Gießener ZamiliendMer Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Zrhrgang 1929 Montag, den Erinnerung. Von Manfred Hausmann. Mit einem Male kam es über mich, als ich die Kerze ausblies und ins Kiffen fiel, das Lied vom grauen Meer und rosafarbnen Häuschen, das Fischerliedchen von Bayonne. Du sangst cs einmal vor dich hin so leicht wie so ein Bögelchen, an einem Abend, als wir in die Ferne sahen. Dein winziger Balkon hing mit den Blumen in der Frühlingsnacht, ein wenig rauschte noch die Stadt zu uns herauf, wir hatten auch ein Lämpchen, das den Rankenduft durchdämmerte, ich weih nicht mehr, wir liebten uns vielleicht, die Sehnsucht war so groß in uns. Und als ich heut ins Kissen siel, kam alles wieder über mich, das Lied, der Frühling, all die Sehnsucht kam, daß ich nicht anders konnte, du, ich drehte mich zur Wand und weinte laut. Abenreuer auf der Brücke. Von Friedrich S t e r n t h a l. Man hatte mich gewarnt: „Gehen Sie nicht des Nachts über die Seine-Brücken! S.e können überfallen werden". Aber an diesem Samstagabend hatte ich das Gerede halb vergessen, halb hielt ich es für Unsinn. Und wenn ich die ganze Geschichte recht bedenke, so war ich nicht in der Stimmung, auch an die Ermahnungen ängstlicher Freunde zu kehren. Ich hatte mich die halbe Nacht im Montmartre gelangweilt und war schließlich froh gewesen, daß ich dank der Intelligenz eines Chauffeurs in einem der berühmten Lokale bei den Markthallen gelandet war. Es war in einer Augustnacht um die erste Stunde, als ich dort ankam. Die ganze Straße stano voll von den hohen, zweirädrigen Wagen, auf denen Gemüse, Obst, Blumen in die Stadt geschasst waren. Im Erdgeschoß des Restaurants drängten sich Bauern und Markthelfer. Eiw furchtbarer Geruch von Tabak, Brot, Kaffee und Menschen schlug aus die Straße. Ich stieg die enge, steile Treppe zum ersten Stock hinaus, wo sich in einem kleinen Saal, den man eher als ein großes Zimmer bezeichnen könnte, der „mondäne" Teil des Restaurants befand. An den Wänden standen Polstersvfas hinter schmalen Tischen. Ich setzte mich neben eine biedere Elsässer Bürgerfamilie. Auf den anderen Sofas lagerten einige Franzosen. An der Mitte der Längswand thronte ein bekanntes, streng puritanisches Mitglied des englischen Parlaments neben einer sehr schonen und sehr ieisttsinnigen Französin. Sie war offenkundig viel zu schön für diesen ledernen Menschen. Wahrscheinlich deshalb betrachtete er sie von Zeit zu Zeit ingrimmig durch sein scharfgeschliffenes Nionokel. Als sie ganz allein zu den ekstatischen Klängen einer Jazzkapelle tanzte, ließ er den Mundwinkel hängen. In seinem Gesicht stand geschrieben: „Shoking . Es wurde gegessen und getrunken. Schließlich kam die ganze Gesellschaft in die lustigste Stimmung! nur der Engländer sah immer ernster und böser aus. Als ich wieder auf der Straße stand, war es noch dunkel. Ich war in dem seligen Gefühl: zu atmen, zu leben. Ich hätte die ganze Welt umarmen mögen. Mit einiger Mühe schlängelte ich mich zwischen den Gebirgen von Blumenkohl, Aepfeln, Rosen, Nelken hindurch, die die Markt- lenute auf die Straße geschüttet hatten. Einer alten Frau häufte ich einen ganzen Ar mvoll schwefelgelber und tiefdunkelroter Nelken ab. Und so trottete ich, vergnügt pfeifend, in der rechten Hand den Spazierstock, im linken Arm die Blmen, bis zum Seine-Ouai. Vor dem Pont Neuf standen Zwei Polizisten und taten das, was Pariser Polizisten nächtlicherweise zu tun pflegen: sie schäkerten mit einem hübschen Mädchen. Ich betrat die Brücke. Ich hielt mich auf dem linken Fußsteig. Aus der andern Seite, etwa zehn Schritte vor mir, ging ein elegant gekleideter Herr im selben Tempo wie ich, so daß der Abstand zwischen uns unver- 18. Marz Nummer 22 rafimriWT^''imm "tmtii i mrif t it f ändert blieb. Ucbrigens achtete ich kaum auf ihn. Wieder, wie so oft, war ich bezaubert von dem Panorama. Im Osten über der Steinmasse von No Ire Dame fing es schon an, hell zu werden. Unten glitzerte der Fluß. Im Westen, weit in der Ferne, kaum erkennbar, zitterten die Umrisse des Eiffelturms in der schimmernden Luft. Ich fing an. müde zu werden, und freute mich aus mein Bett. Noch hatte ich nicht ganz die Mitte der Brücke erreicht, — der Fremde auf dem rechten Fußsteig war gerade bis ans Denkmal Heinrichs IV. gekommen, dort, wo die Brückenmauer weitausladend dem königlichen Reiter Platz macht —, als plötzlich hinter dem Sockel fünf Kerle hervorstürzten. Im Nu war der Herr zwischen ihnen verschwunden. Sie schleiften ihn hinter das Denkmal Es schrie zweimal durchdringend um Hilfe. Einige Sekunden blieb ich stehen. Ich honte, den Laufschritt der beiden Polizisten zu hören, obwohl ich genau wußte, daß sie nicht kommen würde. Denn ich war mir sofort garüber klar, daß das intensive Gespräch des Mädchens mit den beiden Uniformierten ein Manöver war, um den Apachen den ungestörten Ueberfall zu sichern. Bei diesem Tatbestand war der Entschluß nicht schwer: umkehren schien mir ebenso sinnlos wie stehenbleiben. Ich ging also weiter Was sich hinter dem Denkmal abspielte, weiß ich nicht. Es war kein Mensch zu sehen, kein Laut zu hören. Die große Stadt schlief. Rechts auf dem Pfla- ster lag ein zerbeulter Hut. Eine