GiehenerZamilienbMek Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger 3 rhrgang |929 Montag, den-8. Zedrua? Nummer Rast ofe Liebe. Von I. W. v. G o e t h e. Dem Schnee, dem Regen, Dem Wind entgegen, Im Kampf der Klüfte, Durch Nebeldüfte, Immer zu! Immer zu! Ohne Rast und Ruh! Lieber durch Leiden Möchte ich mich schlagen, Als so viel Freuden Des Lebens ertragen. Alle das Neigen Von Herzen zu Herzen, Ach, wie so eigen Schaffet das Schmerzen! Wie soll ich fliehen? Wälderwärts ziehen? Alles vergebens, Krone des Lebens, Glück ohne Ruh. Liebe, bist du! Das Abenteuer des Motorradfahrers. Von Friedrich Schnack. Petro Ontiveros kehrte von der Hochzeitsfeier feines Freundes Difunto zurück. Der hatte ein Mädchen Dolores Puentes geheiratet, die einzige Tochter eines begüterten bolivianischen Pflanzers. Mit Difunto war Prtro feit fenem denkwürdigen Jahr befreundet, da sie miteinander auf einem großen Pferderanche im Süden sich die ersten Sporen und die Haut eines Puma verdienten, der in die Weiden eingebrochen war. Das mar nun schon ein paar Jahre her, aber die Freundschaft hielt. Petro war inzwischen im Norden gewesen bei mancherlei Geschäften. Aber als sein Vater starb, mußte er rasch heim, um den Holzhandel selber in die Hand zu nehmen: seine Mutter und die älteste Schwester wurden von den Agenten zu leicht über die Ohren gehauen. Das war auch Disuntos Meinung gewesen. Dieser Glückspilz! Heiratete die hübsche Dolores Puentes. Von dem riesigen Gummibesitz ganz zu schweigen, den Ungeheuern Land- und Waldgebieten. Run konnte der schlaue Junge freilich tagelang die Gummiwälder umreiten, wenn er erst Lust dazu hatte. Glückspilz! Donnerkrach: dem hatte es tüchtig geeilt. Nu, bei Gummi mußt du zugreifen, sonst schnellt er dir glatt aus der Pfote. Petro lächelte und genehmigte seiner Maschine einen Hebeldruck Gas. Sie nahm eine sanfte Höhe. Er war ein pfiffiger Bursche. Von mütterlicher Seite hatte er ein paar Tropfen französischen Blutes in den Adern Die machten ihn phantasievoll. So malte er sich auch vergnügt seinen eigenen künftigen Hochzeitstag aus. Linker Hand flog Wald weg, rechts Getrümmer von Felsen. Zwei Stunden ging es nun dahin, die Nacht war hell. Dem Fahrer war der Kops etwas schwer, aber er hatte die Hände fest an der Lenkstange. Die Straße kannte er auswendig. Der Motor schnatterte. Wenn Petro heiratete, würden Difunto und Dolores auf seiner Hochzeit sein. Dann, nachts, konnten sie zurückpendeln, mit schweren Köpfen zu ihrer Estancia am Rio del Agua. Bald, bald! Das mit Marcela, dem lieben Mädchen, war in Ordnung. Sie hatten sich gefunden ... Die Straße glänzte mondweiß. Finster zackten die beschatteten Felsen vorbei. Der Wald blieb zurück. Freies Land stob dem Fahrer entgegen, in der Niederung schwebten silberne Dünste. Sie hatten sich gefunden, bei einem kleinen Morgenritt durch den Johannisbrotwald. Vorgestern hatte Marcela ihre Mutter, die gute Dona Oliviero, vorbereitet. Alles in Ordnung. Nun, der Papa ... Petro pfiff einen kleinen Schlager Olalla, mimalla, Wilder Tobaquillostrauch, Meine Liebste kennt dich auch ... Olalla ... „ Aus! Die Melodie zerflatterte, weggerifsen, denn die Maschine flitzte über einen kleinen, heimtückischen Straßenbuckel — und Petro hatte nicht aufgepaßi. Das hätte schief gehen können. Fester umpreßte er mit den Händen die Griffe der Lenkstange, rückte den Fuß ein wenig näher gegen die Fußbremse. Der Weindunst schwamm ihm im Schädel herum, wie eine zähe Wolke am Nachmittagshimmel, die die Sonne verdunkelt. Olalla, mimalla. Meine Liebste Süßes, lustiges Mädchen! Morgen wird er sie wiedersehen ,m Jo- hannisbrotwald. Er fühlte grenzenlose Zärtlichkeit. Die laue Lust zer- sprühte an seinem Gesicht. Jetzt kam die Brücke. Hopp, hupp! Er horte das Geräusch des Motors nicht mehr, donnernd schäumte das Wasser des Rio de Agua unter der Brücke. Schöne Grüße, dachte Petro lustig. Schone Gruße an Difunto und Dolores! Seine Maschine schnurrte bereits um eine Waldflanke, Brücke und Fluß weit hinter sich lassend. So. voller Liebesgedanken und Hochzeitsplane, raste Petro durch die Nacht, heimwärts. Vom Johannisbrotwald, daran die Straße entlangschnitt, hatte er noch ungefähr zehn Minuten bis zum Hoftor. Der Mond leuchtete in breiten Streifen durch die Bäume, em Streifen Lichtes, ein Streifen Schatten. Glanz und Dunkel über« flirrten wechselnd den gemächlich hinfahrenden Petro. Ah, hier der Waldweg, auf dem er vorgestern mit Marcela heraus- geritten war. Vor feinem Traumblick tauchte der lachende Kopf des Mädchens auf, die reizend geschwungenen Lippen, der weiße Blitz der Zahne ... Seine Lampe schickte ihren Laternenstrahl voraus, peitschte die Straße, das Vorderrad lies rundum hinein in die Helle, beharrlich, als wollt« es das lockende Mädchengestcht einholen, das beständig vor Petros Gesicht traumflimmerte. Plötzlich, oh Gott! — die Wahrnehmung geschah blitzhaft, im Bruchteil einer rasenden Sekunde — das war gar nicht Marcelos Gesicht, das war, gräßlich! das war ein aufschnellender Schlangenkops, grell beleuchtet vom Scheinwerferstrahl. Ein Schlangenkops und ein Leid, der sich wie ein Stahlbogen ihm entgegenbäumte, ein giftiges Reptil, das ihm wütend gegen die Brust sprang, abglitt und die rechte Hand schmerz- haft traf. Was weiter geschah, drang nicht in Petros Bewußtsein. Er verlor die Gewalt über das Motorrad, fiel hintenüber, betäubt vom furchtbaren Schreck, wurde aus die Seite geschleudert und sauste