GiehenerZamilienblStter ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang j929 ~ Montag, den l8.November Nummer W Erinnerung. Von Heinrich Heine. In meiner Erinn'rung erblüh'n Die Bilder, die längst verwittert — Was ist in deiner Stimme, Das mich so tief erschüttert? Sag nicht, daß du mich liebst! Ich weiß, das Schönste aus Erden, Der Frühling und die Liebe, Es muß zu Schanden werden. Sag nicht, daß du mich liebst! Und küsse nur und schweige Und lächle, wenn ich dir morgen Die welken Rosen zeige. Das Gespenst und die Lehrerin. Line Geistergeschichte von Sherwood Anderson. Uebertragung von Karl L e r b s. Die Geschichte, die ich hier erzählen will, ereignete sich in South Bend, Indiana Und die Frau, der sie widerfuhr, war eine Witwe, von Beruf Lehrerin. Die Frau hatte ein Kind, ein siebenjähriges Mädchen. Als sie nach South Bend ziehen wollte, konnte sie zuerst keine Wohnung bekommen. Plötzlich fand sie zu ihrem Erstaunen ein schönes Haus, das für eine niedrige Miete zu haben war. Als sie mir davon erzählte, sagte sie, es wäre ihr unverständlich gewesen: Da stand das Haus, ein schöner, bequemer alter Ziegelbau, an einer guten Wohnstraße, mit einem großem Rasenplatz und Bäumen vor der Tür; und es hatte seit zwei Jahren leergestanden. Es spukte in dem Hause. Sie erfuhr es von den Leuten. Aber sie sagte, es wäre ihr einerlei, und sie. zog ein. Alles ging vortrefflich. Das Haus hatte zehn große Zimmer, und in jedem Zimmer war ein Kamin. Sie bekam das Ganze für zehn Dollar monatlich. Natürlich ging es sehr bald los mit der Spukerei. Geschlossene Türen gingen aus und klappten wieder zu. Wenn sie allein in einem Zimmer saß, bei offenen Fenstern (höchstwahrscheinlich korrigierte sie Hefte), dann wurde sie von einem jähen Windstoß getroffen. Nachts hörte sie zuweilen leise Schritte. Es gab ohne Zweifel noch einen anderen, einen unsichtbaren Bewohner im Hause. Zuerst hatte sie fürchterliche Angst. Aber — so sagte sie, als sie mir ihr Erlebnis herichtete: sie war eine einsame Frau, und man gewöhnt sich schließlich an alles. Zuletzt freute sie sich beinahe über die Gegenwart des Unsichtbaren. Es tat wohl, das Vorhandensein eines Wesens zu spüren. Jemanden zu haben, mit dem die Gedanken sich beschäftigen konnten. Ihre Tochter, die siebenjährige Kleine, ging schon um acht Uhr zu Bett. Die einsamen Abende waren nun weniger einsam. Die Frau war mit Eifer auf Bildung bedacht. Das war ihr stärkster Wesenszug. Abends saß sie lange und las. Sie las die Bücher aller neuesten und geistig anspruchsvollsten Schriftsteller, besonders der sog. Modernen. Da sitzt sie nun also, eine einsame Frau in einem einsamen Hause. Sie liest in einem Buche; einem Buche von — sagen wir: Waldo Frank. Vielleicht ist es auch „Sister Carrie". Und während sie so sitzt, bei verschlossenen Türen, kommt das Gespenst stracks ins Zimmer. Cs war ein hochgewachsenes und ziemlich ernsthaft dreinblickendes Gespenst, ein sehr gut aussehender Mann von vielleicht sünfundvierzig Jahren. Die Frau berichtete, er wäre geradenwegs durch die geschlossene Türe ins Zimmer gekommen. Als er auf den Platz zukam, wo sie saß, war sein Benehmen ein bißchen linkisch und verlegen. Unverweilt erklärte er, daß er im Leben niemals Gelegenheit gehabt hätte, sich in der Gesellschaft gebildeter Leute zu bewegen. „Ich bin ein Gespenst," sagte er, „aber ich bin gänzlich harmlos, das dürfen Sie mir glauben." Sie hätte, so berichtet nur die Lehrerin, den Eindruck gehabt, daß ihr Gespenst ein ganz ausgezeichnetes Gespenst wäre. Es wäre ihr, wgte sie, von Anfang an klar gewesen, daß der Geist trotz seiner etwas rauhen Außenseite über eine unverkennbare Herzensbildung verfügte. Natürlich war sie zuerst ein bißchen zitterig und verstört. „Seien Sie ganz unbesorgt", sagte der Geist. Er würde es, fügte er hinzu, nie gewagt haben, ihr lästig zu fallen — das heißt: er würde sich niemals materialisiert haben, wenn er sich nicht in schwerer Kümmernis befände. Und das ganze Elend, sagte er, käme von seinem Mldungsmangel her. Und er wäre zu ihr gekommen, weil er fühlte, daß er es mit einer gebildeten Frau zu tun hatte. Die Kümmernis bestand darin, daß er drüben in der Geisterwelt, in der er nun weilte, nachdem er (wie die Lehrerin es nannte) „die irdische Wirrnis von sich getan hatte" — daß er da drüben mit der Gesellschaft von Leuten vorlieb nehmen mußte, die so ungebildet waren wie er selbst. Der Mann war im Leben das gewesen, was wir Amerikaner einen „low-brow" nennen; ein geistig anspruchsloser Mensch, ein ganz gewöhn- l'cher Fabrikant, der nichts im Kopf gehabt hatte als fein Geschäft, Geld- verdienen und Golfspielen. Und als er nun dadrüben in die Geisterwelt gekommen war, hatte er für seine Gleichgültigkeit in Bildungsfragen buhen müssen. Nun war ihm plötzlich klar geworden, was für einen Fehler er begangen hatte. Und das hatte ihn verdrossen. Er wollte gern Bildung haben, aber in der Geisterwelt konnte er Ne nicht kriegen, denn die gebildeten Leute verkehrten nicht mit ihm. So war er denn in die Welt der Wirklichkeit zurückgekehrt und hatte sich zu einer Frau geflüchtet. Der Ehemann der Lehrerin war, scheint es, zu seinen Lebzeiten ziemlich ungebildet gewesen. Er war Rohrleger. Und er hatte, sagte sie, an nichts anderes gedacht und von nichts anderem geredet als vom Ballspiel. Dennoch hatte sie es bei ihm ausgehalten, bis er starb. Sie hatte gute Zeugnisse. (Vielleicht hat der Geist das gewußt.) Mir wurde klar, daß sein Top (diesmal meine ich den Rohrleger) für die Lehrerin kein tödlicher Schlag gewesen war. Andererseits war sie nicht gerade das, was man eine schöne Fra« nennt, und sie hatte eine Tochter. Welche Aussicht hatte sie da. einen Gefährten zu finden, der mit ihr in der Welt der Bildung leben wollte? Sie und der Mann — ich wollte sagen: der Geist — waren in derselben Sage. 3n allem, was Bildung heißt, hatte sie allerdings einen ganz große» Vorsprung. Vor allem las