Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1929 Montag, -en tö. September Nummer 72 Am Wege. Von Edmund Finke. Hast du jener Kirche dunkles Dämmern schon vergessen und den Engelchor: Oh, noch hör ich unsre Herzen hämmern ... und der schwarze Beichtstuhl steht davor. Hast du unsre herbstdurchglühten Wege schon vergessen und den ersten Traum, Strom und Sonne sanken süß und träge hinter einen goldnen Birkenbaum. Du mein Anfang du und du mein Ende, sei mir wieder Weg und Ziel und Licht, sei mir Ewigkeit und Nacht und Brände, sei mir wieder Gnade und Gericht. Reich mir wieder deine kleinen Hände, Liebste ... und vergiß mich nicht ... Erinnerung an einen alten Lehrer. Von Robert Neumann. Das war nur der Wind. Das Fenster klirrte, und jetzt bist du erwacht. Fröstelt es dich vor der fahlen Nacht? Hast du Angst, noch einmal niederzutauchen in Traumgestrüpp? Dann rück nahe an meine Seite, Frau, und lehn deine Wange an meinen Arm. Ich will dir von einem Bild erzählen, von einem Gesicht, von einem Menschengesicht, das seit sieben Tagen wieder durch meinen Schlaf schwebt, hergeholt, hergezerrt durch die verwirkte und verfallene Zeit. Er hieß Essig, Professor Essig, und mit Vornamen Adolar, was an sich schon lächerlich ist. Er sollte uns in Latein unterrichten, und das tat er anders als die anderen Lehrer. Einmal sagte er: „Ihr sollt erkennen, wie schön diese Sprache ist! Promontorium, das heißt: das Vorgebirge. Promontorium — seht ihr cs nicht vor euch?" Was ebenfalls an sich lächerlich war. Sage ich noch, daß er ein ganz dürrer Mann mit sehr ärmlicher Kleidung war, klein, mit Riesenfüßen, mit einer Ricsennase, mit einer Riesenbrille vor kurzsichtigen Augen, mit einer spiegelnden Glatze und einem suchsroten Spitzbart — nein, er war nicht der, bei dem scchsund- dreißig dreizehnjährige Rangen die lateinische Sprache erlernen. Und als damals der Direktor in seine Stunde kam, weil über unserem Trappen drunten im Konserenzzimmer die große Deckenlampe niederzustürzen drohte, und als bei dieser Gelegenheit sich erwies, daß der Rücken von Professor Essigs dürftigem Anzug mit frischen Tintenflecken und allerlei angchefteten Zetteln und Schleifen verunziert war (denn er pflegte während des Vortrags zwischen den Bankreihen auf- und niedcrzugehen) — da also all das aufkam und Essig seinem Sträuben zum Trotz („Das ist gegen meine pädagogischen Prinzipien!", versuchte er einzuwenden) den Auftrag erhielt, von nun ab jede Misfetat gegen seine Person exemplarisch zu strafen, änderte sich nidjf viel. Denn da wir alsbald herausgebracht hatten, daß im Grunde genommen nicht der Missetäter, sondern der magere Mann mit dem Spitzbart es war, der unter solcher Bestrafung litt, und da er überdies stillschweigend, ja mit einem Zwinkern des Einverständnisses darüber hinwegging, wenn seine Strafbefehle keine Ausführung fanden, waren die schließlich nur ein Anlaß mehr zu Unfug und Uebermut. Nun war ich damals ein sehr kränkliches Kind, klein, schmal, häßlich und überreizt, und ob es nun das Bedürfnis war, bei den kräftigeren und zum Teil schon mit männlicher Stimme redenden Kameraden endlich einmal mich in Geltung zu setzen, ob es dieses Bedürfnis war oder vielleicht auch nur das Bedürfnis, böse zu handeln, Schmerz zu bereiten, wie es gerade bei sehr kränklichen und weichherzigen Kindern mitunter auftritt — ich streute eines Tages vor Essigs Stunde gezählte hundert Stück Knallkapseln auf den Boden des Ganges zwischen den Sitzreihen, auf den Rückzugsweg zum Katheder und den weiteren zur Ausgangstür, so planvoll verteilt, daß der milde Mann, nachdem er einmal auf die erste Kapsel getreten war, tief erschreckt mit aufgerissenen Augen fast weinend in einem lächerlich hüpfenden Jndianertanz durch das Zimmer raste, von dem Maschinengewehrgeknatter der unter seinen Sohlen sich entladenden Kapseln und von unser aller brüllendem Gelächter gleicherweise begleitet. Ehe Essig sich gefaßt und ehe er noch ein Wort zu fragen vermocht hatte, stand ich auf und sagte: „Ich war das. Ich." Ich erinnere mich, daß der Dürftige nicht sogleich antwortete. Neben der Tür stand er, tief erblaßt, stand da zitternd in seinem abgetragenen Anzug und schwieg. Es dauerte wohl drei oder vier Minuten, bis er sich ein wenig gefaßt hatte. „Quod ferrum non sanat, ignis sanat,“ sagte er leise, „aber dieser. Satz gehört erst in den Stoff des zweiten Semesters. Du weißt nicht, was du getan hast, mein Kind. Setz dich nieder." Es war wohl noch das Weinen, dagegen ich kämpfen mußte, das mich antrieb und zwang, den Mann mit der Riesennase weiter zu quälen. „Ich habe eine Strafe zu bekommen", sagte ich schroff. „Ich will meine. Strafe." Er schwankte. Dann faßte er sich und indes hinter den großen Brillengläsern seine kurzsichtigen Augen baten, zwinkernd im Einverständnis, sagte er mit gefestigter Stimme: „Du wirst morgen eine Bestätigung bringen, von deinen Herren Eltern oder ihren Stellvertretern unterschrieben, eine Bestätigung, daß du ihnen den Vorgang gemeldet hast und einer häuslichen Züchtigung unterzogen worden bist." Er zwinkerte. Aber es trieb mich, ihn weiter zu quälen, und so sagte ich stramm; „Gut, Herr Professor, ich werde die Bestätigung bringen." Ich sah, wie er erschrak. Ich sah, wie er mir fassungslos in die Augen schaute. Er zwinkerte. Aber ich wiederholte: „Ich werde die Bestätigung bringen." Da war es um den Rest feiner Haltung geschehen. „Rach der Stunde reden wir weiter", sagte er leise. Wie dieses Gespräch unter vier Augen dann im einzelnen ablief, kann ich nicht sagen. Er sagte: „Du mußt — dieses eine Mal noch — die Bestätigung nicht bringen." Er sagte: „Bring die Bestätigung nicht!" Ja er sagte: „Ich bitte dich, Kind: bring die Bestätigung nicht. Deine Eltern werden sich kränken. Deine Eltern werden