EiehenerKmiilienblätter ■ Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang $929 Freitag, -en $5. November Nummer 89 ___ :s II. um ibern ge- ■ an zahlen Ter- Basileia Hang ab- ysten bei >0 Meter an der , das die >nius sie, por geht rwaltigen ruf dem nes Jni- MWUMMWWMW er Burg chaft un- j ui dieser ufnahme tteln gehn t man i Schlitze i he Bau- England ! hre ölte« her An. enn wir ilse der Attalos hr. Bier cch Phi- w feind- icht nur Massen r König eschützen i antike tte man i früher i. Uner- I >rgs öe- i liegende bedeckt >ebt sich ert von i 20 000 r 3- T. heit zu r Recht r es die odernen ?n Knien Ein- bereits j rmutlich , der sichte des f scht als Schrift- igtums, schönen r lange Trüm- n, von r vom immer- n Bau Dieser griffen, . »altiger Stock- ntrische denen Räume dienen- ittleren eigent- kungcn ich ein t, dem t, also / een ire 1 hoffen, Jahr- , | m i Aerzte ■pieion le und legten, n. -hen. Erfüllung. Ton Leo Sternberg. Hat sich Gott das Letzte Vorbehalten? Oder hat er mir dein Herz gewährt, weil es bis ins urgeheime Walten dunkler Menschensehnsucht mir willfahrt? In der Schöpfung blinde Nebelgründe zieht mich deines Blutes leises Lied. Alle Schleier fallen. Zwischen Sünde und Verzückung ist kein Unterschied. Abgeströmt Gestalten nach Gestalten. Ließest jeden Traum an dir geschehn ... Hat sich Gott das Letzte Vorbehalten oder dursten wir schon mit ihm gehn? Llrania. Bon Wilhelm Schäfer. Als die Serapionsbrüder des Kammergerichtsrats E. T. A. Hoffmann wieder einmal in ihrer Weinstube bei Lutter und Wegener in Berlin saßen, es ging zum Ende des Monats, und ihr Dasein war stark in der Kreide, kam von der Straße ein ältlicher Herr, der mit dem rechten Fuß hinkte und sich darum bei jedem linken Schritt in die Brust warf, sonst aber in seinem Rotweingesicht keinen Trübsinn zur Schau trug. Er schien gar nicht zu wissen, in was für einen höllischen Winkel ihn der nasse Oktoberwind wehte; wie einer sich, zu den Seinigen heimkommend, kurzweg an den Tisch setzt, nahm er den Stuhl ein, den der geschäftige Hitzig gerade verlassen hatte, weil ihn ein Brief aus Breslau abrief. So sahen die Brüder in ihrer Runde ganz unvermutet einen Neuling dasitzen, der fröhlichen Auges die kleine Gesellschaft abmusterte und nur sein Genick steifte, als er den spähenden Vogelblick des Kammergerichtsrats an seiner Weste gleichsam die Knöpfe abzühlen sah. Er hielt, seiner Tadellosigkeit sicher, den Blick aus, bestellte mit allem Umstand seiner gepflegten Natur einen Roten, prüfte die Wärme und kostete erst mit rollender Zunge, bevor er den ersten befriedigenden Schluck nahm. Der aber, so ohne Ahnung seiner Gesellschaft, und trotz ihrer erstaunten Gesichter der eigenen Würde gewiß, mit den Serapionsbrüdern am neunten Oktober zu Tisch sah, war kein Geringerer als der Bürgermeister von Oranienburg an der Havel, der am selben Abend seinen Geburtstag zu feiern gedachte und diese Dienstreise nach Berlin mit Vorbedacht eingelegt hatte, seine Junggesellenschaft ein höheres Dasein schmecken zu lasten als den Honvratiorentisch seiner Kleinbürgerstadt. Weder von seiner Würde noch von solchen Absichten wußten die Serapionsbrüder vorläufig das geringste. Sie sahen nur einen Landbürger an ihrem Tisch einen röteren Tropfen trinken, als sie ihn selber in ihren untätigen Gläsern dahatten. Aber sie gönnten jedem das Seine; und da ihnen andere Dinge am Herzen oder doch auf der Zunge lagen als dieses rasierte Rotweingesicht, fuhren sie bald wieder fort, mit boshaften Witzen, hartem Gelächter, mit höhnischen Seufzern und wehmütigen Augenauf- schlögen die gewohnte Fuchsjagd zu machen. Rur dem Kammergerichtsrat schien eine gallige Laune an der Leber zu hacken. Wie ein struppiger Geier saß er mit seinem Vogelgesicht da, und wenn er sich über den wirren Kopf strich, wobei er den langen Hals reckte, fielen die weißen Zipfel an seinem Hemdkragen auseinander, als ob es wirklich zwei Halsfedern wären. Von all ihren Gesprächen verstand der Mann aus Oranienburg nur einzelne Sätze, die anscheinend bei diesen Herren einen anderen Sinn hatten als sonst in der vernünftigen Welt. Es kam ihm recht albern vor, wie sie den Worten die Hälse verdrehten und bei den verrücktesten Dingen großmächtig die Arme verschränkten. Aber es fiel ihm doch auf, daß von den Tischen am Fenster und sonst in den Ecken, wo die anderen Gäste gleichsam als Abfall der Tafelrunde dasaßen, neugierige Blicke und horchende Ohren an seinen Herren etwas Besonderes fanden. Und wo sich etwa ein Glas hob, einen von ihnen mit einem Schluck zu begrüßen, war fast ein wenig Ehrfurcht dabei. Bald begann den Bürgermeister die Neugierde zu kitzeln, bei wem er dasäße, vielleicht aus höheren Kreisen? So fpitzte er selber die Ohren und sandte die Augen rundum im Gefühl besonderer Dinge. Vor allem der mit dem Vogelgesicht reizte ihn sehr, der, aller Gegenwart scheinbar abwesend, mit hohlen Blicken dasaß; und danach der mit dem blanken Schädel daneben, der um so emsiger zuhörte, doch selber kein Wort sprach, auch nie eine Miene verzog, wie wenn dies alles nicht an seine Gelastenheit rührte. Irgendwie kam es dem Mann aus Oranienburg vor, als ob die anderen nur