GietzenerZaliiilienblätter Nummer 8( Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1929 Freitag, den l8. Oktober ' Was kann denn Liebe mehr tun? Von Leo Sternberg. Was kann die Liebe mehr tun als ein Baum, der grün sich über uns im Blauen wiegt, oder ein Reiher, der vom Strom auffliegt? Ist es nicht schön, daß wir im selben Raum mit ihnen leben, atmen eine Luft und daß uns schon ein guter Geist ergreift, wenn süß uns Silberlaut der Schwalbe streift? Wie leicht und ohne Feindschaft und in Duft gelöst ist dann die Welt! Die du siiich liebst! Rötliches Gräserspiel im Juniwind — 0, weil nicht Mensch in Mensch hinüberrinnt, läßt du in mir erblühn, was du nicht gibst! Die Expedition. - Von Ludwig v. Wohl. Ich hatte den alten Herrn gar nicht eintreten hören. Er stand mitten im Zimmer, als ich von meinem Buch, einem albernen französischen Detektivroman, aufblickte. Ich liebe Ueberraschungen in keiner Form. Schon ein sich plötzlich unerwartet ansagender Besuch ist mir etwas Unangenehmes. Ich muß ehrlich gestehen, daß ich entrüstet war. Man dringt nicht so formlos in anderer Leute Wohnung ein, — schon gar nicht, wenn man diese anderen Leute nur dadurch kennt, daß man zufälligerweise über ihnen wohnt. Trotzdem war ich höflich genug, aufzustehen und mich zu verbeugen. „Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Professor?" sagte ich, während ich mir den Kopf darüber zerbrach, warum Frau Peters mir den Besucher nicht gemeldet hatte. Der kleine weißhaarige Professor musterte mich sehr argwöhnisch. Es schien, als wäre er der nichtsahnende Hausherr und ich der ungebetene Eindringling. Immerhin schien seine Musterung ihn befriedigt zu haben. Er knurrte etwas Unverständliches und setzte sich ohne alle Umschweife auf den nächsten Stuhl. „Passen Sie mal auf," sagte er, „Sie kennen natürlich meinen Namen. —" „Es tut mir leid", begann ich zögernd. Er kicherte boshaft. „Hab' ich mir gleich gedacht. Das wohnt seit Jahren dreißig Treppenstufen unter mir und kennt meinen Namen nicht. Das, was einem zu nahe liegt, sieht man nicht, verehrter Herr, das ist eine alte Geschichte. Eine Tatsache, der ich meinen Ruhm verdanken werde, jawohl — also ich heiße ©raun. Und ich will Ihnen jetzt ein paar Fragen stellen, die Sie mir bitte klipp und klar beantworten wollen. Ja oder nein, weiter nichts. Also ich fange an. Sie sind ein ungefähr sechsundzwanzigjähriger Rechtsanwalt ohne die leisesten Ansätze einer Praxis, ja oder nein? „DI), bitte", protestierte ich pikiert. „Erst gestern, nein, vorgestern war ein Klient —" Der Professor winkte ab. „Io ober nein?“ „3a — ja also. Es stimmt ungefähr.“ „Sie sind mäßig vermögend und langweilen sich zur Zeit ziemlich stark. Ja ober nein?" „3a. Aber was —" .Haben Sie Lust, mich auf einer Expedition zu begleiten, die Sie vielleicht für drei Monate, vielleicht auch auf vier, von Berlin fortführen wird, ja oder nein?" „Aber ich bitte Sie, lieber Herr Professor, — da müßte man doch erst---" „3a ober nein?" „---ja--". Der Professor nickte sichtlich befriedigt. „Werden Sie es fertig bringen, Dingen gegenüber, die Ihnen unerklärlich scheinen, kaltes Blut zu bewahren und volles Vertrauen zu mir zu haben?“ „Es ist also eine gefährliche Expedition?" ’ „Eine — vielleicht — sehr gefährliche." Ich überlegte. Woher konnte dieser seltsame kleine Kauz, der im Hause immer nur „der verrückte Professor“ genannt wurde, wissen, wie ich mich un Innersten danach sehnte, etwas zu erleben, was die Banalität des täglichen Lebens unterbrach? Nach etwas Neuem, Buntem, meinetwegen Ge- mhrlichem--seit einem halben Jahr schlich meine stark schwindsüchtige Praxis auf Krücken durch ihr ziemlich jämmerliches Dasein — und ich besaß kein besseres Mittel, die unerträgliche Langeweile zu vertreiben, als die Schauerschmöker unfehlbarer Sherlocks, Nick Carters und Arftne Liipins zu verschlingen. Eine Expedition? Eine gefährliche Expedition? ZvOyin -- (-- „Sie werden mehr kann als die können, was ich vorhin gefühü Hai gelang mir, mich soweit in die (Bei ., "3S.unll mich Ihrer Expedition anschließen, Herr Professor", sagte sch entschlossen und sah ihm fest in das von hundert Falten und Fältchen durchzogene Skeptikergestcht mit den klugen schwarzen Augen, die hinter brelten und sehr scharfen Glasern unnatürlich verkleinert aussahen. 9 ausrüsten unb™ ^ni> mann beginnt sie? Ich muß mich doch Professor ©raun kicherte. „Ausrüsten? Ueberlassen Sie bas alles mis, iwber junger Freund. Ich habe die Ausrüstung bereits zusammen- gestellt. Die Expedition beginnt heute abend." Er sah auf bie Uhr Es tft tll Uhr. Ich denke, in einer halben Stunde fahren mir." Ich starrte ihn in grenzenloser Verblüffung an. Ein Verdacht keimte m mir auf. Entsprach der Spitzname des Alten etwa den Tatsachen? War der Professor — verrückt? — ' Ä.M) bin ganz normal", sagte er plötzlich und sah mich lächelnd an. „Oh, bitte, es war nicht so gemeint", stotterte ich, und jetzt erst fiel mir ein, daß ich ja meinen Gedanken gar nicht ausgesprochen hatte. Er mußte in meinem Hirn lesen wie in einem Buch. Erschrocken fuhr ich von meinem Stuhl empor. Der Professor lächelte und drückte mich wieder hinunter, sich schon daran gewöhnen müssen, daß ich ein bißchen mehr Allgemeinheit", sagte er spöttisch. „Sonst kommen Sie aus der Verblüffung in den nächsten Wochen nicht mehr heraus." Wie verflucht überlegen er tat. Eigentlich hätte auch ein Kind erraten tonnen, was ich vorhin gefühlt hatte. Ich riß mich zusammen, und