SietzenerKmilienblAter ! Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (929 Freitag, -en ss.Mai Nummer 38 ließen. man f«n lfroh ge- end geht ienholzen t zu be- fort. t zu uns a bin ich : bei den erst gar isst keine ging ein nd sicher. ■ Plagen licht auf. nsch lebt hat der ?n. Euch Wahrlich ite, daran, aber ann ihre hart bis doppelt , die er ! in den ißt. Und Was der .5 in die kennung, es nicht i beseelt, r, der es Würden tätte des eite und ließ et kommen. :. Seiner tung er Lehrer- öer neue hne eine julroart“ er hatte licht, als ten, tei(= radjtung (lein als »alte ihn -ullehrer Antrag Freimut Den. Die 5 Schulfache zu jen wir- er Woh- ließ sich >er Filz, acht viel Wasser n besten fig betb iqfte zu Zeit sich mer aus Wenn äs Licht t ganzer feit, der rn nicht hatte fie iseinsult en $or= i Buben Heiliger Geist. Von Arthur S i l b e r g l e i t. Urewig wirkt dein Auferstehungswunder In Weidenkätzchen, Knospe, Strauch und Baum, In Primel, Anemone und Holunder Und im Vergißmeinnicht am Wiesensaum, In Schwalbenflug und Wolkenprozessionen, In der Libelle, die um Schilfgras kreist: Durch tausend Formen reist du seit Aeonen, Gesandter Gottes, benedeiter Geist! Du läßt Piloten durch die Lüfte schnellen Und mischst die Zauberkräfte der Chemie Und führst ins fernste Dorf auf Aetherwellen Musik und Wissenschaft und Poesie. Du wandelst uns zur Gegenwart das Gestern, Erläuterst es durch Schrift und Forscherwort. Aus Vogelflöten und Fabrikorchestern, Maschinen, schmilzt und klirrt dein Grundakkord. Dir psalmodieren Amselsang und Bronnen, Dir musiziert der Hummeln Orgelton, Dir flammen unsrer Herzen rote Sonnen, Dir wölben Dichterträume Thron um Thron: Du überblühst des Todes graue Grenze Mit Lilien, Rosen, Efeu, Immergrün. So laß im Lächeln deiner ewigen Lenze Auch unfern Seelenfrühling reich erblüh«! Mechchenhei? " marf)ie' faft 3U ’rf’u,er für ein einziges kleines „.^er damals fühlte ich nur Leichtes, das Leichte des Tags und das ^eichte eines wunderbaren Liebestraums. Es kam von selbst, daß unsere . Einander fanden und daß der bis zum Lächerlichen angeführte, vollen Sinn bekmn"'^ $cr'3€n' bie ein5 wurden, einen erhabenen, weihe- SU- ?ier .."eine Stadt, der wir entflohen, war pfingstlich überqtäiut standen wie schmale Kinder im Lichte, die Sonne^übergoldete Hauser und Straßen und alles laute Werk der Hände ruhte in MinmÄ^'^ufriedenen Verhaltenheit, die gleichsam zu neuer Tat Kräfte ' "Ate. Dieses Ungewohnte einer sonntäglichen Stille war von un- uergeßlichem Eindruck, und Ingeb arg sprach aus, was ich dunkel emp- fand: die Stadt betet! v ., hje-Stnbt betet. Das Gehen, Lachen und Schwatzen der Men- !^]e.n ist Geb et, bte S piele der Kinder und die Atemwogen einer einfältig lubillsierenden Musik, die aus offenen Fenstern kommt. In dem Winkel zweier Straßenzug^ werfen Kinder mit Bällen, eine rote Kugel rollt V°r- b‘e ’yUBe- ^,ie. Metzelt, und in diesem Lächeln jauchzt die Verheißung eines ganzen Lebens. Dann kommt der Wald, dunkler, kühler als Stadt und Straße, mit ffitiirf“ßnhÖ«m °fl?'UarU«en bUrc^ Baumgeäst, die neugierig nach jungem G-uck smd. Die Voge singen wie besessen, der Waldgrund ist keu ch und llnn Sytlrt >.»s 0:4.,^ 7.__<_ . JP ' u-s^eich mit einer heißen Welle nnh b deshalb ist das Laub jung und flaumig, hell zer^chNielzen"mlißte^^'man daß es in einem langen Blick Jngeborg läuft umher und sucht nach Wundern, Märchen und Freu- h?"' JPan.d>maI .ichseitet sie nur wie aus einem Traum, dann kommen die Wunder auf sie zu: eine Blüte, die sich plötzlich in ihren Händen findet, em Doru von einem wilden Rosenbusch im Kleid, ein wie von Erwartung herabgewehtes Blatt im Haar, ein Käfer, der über Jnqe- borgs hellen Schuh taumelt, einmal ein Schmetterling, der uns in ver- irrten Kreifen umgaukelt. Von ganz weit klingt ein Lachen voll Abwehr und Ergebenheit und Inge sagt schelmisch: Da liegt ein Pärchen im Glück ilber ihre Brauen runzeln sich dabei unbewußt, so, als sei ein solches Gluck wie eine Entweihung, die Innigstes stört. Ach, Jngeborg findet bis zum Abend unendliche Wunder, einen plav- pernöen Bach und eine junge Eiche, in die ich ein Herz schneiden will, o.dee Jngeborg laßt es nicht zu, sie sagt: es tut dem Baum weh. Auch ein süßes »Jiubefem kommt von all dem Wunderbaren, ein kurzer feltaec schlaf in meinem Arm und der Heimweg. ' y Der Abend hat die Stadt verändert. Die Dämmerung hat nichts Blaues und Stilles, fie ist laut, grell und bunt. Staub liegt überall man fpurt ihn beim Atmen heiß und stickig. Karussells drehen sich, Trommeln wirbeln, eine Blechtrompete kreischt schrill, ein Leierkasten wimmert melancholisch. Die Menschen sind eine zusammengedrängte Herde oon dem Instinkt nach Genuß in einen Knäuel verwirrt, der sie vor den grellen Attraktionen farbiger Buden wie eine Mauer staut bis ein nachdrangender Schub von hinten sie auseinandersprengt. Jngeborg läßt ein paar Kinder, die ohne Pfennig und mit fiebernden Blicken ein Karussell umstehen, „Zeppelin fliegen", man sieht nicht, ob es sie sehr freut, obwohl sie lacht, ich muß ihr einen Luftballon und etwas von den Makronen kaufen, die in allen Buden ausliegen und sehr Übel schmecken. Dann seufzt sie erschöpft und sehr selig auf und wir gehe« nach Haus. 3 ’ Das ist nun vor einem Jahr gewesen, genau vor einem Jahr ge und ich wiederhole zum hundertsten Male: vor einem Jahr ' genau vor einem Jahr ...! Dazwischen liegt der Tod. Pfingsten? frage ich mich, und ich antworte aus großer Weite: Pfingsten! Und dann gehe ich durch