Spaßmacher wären für bte}e bewen; und weil er selber als Bürgermeister zu fragen nicht unge- wohnt war, legte er schließlich seinem Nachbar zur Linken leise die Hand auf den 8lrm, indessen sein Finger unter der Tischkante gegen den Geierkopf zeigte: ob es erlaubt sei, zu fragen, wer dieser Herr wäre? Der Nachbar hatte gerade die Hände breit auf den Tisch gelegt, sich herzhaft auszulachen, und die Tränen standen ihm noch in den verknif- fenen Augen, als er sich artig ihm zuwandte: Das eben fei der Herr Ernst Theodor Amandeusl Mit dieser Vornamenfülle war aber dem Bürgermeister wenig gedient: er horte über die Wichtigkeit in dem Flüsterton fort, drehte die Augen noch Mecker nach links und fragte, als ob nach dem Nebenbei min die Hauptsache tarne, mit gerunzelter Stirn nach dem Manne mit dem Schädel. Der andere ist Tieck! sagte der Nachbar. Und weil ihm einer gerade öen Rest aus der Flasche in sein längst leeres Glas schenkte, schob er den Arm fort, mck Andacht den letzten Tropfen zu trinken. So sah er nicht, daß dem Frager der Mund offen blieb vor Ehrfurcht und Staunen. Der Bürgermeister von Oranienburg konnte nicht wissen, daß dieser Tieck gar nicht Ludwig, der Dichter, sondern Friedrich, sein Bruder, der Bildhauer, war. Außerdem hatte er Tiedge verstanden und das war freilich ein Name berjemem Gluck das Spundloch aufschlug. Denn Tiedge mit seiner ,„Ura- nia war feiner Bildung der ragende Gipfel. Er achtete sonst das Poetenvolk nicht, und er hatte das Buch nur gekauft, weil er in dem Namen Urania ein Geheimnis feiner Stadt Oranienburg suchte. Und ob er darin getaujdjt war, so viel Weisheit in so schönen Worten beisammen gedruckt, hatte er nicht für möglich gehalten. Und wie es so geht, in den Fahren, ba er bas Buch fast auswendig lernte, mit seinen Versen manche bestickend, irgendwie war ihm das U und das O in dem Namen einfältig geworden, so, daß er nicht von der Urania sprach, ohne sich selber als ihren Bürgermeister zu fühlen, und nicht von Dranienburm ohne in einer besonderen Sphäre der Bildung zu fein. Und nun war ihm das Gefühl widerfahren, den Dichter so schöner Worte, das Füllhorn all seiner Weisheit leibhafttg zu sehen. Die Augen wurden ihm feucht, und fast hätte er unter dem Tisch die Hände gefaltet Uber solch ein Geburtstagsgeschenk. Ja, er pries mit innigen Worten, die ihm inwendig wie Perlenschnüre abrollten, die Fügung,' daß er der nneren Stimme so beharrlich gefolgt war. So mußte der Dichter aus- ehen! dachte er dann und legte nachdenklich die flache Hand auf den Tisch o daß der Geier den Kopf hob: Dieser gewaltige Schädel! Diese ver- annenen Augen! Dieser apollinische Mund! Und weil ihm bei diesem Wort eine Erinnerung kam, hob er fein Glas und trank es mit einem innigen Blick auf den Dichter leer bis auf den Grund. Darüber geschah es, daß der Bürgermeister von Oranienburg sich seiner selbst schämte, und diese ihm peinliche Scham begann mit dem Schrecken daß er bas Glas seines Dichters schon lange leer sah, indessen er selber den bräunlichen Rotwein genoß. Das sollte nicht fein, klagte die innere Stimme, unb er hörte ihr leibmütig zu, daß der Dichter im Leeren da- sitzt, indesien wir Bürger die Fülle haben! Und weil er gewohnt war für seine Bürger zu denken, ging fein Entschluß sogleich in die Vorsehung em: Ich muß seinen Stolz schonen! sagte er fest und fing mit sich selber ein rasches Zwiegespräch an; und ob er die Köpfe rafch zählte und einer Bowle den Vorzug gab unter so vielen, war das fein geringer Bedacht, nur die Vernunft, der Stunde würdig zu sein. Und so säumte er nicht: kurz und bestimmt, wie er feines Amtes als Meister der Burger zu walten gewohnt und geübt war, zog er den Rock glatt, einen Gang aus der Stube zu tun. Sie werden mich anders vermuten! dachte er schmunzelnd, als er sich draußen im Flur gleich nach links zur Anrichte wandte, den Wirt vertraulich zu sprechen. Der hatte Verständnis, wie er es brauchte; nicht länger, als die Vermutung Zeit nötig hatte, und alles war schon nach seinen Wünschen geordnet. Der einzige, dachte er wieder, indem er den Stuhl nahm, sich leise nach beiden Seiten verbeugend, der einzige, dem ich den Zufall dieser für mich so schonen Begegnung mißgönne, ist neben dem Dichter der Mann mit dem Vogelgestchi! Aber er soll — unb nun war er mit seiner Würde ganz im Reinen — mir keinen Augenblick mein schönes Geburtstagsfest stören! Mit einem vollen Blick sah er den lauernden Störenfried an. Wie ein kleines Faß schwer, und mit dem Löffel verheißungsvoll klirrend, kam die Bowle herein, vom Wirt mit Anstand selber getragen und mit einem höflichen Seufzer ob ihrer Schwere, auch einem diskreten Blick gegen den Spender, den Serapionsbrüdern vor ihre schnuppernden Nasen gestellt. Sie muß noch ziehen, sagte der Wirt und sah in die Runde, als kenne er keinen Besteller, rührte noch einmal vorsichtig um und ließ die Hand von dem Löffel, sich siegesgewiß zu empfehlen. Es war still in der Stube geworden. Von den Tischen am Fenster und sonst in den Ecken sah erstaunende Ehrfurcht den dicken Porzellanbauch im Kerzenlicht blinken. Und erst als der Aufwärter tarn mit der klirrenden Platte voll Gläser, jedem pfiffig