SiehenerZamilieMStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1929 Montag, den lr.Iuni Nummer 46 Juni. Von Else von Hollander-Lossow. Dies sind die Tage, die das Werden bringen! Was gestern schlummerte, ist heute wach. Aus tausend Hüllen tausend Knospen springen Zu einem neuen, langen Sommertag. Ein leiser Regen rieselt wohlig nieder, Und jede Pore saugt ihn ein. EEin warmes Duften quillt vom blauen Flieder, Auf Blütenbäumen liegt’s wie Sonnenschein. Aus fernen Büschen klingt der Kinder Lachen, Flugleicht wie Hoffnung, unbeschwert. Wenn aus der Kindheit Träumen sie erwachen, Ist ihrer Stirn der Erntekranz beschert. Heinrich Sohnrey und die Volkskunde. Zu Sohnreys 70. Geburtstag, IS. Juni 1929. Von Gustav Mahr. 1. Heinrich Sohnreys Schrifttum hat einen großen Leserkreis gefunden. Vielen ist Sohnrey bekannt als Dichter von „FiedestnchensLebenslauf"; andere kennen ihn als Verfasser der Geschichte „Die hinter den Bergen", „3m grünen Klee — im weihen Schnee", „Der Bruderhof". Die Landjugend liebt ihn als Verfasser der prachtvollen Schriften „Der Hirschreiter", „Wenn die Sonne aufgeht", „Draußen im Grünen". Und wer ihn nicht als Erzähler kennt, kennt ihn vielleicht von der Bühne her. Sein Bauerndrama „Düwels" brachte vor ein paar Jahren das Gießener Stadttheater heraus; fein Volksstück „Die Dorfmusikanten" ist aus vielen Volksbühnen aufgeführt worden. Andere schätzen Sohnrey vor allem als sozialen Reformer, als Begründer und Führer in der ländlichen Heimat- unü.Wohlfahrtspflege. Viel zu wenig ist Heinrich Sohnrey bekannt als der fleißige und erfolgreiche Volkskundler. Seine Schriften find erfüllt vom Heimatgedanken; sie verraten eine ungewöhnliche Kenntnis des Volkstums. Es wundert einen nachgerade daß man so wenig Heinrich Sohnrey von dieser Seite aus sieht. Heinrich Sohnrey ist aus dem Volk hervorgegangen. Ein Niedersachse ist er; noch heute kann er den Niedersachsen nicht verleugnen. Wenn man mit ihm spricht, hört man ihm an, daß er aus der Göttinger Gegend stammt. Er selbst, sein ganzes Schrifttum wurzelt im niedersächsifchen Volkstum. Aus armen Verhältnissen ist er herausgewachsen. Aber so hart und entbehrungsreich seine Jugend war, fröhlich und sonnig war sie doch. Sohnrey ist voll Erinnerungen an seine Jugendzeit. Immer wieder kehrt er in seinen Gesprächen, in seinen Erinnerungen dazu zurück: Der Dorsjugend gehört heute noch sein Herz. Zur Kenntnis des Volkstums trug besonders feine sechsjährige Lehrertätigkeit in Nienhagen bei, einem Dorf un den Ausläufern des Sollings. Eifrig studiert er das niedersächsische Dorf und sein Leben. Seine erste größere Erzählung entsteht, „Hütte und Schloß". Stark ist schon damals in Sohnrey der Drang zur schriftstellerischen Gestaltung. Entscheidend beeinflussen ihn die Volkserzählungen Heinrich Schaumbergers, eines thüringischen Bolksschullehrers. Kein Wunder, daß Sohnrey bei seinem rastlosen Geist nicht bei der Schule aushielt. Er erbittet sich Urlaub, studiert in Göttingen, um sich dann um den Posten eines Schriftleiters zu bewerben. Nach langem Kampf — „Friedefinchens Lebenslauf", die Erzählung „Verschworen, Verloren" u. a. ist bereits veröffentlicht — gelingt es ihm, Schriftleiter der Freiburger Zeitung zu werden (1890). Nun ist Sohnreys Schicksal besiegelt. Die weite Welt gehört ihm, und doch — charakteristisch für Sohnrey — immer wieder sieht er die weite Welt in einem konkreten Stück Heimat. Heimatgebunden und doch weltweit! Das Schwarzwälder Volkstum fesselt ihn. Indem er es studiert, wird er zum Sozialreformer. Sein Weg führt ihn weiter. Es war nur konsequent, wenn Sohnrey nach Berlin übersiedelte. Eine umfangreiche Tätigkeit beginnt, dem ungesunden Wachstum der Großstadt sucht er in erfolgreicher sozialpolitischer Arbeit ein gesundes heimatfrohes, innerlich reiches ländliches Volksleben entgetzenzuftellen. Die Sorge um die Seele unseres Volkes, insbesondere des Landvolkes, hat Sohnrey zum Dichter, zum Sozialpolitiker gemacht. Sie hat ihn auch zum Volkskundler gemacht. Nur von dieser Sorge um die Seele seines Volkes ist Sohnrey richtig zu verstehen. Man kann Volkskunde treiben aus reinem wissenschaftlichen Interesse, aus dem Trieb der Erkenntnis heraus; auch diesen Trieb hat Sohnrey. Man kann sie treiben aus Freude an dem Schatz der Poesie, den uns das Volkstum erschließt, an der ursprünglichen Denkweise, Kraft und Frische, die allem Volkstum eigen ist. 2as ist sicher mit eine der Wurzeln, aus denen Sohnreys volkskundliche Arbeit herauswächst. Freilich, das hat die Gefahr, das Volkstum als Dichter ästhetisch zu sehen. Sohnrey kennt diese Gefahr. Er fordert, daß es ein strenges Gesetz für den Volkskundler sein müsse, sich vor allen dichterischen Idealisierungen zu hüten und in jeder Hinsicht die Sitten und Bräuche, die Stimme des Volkes so naturgetreu wie möglich niederzuschreiben. „Nicht als Romantiker, nicht als Moderner, nicht als Moralist sagt Sohnrey, stehe ich dem alten naiven Volkstum gegenüber; einzig von Gedanken erfüllt, ein unverfälschtes naturgetreues Abbild des Volkstums zu geben, will ich nichts anderes als ein sorgsamer pietätvoller Beobachter, ein zuverlässiger Schilderer und Berichterstatter sein." Grundtrieb aller, seiner volkskundlichen Arbeit bleibt das Bangen um das Landvolk, daß es nicht verderbe und verwüstet werde von der Großstadt her. Wohin Sohnrey sieht, sieht er Landverwüstung, Flucht vor dem Lande, sieht er die Quellen verstopft, aus denen ein gesundes, starkes ländliches Leben und Volksleben erwächst. Darum müht er sich systematisch; um immer tiefere Erkenntnis des Volkstums. Er sammelt Volkslieder, Volksbräuche und Volkssagen, Sprichwörter und anderes. Darum sucht er in Dichtungen dem Volke das eigene Leben lieb zu machen, dem Verhängnis der Landflucht, der Heimatlosigkeit zu wehren, das Glück der Heimat und der Scholle dem Volk vor Augen zu stellen. Darum treibt er Sozialpolitik. Volkskundlich und sozialpolitisch zugleich sind die zwei kleinen Schriften: „Der