dich schlagen." Aber ich verhärtete mich gegen ihn und sagte: „Sie haben es frühex selbst befohlen. Ich will meine Strafe." Wie das ausging? Das ging so aus, daß er zu schluchzen begann. Ja, er schluchzte mit einemmal wie ein Kind — es werden wohl nur feine; schwachen Nerven gewesen {ein. Und auch ich konnte da wieder meinen, und dann ging ich nach Hause und habe die Bestätigung nicht gebracht. In dem dann folgenden Jahr bekamen wir einen anderen Lehrer, und ein Gespräch hatte ich mit Professor Essig erst vier Sommer später, als wir alle schon tiefe Stimmen hatten und in seine Tochter verliebt waren. Seine Tochter, Elisabeth hieß sie, war damals achtzehnjährig, ein heiteres, groß gewachsenes Mädchen, vollbusig und blond. Ich wußte, daß sie immer gegen sieben Uhr abends quer durch den Stadtpark nach Hause ging, und in der Kühnheit wacher Träumereien, wie man ihnen in diesem Alter nachzuhängen beginnt, hatte ich mich in den Entschluß verbissen, eben im Park dieser Elisabeth Essig aufzulauern und sie anzusprechen, wie das so unter den älteren Gymnasiasten und unter den Hochschlllern im Schwange war. Ich zog also eines Abends meinen guten Anzug an, einen steifen Kragen, meine neue Krawatte^ den Hut schob ich mir verwegen zurück, und mein Stöckchen zwischen den Fingern wirbelnd wartete ich. Ich wartete nicht vergebens. Elisabeth kam. Sie kam nicht allein. Eng eingehängt in einen kleinen, kurzsichtigen jungen Mann mit großer Brille und großen Füßen, strich sie, zwitschernd in heiterem Zwiegespräche, ganz nahe an mir vorüber, ohne mich zu sehen, und war verschwunden. Anderen Tages, während der großen Pause, trat ich auf Professor Essig zu und sagte mit einer kürzlich mir erst zugewachsenen Wortgewandtheit: „Herr Professor — ein Wort unter Männern. Ich sah gestern abend Ihre Tochter Elsiabeth Arm in Arm mit einem jungen Manne mit Brille. Nach sieben Uhr. Jrn Park. Sie gingen in der Richtung gegen Ihre Wohnung. Unter Männern — ich glaube, Sie warnen zu sollen." Der Mann mit der Glatze schaute mir fassungslos in die Augen. „Ich danke Ihnen", sagte er leise. „Der junge Mann mar mein Sohn. Er studiert in Jena. Er hat ein Stipendium. Er ist zu Besuch gekommen." Er wiederholte: „Ich danke Ihnen für Ihre Warnung. Sie haben es sicher sehr gut gemeint." Er brach ab und errötete tief. Er schämte sich. Er schämte sich für mich. Von da ab bin ich ihm ausaernichen. Das wurde mir leicht. Denn ich ging dann auf eine andere Schule. Und dann kam der Krieg. Einmal sah ich ihn noch, auf der Straße zuist Bahnhof, da ging er mit lächerlich langen Schritten neben einem Marschbataillon und suchte gleichen Schritt zu hallen mit jenem Sohn, der, itt derb-steifer Uniform mit Gewehr und großem Tornister bepackt, den Transportwaggons zustrebte. Dann sah ich ihn noch einmal, da ging er — es mar Winter — ohne Ueberrock ganz langsam eine teere Gasse entlang und redete mit sich selbst. Sein Sohn sei gefallen, hörte ich. Und er sei sonderbar geworden, und man habe ihn pensioniert Dann faßte mich selbst die Welle und spülte mich aus der Stadt und dahin und dorthin, und darüber kann man einen kleinen Mann, der Adolar Essig heißt, wohl vergessen. Vor sieben Tagen, Frau, habe ich ihn wiedergesehen. Ihn — ober nicht ihn. Ich hatte da zehn Minuten zwischen der Generalversammlung lind der Enquete beim Minister, und so nahm ich einmal nicht den geraden Weg, sondern ging durch den Park. Dort, wo das freie Rondeau ist, bekam ich ihn zu Gesicht. Sonne liegt auf dem Platz. Dort spielte er, spielte Pferdchen mit einem Kind, einem winzigen Knaben mit rotem Haar und großen Füßen und einer großen Brille vor kurzsichtigen Augen. Der hatte dem alten Mann zwei lange Schnüre an die Arme gebunden als Zügel. Eine Kinderpeitsche hielt er in der Hand und rief: „Hott!" Und dann setzten sie sich in Bewegung und trabten, beide ganz ernsthaft, beide ohne Lächeln, ganz eingefangen von ihrem Geschäft, zweimal an mir vorüber. Als sie das drittemal nahekamen, sagte ich: „Guten Tag, Herr Professor Essig." Der Mann —er sah aus wie damals, er trug, glaube ich, sogar den gleichen dürftig gelbbraunen Anzug, und nur sein Spitzbart war heller geworden, der alte Mann blieb nahe vor mir stehen und schaute mir ins Gesicht. „Guten Tag, guten Tag", sagte er mit einer ganz seinen Stimme. Er sann nach. Er besann sich nicht. Und so nickte er kurz, wandte sich ab und trabte weiter. „Hott", sagte das Kind. Dann waren sie um die Ecke. Sein Gesicht, Frau, sein Gesicht ist es, das seit sieben Tagen wieder durch meinen Schlaf schwebt, hergeholt, hergezerrt durch die verwirkte und verfallene Zeit. Nur das Gesicht eines alten Lehrers, du Frau, die du deine schlafwarme Wange an meinen Arm legst. Schläfst du wieder? Du schläfst, und so habe ich all das nur mir selber erzählt, mir, einsam, nachteinsam, in Angst, noch einmal niederzutauchen in Traumgestrüpp. Schlaf weiter. Das Fenster klirrte. Aber das war nur der Wind. Die „Herzogin von Eypern". Von Dr. Hedwig F i s ch m a n n. Der Prozeß, der in Bälde bei den amerikanischen Gerichten um die Millionen der Romanow angestrengt werden soll, wird noch einmal den bunten Lebensroman jener Frau, die auf die Riesenerbschaft als Zarentochter Anastasia Anspruch erhebt, aufrollen, wird alle Fäden dieses Gewebes unter die Lupe nehmen und nach Wahrheit und Dichtung durchleuchten. Wieviele Vorläufer auch Frau Tschaikowska unter den im Laufe der Jahrhunderte aufgetauchten männlichen Prätendenten auf den Rang eines geheimnisvoll verstorbenen Prinzen oder Königs besessen hat, so steht sie doch unter ihren Geschlechtsgenossinnen ziemlich vereinzelt da. Aber ein Bündel alter verstaubter Akten des Archivs zu Weimar weiß dennoch von einem Fall zu berichten, in dem eine Frau, in immer wechselndem Spiel Maske um Maske