Ratte jagte an mir vorbei. Als ich genau gegenüber dem Denkmal ankam, lief ein mittelgroßer stämmiger Bursche hervor, kragenlos, die Schiebermütze im Nacken, mit dunklen Locken über der Stirn. Er blieb eine Sekunde stehen, strich sich mit dem Handrücken über das glattrasierte Gesicht. Dann zeigte er auf mich und rief In die schimmernde Stille: „Da ist noch einer." Ganz langsam, unwahrscheinlich langsam, kam er auf mich zu. Ein Film von Gedanken und Empfindungen raste durch mein Gehirn: Wasfen- Ics in einer fremden Stadt, Ausländer, keine Polizei, Nacht, mutterseelenallein, schreien ist Blödsinn, Bogel Straß machen. Ich ging immer weiter, immer im alten Tempo, ohne mich umzusehen. Einen Augenblick blitzte die Hoffnung: vielleicht begegnet mir am jenseitigen Ufer eine Patrouille. Hinter mir klappten die Schritte: trapp, trapp, trapp. Langsam, ganz langsam. Aber — Einbildung? — sie kamen näher. Nicht zurückschauenl Immer im alten Tempo weitergehen! Wenn er merkt, daß du Angst haft, geht's schief aus. So hatte ich schon beinahe das Ende der Brücke erreicht, ohne mich umzuwenden. Die Schritte klangen jetzt sehr nahe. Vielleicht aus Trotz, wahrscheinlich aus einem unergründbaren Gefühl, drehte ich mich stracks auf den Hacken um und blieb stehen, während der Bursche langsam auf mich zukam. Mit fester, höflicher, aber gleichsam unbeteiligter Stimme fragte ich: „Was wünschen Sie, mein Herr?" In diesem Augenblick geschah ein Mirakel. Wie angenagelt stand der Mann zwei Schritt von mir. Er betrachtete mich sehr genau mit großen, erstaunten, beinahe erfreuten Augen. Er setzte den rechten Arm lässig auf die Hüfte, neigte etwas den Kopf: „Berzeihung, mein Herr, tausendmal Verzeihung". Ich nickte. Er lief zurück. Ich trottete von der Brücke hinunter auf den Quai. Aus einer Gastwirtschaft blinkte noch Licht. Ich steckte meine Nase fest in die Blumen, die ich im Arm hielt, und öffnete die Tür. Im Tabaksdunst der Kneipe saß eine lautjchwatzende, bunte Gesellschaft. Solide Arbeiter In ihren blauen Blusen und Bummler in Gesellschaftskleidern, Chauffeure und Matrosen. Die dicke Wirtin hinter dem Ladentisch sah mißtrauisch nach mir. Ich bestellte einen Sinzano sec und zwei Brioches. Langsam kaute ich und schluckte dazu den Wein. Ein hei- teres Grammophon krächzte durch den Kneipenlärm. Auf einer Blech- platte, die in Mannshöhe an der Wand befestigt war, hockte ein großer, grüner Papagei. Ein Matrose stand auf, ging breitbeinig auf den Vogel zu und fütterte ihn mit einer Mohrrübe. Das grüne Federtier beäugte mich argwöhnisch von der Seite. Dann stieß es einen scheußlichen Schrei aus. Die Wirtin hob nervös die Schultern und Arme, als ob sie auf« fliegen wollte. Sie sah mich vorwurfsvoll an und krähte: „Ah, mon Dien!" Im selben Moment ging die Tür auf, und die fünf Apachen kamen herein spaziert. Sie müssen mich sofort gesehen haben, aber fie kümmerten sich zunächst nicht um mich, sondern setzten sich an einen Tisch in der Ecke. Als ich den letzten Schluck Wein trank, kam derselbe Bursche, der mich auf der Brücke verfolgt hatte, an meinen Tisch, verneigte sich höflich und sprach, in dem er mir gerade in die Augen sah: „Wir bitten Sie um Entschuldigung, mein Herr, wenn wir Sie vor einigen Minuten gestört haben." — „Keine Ursache." — „Wir haben Sie mit einem anderen Herrn verwechselt." Als ich fortging, kam das Mädchen, das mit den beiden Polizisten gesprochen hatte, hübsch, aber etwas fragwürdig. Wie eine etwas ramponierte Göttin chwebte sie auf die fünf Kerle zu, als hätte sie nichts getan. Kaiser Friedrich II. in Jerusalem. Von R. A. Z r ch n e r. Der 17. März des Jahres 1229, einer der bedeutendsten Tage der deutschen Kaistrgeschichte, brachte die sichtbare Vollendung eines Teiles des universalen Kaisertrauines Friedrichs II. Dieser Tag lies; vor der ganzen Welt, vor Christen und Mohammedanern, vor Abendland und Orient, die weltpolitische Machtstellung des großen Stausenkaisers offenbar werden. Die jahrzehntelangen Bemühungen und Kämpfe um die Festigung der Herrschaft, die der junge Kaiser, das Mündel des Papstes, 1215 mit Hilfe der päpstlichen Partei durch die Krönung zu Aachen erhalten hatte, hatten Friedrichs Ansehen in Italien und Deutschland sehr zum Leidwesen des Papstes gestärkt, der seinerseits für die Rechte der Herrschaft der Kirche fürchtend, die Machterweiterung Friedrichs nach Kräften zu hindern suchte. Die Ausführung des bei der Krönung in Aachen von dem 21jährigen Friedrich in edler Begeisterung, als impulsiver Ausfluß eines von der Erhabenheit der Stunde erfüllten Gemütes, gegebenen Gelübdes eines Kreuzzuges zur Befreiung der Heiligen Stätten der Christenheit war trotz wiederholter Vorstellungen des Papstes, trotz drohender Bannung und Exkommunizierung immer wieder von Friedrich verschoben worden, da die politische Lage weder ein längeres Fernbleiben des Kaisers noch auch das große R>filo eines Kreuzzug-Abenteuers gestattete. Endlich aber kam das politische Interesse hinzu, nachdem Friedrich am 9. November 1225 Isabella-Jolanthe, die Erbin des Königreichs Jerusalem geheiratet hatte. Die Hochzeit sand in Brindisi statt, und anderthalb Jahre später strömte auf Geheiß des Papstes hier eine zahlenmäßig gewaltige Schar von Pilgern und Kreuzfahrern zusammen. Die durch Predigt und Ablaß gewonnenen Massen, meistenteils völlig mittellose Pilger und gänzlich ungeeignet ausgerüstete Krieger, lagerten in der Sommerzeit des Jahres 1227 in der Ebene von Brindisi, immer neue Ankömmlinge ver- f^rößerten die Schar, die andererseits aber durch die infolge der unge- unden, klimatischen Berhältnisse bald ausbrechenden Krankheiten stark geschmälert wurde. 