es gelang mir, mich soweit in die Gewalt zu bekommen, daß es zu einer etwas ironischen Verbeugung reichte. „Gut," sagte ich — „ich habe nichts weiter vor und werde Sie auf Ihrer Expedition begleiten. Ich will mir nur noch ein frisches Taschentuch einstecken — mit einem reiche ich nicht drei Monate — und wohl auch ein bißchen Wäsche." „Tun Sie das", sagte der Profeflor kühl. Wortlos ging ich ins Nebenzimmer und packte meinen kleinen Handkoffer. Sechs Hemden, — den Smoking — Krawatten, Kragen, Strümpfe, Schuhe, Seife und all die kleinen Notwendigkeiten des täglichen Lebens. Dabei fiel mir mein guter Browning in die Hand. Ich überlegte einen Augenblick und steckte ihn bann in die Hosentasche. Geladen war er. Fünfzig Reservepatronen in die Handtasche. Fertig. Mantel. Hut. „Wir können gehen, Herr Professor“, sagte ich mit einer Ruhe, die nur mit selbst imponierte. Er nickte kurz, überflog mich und meine Handtasche mit einem infam ironischen Blick, für den ich ihn am liebsten niedergeschlagen hätte, und ging voran. Frau Peters schlief offenbar. Die Tür war von innen verriegelt und abgeschlossen. Ich unterdrückte eine Frage und stieg stumm hinter dem Professor bie Treppe hinauf. Eine Bronzeplakette „©raun". Weißgestrichene Gänge — ab und zu Photographien von Sternbildern an den Wänden. Der Professor beschäftigte sich wohl auch mit Astronomie. — Er öffnete jetzt eine schmale Tür und winkte mir. Ich trat ein und erhielt sofort einen kräftigen Stoß in den Rücken, der mich stolpernd in einen Sessel warf. Ich glaubte wenigstens, daß es ein Sef'el mar, — denn sehen konnte ich überhaupt nichts. Es war absolut finster. — Bevor ich eine empörte Frage stellen konnte, ertönte ein dump es rollendes Brausen und ein heftiger Ruck ließ meinen Körper in seltsame Schwingungen geraten. „Was ist los?" schrie ich wütend. „Machen Sie sofort Licht, Professor, sonst —" Eine rote Lampe glühte auf. Der Professor saß auf einem kleinen eisernen Stuhl vor einem Schaltbrett mit mir völlig rätselhaften Hebeln und Handgriffen. Sein Gesicht zeigte höchste geistige Anspannung. Erhalte einen Zettel mit algebraischen Formeln vor sich und wenn er nicht schaltete, rechnete er eifrig. Meine Frage hatte er wohl überhört. Ich sah mich um. Ein Raum von höchstens sechs Quadratmeter, angefüttt mit Apparaten aller Art, Lampen an den Wänden. Ein Arbeitszimmer? Der Professor sah auf. „Endlich", sagte er im Ton tiefster Befriedigung. Schob den Zettel mit seinen Berechnungen beiseite und sah angestrengt durch ein Instrument, das eine gewisse Aehnlichkeit mit einem Mikroskop hatte. „So", sagte er kalt. „Jetzt halten Sie sich aber fest, mein Lieber — an dem Lederbügel hier — treten Sie in bie Leberschuhe. So.“ Unten an meinem Sessel waren Leberhüllen angebracht, in die ich meine Füße steckte. Ein großer Riemen hing an der Wand. Ich ergriff ihn mit beiden Händen und hielt mich fest. Der Profeflor auf feinem Sitz tat das gleiche. Ich machte diesen geheimnisvollen Unsinn mit, um den alten Mann nicht zu reizen. Daß er verrückt war, schien mir nun ziemlich sicher. Man mußte sich mit Anstand aus der Affäre ziehen ... Der Professor riß einen Hebel herum. Ein gellendes, ohrenzerreißendes Zischen ertönte und ein fürchterlicher Druck preßte mich gegen den Stuhl. Ich schrie laut auf, aber mein Schreien ging in dem höllischen Zischen unter, das noch immer anhielt und erst nach qualvollen Minuten abnahm, um schließlich zu ersterben. Zugleich hörte auch der Druck auf. Ich war wie zerschlagen. Der Professor drehte sich langsam um. „Es ist geglückt", sagte er feierlich. Seine Augen funkelten. Er stand auf und zog an einer Schnur, die von der niedrigen Decke herabhing. Vorhänge flogen zurück, und der Helle Teppich unter meinen Füßen wurde weggezogen — im nächsten Augenblick lag ich stöhnend in einer Ecke flach auf dem Boden, von einem entsetzlichen Schwindel geschüttelt. Um uns herum lag nachtschwarzer, sternübersäter Raum. Das Zimmer war eine Art Flugmaschine. Und — das war das Entsetzlichste — unter uns war das Nichts — war der gleiche schwarze Raum — nur eine Helle fruchtbar glänzende Scheibe von riesiger Größe drohte herauf. Schwach erkannte ich die Umrisse von Europa und eines Teils von Afrika — die Erde lag Tausende von Kilometer unter mir —. Das Flugzeug, das mit grauenhafter Geschwindigkeit fliegen mußte, bestand aus einer glasähnlichen Masse. Das also war die Expedition — aber wohin wollte der Professor? Nach dem Mond? Dem Mond? Dem Merkur? Oder Überhaupt aus unserem Planetensystem heraus zu anderen Sternbildern, in den unendlichen Raum? Und wie bei allen tausend Teufeln war es ihm gelungen, die Gravitation, die Erdschwere, zu überwinden? Er saß wieder ruhig und kalt an seinen Apparaten. Genial war dieser Mann — nicht verrückt. Ich schämte mich ehrlich, während ich mich bemühte, mein Schwindelgefühl zu überwinden. Die Sterne unter mir wanderten von Osten nach Westen — oder war es von Norden nach Süden? Gab es überhaupt noch eine Himmelsrichtung? Warum hatte mich der seltsame Mann mitgenommen. Vielleicht konnte er allein die Apparate nicht bedienen — vielleicht kannte er keinen Menschen, dem er sich anvertrauen wollte — und war auf mich verfallen, weil er wußte, daß ich —. Ein scharfes Knacken unterbrach meine Gedanken. Aus einer der Glasröhren am Schaltbrett schoß ein bläulicher Blitz — ein Ruck erschütterte unsere Maschinen. Der Professor taumelte hoch. Er war totenbleich. „Wir steigen nicht mehr", sagte er tonlos. „Irgend etwas muß uns obgelenkt haben. Ein Bolide vielleicht. Die Apparate versagen plötzlich." Er wankte und hielt sich mit Mühe an dem eisernen Stuhl. Ich blickte zu Boden. Irrte ich mich? Nein! Mit schwindelerregender Geschwindigkeit raste die blinkende Erdscheibe auf uns zu! „Wir fallen!!" schrie ich außer mir vor Entsetzen. Der Professor antwortete nur mit einem schrecklichen Lachen. Er warf alle Hebel und Schaltungen herum. Es blitzte unaufhörlich, elektrische Entladungen zuckten bläulich durch den Raum — immer näher schien uns der fürchterliche Planet entgegenzustürmen —. „Der Gravitationsbrecher versagt!" schrie der Professor. „Wie werden verbrennen!" Plötzlich hatte ich das Gefühl, als werde mir der Boden unter den Füßen weggezogen.