voll Wucht in einen Maisstrohhaufen, am Ende des Waldes. Darin blieb Petro bewußtlos liegen, bis ihn, kurze Zeit darauf, ein ausreitendec Gaucho fand. Der Mann brachte den Verunglückten ins Haus und alarmierte die Schläfer. Seine Mutter und die Schwester, nichtsahnend von seiner seltsamen Schlangenbegegnung, gossen ihm kaltes Wasser über den Kops, und der Gaucho schüttete ihm für alle Fälle einen Becher voll Whisky zwischen die Zähne. Der Schnaps weckte denn auch bald die betäubten Lebenskräfte des Gestürzten, er regte sich und flüsterte Unverständliches. Ge- jährlich war er ja wohl nicht gestürzt, wenigstens war kein Knochenbruch festzustellen, aber seine rechte Hand war bös abgeschürft. Man reinigte die Wunde und verband sie. Als Petro feine Augen aufschlug, starrte er entsetzten Blicks. Er war noch verwirrt. „Schlange! Schlange!" keuchte er, riß feine rechte Hand oor die Augen, sah den Verband, brüllte dumpf und sank auf die Seite, wild schluchzend. „Mutter... oh, eine Klapperschlange! Sie hat mich gebissen ... Sooo!" und er deutete hastig den verhängnisvollen Vorgang an. Signora Ontiveros drohte umzusinken. Petro riß den Leinwandstreifen ab, betrachtete grimmig die zerschundene Hand: natürlich, kein Schlangenbiß zu sehen, alle Haut weg! Doch der Gaucho klopfte ihm auf die Schulter, ihm einen vollen Becher Whisky vor die Rase haltend. „Schnell! Trinkt, sauft! Immer sauft! Gegengift ..." Petro stürzte den Whisky hinunter, noch einen, noch einen. Der Gaucho zwang ihm einen vierten Becher aus. „Jetzt los!" schrie er dann. „Aus die Straße, lauft, rennt! Ich renne mit, damit ihr das Gift ausschwitzt." Schon fegten sie hinaus auf die nächtliche Straße. „Grüßt Marcelo ..." rief Petro nach oben. Sie jagten die Straße vor. Ein zweiter und ein dritter Gaucho warteten vor der Tür, damit sie antreten konnten, sobald ihr Herr mit dem ausgepumpten Begleiter zuriickkäme. Petro und der Gaucho stürzten am Johannisbrotwald entlang. Zwi- scheu den Bäumen lag, ein glitzernder Metallhaufen, das zerbrochen« Motorrad. Wild rannten sie an ihm vorüber ... und die Bäume flogen zurück ... und da, in einem Schattenstreifen, wäre der flinke Gaucho fast gestürzt; auf einem glatten, runden Ding war er ausgeglitten. Sein Fuß schleuderte den Gegenstand ins Helle, sie trauten ihren Augen kaum: war das nicht eine Schlange? Sie rutschte ein paar Fuß vorwärts und blieb liegen, ein schwärzlicher Halbkreis. Krampfhaft blieben sie stehen. Weiß Gott! „Die Klapperschlange!" japste Petro. „Tot? Totgesahren? Biest!" Der Gaucho näherte sich der Schlange, die da klar im Mondglanz lag, versetzte ihr einen Tritt, sie war tot. Er beugte sich nieder und lacht« wild auf, daß fein Gelächter durch den Johannisbrotwald schallt«. Dann nahm er den steifen Kadaver in die Hande und schwenkte ihn in» Mondlicht. »Nicht totgefahren!' sagte er. .Feine Spur! Totgeschossen!' Und er geigte auf zwei Schußöffnungen am Kopf der Schlange. „Feine Arbeit!'' tobte er den abwesenden Schützen. Ungeheurer Druck wich von Petro, schlapp Uetz er die Arme hängen. „Do wären wir ja beinah vergeblich gelaufen ... um nichts und wieder nichts ,.Zugleich begr.ff er: lieber den Schwanz der toten Schlange, die der Schütze auf der Straße liegen gelaßen hatte, war das Vorderrad seiner Maschine hinweggerast, der Oberteil des Reptils war unter dem plötzlichen Ruck aufgeschnellt, der Kopf schlug gegen seine Brust und die Hand. Und der plötzliche Schreck hatte ihm den Schmerz eines Bisses vorgetäuscht ... Der Gaucho warf fluchend den Kadaver ins Gebüsch. Sie kehrten um. Aber Petro vermochte kaum zu laufen. Er hatte aus einmal einen regelrechten Whiskyrausch. Am nächsten Mittag erfuhr er von Marcela, sie habe die Schlange auf dem abendlichen Spazierritt durch einen glatten Kopfschuß erledigt. Petros Sturz in den Maisstrohhaufen belustigte sie ungemein. Schließlich lachten sie alle beide, und unter Gelächter küßten sie sich. Eisgang. Bon Leo Sternberg. Es schiebt das Eis in grauen Schollen, Inseln im Strom, der kaum noch treibt. Möwen aus drehnden Schilden wollen mitfahren, bis er stehen bleibt. Noch bäumt er sich und trümmert Scherben donnernd an Brückenkopf und Kran, reißt Rinnen auf und will nicht sterben und schleudert Schulpen aus der Bahn. Bis endlich mit erstarrten Schäumen und bis ins Röhricht eingedeckt, mit grün ins Eis gesargten Träumen er krachend sich zu Tode streckt. Vom hochberühmten Hausgesinde. Von Carry Brachvogel. Den Reigen der berühmten Dienstboten eröffnet, mit der höchsten Auszeichnung geschmückt, die eine Sterbliche erlangen kann — den Heiligenschein — eine Frau: die heilige Notburga. Sie diente als Magd bei einem Bauern in der Achenseegegend und war ein Muster an Fleiß und Frömmigkeit. Doch dem Acherer tat sie immer noch nicht genug, und so verlangt er, daß sie auch während des Gebetläutens die Sichel führen sollte, statt andächtig die Arbeitshände zu falten. Da überkam heiliger Zorn das Mädchen, und statt die Sichel ins Gras zu senken, warf fie sie in die Lust, allwo sie sreischwebend blieb, bis der letzte Glockenton verklungen war. Angesichts dieses Himmelszeichens soll den Bauern Reue befallen haben und er soll fürderhin ein besserer Mensch geworden fein. Solche Wandlung wäre sehr erfreulich, man braucht aber nicht unbedingt daran zu glauben, sintenmalen sich die Menschen nur selten bessern. Von einer heiligen Magd weiß auch die Heiligenlegende zu berichten, nichts aber von einem heiligen