sie gerade damals emsig alle Modernen. Sie kannte nicht nur ihren Joyde und ihren O'Neill — sie kannte auch ihren Dreiser, ihren Frank und ihre Gertrud Stein. Und sie erzählte mir, daß sie mit dem Gespenst einen ganz herrlichen Winter verbracht hätte. Jeden Tag ging sie in der Schule ihren Pflichten nach, und abends eilte sie heim und brachte das Kind zu Bett. Sie wollte nämlich nicht, daß das Kind an ihrem Vergnügen teil hätte; warum, das wußte sie »nicht. Vielleicht meinte sie, daß die Kleine womöglich auf schlimme nten kommen könnte, wenn sie abends einen Mann im Hause sah. Aber es war natürlich nichts Unrechtes dabei. Das Gespenst hat ihr niemals auch nur einen Kuß angeboten. Sie hat mir das selbst erzählt. Die Beiden saßen ganz einfach nur beisammen und lasen Bücher, und hinterher sprachen sie das Gelesene durch. Wer von uns hat nicht auch schon solche Abende mit einer Frau verlebt? Wie köstlich sind sie doch! Ja, und bei alledem kriegte der Geist Bildung und immer mehr Bit- düng, und die Frau ebenfalls. Sie verbrachten den ganzen Winter so. Noch niemals hatte South Bend ein so freundliches Gesicht gemacht. Ihr wäre, sagte mir die Frau, wahrhaftig der Gedanke, daß bald Frühling werden würde, verhaßt gewesen. Sie hatte so ein Vorgefühl, daß der Geist sie beim Einzug des Frühlings verlassen würde, um nie mehr wiederzukehren, weil er dann eben genug Bildung bekommen hatte. Nun, und haargenau so kam es denn auch. Das ist das Tragische in der Geschichte. Sie — di« Geschichte — tat was alle derartigen Begebenheiten hm sollten: sie erreichte ihren Gipfelpunkt an einem Frühlingsabend. Ich werde niemals vergessen, wie die Stimme der Frau bebte, als sie mir von diesem Abend erzählte. Natürlich war es ein Abend voll milden Mondlichtes, und draußen im alten Garten tarnen gerade die Blätter aus den Knospenhüllen hervor. Die Frau saß am offenen Fenster. Sie bildete sich nämlich ein, daß es für das Gespenst leichter fein müßte, ins Haus zu kommen, wenn Fenster und Türen offen waren. Sa wirklich war der Geist für sie geworden. Und dann kam er. Und zwar kam er nicht durch "das offene Fenster ins Zimmer, sondern irgendwo durch die Wand. Das war nun mal so seine Art. Der Geist konnte die Bücher, die er gemeinsam mit der Lehrerin gelesen hatte, nicht in die Geisterwelt mitnehmen, seine Hand vermochte ja nicht einmal ein Buch zu halten. Die Lehrerin pflegte ihm laut vorzulesen, und wenn das laute Lesen sie zu ermüden begann, stand er hinter ihr und las über die Schulter hinweg. Von Zeit zu Zeit erläuterte sie ihm Ne schwer verständlichen Stellen. In manchen Büchern gab es sehr viele solcher Stellen. Das Ganze muß sonderbar ausgesehen haben. Oder vielmehr: es müßte sonderbar ausgesehen haben. Denn außer der Frau vermochte niemand das Gespenst zu erblicken. Eines Abends tarn, als der Geist im Zimmer war, der Schulvorsteher herein, ihr Vorgesetzter, aber er sah den Geist nicht. Nie im Leben, sagte mir die Frau, hätte sie sich über eine Entdeckung mehr gefreut als über diese. Der Schul- vorsteher Hütt« ihr nämlich gar zu gern was am Zeuge geflickt, sagte sie. Das heißt: der Ausdruck „am Zeuge geflickt" stammt von mir; sie drückte es anders aus. Aber bleiben wir bei dem Frühlingsabend. Der Geist kam und setzte sich an ihre Seite. „Heute abend wollen wir nicht lesen", sagte er. Sein« Stimme war leise, und es schwang em Unterton unendl.cher Traurigkeit darin. Er teilte ihr mit, daß er nun genügend Bildung hätte. Drüben in der Geisterwelt hatte er nun Verkehr mit den allerersten Kreisen. Jeder fühlende Mensch wird begreifen, wie der Frau zumute war. Er war ganz einfach nur gekommen, um Lebewohl zu sagen; und es war ein trauriger Abschied. Sie hätten, erzählt die Frau, an jenem Abend mehrere Stunden beisammen gesessen, und der Geist hätte ihre Hand ergriffen. Sie meinte sogar zu spüren, daß er sie gern geküßt hätte; aber da ihr Verhältnis auf der Ebene der geistigen Bildung begonnen hatte, so meinte er wohl, er müßte es da belassen. Ich entnahm aus ihren Worten, daß die Frau sich darüber ein bißchen geärgert hat. Sie vertraute mir an, daß seine Auffassung nach ihrer Meinung ein großer Irrtum war; aber was sollte sie tun? Der Mann war ja weiter nichts als ein gebildetes Gespenst. Er war ihr nicht einmal so dankbar, wie er es nach ihrer Ueberzeugung hätte sein sollen. Jedenfalls scheint es, als hätte er seine ganze Dankbarkeit den Herren Dreiser, Frank, Joyce usw. gewidmet. Von ihnen, sagte sie, hätte er den ganzen Ab«nd geredet. Ihre Namen, die Kenntnis ihrer Bücher hätten ihn, jagte er, drüben in der Geisterwelt Zutritt zu den besten und unzugänglichsten Kreisen verschafft. Man braucht nur die Namen von ein paar Modernen zu nennen und sich mit ihren Werken vertraut zu zeigen, dann kommt man überall hinein", sagte er. Aber, so fügte er hinzu, da er nun mit den Wichtigsten der Modernen Bescheid wüßte, so wäre es wohl besser, er käme künftig nicht mehr zum Unterricht; denn er müßte befürchten, vor den anderen Geistern einen derartigen Vorsprung zu bekommen, daß er nachher in der Geisterwelt in derselben Lage wäre, wie zu der Zeit, da er noch gar keine Bildung hatte. Nachdem er dies gesagt hatte, verschwand der Geist. Da saß nun die Frau in der Frühlingsnacht; und sie hatte des Geistes Hand in der ihren gehalten. Sie hatte sie sogar, fürchte ich, ein bißchen zu drücken versucht. Vielleicht hatte sie dadurch sein empfindliches Gefühl verletzt. Einen Augenblick saß er noch da, aus seinen Augen leuchtete die früher nicht vorhandene gebildete Geistigkeit, und seine kalte Gespensterhand lag in der ihren; und dann, als sie diese Hand auch nur ein verschwindend kleines bißchen zu drücken versuchte, war er weg. Da sähe man einmal wieder, sagte die Lehrerin, was für die Frauen dabei herauskommt, wenn sie sich bemühen, irgend etwas für die Männer zu tun. „Man versucht, ihre geistige Persönlichkeit zu heben und sie ein wenig besser zu