Meineid im deutschen Volksbewußtsein", Osterfeuer". Es ist ein imponierendes Lebenswerk, das Sohnrey aufweist, nur zu begreifen aus dem gewaltigen Fleiß eines Mannes, der sich als Motto feines Lebens das Sprüchlein gewählt: „Stets habe vor Augen ein herrliches Zielt Erreichst du nicht alles, erreicht du doch viel." 2. W. H. Riehl hat eine kleine Studie „Handwerksgeheimnisse des Volksstudiums" geschrieben: Er beginnt seine Arbeit mit dem Satz: „Der Forscher des Volkslebens muß vor allen Dingen auf Reifen gehen." Das hat Sohnrey beherzigt. Sohnrey ist viel auf Reifen gewesen. Wo war er nicht all? Und wie versteht er es, mit dem Volke umzugehen! Beziehungen hat er in allen Landschaftsgebieten, und er nutzt sie aus, um den Weg ins Volk zu finden. Keine seiner Geschichten, Erzählungen, die nicht irgendwie erlebt ist: seine Dichtung ist Leben aus dem Leben des Volkes. Das macht Sohnreys Eigenart geradezu aus, daß er in seinen Erzählungen, seinen Dichtungen das Volk sprechen läßt, daß er keinen ihm fremden Zug beimischt. Es ist Volkskunst, was er gibt. Man kann Sohnrey nicht mehr mißverstehen, als wenn man in seinen Dichtungen Literatur sucht. Alles ist so schlicht, so anspruchslos, so gesund und geschmackvoll und doch gestaltet mit sicherer Kraft, wie es die Volksdichtung selber ist. Wo Sohnrey versucht, mehr zu geben, etwa Charakterzeichnung, wo er versucht, Weltbilder zu gestalten, ist er nicht ein Eigener und Besonderer. Sohnrey ist als Dichter nicht eine Persönlichkeit, die durch Originalität der Welt- und Kunstanschauung, durch Vortragsart und Stil, durch Feinheit der Technik, Umwertung und Neuwertung etwas sein will. In seiner Schlichtheit liegt seine Größe, darin, daß er in den besten seiner Sachen sich selbst treu bleibt. Wer mit Sohnrey zusammenkommt, weiß, daß er geradezu einen Hunger nach Anekdoten, Geschichten, allerhand Erzählungen aus dem Volke hat. Die Sammelleidenschaft beherrscht ihn. Auch das Kleinste wird ihm wichtig, nichts entgeht ihm. Diese Lust am Sammeln hört man heraus, wenn er einmal klagt, wie ungeheuer viel noch zu sammeln und zu tun wäre, wenn er sagt: „Aus jedem Dorf wäre ein volkskundliches Buch herauszuholen. Sie sterben allmählich aus, die alten Märchen- und Sagenerzähler, die letzten Gewährsmänner alter Bräuche. Jeder nimmt einen Teil alter Ueberlieferung, alter Volkspoesie mit ins Grab. Es ist höchste Zeit, das mündlich Ueberlieferte niederzuschreiben, zu sammeln und zu bewahren." Sohnrey hat im Sammeln eine glückliche Hand. Wo er einkehrt, in Pfarr- und Schulhäusern, in Bauernhäusern und Wirtshäusern, immer ist er auf der Jagd nach Charakterzügen und Geschichten aus dem Volke. Wie eifrig er notiert! Wie er sich freut, wenn er etwas Gelungenes hört, wie er durch Erzählen, und Sohnrey hat einen lachenden Humor, zum Erzählen reizt! Wie er einfache Leute überrasckt durch seine Kenntnis des Volkstums, durch seine Geschichten, die Geschichte dieses besonderen Dorfs und wie er gerade dadurch ihnen verborgenste Hintergründe des Volkslebens, längst Vergessenes entlockt. Sohnrey kommt in seiner volkskundlichen Forschung der Spürsinn des Dichters zugute, der hinter der Oberfläche, hinter den äußeren Zusammenhängen die tiefsten inneren Zusammenhänge schaut. Der darum auf glückliche Fahrten ist, wenn er wandert. Am liebsten weilt Sohnrey im Solling. Auch aus Rügen, aus dem Mecklenburger Land, hat er wunderbare Geschichten ^holt. Das Büchlein „Herzbluten" z.B. stammt wesentlich seinem Stoffe nach aus dem Mecklenburgischen. Sohnreys volkskundliches Interesse wandte sich besonders den Sagen und Volksbräuchen zu. Aber nicht nur Sagen und Gebräuche sammelt er, sondern ebenso Lieder und Sprüche. Sohnrey kennt die Grenzen seiner volkskundlichen Arbeitsweise. E>- w'ifc. daß er kein Mann der strengen Nirgends hat die Kunstwelt, die wir mit dem Namen Rokoko bezeichnen, gastlichere Aufnahme gefunden und sich inniger eingelebt als in Deutschland. Im ganzen Umfang der Lebens- und Formgedanken, die sie in Frankreich heraufbefchworen, ist sie in das Haus des Nachbarn übersiedelt — und am gründlichsten freundete man sich hier merkwürdigerweise gerade mit ihren Kernvorstellungen an, in denen wir mit Fug eine ureigene Erfindung des französischen Geistes erblicken: mit den charakteristischen Stilgebilden der Innendekoration. Ja, sie fanden in Deutschland weitere Verbreitung, längere Lebensdauer und darum mannigfaltigere Deutsches Rokoko. Von Max Osborn. Als neuer Band der „P r o P y l ä e n - K u n st g e sch ich t e" erscheint demnächst „Die Kunst des Rokoko (206) von Max Osborn. Nach dem Gesamtpläne des großen Werks fugt sich dieser Band zwischen die Darstellungen der „Kunst des Barock" von Weisbach und der „Kunst des Klassizismus und der Romantik" von Pauli ein. Wir geben aus dem Werke Osborns, das mit seinem umfassenden, in dieser Reichhaltigkeit an keiner anderen Stelle gebotenen Bildermaterials das Zeitalter des Rokoko in ein ganz neues Licht setzt — mit Erlaubnis des Propyläen-Verlages —, im folgenden eine Probe: Wissenschaft ist; eine wissenschaftliche Bearbeitung der Sagen und Sitten, der Lieder und Gebräuche liegt ihm fern. Aber, was er vermag, ist mehr; er versteht es, „hineinzuhorchen" ins Volkstum, wie er einmal sagt, und, was er gehört, naturgetreu wiederzugeben. Bezeichnend für Sohnrey ist, daß er in Sammlung und Bearbeitung der landwirtschaftlichen Volks- Überlieferung immer mehr den Menschen der Landschaft ins Auge saht, j daß er ihn schildert und ihn darstellt als typische Gestalt der Landschaft. Sohnrey hat recht, wenn er gelegentlich eines Vortrages im Verein für Volkskunde in Berlin sagte: „Ich sehe bei vielen Werken über Volkskunde einen Mangel darin, daß die volkskundlichen Schatzgräber sozusagen nur I die Blätter, Blüten und Früchte des Volkstums einsammeln, fid) aber um den Stamm, der die Früchte trägt, nicht kümmern. So entsteht sein großes volkskundliches Werk „Die Sollinger" (2 Bande), das in blut- I vollen