60000 Mann waren endlich zufammengekommen, sodaß die Einschiffung im Monat August vonstatten gehen konnte. Am 8. September schiffte sich der Kaiser in Begleitung des Landgrafen Ludwig IV. von Thüringen in Brindisi ein. Krankheit >edoch zwang sie bereits drei Tage später zur Landung in Otranto, der Landgraf starb hier nach wenigen Tagen, der Kaiser erholte sich allmählich — aber inzwischen hatte ihn der Bann des Papstes wegen der Nichtaussührung des»Kreuzzuges getroffen. Der Kaiser war aber nicht willens, das begonnene Unternehmen, das hierdurch schwer gefährdet war, auszugeben. Und so fährt denn nach neuen energischen Rüstungen am 28. Juni 1228 ein mit dem Bannfluch beladener Kaiser zum Kreuzzug nach dem Heiligen Lande. Es begleiten ihn Hermann von Salza, der Deuischordenemeister, und der Graf Thomas von Acema. Nach einem längeren Aufenthalt auf Cypern, das dem Kaiser huldigte, landete Friedrich am S. September in Akkon. Der, Sultan Al Kamil lag im Streit mit seinem Neffen, dem Sultan Ennasir von Damaskus; die beiden Heere standen sich am See Genezareth gegenüber, nur ein Tagesmarsch von Akkon entfernt, jedes wesentlich größer als das kleine Heer des Kaisers, das insbesondere auch an die klimatischen Berhältnisse des Landes nicht gewöhnt war. So mußte Friedrich zu Verhandlungen schreiten, denen er einen gewissen Nachdruck dadurch zu verleihen verstand, daß er durch einen geschickten Flankenzug die Stadt Jaffa besetzte, die Hafenstadt Jerusalems, wodurch er einen Druck auf diese Stadt des Sultans ausüben konnte. Nach langen schwierigen Verhandlungen, von denen die zeitgenösstschenGeschichtsschreiber und die späteren Legenden manch wundersame Unteredung voll tiefster Weisheit und Duldsamkeit des Kaisers zu berichten wissen, beschwor Friedrich am 18. Februar 1229 vor dem von ihm wegen seiner Weisheit hochgeschätzten Emir Fachreddin und Salaheddin, den beiden Bevollmächtigten des Sultans den Friedensvertrag, den wenige Tage darauf der Sultan Al Kamil vor den Gesandten des Kaisers, Hermann von Salza und Thomas von Acema durch seinen Schwur bekräftigte. Ohne Kampf und Blutvergießen ward unter gegenseitiger Duldung vom Sultan Jerusalem freiwillig geräumt, nur die Omarmofchee blieb dem Moslim; außerdem räumte der Sultan die heiligen Stätten, Bethlehem und Nazareth, sowie die Hafenplätze Jaffa und Sidon und das dazwischenliegende Küstengebiet. Die heiligen Stätten der Christenheit waren wieder dem Besitz der Ungläubigen entrissen, und in dem Besitz der Christen. Die Pilger frohlockten, die ganze abendländische Christenheit dankte Gott, nur die papistische Partei fühlte sich überrumpelt, hatte doch ein Gebannter die heiligen Stätten befreit. Hetzerei und Mißgunst verstiegen sich soweit, daß der Patriarch Gerold von Jerusalem in Verzerrung des christlichen Gedankens dem päpstlichen Gebot gemäß die Heiligen Stätten selbst mit dem Interdikt belegte. Die Sorge wegen der nun übermächtig gewordenen Stellung des Kaisers, dessen Macht nunmehr auch im Osten gefestigt war, mag den Papst in Wahrung seiner eigenen Interessen zu diesem sonderbar anmutenden Schritt veranlaßt haben. Friedrich aber, unbekümmert um die gegen ihn spielenden Ränke, in klarer Verfolgung seiner großen Absicht, eine universale Herrschaft des Kaisertums zu sckmffen, zieht am 17. März 1229 in Jerusalem feierlich ein, mit all dem Gepränge, das ihm seine auf abend- und morgenländische Sitte gestützte Hofzeremonie ermöglichte, von den Pilgern und Christen als Befreier begrüßt, von den Moslim als der große Kaiser, der Freund des Sultans gefeiert und verehrt. Der Kadi überreicht im Auftrage seines Herrn, des Sultans, vor dem Iaffatore die Schlüstel der Stadt Jerusalem. Auf orientalische Weise grüßt der Kadi und die ihn begleitenden Mo-llim den Kaiser, indem fie sich niederwerfen. Der Einzug gestaltet sich zu einem feierlichen, prunkvollen Schauspiel. Der Kaiser bezieht Wohnung im ehemaligen, nun wiedergewonnenen Johanniterhospiz. An den gottesdienstlichen Veranstaltungen nimmt er aus Anraten Hermann von Salzas nicht teil, um den christlichen Pilgern und Kriegern die Weihe- ftunbe nicht durch Anwesenbeit eines Gebannten zu stören und zu schmälern. Aber am nächsten Tag, dem Sonntag Oculi, betritt der Kaiser die Grabeskirche, wo ein Johanniter ihm nach stiller Beichte die heilige Kommunion gibt. Darauf legte der Kaiser den goldstrahlenden purpurnen Krönungsmantel um und schritt zum Hochaltar, auf dem die Krone des Königreichs Jerusalem lag. Da kein Papst, kein Vertreter des Papstes, kein Bischof den Gebannten krönen konnte, griff Friedrich selbst zur Krone und nimmt sie gleichsam unmittelbar aus Gottes Hand. Hierauf verlas ohne feierliche Krönungsmesse Hermann von Salza zuerst