Knecht, denn der Knecht Rupprecht war kein Dienstbote, sondern ein Bischof aus dem Geschlecht der Merowinger, die weltliche Legende aber — das Märchen — berichtet geradezu von einem vorbildlichen Bedienten, dem „eisernen Heinri ch“, der sich, als sein Herr in einen Frosch verwandelt wurde, das Herz in Eisenbänder legen mußte, weil es sonst vor Gram zersprungen wäre. Dem eisernen Heinrich folgte auf dem Fuße ein anderer hervorragender männlicher Dienstbote, besten Heimat nicht das Märchen, sondern eine Bolkssage ist: Der fromme Fridolin, den uns Schiller im „Gang nach dem Eisenhammer“ als Diener des Grasen von Savern, eines lothringischen Schwerinduftriellen, schildert. „Drauf ritt in seines Zornes Wut Der Graf ins nahe Holz, Wo ihm in hoher Oefen Glut Die Eifenstange schmolz." Fridolin ist ganz der Diener des alten Schlags, hat keine Ahnung von Tariflohn, Acht- oder Zehnstundentag: „Früh von des Morgens erstem Schein Bis spät die Vesper schlug Lebt er nur ihrem Dienst allein, Tat nimmer sich genug. Und sprach die (Gräfin: „Mach dir's leicht!" Da würd' ihm gleich das Auge feucht Und meinte feiner Pflicht zu fehlen, Durst er sich nicht im Dienste quälen.“ Doch nicht nur unermüdlich fleißig war der junge Mann, sondern kMch recht gebildet scheint er gewesen zu fein, denn obwohl die Geschichte Son lange vor Einführung des allgemeinen Schulzwanges spielt, traut n der Gras doch Liebesbriefe zu, die auf die Gräfin Eindruck machen könnten, statt durch Stil und Orthographie ihre Lachlust zu reizen In der eigentlichen Domäne des Bedienten aber — im Tischdienst — scheint der Jüngling etwas mangelhaft gewesen zu fein: „Wär's möglich, Herr, Ihr saht es nie? Wie er nur Augen hat für sie? Bei Tafel Euer selbst nicht achtet, An ihren Stuhl gefesselt schmachtet.“ — Jahrhunderte mit ihren Legenden und Sagen sind verrauscht. Zwei weibliche Dienstboten erscheinen aus dem Plan. Der einen, einer herben, bäuerlichen Magd, lieft ein Unsterblicher — Moliöre — seine Komödien vor, wartet gespannt, ob ihr Mund sich zum Lachen verzieht, ober ob ihr Gesicht verständnislos-ernst bleibt. Moliöres Magd ist eine Vorkritik, an ihr vermißt er, ob seine Komödien sich für bas große Publikum eignen oder nicht. Er hegt offenbar keine sehr hohe Meinung von besagtem Pudlitum. Die anbere Barock-Köchin aber sitzt nicht in einer bescheidenen Dichter- Sude, sondern stolziert hochnäsig im Königsschloß von Versailles herum. Iso ein emporgehobenes Liebchen des Sonnenkönig»? O nein! Er hatte niemals den „Hang fürs Küchenpersonal“. Die hochnäsige Königin, die in allen Aeuherlichkeiten — dem dunklen Kleid, der Haltung und dem Goldkreuz aus dem straffgeschnürten Busen — der allmächtigen Frau von Mai n tenon nachstrebt, ist deren ehemalige Köchin, Ra non Balbi e n, die bei ihr diente, als die heimliche Königsfrau noch als Witwe Scarron ein kümmerliches Dasein führte. Nun aber ist durch grau Maintenon auch die Balbien erhöht und nicht minder ehrgeizig als die Herrin schlürft sie gierig den Trank der Macht. Einst hatte sie Böden gescheuert, magere Mahlzeiten gekocht, im Waschtrog dürftige Wäsche gewaschen, — nun aber umschmeicheln und umtänzeln fie Edeldamen und Kavaliere, um ihren Emsluß zu gewinnen und ihre Hand, die einst schrundig war von Spülwasser und scharfer Lauge, verteilt jetzt Gnaden und Aemter, weil der König Frau von Maintenon und diese wieder ihrer ehemaligen Köchin nichts versagt ... Selbst her Graf Saint-Simon widmet Fräulein Nanon Balbien eine ganze Seite feiner berühmten Memoiren. Der Sonnenkönig schläft in her Gruft von Saint-Denis, Versailles gehört seinem Urenkel, Ludwig XV., der Pompadour, her D u - b a r r y, dem ganzen scheinbar so heiteren, innerlich tödlich-gelangweilten Rokoko. Grazie, Witz, Frivolität, rote Absätze, seidene Frvusrou, Mouches, Puderduft und tänzelndes Liebesspiel ... Doch aus diesem heiteren Bild tritt jählings — welche Ueberraschung! — der tragischste aller Köche hervor, des Königs Koch, Meister V a t e l. Weißbemützt liegt er, ein Sterbender, auf dem Estrich seiner Schloßküche, — ein Selbstmörder. Hatte er ein Verbrechen begangen? Hatte er des Königs Gunst und Zufriedenheit verloren? Nichts davon. Vatel starb als Märtyrer seines Berufes und feines Verantwortungsgefühles, lieber die genaue Urfache feines Selbstmordes find sich die Historiker nicht klar. Die einen iagn: „Er legte Hand an sich, weil die Fische für die königliche Tafel nicht rechtzeitig geliefert wurden“. Die anderen meinten: „Er hot aus Versehen die Fische zu lange kochen lassen, so daß sie zerfielen, und aus Gram über dies Mißgeschick ging er in den Tod!" Da sich bis zur Stunde noch keine „historische Gesellschaft zur Erforschung von Vatels Tod und allen ihn begleitenden Umständen“ gebildet hat, muß man bis auf weiteres sein Sch cksa! in die Worte fassen: „Er starb an der großen Treue und an zerkochten Fischen!