Geheim Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Z rhrgang <929 Freitag, den i8. Januar Nummer 5 Die Sorglichen« Von Gustas Falke, Im Frühling, als der Märzwind ging, als jeder Zweig voll Knospen hing, da fragten sie mit Zagen: Was wird der Sommer sagen? Und als das Korn In Fülle stand, in lauter Sonne briet das Land, da seufzten ste und schwiegen: Bald wird der Herbstwmd fliegen. Der Herbstwind blies die Bäume an und liest auch nicht ein Blatt daran. Sie sahn sich an: Dahinter kommt nun der böse Winter. Das war nicht eben falsch gedacht, der Winter kam auch über Rächt, die armen, armen Leute, was sorgen sie nur heute? Ste sitzen htnterm Ofen still und warten, ob's nicht tauen will, und bangen sich und sorgen um morgen. Der Dreher. Novelle von Max S i d a w. Der alte Dreher, der jeden Sonntagnachmittag den Spaziergängern am. Faste des Schloßberges sein? kläglichen Melodien vorwalzte, hatte alle Merkmale eines romantischen Leierkastenmannes. Eine verkümmerte Hand, die für kleine Gaben dankend zum schattigen Huke emporsalutierte, einen steingrauen, filzigen Bart, ein Holzbein, mit dem er mühsel g am Abend durch die Gassen stelzte. Außerdem roch er beständig nach Fusel und trug stets die verbeulte Schnapssflasche im flickenbesetzten Rocke. Er war alt wie die Lieder seiner verst mmten Drehorgel, von denen niemand mehr wußte, wann sie einmal in Mode waren. Nur durch ihn sanden sie noch ein kümmerliches Leben. Die gute Zeit des alten Mannes war längst vorbei. Damals spielte er noch zu jeder Kirchweih, zu jedem Feste auf den Dörfern, und jeder Tag stand ihm frei, um aus Straßen und in Höfen feine Walzer zu leiern. Jetzt konnte er kaum weiter als bis zum Schloßberg humpeln, und die Polizei hatte ihm nur einen Wochentag erlaubt, an dem er für Bettelpfennige die Walzen drehen konnte. So war er immer mehr verkommen. Nun kümmerte es ihn schon nicht mehr, wenn die spottfrohe Schuljugend ihn hänselte, ihm Steine in den Teller warf oder ihm einen hohnvollen Vers sang. Das nahm er jetzt nur wie eine Rinde Brot. Das war ihm ebenso Gewohnheit geworden wie das Wort „Dreher", mit dem man ihn rief. An einem Sonntag im Frühling stand er müde an feinem alten Platze und leierte. Und wieder waren Gassenjungen um ihn, die zu einer seiner Melodien den Spottreim gröhiten: „'N Dreher sein' Orgel ist krumm und lahm und hinkt aus einem Bein. Das kommt, weil sie nichts zu essen bekam, er selbst schläft vor Hunger kaum ein -.." Dabei kamen drei junge Burschen, alle miteinander tose Vögel in Festtagslaune vorbei. Sie wollten den Berg hinauf zum Tanze, der heute just im Saale oben wirbelte. Der alte Invalide schien ihrem lieber- mute eine rechte Befeuerung geben zu können. Sie waren kaum bei ihm, da schlug der eine vor: „He, wir wollen den Dreher mit in den Saal nehmen, das gibt einen Spaß!" Die andern beiden waren munter dabei, so redeten sie alle drei auf ihr Opfer ein. Der Leierkastenmann mochte sich sperren soviel er wollte, als sie eine Mark in die verrunzelte Hand drückten, und sich der Keckste erbot, die Drehorgel den Berg hinaufzutragen, konnte er der Lockung n:d)t widerstehen: denn oben gab es Schnaps für ihn, wie er wohl wußte So hinkte er bald schnaufend dem Lachen und Gedudel der ausgelassenen Burschen hinterdrein, die steilen Serpentinen empor. Auf der Höhe war ein heiteres Gewimmel. In der Wirtschaft, die in neuerer Zeit auf den Ruinen eines mittelalterlichen Schlosses erbaut worden war, drängten -sich die Frülingrmenschen. Auch an den Tischen auf dem weiten Rasenplatze war kaum noch ein freier Stuhl zu finden. Als die seltsame Schar mit dem Leierkasten voran und dem keuchenden Alten als Beschluß in den Kranz der Gäste einbrach, schlugen Gelächter, Johlen und Verwunderung ein buntes Rad Auf dem Tanzboden völlig gab es ein endloses Kreischen und Schreien um den Zug der Spaßmacher. Zuerst wurde ein Umgang über Stühle und Bänke veranstaltet. Sann, als der Tumult in vollstem Wirbel lärmte, sollte der Tanz nach den Walzern der Drehorgel beginnen. Die Musikanten, die erst belust.gte, dann unwillige Gesichter schnitten, wurden rasch mit einigen Runden Bier besänftigt Selbst der Wirt schmunzelte zu dem Unfug, da er sich davon gute Geschäfte versprach. Dazu waren die drei jungen Leute mit jedem bekannt und befreundet, wie es bei solchen Allerweltskerlen zu fein pflegt, jo daß niemand an ihrem Treiben Anstoß nahm. Den Dreher hatten fröhliche Kumpane, in eine Ecke gezogen, wo sie ihn mit Branntwein traktierten Inzwischen hatte der Tanz den wirren Menschenknäuel gelöst. „Nun mal das Dreherlied!" schrie einer aus der Menge. Der junge Hans Uebermut, der noch immer über seinen hellen Sommeranzug den schwarzen, fettigen Riemen des Leierkastens trug, begann sofort mit dem Walzer, auf den man den Spottvers gedichtet hatte und sang dazu mit durchdringender Stimme. Gleich fielen alle ein und walzten summend oder gröhlend über die Bretter, „’n Dreher fein' Orgel ist krumm und lahm ..Das klang wirklich, als ob ein ganzer Chor von Wimmer- schachteln auf einmal losheutte. Der alte Invalide, vom Alkohol und dem Gefühl solcher Ehrung berauscht, ließ sich auf einen Stuhl heben, schlug wild und ungeschickt m t seinem Krückstock den Takt und zitterte mit unsicher knarrender Stimme den Spottgesang mit: ,,... er selbst schläft vor Hunger kaum einei-hel-heln." Das vollends ließ den Staubach der Tollheit über« schäumen. Inzwischen