machen, als sie sind — und dann lassen sie einen sitzen", sagte sie. Osr Sprecher des Menschengeschlechts. Von Carry Brachvogel. In unseren Tagen, da das Problem des Weltfriedens nicht mehr von der Tagesordnung der internationalen Konferenzen verschwindet, mutet die Geschichte des Freiherrn v. (Kloots, des wunderlichen Vorkämpfers dieser Ideale, wie ein Schicksal aus unserer Zeitepoche an. Als das Getöse der zusammenkrachenden Bastille den aufhorchenden Völkern Europas verkündete, daß ein neuer Tag für die Menschheit an- drechen wollte, eilte aus weiter Ferne noch ein junger Deutscher nach Paris zurück, der vor etlichen Jahren wegen allzu radikaler politischer und religiöser Ansichten Frankreich hatte verlassen müssen. Wie im Laufschritt kommt er nun aus fremden Märchenländern geflogen, mit ausgebreiieten Armen und ekstatisch leuchtenden Augen, denn es ist ihm bestimmt, diese Stadt zu vergöttern, wie nur ein Deutscher fremdes Wesen vergöttern kann. Dieser seiner tragischen Bestimmung wird er treu bleiben bis zum Tode, den die frevelnde Stadt ihm hohnlachend bereitet. Da er sie verlassen mußte, war sie noch die Stadt des Lächelns und der anmutigen Lebensformen, heute ist sie die Stadt der erschöpften Langmut und des stürmenden Zornes, und Leute, die in politischer Hinsicht das zweite Gesicht haben, sehen unter dem spiegelnden Parkett von Versailles die Abgründe, aus denen die Nachtgeschlechter der Leidenschaften mit hahver- zerrten Gesichtern emporsteigen. Dem jungen Deutschen, der im Laufschritt aus fernen Märchenländern zurückkehrt, ist solche Sehergabe versagt. Er hört nur den Chorus „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", hält die Trikolore für die Oriflamme der Erlösung und jauchzt, daß nun die Menschen nichts anderes mehr sein wollen als Brüder unter Brüdern. Dies soziale Empfinden, das mit gewisser Einschränkung ganz aufrichtig ist, kleidet ihn gut und macht ihn sympathisch, denn er ist nicht etwa ein Armseliger ober Bedrückter, der eine karge Heimat verließ, um in der Fremde zu suchen, was sie ihm verweigerte. Der stattliche und elegante junge Mann trägt den klingenden Namen Jean Baptiste Freiherr v. Clvots, Sohn des reichen Freiherrn v. Cloots auf Schloß Gnadenthal bei Cleve. Er hat in allerlei belgischen und französischen Jesuitenkollegien sowie auf der Zivil- und Militärakademie Friedrichs des Großen eine standesgemäße Erziehung erhalten und war kraft einer Jahresrente von 100 000 Livres In der beneidenswerten Lage, die Schulbildung durch den Anfchauungs- ünterricht großer Reisen zu ergänzen. Im Kopfe des Herrn v. Cloots wohnen die Gedanken beängstigend nahe beieinander. Er verabscheut das preußische Militär, schwärmt aber für Friedrich den Großen. Er huldigt auf verstiegene Weise den Manen des verstorbenen Naturapostels Rousseau, kann aber von feiner Leidenschaft für Weltstädte, das heißt für Paris, nicht lassen. Er predigt den Weltfrieden, wird aber späterhin Geldmittel zu Rüstungszwecken spenden, er träumt vom Völkerbund, der alle Nationen brüderlich umspannen soll, brüderlich — unter Frankreichs Hegemonie! Selbstverständlich ist er Mitglied und ein Weilchen sogar Präsident des Jakobinerclubs, wie er denn auch als Vertreter des Departements Oise in die Nationalversammlung gewählt wird. Nun, da er erreicht hat, was ein französischer „Bürger" (der er natürlich längst geworden) erreichen kann, nun hat er, was fein ewig rumorender Geist und seine üppige Phantasie brauchen: ein Forum und ein Publikum. Nun kann er Reden halten und Essays drucken lassen nach Herzenslust, denn in Wort und Schrift ist er geschwätzig wie noch mal ein Rokokvherr, und erpicht auf Beifall, als wäre er eine Diva. Wäre er nicht überzeugter Atheist, so konnte man auf ihn die Redensart anwenden, „er schreibt an Gott und die Welt", denn „Offne Briefe" flattern von ihm zu den verschiedenartigsten Persönlichkeiten hin. Er schreibt an Edmund Burke, er schreibt an den preußischen Minister Hertzberg, er schreibt als „Gallophile" an einen Engländer, er schreibt an einen fiktiven deutschen Prinzen. Was er ihnen schreibt? Immerfort Dithyramben auf die Freiheit, Dithyramben auf Frankreich, das Land der Länder, der Hort der Freiheit, die Erlöserin der Welt, die eigentlich den ganzen Erdkreis in sich schließt. Mit dem gleichen Enthusiasmus schreibt er aber auch über Mohamme- banismus, über Tyrannemnorb, über Filzhutindustrie und besonders über den segensreichen Völkerbund, der alle Rivalität zwischen den Nationen auslöscht und die Grenzen der Länder verwischt. Doch sein Lieblingsgedanke bleibt immerdar die große Weltrepublik. Weil er in seiner Ungeduld und Rastlosigkeit den Tag nicht erwarten kann, an dem sie in die Erscheinung tritt, beschließt er kurzerhand, sie in einer Duodezausgabe vor die staunende Mitwelt hinzuführen. Am 6. Juni 1790 erscheint er als „Sprecher des Menschengeschlechts" in der Nationalversammlung und führt ihr einen Zug buntgewürfelter und buntgekleideter Menschen vor. Es sind, wie er sagt, Vertreter aller Nationen, die, erfüllt von Freiheitsfehnsucht und glühender Bewunderung für das Land der Befreiung, hierher gekommen seien, um das Glück Frankreichs mit eigenen Augen zu schauen und ihrem Dank für das Befreiungswerk Worte zu leihen. Chinesen und Preußen, Türken und Oestrreicher, Engländer und Spanier schreiten in diesem Zuge, und sogar — man lache nicht! — ein Chaldäer mit der üblichen, spitzigen Chaldäermütze. Nachdem der „Sprecher des Menschengeschlechts" in wohlgesetzter Rede dem Dank all dieser Nationalitäten Ausdruck geliehen hatte, bat er den Präsidenten der Nationalversammlung, sie an dem bevorstehenden Verbrüderungsfest auf dem Marsfeld teilnehmen zu lassen. Der Präsident, dessen historisches Gewissen auch vor einem Repräsentanten der ausgcftorbenen Chaldäer nicht zurückschreckt, gibt der Bitte huldvoll Gewähr. So hätte der „Sprecher des Menschengeschlechts" (wie Cloots sich jetzt