“ Neben diesem tragischen hantiert ein sehr vergnüglicher Koch, bedienstet bei einem großen Herrn, deren beider Namen nicht unverrückbar feststehen und eigentlich auch nichts zur Sache tun. Besagter Koch ging eine Wette ein, daß er aus alten Schuhsohlen ein köstliches Gericht bereiten könne, und wirklich gewann er feine Wette, nachdem er die Schuhsohlen wochenlang täglich geklopft, in würzige Beizen gelegt und mit den erlesensten Zutaten gedämpft hatte. Ein Kunststück, das für die Modernen wenig Wert hätte. Der normalen Menschheit liegen di« Schuhsohlen auch ohne Ragut-Zubereitung schon im Magen. Aus rosenfarbenem, reichgesticktem Prunkkleid taucht ein Negergeficht auf. Zamor ist'», der Mohr der schönen Dubarry, den ein englischer Kapitän aus Bengalen mitgebracht hatte und den Versailles verwöhnte, weil die Dubarry ihren kleinen Mohren gern hätschelte. Vanloo hatte ihn gemalt, vornehme Damen haben ihn mit Süßigkeiten gefüttert, und selbst der ewig gelangweilte Ludwig XV. amüsierte sich über die Possierlichkeit des kleinen Schwarzen und dessen Späße. Ach, fie alle ahnten nicht, welch blutigen Spaß sich über eine Weile dieser schwarze Diener erlauben würde! Die Revolution ist auf ihrem Höhepunkt, da steht die Dubarry vor den Tribunal, weil sie für den gerichteten König Trauer angelegt hatte. Als Belastungszeuge tritt Zamor auf, Zamor das Patenkind der Dubarry! Er ist inzwischen Sekretär des Sicherheitsknmitees in Versailles geworden, und feine Aussage könnte seine ehemalige Herrin vielleicht retten, aber der Schwarze fühlt sich als Herr über die Herrin von gestern und kein Wort zu ihren Gunsten kommt über seine wulstigen Lippen. Als man die Unglückliche zur Guillotine fährt, läuft das schwarze Scheusal schadenfroh hinter dem Karren her, wie in einsamer Steppe ein Wals hinter einem Schlitten herlaufen mag, in dem er unentrinnbare menschliche Beute gewittert hat . . Nun weiht Erzellenz v. Goethe eine Köchin — Charlotte Boyer — der Unsterblichkeit. Schreibt ihr folgendes gesalzenes Zeugnis: „Charlotte Boyer hat zwei Jahre in meinem Hause gedient. Für eine Köchin kann sie gelten und ist zu Zeiten folgsam, höflich, sogar einschmeichelnd. Allein durch die Ungleichheit ihres Betragens hol sie sich et ganz unerträglich gemacht. Gewöhnlich beliebt es ihr, nach eigenem n zu handeln und zu kochen: sie zeigt sich widerspenst g, zudringlich, grob und sucht diejenigen, die ihr zu befehlen haben, auf alle Weise zu ermüden. Unruhig und tückisch, verhetzt sie ihre Mitdienenden Und macht ihnen, wenn sie nicht mit ihr halten, das Leben sauer. Außer anderen verwandten Untugenden hat sie noch die, daß sie an den Türen horcht. Welches alles man, nach der erneuten Polizeiverordnung, hiermit ohne Rückhalt bezeugen wollen.“ Da es nicht nur vor einem Kammerdiener, sondern auch vor einer Köchin keinen großen Mann gibt, zerriß die temperamentvolle Charlotte (bie temperamentvollen Charlotten waren Goethen nun einmal bestimmt!) das entehrende Zeugnis in tausend Fetzen und streute sie — alle Goethe- Philologen verhüllen das Haupt! — in der Wohnung des Olympiers umher. Woraus er die Fetzen sammelte und sie nebst einem bedächtigen Bries „an das herzogliche Polizeikollegium in Weimar“ sandte . Auf einem der alten Friedhöfe Berlins liegt Rahel Varnhagen begraben. Neben ihrem Grabe befindet sich ein kleiner Grabstein, wie für ein Kind, und wie die Worte einer zärtlichen Mutter lieft sich seine Inschrift: „Rahels Dorel“. Ein Kind der Rahel also? Ein Kind, so früh verstorben, daß die Literaturgeschichte es übersehen konnte? Nein, Naheis Dorel war Rahels treue, langjährige Dienerin, die im Gegensatz zur widerspenstigen Goethe-Charlotte, nie den Respekt gegen die Herrschaft vergaß Rahel aber löschte selber, da e» zum Sterben gfog, die Distanz, die "gch |Oijt zwgchen sie und Dorei gebreitet hatte. Da die alle treue Seele besorgt irgendeine Frage mit „Frau Geheimrat" begann, sagte die Sterbende: „Es hat sich ausgeheimratetl Sage „du" zu mirl" Erschütternde Demut des Menschen, der nichts anderes mehr weiß und wissen will, als „Vom Staub bist du genommen und zum Staub wirst du zuruckkehren." Und schöner als das längste Lobzeugnis stnd die zwei Worte, die den Familiennamen der Dienerin verschweigen, so als ob sie eben gar nichts gewesen wäre und hätte sein wollen als „Raheis Dorel" ... Was treiben wir in gnnerafien? Von Sven Hedi n*). Zu meinem ursprünglichen Reiseplan, den ich jetzt aussühre, gehört als wichtigstes Glied, die leere Fläche auszusüllen, die die unermeßlichen Weiten Jnnerasiens umfaßt. Damit würde endlich die letzte Lücke in dem Retz der meteorologischen Stationen auf der nördlichen Halbkugel verschwinden, und viele rätselhafte Probleme der klimatologischen und meteorologischen Verhältnisse dieser Erdhälfte fänden ihre Lösung! Zweitens würden wir China einen Dienst von unabsehbarer Bedeutung leisten können, da ein System von Warnungen vor herannahenden Staub» stürmen, die den Ackerbau Chinas schwer schädigen, in Tätigkeit treten könnte. Die ständigen Stationen, die ich in Jnnerasien einzurichten beabsichtige, werden, wenn mein Plan glückt und hinreichende Unter- itützung durch die chinestschen Behörden findet, dieselbe Rolle zu Lande spielen, wie die von den Jesuiten in Sikawei eingeführten Sturmwarnungsstationen an der Küste. Man sieht daraus, daß die Arbeit meines Meteorologen Dr. H a u b e eine Revolution in der Meteorologie und Klimatologie herbeisühren wird und daß ihre Ergebnisse einen hervorragenden Platz in allen neuen einschlägigen Handbüchern finden werden. Im Grunde ist die Ausgabe Dr. Haudes und seiner Mitarbeiter von so erheblicher und umfassender Bedeutung, daß sich unsere große und kostspielige Expedition auch dann als vollkommen berechtigt erweisen würde, wenn wir bei unserer Heimkehr keine anderen Erfolge aufzuweisen hätten. Dr. Haudes Observatorium war schon an dem Tage fertig, an dem wir unsere Zelte am Hutjertugol aufschlugen, es besteht aus einem würfelförmigen hölzernen Häuschen mit