SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Mrgang 1929 Freitag, den April Nummer 30 Noch find im Rund nicht Kraut noch Korn ... Von Theodor Kramer. Noch sind im Rund nicht Kraut noch Korn der Hellen Zeit anheimgestellt; das Messer rauscht im Heckendorn, die Distelgraser ziehn durchs Feld. Noch sind die Triebe hell und schwach, die Haue lockert sacht den Grund; frei ist die Aussicht, grün und flach, und jeder Tag gesund. Doch mittags kennt die Luft schon Glut, die Bäume glänzen prall und satt; und wer am Feldrain ißt und ruht, fühlt sich den ganzen Tag dann matt. Kinder des Volks. Von Alfred B o ck. 1. Der Arzt hatte feine Untersuchung beendet, legte das Stethoskop beiseite und ließ sich an seinem Schreibtisch nieder, den üblichen Eintrag in das Krankenjournal zu machen. Unterdessen schlüpfte sie behende in ihre Kleider. Sie war von schönem Körperbau, schlank wie eine Tanne. Ihr feines, schmales Gesicht war sehr bleich und ließ die Spuren überstandener Krankheit erkennen. Da sie sich angekleidet hatte, richteten sich ihre großen, stahlblauen Augen erwartungsvoll auf den Doktor. Dieser, ein würdiger Greis, der seit vielen Jahren seines Amtes am Krankenhaus des Städtchens waltete, erhob sich langsam und sagte in seiner derben, aber wohlwollenden Art: „No, Launsbach, Sie haben sich wieder hübsch herausgerappelt. Alles in Ordnung. Jetzt Vorsicht. Keine Dummheiten gemacht. Vor allen Dingen Diät. Den Kaffeesudel weglassen. Milch, viel Milch, und dann die Brotfresserei. Taugt nichts. Meinethalben ein Krüstchen, aber keinen halben Laib. Und hin und wieder ein Stück Fleisch. Das bringt die Strickmaschine doch ein. Und nicht gleich drauf los schanzen. Sonst kriegen wir einen Rückfall. Also vernünftig, Launsbach. Und jeden Tag eine Stunde an die frische Luft. Das wür's." „Vielen Dank auch, Herr Medizinalrat!" sagte sie herzlich. Ihre Stimme hatte einen sympathischen Klang. „Keine Ursach'", brummte der alte Herr und drehte sich um Sie ging. Draußen auf dem Flur wartete die Oberschwester und reichte der Wiedergenesenen ein schön gebundenes Büchlein dar. „Nehmen Sie das zum Abschied, Lene", sprach sie salbungsvoll. „Es ist ein Wegweiser und ein Tröster. Auf der ersten Seite steht: Nicht daß mir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt hat und gesandt hat feinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden." Das letzte Wort hob sie mit einem eigenen Ton hervor. Ueber das Gesicht des Mädchens fuhr ein leichtes Rot, dach versetzte sie ruhig: „Danke schön, Schwester Martha." Die Oberschwester gab ihr bis zur Tür das Geleite. Nun trat sie, zum erstenmal seit vielen Wochen, ins Freie hinaus und war wie geblendet von der Fülle von Licht. Die immer noch warme Oktobersonne überglänzte die Stadt und das weite Gelände. Von der erhöhten Stelle, auf der das Krankenhaus lag, sah man in die winkeligen Gassen. Der Lärm des Tages scholl verhalten herauf, aber unweit am Burgberg spielten die Kinder und deutlich hörte man ihr Singen: „Reiter zu Pferd, Die Stiefel geschmeert. Die Kugel gegossen. Die Reiter geschossen. Piff, paff, puff!" - Langsam schritt sie den gewundenen Pfad bergab. Was für eine Wohltat, die frische Luft zu atmen, wenn man elf Wochen im Krankenhaus gelegen hatte. Elf Wochen, du liebe Zeit! Wie schwerkrank sie gewesen war, hatte ihr die Zörben, ihre Bettnachbarin, zugetuschelt, denn der Medizinalrat und die Schwestern schwiegen sich aus. Vier Wochen lang hatte sie stark gefiebert und dabei getobt und getan wie besessen. Dann war eine große Hinfälligkeit über sie gekommen. Obendrein nahm der Magen nichts an. Da hing denn ihr Leben an einem Fädchen. „Droben," sagte die Zörben gegen Himmel deutend, „war dein Logis bestellt, ein Wunder, daß du davon gekommen bist." „Ja, wirklich ein Wunder. Zwar mit zweiundzwanzig Jahren das Zeitliche seinen, wär' reichlich früh gewesen. Man hatte doch noch allerlei zu tun aus der Welt. Bei Brückners freilich hätte an ihrer Statt eine andere an der Strickmaschine hantiert. So gut wie sie, vielleicht noch besser. Da war ihr Platz schnell ausgefüllt. Und der Maschine war's gleich, wer sie bediente. Aber ihr Bübchen, das Karlchen, war keine Maschine, ging an der Mutterbrust auf wie ein Kreppet. Herrjeses, was schwätzte sie denn da hin! Seit elf Wochen hatte sie ihr Kind Nicht gesehen, geschweige, daß sie ihm Nahrung gereicht. Wie die Zörben sprach, hatte sie im Fieber gewimmert, sie möchten ihr das Karlchen bringen, das sterbe sonst den Hungertod. Und später, wie sie bei Sinnen war, hatte sie die Sehnsucht nach dem Kind verzehrt. Die Belloffen, ihre Hausfrau, war sie besuchen gekommen und hatte erzählt, das Karlchen sei brav bei der Flasche und wiege seine vierzehn Pfund. Vierzehn Pfund! Herrgott, mußte das ein Dicksack geworden fein. Das Herz schwoll ihr vor übermächtiger Freude. Karlchen, Karlchen! Noch ein paar Minuten, und sie hielt ihr Bübchen wieder im Arm. — Bei scharf abfallendem Weg war sie in Schuß gekommen. Nun beugte sie sich geschmeidig zurück und hemmte die Ueberhast der Schritte. Seltsam, all' ihre Gedanken waren bei ihrem Kind, für den Konrad Schollas fiel gar nichts ab. Ja, verdiente der's denn besser? In elf langen Wochen hatte er einmal im Krankenhaus nach ihr gefragt. Dann hatte er nichts mehr von sich hören lassen. Und das war eine Schande vor Gott und