--- „Na endlich!" sagte Frau Peters vorwurfsvoll. „Sie sind ja gar nicht wachzukriegen, Herr Doktor!" Ich blinzelte sie an. Lag in meinem Bett. Aber wo war der —. „Wissen Sie schon, was passiert ist?" fragte Frau Peters. „Ich hab' doch immer gesagt, mit dem Kerl ist irgend etwas nicht in Ordnung!" „Mit — wem?" „Der alte Professor da über uns — heute nacht ist er gestorben — verbrannt —". „Was?" „Ja, ja — er hat doch schon immer solche Versuche gemacht — und da muß wohl was nicht gestimmt haben — die Feuerwehr war schon da und hat die Wohnung aufgebrochen — er war ganz verkohlt. Und alle möglichen Insolvente haben sie gefunden — halb geschmolzen — ganz komische Dinger — die Feuerwehrleute haben nur immer die Köpfe geschüttelt — keiner weiß genau, was da eigentlich passiert ist —." „Der Gravitationsbrecher hat versagt", sagte ich unwillkürlich. Frau Peters sah mich groß an. „Gut, gut", sagte ich schnell. „Ist ja sehr traurig — sehr traurig. Jetzt muß ich aber ausstehen, Frau Peters." Sie ging — mit einem- ziemlich mißtrauischen Blick. Von draußen her scholl der Straßenlärm — Fliegen summten durchs Zimmer — es war alles wie immer--wie immer. Oie Wissenschaft vom Gange. Von Dr. E. Feige. Es ist vielleicht etwas zu viel gesagt, daß der Mensch vom Affen ab« stamme. Manche Forscher sind eher geneigt, das Gegenteil anzunehmen. Wie dem aber auch sei, die Anwälte beider Parteien mögen die Erbver- hältnisse klären, eine Familienähnlichkeit ist doch unbestreitbar. Darüber haben Darwin und Haeckel neben vielen anderen ja dickleibige Bücher geschrieben. Nun komt aber ein zufälliger Epigone dieser berühmten Leute, welche die Diskretion so wenig wahren konnten, namens John W. (Trift — natürlich ein Amerikaner — und lüftet den Schleier von einem Geheimnis, das wegen feiner Alltäglichkeit eigentlich keins sein sollte. Er hatte auf Vortragsreifen viel Zeit und benutzte diese Gelegenheit schon feit Jahren, um die Fußposition der Damenwelt auf belebte Straßen größerer Städte zu studieren. Er hatte sich heimtückisch einige kleine Registrierapparate in die Taschen gesteckt, mit deren Hilfe er die unwissenden Opfer seiner Beobachtungen säuberlich einteilen konnte: in jüngere vnd ältere, leichtere und schwerere, lange und kurze, solche mit geradem und schiefem Fußgang. Sein im Lause der Zeit angesammeltes „Material" erstreckte sich auf mehrere taufend Damen. Doch wir kommen wieder zum Affen. Wer in einem Zoologischen (Sorten die nächsten Verwandten des Menschengeschlechts unter ihnen gesehen hat, weih, daß sie „taubenfüßig" sind, das heißt, sie setzen beim Gange ihre Füße einwärts. Die Menschenaffen sind Baumbewohner, die Einwärtsneigung ihrer Füße erleichtert ihnen in der Schwebelage das Ergreifen der Zweige. Run kommt das Erbstück beim Menschen; fast alle Säuglinge haben noch so etwas wie eine dunkle Erinnerung an die Zweckmäßigkeit dieser Fußlage, sie drehen die Füße ebenfalls einwärts, obwohl die andere Umgebung sie dabei schnöde im Stich läßt, denn es gibt für die Pedale nichts mehr zum Greifen. Der Säugling muß sich an die Menschwerdung gewöhnen, und zur Ehre der Damenwelt, auf die Crist in ungalanter Weise seine Beobachtungen beschränkt hat, muß gesagt werden, daß diese Menschwerdung fast restlos geglückt ist. Von den beobachteten Frauen setzt« die Mehrzahl, 53,2 v. H., die Füße sein gerade, 415 unter 1000 setzten sie beim Gange nach außen und nur 55 unter 1000 hatten noch die Gewohnheit unserer waldlebenden Ahnen beibehatten. Der aufrechte Gang des Menschen hat also die Fuhhaltung ziemlich gründlich verändert. Der fragesüchtige Mensch will aber noch mehr wissen. Wenn der aufrechte Gang, also die Menschwerdung selbst, die Ganglage der Füße von innen nach außen gedreht hat, warum verläuft dann die Entwicklung nicht gleichmäßig, warum setzen nicht alle Menschen die Füße nach außen ober gerade? Das sind Fragen, bei denen die Taschenregistrierapparate des Amerikaners eingreifen. Er verglich die Ganglage der Füße mit dem Alter, dem Gewicht und der Größe der beobachteten Frauen. Zunächst die Größe: von über 1000 kleinen, erwachsenen Damen setzte über die Hellste (genau 54,9 v. H.) die Füße gerade, etwas über ein Drittel nach außen und der Rest war „taubenfüßig". Danach hat die Gröhe keinen besonderen Einfluß auf die Fußlage, denn die Verhältnisse entfprechen denen oben bei Frauen überhaupt festgestellten. Zudem zeigten die großen Frauen, gleichfalls über 1000 an der Zahl, die gleichen Verhältnisse: wieder setzte etwas mehr als die Hälfte die Füße gerade und ein kleiner Prozentsatz nach innen, der Rest nach außen. Etwas anders wird das Bild schon, wenn die Frauen nach dem Sliter gruppiert werden. Wenn die Veränderung