deutsch, dann der fränkischen Pilger und Ritter wegen französisch eine Denkschrift, die alles Geschehen würdig darstellte und dem Papst gegenüber möglichst versöhnlich gehalten war. Das strafende Wunder des Himmels, das der Papst herbeisehnte, kam nicht, und der Glanz und die Macht des Kaisertums Friedrichs kl. leuchtete seit diesen Tagen strahlender und gesicherter denn je zuvor. Als Cherub habe Gott den Kaiser eingesetzt, so hatte vor dem Zwist der Papst selbst geschrieben. So atmet denn das Manisest jenes denkwürdigen Tages hohes Pathos, in dem der Kaiser „wie ein zweiter Cherub, nicht Seraph" gefeiert wird, als ein Herrscher „von Gottes Gnaden, der in diesen wenigen Tagen durch Wunderkraft,mehr denn durch Tapferkeit jenes Werk glückhaft habe vollbringen können, das feit langen rückliegenden Zeiten viele Fürsten und mancherlei Gewaltige des Erdenrundes nicht in der Menge der Völker und nicht durch Furcht noch durch anderes zu leisten vermochten." Die syrischen Fürsten huldigten dem neuen König und der kaiserliche Titel lautete fortan: Romanorum Imperator semper augustus Hierosolymae et Siciliae rex. Der Schmuck. Von Jonny Behm. Die Neigung der Menschen, ihre Person durch schmückende Zutaten schöner und auffallender zu machen, ist ursprünglicher, als das Gewand. Wir finden bei Völkern, denen Klima und die niedrige Zivilisation die Verhüllung des Körpers noch ersparen, den Schmuck bereits ausgebildet, und sei es auch nur eine durch die Lippen gesteckte Muschel oder bunteste Bemalung und Tätowierung der Hatit. Diese Naturvölker schaffen ihren Schmuck meist aus den Erträgnissen ihres Landes, aus Zähnen, Klauen, Knochen, bunten Beeren, Samen, Muscheln, Schneckenschalen, bemalten Häuten, Schildpatt usw. Sehr selten verdrängt das Metall diese Naturprodukte, die Schmuckdinge von ungemeiner Fülle und Variabilität schaffen, deren glühende Farbigkeit und riesenhafte Dimensionen miteinander wetteifern. Selbst die Steinzeit hatte ihren primitiven Schmuck. Kaum bearbeitet, fast im rohen Zustand der Natur, trugen diese Urmenschen Schnecken, kleine Röhrenknochen, Wolfs- und Bärenzähne als Jagdtrophäen. Die Ursache zu diesen primitiven Ansängen und zu raffiniertester Schmuckkunst ist die gleiche: reine, ursprüngliche Freude am Schmücken, die sicher eine Auswirkung des menschlichen Spieltriebes ist, d:r gemeinsame Zweck ist die Hervorhebung körperlicher Vorzüge. Die Schmuckzwecke werfen ein interessantes Licht auf die psychologische Einstellung und Art der einzelnen Völker. Sie sind ungemein mannigfaltig und wurzeln im letzten Grunde in der Erotik: in der Betonung des Eeschlechtsunterfchiedes, die in unseren Ländern abendländischer Kultur eine ungemein beherrschende Rolle spielt, ohne allerdings die extreme Form der Naturvölker zu erreichen. Die höhere Zivilisationsstufe schenkt der Frau das Schmücken für den Mann, mehr noch vielleicht das Schmücken gegen die anderen Frauen, während die primitiven Völker den Herren der Schöpfung mit allen nur erdenklichen, ins Auge leuchtenden Zierdingen behängen. Die einzelnen Epochen bevorzugten mit wechselnder Gunst einmal den Mann, einmal die Frau als den Träger ihres Geschmeides. Je weiter wir in das Altertum zurückgehen (Aeaypter, Etrusker, Römer ufw.), um so reicher ist der Mann mit Schmuck behangen: Armbänder, Ohrringe, Fußreifen, Stirn- und Halsgehänge, die heute Vasallen lediglich der Frau find, waren fein Vorrecht in grenzenloser Reichhaltigkeit. Auch heute noch finden wir in den Vereinigungen, die auf alten Zünften basieren, z. B. in der Innung der Zimmerleute, lange, kunstvolle Ohrgehänge bei den Männern, die mit der aparten Tracht auf das künstlerischste harmonieren. Jedes Land und jedes Bolk hat feine besonderen, mehr oder minder betonten Schmuckzentren und Schmuckkulte, die in ihren Materialien, Formen und Zierweisen grundsätzlich verschieden sind. Und doch ist der Schmuck Künder für des Einzelmenschen Eigenschaften, äußerer sowohl wie innerer. Rein äußerlich schafft er die sozialen Unterschiede und Stufen und bekundet den Reichtum, ist Symbol boher und höchster Stellen, ein Zeichen äußerer Macht und Ansehens (Kronen, Orden, der goldene Ring als Privileg der hohen Stände, der eiserne Ring als Zeichen der Sklaven, der Schlüsselring bei hohen Verwaltunasbeamten des römischen Reiches) oder in seiner billigen, schlechten Imitation ein Merkmal der Armut. Bei allen Rangabstufungen weist er ins PsychiM, spricht von Eitelkeit, die Klassenunterschiede unterdrücken möchte, erzählt von Geschmack oder Stillosigkeit, von innerem Protzentum, das sich in Ueberladenheit kundtut, von freudloser, rein geschäftsmäßiger Art. den Glanz und Schimmer des Geschmeides und der Steine als Geldwert zwischen abgegriffenen Geldscheinen und Wertpapieren in den Tiefen sicherer Schranke zu vergraben, oder aber ihr kultiviertester Künder eines erlesenen Geschmackes ober kindhaft naiver Freude am Schmücken, ist Glied eines traditionellen Schönheitskultes, Zeichen menschlicher Tapferkeit (bei den Wilden die Zähne erlegter Raubtiere), ist äußerliches Symbol menschlicher Bindung (Trauring), ist das Sinnbild der Verbundenheit mit Gott (der Ring der Nonnen). Zum Schmucke dienen seltene