Gestalten und Bildern aus dem Volksleben, in Hunderten von I Einzelzüqen das Volkstum des Sollings zeichnet, ein Volkstum, das im Sterben ist. Ein Werk, das feinen Wert behalten wird, auch wenn die volkskundliche Wissenschaft weiter fortgeschritten und neue Einsichten in Wesen und Werden der einzelnen Volksüberlieferung aufgekommen sein werden. Denn diese Bilder sind photographisch genau; diese Gestalten und Ueberlieferungen wirken wie große Naturdenkmäler, die man m der I Heide findet. I Auf ein Buch darf ich noch besonders Hinweisen, das Sohnrey mit seinem Freunde Kück herausgegeben hat: „Feste und Spiele des deut chen Landvolks", 3. Auflage, 1925. Die große Not des Volkes, ferne seelische Verödung, die Not des Landvolkes, das immer mehr fein frohes Spiel verlor, nicht nur durch Preisgabe des Gemeindeangers m der Verkoppelung", sondern noch mehr durch Einzug der modernen Stadtkultur, durch kurzsichtige, würdelose Unterschätzung der alten Dorfkultur, veranlaßte Sohnrey zur Sammlung der alten Ueberlieferungen an ländlichen Festen I und Spielen. In einer lesenswerten Einleitung zeigt Sohnrey, wie im I alten Volksfest das innere Miterleben der Feiernden die Hauptsache ist, nicht „Fressen und Saufen", sondern die Teilnahme am Wledererwachen der Natur, die Freude der Erntezeit, der fromme Sinn des Landvolks, seine sinnige Fröhlichkeit nach sauren Wochen ehrenvoller Arbeit Helmat- sinn und Christensinn in eins verwoben. Lebendige, schöpferische Kräfte des | Volkes äußern sich in feinen Festen und Spielen. Heute aber sitzen die Jungen und die Alten auf dem Lande, statt auf dem Singer zu tummeln, im Wirtshaus; die Volkslieder von den Gaffenhauern verdrängt, die Volksmusik von Musikautomat, dem Grammophon, abgelost. Die Feste sind eine Sache des Dorfwirtes, nicht des Dorfes felbst. Es braucht eine Reform der ländlichen Feste und Spiels in Anknüpfung an die eigene Vergangenheit. Die Turnvereine auf dem Lande, die kirchlichen Vereine, Kirche, Schule und Regierung haben eine, große Aufgabe. Alles, was Freude an der Heimat und Verständnis für deutsches Wesen hat, sollte mithelfen, „den papiernen Spielen und schablonenhaf^n Festen auf dem Lande" entgegenzuwirken, die Lust an reformerischer Mitarbeit zu wecken, auf daß wieder eine finnige Fröhlichkeit in die verödeten, aus vielen Wunden blutenden Dörfer unseres Vaterlandes emkehren. Das Buch bringt ein erstaunliches Material herbei; es gibt einen Einblick m den Reichtum, in Tiefe und Gemüt unseres Volkes wie wenig andere Bucher. Wer arbeiten will am Dors, wird sich dies feine, liebenswerte Buch nicht entgehen lassen. Nicht vergessen werden soll das 1927 erschienene Büchlein „Das lachende Dorf". Der Schalk in Sohnrey, von dem feine Freunds im Seminar, seins Spielkameraden im Dorf manches zu erzählen wußten, hat sich hier ein Denkmal gesetzt. Geschichten, Schnurren und Schnaken bringt Sohnrey. Die Geschichten sind erzählt, wie sie das Leben bot, die Schnurren und Schnaken wiedergegeben, so wie sie das Landvolk erzählt. Man sieht an diesen lustigen Anekdoten dem Volk ins Herz: Wie unverwüstlich es ist in seinem Humor, derb oft in seiner Steuerung, aber immer gesund, nichts von der lüfteten und schmutzigen Art des Witzes, wie sie großstädtische Literatur und Bühne kennt. In diesen Schnurren und Schnaken schaut man hinein in die Tiefen der Volksseele. Hinter allem Humor spürt man die tiefe Frömmigkeit, aus der allein die Ver- föhnung mit dem Leben, feinem Leid und Kamps, feiner Brüchigkeit und Zwiespältigkeit erwächst. Wenn Sohnrey eins lehrt, dann ist es dies, daß keine volkserziehs- rifchs Arbeit auf dem Lande möglich ist ohne gründliches Verständnis des Landvolks, ohne Fühlung mit dem Lande felbst; ohne daß fte vorstoßt jum Zentrum des Lebens, dahin, wo die Ouellen des Lebens, Die Quellen des Volkstums rauschen. • Entwicklung als In Frankreich selbst. Man griff die neuen Ideen, die über die Grenze sprangen, mit Leidenschaft auf, aber in jenen glücklichen Zeiten, da alle künstlerische Schöpferarbeit, auch die bescheidene, noch mit dem Boden verbunden blieb, wurden die fremden Anregungen sofort in dies organische Getriebe einbezogen. Das Rokokoornament machte um merkliche Wandlungen und Fortbildungen durch. Seine Formen lernen sogar deutsche Mundarten. Sie reden anders in Süddeutschland, anders am Rhein, anders in Berlin und Potsdam, und selbst französische Meister die nach Deutschland berufen werden, geraten unversehens unter das - natürliche Gesetz, das sich hier auswirkt. So geschah es bei den Wittels- | bachern in München, so am kurfürstlichen Hof zu Köln. Die Ziersprache i des Rokoko verliert dabei mitunter etwas von der Präzision und der ge- | wissenhaften Durchbildung im Detail. Sie erscheint dann wohl Willkür- I sicher derber und oberflächlicher, mehr auf schwungvolle Gesamtwirkung ' als auf Anmut im einzelnen bedacht. Doch auch wo dies der Fall ist, werden wir wunderbar entschädigt durch den erstaunlichen Reichtum und die spielende Ausnutzung der Motive, durch die phantafievolle Erweiterung und Steigerung ihrer Möglichkeiten. Ein ganzes Gebiet, das sich in Frankreich dem Rokoko spröde verschloß: die Kirche, öffnet ihm in Deutschland weit das Tor. Mit ihr, mit den Fürsten, mit den Adligen, nimmt zugleich das Bürgertum lebhaften Anteil an der Bewegung. In den wesentlichen Punkten aber haben wir den gleichen Verlauf vor uns wie im Ursprungslande des europäischen Zeitstils. Auch in Deutschland geht die Befreiung, Erleichterung, Entfesselung der barocken Ornamentik schließlich Hand in Hand mit der neu erwachten Neigung zur Antike um mit ihr zusammen, aus einem uns nicht mehr ohne weiteres geläufigen Gemeinschaftsgefühl, dem Ruf des Jahrhunderts zu Natur und ^Einfachheit zu dienen —, um später freilich in scharfen Gegensatz zu der Schwester zu geraten und schließlich von ihr, der mächtiger gewordenen, des Landes verwiesen zu werden. In der Architektur kommt dies Zusammenwirken oft in der bekannten Formel zum