zunickend, als er die halb- volle Flasche des Bürgermeisters mit einer tiefen Verbeugung abräumte, bte einzige leere der anderen nur raffend, fing ein Verständnis an, in den höflich abwartenden Augen zu lächeln. Stur der Kammergerichtsrat hatte die Arme verschränkt, aber die Nüstern blähten sich leise, und wie einen schwarzen Strahl fühlte der Bürgermeister die unheimlichen Augen zum drittenmal auf sich gerichtet. Aber kurz und bestimmt, wie er seines Amtes zu walten gewohnt und geübt war, stand er zum andernmal auf, sich wiederum höflich nach beiden Seiten verbeugend, und fing — noch einmal mit raschem Blick zählend — in froher Gemessenheit an, die Gläser zu füllen. Das letzte war voll, alle vortrefflich gemessen, und der Löffel lag wieder still in die Bowle versenkt — irgendwo knarrte ein Stuhlbein vergebens- den Bann der Erwartung zu brechen — als der seltsame Spender sein Glas nahm und mit Respekt über den kurzen Fuß auf sein linkes Standbein zurücktrat: Meine Herren! sagte er schlicht und verbeugte sich wieder, als wollte er eine Rede beginnen; aber er fand nur noch ein einziges Wort, gegen den Dichter gleichsam hinkniend, weil er auf seinen kurzen Fuß vortrat, dem stillen Mann mit dem leuchtenden Schädel sein Gals einen Schritt näher zu bringen: Urania! sagte er nur und ließ das U und das O in einem erklingen; und als sie ihn alle noch schweigend anstarrten, weil keiner das Rätsel begriff — sie spürten die Ehrfurcht, dachte er stolz und beglückt — schwang er sein Glas in einem zierlichen Bogen, die ganze Runde zu begrüßen, trat vor den Meister, ihm tief ins versonnene Auge zu blicken, und trank sein Glas mit Innigkeit leer bis auf den Grund. Solange war um sein seltsames Tun eine lächelnde Stille gewesen, weil niemand den komischen Herrn und seine Verzückung verstand. Jetzt fuhr ein pfeifender Laut in das Zimmer. Wie die Katze aus eine Maus springt, hatte der Kammergerichtsrat sein Glas in der chand, und die anderen standen ihm bei wie auf der Mensur, nur der vermeintliche Dichter blieb sitzen, weil ihm der Kammergerichtsrat die Krallenhand auf den blanken Kopf legte: Wir wüßten die Ehre höher zu schätzen, sagte er dünn und war aus einem Geier ein Kater geworden, der gebuckelt und schnurrend dastand, wenn wir Uranias Auftrag wüßten. Vor dem höhnischen Mann zerbrach dem Spender das Wort und die Würde. Der Bürgermeister von Oranienburg bittet die Herren, sagte er rauh, mit ihm seinen Geburtstag zu feiern! Er ließ das 0 und das U noch einmal einfältig klingen, er senkte zum anderenmal sein leeres Glas gegen den Dichter, der seine Gelassenheit unter der Kralle des Kammergerichtsrats in einem hämischen Grinsen verlor, er schwenkte noch einmal den zierlichen Bogen gegen die Runde, aber das Echo, das er sich träumte, blieb aus. Als ob ein Unheil die Männer erstarrte, standen sie da mit vollen Gläsern und grübelnden Stirnen. Sollte der Reid, so fuhr ein letzter Gedanke dem Bürgermeister durch sein Gehirn, mir meine Stunde zerstören? Dann übermannte auch ihn die Erstarrung. Nur der Kammergerichtsrat ließ wieder den pfeifenden Laut hören, die Katze hatte die Maus: Urania, sagte auch er und senkte sein Glas gegen den Dichter, indem er die Hand von seinem Kopfe ließ: Urania! und schwenkte dann den zierlichen Bogen, mit gellendem Hohn die Runde zu begrüßen; aber dann brach ihm der Spott in Innigkeit um, als ob nun auch ihn der seltsame Zauber des Wortes befiele: Urania, sagte er still und trank sein Glas leer bis auf den Grund. So hatten die stummen Serapionsbrüder zwei Verzückte statt einen, und die Bowle stand auf dem Tisch, im Kerzenlicht blinkend zu einer : Feier, die keiner verstand. Einige hatten zu lachen versucht und andere die Köpfe geschüttelt. Nur der vermeintliche Dichter saß ganz ohne Gelassenheit da: Daß der Teufel dem Tiedge seine papierne Urania hole! sagte er wild und hieb sein Glas auf den Tisch, daß der Wein spritzte. Der Bürgermeister von Oranienburg fühlte seine Geburtstagsfeier in Hohn und Beschämung versinken; aber auch er wußte nicht mehr als die anderen, bis der Kammergerichtsrat zum drittenmal aufstand. Liebe Serapionsbrüder! begann er und verwies seinem Nachbarn zur Rechten den zornigen Lärm, wenn die Götter sich einen Spaß machen wollen, schlüpfen sie listig in unsere Seelen. Wir denken das Beste zu tun, aber schon dreht ihre Tücke uns sanft das Genick um. Ein einziges Wort, tückisch verändert, hat es vermocht, daß wir mit dieser gesegneten Bowle zu ihrem Gelächter dasitzen! Als dieser Mann aus Oranienburg, dem die Götter den Spaß und wir die Bowle verdanken, unseren Freund Contessa beiläufig fragte, wer doch dieser Herr mit der Denkerstirn sei, hatten die Götter ihm auch schon die Schlinge gelegt. Wie kann man Tieck heißen, ohne der große Ludwig zu sein! Und wie kann man ein Dichter sein, ohne Tiedge zu heißen! Dessen Urania hat es dem Bürgermeister mehr angetan, will es mir scheinen, als unserem Freund Tieck, der nur ein Bildhauer ist und dem wir dennoch die Bowle verdanken. Soweit hatte der Kammergerichtsrat mit Sanftmut gesprochen, als der vermeintliche Dichter ausstand und sein Glas gegen den Mann aus Oranienburg senkte: Urania, sagte auch er und schwenkte sein Glas, mit dem Wort im zierlichen Bogen die Runde zu grüßen: Urania, und trank dann sein Glas mit Gelassenheit leer bis auf den Grund. Da brach der Lärm aus Serapion los, und die vielerfahrenen Wände der Weinstube hielten kaum das Jubelgeschrei aus, das den todblassen Bürgermeister umtoste. Aber der Kammergerichtsrat blieb der Kapellmeister in dem Hollenlärm stehen: Ruhe, Serapionsbrüder! rief er und hob den Löffel als Taktstock. Und als sie darüber von neuem losbrachen, ließ er sie tosen, um danach weiter zu sprechen: Da habt ihr nun, Freunde, gesehen, was unsere Unsterblichkeit heißt! Wir holen die Engel und Teufel aus unserer Seele herauf, Musik, Worte, Bilder und Steine daraus für die Menschheit zu bilden; wir stellen sie stolz vor das Publikum hin und machen den Leuten noch unsere Verbeugung dazu, wenn sie klatschen. Aber die Leute — dies, meine Freunde, wollen wir nicht mehr vergessen — hören Oranienburg, wenn wir Urania sagen! Denn die Leute sind Bürger und haben den Werkeltag ihrer Geschäfte, indessen wir durch das Stoppelfeld unserer Windvögel springen. Wenn sie am Sonntag die gute Stube der Bildung aufmachen, sehen wir durch die Fenster hinein; aber wir müssen artig die Mützen abnehmen. Einmal — ihr Freunde wißt es wie ich — schwebte der Geist über den Wassern, aber nun schwimmt er dem Menschen auf der Suppe, und die Fettaugen sind wir, meine Freunde! Dem Leser zu schmecken, ist unser Zweck, darum müssen wir sanft sein wie Mandelöl, wohlriechend wie Majoran, süß wie Feigen und Sahne. Denn nicht Nahrung sind wir, nur das Gewürz für die Suppen und Saucen, Braten und Schaumspeisen, wie sie das Leckermaul liebt. Wollten wir selber die Speise vorstellen, würden sie sich schütteln und es würde ihnen übel werden. Darum, meine Freunde, hat uns der Tiedge in seine Pastete getan, die Hefe der Weisheit, die Milch der sanften Gefühle, Rosinen und Mandeln in nahrhaften Mehlteig gerührt und alles im Fett der edlen Gesinnung gebacken. Urania hat er die braune Pastete geheißen, und dieser Mann aus Oranienburg sagt euch, wie schmackhaft sie ist! Urania aber war jene Muse, die der Kunst den Sternhimmel brachte. Und dieser Sternhimmel ist — vergeht das nicht, meine Freunde — das einzige Sinnbild der Ewigkeit, das auch der Bürger erblickte. Laßt ihm, ich bitte euch sehr, das braune Gebäck! Denn seht, er kann ja nur essen; was soll ihm der Himmel, den er nicht verdaut! Wir zwar, wir können ihn trinken, und manchesmal waren wir trunken in seiner unendlichen Tiefe. Dann konnten wir fliegen, wie die dunkeln Nachtfalter tun; und die Sternbilder waren die Blüten der Welt, mit unseren Rüsseln daraus das Gericht und Gewürz unserer einzigen Nahrung zu saugen. Nun seht: hier bringt Urania uns wieder, was wir ihr raubten. Dem Leser die braune Pastete, uns aber hat der brave Tiedge die liebliche Bowle in ihrem Namen bereitet. Riecht doch hinein in den Topf! Birgt er nicht mehr als nur Getränk für den Magen? Ist er nicht Geist? Hat sich die braune Pastete nicht herrlich verwandelt? Und ist es kein Sendling des ewigen Rings, uns wiederzubringen, was die Urania in einer Pastete gebacken ihm nach Oranienburg brachte? Denkt an den tückischen Gott, der in die Seele von diesem redlichen Mann hier geschlüpft ist, und dankt ihm, indem ihr fröhlich mit ihm seinen Geburtstag zu feiern beginnt! Hebt euer Glas und senkt es mit mir vor dem Spender: Urania lebe! Und schwenkt es mit mir in der Runde, darin nun Urania weilt, und leert es bis auf den Grund auf diesen Herrn Bürgermeister, der Uranias Sendling aus Oranienburg ist. So sprach der Kammergerichtsrat und hatte den Löffel längst in die Bowle gesenkt; so taten dankbar die Serapionsbrüder mit ihm. Und die von den Fenstern und aus den Ecken traten herzu und senkten die Gläser und schwenkten sie zierlich, die Runde zu grüßen, und tranken sie leer bis auf den Grund. Dem aber die Ehre geschah, er hatte den Spott und die Preisung gehört wie das U und das O, und alles war ihm aus Wirrsal in Einfalt verklungen. Ihm lief eine Träne mit in sein Glas, welch eine Ehrung Urania ihm auf den Geburtstagstisch legte: Wenn die in Oranienburg wüßten! dachte er stolz, und trat auf sein Standbein zurück und neigte sich höflich nach links und rechts, bevor er sich setzte. Wie entstand das Volkslied? Von Professor Dr. Hans Naumann. Eine der erfreulichsten Erscheinungen im musikalischen Leben unserer Zeit ist die Wiederentdeckung des Volksliedes; wo heute in Deutschland gesungen wird, da ertönen auch die alten und doch immer neuen Weisen, die ost schon vor Jahrhunderten 3um erstenmal erklangen. Die nachstehenden Ausführungen dürften deshalb unsere Leser besonders interessieren; wir entnehmen sie dem ausgezeichneten Buche „Grundzüge der deutschen Volkskunde" des Frankfurter Germanisten Prof. Naumann. 2. Auflage. 