der Fußlage von der Einwärtsneigung der Säuglinge zur Geradehaltung ein Entwicklungsgang ist, so muß auch angenommen werden, daß sich mit zunehmendem Alter Veränderungen ergeben. Alle Lebensfunktionen ändern sich ja mit dem Alter, also dürfte auch die Fußlage in Mitleidenschaft gezogen werden. Das zeigen wieder die untrüglichen Zahlen. Unter mehr als 1000 älteren Damen setzte nur noch etwas mehr als ein Fünftel (21,5 v. H.) die Füße gerade, fast drei Viertel (73,3 v. H.) die Füße nach außen, während die „taubenfühigen" Damen ihren geringen Anteil sehr konservativ beibehalten. Ihnen hat die Menschwerdung offenbar körperlich nicht geschadet. Bei über 1000 jüngeren Frauen unter 40 Jahren war die Verteilung der Fuhhaltung wieder fo, wie wir sie schon von den Gröhenunterschieden her kennen. Es kann danach also kein Zweifel darüber bestehen, daß mit dem Alter eine Veränderung der Fuhlage verbunden ist. Das Alter kann dabei aber nur eine Begleiterscheinung sein, sonst müßten ja alle älteren Menschen die Füße nach außen setzen. Die Erklärung gibt ein Vergleich des durch den Körperumfang durch den Anschein zu ermittelnden Gewichts mit dem Alter und mit der Fußhaltung. Unter den älteren Damen überwiegen die korpulenten, das ist bekannt und entfpricht allen Erfahrungen. Doch gewisfenhaft, wie der Forscher fein muß, finden sich auch hierüber genauere Feststellungen: unter wiederum über 1000 älteren Damen über 40 Jahre gehörten fast 60 v. H. augenscheinlich zu der Schwergewichtsklasse, unter einer gleichen Anzahl jüngerer nur etwas über 11 v. H. Hier haben wir den Angelpunkt. Dies wird sofort bei einer Verbindung des Gewichts mit der Fußhaltung klar. Unter den beobachteten Frauen der Schwergewichtsklasse setzten rund 20 v. H. die Füße gerade, rund 76 v. H. nach außen, während bei den Damen der schlanken Linie über 63 v. H. die Füße gerade und nur 32,6 v. H. nach außen setzten. Damit ist bas Geheimnis gelöst. Die Fußlage schwingt mit dem Gewicht, das Alter ist nur eine Begleiterscheinung: die gerade Fuhhaltung wird durch den aufrechten Gang des Menschen im allgemeinen verursacht, sie bildet die Ueberroinbung ber Gewohnheiten ber menschlichen Ahnen aus jenem Walbgeschlecht. Die Entwicklung innerhalb bes Menschengeschlechtes führt aber noch einen Schritt weiter. Die gerade Fuhhaltung entspricht nur einem bestimmten Gewicht, die Füße als Träger ber Beinsäulen unb damit bes ganzen Körpers müssen physikalischen Konstruktionsgesetzen folgen. Das ist ein interessantes Problem für Physiker unb Bauingenieure. Das Menschengeschlecht ist von einem Extrem ins anbere geroanbelt; ber „tauben« fähige" und schwerfällige Gang ist, wenn man so sagen darf, eine Folge der Gewichtslosigkeit unb ber mangelnben Uebung, benn beim Affen unb beim Säugling werben bie Füße ja noch nicht für unsere Sucht nach Ortsveränderungen mitbraucht. Der gerade Fuß entspricht einer mäßigen Beanspruchung durch eine mittlere Körperlast, dem Schwergewicht dagegen weicht die Fußlage nach außen aus. Um die Kette ber Beweise zu schließen, genügt noch ein Blick auf die Verbindung zwischen Alter unb Fußlage. Unter mehr als 1000 älteren Frauen ber Schwergewichtsklasse wies bie Beobachtung nur noch weniger als 15 v. H. mit gerader Fuß- haltung auf, dagegen fast 81 v. H. mit Auswärtslage. Es besteht also kaum noch ein Zweifel darüber, daß bie Auswärtslage ber Füße beim Gange bas Enbglieb einer Entwicklungsreihe uorfteUt, bie bei Einwärts- neigüng beginnt. Es war vielleicht ungalant, nur bie Damenwelt ber Beobachtung zu unterwerfen. Vielleicht kam bie heutige Mode bem Beobachter dabei zu Hilfe, bie das „Material" genauer zu registrieren gestattet, als es bei benr tuchumschlotterien männlichen Geschlecht möglich ist, vielleicht haben in Amerika auch die Damen mehr Zeit für bie Betrachtung bes beobach- tungslüfternen Forschers geboten. Es besteht aber ein Trost, auch beim männlichen Geschlecht liegen die Verhältnisse nicht anders, die Beobachtung ist in vielen Fällen sogar deutlicher, da bie „schlanke Linie" beim männlichen Geschlecht noch nicht so eifrig burchgesetzt wird. Damit aber auch bei ber ernsten Wissenschaft ber Humor zu seinem Recht kommt, sei barauf hingewiesen, baß wenigstens für bie Fußhaltung die Schwergewichtsklasse bie stärkste Abkehr von ber Assenähnlichkeit bes Menschen be- deutet. Je schwerer der Mensch ist, desto weiter entfernt sich die Fußlage nach diesen Feststellungen ja von derjenigen des Asfengeschlechtes, die gerade Fußhaltung der „schlanken Siniez' bildet nur ein Zwischenglied, das der Urform noch nahe steht. Korpulente Leute können sich also trösten, sie haben die Asfenähnlichkeit am entschiedensten überwunden. Das bezieht sich freilich nur auf die Fuhlage. lieber andere Punkte muß uns die Wissenschaft erst noch unterrichten. Oie Spulerin. Von Alfred Bock. (Schluß.) Er trank der Spulerin zu. Hermine mit einem Gesichtsausdruck, als ob sie sich gegen trübe Gedanken wehrte, nippte stumm man ihrem Glas. Der Bäcker Gimborn erzählte, wie er dazu gekommen war, Dotzauer als Gesellen anzunehmen. Ein Geschäft hatte ihn zu den Schwälmern nach Merzhausen geführt. Das hielt ihn, obwohl er frühzeitig an Ort und Stelle war, bis zum Nachmittag fest. Es war im Mai. Unter blauem Himmel und bei warmem Sonnenglanz lag das Gebreit in Blütenpracht. Vor dem Meister, da er auf der Landstraße heimwärts schritt, marschierte ein junger Mensch. Der sang mit einer seelenvollen Stimme. Keine