Ausdruck: außen Klassizismus, innen Rokoko. Doch auch hier heben sich die deutschen Verhali- I nisse nicht unbeträchtlich von den französischen ab. In Frankreich fuhrt eine gerade Linie der Entwicklung zur Antikenverehrung des Louis XV. In Deutschland war ein Umweg zurückzulegen. Hier war m den ersten Jahrzehnten nach 1700 noch der italienische Einfluß mächtig, der schon im Zeitabschnitt zuvor eingerückt war und die schweren, auf Wucht und Pathos bedachten Formen eingeführt hatte. Jetzt tritt namentlich das , römische Barock in den Vordergrund. Die deutsche Phantasie entzündet sich ; an der starken Bewegtheit, dem üppig quellenden Formenreichtum, den vielfältigen, aller Gemessenheitsregeln spottenden Schwellungen uno Sam schlingen des Stils. Er breitet sich naturgemäß vor allem im südlichen ( Deutschland, in Oesterreich und Bayern aus, wo man von jeljer über Die . Alpenpässe hin lebhaften Ideenaustausch mit Italien unterhalten hatte. | Aber er drang auch in das Nordgebiet ein, wo er nun wieder mit niederländischen Einflüssen zusammentraf. Das römische Barock erfährt indessen auf diesen Wanderungen mancherlei Schick ale. War es einst von italienischen Architekten, Dekorateuren, Stukkateuren und sonstigen Handwerkern importiert worden so wurde es nun von der breiten Front der bedeutenden Künstlerpersonlichkeit-n I aufgenommen, die plötzlich in Deutschland wie durch einen Zauber aus dem Boden stieg. Von diesen einheimischen Kräften wird ber ans der „ Fremde stammende Stil durchaus selbständig, mit großer Sicherheit behandelt und umgemodelt. Dabei macht sich schon frühzeitig eine Einwirkung der künstlerischen Freiheitsbewegung geltend die seit des Iap hunderts Beginn wie auf höheres Geheiß allenthalben gart unb R in Frankreich im Geschmack der Rögenee durchsetzt. Die schweren Barock- formen werden auch in Deutschland leichter, beweglicher, m den Biegungen und Krümmungen der Bauglieder kühner, graziöser. Manche Sun t- betrauter ziehen eine scharfe Scheidelinie zwischen den architektonischen Erzeugnissen dieser Jahre und den späteren, die m,t ihnen verwandt e - scheinen - zwischen den auf- und abwogenden, gezwungenen, malen sehen Bildungen, die wir jetzt antreffen, und den Schmuckgedanken de- eigentlichen Rokoko. Es ist richtigi die spezifischen Merkmale ber R°k° m Dekoration fehlen noch, von Muschel-, Ranken- und Gitterwerk v°m „Genre rocaille" ist etwa an Pöppelmanns Dresdener Zwinger n ch keine Rede. Jrn strengen Sinne gehören diese Bauwerke zweifellos noch unter den älteren Begriff der Barockkunst sie [mb Darum auch imRahnM der Propyläen-Kunstgeschichte von W. Weisbach bereits behandel1 worden (vgl. Bd. XI). Mir scheint indessen, wir können auch bei un|er« Uebersicht nicht ganz darauf verzichten, an sie ruruckzudenken; dennje läuten in Deutschland mit vernehmlichem Klang Das Zusammenwirken verschieDenartiger künstlerischer unD geistiger Strömungen em. Das Dem Zeitalter Des Rokoko sein Gepräge gibt. Um so mehr, da bald neben dem römischen auch das französische Element ferne Forderungen anmeldei, wobei es zunächst, seiner Natur nach, sich den Jnnenraum unterw,rst. So kommt es, daß Die erwähnte Formel: außen Klassizismus, >nnm Rokoko, für Deutschland durchaus nicht in Dem Maße mächtig wir» w für Frankreich. Sie ist gewiß auch hier oft entscheidend — " dem u fang, in Dem Das französische Element seine Einflußsphäre erwe t, schließlich Die Alleinherrschaft zu gewinnen. Indessen, sie ist mq Regel. Sluch in Den späteren Jahrzehnten nicht. Denn nun deg °> i ) in'Deutschland etwas, was in Frankreich undenkbar mar. Das Iw : fand den Mut, gelegentlich von innen nach außen zu dringen aw : der Fassade das Zeichen seiner eigentümlichen Schmuckwelt aufzupsms j( Wo dies aber geschah, wird unverkennbar wiederum an jene erm nungen des späten Barock angeknupft — die Beziehung, die zM^ dem Dresdener Zwinger und Schloß Sanssouei besteht, spridst d ^ genug. So schließt sich der Kreis. Das Schicksal der deutschen Arq unseres Zeitraums wird gleichermaßen von einer sabelform gen Wicklung bestimmt, deren Motive fugenartig sich ablosen um) e|V verdrängt werden. Bis die antikisierende Anschauung von geftaltung auch nach innen wirkt, Dabei allem, was noch von abstammt. Den Todesstoß versetzt und den Fruhklassizismus auf Den Thron fetzt. auch dieser kühne Traum der Forschung erfüllt sein wird. Schon heute ehen wir, daß die winzigen Mengen radioaktiver Stosse, die in der festen Erdkruste in Uran- und Thormineralien vorkommen, der Chemie und Physik, der Geologie und der praktischen Heilkunde von unschätzbarem Nutzen sind. gen man- orateuren, so wurde nlichkeitee mber aus • aus der ^erhell be- ' e Einwirdes Jahr« und sich i ■n Barock- l n Biegun- che Kunst- ektonifchen wandt er» n, materi- anken des :r Rokoko- oerk, vom nger noch fellos noch m Rahmen ndelt wor- ei unserer ; denn sie menwirken , das dem neben dem anmeldet, rwirft. nus, innen । wird wie dem Um» aeitert, um : nicht die - begab sich j as Rokoko n, auch o" nu pflanzen- - ne Erfchci' | ie zwifche» cht deutlich Architektur aigen Em- mb wieder icr Auhem om Barock ls Direktor Das Atom, dis Kraftquelle der Zukunft? Von Professor Dr. OttoHahn, Direktor des Kaiser-Wilhelm-Jnstituts für Chemie, Berlin-Dahlem. Dis Entdeckungsgeschichte der radioaktiven Substanzen ist wohl ein Schulbeispiel dafür, wie sich aus einer unscheinbaren, fast zufälligen Beobachtung durch folgerichtige Weiterforschung eine kaum Übersehbare Fülle neuer Erkenntnisse von allergrößter Tragweite entwickeln kann. Als vor etwa einem Menschenalter der französische Physiker Henri Becquerel die Beobachtung machte, daß gewisse Uransalze im Stande smd in schwarzes Papier lichtdicht eingehüllte photographische Platten durch das Papier hindurch zu schwärzen, konnte er schwerlich ahnen, daß ec mit dieser Entdeckung der „Radioaktivität" eine neue Epoche der Naturwissenschaften eingeleitet hatte. Das zwei Jahre später als Folge der Becquerelschen Entdeckung von dem