machte der eine der drei Anstifter die Runde im Saal, sammelte mit seinem Hute für den stelzbeinigen Drehorgelspieler ein und schüttete dann einen ganzen Haufen von Kupfergeld und auch größeren Münzen vor ihm hin. Immer noch jammerte der Leierkasten den verstimmten Walzer: „'n Dreher sein' Orgel ..." So ging es eine ganze Weile, bis zuerst die Tanzjungfern, dann auch viele der jungen Burschen des Tumultes müde und überdrüssig wurden, Rufe nach den Musikanten erschallen, und auf einmal das dröhnende Blech und der Schlag der Pauke den Lärm überlärmten. Der Spaß war nun bald wieder vergessen. Das Interesse am Dreher versiegte, zugleich auch der Scbnaps, der ihm gespendet worden war. Freilich mochte der alte Mann jetzt voll genug sein: denn als er wieder seinen Kasten schulterte und den Saal seiner Seligkeit verließ, wankte er bedenklich unter der Last. Das war kein Humpeln mehr, kein Fallen vom Holzbein auf den nachschleifenden gesunden Fuß. die Welt, durch die er lallend schwankte, drehte sich ihm recht bedenklich im Kreise. Der Ort, zu dem der Invalide hintorkelte, lag abseits von den Wegen, die vielfach die Anlagen des Schloßberges durchschnitten. Das Gemäuer fiel hier noch am steilsten zu dem halb verschütteten Graben ab, in dem Schlehdornhecken und wilde Kirschen weiße Blütenhüge! wölbten. Aus den Steinritzen quoll junges Grün, Grasbüschel und Löwenzahn mit ersten Goldkrönchen. Unten überzog der frische Rasen ein paar nieder- gefallene Mauerblöcke. Der Dreher streckte sich trällernd in der Wonne seines Rausches. Er spürte den Boden nicht mehr, auf dem er tag. Nebelhaft kam ihm die Empfindung, irgendwo in der Luft zu schweben, vielleicht auf Wolken oder den Dufthauch.en der Blütenbüsche. So sank er immer tiefer in Dämmerung und Schlaf. Zuerst nickte sein Kopf auf die Brust herab, dann fiel der Arm, der sich auf den Kasten gelehnt hatte, nieder. Ohne Stütze glitt schließlich der Leib ins Gras, der Kopf schlug auf die Orgel auf, dann lag auch er im Rasen. Letztes Sonnengold glühte in die Träume des Schlummernden hinein und verklärte fein Antlitz, das immer kindlicher in feinen Runzeln wurde. Welche Gesichte mochte es schauen? Welches Glück stieg darin aus entfremdeter Vergangenheit auf und bot dem elenden Krüppel verschwenderisch Wunder über Wunder? Gewiß gingen die Lieder der Jugend durch seinen Schlaf, die alten Walzer, die er jahrzehntelang kümmerlich geleiert hatte, die aber einmal vollen Klang, berauschende Fülle und zärtliche Lockung längst verschollenen Menschen tönten. Nun wieder jung, wie in vergessener Zeit, fangen sie durch seinen Traum, sch'angen zauberische Reigen der Besellgung um ihn. Und so reich, so beglückend und jubelnd tanzten die Lieder um ihn, daß fein Leib sich ihren Schwingungen entgegendehnte, seine Hände sich lösten und auftaten, um all die Geschenke gütiger Gesichte zu empfangen. In diesem Augenblick fühlte der alte Drehorgelspieler keine Schwere mehr, er schwebte wirklich, gesund, leicht und blühend jung seinem seligen Traume zu. Am andern Morgen fand der Wirt vom Schioßberg den alten Dreher tot im Wallgraben. Der Trunkene war von der hohen Mauer herab in die T efe gestürzt und mit dem Schädel auf einen großen Ste!nblock aufgeschlagen. Rund um dsu Kachelofen. - Von Dr, Hedwig Fischmann. Man hot ihm gar oft schon das nahe Ende prophezeit, unserem lieben, alten Kachelofen, diesem argen Wärmeverschwender, wie ihn die moderne Technik, diesem ireuesten, wärmsten Freund der Menschheit in bitteren Wintersnöten, wie ihn jedes für poesieverklärte Behaglichkeit empfängliche Menfchenkind nennt. Aber noch lebt er nicht bloß in unferer Erinnerung, Nicht nur in den Museen und h storischen Schlossern, in die die schönsten und kunstreichsten Stücke seiner weit zurückreichenden, stolzen Ahnenreihe gewandert sind, oder in den Vergangenheit bewahrenden Worten unserer Dichter ein zweckentrücktes Scheindasein; nein, auch feine hartnäckigsten Widersacher in der Gunst des Menschen, der aus andern Himmelsstrichen zu uns eingedrungene und eine Zeitlang für befonders vornehm geltende, aber höchst unpraktische offene Kamin oder die moderns Zentralheizung, wie auch der weit verbreitete Plebejer unter den Defen, der schwarze, eiserne Genosse, haben den treuen, alt bewährten Gesellen nicht ganz aus unseren Häusern und Herzen vertreiben können. Freilich, von seiner den ganzen Raum überragenden, machtvollen Herrscherstellung, die er in den Tagen seines Ruhmes und Glanzes, im ausgehenden Mittelalter und mehr nach in der Renaissance- und Barockkunst, innegehabi und in denen er sich zu einem selbständigen architektonischen Gebäude innerhalb des Gebäudes entwickelt hat, muhte er in unseren Tagen wieder herabfteigen und sich als ein dienendes Glied, eingedenk feiner Zweckbestimmung, harmonisch dem Gesamteindruck des Raumes einfügen. Nun, er hat auch das gelernt, denn er hat, durchdrungen von dem wackeren, handwerklichen Bürgergeist feiner Vergangenheit, nicht die bescheidenen Anfänge vergessen, aus denen er sich zu jener der reinen Kunst benachbarten Höhe in verhältnismäß g schnellem Ausstieg entwickelt hat. Zum erstenmal wohl tut ein Grundriß des Klosters St. Gallen aus dem Anfang des 9. Jahrhunderts des Kachelofens Erwähnung und zeigt ihn schon in eine Ecke des Zimmers gewandert, während feine primitiven Vorgänger, die in eine Grube des gestampften Lehmbodens verlegte offene Feuerstätte des