151 Seiten. Gebunden 1,80 Mark. Verlag Quelle & Meyer, Leipzig. Vom historischen Standpunkt aus zeigt sich der Inhalt des Begriffes Volkslied genau so wechselnd wie etwa der der Begriffe Volksbuch ober Volkstracht. Das Volkslied der Gegenwart ist ein anderes als das der Vergangenheit, und wir dürfen genau wie beim Volksbuch diesen Begriff natürlich nicht nur auf die Vergangenheit beziehen. Weil die Kultur der Oberschicht sich ändert, ändert sich auch das aus ihr gespeiste Volksgut. Die alte Klage über Schwinden und Untergang des Volksliedes beruht zum Teil auf jenem romantischen Pessimismus, der sich scheut, den Begriff Volkslied konsequent auch auf die neueren und neuesten volksläufigen Lieder anzuwenden, zum Teil auch auf den unausgebildeten Sammelmethoden der früheren Forscher. Wahrend Goethe im Elsaß 12 Lieder zusammenbrachte, konnten ein Jahrhundert später viele Hunderte gesammelt werden; während Hruschka und Toischer aus Deutsch- Böhmen 2000 Lieder herbeibrachten, konnten unter Hauffens Leitung bis 1906 über 12 000 bisher ungedruckte Lieder und Sprüche gesammelt werden. Aelteres Gut hat sich namentlich in den vom Geistesleben der Natur weniger berührten deutschen Sprachinseln Gottschee in Kram, Lusern, Siebenbürgen, im mährischen Kuhländchen erhalten. Aber auch darunter befinden sich gelegentlich Banalitäten und Obszönitäten, die mir natürlich gleichfalls nicht willkürlich ausschließen dürfen. Das Volkslied muß weder alt noch schön sein, wie die ältere romantische Forschung glaubte, noch auch besonders langlebig, wie man gelegentlich noch heute glaubt. Es geht nicht an, sondern fälscht das wissenschaftliche Bild, wenn man das inhaltlich Anstößige ober Kurzlebige einfach ausscheidet und unter dem Begriff „Gassenhauer" sammelt. „Gassenhauer" bezeichnet vielmehr gerade so recht die Volks- laufigkeit, auf die es in erster Linie ankommt. Nicht das Alter, nicht die Schönheit, nicht das Ethos sind für die Begriffsbestimmung des Volksliedes irgendwie stichhaltig oder maßgebend, auch nicht die Herkunft und die Verfasserschaft. Es hat daher auch keinen Zweck, den Begriff „volkstümliches Lied" neben „Volkslied" zu gebrauchen, man wolle denn das doch noch nicht gesungene Volkslied damit bezeichnen, das vielleicht noch wieder aus dem Repertoire des Volkes verschwinden kann, ohne je die Stufe der „Zersungenheit" zu erreichen. Aber die Zerjungen- heit selbst ist ein veränderlicher und relativer Begriff. Wir wissen heute, daß die beliebtesten Volkslieder der Zeit vor 1900 herabgesunkene und zersungene Kunstlieder vom Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts waren, wo sie, völlig nachgewiesen und belegt, die verschiedenen Musenalmanache zierten, oder daß' sie doch mindestens im sentimentalen, Rührung erregenden und gern schon romantischen Stile des 18. Jahrhunderts gedichtet waren, niemals aber im Stile der Kunstdichtung von 1900. Eines der weitaus beliebtesten deutschen Volkslieder der Gegenwart ist die rührselige und tränenreiche Liebesgeschichte: Müde kehrt ein Wandersmann zurück Nach der Heimat, seiner Liebe Glück. Doch zuvor tritt er ins Gärtnerhaus Und kauft für sie noch einen Blumenstrauß usw. Die Gärtnerin selbst ist die Geliebte; sie weint, weil sie die Treue gebrochen hat. Der Fremdling wandert wieder fort. In mancherlei zersungenen Varianten ist das Lied durch ganz Deutschland verbreitet und in Schlesien bei dem Aufrufe zur Volksliedsammlung 1909 bis 1910 allein dreihundertmal eingeliefert worden. Aber dieses "Volkslied ist nicht im Volke entstanden, sondern sein Verfasser ist Lebrecht Dreves, in dessen Gedichten, Berlin 1845, es auf Seite 180 ff. zu finden ist; sein Entstehungsjahr war 1836. Weitere der allerbeliebtesten Volkslieder der Gegenwart weisen uns in die Sphäre der Ritter- und Schauerromantik. Alles Schauerlich-Sentimentale hat die beste Aussicht, Volkslied zu werden. Es kommt" nicht so sehr darauf an, die einzelnen Kunstlieder aus den Musenalmanachen usw. zu eruieren, als vielmehr darauf, zu erkennen, daß eine ganz bestimmte Schicht der Kunstdichtung jetzt volkstümlich geworden ist und ein ganz bestimmter Stil. Es ist niemals anders gewesen. Auch im 17. Jahrhundert bringen die allerdings stark volkstümelnden Lieder der Kunstpoesie in die Volksliedersammlungen ein. Lieder von Rist, Simon, Dach, Zesen u. a. stehen im „Venusgärtlein" neben älteren Volks- und Gesellschaftsliedern — ein typisches Bild! Die Lieder sind populär geworden, geraten in die Sammlungen und werden Volkslieder. Andere entstehen neu — in ihrem Stil. Sie sind das Vorbild. Das Volkslied des 14. und 15. Jahrhunderts zeigt zwar den freieren Blick und frischeren Geist dieser Form und Bindung sprengenden, langsam Persönlichkeit entwickelnden Jahrhunderte, aber im Grunde ist es doch nach Stil, Form, Stoffen und Motiven die gefundene ritterliche Standespoesie des 12. und 13. Jahrhunderts. Was im 14. Jahrhundert jener vielzitierte aussätzige Barfüßermönch vom Maine sang und was sofort Volkslied wurde — die Limburger Chronik überliefert uns davon ein Paar Notizen und Verslein — zeigt in Diktion, Inhalt und Form die Züge des Minnesangs. In der Technik der ritterlichen Poesie geformt, vom Standpunkt des ehemals ritterlichen konventionellen Liebesempfiudens gedichtet, sind diese Liebeslieder Volkslieder geworden, die man überall sang und pfiff. Das Liebeslied der Volkspoesie stammte eben vom Minnesang her. Die zwischen Minnesang und Volkslied bestehenden engen Beziehungen