vornehmend, sich selbst bis zu dem Rang einer Königin emporgedichtet und jahrelang durch ihr phantasievolles Gaukelspiel eine Reihe kleiner Fürstenhöfe in Atem gehalten hat. Wie ein guter Regisseur sparte sie nicht mit immer neuen Effekten in ihren Enthüllungen, nicht mit grausamer Kerkerhaft, Entführung, Ueberfall, zauberhaften Liebestränken, bis schließlich etwas von jener Tragik, die sie zusammenfabuliert hatte, sich im Ausklang ihres Lebensschicksals erfüllte. Man schrieb das Jahr 1558. Wenige Monate waren verstrichen, seitdem Anna von Cleve, die vierte Gemahlin Heinrichs VIII. von England, auf ihrem Landsitz zu Chelsea, eine Halbvergessene, gestorben war. Sie, der von allen Frauen des fürstlichen Blaubarts noch das mildeste Los gefallen, hatte hier nach ihrer Verstoßung fern ihrer westfälischen Heimat in einsamer Stille gelebt. Ihr Tod war dem Hofe von Jülich-Cleve und den ihm befreundeten Fürstenhäusern angezeigt und hier Hoftrauer für sie gehalten worden. Da erhielt eines Tages Herzog Johann Friedrich II. von Sachsen-Weimar ein Schreiben von unbekannter Hand, in dem ihn eine ungenannte Dame bat, einen Bevollmächtigten zu ihr zu entsenden; sie wollte ihm Enthüllungen von größter Wichtigkeit über seine Tante, die Ex-Königin von England, machen, die sie dem Papier nicht anvertrauen könne. Auf das höchste begierig, näheres zu erfahren, sandte ihr der Herzog seinen Sekretär mit einem Ermächtigungsschreiben. Ihm nun teilte die Dame zunächst ihre eigenen abenteuerlichen Lebens- fchicksale mit, die in dieser ersten von ihr produzierten Fassung etwa also lauteten: Sie sei eine Herzogin von Cypern und durch eine Kette von Hofkabalen widerrechtlich in London gefangen gehalten worden. In gefahrvoller Flucht sei es ihr gelungen, zu Schiff nach Danzig zu entkommen. Auf ihrer weiteren Reise durch Polen aber sei sie überfallen, ihrer gesamten kostbaren Habe beraubt, ein Teil ihres Gefolges erschlagen und ein ihm zugehöriger englischer Edelmann Wilhelm von Zieritz — der auch in den späteren Erzählungen der Abenteuerin eine wichtige, oftmals wechselnde Rolle spielen sollte, die etwa jener des „großen Unbekannten" vieler Prozesse vergleichbar ist — schwer verwundet worden. Da man auch von England her einen hohen Preis auf ihre Wiederergreifung ausgesetzt habe, sei sie, wie ein Wild umstellt, umhergehetzt und aller ihrer Mittel beraubt worden, so daß sie nach Verpfändung ihres letzten Schmuckes und ihrer Kleider nicht einmal standesgemäß vor dem Herzog erscheinen könnte. Der eigentliche Grund aber, warum sie diesen habe auffuchen wollen, sei die Mitteilung, daß seine Muhme, die Königin Anna, noch am Leben und nur fälschlich totgesagt werde. Bis vor einem Jahr habe man sie in einem englischen Kloster gefangen gehalten, aus dem sie aber geflohen und ebenfalls nach Danzig entkommen fei, wo sich ihre Wege gekreuzt hätten. Von hier habe sie ihre aus England mitgenommenen Schätze, darunter die englischen Privilegien, Reichsapfel und Zepter sowie kostbare Juwelen, durch einen Kaufmann nach Augsburg gesandt, worüber die Herzogin von Cypern zwei ihr anvertraute Schriftstücke vorwies. Denn da sich die Herzogin verborgen halten müsse, habe sie ihr den Auftrag erteilt, die Schätze mit Hilfe eines Vertrauten des Herzogs von Weimar zu erheben, wozu man allerdings erst auf die '$eil.un9 und Rückkehr des geheimnisvollen Herrn von Zieritz warten müsse; dann sollten die Kleinodien Johann Friedrich und seinem Bruder Johann Wilhelm überliefert werden. Zur Bekräftigung ihrer seltsamen Erzählung wies die Dame dem Sekretär außer den zwei Schriftstücken auch ein Handfiegel vor, das dem von dem Gehörten ganz Benommenen aus massivem Gold zu sein schien. Mit dieser Botschaft eilte der Sekretär zu seinem Herrn, der darüber so erfreut war, daß er die Herzogin von Cypern auf feine Kosten in Roßla unterbringen ließ und ihr nebst anderen Geschenken ein standesgemäßes Gewand sandte. Begierig, die interessante Fremde kennen zu lernen, begab er sich bald darauf zu ihr. Nun gab sich die Dame ihrem teuern Neffen als die totgeglaubte Tante selbst zu ertennenn, wofür sie eine Anzahl scheinbarer Beweise vorzubringen wußte. Sogleich wurde ihr das Schloß Grimmenstein bei Gotha als königlicher Witwensitz zugewiesen; der Herzog sparte auch in der Folge nicht an Geschenken für die vermeintliche Erbtante, und auch seine Gemahlin schrieb" ihr die liebevollsten Briefe. Ader obgleich alle Beteiligten sich verpflichtet hatten, zunächst noch das Geheimnis zu wahren, sickerte doch einiges durch, und der Herzog wurde vor der Fremden gewarnt, die schon ein ähnliches Spiel beim Kurfürsten von Brandenburg und dem Herzog von Liegnitz gespielt hatte. Doch dies konnte den Glauben Johann Friedrichs noch nicht erschüttern, der noch gefestigt wurde, als ihm die Dame auf seinen Wunsch bereilswilligst eine Schenkungsurkunde über die Schätze ausstellte. Ader nun trat der Umschwung ein. Während einer längeren Abwesenheit des Herzogs versuchte die „Königin" einige Schwindeleien, die sie verdächtig machten. Auch traf eine Warnung des Herzogs Johann Wilhelm aus Paris ein, man solle der Fremden nicht trauen, und das gerade in dem Augenblick, als sie für den Undankbaren einen liebenswürdigen Brief an den König von Frankreich schrieb, er möge ihr seine Tochter vermählen. Immerhin begann man ihr in Thüringen nun doch etwas zu mißtrauen, so daß man diesen Brief, der den Herzog dem Gespött aller Höfe preisgegeben hätte, nicht abgehen ließ. Inzwischen war auch ein Abgesandter des Herzogs von Jülich-Cleve in Weimar mit der Aufforderung erschienen, die angebliche Anna von Cleve zu verhaften. Nun ging es mit der fürstlichen Herrlichkeit der Abenteuerin schnell bergab. Unter strenger Bewachung in Tenneberg gefangen gehalten, in wiederholten