der Welt! Was dachte er sich denn eigentlich? Je nun, das war nicht schwer zu erraten. Borbeidrücken wollte er sich, weiter doch nichts. Seitdem das Kind in der Wiege lag, war er kalt und zugeknöpft. Die Zärtlichkeiten waren ihm geschenkt, aber gerecht werden mußte er ihr um des Kindes willen, daran setzte sie alles. Sobald er ihr in den Weg kam, sollte er Farbe bekennen. Ging er mit glatten Reden um die Hochzeit herum, trüg sie dem Schiedsrichter die Sache vor, daß der ihm zuerst ins Gewissen redete. Und half das nichts, so blieb ihr immer noch der Weg der Klage. Ihre Stirn bewölkte sich, und ein harter Zug legte sich um ihren schönen Mund. Warum hatte sie dem Schollas blindlings vertraut! Sie war doch sonst von Natur überlegsam. Jawohl, aber wem ging der Verstand nicht einmal durch? Sacht, sacht! Daß sie bei der Wahrheit blieb, sie hatte ihn vorsätzlich durchgehen lassen. So nah stand der Schollas ihr selbigmal, daß sie ihm alles zuliebe tat. Das war auf eigene Weife gekommen. Sie wohnte mit ihrer Mutter selig in der Lindengasse beim Schreiner Lust. Es war ein altes, finsteres Haus, deshalb war auch der Mietzins gering. Vier Stockwerke schoben sich übereinander, und unter dem Dach hatte Schollas, der Schreiber, ein Stübchen inne. Sie war tagsüber in der Fabrik und sah ihn nur zuweilen auf der Treppe. Da grüßte er höflich, und sie grüßte ihn wieder. Er schien ein stiller, arbeitsamer Mensch, ja, er tat über seine Pflicht hinaus, denn abends schleppte er Stöße von Akten mit und schaffte bis in die tiefe Nacht. Daß man schließlich miteinander Bekanntschaft machte, daran war ein Poststück Schwartenmagen schuld. Der Schollas stammte nämlich aus dem Wurststädtchen Frankenhain, und seine Eltern hatten ihm das leckere, heimische Fabrikat geschickt. Wie der Postbote das Paket ihm aushändigen wollte, fand er feine Tür verschlossen. So klopfte er bei der Mutter an, daß diese die Sendung in Verwahrung nehme. Am anderen Tage erschien der Schreiber und sagte scherzhaft, er müsse wohl Lagergeld entrichten. Weil nun die Münze bei ihm knapp, bitte er einen Schwartenmagen an Zahlungsstatt zu nehmen. Der Mutter lief das Wasser im Mund zusammen, denn Schwartenmagen war ihr die Krone aller Atzung. Von Stund an hatte der Schollas einen Stein bei ihr im Brett. Den Sonntag darauf trat er geschniegelt vor: ob die Damen ein wenig mitgehen möchten. Das Wetter lasse sich herrlich an, er habe den Altenberg im Sinn. Man nahm die freundliche Einladung an. Unterwegs belustigte er die Mutter und sie mit seinen Reden, das Spaßhafte hatte sie gar nicht hinter ihm gesucht. Indessen könnt' er auch ernsthaft sein. Soviel ging aus seinen Worten hervor: Der Notar hielt große Stücke auf ihn. Er kannte die Gesetze wie ein Studierter, und war sein Chef bei Gericht oder auswärts, so gab er den Rechtsmündeln Bescheid. An jenem Tage war eine Völkerwanderung auf den Altenberg. Droben war der Saal gestopft voll. Suchend schritt man durch die Reihen, und viele Leute grüßten den Schollas. Ein paar Kanzlisten vom Amtsgericht aber standen respektvoll auf und machten dem Kollegen und seiner Begleitung Platz. Kein Zweifel, der Schollas war ein reputierlicher Mann. Das erwies sich auch in der Folgezeit. Er hielt sich immer honett zurück. In der Woche sprach man sich flüchtig, doch Sonntags war es zur Regel geworden, daß er die Nachmittngsstunden mit den Hausgenossen verbrachte. Die Schreiner Lüsten äußerte einmal: „Lene, wann dich der Schollas nimmt, hast du das große Los gezogen." Indessen blieb er sich in seiner Höflichkeit gleich, ohne als Liebhaber aufzutreten. — Am ersten Advent geschah's, daß die Mutter den schweren Fall auf der dunklen Stiege tat. Der Medizinalrat machte zuerst nichts daraus, mit einem Male schüttelte er den weißen Kopf. Drei Wochen später war die Aermste hin. Sie saß wie versteinert bei der Leiche und war ihr selber zum Sterben weh. Die Lufts betrugen sich wie die Heiden und ließen sich nicht blicken. Der Meister schickte den Altgesellen, der Mutter das Maß zum Sarg zu nehmen. So war sie allein mit ihrem Brast und greinte sich die Augen aus. Da kam gegen Abend der Schollas herein und war gar liebreich und tröstete sie. Draußen raste der Sturm, als sollte die Welt gleich untergehen. In der Stube aber war's traulich warm, und die Lichter brannten sonnenhell. Der Schollas hatte ein Andachtsbuch mitgebracht und las erbaulich daraus vor. Von den Freuden des Himmelreichs, wo die Seligen den lieben Gott in seiner Herrlichkeit schauen, und zu seiner Rechten Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn. Von den ewigen Hütten des Friedens, darin die Abgeschiedenen wohnen, von dem gottseligen Leben, das sie führen und von den heiligen Festen, die sie feiern. Das klang so schön, daß man ordentlich Sehnsucht bekam, hinaufzufliegen als verklärter Geist. Und es war ihr, als nickte die tote Mutter und spräche: Ja, Lene, wie der Schollas liest, akkurat so ist's. Mitternacht war schon vorüber, da zog der Schreiber sie an die Brust und sagte: „Lene, sei getrost, ich bin jetzt dein Schutz und Schirm." Er küßte sie, und sie ließ sich's gefallen. Dann sprach er weiter: das sei ein wahrhaft ergreifendes Bild, hier würden zwei junge Leben eins, dort segnete die Tote ihren Bund. Das Zungengeläufige mußte er wohl von feinem Chef haben, dem Notar. Vielleicht war