Ehepaar Curie (1898) ausge- wndene radioaktive Element Radium zeigte die neuartigen Erscheinungen der Radioaktivität aber in so drastischer Weise, daß diese Entdeckung eine Sensation für die ganze naturwissenschaftlich interessierte Welt wurde. Die weitere Entwicklung des neuen Forschungsgebiets ging nun lawinenartig weiter. Im Jahre 1903 wurde von Rutherford und Soddy die berühmte Atomzsrfallstheorie aufgestellt, die alle die rätselhaften Erscheinungen, die mit dem Radium verknüpft waren, unter einem einheitlichen, allerdings revolutionierenden Standpunkt zu verstehen lehrte: die Atome der radioaktiven Elemente sind nicht stabil, sie zerfallen. Die Umwandlung eines Elements in ein anderes, der jahrhundertelange Traum der Alchimisten, war bewiesen. Dabei verlaufen diefs Elementumwand- lungen unter solch gewaltiger Energieentwicklung, daß wir diese Prozesse mit dem üblichen Rüstzeug des Chemikers oder Physikers in keiner Weise beeinflussen können. v. ... Eine Begleiterscheinung des allmählichen Abbaues der radwaktwen Atome sind die sogenannten radioaktiven Strahlen, und ihnen ist es zu danken, daß der Nachweis radioaktiver Umwandlungsprozesse so unvergleichlich viel empfindlicher ist, als der gewöhnlicher chemischer oder physikalischer Prozesse. Um nur ein Beispiel zu nennen: Ein Billionstel Gramm radioaktives Blei läßt sich durch seine Strahlung leichter und K nachweisen, als eine milliardenmal größere Menge gewöhnliches ch den Üblichen Methoden des Chemikers. Daher kommt es, daß hier mit den radioaktiven Substanzen — es gibt deren fast vierzig! — Untersuchungen anstellen können, die sich mit den gewöhnlichen inaktiven Elementarstoffen niemals anstellen ließen. Für eine ganze Reihe von Arbeitsgebieten chemischer und pysikalischer Richtung lassen sich diese radioaktiven Methoden mit Vorteil verwenden, und es steht zu hoffen, daß sie nicht nur wie bisher in speziell dazu eingerichteten Laboratorien Eingang finden. m . Aber die Empfindlichkeit des Nachweises radioaktiver Prozesse gcht noch viel weiter. Die von den Radioelementen ausgesandten Strahlenteilchen lassen sich unter geeigneten Versuchsbedingungen einzeln, jedes für sich, quasi objektiv sichtbar machen und da diese Strahlen mit ungeheurer Geschwindigkeit die radioaktiven Atome verlassen, kann man außerhalb des Atoms die Wirkung dieser enorm brisanten Atomgeschosse studieren. So hat sich in den letzten Jahren durch die Untersuchungen des genialen englischen Physikers Ruthersord der Nachweis erbringen lassen, daß die Strahlenteilchen, wenn sie zentral auf gewisse gewöhnliche chemische Atome wie Stickstoff, Phosphor oder Aluminium u. a. m. ausprallen, diese Atome zertrümmern, Wasserstoff aus ihnen herausschlagen, der dann seinerseits mit ungeheurer Geschwindigkeit das explodierende Atom verläßt. Allerdings find die Mengen von Wasserstoff, die auf diese Weise durcl, künstliche Atomzertrümmerung entstehen, außerordenttich klein; sie wären niemals nachweisbar, wenn die betr. Wasserstofsteilchen nicht die Eigenschaften radioaktiver Strahlen besäßen, sich also als einzelne Atome Nachweisen ließen. So läßt sich berechnen, daß ein Gramm Radium mit allen Strahlen seiner Zersallsprodukte im Verlauf eines Jahres aus dem Aluminium, dem am leichtesten zertrümmerbaren Element, nur einige zehntausendstel Kubikmillimeter Wasserstoff frei macht. Immerhin hat man aber durch diese künstlich« Atomzertrummerung Kenntnis von Energieansammlungen innerhalb unserer Atomwelt sest- gestellt, die man sich noch vor kurzem nicht hätte träumen lassen. Die große Frage ist daher, wird es einmal gelingen, solche Atomzertrümmerungen und die damit frei werdenden Energien, in einem größeren Maßstabe als bisher, mit anderen Hilfsmitteln nutzbar zu machen. Verheißungsvolle Ansätze zur Lösung dieses gewaltigen Problems liegen bereits vor. . „ . „ . . Der amerikanische Physiker Coolidge hat Vakuumröhren konstruiert, in denen sich Elektronen von 300 000 Volt Energien erzeugen lassen. Durch Hintereinanderschalten dreier solcher Röhren konnte er brs au 900 000 Volt gelangen. Wenn die Energie der auf diese Weise erzeugten Strahlen bisher auch noch nicht die Energie der schnellsten Radium- Strahlen erreicht, so ist doch die Anzahl von Strahlen, die sich so her- . stellen lassen, sehr viel größer als die uns das Radium liefert. In den genannten Versuchen entsprach diese Menge der von etwa 150 000 Gramm Radium. Es liegt auf der Hand, welch ungemein wirksames Mittel zur Erforschung des Atominnern man zur Verfügung bekäme, wenn es gelänge, derartig enorme Strahlungen von der zu künstlichen Zertrümmerungen erforderlichen Energie sich willkürlich herzustellen. . Noch eine andere Möglichkeit kann man denken, die zur Erzielung von solch energiereichen Teilchen erforderlichen extrem hohen Spannungen zu erreichen, und zwar bietet uns die Natur diesen Weg durch die bet Gewittern auftretenden starken elektrischen Felder. . Versuche, die auf Veranlassung von Nernst auf einem wegen ferner Gewitterhäufigkeit besonders geeigneten Berge in der Schweiz, dem Monte Generoso, in Angriff genommen worden sind, lassen schon jetzt erkennen, daß es auf diesem Wege möglich ist, die technisch erreichbaren höchsten Spannungen bei weitem zu übertreffen. Wenn wir vorerst auch noch nicht wissen, wie hier die weitere Entwicklung sein wird, so können wir jetzt, kaum dreißig Jahse nach der Entdeckung des Radiums, doch hoffen, daß in abermals dreißig Jahren Mutter Schurzen. (Fortsetzung.) Bog Mutter Schulzen von dem holprigen Pflaster in die von zermahlenem Staub weichgepolsterte Dorfstrahe ein, dann konnte man das greuliche Quartett der gepeinigten Räder ohne störende Nebenlaute in feiner ganzen grausamen Schauderhaftigkeit genießen: das keuchte, nieste, pfiff und zischte, klapperte, schnarrte, knurrte, brummte, grunzte, daß alle Hunde des Dorfes gleichzeitig anfingen aufs tollste zu lärmen und an der Kette zu zerren. Stets war sie vor Schluß der Schule zurück. Danach