Schutzdach und Lattenwänden, durch die der Wind freien Durchtritt hat, während kein Sonnenstrahl hineindringt. Das Häuschen ruht auf vier Pfählen, hoch genug, jede Beeinflussung durch Erhitzung oder Abkühlung de» Bodens auszuschlie- ßen. Ein paar Stufen führen hinaus, so daß man die ausgestellten Instrumente bequem ablesen kann. Das Ganze ist nach allen Richtungen mit starken Tauen verankert, und nicht einmal die heftigsten Stürme haben das Observatorium zu erschüttern vermocht. Im Freien befinden sich in verschiedenen Höhen geschützte Minimumthermometer wagerecht in angeschraubten Klemmen und auf dem Boden liegen Jsolations- thermometer sowie andere empfindliche Instrumente. Dr. Haudes Heiligtum bildet am Auhenrand unserer Lagerstadt gleichsam einen Aillenvorort für sich. Sein Zelt ist mit Jnstcumentenkiften angefüllt, die mit Aneroiden, Kochthermometer, Werkzeug und allerlei wunderlichen Apparaten beladen sind. Vor dem Eingang des Zeltes ist ein Verandadach aus Segeltuch angebracht und davor stehen andere Mehr oder weniger oder gar nicht ausgepackte Jnstrumentenkisten. Die vollen Kisten enthalten ganze Sätze Ausrüstungen für jede einzelne der geplanten Stationen. Wenn man nach Eintritt der Dunkelheit in Dr. Haudes Villenviertel gehen will und nicht genau darin Bescheid weiß, muß man vorsichtig fein. Er hat nämlich für unsere drahtlose Station zwei 10 Meter hohe Metallmasten in einer Entfernung von 40 Meter voneinander aufgestellt und von diesen aus laufen ein bis zwei Fuß über dem Erdboden drei Metalldrähte: Fallstricke, denen man ausweichen muß. Bei dieser Gelegenheit will ich erwähnen, daß wir auch eine Funlstelle besitzen, die unter von K a u l l s Leitung steht. Selbstverständlich können wir damit nicht senden. Das Mißliche an unseren Trockenbatterien ist vor allem, daß der Strom nach vier Minuten aufhärt. Man muß daher Glück und fchnelle Auffassungsgabe haben, wenn man Nauen, Cavite oder eine andere Station hören will. Trockenheit und Wörme sind unsere und der Batterien schlimmste Feinde. Wenn ich mich nicht irre, hat Andrews in dieser Hinsicht ebenso schlechte Erfahrungen gemacht, wie er in seinem Duch „Auf der Fährte des Urmenschen" erzählt. Er baute eine Funkstation in einem Auto auf, konnte aber auch nichts hören Möglicherweise beruhen unsere schlechten Erfahrungen auf klimatischen Ursachen, die sich mit den uns zur Versagung stehenden Mitteln nicht ausschalten lassen. Natürlich wollen wir uns nicht über den Gang der Weltereignisfe aus dem Laufenden halten — wir empfinden es eher als Befreiung, allen Neuigkeiten der Außenwelt zu entgehen — aber wir hätten gern die Zeitsignale von Nauen, Bordeaux. Cavite oder Batavia aufgefangen, um aus diese Weise sicher und unentgeltlich die Längengrade festzulegen. Für die Ueberwachung von Temperatur, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit stnd in unserer Wetterwarte ein Thermograph, ein Barograph und ein Hypograph ausgestellt. Der Höhe, Form und Bewegungsrichtung der Wolken widmet Dr. Haude besonderes Interesse, er hatte eine große Neihe ungewöhnlich schöner Ausnahmen verschiedener Wolkentypen gewacht. Die Windgeschwindigkeit wird sowohl im Lager wie aus dem Gipse! eines 26 Meter hohen Hügels gemcsfen, also Windstärke 11 auf oer Beaufortskala ober schwerer Sturm. Hier herrschte ja fast ständig luinb. Er erhebt sich um 8 Uhr morgens, nimmt bis Mittag an Stärke 3“ und flaut gegen 6 Uhr oder etwas später ab. In der Nacht ist es *) Aus dem neuen Buche „21 u f großer Fahrt". Meine Expedition mit Schweden. Deutschen und Chinesen durch die Wüste Gobi. 1927—28. Mit 110 einfarbigen und bunten Abbildungen und 1 Sollten« Geh. 13 Mark, Ganzleinen 15 Mark. Dos Werk wird in Kürze be! F. A. Brockhaus, Leipzig, erscheinen. gewöhnlich völlig ruhig unö klar. Fallt Nrgrn, wrtanftd n zum «Km größten Teil, ehe er die Erdoberfläche erreicht. Die Aiederschiagsdicht« nimmt bis zur Regenszeit zu. Und wie e» dann wird- Ja. darüber wisse» wir nichts, und auch das ist es neben manchem onMren. was wir wißen wollen. Dr. Haude glaubt durch feine Forschungen feststellen zu können, ob sich in Zukunft nicht etwas für die Urbarmachung und Ausnutzung de» Bodens machen ließe und ob eine Aufforstung möglich wäre; dadurch würde das Land unerhört im Wert steigen. Es kann jedoch fein, daß die mongolische Steppe zu sehr durch ungünstiges Klima bedingt ist, um sich zähmen zu lassen. Ein anderes Problem, zu dessen Lösung wir wichtige Beiträge bringen zu können hoffen, ist die Austrocknung. Jnnerasien geht nämlich unzweifelhaft einer Trockenperiode entgegen. Fast alle Seen finken und nehmen an Umfang ab. Zur Klärung dieser Frage werden wir am Gaschunnor ausgezeichnetes Material gewinnen. Sichere Schlüsse wird man erst nach Jahrzehnten fassen können. Ader durch unsere genauen Beobachtungen, die man in der Zukunft wird wiederholen müssen, um Dergleichsmaterial zu erhalten, legen wir den Grund dazu. Es wird wohl — zum mindesten in Europa — keine Wetterwarte geben, die gründlichere und lückenlosere Untersuchungen über die Bewegungen des Lustmeeres vornimmt als das aeronautische Observatorium in Lindenberg bei Berlin, wo täglich Pilotballons und Drachen in die Höhe steigen. Die Anstalt ist von A ß m a n n, dem Erfinder des Aspirationsphychrometers, des Apparates zur Bestimmung der wahren Luftfeuchtigkeit, gegründet und im Jahre 1912 von Hergejell übernommen worden, der schon 1900 bis 1906 in Straßburg Pilotballone