er ihm darin noch über. Nach vielen Honigworten küßte er sie wieder. Und immer wieder. Und war so weich wie Butter. So hielt er mit ihr die Totenwache. Was man sagt, ein hübscher Mensch, war er nicht. Für seine Jahre sah er zu ältlich aus, und er hatte auch einen stechenden Blick. Doch das kümmerte sie selbigmal nicht. In ihrer Bedrängnis war sie herzinnig froh, daß eine Seele zu ihr hielt. Und weil seine Treue Lohn verdiente, gab sie all seinen Wünschen nach. Zwei Monate lag die Mutter unter der Erde, da verließ sie das Haus in der Lindengasse und zog in die Eichgärten vor der Stadt. Zwar hatte £’ einen weiten Weg in die Fabrik, jedoch das Marschieren war gesund, er Schollas war abends ständiger Gast. Das Nachessen spendierte sie, und der Schreiber hieb gewaltig ein. Soweit war alles liebs und guts. Als sie sich nun Mutter fühlte, war der Schollas auf einmal wie ausgewechselt. Zuerst war sie ohne Arg, daß er schlecht gesinnt sein könne und meinte besorglich, ihn drücke sonst was. Er sprach sich aber nicht offen aus. Dann brachte er allerlei Ausflüchte vor, daß er abends wichtige Abhaltung habe und da und dort erwartet werde. Wie das Karlchen geboren wurde, hielt er sich vierzehn Tage lang fern. Die Hebamme meinte pfiffig, es gäbe so Herren, die die Wochenstubenluft nicht vertragen könnten. Später kam er steifbeinig an und tat so wie von oben herab. Das Kind hielt er kaum eines Blickes wert und machte noch schmutzige Redensarten. In den Fabriken gehe es liederlich zu, kein Mädchen komme ungerupft heraus. Sie bebte in Wut am ganzen Leibe und hielt ihm das kreischende Karlchen hin: „Schandkerl, daß du vor Scham nicht versinkst! Du weißt recht gut, das Kind ist von dir!" Da blieb ihm die Antwort in der Kehle stecken, und er schlich wie ein begossener Pudel davon. Daß ihr Unglück vollkommen wurde, kündigte ihr jetzt der Hausherr die Stube. Und war sie bis dahin noch schwach gewesen, so nahm der Umzug sie völlig mit. Die Belloffen in der Hintergasse, bei der sie mit dem Karlchen Unterkunft fand, hätte sie in ihrer Gutwilligkeit gern gepflegt, zumal sie selber heilkundig war. Doch kam der Medizinalrat dazwischen und donnerte die Bellossen an, sie solle ihre Finger lassen, wovon sie nichts verstehe. Eine Stunde darauf fuhr das Krankenwägelchen vor und brachte sie ins Spital hinauf. — * Die Belloffen fetzte die Wiege in schaukelnde Bewegung und hob mit krächzender Stimme zu singen an: „Schlaf, Kindchen! Nünnercher*) Brechen dem Kindchen Blümercher, Brechen ihm ein Körbchen voll, Daß das Kindchen schlafen fall." Das Karlchen lachte feine Pflegemutter an, strampelte lustig mit seinen drallen Beinchen und bezeigte keine Lust, zu schlafen. Nun holte die Alte die Flasche herbei. Das Kind sog begierig die warme Milch und lag mit glühenden Bäckchen da. Sobald es völlig gesättigt war, fielen ihm von selbst die Augen zu. Die Bellossen hockte neben der Wiege nieder und hing ihren Gedanken nach. Heute sollte die Lene wiederkommen. Mittag hatte sie wohl noch im Spital gehalten. Zum Willkomm kochte man ihr einen guten Kaffee, der Kuchen stand im Schrank parat. Vor acht Tagen war sie das letztemal bei der Lene gewesen. Da sah sie gottserbärmlich aus. Das Fieber hatte sie mächtig heruntergebracht. Sie war auf schmale Kost gefetzt. Das war halt im Spital nicht anders. No, wenn sie jetzt nur auf den Beinen blieb, hernach war das Herausfüttern nicht schwer. Wahrhaftig, sie war ein armes Geschöpf. Heute aus dem Spital, morgen wieder in die Fabrik. Ein elend Leben. Und zehn Mark die Woche. Dabei das Kind. Das war nun einmal da. Sie konnte Gott danken, daß sie's hier untergebracht hatte. An guter Wartung ging ihm nichts ab. Und genoß auch Liebe. Du lieber Himmel, die paar Mark Kostgeld waren's nicht. Es lag auf der Hand, sie setzte zu. Und hatte nicht viel zuzusetzen. Stät! stät! War sie denn hachig? Bei Leibe nicht. Es mußte langen. Und langte auch. Das waren jetzt zwanzig Jahre her. Dazumal hatte sie selbst nichts zu knuppern, schlug sich als ßauffrau kümmerlich durch. In der Nachbarschaft wohnte der Lene ihre Mutter. Die -half ihr oftmals gutherzig aus, mit Essen und auch mit Geld. Nun konnte sie der Tochter vergelten, was die *) Diminutiv von Nonne. Mutter an ihr getan. Treue mußte sein. Gerade unter den armen Leuten. Die brauchten einander und waren stark durch das Zusammenhalten. Das Hutten sie vor den Reichen voruus, die als Neidharte auf ihren Geldsäcken saßen und sich mit scheelen Augen beluchsten. — Da schlug's schon zwei. Die Lene ließ auf sich warten. Arn Ende hatten sie's ihr gesteckt, was für ein Lumpes der Schollas war. Und konnte vor Schreck nicht von der Stelle. Das wär' nicht übel. Ja freilich, einmal mußt' sie's erfahren. Und muht's verwinden. Sie war die erste nicht, der's geschah. Das war der Lauf der Welt. Draußen knarrte die Treppe. Es kam jemand. Die Bellossen spitzte die Ohren. Sie kannte den Tritt, es war die Lene. Sie erhob sich jo rusch, uls ihre gichtischen Beine es erluubten und ging der Heimkehrenden entgegen. „Ei, ei, die Lene!" „Guten Tag, Fruu Belloff." „Wie geht dir's bann?" „No, 's geht ja wieder." „Ich lur’ und lut’ —" „Ja, 's ist ein weiter Weg." „Ducht' schon, sie hätten dich droben behalten." „Behüt'!" „No, komm nur herein." Sie überschritt die Schwelle. „Ach, da das Karlchen!" „Scht! Es schläft." Die