die Straßen, quer durch die kleine «tadt nadf dem Walde. Die Sonne scheint, vielleicht schien sie schon früh nut dem Morgen und dem Vogellied aus halbem Traum ins Fenster hinein. Ich weiß nichts davon, das Fenster ist geschloffen und schwere Vorhänge trennen es von dem kleinen Garten, der traurig ist und keine Pflege mehr hat, seit zwei weiße Frauenhönde untätig über der Brust gefaltet sind. 1 Die Straßen sind still und feiertäglich und kleine Birkenbäume stehen wie Kinder im Lichten, alles Werk der Hände ruht: die Stadt betet' Betet ? ... Nein, die Stadt schläft. Alles ist wie vor einem Jahr: Kinder spielen mit Bällen (nur daß keine Verheißung lächelt), Musik kommt in breiten Wogen aus offenen Fenstern, Menschen sehen mir nach. Alles ist wie vor einem Jahr. Ich sage es vor mich hin, obgleich ich es nicht fußte. Nein, ich fühle nichts, außer dem Klopfen der Pulse, die im chwachen Kreisen des Blutes mein Leben verströme». Mein Lebe«' Jngeborgs Leben. Pfingsteinsamkeit. Aon Gertrud A u l i ch. Und nun ist wieder Pfingsten, wie es shmals war. Ehmals — wann war dies doch? Eine Ewigkeit liegt dazwischen, ein Tod, ein zerfcherbtes Mim, ein neues Leben. Ein neues Leben? »ein, ein neues wohl nicht, vielleicht nur ein andres, ja, dies ist es: ein andres Geben; denn ich bin nicht mehr ich. Ja, das mag wohl das Wesentlichste sein: nicht das Lehen ist anders, nur ich bin es, nur tausend Einzelheiten sind es, die einen Tag, die einen Menschen ausmachen. dies wohl, dies andre Ich, dies andre Leben, in einem "faß ausgedrückt, das mir von „ehmals" geläufig war? Run, es ist nicht ganz ein Jahr, Wochen fehle», Tage, Stunden, wer weiß um fie? ■weine Seele weiß es, der andre Mensch in mir weiß es. Über zu Pfingsten war es, Pfingsten vor einem Jahr, daß ein Glück über mich hinauswuchs, so ungeheuer groß und schön, daß ich glaubte, es tjabe seinesgleichen nicht mehr in dieser Welt. Dies Glück war so schwer und gewaltig, daß ich es jetzt verstehe, warum es mich zerschmettern mußte. . Dies Glück war Jngeborg, sie trug es aus einer andern Welt, aus einem andern Leben mir zu, aus einer Welt, die leicht, hell, froh und »glich war. Lange habe ich gegrübelt, einen Namen für das «irtlte, Lichte und Frohe zu finden, aber ich fand nur ein Gleichnis und em Symbol: Pfingsten. Ich erinnere mich klar und ohne Schatten an dies Gleichnis, bas vor Monaten sich j» einem Sinn erlöste, der alle Erfüllung vom Jenseits varg und alles Diesseitige in Trümmer schlug: der Tod. Aber vor dem Tode war Pfingsten. dem frühen Tag kam die Sonne, die Fenster gingen nach dem warten und standen offen, der Morgen grüßte herein, klar, besonnt, mit ttonem Bogellied, bas noch aus halbem Schlaf kam. Jngeborg sagte: »eh, was für ein schöner Tag', wollen wir irgendwohin? Irgendwohin, war: Wald, Wiese, Sonne, Luft, Licht und Freiheit, Einsamkeit no Geborgenheit zu zweien in einem Traum von Farben und Dust; ■ ]|mJ*i*9te es Jngeborg so, daß es hieß: in den Himmel! hi» / • ? und zärtlich war, so daß zu meinem Glück fremde Beglückung Ich komme in den Wold. Die Stille ist noch da und die Kuhle mit den abertausend Sonnenaugen, die durch Baumgeast nach Gluck ausspähen. Nein, sie sind nicht mehr neugierig, sie sehen nur eben vor sich hin, sie sind blind und stumpf. Die Vögel singen auch nicht, die schreien wie besessen, frech und lästig. . Ein Lachen klingt, vielleicht macht sich ein Häher über einen alten Mann lustig, der im Grase hockt und mit leeren Augen in ein Wunder ausschaut, das sich versagt. Oder sitzt nicht doch ein Pärchen im Gluck? sRein, nein, wie denn auch? das Glück ist ja tot ... Jngeborg ist tot ... Wer wiederholte dies Unsagbare? War dies ein Echo? Aber der Wald hat kein Echo. Meine Seele? Aber meine Seele ist ohne Hall und Widerhall. „Ja, ja, Blumen stehen dicht, der Frühling kam zeitig, und mit schwülen Mittagen, alle Freude ist heiß und überreif, man verbrennt und hat doch nicht genossen. Schmetterlinge gaukeln liebestoll, die kleine Eiche ist gewachsen und bläht sich im Winde auf. Nun, was geht s mich an? was habe ich mit allem zu schaffen? Jngeborg ist nicht da. Die Stadt im Abend ist mir treu geblieben: laut, grell und bunt. Mit Staub, Karussell, Trommel und Drehorgel. Und einer wogenden Menschenherde, die sich vor farbigen Buden und schreienden Attraktionen ^"^Jch lasse einige Kinder auf dem glitzernden Karussell fahren. Sie freuen sich laut, und ihre Freude tut mir weh und macht mich bos. Ich taufe einen Luftballon und viel, sehr viele Makronen, die billig sind und nach Seife schmecken. Dann gehe ich heim ... Heim? Der Ballon hängt unter der Decke. Er beginnt einzuschrumpfen. Die Makronen liegen aus meinem Nachttisch, ich werde jeden Tag eine von ihnen essen, ich werde sie wie eine Hostie mit Andacht und Liebe zu mir nehmen. . Und an Jngeborg denken ... und an einen Pfingsttag, den ich in einem andern Leben beging. Maler aus Liebe. Eine pfingstnovelle um Ouinkin Metsys. Von Else Arnhem. Das schöne, blühende Fest der Pfingsten zog durch die Lande, flaggte Straßen und Häuser mit Maien und die Herzen mit Frühlingsfreude. Man schrieb das Jahr 1480, und die Bürger von Antwerpen schickten sich an auf der Festwiese vor der Stadt mit niederländischer Behaglichkeit, aber auch mit niederländischer Derbheit die Heiligkeit des morgendlichen Messeganges in die Weltlichkeit erlaubter Vergnügungen umzuwandeln. An langen, niedrigen Tischen, die wie bunte Flecke im grünen Gras leuchteten und unter der Spcisenlast noch tiefer in den