zur Erforschung der Atmosphäre benutzte. In Deutschland lasten jetzt alle größeren Stationen und Observatorien Pilotballone aufsteigen. Schweden hat drei Stationen, Finnland eine bei Helsingsars. Der Wetterdienst In Stockholm erhält täglich Berichte von etwa zwanzig Pilotballonstationen an verschiedenen Plätzen in Europa. In China sollen bisher nur ein paar Bollanaufstiege erfolgt sein. Auch in Indien scheint man sich dieser Forschungsmethode nicht in nennenswertem Umfang zu bedienen. Edenfo bildet das ganze innere Asien in dieser Hinsicht eine riesige Terra incognita. Da kann man sich denken, was es für die Wissenschaft von den Bewegungen der Luftströmungen in Höhen bis zu 1500 Meter und mehr bedeuten wird, durch Dr. Haudes Untersuchungen mit Pilotballonen während eines ganzen Jahres die Luftoerhältniste über Jnnerasien kennenzulernen. Unsere Expedition wird der Wissenschaft nicht nur bas ganze umfangreiche Material über die Verhältnisse an der Erdober- stäche schenken, sondern gleichzeitig auch die Kenntnis von dem Gang der Luftströmungen bis zu 15 OOO Meter erweitern. Die Pilotballone sollen uns darüber Aufschluß geben, auf welchen Bahnen der Luftaustausch zwischen dem Pol und dem Aequator über der größten Landmasse der Erde erfolgt. Sie sollen uns auch »erraten, wie weit nach Asien hinein sich das veränderliche Wetter, das wir in Europa gewohnt find, erstreckt, ober mit anderen Worten, wie weit nach Osten Europas Tief- und Hochdruckgebiete reichen. Wie weit ist Asiens jährliche Erwärmung und Abkühlung in vertikaler Richtung bemerkbar? Wie hoch hinauf gehen im Sommer die Luftströmungen, die an der Erdoberfläche vom Meer nach dem Lande und in den höheren Regionen vom Lande nach dem Meer wandern? Und wie hoch hinauf herrscht bas im Winter umgekehrte Verhältnis, wenn die Lust an der Erdoberfläche entlang von dem abgekühlten Lande nach dem Meere zuströmt und oberhalb dieser Strömungen in höheren Regionen ein Austausch entgegengesetzter Richtung stattfindet? Cs ist unsere Absicht, die Antworten auf diese und andere ähnliche Fragen zu finden. Wenn uns dies glückt, wie wir allen Anlaß haben zu hoffen, wird es möglich fein, Gesetze von unermeßlicher Bedeutung für die Zirkulation der Atmosphäre aufzustellen. Durch die Pilotballone ermittelt man nicht nur die Windrichtung in den höheren Regionen, sondern auch Veränderungen in der Verteilung des Luftdrucks in verschiedenen Höhen über der Erde, und gäbe es hinreichend viel Stationen, dann könnte man sogar für die einzelnen Sch ch- ten Isobarenkarten zeichnen, die ganz anders aussehen würden als die von der Erdoberfläche. Mit Hilfe der Pilotballone können wir uns einen Begriff von dem Ausfehen dieser noch nicht vorhandenen Karten machen. Schon im Herbst 1925, als ich den ursprünglichen Plan dieser Expedition ausarbeitete, erschien mir die Errichtung von vier festen meteorologischen Stationen im Herzen von Asien als eine Aufgabe von allergrößter wissenschaftlicher Bedeutung. Trotz der größeren und kleineren Abänderungen, die dieser erste Plan unter dem Druck der Umstände im Laufe des folgenden Jahres und im Winter 1926 bis 1927 erfuhr, blieb ich doch stets bei dem Gedanken und der Absicht, die vier Stationen zu gründen. Gustav Adolfs Paae. Novelle von Conrad Ferdinand Meyer. kSchiuß. In unaufhaltsamem Ritte erreichte er den Wagen des Königs und mischte sich unter das Gefolge, das am Vorabende der erwarteten großen Schlacht ihn nicht zu bemerken ober sich nicht um ihn zu kümmern sch en. Der König gedachte dann die Nacht in seinem Wagen zuzubringen, wurde aber durch die Kälte genötigt, auszusteigen und in einem bescheidenen Bauernhause ein Unterkommen zu suchen. Mit Tagesanbruch drängten sich in der niedrigen Stube, wo der König ichon über seinen Karten saß, die Ordonnanzen. Die Ausstellung der Schweden war beendigt. Es begann die der deutschen Regimenter. Page Leubelfing hatte sich, von dem Kammerdiener des Königs, der ihm wohlwollte, erkannt und nicht zur Rede gestellt, den in seinem Erstick das schwedische Wappen tragenden Schemel wieder erobert, auf welchem er lonst neben dem Könige gesessen, und sich in einer Ecke niedergelassen, wo er hinter den wechselnden kriegerischen Gestalten verborgen blieb. Der König hatte jetzt seine letzten Befehle gegeben und war in der wunderbarsten Stimmung. Er erhob sich langsam und wendete sich gegen ble Anwesenden, (nufer Deutschs unter ihnen mehr als einer von denjenigen, weiche er bei Stürembcig mit |o hatten Worten gezüchtigt hatte. Ob ihn schon die Wahrheit und die Barmherzigkeit jenes Reiches berührte, dem er sich nahe glaubte? Er winkte mit der Hand und sprach leise, fast wie träumend, mehr mit den geisterhaften Augen als mit dem kaum bewegten Munde: ,Herren und Freunde, heute kommt wohl mein Stündlein. So ni cht' ich Euch mein Testament hinterlassen. Nicht für den Krieg sorgend — da mögen die Lebenden zusehen. Sondern — neben meiner Seligkeit — für mein Gedächtnis unter Euch! — Ich bin Übers Meer gekommen mit allerhand Gedanken, aber alle Überwog, ungeheuchelt, die Soige um das reine Wort. Nach der Viktorie von Breitenfeld konnte ich dem Kaiser einen läßlichen Frieden vorschreiben und nach gesichertem Evangelium mit meiner Beute md) wie ein Raubtier zwischen meine schwedischen Klippen zurückziehen. Aber ich bedachte die deutschen Dinge. Nicht ohne ein Gelüst nach Eurer Krone, Herren! Doch, ungeheuchelt, meinen Ehrgeiz Überwog die Sorge um das