junge Mutter trat an die Wiege und faltete unwillkürlich die Hände. „Grad' wie ein Engel!" flüsterte sie. Die Belloffen nickte. „Und dick und gesund. Und schläft Nachts durch, 's ist ein wahrer Staat." Lene blieb in seligem Schauen stehen, die Alte aber trug den Kaffee auf und stellte den leckeren „Schießer" dazu. Bald saßen die beiden behaglich beisammen. „Was hat dann der Medizinalrut gesprochen?" fragte die Bellossen. „'s wär alles wieder in der Reih', nur sollt' ich mit der Arbeit langsam tun", versetzte Lene. „No, danach richt'st du dich." „Ich probier's halt morgen." „Wann du klug bist, erst ein’ halben Tag." „Je nachdem, wie mir’s ist." „Ja, ja." „Weil ich nämlich als noch den Atem verlier'." „Das macht sich schon. Gest' war das Lieschen Hormann da." „So? Gelt, die schnauft auch? Und ist doch gesund." „Eden drum." „Was wollt' sie bann?" „Ei, hören, wann du roiebcrtämft. 's ging alleweil flott in der Fabrik." „Das ist immer um bie Zeit." Lene nahm einen Schluck Kaffee, setzte die Tasse langsam hin und sagte, ohne auszublicken: „Sonst hat Seins nach mir gefragt?" Die Bellossen zog die Augenbrauen in die Höhe. „Daß ich nicht wüßt'." Da sie erriet, auf wen die Lene zielte, fügte sie sogleich hinzu: „Den Schollas schlag dir aus dem Sinn." Dem Mädchen schoß bas Blut ins Gesicht. „Wie kommen Sie mir bann vor, Fruu Belloff?" Die Alte wiegte ben Kopf hin und her und wiederholte: „Schlug dir den Schollas aus dem Sinn. Lene stand beunruhigt auf. „Früher Huben Sie ganz anders gesprochen." Die Belloffen luchte gezwungen. „Ja, früher." „Und jetzt?" „Spuck dem Schuft ins Gesicht!" „Ich bitt’ Sie, Frau Belloff," sagte Lene bestürzt, „was geht dann vor?" „Ich zerkeiß' mir gewiß nicht über so ein’ bas Mauk, aber ehnder sie dir's morgen in der Fabrik uuftischen, will ich dir reinen Wein einschenken. Setz' dich'" Zitternd nahm Lene wieder Platz. Die Alte aber sprach: „Du kennst doch bie Stäblern in der Kuplansgass'?" „Von Ansehn ja." (Fortsetzung folgt.) Der Mann mit dem spitzen Hut. Von Richard H u e l s e n b e ck. Als ich vor zwei Jahren nach Amerika fuhr, lernte ich einen Mann kennen, der mir durch seine gelbe Gesichtsfarbe ausgefallen war. Seine Frau, erzählte man sich, sei eine Sekretärin von Präsident Taft gewesen, spreche acht Sprachen fließend und spiele jetzt in der Christian-Science- Bewegung eine große Rolle. Des Mannes gelbe Farbe erklärte sich als Folge einer Magenkrankheit, er hatte hart gelebt und gearbeitet, war als Kartoffelschäler vor dreißig Jahren nach Neuyork gekommen und leitete nun eine der größten Advertising Companies. Ich spreche mit dem Mann, er sagt, er sei nach Europa gefahren, um für seine Duckelhünbin einen Partner zu finden, in Amerika gebe es so etwas nicht. Dackel seien deutsche Tiere. „Ja," sagt er, „mein Vater war Revierförster, wir Hutten zwölf Knn der in der Familie und das Leben meiner guten Mutter erschöpfte sich in Hosenbodenflicken und Maulerstopfen. Ich konnte es niemand recht machen, das Blut, ein Geheimnis trieb mich zu tollen Streichen, ich wilderte. Eines Tages meint mein Vater: „Es ist gut — du kannst gehen, £h will nichts mehr von dir wissen ..." Als ich in Hamburg an der Alster stehe, sehe ich einen Mann mit einem spitzen Hut, einem Dreimaster oder so etwas. Ich denke an einen Zirkus, die Menschen sehen dem Kerl nach. Es war eine charakteristische Erscheinung, größer als der Durchschnitt, mit hochgezogenen Schultern, etwas schäbig in der Klei- tuiiq und mit einem altertümlichen Kragen. Warum er diesen Hut trug, weih kein Mensch. Vielleicht ein Verrückter. Was geht mich schließlich ein spitzer Hut an? Meine Lage ist eine verteufelt üble, ich muß sehen, wie ich nach Amerika komme, ich wandere an der Alster entlang, der Magen knurrt. Ich finde dann ein Schiff, klettere als blinder Passagier hinein, die Matrosen verprügeln mich und führen mich vor den Kapitän. Der entscheidet: „Bis Amerika Kar- tosfelschäler ... dann Uebergabe an die Behörden zur Bestrafung ..." Der Mann mit der gelben Gesichtsfarbe (Name tut nichts zur Sache) lächelt; da er in die Sonne blinzelt, sieht sein Kopf aus wie eine kleine verschrumpelte Zitrone. Die Gattin, die achtsprachige Meisterin der Christian Science, kommt und meldet, der Dackel, der oben auf dem Vootsdeck in einem kostbaren Käfig steht, habe soeben das Essen verweigert. Der frühere Kartoffelschäler erkundigt sich besorgt. Ich sehe mir die beiden Leutchen erstaunt an, sie fahren Luxuskabine nach Europa, um sich einen Dackel zu kaufen. Sie essen im Grillraum, weil ihnen das gewöhnliche Diner nicht gefällt. „In Amerika ist es mir anfänglich schlecht gegangen," sagt der Mann, „nachdem ich acht Tage Jail wegen der Blindfahrerei abgesessen hatte, lag ich auf der Straße. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, was es bedeutet, in Amerika auf der Straße zu liegen. Neuyork ist eine Stadt, in der man ohne Geld überhaupt keine Lebensberechtigung hat. Leute, die kein Bankkonto haben, werden moralisch gering eingejchätzt. Ich habe das zur Genüge erfahren. Ich saß meistens an der Battery und las in den Zeitungen, die die Spaziergänger auf den Bänken liegen gelassen hatten. Durch die Charitykasse eines Damenklubs, an den mich ein mitleidiger Mensch mit einem Empfehlungsbrief geschickt hatte, bekam ich hin und wieder ein warmes Essen. Einmal erhielt ich auch einen Anzug. Mehrere Male wurde ich noch von der Polizei aufgegriffen, wegen Bettelei verurteilt und in einer Verbesserungsanstalt so verprügelt, daß mich ein Arzt verbinden mußte ..." Der Mann spricht langsam, wählt Wort für Wort und sieht über die Reling auf das Meer, wo die Wellen kleine weiße Schaumkronen bekommen haben. Die achtsprachige Dame ruft nach einem Steward, er möge ihr ihre Jacke bringen, sie friere. „Man kann gar nicht glauben," fährt der Mann fort, „wie sich so ein vertanes Leben aus Wust und Dreck erheben kann. Das ist ein Wunder. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, ich würde Direktor der General Advertising Companie werden, hätte ich ihn für wahnsinnig gehalten. Ich war so heruntergekommen, innerlich so haltlos geworden, daß ich mich selbst für einen schlechten Kerl hielt, dem nichts als fein Recht geschieht, wenn er auf der Straße krepiert. Allright, es gibt noch einen anderen Zusammenhang hinter den Dingen, den wir nicht be- greisen. Ich bin also nicht krepiert, es geht mir sogar nicht schlecht ..." Das Ehepaar lacht laut, und ich lache aus Höflichkeit mit. Der Steward überreicht die Pelzjacke mit einer tiefen Verbeugung. „Wir werden nächstes Jahr ein wenig nach Indien fahren, ich kann das Klima in Wilmington nicht mehr vertragen", sagt die Dame. Der Mann meint: „Ich will dem Herrn noch etwas erzählen. Vielleicht hält er mich für einen Phantasten, aber es ist doch fo. Ich sitze eines schönen Sonnentages wieder vollkommen ausgehungert auf der Battery, da geht der Mann mit dem spitzen Hut vorüber. Ich versichere Ihnen, der Mann mit dem spitzen Hut ... Hm ... ich weiß natürlich nicht, wie er dahingekommen ist. Vielleicht war es auch ein anderer Mann als der in Hamburg, jedenfalls wieder einer mit einem Dreimaster. Die Leute bleiben stehen, lachen hinter ihm her. Die Aehnlichkeit, zwischen dem, was hier geschah und dem, was ich in Hamburg erlebt hatte, ist mir erst später ganz zum Bewußtsein gekommen. Ich war zu sehr herunter, zu kaputt, zu pessimistisch. Dann lese ich am folgenden Tage ein Preisausschreiben von einer Kaugummifirma. Sie zahlen fünftausend Dollar für eine Reklame- zeichnung. Ich erinnere mich, daß ich in Deutschland als Schüler gut gezeichnet habe, zufällig finde ich einen Bleistift in meiner Westentasche, und ich beginne, allerlei auf den Zeitungsrand zu kritzeln. Als ich meine Zeichnung anfehe, ist es der Mann mit dem spitzen Hut. Ich habe mir die Sache sehr einfach gemacht, er grinst mich an, auf Arme und Beine habe ich verzichtet. Das sind einfach Striche, Bindfäden. Ein Stinb hätte das auch machen können. Da ich aber hartnäckig und verhungert bin, iende ich das Zeug ein, erhalte einen begeisterten Brief und fünftausend Dollar. Hallo, junger Mann — wissen Sie, was fünftausend Dollar find, wenn man auf die warmen Suppen eines Damenklubs angewiesen ist?" Ich mache eine höflich zustimmende Geste, der Lehmfarbene fährt fori: „Nun beginnt mein Aufstieg. Ich bin ein Mensch, der festzuhalten versteht. Ich bin zu dem alten Kaugummionkel gegangen und habe ihm gesagt: „Das Männchen, das Sie da bekommen haben, ist gar nichts — 'ch bin auch sonst ein potenter Kerl!" Da hat er gesagt: „Sie können bei mir als Maler eintreten ..Ich habe jahrelang auf den Baugerüsten der Wolkenkratzer gehangen und die Wände mit bunten Seifen, Arrow Collars und Camel-Zigaretten bemalt. Wenn die Arbeit fertig war, besoffen wir in den Salons die Tatsache, daß wir nicht herunterge- sailen waren. Damals habe ich mir etwas meinen Magen verdorben ..." Die Dame nickte ernst. Der Steward erscheint und bietet Kaffee an. "io-n — f° 'ft es bann weiter gegangen, ich bin Leiter ber Reklame- obtetlung geworben. Unter meinen Händen würbe bie Firma groß, 9°n3 Amerika begann zu kaufen, ein Wolkenkratzer in Chikago würbe gebaut. Schließlich habe ich meinem Chef eine Konkurrenzfirma vor bie Jcofe gefetzt, ich hatte von ben Methoden meiner neuen Lanbsleute gelernt ..." Wir reben über alles Mögliche, trinken Kaffee, blicken über bie Re- *mg. Die Gattin will uns ein Gedicht in deutsch, französisch und englisch vortragen, aber ber Mann bringt bas Gespräch auf den Hund, der aus irgendeinem unverständlichen Grunde die Nahrung verweigert hat. „Wollen Sie nicht als Hauslehrer bei mir eintreten?" fragt der Gelbfarbene. „Das ist eine von feinen komischen Ideen", meint bie Dame entschuldigend. „Aber ich habe ja einen Beruf," sage ich, „wie käme ich dazu ..." „Wir haben ein Gut am Fluß und mein Sohn reitet nicht gern allein — Sie könnten ihn fo gut begleiten ..." Ich will mich kopfschüttelnd erheben. Amerikanische Millionäre sind etwas spleenig, denke ich. „Warten Sie noch," sagte er, „ich habe den Mann mit dem spitzen Hut noch einmal gesehen ober vielmehr, ich glaubte ihn gesehen zu haben. Damals war ich schon General Assistent Manager, ich ging durch bie zweiundvierzigste Straße, wir wollten da in ber Nähe eine Office einrichten. Zwei Automobile waren zufammengeftoßen, bie Chauffeure aus ihren Sitzen geklettert. Sie redeten wütend aufeinander ein, hielten sich die Fäuste unter die Nase. Warum ich Ihnen das erzähle? Warten Sie nur ab. Ich hatte gar keine Lust stehenzubleiben, ich hatte in einer Cafeteria gegessen, meine einfachen Gewohnheiten habe ich beibehalten, müssen Sie wissen. Ich hatte sogar Eile, aber wie das