mit Vorliebe nannte und nennen ließ) alle Ursache gehabt, zufrieden zu fein, wäre der ethnographisch-pathetischen Szene nicht ein lächerliches Nachspiel gefolgt. Nach der Feier auf dem Marsfeld wandte sich nämlich einer der „von heißem Dank erfüllten" fremden Volksgesandten, sich in der Person irrend, an eine fremden Herrn und ersuchte ihn um Bezahlung des festgesetzten Tag- gelbes. Da würbe denn bestätigt und sprach sich schnell herum, was skeptische Köpfe allerdings gleich gedacht hatten, daß die ganze Völkerdeputation aus Opernstatisten und Arbeitslosen bestand, die Cloots gemietet und in Theaterkostüme gesteckt hatte. Gelächter und Journalistenwitze hagelten da auf ihn nieder, aber ihn kümmert es nicht, denn er hat schon wieder viel, unendlich viel anderes zu tun. Er muß ja [einer neuen Weltordnung auch einen neuen Gott geben und er preist ihr den Kosmos mit dem zynischen Witzwort an: „Es wird ein billiger Gott sein! Er kostet euch keinen einzigen Sou!" Voltairesche Art, wenn auch nicht eben Voltairescher Geist, die aber an anderer Stelle von einem schönen Wort übertönt wird, in dem die Schwermut der stets verleugneten deutschen Heimat lostet. „Wir sind gehende Pflanzen und werden liegende Pflanzen sein. Wir hatten Wurzel gefaßt im Schoß der Frau und wir werden Wurzel fassen im Schoß der Erbe." Der zum „citoyen" geworbene deutsche Edelmann, der für Frankreich eine aus Preußen bestehende „Vandalische Legion" (!) ausrüften wollte und mit Stolz betonte, daß feine Seele sansculottisch sei, mochte unbehindert in Dithyramben rasen, solange Robespierre noch im Schatten Duntons stand und solange die französischen Armeen siegreich waren. Mit Robespierres Aufstieg aber und den Niederlagen in Holland änderte sich das Bild. Robespierres pathologisches Mißtrauen und die tiefverwundete Eitelkeit des französischen Volkes, die Niederlagen nicht verwinden konnte, suchten und witterten überall Verdächtige, und Spione. Und mit einemmal ward ihnen der Fremdling verdächtig, der einem anderen Volke an gehörte und sich dennoch in Huldigungen für Frankreich erschöpfte. Mit anderen Slugen als früher blickten sie jetzt auf ihn und ihr wunder Nationalstolz begriff ihn nicht mehr, hielt für Komödie, was doch ehrliche Hingebung war. Schnell galt er als ein feindlicher Emissär, der unter der Maske der Gallophilie den verbündeten Feinden Spionendienste leisten sollte! Welcher Hohn, welcher Undank für einen Mann, der sich und fein ganzes Leden in den Dienst dieser Nation gestellt hotte! Man zögerte nicht, ihn in einen jener skandalösen Scheinprozesse zu verwickeln, an denen die Geschichte des Revolutionstribunals überreich ist, Prozesse, bei denen bas Urteil feftftanb, noch ehe die Verhandlung begonnen hatte. Gemeinsam mit den Hebertisten fährt Anarcharsis (wie er sich nach dem revolutionären Helden eines Moderomanes nannte) Cloots zum Richtplatz. Bittet den Henker, daß er ihn als Letzten richten möge, weil er noch einige kleine Meditationen zu Ende denken wolle, eine Pofe philosophischer Gleichgültigkeit, die wiederum ganz Rokoko, französisches Rokoko ist. Im allerletzten Augenblick aber bricht, ihm selber unbewußt, der lang verleugnete Preuße hervor. Da er tobesbereit vor ber Guillotine steht, grüßt er sie dreimal steif und ruckweise, wie er es wohl vor Jahren auf ber Zivil- und Militärakademie in Berlin gelernt hatte. Die Menge, die das Schafott umstand, brach in helles Gelächter aus und — o beißende Ironie des Schicksals! — das letzte, was die Pariser von dem großen Gallo- philen erfuhren und spottend weiererzählten, war, daß er die Guillotine „ä la prussienne" gegrüßt habe. Also starb am 24. März 1794, noch nicht vierzig Jahre alt, der Freiheit Jean Baptiste von Cloots, der Preuße war, Franzose sein wollte und in nationaler Selbsterniedrigung und persönlicher Selbstüberhebung gemeint hatte, Frankreich werde ihm die Grabschrift fetzen: „Dieser Vandale war unserer Revolution nützlich." Es hat ihm weder diese noch eine andere Grabschrift gegönnt, hat seinen Leichnam in das Massengrab geworfen und den Freiherrn von Cloots vergefsen, wie er einst die deutsche Heimat hatte vergessen wollen. st, denn irr, und rgeugter eibt an en ver« rrke, er lophile" n. Was Dithy- -eit, die schließt. Hammers über ationen epublik. n kann, n einer ni 1790 in der d bunt« ationen, für das nkreichs lgswerk r, Eng- n lache Nachdem n Dank identen mgsfest arisches haldäer Sprecher ite und eihno- t. Nach heißem mb, an m Tag- is skep- erdepu- lemietet enwitze it schon l Welt- ws mit iet euch irescher t wirb, lastet. n sein. Wurzel Frank- srüsten mochte -chatten n. Mit rte sich oundete konnte, lemmal gehörte oberen ralstolz gebung ske der Lelcher ben in einen hte des sistand, h nach i Richter noch chischer st. Im g oer= grüßt mf der iie bas Ironie Gallo- illotine Freite und ng ge- andale andere m und t hatte Staunen vor Minoa. Von Leo Matthias. Was haben Rom und Ur und Bagdad zu oergeben, verglichen mit den Märchen, die man auf Kreta ausgegraben hat? Paläste, Paläste. Zweistöckig, vierstöckig. Mit Veranden und Säulen. > Springbrunnen und Warmwasserversorgung, Hallen und Fresken, Theatern und Badern. Die Straßen noch heute erhalten. Andere, von späteren Volkern gebaut, sind verfallen. Diese, die ältesten der Welt, stehen. Unvorstellbar, wie lange das alles zurückliegt. Die ganze griechische Herrlichkeit dauerte noch nicht 500 Jahre. Ein-, zwei-, drei-, viermal fünfhundert Jahre hinter die griechische Zeit zurück und dann erst gerät man an die Anfänge der kretischen Kultur. In Aegypten begann man damals gerade. Kanaan lag noch unkultiviert. Die ersten Dinge, die nach Kanaan kamen, stammten aus Kreta. Man weiß bis heute nicht, was das für Leute waren, die auf der Insel gelebt haben. Sie schrieben mit Tinte und Feder, hatten eine Linearschrift und verstanden von allen gelehrten und ungelehrten Dingen mehr als alle anderen Bolter. In der Musik haben sie die Flöte und die siebensaitiae Lyra erfunden. In der Landwirtschaft: die Kultur der Feige und des Oel- baums. In der Malerei: die Freske. In der Plastik: den Bronzegutz. Im Theater: den Chor. Im Sport: das Boxen und den Stierkampf. In der Architektur: den Zentralhof. In der Töpferei? das erzdünne Gefäß. In der Metallurgie: die Intarsien. Im Phantastischen: den Greif. In der Reli- gion: unzählige Symbole. Ueber ein Jahrtausend erhielt sich die Legende ?