und durch ihre Seltenheit kostbare Dinge, sei es durch das Material, durch Ihre künstlerische Arbeit ober durch ihren Sammelwert. Zeit und Gegend können diesen Wert absolut variieren, z. B. die Kostbarkeit des Eisens >n der Bronzezeit, die Apartheit winziger Schnecken und Muscheln (ii bratet Meere für den Nordländer. Der Sinn des Geschmeides liegt niojt der angehäuften Kostbarkeit des Materials, vor allem ruht er im zwei und Reichtum der Form, in der Lebendigkeit der Idee, in der TOnnniotar tigfeit und Eigenart der Auszierung. Der Erbschmnck ganzer @efrMea)ter, der Bauernschmuck in seiner urwüchsigen Schönheit, die formenreiche im farbensprühende Kostbarkeit des Orients, der kirchliche Schmuck der Gon r Topas belänstiate Raserei imh das stürmende Meer, der Türk'« fo^te durch den Wechsel seiner Farbe gar Metternrgnhet sein, das Ze-lnrinoen des Smaragdes aber wurde zum Künder ehelicher Untreue. Gleicherweise spielten natürlich Amulette eine bedeutende Rolle gegen alle Krankheiten, Gifte und Zufälle. Besonders groß war die Zahl der aus dem Tierreich übernommenen Amulettbestandteile, die dann in kostbaren Tastungen gebracht wurden. Greifenklauen gegen Gift, Korallen gegen Blutsturz, der Searabnus der Aegypter als Zeichen der linsterb- lichke't. tierische Gallen- und Dannsteine, sog. Bezoare, trugen die Frauen tu kostbaren, mit Edelstein besetzten Spangen gegen Unfruchtbarkeit und bösartige Krankheiten. Der Edelsteinschmuck, der in der ägyptischen und griechischen Zeit in der kunstvollen Technik seiner Behandlung dem Sieinichnitt als Gemmen sdie vertieft geschnittenen Darstellungen) oder als Kameen (mehr oder minder erhabener Reliefschnitts so künstlerische Höhe erreichte, erlebte noch einmal Aufstieg in der römischen Kaiserzeit und der Renaistanee durch eine künstlerische Gesamtkomvosition kostbarer Steine und plastischer Bearbeitung d«s Metalls, Arbeiten, zu denen berühmte Künstler, wie Veroechio, Ghiriandaio. Michelangelo. Cellini. Entwürfe lieferten, ging dann aber einer ständig zunehmenden Verflachung und Veräußerlichung entgegen. Schon im Barock beginnt das Selbständiowerden der Edelstein^ Sucht nach Brunk und Wert der Steine verdränat die hochentwickelte. handwerkliche Formenkunst, das Zeitalter der hemmungslos-n Vorherrschaft des Brillanten, der keinen Effekt der Fastung neben sich duldete, war angebrochen. n R°ben den Wundern und Geschenken der Natur versuchte stch in allen Zeitaltern van den Aeayptern an die Menschenlm"d im Nachschaffen der Steine durch Glasflüffe, die man durch mineralische Beimischiingen zu färben verstand, lind seit Straß 1758 in Baris die nach ihm benannte stmttation der Diamanten erfand, seit unser Lahrb ndert stefiae Fortschritte In der künstlichen Herstellung köstlicher Perlen macht, seit Millionen Fabriken ihre schematischen Masienvrodukte gepreßter und gezogener Metalle aus den Markt bringen, ist her Schmuck Allaemeinaut einer Pfaden Maste geworden, ist nicht mehr Künder der Persönlichkeit, ist Geschmacksträger einer Zeit versklavter Menschheit. Aber aus Gräbern dahingegangener Könige, aus ausgegrabenen versunkenen Städten, aus denen Schmuckschatullen alter Familien, aus den Schreinen der Klöster und Kirchen bringt die Kunde von alter Kunst, in •pncn lebt die Arbeit geschickter Hände und meisterlicher Beherrschung edler Metalle, in ihnen blüht unvergänglich die Drnomentif von Jahrtausenden, »ebt die Phantasie von Millionen Menschen, weckt Nachahmung zunächst, befruchtet die Phantasie und die Formen durch klassische unb erotische Vorbilder, belebt sie mit dem Rhythmus unserer Zeit und löst eine neue, eigene. Formengestaltung, die in solider handwerklicher Arbeit, in kunst- »oller Bearbeitung des Metalls und harmonischem Einfügen des Steines wahrhafte Kunstwerke vollbrinat. Un*ertn Birnbaum. Von Theodor Fontane. (Fortsetzung.) So des Justizrats Brief. Er selbst hielt zu festgesetzter Zeit vor dem Pfarrhaus und trat in den Fmr, aus dem die drei vorgcsorderten Dienstleute schon standen. Vowinkel grüßie sie, sprach, in der Absicht ihnen Mut zu machen, ein paar freundliche Worte zu jedem und ging dann, nachdem er sich aus seinem Mantel herausgewickelt, aus Eccelius' Stu- dierstube zu, darin nicht nut der große schwarze Kachelofen, sondern auch der wohlarrargierte Kaffeetisch jeden Eintretenden überaus anheimelnd berühren mußte. Dies war denn auch bei Vowinkel der Fall. Er wies lachend darauf hin und sagte: „Vortrefflich, Freund. Höchst einladend. Aber ich denke, wir lassen das bis nachher. Eist das Geschäftliche. Das Beste wird sein, du stellst die Fragen und ich begnüge mich mit der Veifitzerrolle. Sie werden dir unbefangener antworten als mir." Dabei nahm er in einem neben dem Ofen stehenden hohen Lehnstuhle Platz, während Eccelius, auf den Flur hinaus, nach Ede rief und sich's nun erst, nach Erledigung aller Präliminarien, an seinem mächtigen Schreibtische bequem machte, dessen großes, zwischen Sand- und einem Tintenfaß stchendens Alabasterkreuz ihn von hinten her überragte. Der Gerufene war inzwischen eingetreten und blieb an der Tür stehen. Er hatte sichtlich sein Bestes getan, um einen manierlichen Menschen aus sich zu machen, aber nur mit schwach