Geschick läuft, ist nie vorherzusehen. Ich bleibe also stehen, um mir die Schimpfkanonade der Chauffeure anzuhören, da sehe ich den Mann mit dem spitzen Hut, ober ich glaube ihn gesehen zu haben. Er ist nicht ba, er ist fort, ich will hinter ihm her, ich muß ihn biesmal sprechen. Dabei trete ich einem älteren Herrn auf ben Fuß ..." Die Gattin lacht hoch unb stimmlos. „Dieser Herr war mein zukünftiger Schwiegervater — wie bas Geschick fo spielt ..." Wir klettern auf bas Promenadendeck hinunter, um bie Nachmittagsmusik zu hören. Spielhahnbalz. Von Th. v. Wildungen. Mit bem Schnepfenstrich war es nichts gewesen. Die Hoffnung, einen Vogel mit bem langen Gesicht vor bas Rohr zu bekommen, muß ich bis zum Herbst wohl begraben. Doch wenn ber April herannaht, unb es gibt noch gar nichts zu weibwerten im Revier, bann zuckt unb zwickt bas Jagdfieber an allen Ecken und Enden. Ja, wer je vorn Weibwerk lassen kann, war nie ein rechter Jäger! Draußen bläst rauher Dftwinb, unb vorn grauschwarzen Himmel tanzen wirklich noch ein paar vereinzelte große Schneeflocken, so, als ob sie zeigen wollten, baß bie Kraft bes Winters noch nicht enbgültig gebrochen ist. Ungemütliches Wetter, ich kaffe Weihbuchenklötze in ben Kamin legen unb stecke mir einen Tabak an. Just will ich nach ber Küche klingeln, um mir Grogwaffer zu bestellen. Da höre ich flinke Pferbehufe, unb gleich banach erkenne ich bas flotte Juckergespann meines Freunbes Wolf. Ihm gehört bas zwei Wegeftunben entfernt liegenbe, reizenbe Waldgütchen, unb minde- ftens zwei Monate haben wir uns nicht mehr gesehen. Ein großer Jäger vor bem Herrn, ber gute, alte Wolf. Doch ba höre ich ihn fchon auf ber Diele. „Ja, hier hängt er", beantworte ich feine Frage nach mir. Mich mit feinen langen Armen umfaffenb, schaut er mir in bie Augen unb begrüßt mich. „Weidmannsheil, mein guter Alter, lebst bu noch? Bei mir balzen bie „Birkhengste", aber stramm; heute früh am braunen Fich- tenfogel haben minbestens sechs Hähne gesungen. Wie ist bas, machst bu mit, morgen früh brei Uhr am Hünengrab?" Donnerhagel, etwas Besseres konnte mir in meiner augenblicklichen Stimmung gar nicht passieren. Freubig stimme ich zu, unb vergessen finb bie Unbilden des launischen Aprilwetters. Bald sitze ich mit Freund Wolf am behaglichen Kamin, luftig dampfen bie Zigarren unb köstlich munbet uns mein Trittenheimer 1921er. Ein Moselchen, mit dem man Staat machen kann, bas aber auch nur heroorgeholt wirb, wenn ein wirklich guter Freund in St. Huberti mich als Gast in meinem Bau aufsucht. Wie es so ist, wenn zwei alte Jäger zusammensitzen, es gibt mancherlei zu erzählen. Von ber Birkhahnbalz sind wir bei ben Rehböcken angelangt. Freund Wolf kennt jeden Bock in seinem Revier. Wir plaudern von der Niederjagd, die ersten Märzhafen sind bereits beobachtet worden, und bie Rebhühner fangen an, sich zu paaren. Immer mehr vertiefen wir uns in bie Plauderei von edlem Gejaid, dicke Rauchschwaden hängen an der sich schon gut angeraudjten Decke meines Zimmers, ber Trittenheimer schmeckt immer besser. Der lange Wolf streckt sich wohlig vor Behagen, daß der alte Eichenstuhl in allen Fugen kracht, unb stimmt mit feines Basses Grundgewalt bas uralte Jägerlieb an: „Drum lebe, was auf Erden Stolziert in grüner Tracht!" Eben schlägt es neun Uhr und gleichzeitig fährt Freund Wolf von feinem behaglichen Sitz auf. „Na, da habe ich mich schön verschwatzt!" Er ist nicht mehr zu halten, in zehn Minuten sitzt er auf seinem eleganten Iagdwagen, mit seinem Zungenschlag legen sich die kleinen Ungarn in die Sielen, unb schon in ber Abfahrt ruft er mir zu: „Also morgen früh drei Uhr am Hünengrab!" Dieser Ausbruch war nicht nach meinem Geschmack. Doch es war bas Richtige, wenn wir morgen auf ben Spielhahn wollen. Kurz vor brei Uhr früh raffelt mein vorsorglich gestellter Wecker. Rur zwei bis brei Grad Wärme zeigt bas Thermometer. Am dunklen Nachthimmel funteln bie goldenen Sterne. In einer kleinen halben Stunde besteige ich meinen leichten Korbwagen, unb in kurzem Zuckeltrab geht es in ben herben Frühlingsmorgen hinein. Noch ist nichts von Morgendämmerung zu spüren, als ich mich der wohlbekannten Jagdhütte am Hünengrab nähere. Kaum habe ich meinen Braunen hinter die Jagdhütte gestellt unb sitze unter der alten Wikingeiche vor der Hütte, da'höre ich auch Wolfs Wagen heranrollen. Er hat mich längst gesichtet mit feinen Falkenaugen. „Weidmannsheil, mein - Druck und Verlag: Brühl'fche AniversitStz-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Giehen. Verantwortlich: vr. HanS Thyrivt. Darüber kann kein Zweifel mehr walten, da» wir in bezug auf den zukünftigen Luftverkehr vor großen Ereignisfen stehen. Bereits m nächster Zeit dürste der Kampf zwischen Luftschiff und Flugzeug zum Austrag kommen. Auf beiden Seiten unerhörte Anstrengungen, aus beiden «eiten Indienststellung aller Fortschritte der Technik. Nachdem der Zeppelins ug über den Atlantischen Ozean die Widerstandskraft des Luftschiffes auch im Sturm glänzend erwiesen hat, läßt es der Flugzeugbau an Bemühungen nicht fehlen, gleiches oder vielleicht noch mehr zu leisten. Andererseits aber ist das Vertrauen zum Luftschiff gestiegen. Neues, Großes bereitet sich vor, ist bereits im Werden, teilweise sogar der Vollendung nahe. Ein noch nie dagewesener Aufwand von Scharfsinn, von Ideen, von technischem Können zeigt sich in beiden Lagern Allenthalben wird gerüstet, gearbeitet, abgeändert, das gestern für gut Befundene heute durch Besseres überholt. Ein Wettkampf hat eingesetzt, der in der Geschichte der Technik einzig dasteht. . t .