konnte keine Macht des Himmels und der Erde Mutter Schulzen von ihrem Butterapfelbaum wegbringen, denn die Dorsjugend hat über den Saum, der die ersten Früchte hervorhringt, immer eigenartige Eigentumsbegriffe, ganz gleich, auf welchem Grundstück er zufälligerweise steht. In diesen schweren Zeiten trieb Mutter Schulzen die lungernden Kinder wohl zwanzigmal des Tages mit wütendem Gekeif von ihrem Zaun hinweg. Doch solange noch ein einziger Apfel an diesem Wunderbaume hing, so lange bewahrte er seine magische Kraft, die Leckermäuler anzuziehen. Doch Mutter Schulzen bewachte ihren Stolz gut. Man sagte ihr sogar nach, daß sie in dieser bösen Zeit des Nachts immer abwechselnd nur auf einem Auge schlafe. Nicht einmal Gottlieb bekam einen zu schmecken, höchstens daß er einen heruntergefallenen aufheben und ihr bringen durfte. Selbst einen zu essen, wäre ihr wie ein Verbrechen erschienen. Keinen Menschen ließ sie an den Baum heran. Mit vieler Mühe kletterte sie selbst hinauf, um die Aepfel zu pflücken. Doch ihre Knochen wurden mit der Zeit steif, uni) wohl oder übel mußte sie eines Jahres Gottlieb auf den Saum hinauf» schicken. Ein strenger Befehl zwang ihn aber, jeden Apfel, den er in den Korb legte, laut zu zählen. Wehe, er machte eine Pause, oder brachte weniger herunter, als er gezählt hatte, oder er zählte mit undeutlicher Stimme, als wenn er einen Bissen im Hals hätte! Am letzten Schultage vor den Ferien wurde der Baum bis zum letzten Stiel gesäubert und die grünen Aepfel mußten auf dem Boden im Stroh Nachreifen. Eines Jahres aber wollte das Unglück, daß die großen Ferien zwei Wochen zeitiger begannen als sonst, da in der Familie des Lehrers die Masern ausgebrochen waren. Mutter Schulzen rührte beinahe der Schlag, als Gottlieb die fröhliche Hiobspost nach Hause brachte. Denn der Butter- apfelbaum prangte gerade im Schmuck seiner süßen, reifenden Sastbälle, und ihre städtische Morgenkundschaft durfte sie nicht im Stiche lassen. Also wurde Gottlieb unter den fürchterlichsten Zusicherungen, sofern er fein Amt nicht ordnungsgemäß verwaltete, zum Hüter des Baumes bestellt. Zur Belohnung sollte er nachher einen der heruntergefallenen Aepfel essen dürfen. Mutter Schulzen guietschte nach der Stadt, Gottlieb setzte sich mit bett besten Vorsätzen unter den Saum, sammelte drei heruntergefallene Aepfel, aß mit Gewissensbissen den vierten und da er ihm ganz außerordentlich gut bekam, die drei ersten hinterdrein. Währenddessen standen seine Freunde und Freundinnen hinter dem Zaun, und das Wasser lief ihnen im Munde zusammen. Sie flehten mit Worten, Fingern, Händen und Armen, Gottlieb kehrte sich nicht daran. Sie schrien und schimpften wie die Rohrspatzen, Gottlieb drehte ihnen be« Rücken. Sie versprachen ihm alle Schätze ber Erde, Gottlieb verharrte in eisigem Stillschweigen und freute sich seiner Macht. Sis Kathrina Krause kam und mit rührendem Gebettel einen Apfel heischte. Da konnte er nicht länger hartnäckig fein, und reichte ihr einen über den Zaun hinüber. Die andern aber warfen ihr neidische Sticke zu und wollten ihr endlich gar den Apfel entreißen. Gottlieb sah sich gezwungen, einen zweite« Apfel zu opfern. Er ließ ihn in hohem Sogen über den Zaun fliegen, und um seinen Besitz entspann sich ein härteres Kampfgetümmel als um feinen berühmten goldenen Sruder aus dem Altertum. Unterdessen lockte Gottliebs felsenfeste Zusicherung, daß seine Mutter nicht daheim sei, die kleine lüsterne Kathrina über den Zaun. Die andern bemerkten es sofort, stutzten einen Augenblick, brandeten in qetoloi ener Masse wie eine Woge an dem Zaun empor und schäumten unter Geschrei und Gekreisch in Mutter Schützens langverschlossenes Gartenreich hinein. ~ A , ... Gottlieb fand das durchaus nicht in Ordnung, konnte sie aber nicht vertreiben, denn er muhte Kathrina Krause von der höchsten Spitze des Baumes die drei schönen, durchsichtigen Aepfel herunterholen, nach denen ihr begehrliches Zünglein verlangt hatte. Die andern hielten das fürfin Signal der allgemeinen Baumplimderung und fliegen am Stamm und an den Stützen der dreiundzwanzig Aeste in Hellen Schwärmen in die gelbgrüne Krone hinauf. , Gottlieb pflückte die drei wunderbaren Aepfel und warf sie Katynna Krause hinunter, die sie geschickt in der Schürze auffing. Dann erhaschte er für sich selbst ein paar von derselben Sorte und sie schmeckten ihm köstlich. Deshalb auch trieb ihn sein gutes Herz, die andern. nicht in dem Genuß zu stören, und er ließ sie aus dem golönen Uebersluh nach Herzenslust brechen, essen und hinunterwerfen. Der Baum sah jetzt aus wie eine große, grüne, Ijutförmige Torte mit unzähligen gelb glänzenden Mandelkernen, das waren die Aepfel, und vielen blonden und braunen Rosinen, das waren die Kopfe der diebischen $Un®ottlieb aß, was er nur konnte, und er konnte immer sehr viel essen, viel viel mehr, als Mutter Schulzen ihm gab. Er dachte auch an seine Mutter, widmete ihr aber nur ein einziges ganz ganz kleines Gedanklein. Sie war noch weit! Ui.d wenn ihm einer die Besorgnis zurief, ov Mutter Schulzen auch nicht zu bald wiederköme, dann beruhigte er den Zaghaften, so gut es sich mit (einer andauernden Kaubewegung ver- )ie über Ü etlichen ioch mit ofort in Hte um i lernen anders he mei- ater das Wittels- wfprache der ge- willkür- wirkunq Fall ist, tum und Erweite- das sich ihm in Adligen, ung. lauf vor Beutfd)- m Drna- zur Unteres ge= itur und tz zu der wrdenen, dies Zn- jen Klnf- Verhiitt- Ich führt ouis XV. en ersten der schon lucht und ltlich dos Ündet sich tum, den mb Bnn- füblidjen über bie len hatte. >it nieder- Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Giehe"- einigen ließ, mit dem Hinweis auf dir unbedingte Hörbarkeit der vier musikalischen Wagenrädchen. Aber er sollte sich verrechnet haben. Mutter Schulzen hatte sich diesmal unheimlich beeilt, denn sie traute Gottlieb nicht und wollte ihn über- raschen. Auch hatte sie unterwegs eine Speckschwarte gefunden, und da sie so schmutzig