Gassenhauer, sondern schlichte, alte Volkslieder, wie man sie noch in stillen Tälern und auf einsamen Höhen hört. Der Meister, dem gute Musik eine klingende Freude war, lauschte wohl eine halbe Stunde lang und sprach zu sich: „Bei dem da vorn müssen Herz und Mund zusammenstimmen!" Aus allem, was der Sänger vortrug, leuchtete eine große musikalische Begabung. Neugierig, wer es fein mochte, sputete sich der Meister, holte den Wanderer ein und begann ein Gespräch mit ihm. „Woher, wohin?" „Ich komm' von Hersfeld und will ins Nassauische." „Sind Sie Musiker?" „Nein, Bäcker." „Ei der tausend! Da sind wir ja Kollegen!" Die Musikantenkehle, sagte der junge Bursche, habe er von seinem Vater. Der sah als Schuster im Westerwald. Obzwar es dem alten Manu recht kratzig ging und er schurgeln mußte wie ein Feind, zeigte er sich als fideles Haus und sang den lieben langen Tag. „Wie einer das Leben anpackt," sprach der Meister, „so läuten ihm die Glocken. Jetzt schmieren Sie Ihre Kehle noch einmal mit echtem Musikantenschmalz." Das tat der Gesell, sprudelte Lied um Lied hervor und sang sich dem Meister ins Herz, daß der ihm kurzerhand antrug, bei ihm Gesell zu werden .Der Bursch schlug ein. „Wie er sein Handwerk trieb," kam der Meister zu Ende, „hält' er aus Steinen Brot machen können. Weil er doppelt arbeitete, gab ich ihm doppelten Lohn. Ich mag feinem weh tun von meinen Leuten, aber so einen Gefellen krieg' ich nicht wieder!" Während der brave Dotzauer verdientermaßen mit Lobwasser überschüttet ward, kam keine frohe Stimmung in Hermine Feldbusch auf. Der Dotzauer war sicher ein grundguter Mensch. Dasür hatte sie hundert Beweise. Wenn er's vermöchte, er würde ihr das Blaue vom Himmel herunterlangen. Und doch, sie konnte ihre Natur nicht ändern. Nach dem Wollrab, der sie verführt und verlassen, zehrte sie sich in Sehnsucht auf. „Was nicht mit Vernunft geschieht, hat keinen Bestand in der Welt!" hotte der Fabrikherr zu ihr gesprochen. Liebe litt keine Vernunft, Liebe ließ sich nicht meistern. „Muß ich dir den Verstand in den Kops hineinschlagen", setzte ihr die Mutter zu. „Hier sind die Lent' nach dem Krieg uerquängt und verzwerbelt. Wer weiß, auf wieviel Jahr' hinaus. Drüben kannst du das Glück bei allen vier Zipfeln fassen." Sie hatte dem Dringe- licren nachgegeben, sie ging. Aber was sie Glück nannte, ließ sich an kein Schiffsseil binden. Nach Mitternacht brachen der alte Wingeroth und Meister Gimborn auf. Die Mädchen rückten zusammen und sangen. „Ade, du mein lieb Heimatland, Sieb Heimatland, ade! Es geht jetzt fort zum fremden Strand, Lieb Heimatland, ade!" Die Spulerin Merfeld begehrte das Bübchen der Kameradin noch einmal zu sehen. Hermine, zuerst widerstrebend, holte es bann doch aus der anstoßenden Kammer herbei. Der pausbäckige Junge öffnete, vom Licht geblendet, die verschlafenen Augen nur halb, doch lächelte er die Mädchen, die ihn umdrängten, freundlich an. „Er ist dem Wollrab wie aus bent Gesicht geschnitten", platzte die Merfeld heraus. Hermine brach in Tränen aus, war nicht mehr zu beruhigen. So ge- fchah's, daß der Abend, der sich so gemütlich angelajfen, mit einem schrillen Mißklang schloß. — Vier Wochen waren vergangen, seil Hermine Feldbusch mit ihrem Kind das Heimatstädtchen verlassen hatte. Der alte Wingeroth saß in seiner Stube und sah die Korrekturbogen seiner Abhandlung „Pioniere des Deutschtums in Amerika" durch, zu deren Verössenllichung sich eine angesehene Zeitschrift bereiterklärt hatte. Er selbst durfte sich zu den Vorkämpfern des Deutschtums in Amerika rechnen. Während seines langjährigen Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten hatte er gute Samenkörner unter Dornen gesät, hatte dennoch auch Früchte geerntet. Er stand mit ehemaligen Schülern drüben, hochgebildeten Menschen, in Verbindung, die nicht die Geldkatze als Kopftuch trugen, die den Grundgedanken des Seins in der Welt der Ideale suchten. Es klopfte. Seine Hauswirtin, die Nähfrau Feldbusch, trat in Tränen zerfließend herein und Überreichte ihm einen Pries, den sie von ihrer Tochter Hermine aus Neuyork erhalten hatte. Wingeroth las: Liebe Mutier! Nach einer schrecklichen Ueberfahrt bin ich in Neuyork angekommen. Ich muß Dir jetzt schreiben, was passiert ist. Ich weih nicht, wo ich ansangen und wo ich aufhören soll. Mir ist immer so durmelig, daß ich meine, ich stürz' zusammen. Wie wir in Bremerhaven absuhren, hatten wir herrlichen Sonnenschein. Ich war mit dem Paulchen viel droben auf dem Deck, drunten in der dritten Kajüte gefiel mir’s nicht. Buschmänner trieben sich da herum, die ganz artlich rochen, und unmUsterige, schmutzige Weibsbilder. Die tätschelten mein Paulchen und sagten: ,Was für ein braves Kind!' Ich gab mich nicht mit ihnen ab. Rach zwei Tagen brach ein Sturm los, bei uns daheim Hütte er alle Bäume umgefchmiffen. Es war ein Toben und Brüllen, vorstellen kannst Du Dir so was nicht. Kein Gedanke dran, daß wir noch auf dem Deck fein konnten. Jemand rief: .Jetzt hat der Steuermann nichts mehr zu tun, der liebe Gott muß das Schiff lenken!' Drunten hatten viele ihre Gebetbücher aufgeschlagen. Und nun das Stöhnen und Jammern von den Menschen, die seekrank waren. Ich hatte auch so ein Gefühl, als säße mir ein Klumpen im Hals. In der Nacht frag das Schiss einen Stoß, daß ich aus dem Bett geworfen wurde und eine Beule am Kopf davontrug. Das Paulchen war still wie ein Püppchen. Gegen Morgen bin ich ein bißchen eingebuffelt und es hat mir geträumt, das Paulchen