°£r.LlevVrJtaunIict,en Und sie erschienen ben Griechen so phantastisch, daß sie nur bereit waren, die Hälfte zu glauben. Als die Kreter aber einmal erzählten, sie hätten auch eins Göttin verehrt, deren Sohn sterblich gewesen sei, fanden die Griechen, die Paradoxe ertragen konnten, diese Zumutung, den Glauben an einen „sterblichen Gott" zu verlangen als eine schon nicht mehr liebenswürdige Frechheit, und einer, Kaieimachos mit Namen, erklärte, alle Kreter seien Lügner. Man glaubte ihnen von da ab gar nichts mehr. Die Kreter aber hatten nicht gelogen. Wie Schliemann einem Knabentraum nachging und Troja fand, so.suchte Sir Arthur Evans das minoische Knossos. Ein Grieche mit dem prädestinierten Namen Minos Kalokairinos behauptete, Knossos müsse etwa 8 Kilometer südöstlich des heutigen Canbia liegen: Die Bauern I hatten an biefer Stelle eine Unzahl von Gegenstänben gefunben ... । ^oons ließ graben. Unter der Erde lag in einem ungeheuren Geviert der minoische Palast. Es ist nicht leicht, sich zurecht zu finden. Der erste Eindruck ist der eines Neubaus. Man sieht einen Grundriß, ein paar Mauern, ein paar Säulen, eine Art von Propyläen — aber man weiß nicht, wo es hineingeht. Man sagt sich: wahrscheinlich durch die Propyläen. Aber um dahin zu kommen, muß man einen Abhang hinunter, einen Abhang hinaus und dann über eine Mauer. Unwahrscheinlich, daß man auf diese Weise in den Palast hineinklettern mußte. Also zurück. Aber wohin? Wo ist in diesem verflixten Gewirr der Eingang? Die Behauptung von Evans, daß dieser Palast mit dem Labyrinth identisch , gewesen sei, schien mir nach dieser ersten Erfahrung sehr begründet. I Ich hätte den Eingang nicht gefunden, wenn mir Evans nicht zu Hilfe gekommen wäre. Er schob mich den Weg, auf dem ich stand, hinunter und zeigte auf eine Ecke, die mir unbemerkt geblieben war. In dieser Ecke befanden sich zwei Treppen, von denen die eine geradeaus und nicht weiter ging, und die andere nach rechts und zu dem Palast hin abbog. Man hat früher geglaubt, die Treppenstufen seien Sitze gewesen und das Ganze ein rechtwinkliges Theater. Aber die seltsame Treppe ist der Eingang zum Palast. Geht man geradeaus, läuft man an der Außenmauer entlang: kommt zu einer Art Pförtnerhaus; muß noch einige Schritte gehen und bann mit der Palastmauer links einbiegen. Zur großen Ueberraschung steht man plötzlich vor den Propyläen, zu denen man den Zugang gesucht hat. Eine komische Anordnung. Aber überall, wo man Paläste ausgegraben hat ober noch dabei ist, in Phaestos, in Hagia-Triada, in Mallia, ist. der Grundriß der gleiche. Erst auf diesem Weg, der von Norden nach Süden und bann roieber zurücksührt, kommt man in das Innere und auf oen Zentralhof. Links liegen dann einige Empfangsräume und dahinter die Magazine, und rechts, sorgfältig geschieben, die Werkstätten und die Privatgemächer. Der Grundriß ist schachbrettklar. Wo ist das Labyrinth geblieben? Den Kopf zu den Decken erhoben, geht man 4000 Jahre nach dem Zusammenbruch dieser Welt durch die Säle, Gemächer und Badezimmer, die sich im Ostflügel befinden. Es sind hier noch zwei Etagen erhalten. Breite Treppen, von Säulen begleitet, die sich nach unten verjüngen, fuhren abwärts, aufwärts. Es ist überall hell. Fenster, in denen einstmals Pergamentscheiben saßen, und Lichtschächte erfassen die dunkelsten Winkel. Wo durch die Schächte der Regen hineinfallen konnte, liegt der Boden schräg, und das Wasser läuft unterirdisch weiter. Es wird in großen Behältern gesammelt, von denen aus wieder die Badewannen, Waschküchen und Werkstätten gespeist werden. Es gab in dem Palast sogar ein W. C. t .. Das Röhrensystem war so vollkommen, daß man bei Gefälle die Ton- rohren sogar parabolisch baute, um ein Auswaschen durch den verstärkten Wasserdruck zu verhindern. Es ist dergleichen in Jahrtausenden nicht wieder erreicht worden. Selbst die Wasser- und Straßenbaukünste der Römer, für die sie bisher als unerreichte Meister galten, sind zweitrangig neben der minoischen Arbeit. Deshalb hat sich auch die minoische Straße, die von Knossos zur Küste führt, gut erhalten, während der Unterbau der römischen Straße, die darüber und daneben liegt, mürbe geworden ist. Auch die Welt der schönen Dinge ist nach dem Untergang Minoas fall solchem Reichtum nicht wiedergekommen. Das beweisen vor allem die Fresken, die man gefunden hat. Sie lagen unter umgeftürzten Mauern, unb Evans hat die Bilder aus dem bemalten Schutt in monatelanger Arbeit Zentimeter für Zentimeter wieder zusammengeklebt. Das Ergebnis war ein Triumpf. Man steht mit offenem Mund. Es ist auf diesen Bildern nichts, aber auch gar nichts von dem was sich mit irgendwelchen Vorstellungen vergleichen ließe. Es gibt zwar einzelnes, was an Aegypten erinnert, anderes, was ganz japanisch ist aber das Ganze gehört weder zu der einen noch zu der anderen Welt Selbst das Gegenständliche gestattet noch keine Vergleiche und ist eben nur minoisch. Es fehlt den Darstellungen alles, was man von der Antike her gewöhnt ist, und es ist wiederum alles da, was man zwischen 5000 und 500 vor Christus gar nicht oder nur selten findet. Man sieht daher keine wilden Dinge: keine Triumphzüge, Schlachten und dergleichen, sondern nur eine Welt, die ruht oder spielt. Man sieht eine Katze, die hinter einem Busch einem Huhn auflauert. Einen Fasan, der auf einem Zweig hockt. Schwimmende Delphine, oder Männer und Frauen, die sich um einige große Bäume auf einer Wiese versammeln. Von den gefährlichen Dingen