war, daß sie sich auch beim schwersten Nachdenken nicht für die Küche verwenden ließ, hatte Mutter Schulzen damit ihre vier lustigen Wagenrädchen eingeschmiert, aus daß sie besser liefen So kam es, daß sie heute ohne Lluietschmusik ins Dorf einzog. Kein Hund nahm diesmal Notiz von ihr. Sie schob das Wäglein leise durch das schiese Hostor, schlich auf den Strümpfen über die ausgetretenen Ziegelfliesen des Hausflurs und öffnete vorsichtig die Hintertür, ihren Gottlieb zu visitieren, ob er auch getreulich seines Amtes waltete. Als sie aber die vielen Kinder erblickte, die teil» auf, teils über der Erde ihrer äpfelmordenden Tätigkeit mit Eifer und Lautlosigkeit oblagen, da entfuhr ein schrecklicher Kreijchton ihrer Kehle. Zorn und Wut stießen ihr das Blut zum Herzen, daß sie sich an die Wand lehnen mußte, um Atem zu schöpfen. Puterrot wurde ihr Gesicht, und sie krallte mit den dürren Fingern in der Lust herum, als wollte sie Fliegen fangen. Kathrina Krause war die erste überm Zaun. Die andern Mädchen Soben schreiend nach allen Seiten ins neutrale Gebiet. Und daß sie iutter Schulzen entsliehen lassen mußte, warf neues Oel ins Feuer ihres Grimms. Sie strebte nach einer Stange, allein die Glieder gehorchten ihr nicht. Unterdessen plumpsten die räuberischen Jungen an den glatten Aststützen vom Baum herunter ins hohe Gras hinein wie die reifen Kürbisse von der Dachtraufe und suchten das Weite wie Ratten aus der Falle. Gottlieb war der letzte, schweren Gewissens und mit Hangenden Ohren krabbelte er langsam den krummen Stamm herunter. Fort lief er nicht, denn Mutter Schulzen hatte sich inzwischen erholt und fing ihn weid- Öab. Dann bekam er eine Prügelsuppe zu kosten, die ihm den t nach Aepfeln auf acht Tage verdarb. ' Die andern verklagte sie nach den Ferien beim Lehrer, der es aber mit einer kräftigen Ermahnung genug sein lieh, denn des bösen Volks war gar zu viel. Gottlieb zog sie seitdem die Zügel straffer an. Er mußte mit aufs Feld und arbeiten wie ein Großer, daß ihm ost vor Anstrengung die Hellen Tränen über die Backen kollerten. Im Winter durste er nicht hinaus aufs Eis, weil Kleidung und Schuhwerk geschont werden muhten. Damit er aber im Hause nicht Langeweile hatte, setzte ihm Mutter Schulzen einen beträchtlichen Topf mit Gänsefedern vor die Nase, die er mit vieler Mühe und mit angehaltenem Atem von den kitzelnden Kielen säubern sollte. Es kochte in seinem Innern ein Vulkan, und doch durste er sich weder durch Heulen von seinem Schmerz, noch durch Schnauben von seiner Entrüstung befreien. Denn bei dem geringsten Luftstoß flogen die Federhäufchen, die vor ihm auf dem Tische lagen, in alle vier Himmelsgegenden der Stube, und Mutter Schulzen griff wie gewöhnlich hinter den Ofen nach dem hölzernen Racheengel. Waren die Federn alle aufgeschlissen, suchte Mutter Schulzen das Spinnrad hervor, und Gottlieb mußte treten und den Faden drehen, obgleich er sich vorgenommen hatte, gleich am ersten Tage daran zu sterben, so groß deuchte ihm diese Schmach. Kam das Frühjahr, plagte sie ihn mit der Aufzucht der jungen Gänse. Solange sie noch gelb und niedlich waren, fand er es ganz unterhaltsam, als sie aber mit den Wochen grau und schmutzig wurden und das Bestreben zeigten, ihrem eigenen Schnabel nachzugehen, wandte sich sein Herz von ihnen ab. Leichtsinnig lieh er sie auf dem Anger und den angrenzenden Ländereien laufen, wohin sie mochten, und vertrieb sich die Zeit in angenehmerer Gesellschaft, besonders mit Kathrina Krause, die er einmal, als man die beiden neckte, ganz öffentlich für seine Braut erklärte. Sie war auch vollständig damit einverstanden, und die andern hatten nun erst recht Grund, sie zu foppen. Gottliebs Verlobung ging im ganzen Dorf herum, man lachte ein wenig, fand aber an dem jungen Brautstand nichts auszusetzen, da er nicht über seinen Stand gewählt hatte. Denn Kathrina Krauses Eltern waren arme, mit vielen Kindern gesegnete Taglöhnersleute, denen eine Verbindung , mit Mutter Schulzen weder Ehre nahm, noch Ehre gab. Zum Glück aber kam es nicht zu ihren Ohren. Immer steckten die beiden beieinander. Sah man Gottlieb irgendwo, war Kathrina nicht weit davon. Vielleicht schon hinterm nächsten Baum. Immer hatten sie sich hunderterlei zu erzählen. Am Küssen aber fanden sie noch gar keinen Geschmack, das überließen sie den großen Leuten. Dabei konnte Gottlieb natürlich kein Auge auf seinen schnatternden, Nimmersatten Peinigern haben. Und als er sie eines Tages Heimtreiben wollte, waren sie nirgends zu finden. Gleich dachte er sich das Schlimmste, dpM der Gänsejahrgang war diesmal weniger klug als früher geraten. Im Verein mit Kathrina Krause, die treu bei ihm aushielt, forschte er das Dorf entlang nach den Verschwundenen, bis er endlich die traurige Kunde erhielt, daß der Bauer Thielscher sie in seinem Hafer erwischt und eingetrieben hätte. Für jede Gans fünfzig Pfennig Strafe, eher gäbe er sie nicht heraus. Gottlieb zog vor seiner Mutter Haus wie einer, der alle Hoffnungen verabschiedet hat. Kathrina Krause hielt ihn an der Hand und sprach ihm Mut zu. Aber Gottlieb war über sein Schicksal im klaren. Doch Mutter Schulzen fuhr ihm nur in die braune Perücke, schüttelte feinen Kops daran dreimal hin und her und schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Er solle sich nicht eher unterstehen wiederzukommen, bis er die Gänse zurückgebracht hätte. Wenn ihn Kathrina Krause nicht fest bei der Hand gehalten hätte, er wäre mindestens bis an den Nabel ins Wasser gegangen, um sich das Leben zu nehmen. Fortwährend schwatzte sie auf ihn ein. Er sollte zum Bauer gehen und ihn bitten. Das wollte Gottlieb durchaus nicht. Dann wollte sie für ihn bitten. Das wollte er erst recht nicht leiden. Dann wollten sie bei dem Bauern soviel Gänse zurücklassen wie die Strafe ausmacht. In der Dunkelheit zählte Mutter Schulzen doch nicht genau nach. Das wollte Gottlieb versuchen. Als sie aber vor dem Hause standen, da schlug das Meer feiner Schmerzen über ihm zusammen. Er