hätte ein Zähnchen verloren. Das bedeutet, es wird eins sterben. Und fo kam's auch. Ich meine, der Herzbändel tut mir zerreißen, wo ich Dir das sagen muh. Mein goldiges Paulchen ist hin! Zuerst war's nur eine Erkältung. Die schlug sich auf die Lunge. Er hat schrecklich nach Lust geschluckt. Der Schiffsdoktor gab ihm Säftchen über Söstchen. Es war umsonst. An Herzschwäche ist mein Bübchen gestorben. Ich war wie versteinert. Sie haben mich mit Gewalt von meinem toten Kind sortgezogeu. Ich wollt' nicht haben, daß es in den Sarg gelegt wurde. Aber bann ist's doch geschehen. Der Kapitän kam und viele Leute. Ein geistlicher Herr aus Hannover hat eine wunderschöne Rede gehalten. Darauf haben sie den kleinen Sarg in das Meer versenkt. Daß mein Kind nicht in die Erde gebettet worden ist, daß ich fein Grab nicht besuchen kann, ist mir ein furchtbarer Schmerz. Das letzte, was das Paulchen in feinem Fieber gesprochen hat, war: Mutter, was willst du mit dem Feuerchen machen?' Wenn ich nur wüßf, was es damit hat sagen wollen. Ich hab' tagelang in meinem Schmerz vor mich hingedrenst, sie haben mich zwingen müssen, etwas zu elfen. In Neuyork hat mich der Dotzauer am Hafen abgeholt. Er tat schon von weitem winken. Man sah ihm an, wie froh er war. ,Wo ist denn das Bübchen?' hat er gleich gefragt. Wie er hörte, daß cs unterwegs gestorben ist, hat er geweint, als wenn ihm sein eigen Kind genommen wär’. .Lieber Gott, was für ein Unglück!' hat er als gerufen und könnt' sich gar nicht beruhigen. Er hat mich bei hessischen Landsleuten untergebracht. Die flammen aus Dietzenbach. Mann, Frau und zwei Töchter. Sie sind rührend gut zu mir. Ich wollt' erst nicht, aber der Dotzauer hat mich doch in Neuyork herum- gefiihrt. Es ist alleweil hier ein dicker Nebel. Der drückt einen stark. In den Straßen ist ein unmenschlich Gedräng von Menschen und Wagen, ein Spektakel, daß einem blümerant vor den Augen wird. Die Häuser sind so hoch, unser Kirchturm ist nichts dagegen. In zwei Wochen, sagt' der Dotzauer, wär' unsere Wohnung in der Reih', sie lüg' im siebenten Stock, keine fünf DJiinutcn von den Dietzenbachern. Er hat mir das Haus gezeigt. .Dotzauer,' sagt' ich, ,du sollst nicht im Ungewissen stehen, Lügen zurechtmachen kann ich nicht, ich kann dir auch nicht zu (Befallen schwätzen. Ich hab' mir bas gründlich überlegt. Ich bank' bir tausendmal für alles, was du an mir getan hast, ich ästimier' dich, wie du’s verdienst, aber heiraten kann ich dich nicht, ich fahr' wieder heim!' Und da ist er weiß geworden wie Kreide und war ganz verzweifelt. Das könnt' mein Ernst nicht sein, sagt' er, ich mär’ durch den Tod von dem Bübchen krank und aufgeregt und sollt' erst zur Ruhe kommen. Geredet hat er wie ein Buch, von morgens bis in die Nacht hinein. Ich bin aber fest geblieben. Nun mutzt Du nicht glauben, daß er mir die Haut voll gescholten hat, er war nicht ein bißchen grob. .Zwingen,' sagt' er, .kann ich dich nicht. Ich hab's von Herzen gut mit dir gemeint. Für dich hätt' ich alles getan!' Und die Tränen sind ihm an den Backen heruntergelaufen, daß ich auch heulen mußt'. Und da hat er noch einmal angefangen: .Hermine, bleib’ da!' .Nein,' sagt’ ich, sich muh wieder heim!' Da hat er mir eine Schiffskarte besorgt. Freitag fahr' ich mit dem Dampfer .Kolumbus' nach Bremen. Der Brief kommt aber eher an als ich. So Gott will, sehn wir uns bald wieder. Grüße alle Bekannten herzlich von mir, besonders den guten Herrn Wingeroth. Deine Hermine." Dem Alten, da er den Brief gelesen, fiel der Kops schwer auf die Brust. Eine Weile saß er in sich versunken da. Dann stand er auf, drückte der Nähfrau die Hand und sprach: „Die Hiobspost geht mir sehr »ah. Das Paulchen mar mir ans Herz gewachsen. Wie oft ist das liebe Kerlchen zu mir heraufgekorn- men: fOntel Wingeroth, erzähl' mir ein Märchen!' Ich iat's gern. Dem oufhorchendeii Bübchen in die Augen zu fehen, war jedesmal für mich ein Erlebnis. Aus solchen Kinderaugen strahlt etwas, das geheimnisvoll an das Reich des ewigen) Lichts gemahnt. Das Körperchen l)aben sie in das Meer versenkt. Wir sind an das Sichtbare gebun- den. Vielleicht fängt jetzt erst in einem anderen Bereich das wahre Leben des Kindes an!" Die Nähfrau ließ sich auf einen Stuhl nieder, preßte ihre Schürze gegen die Augen. Wingeroth aber fuhr fort: „Als die arme Hermine sich zu dem Entschluß durchgerungen hatte, die Heimat zu verlafsen, hat sie an die Zukunft ihres Kindes gedacht. Von dein Augenblick an, da es der Tod von ihrem Herzen riß, kam die Brücke ins Wanken, über die sie gehen sollte. Wie mag sie mit sich gekämpft haben, bis sie vor den guten Dotzauer trat und ihm sagte: .Ich kann dich nicht nehmen!' Und was mag in dem Braven vorgegangen fein, wie er feine Hoffnung, die wie eine schöne Blume vor ihm aufgebläht war, begraben mutzte. In der Hermine lodert eine unauslöschliche Liebe für den Wollrab, der sich so schändlich gegen sie benommen hat. Dürfen wir sie darum tadeln? Gewiß nicht." Er trat dicht an die Nähfrau heran. „Frau Feldbusch, Sie versprechen mlr's, daß kein Wort des Vorwurfs über Ähre Lippen kommt, wenn die Hermine wieder bei Ihnen ist. Sie müssen sie mit doppelter Liebe umgeben. Und ich will Ihnen dabei helfen." — IV. Es regnete bei heiterem Himmel, als Hermine Feldbusch nach ihrer Rückkehr aus Amerika frühmorgens in der Weberei Valentin Dorners erschien, zu fragen, ob sie wieder in dem Betrieb eingestellt werden könnte. Gutermuth, der Werkmeister, sagte, er für