germanischen Hauses und der schon im 6. Jahrhundert zugleich zur Erwärmung des Wohnraumes verwandte Backofen, ein plumpes Bauwerk aus Lehm und Feldstein, sich in der Mitte der Stube breitgemacht haben. Aber nicht etwa als ein nur geduldeter Eindringling drückt sich der Kachelofen scheu in die Ecke, nein, um so stattl cher baut er sich nun dort auf, sich dem Formenfchatz des jeweiligen Baustils der Zeit anpassend. Und hohe Ehren wurden ihm von allen Familienangehörigen erwiesen, seine Stellung und Bedeutung jener der Sausfrau gleichgesetzt. Schreibt doch der Elsässer Humorist Johannes a u 1 i in seinem Schwankbuch „Schimpf und Ernst" zu Anfang des 16. Jahrhunderts: „Als ein luftig Ding ist zu sehen eine hübsche Frau und ein hübscher Öfen in einer Stube . Hübsch und lustig — damit war der Kachelofen der Renaissance gekennzeichnet, die an Stelle der dunkeln Einfarbigkeit der oftmals drohenden Bescst gungstürmen gleichenden Defen der Gotik helle Farbenfreude, eine sorgfältig aufgetragene, leuchtende Glasur und reichen plastischen Schmuck treten ließ, während kräftige Gesimfe und Pfeiler den architektonischen Ausbau wirkungsvoll gliederten. Das 16. Jahrhundert war die Zeit, da sich die Töpferei zu dem hohen Range eines Kunsthandwerks auffchwang. Die Kacheln wurden immer größer, verloren ihren früheren fchüffelartigen Charakter und roiefen nun reichen Relieffchmuck innerhalb, eines Rahmenwerks oder auch üppig aus ihm herausquellend auf, der sich auf den Ecken des Aufbaus häufig zu vollrunden, selbständig modellierten Figuren steigert, wie sie Augsburger und Nürnberger Prachtöfen aufweifen. Die Modelle der Kacheln wurden damals meist von tüchtigen Bildhauern gebildet. Was die Künstler jener Zeit in ihren weit verbreiteten Holzschnitten und Kupferstichen schufen, das wurde wie in einem anschaulichen Bilderbuch, an dem sich große und kleine Kinder an langen Winterabenden in der warmen Stube ergötzten, in dem Kachelschmuck des Ofens mehr oder weniger getreu nachgebildet. Da reihen sich, häufig in mehrfacher Wiederholung, die großen, dramatisch bewegten Momente der heiligen Geschichte aneinander, dort wetteifern Darstellungen der Menschenalter, der Tugenden, der sieben freien Künste, der Planeten ober auch mythologische Göttergeschichten mit den Porträts römischer Imperatoren oder der Feldherren des Dreißigjährigen Krieges um ein warmes Plätzchen am Kachelofen. Häufig sind die bildl'chen Darstellungen von erklärenden und erbaulichen Sprüchlein begleitet, so daß der Ofen Neben der Fibel den ersten Buchstabierkünsten der kleinen Osenhocker, wie auch der Belehrung und Ermahnung von jung und alt diente. So weist z, B. ein mit antiken Heldengestalten geschmückter Ofen unter dem Bilde des Curtius, zugleich an seine Bestimmung gemahnend, den Vers auf: «Schleckhaft Sieben und Braten / Taucht nicht vor die Soldaten" Zu einer fast regelmäßigen Einrichtung werden die erklärenden und Moralisierenden Sprüchlein auf den Defen der Schweiz, die ganz besonders ben' Charakter lehrhafter Bilderbücher tragen und durch die Verherrlichung der Bürgertugenden, nicht am wenigsten der Vaterlandsliebe, zur Nacheiferung, durch wohlausgewählte biblische Szenen und Totentänze aber an die Vergänglichkeit und Nichtigkeit irdischen Besitzes mahnen wollten. Zumal in der Gegend von Winterthur gelangte im 17. Jahrhundert unter der Hafnerfamilie Pfau die Töpferkunst zu hohem Range. Doch um diese Zeit beginnt auch schon der plastische Schmuck vielfach zugunsten des malerifchen zurückzutreten, eine Wandlung, die sich bann im 18. Jahrhundert im Zeichen der allgemein bevorzugten weihen, glänzend glasierten Kachel, die an das allverehrte Porzellan erinnerte, noch energischer vollzog. Aber ein Kachelofen der traulichen alten Art, noch reich verziert mit Plastischem Schmuck ist es, dem Gottfried Keller in seinem „Dietegen" eine so eingehende und liebevolle Schilderung weiht. Wie sich dort das in milder Gefangenschaft in der Wohnstube gehaltene mit einem Kett- lein an den Fuß des Ofens gefesselte Mädchen an ben grünen Gesellen schmiegt, an dieses „nicht unzierlich gegliederte Monument", das in vier ober fünf Darstellungen in steter Wiederholung treuherzig die Geschichte von der Erschaffung der Menschen und ihrem Siindenfav erzählt, in» dessen an den vier Ecken die großen Propheten auf freistehenden, gewundenen Säulchen standen; wie sie das Gesicht mit einer, bald mit bet andern Wange bis zum schmerzhaften Druck gegen die plastischen Gestalten preßte, erfüllt in all ihrem Elend von dem Gefühl des Geborgenseins in der Nähe des freundlichen Wärmefpenders, das ist ein aus tiefstem ursprünglichsten Erleben emporsteigender Hymnus auf ben treuen Freund, ro.e er in ähnlicher Schlichtheit und Ueberzeugungskrast uns vielleicht nur noch aus Mörikes „Altem Turmhahn" entgegentont Freilich, dieser Ofen in der schwäbischen Pfarrei, dieser „gute Hort für Kind und Kegel und alte Leut", auf dem der abgedankte Turmhahn seinen Ruhesitz gesunden, muß ein gar stattliches Kunstwerk gewesen fein, bas sich wie ein großer Münsterbau zur Decke streckte „Mit Schil- bereien wohl geziert. Mit Reimen christlich ausftaffiert", und das, unbeschwert von chronologischen ober anbern Strubeln, im heiteren Nebeneinander Darstellungen aus der biblischen Geschichte und der rheinischen Sage aufwies. „Ja, das war noch einer jener echten, gemütlichen Kachelöfen aus ben Ruhmestagen