___.. Was mit dem Zeppelin geschehen wird, hat Dr. Eckener bereitv klar ausgesprochen. Der Einbau stärkerer Motoren wird ihn vor neue Aufgaben stellen und wird ihm die Möglichkeit geben, sie zu erfüllen. In England aber werden zwei riesige Luftschisse gebaut. Sie sollen in bezuq auf Aufnahmefähigkeit und vor allem auf Geschwindigkeit ganz Besonderes leisten. Große Räume werden den Fahrgästen zur Verfügung stehen Weitgehende Bequemlichkeiten werden geboten werden. Gewaltig sind die Strecken, die man mit diesen Schiffen zuräckzulegen gedenkt. Das was man über die voraussichtliche Geschwindigkeit vernimmt, mutet geradezu wie ein Märchen an, liegt aber technisch durchaus im Bereich der Möglichkeit. Wie nun die Motoren und die Bauart zusammenarbeiten werden, und ob man tatsächlich auf die außerordentliche «chnAligkeit kommt, die man anstrebt und den bisherigen Berechnungen nach auch erreichen sollte, muß natürlich abgewartet werden. Hier können erst die Flüge selbst die Entscheidung bringen. Fällt diese Ent,cheidung aber so aus, wie man es wünscht, so ist die Erde in diesem Sinne erheblich kleiner geworden. Die Entfernungen sind zusammengeschrumpft. Der Verkehr wird sich schon um der Ersparnis an Zeit willen der Luft zu- weiiden. Besonders dann, wenn es sich um die Zurücklegung großer Strecken handelt. Wenn Deutschland mit feinem Zeppelin die Eroberung dieses 11«» Verkehrsgebietes beabsichtigt, wenn England in der gleichen Richtung tätig ist, so kann Amerika natürlich nicht zurückstehen. Auch in den Vereinigten Staaten baut man ein neues großes Luftschiff, das in Detroit auf Stapel gelegt wurde. Da es für die Marine hergestellt wird, so ist bei ihm vieles mit dem Schleier des Geheimnisses umgeben. Man dars einen Leistungen um so mehr mit besonderer Spannung entgegenseheii, als bei ihm eine ganz neue technische Grundlage zur Anwendung kommt. Der Luftkreuzer wird ein Metallschisf jein. Wie die Zeppeline, so birgt er im Innern ein Gerüst. Die Außenhaut besteht aber aus Metall, und zwar aus Duralumnium. Die einzelnen Bleche, aus Denen sie zusammengesetzt wird, sind von außerordentlicher Feinheit. Ihre Dicke belauft sich auf Tausendstel eines Millimeters. Da es sich hier nur um einen Versuch, um den ersten Versuch des metallischen Luftschiffes handelt, so wurden dis Abmessungen noch nicht sehr groß gewählt. Erst dann, wenn es sich bewährt hat, wird man daran gehen, größere Schiffe dieser Art zu bauen, die voraussichtlich dem allgemeinen Herkehr dienen dürften. Die Herstellung dieser Schiffe wird rasch erfolgen können, hat man doch zum Zu- fammenfügen der feinen Metallbleche, die die Außenhaut des Schiffes bilden, eine besondere Nietmaschine gebaut. Diese Maschine vermag an einem Arbeitstag 40 000 Nieten herzustellen. Sie ist auf einer Art von Drehbühne aufmontiert und rollt auf ihr um das Schiff herum. Dabei legt sie Schicht an Schicht, so daß die Außenhaut sehr rasch um das Gerippe herum wächst. Die Form des neuen amerikanischen Metallschisfes dürfte ungefähr der der deutschen Zeppeline entsprechen, die sich ja bisher ganz vorzüglich bewährt hat. Daß in Anbetracht dieser Anstrengungen die Erbauer von Flugzeugen nicht müßig bleiben können, versteht sich von selbst. Sie sind infofern begünstigt, als die Versuche zur Herstellung neuer Flugzeuge erheblich weniger Mittel erfordern als der Bau von Luftschiffen. Während man bei den Luftschiffen immer noch mit den Füßen gewissermaßen aus der Erde bleibt, d. h. in Höhen zu fliegen gedenkt, Die nicht allzugrotz sind, hat man beim Flugzeug neue Ziele gefunden. Je tiefer man fliegt, desto dichter ist die Luft, desto größer wird der Widerstand, den sie dem Vorwürtskommen entgegensetzt. Je höher man emporsteigt, desto dünner wird sie, desto mehr nimmt der Widerstand ab, desto weniger Brennstosf wird man verbrauchen. Bei geringstem Aufwand an Brennstoff wird also das Flugzeug Die verhältnismäßig größte GefchwinDigkeit erzielen, das am höchsten fliegt. Deshalb gehen die Bestrebungen augenblicklich dahin, Flugzeuge zu bauen, Die in ganz gewaltigen Höhen ihrem Bestimmungsort entgegenstreben. Dabei ergeben sich aber allerlei Schwierigkeiten. Wo Die Lust sehr Dünn ist, können Die Menschen nicht atmen, die Motoren nicht oDer nur sehr schwer arbeiten. Führt man Sauerstoff mit sich, um Atmungsmöglichkeiten für Die Menschen und Arbeitsmöglichkeiten für Die Motoren zu schaffen, so wird das Flugzeug durch die Stahlflaschen belastet, in denen Der nötige Vorrat aufbewahrt wird. Bis zu einem gewissen Grade hat man diese und eine Reihe weiterer Schwierigkeiten aber bereits überwunden. Höhen von mehr als 14 Kilometer über Der Erde sind bereits erreicht worden. Die Rüstungen, noch höher, sogar beträchtlich höher zu kommen, dürften nicht lange auf sich warten lasse». Soll das Flugzeug Den Wettbewerb mit den Luftschiffen aufnehmen, so muß es wie Diese Länder und Weltmeere überfliegen können. Bisher unterschied man zwischen Land- und Wasserflugzeugen. Dieser Unterschied muß verschwinden. Das Flugzeug muß imstande sein, sowohl auf festem Boden wie auf dem Wasser niederzugehen. Verschiedentlich