Verhören befragt, gab sie endlich unter Tränen zu, sie sei eine Gräfin von Dftfrieslanb und nicht die Ex-Königin Anna, zu welcher Rolle sie Wilhelm von Zieritz überredet habe, der ihr auch die von ihr vorgewiesenen, ihrem Glauben nach echten Papiere übergeben habe; dieser, der dann bei einem späteren Verhör nach der Mischung eines Liebestrankes zu ihrem Gemahl avancierte, habe die Schätze der Königin in Verwahrung. Aber auch diese Version ihres Lebensromans wie so manche andere in der Folgezeit von ihr vorgebrachte, erwies sich als unwahr, und schließlich tat man, was man in der damaligen Zeit immer tat, wenn man ein Geständnis erreichen wollte: man drohte ihr mit der Folter und ging von der Drohung zur Tat über. Die Unglückliche, zweifellos unter dem Zwang krankhafter Lügenhaftigkeit stehend, ersann Märchen auf Märchen, in denen sie sich bald als die uneheliche Tochter des Herzogs von Cleve, bald als die Trägerin anderer bekannter Adelsnamen, immer aber als eine Vertraute der Königin Anna hinstellte. Befragt, warum sie nicht gleich die Wahrheit eingestanden, erzählte sie, sie habe einen furchtbaren Eid beim Teufel schwören müssen, daß er kommen und sie erwürgen möge, wenn sie ihr Schweigen jemals brechen würde. Schließlich wurde man der ewigen Verhöre müde und schloß die umfangreichen Akten über diesem verworrenen, ungeklärten Fall, indem ihnen eine Aufstellung aller Kosten, welche die Fremde dem leichtgläubigen Herzog an Geschenken, Unterhalt und Reisen verursacht hatte, als tragikomisches Endkapitel beigefügt wurde. Sie beliefen sich auf fast 500 Gulden, und es ist daher immerhin begreiflich, daß diese Auslagen statt der erhofften großen Schenkung neben der Furcht vor dem Gelächter aller um den Prozeß Wissenden den Herzog so erbitterten, daß er die Urheberin seiner Enttäuschung auf Schloß Tenneberg in einem gewölbten Gefängnis in strengem Gewahrsam hielt. Später stellte man nach langen mühevollen Nachforschungen fest, daß die ptjantafiebegabte Abenteuerin, in Wahrheit die Tochter eines Grafen gewesen ist und den Posten einer Kammerfrau der Königin von England bekleidet hat, woher ihre verblüffende Kenntnis vieler persönlicher Einzelheiten und der Besitz gewisser Dokumente und Wertsachen stammten. Es scheint, daß diese Frau, die mit ihrem maßlosen Gettungsbedürs- nis und ihrer hemmungslosen Phantasietätigkeit wohl eher vor bas Forum der Psychologen als der Juristen gehört hat, bis an ihr Lebensende eingekerkert geblieben ist. So endigt dieses wirre Leben, das sich nicht genug tun konnte an erdichtetem Glanz, in der verzweiftungsvollen Eintönigkeit enger Gefängnismauern. Hühnerjagd im Herbst. Von Thilo v. W i 1 d u n g e n. Ein Hühnervölkchen saß im Klee Am ersten Tag der Jagd. Da sprach der Hahn: „Mir wird so weh. Es träumt mir diese Nacht, Mir träumt, mit uns da wär's vorbei, Es räch' nach Pulver und nach Blei. Kommt, Kinder, küßt mich, eh' wir geh'n, Wer weih, ob wir uns Wiedersehn!" (Altes Jägerlied.) Die ersten bunten Blätter lugen aus dem tiefgrünen Laub der Bäume, Der Spätsommerwind reitet über die Stoppelfelder. Heiße Hundstags- fonne brennt hernieder auf eine Fülle farbenprächtiger Herbstblumen, die vor dem Scheiden ihre farbenfrohen Kleider angelegt haben. Für den Weidmann aber beginnt morgen die Feldhühnerjagd. Das Jagdzeug wird zurechtgelegt, und mit der guten leichten Hühnerflinte einmal Anschlag geübt. Mein laubfarbiger Stichelhaariger, der brave Nimrod, geht mir nicht von der Seite. Mit braunen, treuen Lichtern und schief gehaltenem Kopf schaut er mir zu. Er weiß, es geht etwas Besonderes vor und auch für ihn wird es wieder einmal langersehnte Arbeit geben. Ein lieber alter Kriegskamerad, mit dem ich morgen die ersten Rebhühner weidwerken will, weilt bei mir. Das Abendessen würzen gemeinsame Jagderinnerungen, und in der alten Geisblattlaube fitzt es sich köstlich bei gut gekühltem Mosel und einer duftenden Brasil. Wunder- barer Abendfrieden, erfrischende Kühle liegen wohltuend über Hof und Garten. Aus den nahen Jnsthäusern tönt die schwermütige Melodie einer „Trecksiedel": „Die Vöglein im Walde, sie sangen so wunderschön." Das einfache Soldatenlied aus dem Weltkriegei Damit werden die Kriegserinnerungen wach, und es wird uns schwer, das gemütliche Beisammen- ein schon vor Mitternacht abzublasen. Doch wir wollen morgen frisch ein, wenn die Feldhühner locken. Ein Blick auf Mond und Himmel ündet uns eitel gutes Jagdwetter für morgen. Dann verschwinden wir mit Weidmannsheil in den „Schnarchkorb". Am nächsten Morgen pünktlich 8 Uhr sind wir bei der „alten Eiche". Der Freund hat seinen braunen, deutschen kurzhaarigen „Treff" mitgebracht, und als Begrüßung stehen beide Hunde sich mit gesträubten Haaren knurrend gegenüber. Dem Jagdeifer müssen sie Ausdruck geben. Ein kurzer Anruf und ein Jagdhieb, ohne den es wohl bei keinem Jagdhund am ersten Tag der Hühnerjagd abgeht, bringt sie bald zur Vernunft. Es herbstet merklich, in bunten Farben leuchtet es auf Wiesen und Feldern. Hin und wieder flattert ein welkes Blatt zur Erde. Kräftiger Duft reifer Eicheln und Nüsse zieht in unsere Nasen. Dünne grausilberne Schleier liegen über die Wiesen gebreitet. Schon aber setzt merkliche Wärme ein, und bald werden die Strahlenspeere der Spätsommersonne das feine Gespinst der frostigen Nebelfrauen zerfetzen. Sogleich beginnen wir mit der Hühnersuche, und schon nach 100 Schritten steht Nimrod fest vor. Von der Seite zieht auch Treff an, und wir nähern uns den Hunden mit schußbereiten Flinten. Brrrrrr, da gehen die ersten Hühner hoch. Zweimal schieße ich, und auch rechts von mir höre ich es zweimal knallen. Drei Hühner sehe ich fallen, sechs streichen weiter. Ein starkes Volk. Stolz bringt mir Nimrod das erste Rebhuhn, natürlich ein altes. Eigentümliche