weichen Boden sanken, saßen die ehrenwerten Bürger der Stadt mit ihren Frauen und Töchtern, während die Söhne, genau so achtsam nach Würde und Rang ihrer Väter verteilt, an einem besonderen Tisch, sich den Genüssen der Speisen und Getränke Hingaben und mit zündenden Blicken nach errötenden Mädchengesichtern nicht kargten. Abseits sahen die Bauern der Umgegend mit ihren Familien, und hier war es, wo nach ausgiebigem Trunk die ersten Streitigkeiten aufzischten, noch ehe die langen Tonpfeifen in Brand gesetzt waren. Da sah man bald Fäuste schwirren und Leiber im Grase kollern, daß ein Brueghel seine Helle Freude an den vcrknäulten, schimpfenden Gestalten gehabt hätte. . -Zwar war es nicht ein Brueghel, der die kräftigen Fauste in die Hüften gestemmt, schütternd vor Lachen, dem tollen Treiben zuschaute, sondern der Antwerpener Hufschmied Quintin Metsys, der, als ihm die Sache doch gar zu bedrohlich schien, mit seinen Schmicdepranken zugriff, ein paar der Streitenden trennte, und sie beim Rockkragen hochhebend, ein Weilchen in der Lust zappeln ließ wie sich pusternde Kampfhahne, was sofort eine außerordentliche Wirkung hatte. Wer sich eben noch prügelte, ließ von dem Gegner ab und reihte sich zu den Gaffenden, die den Schmied umstanden, und eine Woge des Beisalls brauste auf, die sich bis zu den Bürger- und Gildetischen fortpflanzte. Neugierig geworden, lief man herbei und achtete nicht mehr aus Rang und Abstand. Ja, manch zartes Mägdlein, soeben noch schüchtern, drängte sich durch die Gruppen, um auch einen Blick zu erhaschen, und jo kam es, daß eine hübsche Jungfrau, von einem jungen Bürgerssohn sorglich durch die Menge bis in die vorderste Reihe geleitet, gerade in dem Augenblick in des starken Hufschmieds lustiges Antlitz blickte, als er feine Beute noch einmal mit dröhnendem Lachen in die Luft hob und schüttelte, daß den Armen die Kiefer nur so klapperten. Plötzlich jedoch fühlten sie sich losgelassen und plumpsten wie Säcke in das Gras, was sie gewiß nicht der Großmut ihres Peinigers, sondern einzig und allein dem fröhlichen und bewundernden Blick des Jungfräuleins zu verdanken hatten, das der Hufschmied eben erschaute. Dieses Jungfräulei^s Blick Sr ihm wie ein Blitz in das pfingstfrohe Herz und richtete darin einen fruhr an, der nicht mit zwei starken Fäusten zu unterdrücken war, der sich aber gleicherweise in einen Blick verwandelte, unter dem die Empfängerin verwirrt die Augen schloß. „Heiliger Petrus, wer ist das Mägdlein?" Dem Quintin Metsys stand mit einem Male die ganze Welt auf dem Kopfe. Breit daher stapfend näherte er sich der schönen Jungfrau, was dem Bürgersöhnchen das Blut in die Stirn jagte, denn daß der stiernackige Mann mit den eisernen Fäusten nicht mit sich spaßen ließ, daß hatte er rasch überlegt. So zog er das Mädchen blitzschnell zwischen die schützende Mauer der Schaulustigen, die noch ein zweites Stücklein von dem Schmied zu erwarten schienen, und gelangte eilenden Laufes zum Tisch der Lukas- gilde zurück, wo die Maler mit ihren Angehörigen sahen, und gab seine Schutzbefohlene aufatmend in die Hut ihrer Eltern. Allein das Fräulein schien über die Wendung dieses kleinen Abenteuers nicht beglückt zu sein. Es reckte ein paar Mal den Hals und feine Eine 3m lauen Teich. quabblige, schwabblige Geschichte. Von Egon v. K a p h e r r. einen Grabstein, auf Hufschmied machte die den Meister herein. _ .... , _ . ,. Der kam und erwartete von seinem Gast eine Erklärung, aber Quintin Metsys deutete nur auf das Bild, das einen Sturz der Engel darstellte. Sehr schön," sagte er, „wirklich sehr schön." Geschmeichelt trat Dirk Cock vor die Staffelei. Da entdeckte er auf dem hellen Gewand eines Engels eine dicke Fliege, eine von jener Art, die nicht nur unerträglich brummen, sondern auch einige schmutzige Andenken auf dem Platz zu hinterlassen pflegen, auf dem sie sich niedergelassen. Erzürnt schlug der Maler nach ihr, einmal und noch einmal, und nun erst erkannte er überrascht, daß diese Fliege eine Täuschung war, cm treffliches Meisterstück von der Hand des Metsys, dessen Kunst er nun nicht mehr bestritt. . . . ™ , Quintin Metsys bekam seine Liebste zum Weibe und seine Malereien machten ihm einen so guten Namen, daß er wenige Jahre spater in die Lukasqilde ausgenommen wurde. Als er 1592 starb, setzte man ihm ~ ' dem Lateinisch die Worte standen: Aus einem Liebe einen Apelles. „Gloria, Gloriola", pfiff der Pfingstvogel von der Spitze ber alten Ulme am Teich. „Krätfch", antwortete feine grünlich gefärbte Gattin. So da wären wir nun", meinte der Pirol, fein dottergelbes Gefieder 'spreizend und schüttelnd. „Trotzdem wir aber dieses Jahr gerade zehn Tage später angekommen sind als sonst, muß ich bemerken, daß das Klima keineswegs südlich anmutet." „Ach," seufzte die grünliche Gattin, „Pommern ist arg rückständig geworden. Auch Nachbar Starmatz beschwerte sich: Wenig Fliegen und Brummer und gar kein Klima - krätsch." „Es will Abend werden, Olle", meinte der Pirol. „Zu tun haben wir ohnehin nichts, und mit der Nesterbauerei jetzt schon anzufangen, hal keinen Zweck. Wir wollen mal zum kleinen Waldsee fliegen und uns das große Symphoniekonzert anhören." „Wie, spielen sie schon?" fragte die Frau Pirolin. „Jawohl," meinte ihr Gatte, „Starmatz ist gestern schm dagewrsen, „großartig," sagte er, „besonders das Blasorchester ist hervorragend". Die Leitung liegt in den Händen des berühmten Dirigenten Patsch Quabbelmann, den du ja auch vom vorigen Jahre her kennp. Es ist ein Frosch von hervorragenden Gaben. Er war im vorigen Jayre als Solist tätig — du erinnerst dich doch — als noch der berühmte W pietsch die Leitung des Orchesters hatte. Jetzt ist Großpietsch im Storchen- magen." „Ach, der Arme", seuszte die grünliche Frau P>roliN. .