Reich' Dem Habsburger darf es unmöglich länger gehören, denn es ist ein evangelisches Reich. Doch Ihr denket und sprechet: ein fremder König herrsche nicht über uns! Und Ihr habet recht. Denn es steht geschrieben: der Fremdling soll das Reich nicht ererben. Ich ober dachte letzlich an die Hand meines Kindes und an einen Dreizehnjährigen ..Sein leises Reden wurde Überwältigt von dem stürmischen Gesänge eines thüringischen Reiterregiments das, vor dem Quartier des Königs vorbeiziehend, mit Begeisterung die Worte betonte:, „Er wird durch einen Gideon, Den er wohl weiß, dir helfen schon ..." Der König lauschte und ohne seine Rede zu beendigen, sagte er: „Cs ist genug, alles ist in Ordnung", und entließ die Herren. Dann sank er auf das Knie und betete. Da sah der Page Leubelfing mit einem rasenden Herzklopfen, wie der Lauenburger eintrat. Als ein gemeiner Reiter gekleidet, näherte er sich in kriechender und zerknirschter Haltung und reckte die Hände flehend gegen den König aus, der sich langsam erhob. Jetzt warf er sich vor ihm nieder, umfing seine Knie, schluchzte und schrie ihn an mit den bewegt chen Worten des verlorenen Sohnes: „Vater, ich habe gesündigt in den Himmel und vor dir!" und wiederum: „Ich habe gesündigt in den Himmel und vor dir, ich bin hinfort nich! mehr wert, daß ich dein Sohn heiße!" und er neigte das reuige Haupt. Der König aber hob ihm vom Boden und schloß ihn in seine Arme. Bor den entsetzten Augen des Pagen schwammen die sich umschlungen Haltenden wie in einem Rebel. „War das, konnte das die Wahrheit fein? Hatte die Heiligkeit des Königs an einem Verworfenen ein Wunder gewirkt? Oder war's eine satanische Larve? Mißbrauchte der ruchloseste der Heuchler die Worte des reinsten Mundes?" So zweifelte sie mit irren Sinnen und hämmernden Schläfen. Der Augenblick verrann. Die Pferde wurden gemeldet und der König rief nach seinem Lederwams. Der Kammerdiener erschien, in der Linken den verlangten Gegenstand, in der Rechten aber einen an der Halsöfsnung gefaßten blanken Harnisch haltend. Da entriß ihm der Page den kugelf.sten Panzer und machte Miene, dem König behilflich zu sein, denselben an- zulegen. Dieser aber, ohne über die Gegenwart des Pagen erstaunt zu sein, weigerte sich mit einem unbeschreiblich freundlichen Blick und fuhr Leubelfing durch das krause Stirnhaar, wie er zu tun pflegte. „Gust," sagte er, „das geht nicht. Er drückt. Gib das Wams." Kurz nachher sprengte der König davon, links und rechts hinter sich den Lauenburger und seinen Pagen Leubelfing. V. In der Pfarre des hinter der schwedischen Schlachtlinie liegenden Dorfes Meuchen saß gegen Mitternacht der verwitwete Magister To- dänus hinter seiner Foliobibel und las seiner Haushälterin, Frau Ida, einer zarten und ebenfalls verwitweten Person, die Bußpsalmen Davids vor. Der Mag ster — übrigens ein wehrhafter Mann mit einem derben, grauen Knebelbarte, der ein paar Jugendjahre unter den Waffen verlebt hatte — betete bann inbrünstig mit Frau Ida für die Erhaltung des protestantischen Helden, der eben jetzt in kleiner Entfernung das Schlachtfeld, er wußte nicht, ob behauptet ober verloren hatte. Da pochte es heftig an bas Hoftor und die geistergläubige Frau Iba erriet, daß sich ein Sterbender melde. Es war so. Dem öffnenden Pfarrer wankte ein junger Mensch entgegen, bleich wie der Tod, mit weit geöffneten Fieberaugen, barhaupt an der Stirn eine klaffende Wunde. Hinter ihm hob ein anderer einen Toten vom Pferde, einen schweren Mann. In diesem erkannte der Pfarrer trotz der entstellenden Wunden den König von Schweden, welchen er in Leipzig einziehen gesehen und dessen wohlgetrosfener Holzschnitt hier in seinem Zimmer hing. Ties ergriffen bedeckte er das Gesicht mit den Händen und schluchzte. In fieberischer Geschäftigkeit und mit hastiger Zunge begehrte der verwundete Jüngling, daß fein König im Chor der anstoßenden Kirche ausgebahrt werde. Zuerst aber forderte er Wasser und einen Schwamm, um das Haupt voll Blut und Wunden zu reinigen. Dann legte er mit die Hilfe des Gefährten den Toten, welcher feinen Armen zu schwer war, auf ein ärmliches Ruhebett, sank daran nieder und betrachtete das wachs- farbene Antlitz liebevoll. Als er es aber mit dem Schwamm berühren wollte, wurde er ohnmächtig und glitt vorwärts auf den Leichnam. Sein Gefährte hob ihn auf, sah näher zu und bemerkte außer der Stirnwunde eine zweite, eine Brustwunde. Durch einen frischen Riß im Rocke neben einem über dem Herzen liegenden geflickten Risse sickerte Blut. Das Gewand wand seines Kameraden vorsichtig öffnend, traute der schwedische Kornett seinen Augen nicht. „Hol' mich! straf! mich!" stotterte er, und Frau Ida, welche die Schüssel mit dem Wasser hielt, errötete über und über In diesem Augenblick wurde die Tür ausgerissen und der Oberst Ake Tott trat herein. In Proviantsachen rückwärts gesendet, war er nach verrichtetem Geschäfte dem Schllichtfelde wieder zugeeilt und hatte in der Doifgasse, vor dem Kruge ein Glas Branntwein stürzend, die Mär vernommen von einem im Sattel wankenden Reiter, der einen Toten DOe sich auf dem Pferde gehalten. „Ist es wahr, ist es mög'ich?" schrie er und stürzte auf seinen Sonic zu, dessen Hand er ergriff und mit Tränen benetzte. Rach einer Weile sich umroenbenb, erblickte er den Jüngling, welcher in einem Lehnsessel aus, gestreckt lag, seiner Sinne unmächtig. „Alle Teufel," rief er zornig. [0 hat sich die Gustel doch wieder an den König gehängt!" , „Ich fand den jungen Herrn, meinen Kameraden," bemerkte der Kornett vorsichtig, wie er, den toten König vor sich auf dem Pferde haltend über tag Schlachtfeld sprengte. Er hat sich für die Majestät geopfert'“ „Nein, für mich!"