bes Ofenhaus, wie er in der deutschen Bürgerstube in feiner Mischung von stattlicher Behäbigkeit und anmutiger Heiterkeit fo ganz am Platze war. Nicht feiten gehörten auch zu ihm die traulichen Kachelsitze zu beiden Seiten und die bei alt und jung, bei Mensch und Haustier gleichermaßen beliebte „Hölle", der Platz hinter ihm, der mit feiner Traulichkeit zum Ofenhocken verlockte, mochte auch das Sprichwort noch fo sehr darüber spotten. Mit ben Tagen des prunkvollen Barock und des zierlich bewegten Rokoko bringen neue Elemente auch in die Töpferkunst ein, die dem gradlinigen, ruhigen Ausbau des Ofens widerstreben und mit denen sich ehrenvoll abzufinden eine Aufgabe bedeutet, die die höchsten Anforderungen an die Kunstfertigkeit ihres Erbauers stellt. Dann aber kam die Zeit, da sich unser alter Ofen „klassisch" gebärden muhte, eine Kostü- niierung, die ihm im allgemeinen nicht allzu gut bekommen ist und deren Ueberwindung und Rückkehr zu größerer Einfachheit und Zweckmäßigkeit zweifellos eine Erlösung bedeutete. So hat der Ofen im Laufe der Jahrhunderte gar manche tief einschneidende Wandlung in seiner Gestaltung erfahren; immer aber ist et der Wohlbehagen spendende Freund der Menschheit, zumal in unserem Himmelsstrich, geblieben. In diesem Sinne zählt auch Goethe dankbar einen Ofen ben größten Gütern seines Lebens zu. indem er in einem Brief an Herder einmal schreibt: „Wann Ihr mich lieb behaltet, wenige Gute mir geneigt bleiben, mein Mädchen treu ist, mein Kind lebt, mein großer Ofen gut heizt, fo habe ich zunächst nichts weiter zu wünschen". Winternacht, Von Gottfried Keller. Nicht ein Flügelfchlag ging durch die Welt, Still und blendend lag der weihe Schnee. Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt, Keine Welle schlug im starren See. Aus der liefe stieg der Seebaum auf, Bis-sein Wipfel in dem Eis gefror. An ben tieften klomm die Nix herauf, Schaute durch das grüne Eis empor. Auf dem dünsten Glase stand ich da, Das die fchnEHk.'Tiese von mir schiev; Dicht ich unter Minen Füßen sah Ihre weiße Schönheit Glied um Glied. Mit ersticktem Jammer tastet fie An der harten Decke her und hin," Ich vergeh bas dunkle Antlitz nie^ Immer, immer liegt es mir im Sinn. Die SikvestergioMen. Von Charles Dickens., (Schluß.) Abermals hörte Trotty die Stimmen sagen: „Folge ihr!" Er wandte sich nach seinem Führer um und sah, wie dieser sich in die Lust schwang. „Folge ihr!" sagte er und verschwand. Trotty schwebte um sie her, setzte sich zu ihren Füßen nieder, blickte zu ihrem Gesicht auf, um auch nur eine einzige Spur ihres früheren Aussehens zu finden, und lauschte auf einen Ton ihrer alten lieblichen Stimme. Auch das Kind umwandelte er — es war so abgezehrt, fo frühalt, fo schrecklich in feinem Ernst, so kläglich in feinem schwachen, traurigen Wimmern. Er betete es beinahe an; er klammerte sich an das kleine Geschöpf als ihren einzigen Schutz, als das letzte lebendige Glied, das sie noch an die Welt fesselte. Er setzte seine Vaterhoffnung, fein ganzes Vertrauen auf dieses hinfällige Kind, bewachte jeden ihrer Blicke, als sie es in ihren Armen hielt, und rief zu taufend Malen: „Sie liebt es! Gott fei Dank, sie liebt es!" Er war Zeuge, wie die Frau sie nachts pflegte und zu ihr zuruck- kehrte, fabalb ihr brummender Mann jchüef und alles still war, um ihr Nahrung zu bringen, sie zu ermutigen und mit ihr zu weinen. Der Tag kam und bann wieder die Nacht — abermals ein Tag und wieder eine Nacht; die Zeit entschwand. Das Haus des Todes entledigte sich feines Toten, und das Zimmer blieb ihr und dem Kind überladen. Er hörte es stöhnen und meinen; er sah, wie es die Mutter quälte und ermüdete — ja, die vor Erfchöpfung kaum Eingefchlummerte wieder wachrief und fie mit feinen kleinen Händchen auf der Folter erhielt. Aber sie biieb ausdauernd, sanft und geduldig. Geduldig! Sie war seine liebende Mutter von ganzer Seele und ganzem Herzen, und fein Leben war mit dem ihrigen fo verknüpft, als sei es noch nicht geboren. ' In all dieser Zeit litt sie Rot, fiechte dahin in schrecklichem, oer- zehrendem Mangel. Das Kind in ihren Armen, wanderte sie da- und dorthin, um Beschäftigung zu suchen, und während sein hageres Gesichtchen in ihrem Schatz lag und zu ihrem Antlitz aufblickie, verrichtete sie jede Arbeit für den erbärmlichsten Preis — Tag und Nacht sich abmühend für jo viele Kreuzer, als da Ziffern sind auf dem Uhrblatt! Wenn sie es gezankt, vernachlässigt, nur einen Augenblick mit Haß angesehen oder gar in hastigem Zornaufwallen geschlagen hätte! Nein. Sein Trost war, Latz sie es immer liebte. Sie teilte niemand ihre äutzerste Not mit und wanderte tags draußen umher, um nicht von ihrer einzigen Freundin befragt zu werden, denn jede neue Hilfe, die sie von ihren Händen erhielt, hatte einen neuen Hader zwischen der guten Frau und ihrem Gatten zur Folge. Und der Gedanke, da auch noch die Ursache zu täglichem Zank und Wortwechsel zu werden, wo sie schon so viel schuldete, bereitete ihr neues Leid. Dennoch liebte sie ihr Kind. Sie liebte es mehr und mehr. Aber es kam sine Nacht, in der auch ihre Liebe sich anders gestaltete Damals sang sie es leise in den Schlaf und ging auf und ab, um eg einzulullen, als sich facht die Tür öffnete und ein Mann hereinsah. )r8um letztenmall" sagte er. „William Fern!" „Zum letztenmal!" Er lauschte wie einer, hinter dem die Verfolger her sind, und sprach flüsternd: „Margarete, meine Uhr