sind nicht anders als durch Abstammung des Volksliedes vom Minnesang zu erklären. Der Natureingang als unentbehrliches Requisit, der Liebestraum mit der Enttäuschung beim Erwachen, das verschlossene, verwundete, gefangene und brennende Herze, die Liebe als Krankheit, die Institution der bösen Merker, Neider und Klasser, die in dem niederen Milieu gar keine so notwendige Berechtigung hat, ganze poetische Gattungen wie das Tagelied, das Motiv vom gezähmten Falken und das Motiv von der Liebe als Jagd: diese und andere Dinge im Volkslied zeigen dessen Ursprung in der ritterlichen Standespoesie. In dem bekannten norddeutschen Springeldanzlied auf dem 17. Jahrhundert „Dat gelt hier jeden den Samer, jegen de leoe Samertiet" lebt Neidharts höfische Dorfpoesie weiter. Und noch fortdauernd sind dann Lieder kunstmähig gebildeter Männer, wie jener Barfüßermönch offenbar schon ein solcher war, Lieder von Schulmeistern, Meistersingern und von Geistlichen volksläufig geworden. Von einem historischen Volkslied spricht man am besten nicht. Jene Lieder historischen Inhalts, die wir so zu nennen pflegen, rühren von berufsmäßigen Literaten her und sind niemals volksläufig geworden; wurden sie doch volksläufig, so verloren sie alsbald jede historische Beziehung. Von unseren alten Volksballaden sind heute nur noch wenige lebendig und kommen zu den oben erwähnten Volksliedern der Gegenwart als alte Erbstücke hinzu: so die „Linde im Tal", der „Graf am Rhein", das „Schloß in Oesterreich"; das alte Ullingerlied von „Ulrich und Aenncheu" ist zum Kinderliebe „Mariechen faß auf einem Stein" geworden. Auch diese ältere Volksballade an sich hat mit dem Volke zunächst nichts zu tun, sondern stammt aus höheren Sphären; darum auch sind die älteren Fassungen allemal die inhaltlich und formal schönsten und wertvollsten. Wir müssen eine ritterlich-höfische Ballade postulieren, wie sie für Dänemark belegt ist, und diese als das erste Ouellgebiet der Äolks- ballade betrachten. Und wieder, wie beim Minnesang, handelt es sich dann zunächst einfach um eine Uebermittlung von Formen und Motiven — mitsamt dem höfischen, mit dieser Dichtungsart verbundenen Reihentanz — an das Volk. Es gelangen durch dieses ritterliche Medium sogar Stoffe des alten Heldenliedes in die Volksballade, in die Gottfcheer Ballade von der „schönen Meererin" das Gudrunmotiv, wie früher in den „Jäger aus Griechenland" Motive aus hypothetischen Wolfdietrichsliedern; und so stehen die inzwischen ausgestorbenen „Volksballaden": das jüngere Hildebrandslied und „Konink Ermenrikes bot" mit bem erhaltenen älteren Hilbcbrandslieb unb ben ebdifchen Hambirstrophen in Parallele. Zieht man das Dänische zu Hilfe, so ergeben sich zuweilen alle drei Stilformen eines Motivs: Der Wiedergänger in den Schlußstrophen des alten Heldenliedes von Helgi und Sigrun, in der ritterlichen dänischen Ballade von Herrn Aage und in der verbürgerlichten deutschen Volksballade vom „Vorwirt". Spuren ritterlicher Motive und ritterlichen Milieus sind auch in der deutschen Volksballade noch lange vorhanden, Nachklänge ritterlicher Kreuzzugs- und Heimkehrmotive, ritterlicher Abenteuer und Minne; aber aus den Rittern werden Landsknaben, böse Fähndriche und Soldaten allmählich, unb jebes Verstänbnis für Hochherzigkeit unb Edelmut geht verloren. Goldene Ketten, die !m Minnedienst empfangen waren, machen gestohlenem Gelb Platz, für bas ber Knabe gehängt wird (Schloß in Oesterreich); die Sphäre von Schloß unb Burg weicht ber Wirthaussphäre, und aus den adeligen Abenteuern werden die Verbrechen des täglichen Lebens, Morde, Müllertücke, Stiefmutter- und Kindesmörderinmotive. Da die dänische ritterlich-höfische Val- lade das fortdauernde Interesse der Aristokratie auch an mythischen Stossen zeigt und dieses dänische Bild nur ein Abglanz eines zu postulierenden deutschen ist, so nimmt es nicht wunder, wenn auch die Volksballade gelegentlich mythische Stosse zeigt, freilich nur solche ber nieberen Art, wie Verwandlungen, Wechselbalgglaube und ähnliches. Aber man muß mit dieser Kategorie sehr vorsichtig umgehen: in der Ballade „Es blies ein Jäger wohl in sein Horn" handelt es sich weder um den wilden Jäger noch um die Holzweiblein, sondern um das ehemals ritterliche Motiv von der Liebe als Jagd. — Träger der Volksdichtung ist die Unterschicht der Kulturnation, die ihr Überkommene Gedichte alsbald zu Liedern macht und die Lieder alsbald zu Chorliedern, womit sie dem Gemeinschaftsgeiste Rechnung trägt. Gewiß können auch Angehörige dieser Unterschicht selbst, also „Leute aus dem Volke", nicht nur Träger, sondern auch Dichter von Volksliedern sein; aber -um Volkslieder handelt es sich dann nicht deshalb, weil ihre Verse von Leuten aus dem Volke sind, sondern es handelt sich um Volkslieder auch hier nur wieder in dem Fall, daß wirkliche Volksläufigkeit vorliegt. Es werden uns gelegentlich Wirte, Soldaten, Dorfmusikanten, junge Burschen, Gänsemädchen, Mägde, Waldarbeiter als Volksliederdichter genannt; besonders aus dem Böhmerwalde sind solche Volksdichter bekannt geworden. Aber diese Leute dichten ihre Lieder nach ihnen bekannt gewordenen literarischen Mustern, sie dichten