ist nur der Kampf mit dem Stier beliebt. Man sieht Menschen, die über ihn Hinwegspringen, in seinen Hörnern hängen, oder sogar auf den Hörnern einen Handstand machen. Liese Tauromachie und die Goyas sind die beiden einzigen, die es gibt. Aber die minoische besitzt vor der des Spaniers den Vorzug, daß hier der Stierkampf noch sichtbarer Teil eines Kults ist. Mit dem Sprung über den Stier setzt nicht nur ein Akrobat ober ein Sportsmann über eine Barriere hinweg, sondern der Mensch über das Sinnbild der Kraft und aller dunklen Mächte. Was heute einander weltenfern ist, der Priester und der Akrobat, der Geistmann und der Körpermann, das saß um diese Zeit noch in ein und derselben Haut. Hier, in Minoa, ist nachweisbar die Einheit. Nicht in Griechenland. Die olympischen Spiele sind bereits ein Verfall. Auch die Grenze zwischen Mann und Weib war um jene Zeit anders gezogen als jemals zuvor. Die Frauen waren frei, aber hielten das anscheinend für so selbstverständlich, daß sie darüber nicht die Balance verloren. Sie beteiligten sich daher an den Stierkämpfen wie auch an den unreligiösen Spielen, den reinen Sports: sie schwammen, gingen auf die Jagd, turnten und boxten, und hatten für diese Beschäftigungen so- gar einen besonderen Dreß, der sich von der Kleidung des Mannes kaum unterschied — aber sie hatten nicht den Ehrgeiz, auch noch ruhelos zu werden. Sie blieben ihrem Geschlecht und der Seßhaftigkeit treu, und da die Kirche das Haus aller Häuser ist, und eine wandernde Kirche ein Widerspruch in sich selbst, so verfloß ihr Leben auf dem Sportplatz oder bei den Quellen, die man verehrte. Die minoische Kirche war vom Gott bis zum letzten Wesen weiblich. Es gibt einige Statuetten der höchsten Göttin, die ebenso wie die Marien der Renaissance das Frauenbild der ganzen Zeit wiedergeben. Man sieht keine enghüftigen Figuren, weiße Schultern; zierliche Bügel für lange, weite, krinolinengebaufchte Röcke oder ein Wasserfaß von Volants. Rücken und Arme sind meistens bekleidet. Aber die Brust liegt in einem tiefen Ausschnitt offen, und um den Kopf in den Zauber der weiten Silhouette einzufangen, biegt vom Hals ab ein Stuart-Kragen bis zur Hohe des grotesk-witzigen Huts. Man verstand sich auf alle Raffinements. Um den Spann zu verkürzen, hakten die Sandalen hohe Hacken. Helena muß so gekleidet gewesen sein. Denn die Frauen der Männer, die von Argolis nach Troja zogen, holten sich aus Minoa, was beweglich war, und dazu gehören ja vor allem die Schneider. Als in Kreta um 1400 die Dorer einfielen und alles zerstörten, war die Mode das letzte, was unterging. Tinte und Feder waren viel schneller aus dem Gebrauch gekommen. Was dann blieb, war nur noch eine Legende und der Gesang an eine große Göttin, deren Sohn jährlich starb, um immer wieder aufzuerstehen. Die „Große Mutter" war für die Minoer vor allem eine Meergöttin gewesen. Es gibt sogar noch heute eine Erinnerung an sie. Oer arme Spielman«. Erzählung von Franz Grillparzer. (Fortsetzung.) „Ich kam nun in die Kanzlei unter die Abschreiber. Da war ich recht an meinem Platze. Ich hatte immer das Schreiben mit Lust getrieben, und noch jetzt weiß ich mir keine angenehmere Unterhaltung, als mit Tinte auf gutem Papier Haar- und Schattenstriche aneinander zu fügen zu Worten oder auch nur zu Buchstaben. Musiknoten sind nun gar überaus schön. Damals dachte ich aber noch an keine Musik. „Ich war fleißig, nur aber zu ängstlich. Ein unrichtiges Unterscheidungszeichen, ein unleserliches oder ausgelassenes Wort im Konzepte, wenn es sich auch aus dem Sinne ergänzen ließ, machte mir bittere Stunden. Im Zweifel, ob ich mich genau ans Original halten oder aus Eigenem beisetzen sollte, verging die Zeit angstvoll, und ich kam in den Ruf, nachlässig zu fein, indes ich mich im Dienste abquälte, wie keiner. So brachte ich ein paar Jahre zu, und zwar ohne Gehalt, da, als die Reihe der Beförderung an mich kam, mein Vater im Rate einem andern seine Stimme gab und die übrigen ihm zufielen aus Ehrfurcht. „Um diese Zeit — sieh nur," unterbrach er sich, es gibt denn doch eine Art Geschichte. Erzählen wir die Geschichtel Um diese Zeit ereigneten sich zwei Begebenheiten: die traurigste und die freudigste meines Lebens. Meine Entfernung aus dem väterlichen Hause nämlich und das Wiederkehren zur holden Tonkunst, zu meiner Violine, die mir treu geblieben ist bis auf diesen Tag. „Ich lebte in dem Hause meines Vaters, unbeachtet von den Hausgenossen, in einem Hinterstübchen, das in den Nachbarshof hinausging. Anfangs aß ich am Familientische, wo niemand ein Wort an mich richtete. Als aber meine Brüder auswärts befördert wurden und mein Vater beinahe täglich zu Gast geladen war — die Mutter lebte feit lange nicht mehr — fand man es unbequem, meinetwegen eine eigene Küche zu führen. Die Bedienten erhielten Kostgeld; ich auch, das man mir aber nicht auf die Hand gab, sondern monatweise im Speisehause bezahlte. Ich war daher wenig in meiner Stube, die Abendstunden ausgenommen; denn mein Vater verlangte, daß ich längstens eine halbe Stunde nach dem Schluß der Kanzlei zu Hause sein sollte. Da saß ich denn, und zwar, meiner schon damals angegriffenen Augen halber, in der Dämmerung ohne Licht. Ich dachte auf das und jenes und war nicht traurig und nicht froh. „Wenn ich nun so faß, hörte ich auf dem Nachbarshofe ein Lied fingen. Mehrere Lieder heißt das, worunter mir aber eines vorzüglich gefiel. Es war so einfach, so rührend und hatte den Nachdruck so auf der rechten Stelle, daß man die Worte gar nicht zu hören brauchte. Wie ich denn überhaupt glaube, die Worte verderben die Musik." Nun öffnete er den Mund und brachte einige heisere rauhe Töne hervor. „Ich habe von Natur keine Stimme", sagte er und griff nach der Violine. Er spielte, und zwar diesmal mit richtigem Ausdrucke, die Melodie eines gemütlichen, übrigens gar nicht ausgezeichneten Liedes, wobei ihm die Finger auf den Saiten zitterten und endlich