^e Sonne sinkt schon," meinte der Mann, „wir wollen eilen, sonst bekommen wir keine guten Plätze mehr; denn heute ist ein wärrnstcher Tag, und «u bin überzeugt, daß alle Stare, Amseln und was da noch alles in oe Büschen herumflattert und -zwitschert, zur Stelle sein werden, daru auf!" Er breitete die schwärzlichen Flügel aus und schoß wie ein gew Goldsunke durch das srische, junge Grün der Bäume. Schwirrend jag ihm seine Frau. — Die beiden hatten Glück. Im Geäst eines schon zarten Blättern geschmückten Birkbaumes fanden sie einen guten pi »• Sie kamen keinen Augenblick zu früh; denn der Dirigent Patsch Qua mann tarn bereits in kurzen, hastigen Rucken in die Mitte des Tu ? geschwommen, ließ seinen Hinterkörper ein wenig sinken, hob das Spaltmaul in die Höhe, blies seine Backen auf, wie bohnengroße, we Säcke und intonierte die Arie vom lauen Pfuhl: Doooarrquarr, erej. flinken Augen suchten rückwärts einen gewissen Quintin Metsys, der auch nicht lange auf sich warten ließ. Die Hände in den Taschen, eine Tonpfeife zwischen den Zähnen, machte sich der Schmied in der Nähe der Gildeleute zu schaffen, bis er einen VorübereilepLen anhielt und lange mit ihm sprach. Das Ergebnis dieses Gespräches hatte zur Folge, daß am zweiten Pfingsttag der Hufschmied Quintin Metsys im Hause des Malers Dirk Cock vorsprach und den Meister um nichts Geringeres als um die Hand feiner Tochter bat. Dirk Cock hatte wohl feiten in feinem Leben so gelacht wie an diesem Feiertag. Ein Hufschmied, der feine einzige Tochter ehelichen wollte? Nein, Freund, Euer Handwerk in Ehren, aber eines Malers Kind bleibt in der Zunft. Wäret Ihr ein Maler, wollte ich sie Euch gern geben, wenn töchterleins die Ruhe zerstört hatten, deren er sich feit manchem Jahr in seinem ehrbaren Beruf erfreut hatte, trug keine Bedenken, fein Handwerk an den Nagel zu hängen, um ein Maler zu werden. Man sollte meinen, daß dieses ein vergebliches Unterfangen gewesen fein müsse, aus einem Hufschmied einen Maler zu machen, aber man vergesse die Wunder nicht, mit denen die Liebe jene beschenkt, die neben ihrem entflammten Herzen auch die Härte eines Willens haben, der fähig ist, sich die Sterne vom Himmel herabzuholen. Quintin Metsys, mit Wagemut die Anfangsgründe der Zeichnerei überspringend, machte sich gleich an die Kopie eines Stiches heran, und die groben Fäuste regierten den feinen Stichel genau so gut wie den Hammer. Als die Kopie fertig war, sah er befriedigt, daß er sein Vorbild noch übertroffen hatte. Da traute er es sich zu, frisch-fröhlich mit Pinsel und Farben das Bildnis seiner Liebsten auf einer Leinwand fest- zuhalten, und die lieblichen Züge des Mädchens hasteten noch so unver- wischi in Herz und Gedächtnis, und die Liebe tat ein übriges dazu, daß bas wohlgelungene Konterfei alsbald in die Werkstatt des Dirk Cock geschafft wurde, wo es Staunen, aber auch Zweifel hervorrief. „Junger Mann," sagte Dirk Cock, „wenn das wirklich Eurer Hände Werk ist, dann hat die Liebe das Wunder vollbracht, aus einem Hufschmied einen Apelles zu machen, und wenn es so ist, will ich Euch meine Tochter wohl zum Weibe geben. Doch verzeiht, wenn ich noch zweifle. „So geht einen Augenblick hinaus," antwortete Metsys, „und ich will Euch den Beweis führen." . , Als er allein in der Werkstatt war, sah er sich um, nahm Pinsel und Palette zur Hand, trat vor die Staffelei, auf der ein eben vollendetes Gemälde stand und machte sich daran zu schaffen. Dann rief er sie Euch liebte. , So hatte er gesagt, und Quintin Metsys, dem die Reize des Maler- ■■'jterleins die Ruhe zerstört hatten, deren er sich seit manchem Jahr r auch ahnen, bis er gebnis r Husch und ?r bat. m die- vollts? bleibt , wenn Dialer- t Jahr Hand- ewefen r man neben n, der chnerei n, und >ie den n Vor- ich mit ib fest- unver- >u, daß 1 Cock Hände n Huf- ) meine weifte? ich will Pinsel n voll- rief er Quintin irstellte. at Dirk d eines ■träglicf) llatz zu nd nun lar, ein er nun Male- e später tau ihm einem ?r alten Gattin. Besiedel de zehn iaß das Gattin, natz be< ima — n haben gen, hat uns das agte die m schon ist her- rigenten kennst, n Jahre e Groß- itorchen- n. „Di- kommen und ich in den darum n gelber :b folgte hon mit n Platz. Juabbeb bümpels is breite e, weiße rej! Aus die Teuöre erschallten und endlich "erbrauste mächtig die Frau Pirolin schmelzend, „welcher Zartsinn, welche sie wischte sich das linke Auge mit dem linken Flügel- die Bässe ein, der Chor. „Ach," sagte Schönheit", und gelenk. ßiebeslieb im Frühling Von Max S i d o w. Du bist so sehr mein Eigen wie Wolke, Baum und Wind, die tief in ihrem Schweigen, im Wehen, Rauschen, Steigen mir urverbunden sind. Ich kann dir so vertrauen wie einem jungen Blatt, das früh vor meinem Schauen im perlenden Erb lau en sich lind entfaltet hat: Es legt sich wie in Güte bei Nacht um Knospenruh, daß es den Trieb der Blüte vor raschem Frost behüte ... Die Liebe hüte du! Kinder des Volks. Von Alfred Bock. (Fortsetzung.) „Lene, wie heißt bas dritte Gebot?" „Du sollst den Feiertag heiligen." „Richtig." „No und?" „Dabrüber hat Sonntag der Herr Psarrer gepredigt. Sechs -tage soll man arbeiten, am siebenten soll man ruhen." „Das ist auch so." , Ja, pah nur acht. Nach der Kirch' bin ich am Pfarrhaus