sie im Stile der vorangegangenen unb nunmehr gesunkenen Kunstdichtung, natürlich nicht etwa im Stile der Kunstdichter ihrer Zeit, sonst wären sie Kunstdichter wie die Arbeiterdichter unserer Tage. Diese Volkslieder werden sich deutlich unterscheiden von den Kunstdichtungen unserer Arbeiterdichter auf der einen Seite, und sie werden sich deutlich unterscheiden vom primitiven Gemeinschaftslieb auf ber anbern. Sie stammen vom Kunstlied ab, aber vom Kunstlied vergangener Tage. Sie sind Jndividuallieder, wenigstens ursprünglich, nicht Gemeinschaftslieber. Herbst. Von Theobor Fontane. Schon mischt sich Rot in ber Blätter Grün, Reseben unb Astern finb im Derblüh'n, Die Trauben geschnitten, ber Hafer gemäht, Der Herbst ist ba, bas Jahr wirb spät. Und boch (ob Herbst auch) die Sonne glüht — Weg brum mit ber Schwermut aus beinern Gemüt! Banne die Sorge, genieße, was frommt, Eh' Stille, Schnee unb Winter kommt. Oer arme Spielmann. Erzählung von Franz Grillparzer. (Fortsetzung.) In der Gärtnergasse, hatte der alte Mann gesagt, wohne er. „Ist Hier in der 2kähe eine Gärtnergasse?" fragte ich einen kleinen Jungen, der über den Weg lief. „Dort, Herr!" versetzte er, indem er auf eine Querstraße hinwies, die, von der Häusermasfe der Dorstadt sich entfernend, gegen das freie Feld hinauslief. Ich folgte der Dichtung. Die Straße bestand aus zerstreuten einzelnen Häusern, die, zwischen großen Küchengärten gelegen, die Deschäftigung der Bewohner und den Ursprung des Aamens Gärtnergasse augenfällig darlegten. In welcher dieser elenden Hütten wohl mein Original wohnen mochte? Ich hatte die Hausnummer glücklich vergessen, auch war in der Dunkelheit an das Erkennen irgendeiner Bezeichnung kaum zu denken. Da schritt, auf mich zukommend, ein mit KÄhen- gewächsen schwer beladener Mann an mir vorüber. „Kratzt der Qtlte einmal wieder", brummte er, „und stört die ordentlichen Leute in ihrer Dachtruhe." Zugleich, wie ich vorwärts ging, schlug der leise, langgehaltene Ton einer Violine an mein Ohr, der aus dem offenstehenden Bodenfenster eines wenig entfernten ärmlichen Hauses zu kommen schien, das, niedrig und ohne Stockwerk wie die übrigen, sich eben durch dieses in der Umgrenzung des Daches liegende Giebelfenster vor den andern auszeichnete. Ich stand stille. Ein leiser, aber bestimmt gegriffener Ton schwoll bis zur Heftigkeit, senkte sich, verklang, um gleich darauf wieder bis zum lautesten Gellen emporzu- steigen, und zwar immer derselbe Ton mit einer Art genußreichem Daraufberuhen wiederholt. Endlich kam ein Intervall. Es war die Quarte. Hatte der Spieler sich vorher an dem Klange des einzelnen Tones geweidet, so war nun das gleichsam wollüstige Schmecken dieses harmonischen Verhältnisses noch ungleich fühlbarer. Sprungweise gegriffen, zugleich gestrichen, durch die dazwischen liegende Stufenreihe höchst holperig verbunden, die Terz markiert, wiederholt. Die Quinte darangefügt, einmal mit zitterndem Klang, wie ein stilles Weinen, ausgehalten, verhallend, dann in wirbelnder Schnelligkeit ewig wiederholt, immer dieselben Verhältnisse, die nämlichen Töne. — Und das -nannte der alte Mann phantasieren! — Obgleich es im Grunde allerdings ein Phantasieren war. für den Spieler nämlich, nur nicht auch für den Hörer. Ich weiß nicht, wie lange das gedauert haben mochte unb wie arg es geworben war, als plötzlich bie Türe bes Hauses aufging, ein Mann, nur mit bem Hemde unb lose ekngeknöpften Beinkleibern angetan, von ber Schwelle bis in bie Mitte ber Straße trat unb zu bem Giebelfenster emporrief: „Soll das heute einmal wieder gar kein Ende nehmen?" Der Ton der Stimme war dabei unwillig, aber nicht hart ober beleidigend. Die Violine verstuinmte, ehe noch die Rede zu Ende war. Der Mann ging ins Haus zurück, das Giebelfenster schloß sich, und bald herrschte eine durch nichts unterbrochene Totenstille um mich her. Ich trat, mühsam in den mir unbekannten Gassen mich zurechtfindend, den Heimweg an, wobei ich auch phantasierte, aber, niemand störend, für mich im Kopfe. Die Morgenstunden haben für mich immer einen eigenen Wert gehabt. Es ist, als ob es mir Bedürfnis wäre, durch die Beschäftigung mit etwas Erhebendem, Bedeutendem in den ersten Stunden des Tages mir den Rest desselben gewissermaßen zu heiligen. Ich kann mich daher nur schwer entschließen, am frühen Morgen mein Zimmer zu verlassen, und wenn ich ohne vollgültige Ursache mich einmal dazu nötige, so i)abe ich für den für den übrigen Tag nur die Wahl zwischen gedankenloser Zerstreuung ober selbstquälerischem Trübsinn. Sa kam es, baß ich durch einige Tage den Besuch bei dem alten Manne, der verabredetermaßen in den Morgenstunden stattfinden sollte, verschob. Endlich ward die Ungeduld meiner Herr, und ich ging. Die Gärtnergasse war leicht gefunden, ebenso das Haus. Die Töne der Bioline ließen sich auch diesmal hören, aber durch das geschlossene Fenster bis zum Ununterscheidbaren gedämpft. Ich trat ins Haus. Eine vor Erstaunen halb sprachlose Eärtnersfrau wies mich eine Bodentreppe hinauf. Ich stand vor einer Niedern und halb schließenden Türe, pachte, erhielt keine Antwort, drückte endlich die Klinke und trat ein. Ich befand mich in