ist nahezu abgelaufen. Ich konnte nicht enden, ohne Abschied von dir zu nehmen, ohne dir ein Wort des Dankes zu sagen." „Was habt Ihr getan?" fragte sie, ihn mit Entsetzen betrachtend. Er sah sie an, gab aber keine Antwort. Nach einem kurzen Schweigen machte er eine Gebärde mit der Hand, tzls wollte er ihre Frage abwehren, sie beiseiteschieben, und sagte: „Es ist jetzt schon lange her, Margarete; aber jene Nacht ist noch so frisch in meinem Gedächtnis, als wäre es erst gestern gewesen. Damals dachten wir nicht," fügte er, mit einem Blick auf ihre Umgebung, hinzu, „datz wir uns jemals unter solchen Umständen wiedersehen sollten, Ist das dein Kind-, Margarete? Latz es mich umarmen. Gib mir dein Kind." Er legte seinen Hut auf den Boden und nahm es auf, zitterte aber dabei vom Kopf bis zum Fuß. „3ft es ein Mädchen?" „3a." Er hielt feine Hand vor ihr kleines Gesichtchen. „Schau, wie schwach ich geworden bin, Margarete, wenn ich nicht einmal den Mut habe, es anzufehen! Latz sie mir einen Augenblick. Ich tue ihr nichts. Es ist lange her, aber ... Wie heißt die Kleine?" „Margarete", antwortete sie rasch. „Das freut mich", jagte er. „Das freut mich." Er schien freier zu atmen. Nach einer kurzen Pause nahm er seine Hand weg und sah dem Kind ins Antlitz. Dann aber bedeckte er es augenblicklich wieder. „Margarete!" jagte er und gab ihr das Kind zurück. „Es ist Lilians Gesicht." .Kilians?" „Ich hielt dasselbe Gesicht in meinen Armen, als Lilians Mutter starb und sie zurückließ." „Als Sillans Mutter starb und sie zurücklietz?" wiederholte sie außer sich. „Wie schrill du sprichst! Warum starrst du mich jo an, Margarete?" Sie jank in einen Stuhl, preßte das Kind an ihre Brust und weinte. Dann sah sie ihm ängstlich ins Gesicht und drückte es abermals an ihr Herz. Wenn sie es aber jo betrachtete, jchien sich etwas Wildes und Schreckliches in ihre Liebe zu mijchen, und ihr aller Vater begann darob zu zittern. „Folge ihr!" tönte es durch das Haus. „Lerne es von dem Wejen, das deinem Herzen am teuersten ist!" „Margarete", jagte Fern, sich über sie beugend und sie auf die Stirn küßend „Ich danke dir zum letztenmal. Gute Nacht. Gott behüte dich! Gib mir deine Hand und verjprick mir, mich von diejer Stunde an zu vergessen, und bilde dir ein, ich sei hier gestorben." „Was habt Ihr getan?" jagte sie abermals. „Es wird heute nacht ein Feuer geben", jagte er, von ihr zurücktretend. „Es werden in diejem Winter viele Feuer fein, um die dunkeln Nächte zu erhellen im Osten, Westen, Norden und Süden Wenn du den fernen Himmel rot siehst, dann wird die Farbe von Flammen herrühren. Wenn du den fernen Himmel rot siehst, denke nicht mehr an mich, oder wenn du nicht anders kannst, jo erinnere dich, welche Hölle in meinem Innern angezündet wurde, und denke, es feien ihre Flammen, die sich in den Wolken spiegeln. Gute Nacht. Gott befohlen!^' Sie rief ihm nach; aber er war fort. Dann setzte sie sich betäubt nieder, bis sie durch ihr Kind zum Gefühl des Hungers, der Kälte und der Dunkelheit geweckt wurde. Sie ging die liebe lange Nacht in der Stube auf und ab, es in den Arme» wiegend und beschwichtigend, wobei sie mitunter vor sich hinmurmelte: „Es gleicht Lilian, als ihre Mutter starb und sie zurückließ!" Warum war ihr Schritt so hastig, ihr Auge so wild, ihre Liede so ungestüm und schrecklich, sooft sie diese Worte wiederholte? ,, „Aber es ist Liebe", sagte Trotty. „Es ist Liebe. Sie wird nie ouf- horen, es zu lieben. Meine arme Meg!" Am andern Morgen kleidete sie das Kind mit ungewöhnlicher Sorgfalt — ach, welch eitle Mühe bei so elenden Fetzen! — und versuchte aber« Wals, irgendeinen Verdienst aufzutreiben. Es war der letzte Tag des alten Jahres. Ohne etwas über die Lippen zu bringen, lief sie bis in die Nacht Umber; aber all ihre Bemühungen waren vergeblich! Sie mischte sich unter eine Gruppe herabgekommener Bittsteller, die m» Schnee standen, bis ein Beamter, der zur Verteilung der öffentlichen Almosen — die das Gesetz gebot, nicht aber die Barmherzigkeit, die einst aus einem Berg gepredigt wurde — bestellt worden war, sich gnüdigst herbeilietz, die Leute hereinzurufen, ins Verhör zu nehmen, dem einem zu sagen, „er solle da und dahin gehen/' dem andern zu bemerken, „er solle nächste Woche wiederkommen", oder einen dritten Elenden wie einen Ball von hierher dorthin, von Hand zu Hand, von Haus zu Haus zu schleudern, bis er kraftlos umsank, um zu sterben, ober wieder aussprang, um einen Diebstahl zu begehen und so zu einer höheren Art von Verbrecher zu werden, dessen Ansprüche keine Zögerung gestatteten. Aber auch hier sollte sie ihre Erwartung trügen. Sie liebte ihr Kind und wünschte, daß es an ihrer Brust läge. Dies war ganz genug. Cs war Nacht — eine kalte, dunkle, schneidende Nacht, als sie, das Kind an ihrem Leid wärmend, an das Haus gelangte, das sie ihr Heim nannte. Sie war jo matt und schwindlig, daß sie niemand unter dem Haustor stehen sah, bis sie dicht daran war und eintreten rooUle. Jetzt erst erkannte sie den Hausherrn, der sich so ausgepflanzt hatte — bei seiner Beleibtheit war dies nicht schwer — daß er den ganzen Eingang versperrte. sie es ging. „Sie liebt es!" rief er in dringlichem Flehen. „Ihr Glocken, sie liebt noch immer!" „Folge ihr!" Die Schatten schwebten in die Richtung, die sie eingetragen hatte, „Dl" sagte er halblaut. „Ihr seid zurückgekommen?" Sie blickte ihr Kind an und schüttelte den Kopf. „Glaubt