einzelne Tränen über die Backen liefen. „Das war das Lied", sagte er, die Violine hinlegend. ,^Jch hörte es immer mit neuem Vergnügen. So sehr es mir aber im Gedächtnis lebendig war, gelang es mir doch nie, mit der Stimme auch nur zwei Töne davon richtig zu treffen. Ich ward fast ungeduldig von Zuhören. Da fiel mir meine Geige in die Augen, die aus meiner Jugend her wie ein altes Rüststück ungebraucht an der Wand hing. Ich griff danach, und — es mochte sie wohl der Bediente in meiner Abwesenheit benützt haben — sie fand sich richtig gestimmt. Als ich nun mit dem Vogen über die Saiten fuhr, Herr, da war es, als ob Gottes Finger mich angerührt hätte. Der Ton drang in mein Inneres hinein und aus dem Innern wieder heraus. Die Luft um mich war wie geschwängert mit Trunkenheit. Das Lied unten im Hofe und die Töne von meinen Fingern an mein Ohr, Mitbewohner meiner Einsamkeit. Ich fiel auf die Knie und betete laut und konnte nicht begreifen, daß ich das holde Gotteswesen einmal gering geschätzt, ja gehaßt in meiner Kindheit, und küßte die Violine und drückte sie an mein Herz und spielte wieder und fort. „Das Lied im Hose — es war eine Weibsperson, die fang — tönte derweile unausgesetzt; mit dem Nachspielen ging es aber nicht so leicht. „Ich hatte das Lied nämlich nicht in Noten. Auch merkte ich wohl, daß ich das Wenige der Geigenkunst, was ich etwa einmal wußte, so ziemlich vergessen hatte. Ich konnte daher nicht das und das, sondern nur überhaupt spielen. Obwohl mir das jeweilige Was der Musik, mit Ausnahme jenes Lieds, immer ziemlich gleichgültig war und auch geblieben ist bis zum heutigen Tag. Sie spielen den Wolfgang Amandens Mozart und den Sebastian Bach, aber den lieben Gott spielt keiner. Die ewige Wohltat und Gnade des Tons und Klangs, feine wundertätige lieber« einftimmung mit dem durstigen, zerlechzenden Ohr, daß" — fuhr er leiser und schamrot fort — „der dritte Ton zusammengestimmt mit dem ersten und der fünfte desgleichen und die Nota sensibilis (d. h. die Septime, die zu dem höheren ober tieferen Halbton leitet) hinauffteigt, wie eine erfüllte Hoffnung, die Dissonanz herabgebeugt wird als wissentliche Bosheit ober vermessener Stolz, unb die Wunder der Bindung und Umkehrung, wodurch auch die Sekunde (Zwischenraum zwischen den Tönen c-d) zur Gnade gelangt in den Schoß des Wohlklangs. — Mir hat das alles, obwohl viel später, ein Musiker erklärt. Und, wovon ich aber nichts verstehe, die fuga (Tonstück, in dem das Thema von allen Stimmen in bestimmter Reihenfolge nachgeahmt wird) unb bas punctum contra punctum (Kontrapunkt, d. h. bie Kunst, mehrere Stimmen miteinanber regelrecht zu verbinden unb fortzuführen) unb ber canon (Mehrstimmiges Tonstück, wobei die Melodie der einen Stimme von den anderen wiederholt wird) a duo, a tre und so fort, ein ganzes Himmelsgebäude, eines ins andere greifend, ohne Mörtel verbunden und gehalten von Gottes Hand. Davon will niemand etwas wissen bis auf wenige. Vielmehr stören sie dieses Ein- unb Ausatmen ber Seelen burch Hinzufügung allenfalls auch zu sprechenber Worte, wie die Kinder Gottes sich verbanden mit den Töchtern ber Erbe; daß es hübsch angreife unb eingreife in ein schwieliges Gemüt. Herr," schloß er endlich, halb erschöpft, „bie Rede ist dem Menschen notwendig wie Speise, man sollte aber auch den Trank rein erhalten, der da kommt von Gott." Ich kannte meinen Mann beinahe nicht mehr, so lebhaft war er geworden. Er hielt ein wenig inne. ,„Wo blieb ick) nur in meiner Geschichte?" sagte er endlich. „Ei ja, bei dem Liede und meinen Versuchen, es nachzuspielen. Es ging aber nicht. Ich trat ans Fenster, um besser zu hören. Da ging eben bie Sängerin über ben Hof. Ich sah sie nur von rückwärts, unb doch kam sie mir bekannt vor. Sie trug einen Korb mit, wie es schien, noch ungebackenen Kuchenstücken. Sie trat in ein Pfortchen in der Ecke des Hofes, da wohl ein Backofen innen fein mochte, denn immer fortfingenb, hörte ich mit hölzernen Geräten scharren, wobei bie Stimme einmal dumpfer unb einmal heller klang wie eines, ber sich bückt unb in eine Höhlung hineinfingt, bann roieber erhebt und aufrecht dasteht. Nach einer Weile kam sie zurück, und nun merkte ich erst, warum sie mir vorher bekannt vorkam. Ich kannte sie nämlich wirklich feit längerer Zeit. Und zwar aus ber Kanzlei. Damit verhielt es sich so. Die Amtsstunden fingen früh an und währten über den Mittag hinaus. Mehrere von den jüngeren Beamten, bie nun entweder wirklich Hunger fühlten ober eine halbe Stunde damit vor sich bringen wollten, pflegten gegen elf Uhr eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen. Die Gewerbsleute, die alles zu ihrem Vorteile zu benutzen wissen, ersparten den Leckermäulern den Weg unb brachten ihre Feil- schaften (Waren zum Feildieten) ins Amtsgebäube, wo sie sich auf Stiege unb Gang damit hinstellten. Ein Bäcker verkaufte kleine Weißbrote, bie Obstfrau Kirschen. Vor allem aber waren gewisse Kuchen beliebt, die eines benachbarten Gvieslers (Hänbler mit Gries unb anderen Viktualien) Tochter selbst verfertigte und noch warm zu Markt brachte. Ihre Kunden trafen zu ihr auf den Gang hinaus, und nur selten kam sie, gerufen, in die Amtsstube, wo dann ber etwas grämliche Kanzleivorsteher, wenn er ihrer gewahr wurde, ebenso selten ermangelte, sie wieder zur Türe Verantwortlich: Dr. Han» Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl hinauszuweisen, ein Gebot, dem sie sich nur mit Groll, und unwillige Worte murmelnd, fügte. Das Mädchen galt bei meinen Kameraden nicht für schon. Sie fanden sie zu klein, wußten die Farbe ihrer Haare nicht zu bestimmen. Daß sie Katzenaugen habe, bestritten einige, Pockengruben aber gaben alle zu. Nur von ihrem stämmigen Wuchs sprachen alle mit Beifall, schalten sie aber grob, und einer wußte viel von einer Ohrfeige zu erzählen, deren Spuren er noch acht Tage nachher gefühlt haben wollte „Ich selbst gehörte nicht unter ihre Kunden. Teils fehlte