Erscheinung, daß so oft die Alten zuerst aus dem Volk herausgeschossen werden. Auch Treff apportiert zwei Hühner, schöne junge mit zitronengelben Ständern. Wir suchen weiter, da fährt ein „Krummer" aus der Sasse. Beide Hunde wie ein Gewitter hinterher. Nimrod läßt sich abpfeifen und kommt diesmal mit einer Verwarnung „Pfui Haas" davon. Mit Treff geht der Jagdeifer durch. Erst nach etwa 10 Minuten kehrt er mit eingekniffener Rute zu seinem Herrn zurück. Ihm wird eine ernstere Belehrung mit der Hundepeitsche zuteil, und für die nächste halbe Stunde werden ihm die „Korallen" (Dressurhalsband) angelegt. Noch mehrere Male machen wir Hühner hoch; wir folgen den zersprengten Völkern; sie liegen dann zu zweien, dreien oder sogar einzeln und halten besser. Es wird sehr warm, wir ziehen die Röcke aus und machen den Hals frei. Jetzt geht es leichter, auch mit dem Schießen. Zu Anfang der Suche haben wir einige Hühner bildschön vorbeigeschossen. Man muß erst wieder durch die Uebung hineinkommen, auch das Rebhühnerschießen will gelernt sein. Allmählich füllen sich unsere Hühnergalgen, wir spüren die Last. Auch Hühnerläuse, die den kalten Hühnerkadaver verlassen und den warmen Menschenkörper aussuchen, machen sich unangenehm bemerkbar. Die Hunde lassen nach, eine Galoppsuche ist nicht mehr aus ihnen herauszuholen. Daher machen wir Mittagspause, um den Hunden und auch uns in der heißesten Mittagszeit ein paar Stunden Ruhe zu geben. Bei einem breiten Busch von hohen Buchen und Erlen sprudelt kristallklares, frisches Quellwasser, ein herrliches Labsal für uns und unsere vierbeinigen Jagdgefährten. Vorerst aber ein Stück trocken Brot und ein Schluck aus der Flasche, um den erhitzten Magen nicht zu erkälten. Schwarzbrot und gut durchwachsener Speck munden vorzüglich, und auch die Hunde bekommen ihren Teil davon. Dann werden die Hühner vom Galgen genommen und „ausgehackt". Mit einem Haken aus Draht oder einem dünnen Häkchen, aus einem Buchenzweig geschnitzt, löst man das Gescheide aus den Rebhühnern und hängt diese dann breit und luftig im Schatten aus. Ausgeruht und erfrischt, setzten wir unsere Suche fort. Die Hunde arbeiten jetzt geradezu vorbildlich. Nimrod bringt mir ein Huhn, das, wahrscheinlich von einem Schrotkorn im Kopf getroffen, fast kerzengrade hochgestiegen und etwa 800 Meter von uns entfernt nicdergefallen ist. Auch Treff ist ausgezeichnet in Form und arbeitet ein schnell laufendes Feldhuhn in fast kniehoher Serradelle sehr zur Zufriedenheit. Allmählich empfinden wir von der drückenden Hundstagshitze gesunde Müdigkeit. Bon allen Seiten hören wir jetzt den Lockruf der Feldhühner. Die zersprengten Völker sammeln sich mit tro-tro. Wir gehen dem Locken nach und machen dabei noch gute Beute. An den Usern des großen Sees wollen wir bis zur Spitze suchen und dann Halali blasen. In dem schilfigen, hohen Riedgras findet sich außer Rebhühnern wohl auch noch anderes jagdbares Getier. Meister Reineke pürscht gern in dem dichten Rohr auf Enten, auch ein Rehbock macht sich dort wohl sein kühles Bett zurecht. Die rotverglimmende Abendsonne sinkt tiefer und baut eine goldglänzende Brücke über den glatten Seespiegel. Funken stieben davon über das grünschwarze Wasser. Müde und schwerfällig stapfen wir dahin. Lange weiße Silberfäden des „Altweibersommers" legen sich schmeichelnd um Kopf und Glieder und wollen uns einspinnen. Plötzlich stehen beide Hunde fest vor. Ein Bild für Götter, diese wie aus Erz gemeißelten, edlen Hundegestalten. Immer mehr strecken sich die sehnigen, schlanken Leiber, länger und schöner werden Kopf und Fang. Schwerfällig mit lautem „Schrat," werden vier junge Grasenten hoch. Jeder machen wir eine nicht sehr schwierige Doublette und haben so einen schönen Abschluß für unseren «rften Herbstjagdtag. Jetzt heißt es Hahn in Ruh. Von den ersten Feldhühnern, die wir bereits beim Frühstück zur Küche schickten, schmurgeln jetzt gewiß schon einige, gut mit Speck und Weinblättern umwickelt, in der Bratpfanne. Am Horizont über dem Hochwald steigt in schlanker Silbersichel der Mond herauf. Vereinzelt plustert ein Bleßhuhn über das Wasser seinem Reste zu. Nur eintönige, glucksende Laute der großen Rohrdommel stören den tiefen Abendfrieden. Jetzt aber hören wir aus der Ferne den heranrollenden Jagdwagen, der uns in einer guten halben Stunde heimbringt zu Weib und Kind, zu den frisch gebackenen Rebhühnern und einer duftenden Pfirsichbowle. Zwittingsforschung. Erbgleiche und erbverschiedene Zwillinge. Von Privatdozent Dr. Freiherr v. Verschuer, Leiter der Abteilung für menschliche Erblehre im Kaiser-Wilhelm-Jnstitut für Anthropologie, Berlin-Dahlem. Wenn Zwillinge das Licht der Welt erblicken, wird dieses Ereignis nicht nur von dem Standesbeamten urkundlich ausgenommen, sondern es beansprucht auch im engeren und weiteren Verwandtschafts- und Freundeskreis lebhaftes Interesse. Wer hätte aber gedacht, daß Zwillinge zu einem besonders wichtigen Gegenstand wissenschaftlicher Forschung werden können? Schon in der Zeit der Wiederentdeckung des Mendelschen Gesetzes der Vererbung bediente sich der große Naturforscher und Eugeniker Sir Francis G a l t o n der Zwillingsforschung als Hilfsmittel für die Untersuchung der Vererbungserscheinungen beim Menschen. Aber erst in jüngster Zeit wurden diese grundlegenden Gedanken Galtons wieder aus- äegrisfen, und heute ist die Zwillingsforschung zu einem der wichtigsten Zweige der menschlichen Erbforschung geworden. Die Bedeutung der Zwillingsforschung beruht auf der Tatsache, daß es erbgleiche (aus einem befruchteten Ei entstandene) Zwillinge und erbverschiedene (aus zwei befruchteten Eiern entstandene) Zwilltxge gibt. Bei den Partnern eines eineiigen Zwillingspaares ist die erbliche Grundlage der Entwicklung die gleiche. Verschiedenheiten, die