m Erfolg Sein brandrotes Haar lag großenteils blank an den Schläfen, während ihm das wenige, was ihm sonst noch verblieben war, nach Art einer Spitzslamme zu Haupten stand. Am schlimmsten aber waren (eine winterlichen Hände, die, wie eine Welt für sich, aus dem Überall zu kurz gewordenen Ein- segnurgsrock hervorsahen. „Ede," sagte der Pastor freundlich, „bu sollst über Hradscheck und den Polen aussagen, was du weißt." Der Junge schwieg unb zitterte. „Warum sagst bu nichts? warum zitterst bu?" „Ick jrul' mir so." „Vor wcm? Vor uns?" Ede schüttelte mit dem Kopf. „Nun, vor wem denn?" „Vor Hrabschecken ..." Eccelius, der alles zugunsten her Hradscheck» gewendet zu sehen wünschte, war mit dieser Aussage wenig zufrieden, nahm sich aber zusammen unb sagte: „Vor Hradscheck. Warum vor Hradscheck? Was ist mit ihm? Behandelt er dich schlecht?" „Nei." „Nu wie denn?" „Ick wees nid> ... He is so anners.“ „Nu gut. Anders. Aber das ist nicht genug, Ede. Du mußt uns mehr sagen. Warum ist er anders? Was tut er? Trinkt er? Oder flucht er. Ober ist er in Angst?" ..Nei." „Nu wie denn? Was denn? „Ick roeet nid) ... He es so anners." Es war ersichtlich, daß aus bem eingefchüchterten Jungen nichts weiter herauszubringen sein würde, weshalb Vowinkel bem Freunde zublinkte, die Sache fallen zu lasten. Dieser brach denn auch wirklich ab unb sagte: „Nun, es ist gut, Ebe. Geh. Unb schicke die Male herein " Diese kam unb war in ihrem Kopf- unb Brusttuch, das He heute rote sonntäglich angelegt hatte, kaum wieder zu erkennen. Sie sah klar aus den Augen, war unbefangen unb erklärte, nachdem Eccelius seine Frage gestellt hatte, daß sie nichts wisse. Sie habe Szulski gar nicht gesehen, ,,un ihrst um Klocker vier ober noch en beten danoah" wäre Hradscheck an ihre Kammertür gekommen unb hätte gesagt, daß sie rasch ausstehen unb Kaffee kochen solle. Das habe sie denn auch getan, unb grab' als sie den Kien gespalten, sei Jakob gekommen unb hab' ihr so im Dorübergehen gesagt, „baß er den Pohlschen geweckt habe: der Pohlsche hab' aber ’nen Dobenschlaf gehabt unb habe gar nid) geantwortet. Unb ba hab' er an bie Dhür gebullert." All da» erzählte Male hintereinanber fort, unb als der Pastor zum Schlüsse frug, ob sie nicht noch weiter was wisse, sagte sie: „Nein, weiter wisse sie nichts, ober man bloß noch bas eine, daß bie Kanne, wie sie das Kaffeegeschirr herausgeholt habe, beinahe noch ganz voll gewesen sei. Unb sei boch ein gräuliches Wetter gewesen unb kalt unb naß. Und wenn sonst einer des Morgens abreise, so tränk' er mehrstens ober eigentlich immer bie Kanne leer, un von Zucker übrig lassen, mär' gar keine Rebe nid). Unb manche nähmen ihn auch mit. ?lber ber Pohlsche hätte keine brei Schluck getrunken, unb sei eigentlich alles noch so gewesen, wie sie'« reingebracht habe. Weiter wisse sie nichts." Danach ging sie, unb ber britte, ber nun tarn, war Jakob. „Nun, Jakob, wie war es?" fragte Eccelius; „bu weiht, um was es sich handelt. Was bu Malen unb mir schon vorher gesagt hast, brauchst du nicht zu wiederholen. Du hast ihn geweckt und er hat nicht geantwortet. Dann ist er bie Treppe herunter gekommen unb bu hast gesehen, daß er sich an dem Geländer sesthielt, als ob ihm bas Gehen in dem Pelz schwer mürbe. Nicht wahr, so war es?" „Joa, Herr Pastor." „Unb weiter nichts?" „Nei,wider nix. Un wihr man blot noch, bat he so'n beten lütt utsoah, un ..." „Unb was?" „Un bat he so still wihr un feggte teen Wuhrb nid). Un as ick to em (eggen deih: „Na Adjes, Herr Szulski", doa wihr he roebber so bumms» still unb nickte man blot so." Nach bieser Aussage trat auch Jakob ab und bie Pfarrköchin brachte den Kaffee. Vowinkel nahm eine ber Tasten unb sagte, roährenb er sich an das Fensterbrett lehnte: „Ja, Freunb, bie Sache steht boch schlimmer, als du wahr haben möchtest, unb fast auch schlimmer als ich erwartete." - Druck und Verla«: Brühl'sche UniversitätS-Vuch« und Steindruckerei, A. Lange, Gieb-"- Deraniwortlich: t)r. tzanS Thyriot. hin reisen wollte. , „„. Kurzum, alles stand gut, und es hätte sich von einer totalen „Rückeroberung" des dem Inhaftierten anfangs durchaus abgeneigten Dorfes sprechen lassen, wenn nicht ein Unerschütterlicher gewesen wäre, der, sobald Hradschecks Unschuld behauptet wurde, regelmäßig versicherte: „Hrad- fcheck? Den kenn' ich. Der müh ans Messer." Dieser Unerschütterliche war niemand Geringeres als Gendarm Geel- Haar, eine sehr wichtige Person im Dorf, auf deren Autorität hin die Mehrheit sofort geschworen hätte, wenn ihr nicht seine bittere Feindschaft gegen Hradscheck und die kleinliche Veranlassung dazu bekannt gewesen wäre. Geelhaar, guter Gendarm, aber noch besserer Saufaus, war, um Kognaks und Rums willen, durch viele Jahre hin ein Intimus bei Hrad» „Mag fein", erwiderte der Pastor. „Nach meinem Gefühl indes, das ich selbstverständlich deiner besseren Erfahrung unterordne, bedeuten all diese Dinge gar nichts oder herzlich wenig. Der Junge, wie du gesehen hast konnte vor Ängst kaum sprechen, und aus der Köchin Aussage war doch eigentlich nur das eine festzustellen, dah es Menschen gibt. Die viel, und andere, die wenig Kaffee trinken." „Aber Jakob!" , ,rLL„ . Eccelius lachte. „Ja, Jakob. „He wihr