küchenfeuer getreten, und nun runn dus Fett schmählich die Rocrschotze