Ihr nicht, Ihr habt hier lange genug gewohnt, ohne Miete zu bezahlen? Glaubt Ihr nicht, datz Ihr für jemand, der nichts zahlt, eine recht anhängliche Kundin gewesen seid?" sagte Herr Tugby Sie wiederholte dieselbe stumme, flehentliche Bitte. „Was würdet Ihr dazu sagen, wenn Ihr es versuchtet, woanders einzukaufen," meinte er, „und Euch ein anderes Quartier zu verschaffen? Nun?! Glaubt Ihr nicht, es ließe sich machen?" Sie versetzte mit gedämpfter Stimme, „daß es schon sehr spät fei. Morgen." „Ah, ich sehe schon, was Ihr wollt und was Ihr im Sinn habt," entgegnete Tugby; „Ihr wißt, daß es in diesem Hause wegen Euch zwei Parteien g.bt, und es macht Euch Freude, sie gegeneinander zu Hetzen. Ich will keinen Streit Haden und spreche jetzt so leise, um jeder Zänkerei vorzubeugen; aber wenn Ihr nicht geht, will ich laut reden, und es wird Worte setzen, die stolz und heftig genug sind, um Euch zu gefallen. Ader herein kommt Ihr mir nicht, das steht fest." Sie strich sich das Haar mit der Hand zurück und sah plötzlich zum Himmel auf in die düstere, dunkle Ferne. „Dies ist die letzte Nacht des alten Jahres, und ich will nicht Euch ober irgend jemand anberm zuliebe böses Blut, Händel und Unfrieden ins neue hinübernehmen", jagte Tugby, der in kleinerem Maßstab ein „Freund und Berater" war. „Es wundert mich, daß Ihr Euch nicht vor Euch selbst schämt, mit solchen Krusten ein neues Jahr anzufangen. Wenn Ihr in der Welt nichts anderes zu tun habt als stets zu heulen und den Samen der Zwietracht zu (treuen zwischen Mann und Weib, so tut Ihr besser, aus ihr hinauszugehen. Fori mit Euch!" „Folge ihr! zur Verzweiflung!" , Abermals horte der alte Mann die Stimmen. Er blickte auf und sah die Gestalten in der Lust schweben, die ihm den dunkeln Weg zeigten, de« gleich einer Wolke. .. Er schloß sich den Verfolgern an, hielt sich dicht an die Unglückliche und blickte ihr ins Gesicht. Da war derselbe wilde, schreckliche Ausdruck, der sich in ihre Liebe mengte und aus ihren Augen blitzte. Er horte sie sagen: „Wie Lilian! So zu werden wie Lilian!" und ihre Eile verdoppelte sich. D, gab es denn gar nichts, das sie aus ihrem Taumel reihen konnte? Nur ein Anblick, ein Schall, ein Geruch, der in einem Gehirn voll Feuer zartere (Erinnerungen heraufbeschwören könnte? O Gott, nur ein einziges friedliches Bild der Vergangenheit sollte sich ihrem Auge zeigen! „Ich war ihr Vater! ich war ihr Vater!" rief der alte Mann, seine Hand nach den dunkeln Schatten ausstreckend, die in der Lust bahnst!ogen. „Habt (Erbarmen mit ihr und mit mir! Wohin geht sie? Führt sie zurück! Ich war ihr Vater!" Aber sie beuteten bloß nach ihr hin, während sie weiter eilte, unö sagten: „Zur Verzweiflung! Lerne es an dem Geschöpf, bas deinem Herzen am teuersten war!" Hundert Stimmen hallten es nach, und die ganze Lust war ein für diese Worte verbrauchter Atem. Toby jchien sie mit jedem seiner Atemzüge in sich zu saugen. Sie waren Überall, und er konnte ihnen nicht entkommen. Dennoch eilte sie weiter — dasselbe unheimliche Licht in ihren Augen, dieselben Laute auf ihren Lippen: „Wie Lilian! So zu werden wie Lilian!" Mit einem Male machte sie halt. O holt sie zurück!" rief der alte Mann, sich bas weiße Haar zerraufend. „Mein Kind! Meine Meg! Holt sie zurück! Ewiger Vater, tu ihr Einhalt!" _ Sie wickelte bas Kind warm in ihr eignes dünnes Halstuch. Mit fieberigen Händen streichelte sie seine Glieder, legte sein Köpflein zurecht und ordnete den armseligen Anzug. Sie umschlang es mit ihren abgezehrten Armen, als wollte sie es nimmer von sich lassen, und mit ihren vertrockneten Lippen küßte sie es im höchsten Schmerz und im letzten langen Kampf der Liebe. Sie legte des Kindes abgezehrte Hand auf ihren Hals, hielt es unter ihrem Kleid geschützt, drückte es an ihr verzweifeltes Herz und wandte das schlafende Gesichtchen dem ihren zu — dann eilte sie dem Fluh entgegen. Dem rollenden, raschen und trüben Strom entgegen, auf dem die Winternacht brütend saß wie die letzten düsteren Gedanken vieler, die früher hier eine Zuflucht gesucht hatten. Wo zerstreute Lichter am Ufer unheimlich rot und trübe g'ommen, als wären sie Fackeln, die den Weg zum Tode wiesen. Wo kein Wohnplatz lebender Menschen seinen Schatten warf auf das tiefe, undurchdringliche, melancholische Schattenreich. Dem Fluß entgegen! Zu jener Pforte der Ewigkeit lenkte sie ihre verzweifelten Schritte mit derselben Schnelligkeit, mit der seine raschen Wellen dem Meere zuströmten. Er versuchte, sie festzuhasten, clls sie auf ihrem Weg auch dem dunklen Sp.egei an ihm votbeitam; aber die wirre, Wahnsinnige Gestalt, die wilde und und schreckliche Liebe, die Verzweiflung, die alles menschliche Hindernis weit hinter sich gelassen hatte, rauchle wie der Wind an ihm vorbei. Er folgte ihr. Sie hielt einen Augenblick an dem Rand inne, ehe sie den entsetzlichen Sprung tat. Er fiel aus seine Knie nieder und rief kreischend den Gestalten in den Glocken zu, die setzt über ihnen schwebten. „Ich habe es gelernt!" ries der alte Mann. „Von dem Wesen, das meinem Herzen am teuersten ist! O rettet sie, rettet sie!" Er konnte seine Finger in ihren Anzug krampfen, konnte ihn halten! Als diese Worte seinen Lippen entschlüpft waren, fühlte er feinen Tastsinn zurückkehren, und er wußte, daß er sie abhieit. Die Gestalten schauten festen Blickes auf ihn nieder. „Ich habe es gelernt!" rief der alte Mann. „O habt Erbarmen mit