sind deshalb schon Flugzeuge gebaut worden, Die diesen Ansprüchen genügen. Eins besonders eigenartige Konstruktion dieser Art wurde jetzt in Amerika Durchgebildet und vom Marineamt Der Vereinigten Staaten übernommen. Das Flugzeug zeigt die Merkmale eines LanDflugzeugs, ist jedoch mit drei Ballons ausgestattet. Die aus gas- und wasserdichtem Stoff her- gestellt sind. Zwei dieser Ballons liegen zusammengefaltet am vorderen Teil, einer am Hinteren Des Flugzeugs. Ihre Form ist so gewählt, daß sie beim Aufblasen eine bootsförmige Gestalt amtehmen, auch ein Siel ist vorgesehen. Ist nun das Flugzeug genötigt, auf Dem Wasser niederzugehen, so roirD Das Ventil einer Stahlflasche geöffnet. Die verdichtetes Gas, am besten Wasserstoff oder Helium, enthält. Die Bauart Des Ventils sowie Die Anordnung Der zu Den Schwimmballons führenden Leitungen bewirkt. Daß diese in außerordentlich kurzer Zeit aufgeblasen sind. Damit schwimmt das Flugzeug ohne weiteres. Infolge der bootsförmigen Gestalt feiner Schwimmkörper kann es sich mit Hilfe Der Propeller ans Dem Wasser vorwärts bewegen. Eine andere Ausführung Des gleichen Gedankens macht Die Betätigung Des Ventils überflüssig. Weitere Bemühungen zielen Darauf ab, Das starke _Ttotorenger* zeichnet. Hier wurden im St. Lorenzstrom große Wellenbrecher eilig baut, Die ein ruhiges Niedergehen ermöglichen. Die Flugzeuge lanoe an Der Seite geräumiger im Wasser schwimmender Plattformen, Die Den Fluggästen an Land fahren. In besonderen Fällen ist es auch " > lich, haß Die Flugzeuge unmittelbar auf Den Plattformen meDergei; ■ lieber Alter, Dein Trittenheimer war famos, aber er hat's in sich: ist mir glänzend bekommen, oder besser, er bekommt noch. Doch mir müssen los." 9tur etwa fünfhundert Meter haben wir bis zu den Balzplätzen. Das nächtliche Schwarz am Firmament wandelt sich in lichtes Silbergrau, ein herrlicher Balzmorgen steigt herauf, lieber Dem Rodeland, auf dem Die kleinen, schwarzen Hähne ihre HochzeitslieDer fingen. In einem verblendeten Stubbenloch niste ich mich ein. Freund Wolf fitzt mir gegenüber, etwa achthundert Meter entfernt, am jenseitigen Rande Der Rodung. Hinter mir im Eichenwalde erwacht der Morgenwind. Jetzt habe ich freie Sicht und erkenne nur etwa sechzig Schritte vor mir zwei von den kleinen, schwarzen Rittern, Die fauchend und blasend mit weitgefächertem Spiel und tiefgesenkten Schwingen zum Turnier gegeneinander angehen. Schlohweiß leuchten die weihen Deckfedern unter Dem Spiel, und deutlich sehe ich Die rubinrot strahlenden Rosen um die Lichter. Noch freue ich mich dieses herrlichen Anblicks und zögere darum mit dem Schießen, Da höre ich es drüben bei Freund Wolf ein-, zwei-, dreimal hintereinander knallen. Noch sind die Schüsse nicht verhallt, da sehe ich beide Hähne, die vor mir balzten, in der nahen Fichtenschonung verschwinden. Das war also miß- getan, wer weiß, ob ich nun noch einen Birkhahn zu Schuß bekomme. Lange warte ich und werde reich entschädigt durch die Beobachtung der Geburt eines schönen Frühlingsmorgens. Da erscheinen, wie auf Der Bühne, von links und rechts je ein Birkhahn, auf dem vor mir liegenden Wechsel. Wild und heiß pulst den kleinen, schwarzen Gesellen das Blut in der Brust. Scharf gehen sie aufeinander los. Fauchend überkugeln sie sich und sangen an, miteinander zu raufen. Doch es ist Zeit, Dampf zu machen, lange dauert die Balz nicht mehr. Den stärksten Hahn nehme ich in die Kimme und laße fahren. Durch das Feuer erkenne ich, daß der Hahn zusammenklappt, und schnell funke ich auf den zweiten, abreitenden Gockel. Auch der kippt, im unsicheren Gleitflug fällt er ein, und ich Darf wohl annehmen, er liegt verendet an Der Einfallstelle. Das ist mir auch noch nicht passiert, eine Doublette auf Birkhähne, — ob da nicht doch Der Trittenheimer ’^fiorfTerfreiit über mein Weidmannsheil, lausche ich dem jetzt ein- setzenden Morgenkonzert der Waldvögel. Mit der Balz scheint es vorbei, schon höre ich die nahenden Schritte des lieben, alten Freundes. Er halt mir einen kapitalen Birkhahn entgegen. „Das ist Nummer eins von deiner Doublette, Der andere Gockel liegt da vorn, ich glaube, der ,st noch stärker, solche Birkhähne schießt man bei mir!" Verwundert frage ich: „Na und du?" Mürrisch antwortet er: „Ach, dreimal habe ich vorbeigewichst, aber das macht bloß Dein verflixter Trittenheimer von gestern abend." Na ja, etwas muh schuld sein am schlechten Schießen, denke ich, und gehe, meinen zweiten Hahn zu holen. Er ist wirklich noch besser als der erste. Doch was ist das, Freund Wolf schießt, ich erkenne eine niedergehende Schnepfe, anscheinend weidwund. Wölfchen ist wie em Wiesel hinterher, na, ob er den weidwund geschossenen ischnepf bekommt? Rach zwei Minuten höre ich sein Horrido. Er zeigt mir die Schnepfe und ruft: „Nun ist wenigstens die Sauschießerei auf den Birkhahn doch etwas aUj$BirtgeDen zurück zum Hünengrab, setzen uns unter Die Wikingeiche und schmauchen eine köstliche Morgenzigarre. Da sagt Freund Wols. .Jetzt wünschte ich doch, wir hätten so eine Trittenheimer von gestern abend hier." Damit hatte ich gerechnet. Aus meinem Wagenkasten hole ich eine vorsorglich eingepackte Pulle, und nun beginnen n»lr nut tarn köstlichen Tropfen das Begräbnis des «chnepfenvogels und bet Birkhahn- doublette. Flugzeug oder Luftschiff? Von Dr. Hellmut Th 0 masius.