seine Person habe nichts dagegen einzuwenden, doch müsse er der Ordnung halber zuerst mit dem Fabrikherrn sprechen, er werde ihr so bald als möglich Bescheid zukommen lassen. Während der Frühstückspause schwätzten die Spulerinnen im Eßraum die Butter vom Brot. Der Fall Feldbusch wurde verhandelt. Für- und Widerreden flogen hin und her. „Wann ist sie dann gekommen?" „Ei vorgestern. Ihre Mutter hat sie am Bahnhof abgeholt." „Sie sieht aus, als hätt' sie im Grab gelegen." „Wenn man so ein brunnlauter Bübchen hergeben muß, das setzt sich nicht in die Kleider." „Zwei Tag', ehnder sie fortgemacht ist, war ich abends bei ihr. Das Kind wollt' nicht einschlafen, tat sich in feinem Bettchen herumwälzen, als läg's auf Nesseln. Und die Hermine sang: .Schlaf, Kindchen, wähle. Unser Herrgott will dich hole In einem goldnen Kutschelche, Schlaf, mein liebes Trutschelche/ Jetzt hat's unser Herrgott wirklich geholt." „Wer dran glaubt!" „Ich glaub' dran!" „Die Hermine ist ein herzensgut Mädchen, aber sie hat einen Rappelkopf." „Sie hat den Dotzauer richtig an der Ras' herumgeführt. Und hat noch das Reisegeld hin und her verschlickert." „Sie ist dumm wie Schuttestroh, daß sie den Dotzauer nicht genommen hat. Der hätt' sie auf den Händen getragen und sie hätt' in der Eheschaft das Parlament gehabt." „Und was hat sie nu? Plackerei, ewige Plackerei. Bei ihrer Mutter frißt kein Spatz den Weizen." „Und in Amerika liegt das Geld auf der Gass'." „Der Dotzauer soll kolossal verdienen." „Mich hätt' kein Schiff mehr herübergebracht." „Heulen könnt' man, wenn man hört, wie sich das Mädchen seine Glückssupp' verschütt' hat." „Euer Geleier hat gar keinen Wert. Seid ihr so ausklugiert, daß ihr in die Hermine hineingucken könnt? Wißt ihr, in was für einem Brast sie steckt? Sie hat sich beschwätzen lassen, wie sie nach Amerika fuhr, und war hernach zu ehrlich, daß sie den Dotzauer betrügen wollt'." „Das Herz bobbelt ihr heut noch, wenn sie an den Wollrab denkt." „Du brauchst weiß Gott nicht deinen Pfiff über sie zu haben. Du bist ja selbst mit dem Schubiack herumgezogen." J3a no, er war ein hübscher Kerl und hat das Beischmieren verstanden." „Mir wär' er viel zu schlecht gewesen, als daß ich mich mit ihm eingelassen hätt'." „Wenn der Fuchs nicht an die Trauben heran kann, spricht er, sie sind sauer." „'s ist mal so in der Welt: Die Bubelutschen gehn frei aus, die anständigen Mädchen bleiben hängen. Deswegen hat mir die Hermine sellemal sehr leid getan. Sie ist meinem Bedunk nach mit ihrem Heckenbankert anständiger als viele, die helingerweis’ ihren Brand löschen." „3d) schätz', das Dischkerieren führt zu nichts, am End' geht jeder mit seinem Sack in die Wühl'. Ich denk' so: Hier saugt die Maschin' mich aus, bin selbst Maschin'. Draußen guck' ich ins Weite und hab' ein gut Recht, mein Leben zu genießen. Und hat mich einer gern, und ich hab' ihn gern, und wir zwei sind eins, mag passieren was will, ich nehm's auf mich." Die Fabrikglocke rief zur Arbeit. Damit war das Geplausch im Eß- raum beendet. Auf dem Rückweg in die Stadt traf Hermine Feldbusch mit ihrer ehemaligen Schulkameradin Marie Beckhardt zusammen, die einen Krankenbesuch gemacht hatte. Marie Beckhardt war ein Mädchen von ruhiger Haltung, mit hoher Stirn und milden, stahlblauen Augen. Ihre beiden Brüder waren in Frankreich gefallen. Vor kurzem hatte sie ihre Mutter verloren. Ihr alter Vater war seit vielen Jahren in der Dorner- schen Weberei als Packer beschäftigt. Sie hatte sich mit einem Mechaniker verlobt. Dessen Vater war Rechner an einer Spar- und Darlehnskasse im Vogelsberg. Eines Tages nahm er sich in feinem Geschäftszimmer das Leben. Jedermann glaubte, er hätte sich eine Veruntreuung zuschulden kommen lasten. Die Revision ergab, daß die Kasse in bester Ordnung war. Offenbar hatte er in einem Anfall von Geistesstörung Hand an sich gelegt. Von Stund an wurde sein Sohn, der Mechaniker, die wahnhafte Vorstellung nicht mehr los, er würde über kurz oder lang den Verstand verlieren. Er löste seine Verlobung mit Marie Beckhardt auf und verschwand. Frau Dörner, die Gattin des Fabrikanten, nahm das unglückliche, verlassene Mädchen für ein paar Monate in ihr Haus. Jetzt verdiente es mit Näharbeit sein Brot. Angesichts des herben Verlustes, den Hermine Feldbusch erlitten, sprach Marie Beckhardt ihr Beileid aus. Obwohl sie von den Vorgängen während Herminens kurzem Aufenthalt in Neuyork unterrichtet war, nahm sie den Namen Dotzauers, des Bäckergesellen, nicht in den Mund. Sie sei bei der Frau Oberkamp gewesen, erzählte sie, für die sie schon manches Läppchen aufgesetzt habe. Die Aermste lag an einer schmerz, haften Nierenentzündung darnieder. Ihr Mann, der für eine Zigarettenfabrik reifte, hatte seit Monaten nichts von sich hören lassen. Wahrscheinlich wohnte er in Frankfurt bei einer „Dame", die er öfters mitgebracht hatte, der Frau Oberkampf, so widerlich ihr die Person war, Gastfreundschaft erzeigen mußte. Die Seelenstärke der Kranken war bewundernswert. Wenn sie wieder genesen war, wollte sie sich von ihrem Mann scheiden lassen, wollte für sich bleiben und irgendwo ihren Unterhalt suchen. Von der Frau konnte man lernen: Schicksalsschläge sollten einen nicht herunterbringen, sollten einen hartschmieden, sollten einem erst die rechte Spannkraft geben. „Du und ich, wir haben beidsander unser Päckchen zu tragen", sagte Marie Beckhardt, indes Hermine mit blassem Gesicht und schlaff herabhängenden Armen ihr zur Seite stadtwärts