mir in dieser Stunde, wenn ich in meiner Liebe zu ihr, die so jung und so gut ist, Die Natur in den Herzen der Mütter schmähte und sie zur Ver- <>weislung brachte! Habt Mitleid mit meiner Anmaßung, mit meinem Frevel und mit meiner Unwissenheit — rettet sie!" Er fühlte, wie seine Hand kraftloser wurde. Sie schwiegen noch immer. „Habt Erbarmen mit ihr!" rief er. „Dieses schreckliche Verbrechen wurde nur durch sinnlose Liebe gezeitigt; durch die stärkste, innigste Liebe, die wir gefallenen Menschen kennen! Bedenkt, wie groß ihr Elend gewesen sein mutz, wenn solcher Same solche Frucht trägt Der Himmel hat sie zum Guten beffmmt. Es gibt keine liebende Mutter auf der Erde, die nicht auch so weit getrieben werden könnte, wenn ein solches Leben »orhergcgangen. D habt Erbarmen m't meinem Kinde, das selbst in diesem Augenblick Erbarmen mit dem ihren hegt und selber stirbt und ihre unsterbliche Seele dem Verderben prelsgbt, um es zu erlösen!" Sie lag in feinen Armen. Er hielt sie fest. Er hatte die Kraft eines Riesen. „Ich sehe den Geist der Glocken unter euch", sagte der alte Mann, das Kind erblickend, mit einer Art von Begeisterung, die dessen Blicke in ihm entzündeten. „Ich weiß, daß die Zeit unser Erbteil uns verwaltet. Ich weiß, daß eines Tages ein Meer der Zeit sich erheben und alle wie Blätter wegsplllen wird, die uns unrecht tun und uns unterdrücken. Ich sehe, wie es heranflutet! Ich weiß, daß wir vertrauen und hoffen müssen und weder an uns noch an andern das Gute bezweifeln dürfen. Ich habe es von dem Wesen gelernt, das meinem Herzen am teuersten. Ich halte es wieder in meinen Armen. O ihr gnädigen und gütigen Geister, ich verschließe eure Lehre in die Brust, an der ich sie halte. O ihr gnädigen und guten Geister, ich danke euch!" Er hätte vielleicht noch mehr gesagt, wenn nicht die Glocken, die alten, lieben Glocken, seine guten, treuen, bestand gen Freunde, ihr Freudengeläul zum neuen Jahr so munter, so fröhlich und so schwellend begonnen hätten, daß er auf die Füße sprang und so den Zauber löste, der ihn fesselte. — „Und was du auch tust," sagte Meg, „du mußt jedenfalls den Arzt befragen, bevor du wieder Kuttelflecke ißt, damit er dir sagen kann, ob sie dir zuträglich sind. Denn was du getrieben hast! Du lieber Gott!" Sie saß an dem kleinen Tisch am Feuer und nähte an ihrem einfachen Hochzeitskleide, das sie mit Bändern schmückte, und war so st.llselig, so blühend und jugendlich, so voll schöner Verheißung, daß er laut ausschrie, als wenn ein Engel in seinem Haus wäre. Dann stürzte er aus sie zu, um sie in seine Arme zu schließen. Doch er verwickelte sich mit den Füßen in die Zeitung, die auf die Erde gefallen war, und jemand drängte sich zwischen ihn und Meg. „Nein", sagte die Stimme des besagten jemand, und es war eine prächtige, helle Stimme! „Nicht einmal Ihr. Der erste Kuß von Meg im neuen Jahr gehört mir. Mir! Ich habe eine Stunde vor dem Haus gestanden, um die Glocken zu hören und mir ihn zu verdienen. Meg. mein liebster Schatz, ein glückliches Neujahr! und mögen wir noch recht viel glückliche Jahre verleben, mein liebes Weibchen!" Und Richard erstickte sie fast mit feinen Küsten. Als dies geschah, konnte man keinen glücklicheren Menschen sehen als Trotty. Ich kümmere mich nicht um das, was ihr gesehen und wo ihr es erlebt habt, denn es ist ausgeschlossen, daß ihr auch nur annähernd etwas Aehniiches geschaut habt. Er setzte sich auf seinen Stuhl, schlug sich auf die Knie und weinte. Er setzte sich auf seinen Stuhl und schlug sich aus die Knie und lachte. Er setzte sich auf seinen Stuhl und schlug sich auf die Knie und lachte und weinte in einem Atem. Er stand von seinem Stuhl auf und herzte Meg. Er stand von feinem Stuhl auf und herzte Richard. Er stand von seinemMuhl auf und herzte beide zu gleicher Zeit. Er tief zu Meg und nahm ihr frisches Gesicht zwischen seine Hände und küßte sie und ging rückwärts wie ein Krebs, um sie nicht aus den Augen zu verlieren, und lief wieder auf sie zu, wie eine Figur in einer Zauberlaterne; und was immer er tat, er fetzte sich beständig wieder in seinen Stuhl, blieb aber nicht einen Augenblick sitzen. Genug — und das ist die Wahrheit — er war außer sich vor Freude. „Und morgen ist dein Hochzeitstag, mein Herzenskind?" sagte Trotty, „wirklich dein glücklicher Hochzeitstag?" „Heute!" jauchzte Richard und schüttelte ihm die Hände, „heute! Die Glocken läuten eben das neue Jahr ein. Hört sie nur!" Und sie läuteten wirklich. Gott segne die kräftigen Burschen! 0, es waren große Glocken, melodische, tiefstimmige, edle Glocken, von keinem gemeinen Metall gegossen, von keinem gemeinen Gießer geformt. Wann hätten sie jemals geläutet wie heute! „Heute, meine Meg," sagte Trotty, „hattest du wohl mit Richard einen kleinen Wortwechsel?" „Weil er ein so schlechter Mensch ist, Vater", sagte Meg. „Bist du das nicht, Richard? Solch ein heftiger, halsstarriger Mensch! Wollte er hoch dem großen Herrn Alderman seine Meinung sagen, und er geniert« sich jo wenig, als er sich genieren würde ...