mir's an Geld, teils habe ich Speise unb Trank wohl immer — oft nur so sehr — als ein Bedürfnis anerkennen müssen, Lust unb Vergnügen darin zu suchen, aber ist mir nie in den Sinn gekommen. Wir nahmen daher keine Notiz voneinander. Einmal nur, um mich zu necken, machten ihr meine Kameraden glauben, ich hätte nach ihren Eßwaren verlangt. Sie trat zu meinem Arbeitstisch und hielt mir ihren Korb hin. ,Jch kaufe nichts, liebe Jungfer', sagte ich. ,Nun, warum bestellen Sie bann bie Leute?' rief sie zornig. Ich entschuldigte mich, unb sowie ich bie Schelmerei gleich weg hatte, erklärte ich ihr's aufs beste. ,Nun, fo schenken Sie mir wenigstens einen Bogen Papier, um meine Kuchen barauf zu legen', sagte sie. Ich machte ihr begreiflich, daß das Kanzleipapier sei und nicht mir gehöre, zu Hause aber hätte ich welches, das mein wäre, davon wollt' ich ihr bringen. ,Zu Hause habe ich selbst genug1, sagte sie spöttisch unb schlug eine kleine Lache auf, inbem sie fortging. Das war nur vor wenigen Tagen geschehen, unb ich gebuchte aus dieser Bekanntschaft sogleich Nutzen für meinen Wunsch zu ziehen. Ich knöpfte daher des andern Morgens ein ganzes Buch Papier, an dem es bei uns zu Haufe nie fehlte, unter ben Rock unb ging auf die Kanzlei, wo ich, um mich nicht zu verraten, meinen Harnisch mit großer Unbequemlichkeit auf dem Leibe behielt, bis ich gegen Mittag aus dem Gin- und Ausgehen meiner Kameraden unb bem Geräusch ber tauenben Backen merkte, daß die Kuchenverkäuferin gekommen war, unb glauben konnte, daß ber Hauptanbrang ber Kunben bereits vorüber fei. Dann ging ich hinaus, zog mein Papier hervor, nahm mir ein Herz unb trat zu bem Mäbchen hin, die, den Korb vor sich auf bem Boden und ben rechten Fuß auf einen Schemel gestellt, auf bem sie gewöhnlich zu sitzen pflegte, baftanb, leise summend unb mit dein auf ben Schemel gestützten Fuß ben Takt dazu tretend. Sie maß mich vom Kops bis zu ben Füßen, als ich näher kam, was meine Verlegenheit vermehrte. ,Siebe Jungfer,' fing ich endlich an, .Sie haben neulich von mir Papier begehrt, als keines zur Hand war, das mir gehörte. Nun habe ich welches von Haufe mitgebracht und —' damit hielt ich ihr mein Papier hin. .Ich habe Ihnen schon neulich gesagt,' erwiderte sie, .daß ick) selbst Papier zu Hause habe. Indes man kann alles brauchen.' Damit nahm sie mit einem leichten Kopfnicken mein Geschenk unb legte es in den Korb. .Von ben Kuchen wollen Sie nicht?' sagte sie, unter ihrer Ware herummusternb, ,aud) ist das Beste schon fort.' Ich dankte, sagte aber, baß ich eine anbere Bitte hätte. .Nu, allenfalls?" sprach sie, mit bem Arm in bie Hanbhabe bes Korbes faljrenb unb aüfgeridjtet dastehenb, wobei sie mich mit Ijeftia-n Augen anblitzte. Ich fiel rasch ein, baß ich ein Liebhaber ber Tonkunst fei, obwohl erst feit kurzem, daß ich sie so schöne Lieder fingen gehört, besonders eins. .Sie? Mich? Lieder?' fuhr sie auf, .und wo?' Ich erzählte ihr weiter, daß ich in ihrer Nachbarschaft wohne unb sie auf dem Hofe bei ber Arbeit belauscht hätte. Eines ihrer Lieder gefiele mir besonders, so daß ich's schon versucht hätte, auf der Violine nachzuspielen. .Wären Sie etwa gar derselbe,' rief sie aus, .der so kratzt auf der Geige?' — Ich war damals, wie ich bereits sagte, nur Anfänger unb habe erst später mit vieler Mühe die nötige Geläufigkeit in diese Finger gebracht", unterbrach sich der alte Mann, wobei er mit der linken Hand, als einer, der geigt, in ber Luft herumfingerte. „Mir war es," fetzte er feine Erzählung' fort, „ganz heiß ins Gesicht gestiegen, unb ich sah auch ihr an, daß das harte Work sie gereute. .Werte Jungfer,' sagte ich, .bas Kratzen rührt von daher, daß ich das Lied nicht in Noten habe, weshalb ich auch höflichst um die Abschrift gebeten haben wollte.' — ,11m bie Abschrift?' sagte sie. .Das Lied ist gedruckt und wird an den Straßenecken verkauft.' — .Das Lieb?' entgegnete ich. .Das finb wohl nur bie Worte.' — .Nun ja, die Worte, das Lied.' — .Aber der Ton, in dem man's singt.' — .Schreibt man denn derlei auch auf?" fragte sie. .Freilich!' war meine Antwort, .das ist ja eben die Hauptsache. Unb wie haben benn Sie’s erlernt, werte Jungfer?' — .Ich horte es fingen, unb da fang ich's nach.' — Ich erstaunte über das natürliche Ingenium; wie denn überhaupt die ungelernten Leute oft die meisten Talente haben. Es ist aber doch nicht das Rechte, die eigentliche Kunst. Ich war nun neuerdings in Verzweiflung. .Aber welches Lied ist es denn eigentlich?' sagte sie. .Ich weiß so viele.' — .Alle ohne Noten?' — .Nun freilich; also welches war es bennf — .Es ist gar so schön', erklärte ich mich. .Steigt gleich anfangs in die Höhe, kehrt dann in sein Inwendiges zurück und hört ganz leise auf. Sie fingen’s auch am öftesten.' — ,21, das wird wohl bas fein!' sagte sie, setzte ben Korb roieber ab, stellte ben Fuß auf den Schemel unb sang nun mit ganz leiser unb doch klarer Stimme bas Lieb, wobei sie bas Haupt duckte, so schon, so lieblich, baß, ehe sie noch zu Ende war, ich nach ihrer herab- hängenden Hand fuhr. ,Oho', sagte sie, ben Arm zurückziehend, denn sie meinte wohl, ich wollte ihre Hand unziemlicherweise anfassen, aber nei», küssen wollte ich sie, obschon sie nur ein armes Mädchen war. — Nun, ich bin ja jetzt auch ein armer Mann. Da ich nun vor Begierde, bas Lied zu haben, mir in die Haare fuhr, tröstete sie mich und sagte: der Organist der Peterskirck)e käme öfter um Mutkatnuß in ihres Vaters Gewölbe, ben wolle sie bitten, alles auf Noten zu bringen. Ich konnte es nach ein paar Tagen bort abholen. Hierauf nahm sie ihren Korb und ging, wobei ich ihr bas Geleite bis zur Stiege gab. Auf ber obersten Stufe die letzte Verbeugung machend, Überraschte mich der Kanzlelvorfteher, ber mich an meine Arbeit gehen hieß und auf bas Mädchen schalt, an bem, wie er behauptete, kein gutes Haar sei (Fortsetzung folgt.) _____________ 'sehe AniverfitätS^Buch- und St ein druckerei, R. Lange, Gießen.