vorbeigegangen. Und da hat dem Herr Pfarrer seine Minna am Herd gestanden und war ritzefeuerrot! Warum erlaubt dann der Pfarrer so was?" „Horch einmal zu, Theo. Drin steht doch deinem Vater sein Kanarien- vögelchen." Ja " '.Wann das Sonntags kein Futter kriegt, läßt's den Kops hängen und pfeift nicht mehr." „Und muß auch frisches Wasser haben." Gelte» Und das Vieh, was die Leut sich halten, will auch am Sonntag fressen. Sollen bann ba die Menschen hungern? Ich denk doch nein Und der Herr Pfarrer zumal. Wenn der sich abgepredigt hat, hernach will er erst recht was Feines essen. Da muß die Minna halt kochen. „Das ist wahr." , Am Sonntag soll man sich auch was Gutes antun. Dessentwegen bist 'du vorgest' mit deinem Vater nach Greisenstein gefahren. Wann du jetzt an die Bahn gekommen wärst, und 's hätt geheißen, 's geht kein Zug weil am Sonntag kein Lokomotivführer da ist? Was hälfst du dann ba für ein Gesicht gemacht? Guck, Theo, wann die einen Pläsier haben, müssen bie anbern babefür schaffen. Auch am Sonntag. Das ist einmal so in der Welt." Nun war Theo beruhigt. Sie hatte Überhaupt eine sinnige Art, mit dem Jungen umzugshen. Seinem aufgeregten, frühreifen Wesen setzte sie eine überlegfame Ruhe entgegen. Tat sie ihm auch nicht immer Genüge, wenn er sie mit seinen Fragen bestürmte, wußte sie ihre Antwort doch so einzurichten, daß sie sich keine Blöße gab. Hier zeigte sich, welch gesundes Gefühl, welcher Takt dem Mädchen innewohnte. Er mutzte sich ein über das anberemat wundern wie rasch sie Theos Neigung gewonnen. Ohne Zweifel war sie fähig, auch ein Kind, das sie nicht geboren hatte, wahrhaft mütterlich zu lieben. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht. Vor kaum vier Wochen hatte er sie tennengelernt, und täglich ertappte er sich dabei, daß seine Gedanken sich mit ihr beschäftigten. Je nun, so gar befremdlich war das nicht. Seine ganze Existenz wurzelte im Volk, was wunder, daß er der Eigenart des Mädchens aus dem Volke feine Aufmerksamkeit lieh? Ihre Begabung war unverkennbar. Jüngst hatte er ihr in der Freibibliothek den „Sternsteinhof" von Anzengruber gegeben. Sie las bas Buch unb sprach sich mit einer Klarheit barüber aus, daß es eine Lust war, ihr zuzuhoren. Es beburfte bloß einer gediegenen Lektüre, ihr Denken zu fördern unb zu vertiefen. Aber war es wirklich nur das Auge des Volksdilbners, bas so wohlgefällig auf ihr ruhte? Vor sich selbst gab es kein Verstecken. Das zarte Gesicht mit ben fein geschwungenen Linien, die schönen Körperformen übten ihren Reiz auf ihn. Unb datz sie von jeder Gefallsucht frei, sich ihrer Schönheit gar nicht bewußt war, nahm ihn doppelt für sie ein. — Nach dem Tode feiner Frau war ihm ein Mädchen aus wohlhabender Familie angetragen worden, ohne daß er dem Vorschlag näher getreten wäre. Die Belloffen hatte einmal die scherzhafte Aeußerung getan, in der Stadt heiße es, er sei weiberscheu geworden. Sie bilde sich nicht wenig darauf ein, daß sie als einzige Weibsperson das Vorrecht genieße, bei ihm ein- und auszugehen. .. „ . Die Treue wußte mehr. Sie hatte die Tragödie feiner Ehe miterlebt. Seine Frau, eines Baumeisters Tochter, hatte ihm ein Kapital zugebracht. Das gab er einem großen Frankfurter Bankhaus in Verwahrung unb hob alljährlich die Zinsen ab. inefen Schall hin schwamm eine Reihe großer grüner Wassersröfche auf hen Dirigenten zu unb stellte sich ihm gegenüber auf. Hochglotzenbe Sluqen breite Mäuler waren über der Flut, gespreizte Froschhände ruderten fachte im Takt des herrlichen Liedes: Doooarrquarr, quorx. Platsch, »latfd), platsch, hörte man auf der anberni Seite viele jüngere Frösche Ins Wasser springen. Das waren bie Tenöre, die jetzt in doppelreihiger Gliederung angeschwommen kamen und sich hinter dem Orchesterleiter gruppierten. Mächtig braufte der erste Satz der großen Symphonie auf, / herrlich schwangen sich die Tenöre zu gewaltiger Höhe, aber des-Basses Grundgewalt herrschte vor. Da schwieg selbst die Rohrammer, die nebenan aus dem Schilfstengel hockte unb ihr Abenblieb zwitscherte: „Zie, zie, >le krr, trr, krr, krr"; denn solcher Kunst war ihre ungeschulte Kehle nicht gewachsen. Bescheiben verstummte sie und lauschte ben herrlichen Klängen, die sechs- unb achtstimmig aus bem lauen Pfuhl erschallten. Er ist wirklich ein genialer Dirigent," meinte die Frau Pirolin zu ihrem Gatten, „wie er die Bässe beherrscht, unb wie die Baritöne schön einfetzten, unb bann bie Uebergänge — unb welche Zartheit in den hohen Lagen!" Sie hob bas Flügelgelenk des linken Flügels zum Auge und trocknete sich eine Rührungsträne. — Jetzt roanbte Patsch Quabbel- tnann feinen dicken Kopf nach der Rohrfeite hin, er hob die gespreizte rechte, klunkersingrige Froschhand. Schon erklang aus dem Schilf der fdimetternbe Chor der Rohrspatzen: „Körle, korle, korle — kiek, kiek, kiek korle, korle, korle — kiekkiekkiek" ... Die Sonne sank. Brummend und summend flogen Mücken, Brummer unb Fliegen um Schilf unb Kalmus, unb ein paar Nachtschwalben gaukelten über bem Tümpel hin unb her. „Kwitt, kwitt, kwitt — zürr, zürr, zürr — troitt" riefen sie unb dann „fchnrr, schnrrrr." — Jetzt machte Patsch Quabbelmann mit beiben Händen bie Beruhigungsgebärbe nach allen Seiten, gleichzeitig mit bem dicken Kopf nach ben Tenören hin nickend, und ganz sein, wie dünner Glockenton aus heimlichen Sumpfgefilden fiel das leise Unkenlied in die Symphonie ein: „Uk, uk, uk — uk, uk, uk, uk." Vom Rande des Tümpels, wo der Graben in die Wiese hinauslauft, könnte der