setzte sich auf die Schwelle der Haus, tür, stützte die Ellenbogen auf die Knie und das Gesicht in die Hände und fing ganz erbarmungswürdig an zu schluchzen. Jämmerliche, herzzerreißende Töne stieß er in die milde Sommerabendluft hinaus, so laut und durchdringend, daß die Hunde im weiten Umkreise beunruhigt wurden. Kathrina Krause quoll es warm von ihrem Herzchen herauf nach den ? Augenlidern zu. Das echte, tiefe Leid ihres Freundes rührte sie so sehr, daß sie sich neben ihn auf die Türschwelle niederließ und ihm heulen hals. Und dadurch wieder wurde Gottlieb ermuntert, in seinem tränenfördern- j den Tun eifriger als bisher fortzufahren. Und auch die Gänfe, die feine I Stimme kannten und in der Nähe hinter dem Gitter faßen, meldeten ' ihre Trauer über die schmachvolle Gefangenschaft durch lautes Geschnatter und gellende Gigackstöße. Einige Nachbarsleute liefen herzu und fragten, was es gäbe. Aber Gottlieb und Kathrina konnten sich vor Tränen nicht lassen und ftatf zu reden, heulten sie nur noch stärker. Das dauerte eine ganze Stund«. Dann ließ der Bauer Thielscher die Gänse ohne Strafgeld heraus, denn er war kein Unmensch und wollte zu Bette. Und da er ein feines Gehör, aber nur eine einzige Nachtmütze hatte, war das Deffnen des Gänse haltenden Gitters die einzige Möglichkeit, von dem ruhestörenden Lärm befreit zu werden. Diesmal bekam Gottlieb keine Schläge, und er versprach am nächsten Tage Kathrina Krause, sie später einmal bestimmt zu heiraten. Aber sie lachte nur darüber und gab ihm einen kleinen Klaps auf den Arm. Doch von jetzt an sorgte sie für die Gänse und trieb ihnen das Gelüst, nach Thielschers Hafer brandschatzende Streifzüge zu unternehmen, gründlich und endgültig aus. Immer fester spann sich das Band zwischen den beiden. Beim Weiden- schälen, das zwischen Ostern und Pfingsten auf dem Dorfanger vor sich ging, sahen sie dicht nebeneinander im Grase und zogen wetteifernd die biegsamen Ruten durch die ©raffe, daß sie ihr grünes Fell lassen mußten. Und wenn Gottlieb des Abends zu wenig Geld nach Hause brachte, so war er nicht etwa faul gewesen, sondern er hatte Kathrina Krause ein wenig geholfen, daß sie beim Korbfabrikanten immer das Doppelte und Dreifache abliefern konnte, wenn er mit feinem Wagen aus der Stadt kam. Mutter Schulzen kam dahinter und störte mit rauhem Griff das zarte Verhältnis: Gottlieb durfte nicht mehr Weiden schälen, sondern mußte die Hammelherde des Schlächtermeisters Trillemann aus der Vorstadt aus ; die Stoppeln treiben. Aber Kathrina Krause hielt auch da zu ihm, schlich zu ihm hinaus, wärmte sich an seinem Feuerchen die erstarrten Finger und briet ihm in der heißen Asche duftige Kartoffeln, die ihm besser schmeckten als Honigkuchen und Marzipan. Dann schlichen sie in den Busch und sahen die Sprenkel nach, ob sich darin ein Vogel gefangen hatte, oder nach dem nahen Teiche, um die Angeln zu untersuchen, die Gottlieb dort klüglich und mit List dem Flossenvieh gestellt hatte. Am Abend gingen sie engumschlungen hinter der blökenden Herde her durch die kühle Dunkelheit des Herbstes. Und an einem solchen Abend war es auch, daß ihr Gottlieb mitten auf den Mund den ersten Kuß gab. Sie hielt mit geschlossenen Augen still und drückte sogar ein wenig wieder, woraus Gottlieb schloß, daß ihr das Küssen wohl nicht mehr so greulich vorkam. , Den Winter über trafen sie sich nur noch in der Schule. Gottlieb mußte sich zum letzten Male durch sechs große Federtöpse und einen riesengroßen Flachsberg hindurcharbeiten. Ostern wurde er aus der Schule entlassen. Nun war er erwachsen, und die Freiheit winkte ihm. Mit Kathrin» Krause kam er dadurch auseinander, denn sie mußte noch ein Jahr zur Schule gehen, und er hielt es für unter seiner Würde, mit einem Schulmädchen jetzt noch bekannt zu fein. Er grüßte sie nur von oben herab, und sie sah ihm betrübt nach, wischte sich mit dem Schürzenzipfel über die Augen und ließ die Mundwinkel hängen. Seitdem lernte sie nichts mehr in der Schule, wurde widerspenstig, daß der Lehrer eine wahre Last mit ihr hatte. Mutter Schulzen war der unerschütterlichen Ueberzeugung, daß der Mensch nur zum Geldverdienen auf der Welt sei, und daher sollte Gottlieb sofort nach der Stadt, um sich in einer der vielen Fabriken Arbeit zu suchen, Gottlieb aber konnte das durchaus nicht verstehen. Mutier Schulzen starrte ihn an wie einen Wahnsinnigen. Es war ihr in dem Sohn ein neuer Fernand erwachsen, nur ein ungleich eigensinnigerer. Zu schlagen wagte sie ihn nicht, denn wie sie im Laufe der Jahre an ihrer übermäßigen Arbeitssamkeit zusammengeschrumpft war, so war er aufgeschossen, daß er sie bald um Haupteslänge überragte. Auch war ihr Arm schwächer und sein Fell derber geworden. Kurz und bündig erklärte er ihr, in die Fabrik ginge er nicht, denn da könne man mch» Vernünftiges lernen, stülpte sich die Mütze auf den kugelrunden Kopf uno lief zum ersten besten Zimmermeister, dem er seine Dienste antrug. Mutter Schulzen aber sank wehklagend auf die Ofenbank uni) jammerte über ihren ungeratenen Sohn. Von dem Tage an gingen sie stumm aneinander vorbei und sprachen nur das Allernotwendigste. Gottlieb lernte Säge und Beil handhaben, die Arbeit war ihm eine Lust. Ein Haus unter Dach und Fach bringen, darin fand er doch wenigstens Sinn und Verstand, das war das Gegenteil von dem hastendes zwecklosen Geldzusarnrnenscharren seiner Mutter. Die wurde schwächer und schwächer, Gottliebs bodenloser Leichtstn hatte ihr ein Stück vom Herzen gerissen. Denn sie liebte ihn, wie n eine Mutter lieben kann, nur daß sie es ihm nicht zeigte. Und das um so gefährlicher in einer Zeit, wo er Kathrina Krause ganz uno g vergessen hatte. (Schluß folgt.) _______ w ■nirrm Fi eine grünt ein C Sie i oder bencr A und von 1 Hindi minb hören bung bcnn und teuer Sven Wilh Netzh E,-li sogar Teil Näm $Rcn! bigen schuft geifti auf w'de Wir Rhei erles« und weil auf i gierb unb wir Bern gleist mir. Tiefe Mac 3 die i Men es e: Slugi hat er fi feher zur.