wir zwischen ihnen beobachten, sind folglich durch verschiedene Einflüsse, die von außen auf sie eingewirkt haben, bedingt (umweltbedingt). Hier liegt ein reiches Arbeitsfeld für den Forscher, der zu ergründen sucht, in welcher Weise die einzelnen menschlichen Eigenschaften auf bestimmte äußere Einflüsse reagieren. Bei der andern Zwillingskategorie, den zweieiigen, ist die erbliche Grundlage der Entwicklung verschieden. Wir können also bei zweieiigen Zwillingen, die in gleichen Umweltbedingungen aufwachsen, beobachten, wie verschiedene Erbanlagen die Gestaltung des Körpers beeinflussen. Der Vergleich zwischen eineiigen und zweieiigen Zwillingen führt zu .der wichtigen Erkenntnis, wie groß jeweils der Anteil von Erbanlage und Umwelt an den Ursachen für die Verschiedenheiten der Menschen ist. Solche Untersuchungen sind für eine ganze Reihe von menschlichen Eigenschaften bereits durchgeführt. Genannt seien nur die Wuchsverhältnisse des Körpers (Körperbautypen), das Brechungsvermögen des Auges und die Form des Herzens. Für eine Reihe von Krankheiten (Zahnkaries, Kropf, Rachitis), deren Erblichkeit durch Familienbeobachtungen schwer feststellbar ist, konnte auf Grund von Zwillingsbeobachtungen die Bedeutung der erblichen Veranlagung herausgearbeitet werden. Aber was die Vererbungswissenschaft von der Zwillingsforschung nicht ohne Recht erhofft, ist noch mehr: Krankheiten, die von ganz ungeheurer Bedeutung find, für die Entwicklung eines ganzen Volkes (Tuberkulose, Geisteskrankheiten usw.) werden mit der Zeit in ebensolcher Weise ergründet werden, und das Problem der Erhaltung und Förderung gesunden Erbgutes für unser Volk geht damit einer Lösung entgegen. Auch zu der Klärung der vielumstrittenen Frage, in welchem Maße erbliche Veranlagung und Erziehung für die geistige Entwicklung des Menschen von Bedeutung sind, wird die Zwillingsforschung in vieler Hinsicht beitragen. Die hier erwähnten Forschungen haben ihren Anfang bereits genommen. Greifen wir aus dem Bereich der letzten Untersuchungen einige heraus: Amerikanische Forscher beobachteten eineiige Zwillinge, die unter gänzlich verschiedenen Umweltsbedingungen ausgewachsen waren. In dem einen Fall handelt es sich um 30jährige Zwillingsschwestern, die vierzehn Tage nach ihrer Geburt getrennt wurden. Die eine der Zwillingsschwestern erfuhr eine geregelte Schulbildung und heiratete später, die andere hatte nach nur vierjähriger Schulbildung sich durch eigene Energie in gute berufliche Stellungen emporgearbeitet. Die körperliche Ähnlichkeit der Zwillinge ist eine ganz außerordentliche geblieben. Ihre geistigen und psychiyschen Eigenschaften wurden durch sorgfältige Testuntersuchungen feftgefteUt. Es zeigte sich dabei, daß in den Hebungen zur Prüfung der geistigen Fähigkeiten (Rechnen, Urteilskraft, Kombinationsgabe) die Ueber- einftimmung der Zwillinge eine sehr große war. Bei den psychischen Test- prüfungen (Willensreaktion, Vorliebe, Abneigung, Ekel, Furcht, Argwohn) ergaben sich dagegen zum Teil recht beträchtliche Unterschiede. In einem andern Fall wurden eineiige Zwillingsschwestern im Alter von 18 Monaten getrennt, und während der folgenden 17 Jahre lebte die eine in Kanada, die andere in England. Die erstere war das einzige Kind ihrer sozial günstig gestellten Pflegeeltern, die letztere wuchs nut vier andern Kindern zusammen in einfachen Verhältnissen auf. Die Schulausbildung war bei beiden etwa dieselbe. Im Alter von 19 Jahren erwiesen sich die Zwillingsschwestern körperlich außerordentlich ähnlich. Die Jntelligenzprüsung mit verschiedenen Tests ergab eine deutliche Üeber- legenheit der ersten Zwillingsschwester; bei der Prüfung des Temperaments zeigte sich dagegen eine ziemlich weitgehende Aehnlichkeit. Das Ergebnis der beiden Untersuchungen ist also bezüglich der Aehnlichkeit in geistiger und psychischer Hinsicht ein entgegengesetztes. Man sieht hieraus, daß aus einzelnen Beobachtungen keine Verallgemeinerungen gezogen werden dürfen und wie wichtig es ist, daß möglichst viele solcher Beobachtungen der wissenschaftlichen Forschung zugänglich gemacht werden (der Verfasser wäre für Mitteilung solcher Beobachtungen sehr dankbar). Die bisherigen Ergebnisse der Zwillingsforschung beweisen, daß diese in besonderem Maße geeignet ist, uns näher heranzuführen an das Ziel der menschlichen Erblehre: die naturwissenschaftliche Erkenntnis des Menschen als psychophysisches Geschöpf mit bestimmter phylogenetischer Geschichte und sich immer wiederholender ontogeuetischer Entwicklung, als ein Geschöpf, das biologisch bestimmt wird durch eine ungeheure Mannigfaltigkeit von erblichen und umweltbedingten Faktoren, und dessen individuelles Schicksal durch die Auswahl unter diesen Faktoren entschieden wird. Das beispiellose Abenteuer des Hans Pfaall. Von Edgar Allan Poe. (Fortsetzung.) Um 6.20 Uhr zeigte das Barometer eine Höhe von 26 400 Fuß oder 5 Meilen und einen Bruch. Die Umschau schien unbegrenzt. Mit Hilfe der sphärischen Geometrie ist es in der Tat leicht, auszurechnen, einen wie großen Teil der Erdoberfläche ich sah. Die konvexe Oberfläche eines Kugelsegments verhält sich zur ganzen Oberfläche der Kugel wie der sinus versus des Segments zum Durchmesser der Kugel. In meinem Falle war nun der sinus versus, d. h. die Dicke des Segments unter mir — ungefähr gleich meiner Höhe, oder der Höhe des Gesichtspunktes über der Oberfläche. „Wie 5 Meilen, also zu 8000" würde das Verhältnis der Erdoberfläche ausdrücken, wie ich sie sah. Mit anderen Worten, ich sah etwa 16/ioo der ganzen Oberfläche der Kugel. Das Meer schien glatt wie ein Spiegel, obgleich ich durch das Teleskop erkennen konnte, daß es heftig bewegt war. Das Schiff war nicht mehr sichtbar, sondern wahrscheinlich ostwärts weggetrieben. Nun begann ich ab