schritt. „Du wirst es nicht bös auffassen, wenn ich dir auseinanderleg', wie ich wieder zum Frieden gekommen 6in. In meiner Jugend bei meinen Eltern war Armutei. Ich hab' aber doch meine stillen Freuden gehabt. Die Jahre sind hinge- gangen. Ich hab' meine Mutter, meine Brüder verloren, die Trübsal stand vor unserer Tür. Wie mir mein Heinrich schrieb, mit unserer Ver- lobtschaft wär's vorbei, war ich so vergeistert, daß ich mein Leben fort« werfen wollt'. Was seit die Frau Dörner an mir getan hat, war so viel, daß ich jeden Tag vor sie hintreten und sprechen müßt: ,Gott Der« gelt's!" In den Monaten bei der prachtvollen Frau bin ich wie auf einer goldenen Leiter hoch und immer höher gestiegen. Einmal saß ich spät nachmittags in Dorners Garten droben auf dem Frauenberg. Ich halt' mir ein schönes Plätzchen ausgesucht. Drunten auf den Feldern würd' geackert und geeggt Gedanken klopften bei mir an, daß mir's ganz artlich würd' und 's war mir, als bifpert mir eins zu: .Schreib' auf, was dir im Kopf herumgeht!' Und ich tat's. Schrieb daheim wie im Fieber. Und würd' mir leicht auf der Brust, ich kann dir nicht sagen, wie leicht. Und der Alp, der mich gedrückt halt', war verschwunden." Sie hielt inne. Ihre Augen glänzten. Nach einer Weile fuhr sie fort: „Glaub' nicht, Hermine, daß ich mich mit meinem Schreiben vor dir dickmachen will. So was liegt im Mensch drin und brubelt auf einmal heraus. Ich führ' ein Tagebuch. Eine Seit' draus kann ich auswendig wie das Vaterunser. Da heißt's: „Du mLchf'st die Sonne vom Himmel wegleugnen, sie fragt nichts danach, sie scheint doch. Raff' dich auf und begrab’ dein Aechzen und Stöhnen. Dein Fehler ist, du denkst zuviel an dich selbst, meinst, deine Last wär' die schwerste. O nein. Tausende und aber Tausende tragen schwerer als du. Das Elend ist so groß in der Welt, du kannst's von keinem Berg überschauen. Was ist deine Pflicht? Daß du auf deinem Posten stehst und schaffst. Daneben halt' dir die Hände frei für deinen Nächsten, dem es schlechter geht als dir. Ich will dir helfen! Klingt das nicht wie Himmelsmusik? Keiner ist so klimperklein, daß er in seinem Kreis nick)ts Gutes stiften kann.' So heißt's in meinem Tagebuch, 's ist nicht unversonnen, wenn ich dir's sag': ein frischer Zug ist in mein Leben gekommen, jetzt versteh ich erst seinen Sinn. Ich hab' nicht die Sucht, im Glückswagen zu sitzen, ich bin zufrieden, wenn ich andre zufrieden mach'." Seitdem sie in die Heimat zurückgekehrt war, hatte Hermine von ihrer Mutter kein freundliches Wort gehört. Frau Feldbusch grollte ihrer Tochter, weil diese ihr Glück mit Füßen getreten. Der alte Wingeroth, der hätte vermitteln können, war zu seinem sterbenskranken Bruder nach Fulda berufen worden. Nun drang auf Hermine in ihrer trüben Stimmung unerwartet ein Strom teilnehmender Güte und kluger Beredtsamkeit ein, daß sie befangen, ja verwirrt nicht gleich die rechte Antwort sand. In all den Jahren, nachdem sie die Schule verlassen, hatte sie mit Marie Beckhardt nur selten verkehrt. Daß in der Altersgenossin, die als Schülerin auf der letzten Bank saß, so wundersame Quellen rauschten, hätte sie nie und nimmer gedacht. Eins war ihr klar: sie durfte sich nicht verstecken, mußte ganz offen mit Marie Beckhardt sprechen. Aber es kostete sie Ueberroinbung. Sie machte kurze zögernbe Schritte, strich langsam mit bem Rücken ber geballten Hanb über bie Stirn. Endlich hob sie an: „Mein Unglück ist, ich bin an den Wollrab festgewachsen, komm' in meinen Gedanken nicht von ihm los. Du wirst babrauf sagen: ,Der Mensch, ber bich hinters Licht geführt hat, ist nicht wert, baß bu nur ein Minütchen an ihn denkst. Vielleicht, wenn du ihn geheiratet hätt'ft, wärst du in Hahnenkrallen gefallen.' Das sag' ich mir auch und häng' an ihm wie die Klett' am Rock. Du sollst mich nicht für närrisch halten, wenn ich mich auslass': ich hab' einen Hassart auf den Wollrab und h, ihn doch kriminalgern. 's ist wie eine Krankheit, die in mir wühlt. Manchmal mach' ich mir Vorwürf', daß ich gegen mein arm’ Kind nicht so gut gewesen bin, wie sich's gehört. Und wenn's nur eine Einbildung ist, sie quält mich. Wo ich geh' und steh, werd' ich von einem Schwirbel herum- geroorfen. Niemand weiß, was ich gelitten hab' und noch leid'!" Auf ihrem Gesicht wechselten Blässe und Röte. Aus ihren Augen quollen Tränen. „Du sollst nicht bereuen," versetzte Marie Beckhardt mit sanfter Stimme, „daß du dich vor mir aufgenestelt hast. Einzling zu fein, schickt sich nur für unseren Herrgott im Himmel. Der Mensch braucht jemand, bet bem er sich aussprechen kann, 'st wahr, ber Wollrab schaupert wie ein Nachtmahr in bir. Aber bie Arznei, bie ihn heraustreibt, ist ba. Greif' nur banach. Was ich in mein Tagebuch geschrieben hab', paßt Wort für Wort auch auf dich. Gegen das Grammeln und Grübeln gibt's kein besser Mittel als die Arbeit. Arbeit, Arbeit und noch einmal Arbeit. Das andre Überlass' ber Zeit. Sie geht auf weichen Sohlen wie eine barmherzige Schwester neben dir her und rückt, was dich plagt, weit, immer weiter von dir ab. Man spricht als, gleiche Schicksale machen gute Freunde. Ich mein', wir zwei sollten zufammenhalten. Dann braucht uns keiner den Weg zu weisen. Willst du?" „Ja," sagte Hermine, „ich will!" und sah mit festem Blick zu ber neu gewonnenen Freundin empor. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriol. — Druck und Verlag: Brühl'sche Unioersitäis^Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.