! unterbrach ihn ein langer Mensch mit einem Altweibel gesicht. Es war der Kaufherr Laubfinger. Um eine beträchtlich- 7 durch den Krieg gefährdete Schuld einzutreiben, hatte er sich aus dem sichern Leipzig herausgewagt und unwissend dem Schlachlfelde genähert In die van Gepäckwagen gestaute Dorfgasse geraten, war er dann dem Obersten nachgegangen, ihn um eine salva guardia zu ersuchen. In einem überströmenden Gefühle von Dankbarkeit und von Erleichterung erzäh'te er jetzt den Anwesenden umständlich die Geschichte seiner Familie, „Gustel, Gustel," weinte er, „kennst du noch dein leibliches Vetterchen? Wie kann ich bir’s bezahlen, was du für mich getan hast?" „Damit, Herr, daß Ihr das Maul haltet!" fuhr ihn der Oberst an. Der Pfarrer aber trat in das Mittel und sprach mit ruhigem Ernst: „Herrschaften, Ihr kennt diese Welt. Sie ist voller Lästerung." Frau Iba seufzte. „Und da am meisten, wo ein großer und reiner Mensch eine große und reine Sache vertritt. Würde der leiseste Argwohn dieses Andenken trüben" — er zeigte den stillen König — „welches Fadelgeschops würde nicht die papistische Verleumdung aus dieser armen Mücke machen/ und er deutete auf den ohnmächtigen Pagen, „die sich die Flügel an der Sonne des Ruhmes verbrannt hat! Ich bin wie von meinem Dasein überzeugt, daß der selige König von diesem Mädchen nichts wußte." „Einverstanden, geistlicher Herr," schwur der Oberst, „auch ich bin davon, wie von meiner Seligkeit nicht durch die Werke, sondern durch den Glauben überzeugt." „Sicherlich", bestätigte ßaubfinger. „Sonst hätte der König sie heimgeschickt und auf mich gefahndet." „Hol' mich, straf' michl" beteuerte der Kornett und Frau Ida seufzte. „Ich bin ein Diener am Wort, Ihr traget graues Haar, Herr Oberst, Ihr, Kornett, seid ein Edelmann, es liegt in Eurem Nutzen und Vorteil, Herr Laubfinger, für Frau Ida bürge ich: wir schweigen." Jetzt öffnete der Page die sterbenden Augen. Sie irrten angstvoll umher und blieben auf Ake Tott haften: „Pate, ich habe dir niiht ge- horsamt, ich konnte nicht — ich bin eine große Sünderin." „Ein großer Sünder", unterbrach sie der Pfarrer streng. „Ihr redet irre! Ihr seid der Page August Leubelfing, ehelicher Sohn des nürem< bergischen Patriziers und Handelsherrn Arbogast Leubelfing, geboren den und den, Todes verblichen den siebenten November eintausendsechs- hundertzweiunddreißig an seinen Tages vorher in der Schlacht bei Lützen empfangenen Wunden, pugnans cum rege Gustavo AdoiphoV) „Fortiter pugnans**!") ergänzte der Kornett begeistert. „So will ich aus Euren Grabstein setzen! Jetzt aber machet Euer» Frieden mit Gott! Euer Stündlein ist gekommen." Der Magister sagte das nicht ohne Harte, denn er konnte feinen Unmut gegen das abenteuerliche Kind, das den Ruf feines Helden gefährdet hatte, nicht verwinden, ob es schon in den letzten Zügen lag. „Ich kann jetzt noch nicht sterben, ich habe noch viel zu reden!' röchelte der Page. „Der König ... im Nebel ... die Kugel des Lauenburgers —" der Tod schloß ihr den Mund, aber er konnte sie nicht hindern, mit einer letzten Anstrengung der brechenden Augen das Antlitz des Königs zu suchen. Jeder der Anwesenden zog seinen Schluß und ergänzte den Satz nach seiner Weise. Der geistesgegenwärtige Pfarrer aber, besten Patriotismus es beleidigte, den Retter Deutschlands und der protestantischen Sache — für ihn ein und dasselbe — von einem deutschen Fürsten sich gemeuchelt zu denken, ermahnte sie alle eindringlich, dieses Bruchstück einer durch den Tod zertrümmerten Rede mit dem tragen zu begraben. Jetzt, da August Leubelfing fein Schicksal vollendet hatte und leblos neben seinem Könige lag, schluchzte der Vetter: „Nun die Base verewigt und der Erbgang eröffnet ist, nehme ich doch meinen Namen wieder on mich?" und er warf einen fragenden Blick auf die Umstehenden. Srt Magister Todänus betrachtete eben das unschuldige Gesicht der tapferen Nürembergerin, das einen glücklichen Ausdruck hatte. Der strenge Mann konnte sich einer Rührung nicht erwehren. Jetzt entschied er: „Nein. Herr! Ihr bleibt ein Laubfinger. Euer Name wird die Ehre haben, auf dem Grabhügel eines hochgesinnten Mädchens zu stehen, das einen herrlichen Helden bis in den Tod geliebt hat. Ihr aber habt Euer höchste» Gut gerettet, das liebe Leben. Damit begnüget Euch." Die Kirche wurde gegen den Andrang der zuströmenden Menge gesperrt und verriegelt: denn das Gerücht hatte sich rasch verbreitet, hiek liege der König. Die Toten wurden dann gewaschen und im Chore anp gebahrt. Ueber alledem war es Helle geworden. Als die Kirchtore den mit ungeduldigen Gebärden, aber ehrfürchtigen Mienen Eindringenden sich öffneten, lagen die beiden vor dem Altäre gebetet auf zwei Schrägen, Der König höher, der Page niedriger, und In umgekehrter Richtung, 1° daß fein Haupt zu den Füßen des Königs ruhte. Ein Strahl der Moc- genfonne — dem gestrigen Nebeltage war ein blauer Himmel gefolgt — glitt durch das niedrige Kirchenfenster, verklärte das Helden- antiitz und sparte noch ein Schimmerchen für den Lockenkopf des Page» Leubelfing. *) Neben König Gustav Adolph kämpfend. **) Tapfer fechtend. Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche ^ntverfitärs-Vuch« und Stetndruckerei, *K Lange, Sieben-