und zu heftige Kopfschmerzen zu fühlen, hauptsächlich um die Ohren; aber noch konnte ich mit erträglicher Leichtigkeit atmen. Die Katze und die Tauben schienen überhaupt keinerlei Beschwerden zu empfinden. Zwanzig Minuten vor sieben trat der Ballon in eine lange Reihe von dichten Wolken, die mich in große Verlegenheit brachten, da sie meinen Kondensator beschädigten und mich bis auf die Haut durchnäßten. Dies war allerdings eine merkwürdige Begegnung, denn ich hätte nicht für möglich gehalten, daß eine Wolke von solcher Beschaffenheit in dieser großen Höhe bestehen könne. Ich hielt es jedoch für am besten, zwei Fünfpfundsäcke Ballast auszuwerfen, wobei ich immer noch ein Gewicht von 165 Pfund zurückbehielt. Nachdem ich dies getan hatte, stieg ich rasch über das Hindernis und merkte gleich, daß ich eine große Zunahme der Geschwindigkeit meines Aufstieges erlangt hatte. Wenige Sekunden nachdem ich die Wolke verlassen hatte, schoß ein zuckender Blitz hindurch, von einem Ende zum anderen, so daß sie durch ihren ganzen großen Umfang aufflammte, wie ein Haufe glühender Holzkohle. Wir müssen bedenken, daß dies am hellen Tage geschah. Die lebhafteste Phantasie könnte die Gewalt dieses Phänomens nicht beschreiben, wenn es sich im Dunkel der Nacht gezeigt hätte. Es wäre vielleicht ein paffendes Bild für die Hölle selbst gewesen. Aber auch so stand mein Haar zu Berge, als ich weit in die gähnenden Abgründe hinabblickte und meine Einbildungskraft umherschweifen ließ in den sonderbar gewölbten Hallen, den rötlichen Schlünden und grauenhaften Klüften dieses gräßlichen und unergründlichen Feuers. Ich war tatsächlich mit knapper Not davongekommen. Wäre der Ballon nur eine kurze Zeit noch in der Wolke geblieben, d. h. hätte das Unbehagen des Naßwerdens mich nicht veranlaßt, Ballast auszuwerfen, so hätte meine Vernichtung die Folge sein können, wahrscheinlich sogar sein müssen. Diese im allgemeinen am wenigsten in Betracht gezogenen Gefahren sind doch die größten, die sich bei Ballonfahrten ereignen. Ich hatte aber damals schon eine zu große Höhe erreicht, um mir über diesen Punkt noch Gedanken zu machen. Ich stieg nun rasch auf, und um sieben Uhr zeigte das Barometer eine Höhe von nicht weniger als 9,5 Meilen. Ich begann große Beschwerden beim Atemholen zu empfinden; auch mein Kopf schmerzte stark, und nachdem ich schon einige Zeit eine Feuchtigkeit auf den Wangen gefühlt hatte, merkte ich nun, daß es Blut war, das ganz rasch aus meinen Ohrmuscheln sickerte. Meine Augen schmerzten auch sehr. Ms ich mit der Hand darüberstrich, schienen sie nicht unerheblich aus ihren Höhlen getreten zu sein, und alle Gegenstände in der Gondel waren vor meinen Blicken verzerrt. Diese Symptome waren stärker, als ich erwartet hatte, und verursachten mir große Besorgnis. In diesem kritischen Augenblicke warf ich sehr unvorsichtiger, und unbedachterweise drei Fünfpfundstücke Ballast aus. Die nun erreichte erhöhte Schnelligkeit meines Aufstieges brachte mich zu rasch und ohne genügende Abstufung in eine stark verdünnte Schicht der Atmosphäre, und die Folgen wären meinem Unternehmen und mir selbst beinahe verhängnisvoll geworden. Ich wurde plötzlich von einem Krampf erfaßt, der mehr als fünf Minuten dauerte, und sogar als er einigermaßen nachließ, konnte ich nur in Abständen und keuchend Atem holen und blutete immer weiter stark aus Nase und Ohren und sogar leicht aus den Augen. Die Tauben schienen außerordentlich unglücklich und mühten sich ab zu entkommen, während die Katze jämmerlich miaute und mit hängender Zunge in der Gondel hin- und herlief, als wäre sie vergiftet. Ich merkte nun zu spät, welcher großen Unbedachtsamkeit ich mich schuldig gemacht hatte, als ich den Ballast auswarf, und meine Aufregung war ungeheuer. Ich erwartete nichts Geringeres als den Tod, und zwar den Tod in wenigen Minuten. Die körperlichen Schmerzen, die ich erlitt, machten mir auch die nötigen Anstrengungen zur Erhaltung meines Lebens fast unmöglich. Es war mir nur wenig Ueberlegungskraft geblieben, und die Heftigkeit der Schmerzen in meinem Kopfe schienen noch zuzunehmen. Ich merkte also, daß meine Sinne bald schwinden würden und ergriff schon eine der Ventilleinen mit der Absicht, den Abstieg zu versuchen, als mir einfiel, welchen Streich ich den drei Gläubigern gespielt hatte. Die Folgen, die daraus für mich entstehen konnten, wenn ich zurückkäme, hielten mich im Augenblick auf. Ich legte mich auf den Boden der Gondel nieder und versuchte, meine Gedanken wieder zu sammeln. Dies gelang mir insofern, als ich beschloß, mich zur Ader zu lasten. Da ich aber keine Lanzette hatte, um die Operation vorzunehmen, muhte ich mir helfen, st> gut ich konnte, und schließlich gelang es mir, mit einem Federmesser eine Ader in meinem linken Arme zu öffnen. Kaum hatte das Blut zu fließen begonnen, als ich mich schon sehr erleichtert fühlte, und als ich etwa eine mäßige halbe Schüssel voll verloren hatte, waren die meisten der schlimmsten Symptome vorbei. Ich hielt es aber doch nicht für ratsam, gleich wieder zu versuchen, auf den Füßen zu stehen, sondern nachdem ich meinen Arm so gut wie möglich verbunden hatte, blieb ich noch etwa l Stunde liegen. Nach Verlauf dieser Zeit stand ich auf und fühlte mich freier von absolutem Schmerz als während der letzten 1] Stunde meines Aufstieges. Die Atembeschwerden waren aber nur wenig behoben und ich merkte, daß es bald notwendig fein würde, den Kondensator zu gebrauchen. Inzwischen sah ich mich nach der Katze um die wieder gemütlich auf meinem Rocke lag, und stellte zu meiner un'end- lichen Ueberraschung fest, daß sie die Zeit meines Unwohlseins dazu be- nutzt hatte, einen Wurf kleiner Kätzchen zur Welt zu bringen. Das war ein Zuwachs in der Zahl der Passagiere, den ich nicht erwartet