feine Refrain des dritten Satzes der Symphonie „Vom lauen Pfuhl". Es waren dies die braunen Land- unb Taufröfche, die zartsinnig unb fein roie ein sanftes Echo die Melodie wiederholten: „Pürr, purr, purr, quot, quok, quok — pürr." — „Uk, uk — uk, uk" kam der Unkenruf dazwischen, und das Wafferhühnchen machte: „Fuit, fuit, fuit" ... Jetzt begann der vierte Satz mit dem herrlichen Solo der Bassisten Quak > Glibbermann: „Do—oarr, quarr, quarr — orej, orex, erreg, orrrex!" Dann schmetterte der Tenor des berühmten Teichsänges Pietschte Oualster- mann dazwischen mit der Arie: „O wie schön ist es im Teich." Ganz janft klang der Chor darein und füllte mit Bassen, Baritönen, TeNören und säuselndem Diskant die Fülle der Töne: „Ooarr, quorr, oarr, quarr, / oarr — forte, korle, forte — fets, erreg, uk, uk — pürre, pürre — fuit — forte, forte — kiek, kiek, kiek ..." Patsch Quabbelmann rann bereits der Froschschweitz von der grünen Stirn. Er wandte sich nach allen Seiten, er nickte ausmunternd nach links, er wehrte mit beiden Ktunkerhänben nach rechts ab, er drehte sich seitwärts und winkte den Bassisten, machte dann eine abwehrende Bewegung mit beiden Froschhänden, und dröhnend setzte die gewaltige Flut der Töne des fünften Satzes ein. „Himmel, wie schön," meinte die Frau Pirolin, „diese geniale Führung unb bann die Schulung in ben Stimmen, bie geschmackvolle Auswahl der Themata! Von wem ist bie Symphonie?" „Gloria, Gtoriola," pfiff ber Pirol, „es ist bie große Symphonie in zwölf Sätzen von Unfmeier unb Glucks", meinte er bann. „Glucks ist längst im Storchenmagen, aber ber alte Unfmeier lebt noch. Er war früher Baßsolist, ist aber jetzt in ben Ruhestand getreten und lebt still unb zurückgezogen in einem Nebengraben bes Tümpels. Er ist allgemein verehrt unb hochgeachtet unb erhielt erst kürzlich bas Prädikat „Quabbligfeit" für feine hohen Verdienste um die Musik ber Walb- gemäffer." Schon ertönte fachte der sechste Satz mit einem leisen Andante. Wie fernes, leises Echo klangen bie Stimmen vom Graben, aber allmählich schwollen bie Tone, unb endlich brauste ein Orkan burch bas Schilfge- woge. Mit voller Wucht fetzte die Musik zu dem gewaltigen Requiem ein, das Unfmeier seinem verstorbenen Freunde Glucks zu Ehren fürzlich in bie Symphonie hineinkomponiert hatte. Da blieb kein Auge trocken. Selbst Rotkäppchen, ber Schwarzspecht horte auf, am Wipfel ber Branb- tiefer zu klopfen unb zu hämmern, fo herrlich unb rührend war die Musik. Plötzlich tönte ein Rauschen, gerade, als die Sonne mit ihren letzten Strahlen in ben runben Wipfeln ber alten Ulmen, Eichen unb Buchen spielte. Wie ein großes, schwarz-weißes Schiff kam es dahergeschwebt, streckte lange, rote Beine aus unb — stand am Rande des Tümpels. „Rette sich, wer kann!" ertönte die Stimme des Bassisten Kleinpietsch unb — flupp, flupp, tlupp, flupp, verschwanben die Frösche in der Tiese der Flut. Adebar Langbein aber hatte mit bem Siegellackschnabel ein zärtlich umschlungenes Pärchen Taufröfche erwischt unb verschluckt unb vernichtete so mit einem Ruck unb Schluck zwei hoffnungsvolle, junge Froschleben. . „Es ist eine Gemeinheit," meinte ber Pirol, „gerade in bie schönste .. Musik hineinzukommen unb zu stören! Dem Himmel fei Dank, daß wenigstens ber Dirigent unb die größten der Künstler gerettet sind. „Die armen braunen Fröschchen," seufzte bie Pirolin, „es ist ein bitter-süßes Los, so im Tode vereint, mitten aus der Liebe heraus." Sie hob das rechte Flügelgelenk zum Auge unb wischte sich eine Träne ab. ztbebar Langbein aber lief auf feinen Stelzen eilig über die Wiese, breitete bie f Schwingen aus unb wuchtete sich empor, schwenkte über bie Wipfel der Eichen unb verschwanb in der Richtung nach bem Dorfe. Da tauchten roieber nach unb nach hochglotzenbe Augen auf, breite Mäuler, gespreizte Klunkerfinger, unb wieder nahmen die Sanger die Ordnung ein, und in ihrer Mitte schwamm Patsch Quabbelmann, ber Dirigent. Er gab bas Zeichen, unb bie Backen blähten sich. Feinsinnig unb zart wie immer, takt- und pietätvoll wählte ber geniale Dirigent die Trauersymphonie von Qualftermann unb das „In memonam von Tümpelsprung unb Quafs. Leise, wie fern grollender Donner fetzten Eines Tages kam die Schreckensnachricht, das Bankhaus habe seine Zahlungen eingestellt. Er selbst, im Amt zurückgehalten, schickte seine Frau nach Frankfurt, zu retten, was zu retten sei. Dort stand sie unter einem Knäuel verzweifelter Menschen, die die Kasse belagerten und am Ende erfuhren, daß ihr Geld verloren war. Spät abends kehrte sie zurück. Sie hatte sich den Verlust dermaßen zu Herzen genommen, daß sie darüber irrsinnig geworden war und in eine Anstalt gebracht werden mußte. Nach Jahresfrist der Familie zurückgegeben, ließ sie der Wahn nicht los, sie müsse mit Mann und Kind verhungern. Ein Schlagfluß setzte ihrem Leben ein Ziel. Ihr Tod war für sie und ihn eine Erlösung. In dieser Zeit der Trübsal war alle Lebensfreude von ihm gewichen. Die Krankheit der Frau hatte Summen verschlungen. Hätte ein Freund nicht die helfende Hand geboten, er wäre in die schwerste Bedrängnis geraten. — Gleich zu Beginn seiner Ehe hatte er mancherlei Bitternis erfahren. Seine Frau, auf ihr Vermögen pochend, umgab sich mit einem Stolz, der der Erwägung entsprang, sie müsse ihrem Mann, der sie geistig weit überragte, mit ihrem Geld ein Paroli bieten. Jhnr war es nie in den Sinn gekommen, sie seine Ueberiegenheit fühlen zu lassen; er hatte sich im Gegenteil redlich bemüht, sie für alles zu