“ „Aieg zu küssen", Hais Richard ein und tat es sogleich „Nein, nicht ein bißchen mehr. Doch ich wollte ihn nicht lassen, Vater« Was hätte es genützt?" „Richard, mein Junge," sagte Trotty, „du bist ein Prachtkerl und wirst em Prachtkerl bleiben bis an dein seliges Ende Doch du, mein Liebling, weintest heute abend am Feuer, als ich nach «Hause kam? Warum weintest du denn am Feuer?" „Ich dachte an die Jahre, die wir miteinander verleb! haben, Vater. Bloß deshalb. Und ich dachte, du würdest mich recht vermissen und dich allein suhlen." Trotty kehrte wieder zu jenem ominösen Stuhl zurück, als das Kind, das von dem Lärm erwacht war, halb angekleidet hereinkam. „Ei, hier ist sie ja," sagte Trotty und hob sie auf, „hier ist sie ja, die kleine Lilian! Ha, ha! hier sind wir und hier gehen wir! O, hier sind wir und hier gehen wir wieder! Und hier sind wir und hier gehen wir und auch Onkel Will!" Er hielt in seinem Trab inne, um ihn herzlich zu begrüßen. „Ach, Onkel Will, was hab ich heute abend für eine Erscheinung gehabt, weil ich Euch beherbergt habe. Ach, Onkel Will, wie bin ich Euch verpflichtet, daß Ihr zu mir gekommen seid, mein guter Freund!" Ehe Will Fern die mindeste Antwort geben konnte, trat eine Musikbande in das Zimmer in Begleitung von einer Menge Nachbarn, dis alle: „Glückliches Neujahr, Meg! Fröhliche Hochzeit! Noch recht lange Jahre!" und andere gute Wünsche dieser Art riefen. Der Trommler, der ein. besonders guter Freund Trottys war, trat hervor und sagte: „Trotty Beck, mein alter Knabe, wir haben erfahren, daß Eure Tochter heute heiratet. Es gibt keine Menfchenfeele, die Euch kennt und Euch nicht das beste Glück wünscht, oder sie kennt und ihr nicht Segen gönnt, oder die Euch beide kennt und Euch beiden nicht alles Glück wünscht, da» das neue Jahr bescheren kann. Und hier sind wir deshalb, um es ein« zufpielen und einzutanzen." Das wurde mit allgemeinem Jubel ausgenommen. Der Trommler war freilich ziemlich betrunken, aber das schadet weiter nichts. „Was für ein Glück ist es doch," sagte Trotty, „in solcher Achtung zu stehen! Wie freundlich und nachbarlich ihr seid! Das geschieht alles meiner lieben Tochter wegen. Sie verdient es!" Sie waren in einer halben Sekunde zum Tanz fertig, Meg und Richard voran, und der Trompeter war eben im Begriff, aus allen Kräften loszuledern, da ließ sich draußen ein Gemisch von wunderbaren Tönen hören, und eine gutmütig aussehende, schmucke Frau von fünfzig Jahren oder dahsrnm trat herein in Begleitung eines Mannes, der einen steinernen Henkelkrug von erschrecklichem Umfang trug. Dicht hinter ihnen wurden die Klapperinstrumente und Glocken getragen: aber nicht d i e Glocken, sondern ein tragbares Glockensp el in einem Gestell. Trotty sagte: „Frau Chickenstalker!" und setzte sich nieder und schlug sich wieder auf die Knie. „Was? heiraten und mir kein Wort davon sagen, Meg?" jagte di« gute Frau. „Unerhört! Ich konnte am letzten Abend des alten Jahres nicht ruhen, ohne zu kommen und dir Glück und Freude zu wünschen. Nein, ich hätte es nicht gekonnt, Meg, und wenn ich bettlägerig gewesen wäre. Und so bin ich denn hier, und da es Neujahrsabend und zugleich dein Polterabend ist, so habe ich ein wenig Eierpunsch machen lassen und denselben mitgebracht." Frau Chickenstalkers Begriff von „ein wenig Eierpunsch" macht« ihrem Charakter alle Ehre. Der Krug dampfte und rauchte wie ein Vulkan, und dem Mann, der ihn trug, war ganz schwach zumute. „Frau Tugby," sagte Trotty, der ganz entzückt um sie herumging, „ich wollte sagen Chickenstalker, Gott segne Sie! Ein glückliches Neujahr und noch recht viele hinterdrein, Frau Tugby," sagte Trotty. als er sie geküßt hatte, „ich wollte sagen Chickenstalker — dies ist William Fern und Lilly." Die würdige Frau wurde zu [einem Erstaunen sehr bloß und sehr rot. „Doch nicht L.lly Fern, deren Mutter in Dorsetshire gestorben ist?" sagte sie. Ihr Onkel bejahte, und sie wechselten schnell einige Worte mitein« einder, deren Ergebnis war, daß Frau CH ckenstalker ihm beide Hände schüttelte, Trotty noch einmal aus freien Stücken aus die Wange küßt« und das Kind an ihre geräum'ge Brust drückte. „Will Fern," sagte Trotty, indem er seinen Fausthandschuh anzog, „doch nicht die Freundin, die Ihr zu finden hofftet?" „Freilich," entgegnete Will und legte Trotty beide Hände auf di« Schultern, „und wie es scheint, eine ebenso gute Freundin, wenn das fein kann, wie der Freund, den ich in Euch gefunden habe." „Oh!" sagte Trotty, „wollt ihr dort nicht aufspielen? Seid so gut!” Bei dem Klang der Musik, der Schellen, der Klapperinstrumente — alles zu gleicher Zeit — und während noch die Glocken luftig vom Turm nteberbrummien, führte Trotty Frau Chickenstalker, Meg und Richard als zweites Paar folgend, zum Tanz und haspelte benfelben in einem vorher und nachher unbekannten Pas ab, der auf feinen eigentümlichen Trab begründet war. — Hatte Trotty geträumt? Oder sind feine Freuden und Leiden und di« handelnden Personen darin nur ein Traum? Er selber ein Traum? Der Erzähler dieser Geschichte ein Träumer, der eben erwacht? — Sollte dies so fein, lieber Leser, bann präge bie bösen Wirklichkeiten, aus denen diese Schatten entspringen, deiner Seele ein und suche sie in deinem Kreise — keiner ist zu weit und keiner zu enge für solch einen Zweck — zu bessern und m'nber drückend zu machen. Möge bas neue Jahr ein glückliches für dich, ein glückliches noch für viele fein, deren Glück von dir abhängt! Möge jedes Jahr glücklicher fein als das letzte, und nicht der geringste unserer Brüder ober Schwestern ausgesch'ossen bleiben von dem gerechten Anteil an dem, was unser großer Schöpfer zu ihrer Freude geschaffen! BerantwortUÄ: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'fche Universitäts^Buch« und Sleindruckerei. R. Lange, Gießen«