hatte Aber ich freute mich über das Ereignis. Es sollte mir Gelegenheit geben eine Mutmaßung, die auf meinen Entschluß, den Aufstieg zu wagen den größten Einfluß ausgeübt hatte, einer Art von Prüfung zu unterziehen Ich hatte mir eingebildet, daß das gewohnheitsmäßige Ertragen des Luftdruckes auf der Erdoberfläche mehr oder weniger die Ursache der Schmer- zen sei, die in einer gewissen Entfernung über die Oberfläche die Lebe- wesen befällt. Falls die Kätzchen das Unbehagen in gleichem Maße fühl- ten wie ihre Mutter, war meine Annahme falsch; wenn sie es aber nicht taten, mußte ich dies als eine starke Bestätigung meines Gedankens betrachten. Um 8 Uhr hatte ich schon eine Höhe von 17 Meilen über der Erdoberfläche erreicht. So schien es mir klar, daß meine Geschwindigkeit nicht nur im Zunehmen sei, sondern daß diese Zunahme in geringerem Maße auch wahrnehmbar gewesen wäre, wenn ich den Ballast nicht ausge- warfen hätte. Die Schmerzen im Kopf und in den Ohren kamen von Zeit zu Zeit wieder und auch das Nasenbluten hielt an, aber im allgemeinen litt ich viel weniger, als ich erwartet hatte. Trotzdem wurde mir das Atmen jeden Augenblick schwerer, und jedes Einatmen war mit einer krampfhaften, qualvollen Bewegung der Brust verbunden. Nun packte ich meinen Kondensator aus und machte ihn gebrauchsfertig. Der Blick auf die Erde war in diesem Abschnitt des Aufstieges wunderschön. Westlich, nördlich und südlich lag die endlose Fläche des schein- bar unbewegten Ozeans, der jeden Augenblick einen tieferen blauen Farbton annahm. In weiter Entfernung nach Osten, aber klar sichtbar, dehnten sich die Inseln von Großbritannien, die ganze atlantische Küste von Frankreich und Spanien aus, sowie ein kleiner Teil des nördlichen afrikanischen Festlandes. Von einzelnen Gebäuden war keine Spur sichtbar, und die stolzesten Städte der Menschheit waren vom Angesicht der Erde hinweggeschwunden. Was mich im Aussehen der Dinge unter mir erstaunte, war die scheinbare Konkavität der Oberfläche der Erdkugel. Ich hatte gedankenlos genug erwartet, ihre tatsächliche Konvexität beim Aufstieg erkennbar zu finden; aber eine kurze Ueberlegung genügte, um den Widerspruch zu erklären. Eine Leine, die von meiner Stellung aus lotrecht zur Erde gesenkt worden wäre, hätte die Senkrechte eines rechteckigen Dreiecks gebildet, besten Basis vom Rechteck zum Horizont gereicht hätte, und die Hypotenuse vom Horizont zu meiner Stellung. Aber meine Höhe war nichts im Vergleich zu meinem Gesichtsfelde. Mit anderen Worten: die Basis und die Hypotenuse des gedachten Dreiecks wären in meinem Falle fo lang gewesen im Vergleich zur Senkrechten, daß jene beiden nahezu parallel erschienen wären. Auf diese Weise scheint der Horizont des Luftschiffers immer auf gleicher Linie mit der Gondel zu liegen. Aber da der nächste Punkt unter ihm in weiter Entfernung zu fein scheint und auch tatsächlich ist, so scheint er natürlich auch in großer Entfernung vom Horizont zu liegen. Daher der Eindruck von Konkavität; und dieser Eindruck muß bleiben, bis die Höhe auch im Vergleich zum Gesichtsfelde so groß ist, daß die scheinbare Parallelität von Basis und Hypotenuse verschwindet. Da in dieser Zeit die Tauben sehr zu leiden schienen, beschloß ich, sie freizulassen. Ich machte erst die eine los, eine schöne graugesprenkelte Taube, und setzte sie auf den Rand des Weidengeflechts. Sie schien äußerst unbehaglich, sah ängstlich um sich, mit den Flügeln schlagend und laut girrend, aber sie konnte nicht dazu gebracht werden, sich aus der Gondel zu wagen. Ich nahm sie schließlich in die Höhe und warf sie etwa sechs Ellen weit vom Ballon fort. Sie machte aber gar keine Versuche, herunterzukommen, wie ich erwartet hatte, sondern mühte sich mit großer Heftigkeit ab, wieder heraufzugelangen, und stieß dabei sehr schrille gellende Schreie aus. Schließlich gelang es ihr, wieder ihren alten Platz auf dem Rande der Gondel zurückzugewinnen, aber kaum war dies geschehen, als ihr Kopf auf die Brust sank und sie tot in die Gondel fiel. Die andere hatte mehr Glück. Um zu verhindern, daß sie dem Beispiel ihrer Gefährtin folge und wieder zurückkehre, warf ich sie mit aller Gewalt herunter und freute mich zu sehen, daß sie ihren Abwärtsflug mit großer Geschwindigkeit fortsetzte, wobei sie die Flügel behaglich und in ganz natürlicher Weise benützte. In kurzer Zeit war sie außer Sehweite, und ich bin überzeugt, daß sie heil nach Hause kam. Pussy, die von ihrer Krankheit vollständig erholt schien, aß nun mit gutem Appetit den toten Vogel und ging dann mit sichtlicher Zufriedenheit schlafen. Die Kätzchen waren ganz munter und legten nicht das geringste Zeichen von Unwohlsein an den Tag. Um 8.15 Uhr konnte ich schon nicht mehr ohne unerträgliche Schmerzen Luft schöpfen, deshalb begann ich, den Apparat, der zu dem Kondensator gehörte, um die Gondel herum zu befestigen. Dieser Apparat bedarf einiger Erklärung. Ew. Exz. werden sich gnädigst erinnern, daß meine Absicht zunächst war, mich selbst und die Gondel mit einer Schutzwehr gegen die stark verdünnte Luft, in der ich lebte, zu umgeben, in der Absicht, innerhalb dieser Schutzwehr vermittelst meines Kondensators zum Zwecke der Atmung eine Menge eben dieser genügend kondensierten Luft einzuführen. Im Hinblick auf diesen Zweck hatte ich einen sehr starken, ganz luftdichten, aber elastischen Gummisack hergestellt. In diesen Sack, der von genügendem Ausmaß war, wurde gewissermaßen die ganze Gondel hineingesteckt, d. h. der Sack wurde über den ganzen Boden der Gondel gezogen, dann weiter in die Höhe, den Außenseiten der Tam entlang zum oberen Rand ober Reifen, wo das Weidengeflecht befestigt war. , • (Fortsetzung folgt-) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Vuch- und Steindruckerei. D. Lange, Gießen.