interessieren, was ihm wichtig und erstrebenswert schien. Freilich mit völligem Mißerfolg. Gelegentlich spielte sie auf seine „verfehlte Laufbahn" an und meinte, er sei töricht gewesen, auf die fette Pfarre zu verzichten und das magere Schulamt zu ergreifen. Als junger Mensch habe er seinen Schwärmereien zu viel nachgegeben, habe nicht gelernt, den Wert des Geldes zu schätzen, das in der Welt die größte Rolle spiele. Jetzt, im Genuß der Kapitalrente, sehe er doch wohl ein, was es bedeute, ein hübsches Ein- komnten zu besitzen. Derlei Sticheleien verletzten und erbitterten ihn. Den kleinen Theo verhätschelte sie. Sie meinte, das sei in ihres Mannes Berufsleben auch ein wunder Punkt, daß ihm, der so viele fremde Rangen erziehe, keine Zeit verbleibe, dem eigenen Kind die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Der Vorwurf war nicht unberechtigt; denn die Stunden waren zu zählen, die er dem Kleinen widmete. Indessen wußte sie den Jungen ganz an sich zu fesseln. Als dieser einmal bei einer heftigen Szene zugegen war, die sich zwischen seinen Eltern abspielte, brach er in leidenschaftliches Schluchzen aus. Das Erkenntnisvermögen der Kinder wird in der Regel unterschätzt. Was mag in ihrer Seele vorgehen, wenn sie die Eltern miteinander hadern sehen? Gewiß, daß die traurigen Eindrücke, die sie da empfangen, auf ihre Charakterbildung die unheilvollste Wirkung ausüben. Die finsteren Blicke, die Theo seinem Vater zuwarf, ließen keinen Zweifel darüber, wessen Partei er ergriffen hatte. Der Mutter Tod erschütterte den Jungen gewaltig. Jammernd lief er in den Zimmern umher und rief der Abgeschiedenen Namen. Gegen den Vater trat eine Scheu, ja eine Abneigung hervor, die die liebevollste Behandlung nicht zu mindern vermochte. Erst als das Bild der Abgeschiedenen in seiner Erinnerung verblich, zeigte er sich freundlicher Ermahnung zugänglich. Und nun das Eis einmal gebrochen war, vollzog sich in seinem Gebaren eine völlige Umwandlung, dergestalt, daß er sich seinem Vater zutraulich näherte und sich ersichtlich Mühe gab, ihm seine Anhänglichkeit zu beweisen. Die Natur der Vechältnisse brachte es mit sich, daß Theo zu viel sich selbst überlassen war. Seinen großen und kleinen Fehlern zu wehren, hätte es steter Ueberwachung bedurft. Wie die Dinge ändern? Bollhardt dachte an Lene Launsbach. Sie wäre ihm eben recht gewesen, das vorlaute Bürschchen in Schranken zu halten. Allein, so lange die Gehaltsfrage der Volksschullehrer im Landtag nicht entschieden war, würde es ihm schwer fallen, die Kosten für einen größeren Hausstand aufzubringen. Und dann der entscheidende Grund, von Lene Launsbach abzusehen: er stand in der Vollkraft seiner Jahre und war für Frauenschönheit empfänglich. Dessen brauchte er sich nicht zu schämen. Aber dein reizvollen Mädchen nahe, fühlte er Wünsche rege werden, die er nicht in sich aufkommen lassen wollte. So war es am besten, es blieb beim alten. Mochte Lene den Laufdienst besorgen, als Wirtschafterin nahm er sie nicht ins Haus. 7. Der Löwenheinrich ist ein stämmiger Dreißiger. Kränkeln und Klagen kennt er nicht. Er nennt ein stattliches Haus sein eigen, und seine Wirtschaft ist gut besucht. Schlecht und recht lebt er dahin und erfüllt gewissenhaft feine Bürgerpflichten. Soweit also ein honetter Mann. Nichtsdestoweniger hat Herr Konrad Schollas, der entlassene Notarschreiber und jetzige Lebensversicherungsagent, ein Manko an ihm entdeckt: er hat fein Leben noch nicht versichert. Wer früh aussteht, kommt früh an, denkt Herr Schollas und kehrt mit dem Glockenschlag neun im „Löwen" ein. Um diese Zeit sind selten Gäste da. Wirklich trifft er den Wirt ohne Zeugen. Zweimal bereits hat er ihn in der Mache gehabt; heut wird er sich hoffentlich breitschlagen lassen. Der Lebensversicherungsagent, der sein Brot unter Kleinbürgern und Bauern sucht, hat einen schweren Stand. Da heißt es: Dem ist nicht um di« Ecke zu trauen, der nimmt das Geld von den Leuten, von den Säumen kann er es nicht schütteln. Und alssort das Gerede vom Sterben, daß man eine Gänsehaut kriegt. Hab und Gut gegen Feuer versichern, ja, das ist rvas andres. Abbrennen kann man jeden Tag. Das Leben ruht in Gottes Hand; fein Leben versichern, ist Gottlosigkeit. Kommt der Agent mit Tabellen und Zahlen, begegnet er erst recht "ühtrauifchen Gesichtern. Das geht nicht mit rechten Dingen zu; da wird die Wohltat der Lebensversicherung vom Volk selten erkannt, und der Agent verfährt wie der Handlungsreifende, der mit allerlei Ueberredungs- tunften feine Ware an den Mann bringen muß. Bus den Reklamefchristen feiner Versicherungsanstalt hat sich Herr Schollas eine Methode zurechtgelegt, die er regelmäßig ins Treffen führt. „Kurz und gut, Löwenheinrich," schließt er seinen Erguß, „die Prämie, die sie zahlen, ist die beste Kapitalanlage, die Sie machen können. Sie »«raniwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühl sind ein kerngesunder Mann. Ein langes Leben, glauben Sie, ist Ihnen so sicher wie das Amen in der Kirche. Gehen Sie mal auf den Friedhof hinauf. Da liegt gar mancher, der mitten in seiner Kräftigkeit fori- gemu&t hat. Gott verhüt es, aber es kann Ihnen auch passieren. Nun sind Sie hin. Frau und Kinder bleiben zurück. Wer weiß, ob die Wirtschaft dann noch so geht! Mit eins ist das Vermögen fort, und die Not klopft an die Tür. Haben Sie aber vorgesorgt, kommt der verschriene Agent und legt die blauen Scheine hin. Sie haben freilich nichts mehr davon; aber Ihre Angehörigen danken's Ihnen übers Grab