en beten to lutt, das war das eine, „un he wihr en beten to still", das war das andere. Willst du daraus einen Strick für die Hradschecks drehen?" „Ich will es nicht, aber ich fürchte, daß ich es muß. Jedenfalls haben sich die Verdachtsgiünde durch das, was ich eben gehört habe, mehr gemehrt als gemindert, und ein Verfahren gegen den so mannigfach Ve- lasteten kann nicht länger mehr hinausgejchoben werden. Er muß in Haft, wär' es auch nur um einer Verdunklung des Tatbestandes vorzubeugen." „Und die Frau?" , . v ,, , „Sann bleiben. Ueberhaupt werd' ich mich auf das Notigste, be- schränken, und um auch jetzt noch alles Aufsehen zu vermeiden, hab ich vor, ihn aus meinem Wagen, als ob es sich um eine Spazierfahrt handelte, mit nach Küstrin zu nehmen." „Und wenn er nun schuldig ist, wie du beinah glaubst oder wenigstens für möglich hältst? Ist dir eine solche Nachbarschaft nicht einiger- m33orolnteftiad)te. „Man sieht, Eccelius, daß du kein Kriminalist bist. Schuld und Mut vertragen sich schlecht zusammen. Alle Schuld lahmt. „Nicht immer." .. t , . . ra „Nein, nicht immer. Aber doch meist. Und allemal da, wo das Gesetz schon über ihr ist." Die Verhaftung Hradschecks erfolgte zehn Tage vor Weihnachten. Jetzt war Mitte Januar, aber die Küstriner Untersuchung rückte nicht von der Stelle, weshalb es in Tschechin und den Nachbacdörfern hieß: Hradscheck werde mit nächstem wieder entlassen werden, weil nichts gegen ihn vorliege." Ja, man begann auf das Gericht und den Gerichtsdirektor zu schelten, wobei sich's selbstverständlich traf, daß alle die, die vorher am leidenschaftlichsten von einer Hinrichtung geträumt hatten, jetzt in Tadeln und Schmähen mit gutem Beispiel vorangingen. Vowinkel hatte viel zu dulden; kein Zweifel. Am ausgiebigsten In Schmähungen aber war man gegen die Zeugen, und der Angriffe gegen die e wären noch viel mehr gewesen, wenn man nicht gleichzeitig über sie gelacht hätte. Der dumme Ladenjunge, der Ede, so versicherte man sich gegenseitig, könne doch nicht für voll angesehen werden und die Male mit ihren Sommersprossen und ihrem nicht ausgetrunkenen Kasfee womöglich noch weniger. Daß man bei den Hradschecks oft einen wunderbaren Kaffee kriege, das wisse jeder, und wenn alle die, die das durchtrichterte Zichorienzeug stehn ließen, auf Mord und Totschlag hin verklagt und einaezogen werden sollten, so säße bald das halbe Bruch hinter Schloß und Riegel. „Aber Jakob und der alte Mewissen?" hieß es dann wohl. Indes auch von diesen beiden wollte die plötzlich zugunsten Hradschecks umgestimmte Majorität nichts wissen. Der dusselige Jakob, von dem jetzt soviel gemacht werde, ja, was hab' er denn eigentlich beigebracht? Doch nichts weiter, als das ewige ,^)e wihr so'n beten still." Aber du fieber Hammel, wer habe denn Lust, um Klock fünf und bei steifem Südost einen langen Schnack zu machen? Und nun gar der alte Mewissen, der, so lang er lebe, den Himmel für einen Dudelsack angesehen habe? Wahrhastig, der könne viel sagen, eh' rnan's zu glauben brauche. „Mit einem tarierten Tuch über dem Kopf. Und wenn's fein tariertes Tuch gewesen, dann sei's eine Pferdedecke gewesen." 0, du himmlische Güte! Mit einer Pferdedecke! Gibt es Pferdedecken ohne Flöhe? Nein. Und nun gar diese schnippsche Prise, die sich ewig mit ihrem türkischen Schal herumziert und noch ötepotöter is als die Reitweinsche Grasm! So ging das Gerede, das sich, an und für sich schon günstig genug für Hradscheck, infolge kleiner Vorkommnisse mit jedem neuen Tage günstiger gestaltete. Darunter war eins von besonderer Wirkung. Und zwar das folgende. Heiligabend war ein Brief Hradschecks bei Eccelius ein- getroffen, worin es hieß: „es ging' ihm gut, weshalb et fiel) freuen würde, wenn feine Frau zum Fest herüberkommen und eine Viertelstunde mit ihm plaudern wolle; Vowinkel hab' es eigens gestattet, versteht sich in Gegenwart von Zeugen." So die briefliche Mitteilung, au- welche Frau Hradscheck, als sie durch Eccelius davon gehört, diesem letzteren sofort geantwortet hatte: „sie werde diese Reise nicht machen, weil sie nicht wisse, wie sie sich ihrem Manne gegenüber zu benehmen habe. Wenn er schuldig sei, so sei sie für immer von ihm geschieden, ein- mal um ihrer selbst, aber mehr noch um ihrer Familie willen. Sie wolle daher lieber zum Abendmahl gehen und ihre Sache vor Gott tragen und bei der Gelegenheit den Himmel inständigst bitten, ihres Mannes Unschuld recht bald an den Tag zu bringen." So was hörten die Tschcchiner gern, die sämtlich höchst unfromm waren, aber nach Art der meisten Un- frommen einen ungeheuren Respekt vor jedem hatten, der „lieber zum Abendmahl gehen und seine Sache vor Gott tragen", als nach Küstrin scheck gewesen, bis dieser eines Tages, des ewigen Gratiseinschenkens müde, mit mehr Uebermut als Klugheit gesagt hatte: „Hören Sie, Geelhaar, Rum ist gut. Aber Rum kann einen auch rumbringen." Auf welche Provokation hin (Hradscheck liebte dergleichen W tze) der sich nun plötzlich aufs hohe Pferd setzende Geelhaar mit hochrotem Gesichi geantwortet hatte: „Gewiß, Herr Hradscheck. Was kann einen nid) alles 'rumbringen? Den einen dies, den andern das. Und mit Ihnen, mein lieber Herr, is auch noch nicht aller Tage Abend." Von der aus diesem Zwiegespräch entstandenen Feindschaft wußte das ganze Dorf, und so kam es, daß man nicht viel darauf gab und im wesentlichen bloß lachte, wenn Geelhaar zum hundertsten Male ver- icherte: „Der? Der muß ans Messer." „Der muß ans Messer", sagte Geelhaar, aber in Tschechin hieß es mit edcrn Tage mehr: „Er kommt wieder frei.