hinaus. Noch einmal Löwenheinrich: wenn Sie's gut mit Ihrer Familie meinen, schieben Sie es nicht auf die lange Bank und versichern Sie Ihr Leben." Der Löwenheinrich denkt nicht daran, sich versichern zu lassen; aber als gewiegter Wirt will er es mit keinem seiner Gäste verderben. Darum steckt er sich hinter seine Frau. Die behaupte steif und fest, habe er sich heute versichert, werde ihn morgen der Sensenmann holen. Von dem Wahn sei sie nicht zu kurieren. Um des lieben Friedens willen habe er tf)r das Versprechen gegeben, keinen Antrag zu unterzeichnen. Herr Schollas gerät in Hitze. „Was? Ist Ihre Frau denn so borniert?" Der Löwenheinrich zuckt die Achseln. „Machen Sie's anders." „Möchte doch einmal mit ihr sprechen." „Ei, sie hat droben Raumerei." „Dann wart' ich, bis sie kommt. Geben Sie mir derweil noch ein Glas Bier." Die Wirtin blieb geflissentlich fort. Der Löwenwirt hatte im Keller zu tun und ließ den Gast allein. Der zündete eine Zigarre an und grübelte vor sich hin. Vorhin war ihm der Notar begegnet und hatte den Kopf weggetan Das war der Dank für die treuen Dienste, die er ihm geleistet! Elf Jahre hatte er feinen Posten innegehabt. Eine schöne Zeit! Was war nicht alle» durch seine Hände gegangen. Der Notar hatte ihm fein Vertrauen ge> schenkt, und er hatte sich dessen würdig gezeigt. Die Bezahlung war miserabel gewesen, tausend Mark, das Neujahrsgeschenk mit einbegriffen. Da konnte man keine großen Sprünge machen. Wie oft hätte er Gelegen- heil gehabt, sich Nebeneinkünftchen zu verschaffen, allerdings auf krummen Wegen. Immer hatte er der Versuchung widerstanden. Er konnte frei den Blick erheben; er hatte den Notar um nichts gebracht und war als ehrlicher Mann gegangen. Und nun die verächtliche Art, wie man ihn ver- abschiedet hatte: „Sie haben eine Person geheiratet, die in notorisch schlechtem Rufe steht. Wie konnten Sie so leichtfertig handeln? Ihre Steilung bei mir ist unhaltbar geworden. Sehen Sie, daß Sie sonstwo unter« kommen." Er war die Antwort nicht fchuidig geblieben. Der Herr btotar habe bloß zu befinden, ob er seine Schuldigkeit getan oder nicht. Wen er geheiratet habe, sei seine Sache. Unter sotanen Verhältnissen lege er gleich die Feder hin. Der Kollege Muggenthaler, der Schuft, kicherte hinter ihm her. Drunten auf der Straße wollte er vor Wut zerbersten. Fortgejagt wie ein ehrloser Sump! Er schnaubte nach Rache. Den Muggenthaler würde er er- würgen und dem Notar den roten Hahn aufs Dach stecken. Gleichviel, ob er ins Zuchthaus wanderte. Nur Rache! Wie besessen lief er um die Stadt herum. Allmählich ebbte die Sturmflut feiner Erregung. Dann kam wie immer bei ihm die Reaktion. Im Grunde konnte er es dem Notar nicht verargen, daß er den Mann einer Stadlern auf [einem Bureau nicht dulden wollte. Warum war er sich früher darüber nicht klar geworden? Hinterher kam die Erkenntnis zu spät. Er hatte sich die Suppe einge- brockt; nun mußte er sie essen. Niedergeschlagen kehrte er nach Hause zurück. Seine Frau tröstete und ermutigte ihn. Er solle sich es nicht zu Herzen nehmen. Sie hätten selbander genug zu leben. Ja, sie betrachtete es als ein Glück, daß er des Schreiberdienftes ledig sei. Ein Vetter von ihr in gleicher Stellung sei an einer Blutkrankheit zugrunde gegangen, und der Arzt habe seibigmal gesprochen, das ewige Sitzen sei daran schuld. Er könne jetzt nachholen, was er versäumt, könne sich tüchtig Bewegung machen. Die Zeit auszufüllen, finde sich wohl ein Aemtchen. Dalegte sie ihm wohlmeinend dar und träufelte Balsam in seine Wunde. 3n der Tat war es am klügsten, sich ins Unabänderliche zu schicken. Vor allen Dingen war er jetzt ein freier Mann, lebte sozusagen von feinen Renten. Dieser Gipfelpunkt bürgerlichen Wohlbehagens war stets da» Ziel seiner Wünsche gewesen. Dabei brauchte man keineswegs die Hände in den Schoß zu legen. Der Faule verdarb. Just suchte eine ausländische Lebensversicherungsanstalt im Blättchen einen Agenten. Dem Buckeft Müller war zu Ohren gekommen, die Gesellschaft sei wenig geachtet und schlecht fundiert. Wahrscheinlich hatte gehässige Konkurrenz das Gerücht verbreitet. Er bewarb sich um die Agentur und erhielt sie. Darauf machte er in der Stadt und in den benachbarten Dorffchasten feine Besuche. Lag es an ihm ober an seiner Anstalt, niemand biß an. Man mußte nicht gleich den Mut verlieren; die Leute wollten bearbeitet fein. Tagelang ging er außer dem Haufe feinem neuen Geschäfte nach und verzehrte in den Wirtshäusern sein Geld. Ueber Ebbe in der Tasche hatte er nicht zu klagen; feine Frau gab willig, was er verlangte. Kam er bann heim, geschah es zuweilen, daß sie ihm mit hochrotem Kopf entgegentrat. Er witterte Unrat und herrschte sie an, tpas sie getrieben habe. Sie setzte eine harmlose Miene auf und war um ihre Rechtfertigung nicht verlegen. Der lange Zutt, der auch in der Kaplansgasse wohnte, hatte ihm zng?- tufchelt, er solle auf der Hut fein; seine Frau hintergehe ihn. Der Mann war ein großer Schalk; man wußte nie, woran man bei ihm war. Dennoch nistete der Argwohn sich in ihm ein. Er versuchte, ihr Fallen zu stellen. Vergebens. Möglich, daß sie unschuldig war. Aber der quälende Zweifel! Das war der Fluch dieser Heirat. Er hatte gewußt, wie es um ihren Leumund stand. Jetzt geschah ihm recht. Eins tröstete ihn: betrog fie ihn wirklich, gab es eine strafende Gerechtigkeit. Er würde sie doch einmal erwischen. Dann wehe ihr ! (Fortsetzung folgt.) sche Aniversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.