“ Und „he klimmt wedder ’rut", hieß es auch im Hause der alten Jeschke, wo die blonde Nichte, die Line — dieselbe, nach der Hradscheck bet seinen Gartenbegegnungen mit der Allen immer zu fragen pflegte — eit Weihnachten zu Besuch war und an einer Ausstattung, wenn auch -reikich nicht an ihrer eigenen, arbeitete. Sie war eine hervorragend kluge Person, die, trotzdem sie noch keine 27 zählte, sich in den Der- fchiedensten Lebensstellungen immer mit Glück versucht hatte früh schon als Kinder- und Hausmädchen, bann als Nähterin und schließlich als Pfarrköchin in einem neumärkiichen Dorf, in weich letzterer Eigenschaft sie nicht nur sämtliche Betstunden mitgemacht, sondern sich auch durch einen exemplarisch sittlichen Lebenswandel ausgezeichnet hatte. Denn sie gehörte zu denen, die, wenn engagiert, innerhalb ihres Engagements alles Geforderte leisten, auch Gebet, Tugend und Treue. Solcher Forderungen entschlug sich nun freilich die Jeschke, die vielmehr, wenn sie den Faden von ihrem Wocken spann, immer nur Geschichten von begünstigten und geuasführten Liebhabern hören wollte, besonders von einem Küstriner Fourage-Beamten, der drei Stunden lang im Schnee hatte warten müssen. Noch dazu vergeblich. All das freute die Jeschke ganz ungemein, die dann regelmäßig hinzusetzte: „3oa. Line, so wihr ick oft. Awers moak et man nich to dull." Und dann antwortete diese: ,„Wie werd ich denn, Mutter Jeschke!" Denn sie nannte sie ni<* Tante, weit sie sich der nahen Verwandtschaft mit der allen Hexe schämen mochte. . . Plaudern war beider Lust. Und plaudernd saßen beide Weibsen auch heute wieder. Es war ein ziemlich kalter Tag und draußen lag fußhoher Schnee. Drinnen aber war es behaglich, das Rotkehlchen zwitscherte, die Wanduhr ging mit starkem Schlag und der Kachelofen tat das seine Dem Ofen zunächst aber hockte die Jeschke, während Line weitab am dem ganz mit Eisblumen überdeckten Fenster saß und sich ein Guckloch gepustet hatte, durch das sie nun bequem sehen konnte, was auf der Straße Vorgang. ja Gendarm Geelhaar", sagte sie. „Grab' über den Damm. Er muß drüben bei Kunicke gewesen sein. Versteht sich, Kunicke frühstückt um diese Zeit. Und sieht auch so rot aus. Was er nur will? Er wird am Ende der armen Frau, der Hradschecken, einen Besuch machen wollen. Is ja schon vier Wochen Strohwitwe." , ,Nei, nel", lachte die Alte. „Dat deiht he nid). Dem is ,oa sie» e,en all to neel, so lütt se is. Ne, ne, den kenn ick. Geelhaar is man blot 'WdUnb‘ babel machte sie die Bewegung des aus der Flaschetrinkens. * „Hast recht", sagte Line. „Sieh, er kommt grab’ auf unser Haus zu. Unb wirklich, unter biesem Gespräch, wie's bie Jeschke mit ihrer Nichte geführt hatte, war Geelhaar von ber Dorfstraße her in einen schmalen, bloß mannsbreiten Gang eingetreten, ber, an der Hradscheck- schen Kegelbahn entlang, in den Garten der alten Jeschke führte. Von hier aus war auch der Eingang in das Häuschen der Allen, das mit seinem Giebel nach der Straße stand. .Guten Tag, Mutter Jeschke", sagte der Gendarm. „Ah, und guten Tag, Lineken. Oder ich muß jetzt wohl sagen, Mamsell Linchen. Line, die den stattlichen Geelhaar (er hatte bei den Garbekürassieren gebient), aller bespekiierlichen Anbeutungen ber Allen ungeachtet, keines- wegs aus ihrer Liste gestrichen hatte, stemmte sofort ben linken Fuß gegen einen ihr gegenüberstehenden Binsenstuhl unb sah ihn zwinkernd über bas große Stück Leinwanb hin an, bas sie, wie wenn sie s admessen wollte, mit einem energischen Ruck und Puff vor sich ausspannte. Die Wirkung dieser kleinen Künste blieb auch nicht aus. So wenigstens schien es Linen. Die Jeschke dagegen wußt' es besser, und als Geelhaar auf ihre mit Vorbedacht in Hochdeutsch gesprochene Frage „was ihr eigentlich die Ehre verschaffe", mit einem scherzhaft gemeinten Fingerzeig auf Line geantwortet hatte, lachte sie nur unb sacste: „Nei, nel, Herr Gendarm. Ick roeet schon, ick roeet schon ... Awers nu setten'ssich ihrst ... Joa, diss' Hradscheck ... he kämmt joa nu mCb, 3a butter Jeschke," wiederholte Geelhaar, „he kämmt nu^ wedder rut. Das heißt, er kommt wieder raus, wenn er nich drin bleibt Woll woll. Wenn he nicht drin bllerot. Awers woriimm soll he Drin blieroen? Keen een hell joa wat siehn, un feen een heft joa wat utsunn n. Un Se ook nich, Geelhaar." . . „. n „Nein", sagte der Gendarm. „Ick, aud) nich. Aber es wird sich cho» was finden ober boch flnben lassen, unb bazu müssen Sie helfen, -Dtutter Jeschke. Ja, ja. So viel weiß ich, bie Hradscheck hat schon lange keinen Schlaf mehr unb ist immer treppauf unb treppab. Unb wenn die Leute sagen, es sei bloß, weil sie sich um ben Mann grame, so sag ich: un- sinn, er is nich so unb sie is nich jo." (n „Nei, nei", wiederholte bie Jeschke. „He is nich so un se is nich W- De Hradschecks, nei, de sinn nich so." (Fortsetzung folgt.) . __