einer ziemlich geräumigen, sonst aber höchst elenden Kammer, deren Wände von allen Seiten den Umrissen des spitzzulaufenden Daches folgten. Hart neben der Türe ein schmutziges, widerlich verstörtes Bett, von allen Zutaten der Unordentlichkeit umgeben; mir gegenüber, hart neben dem schmalen Fenster, eine zweite Lagerstätte, dürftig, aber reinlich und höchst sorgfältig gebettet und bedeckt. Am Fenster ein kleines Tischchen mit Notenpapier und Schreibgeräte, im Fenster ein paar Blumentöpfe. Die Mitte des Zimmers von Wand zu Wand war am Boden mit einem dicken Kreidenstriche bezeichnet, und man kann sich kaum einen grelleren Abstich von Schmutz und Reinlichkeit denken, als diesseits und jenseits der gezogenen Linie, dieses Aequators einer Welt im kleinen, herrschte. Hart an dem Gleicher (b. h. Aequator; gemeint ist ber Kreibestrich) hatte ber alte Mann fein Notenpult hingestellt unb staub, völlig unb sorgfältig gefleibet, bavor unb — exerzierte. Es ist schon bis zum Uebelklang so viel von ben Mißklängen meines unb, ich fürchte beinahe, nur meines Lieblings bie Rebe gewesen, baß ich den Leser mit ber Beschreibung dieses höllischen Konzerts verschonen will. Da bie Uebung größtenteils aus Passagen bestaub, so war an ein Erkennen ber gespielten Stücke nicht zu beuten, was übrigens auch sonst nicht leicht gewesen sein möchte. Einige Zeit Zuhörens ließ mich endlich den Faden durch dieses Labyrinth erkennen, gleichsam die Methode in der Tollheit. Der Alte genoß, indem er spielte. Seine Auffassung unterschied hierbei aber schlechthin nur zweierlei, den Wohlklang und ben Uebelklang, von denen der erstere ihn erfreute, ja entzückte, indes er dem letzteren, auch dem harmonisch begründeten, nach Möglichkeit aus dem Wege ging. Statt nun in einem Musikstücke nach Sinn und Rhythmus zu betonen, hob er heraus, verlängerte er die dem Gehör wohltuenden Noten unb Intervalle, ja nahm keinen Austanb, sie willkürlich zu wieberholen, wobei sein Gesicht oft ge- rabezu ben Ausdruck ber Verzückung annahm. Da er nun zugleich bie Dissonanz so kurz als möglich abtat, überbies bie für ihn zu schweren Passagen, von denen er aus Gewissenhaftigkeit nicht eine Note fallen ließ, in einem gegen das Ganze viel zu langsamen Zeitmaß vortrug, so kann man sich wohl leicht eine Idee von der Verwirrung machen, die daraus hervorging. Mir ward es nachgerade selbst zuviel. Um ihn aus feiner Abwesenheit zurückzubringen, ließ ich absichtlich den Hut fallen, nachdem ich mehrere Mittel schon fruchtlos versucht hatte. Der alte Mann führ zusammen, seine Knie zitterten, kaum konnte er die zum Boden Siefentte Violine halten. Ich trat hinzu. „Oh, Sie sind's, gnädiger Herr!" agte er, gleichsam zu sich selbst kommend. „Ich hatte nicht auf Erfüllung Ihres hohen Versprechens gerechnet." Er nötigte mich, zu sitzen, räumte auf, legte hin, sah einigemal verlegen im Zimmer herum, ergriff dann plötzlich einen auf einem Tische neben der Stubentür stehenden Teller und ging mit demselben zu jener hinaus. Ich hörte ihn draußen mit der Gärtnersfrau sprechen. Bald darauf kam er wieder verlegen zur Türe herein, wobei er den Teller hinter dem Rücken verbarg unb heimlich roieber hinstellte. Er halte offenbar Obst verlangt, um mich zu bewirten, es aber nicht erhalten können. „Sie wohnen hier recht hübsch", sagte ich, um seiner Verlegenheit ein Enbe zu machen. „Die Unorbnung ist verwiesen. Sie nimmt ihren Rückzug durch die Türe, wenn sie auch derzeit noch nicht ganz über die Schwelle ist." — „Meine Wohnung reicht nur bis zu dem Striche", sagte der Alte, wobei er auf die Kreidenlinie in der Mitte des Zimmers zeigte. „Dort drüben wohnen zwei Handwerksgesellen." — „Unb respektieren biefe Ihre Bezeichnung?" — Sie nicht, aber ich", sagte er. „Nur die Türe ist gemeinschaftlich." — „Und werden Sie nicht gestört von Ihrer Nachbarschaft?" — „Kaum", meinte er. „Sie kommen des Nachts spät nach Hause, unb wenn sie mich da auch ein wenig im Bette aufschrecken, so ist dafür die Lust des Wiedereinschlafens um so größer. Des Morgens aber wecke ich sie, wenn ich mein Zimmer in Ordnung bringe. Da schelten sie wohl ein wenig und gehen." Ich hatte ihn währenddessen betrachtet. Er war höchst reinlich gekleidet, die Gestalt gut genug für seine Jahre, nur die Seine etwas zu kurz. Hand und Fuß von auffallender Zartheit. — „Sie sehen mich an," jagte er, „unb haben dabei Ihre Gedanken?" — „Daß ich nach Ihrer Geschichte lüstern bin", versetzte ich. — „Geschichte?" wiederholte er. „9dj habe keine Geschichte. Heute wie gestern, und morgen wie heute. Uebermorgen freilich unb weiter hinaus, wer kann das wissen? Doch Gott wird sorgen, der weiß es." — „Ihr jetziges Leben mag wohl einförmig genug fein," fuhr ich fort; „aber Ihre früheren Schicksale. Wie Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck unb Verlag: Brühl es sich fügte" — „Daß Ich unter die Musikleute kam?" fiel er in bie Pause ein, bie ich unwillkürlich gemacht hatte. Ich erzählte ihm nun, wie er mir beim ersten Anblicke aufgefallen; den Eindruck, den die von ihm gesprochenen lateinischen Worte auf mich gemacht hätten. „Lateinisch" tonte er nach. „Lateinisch? bas habe ich freilich auch einmal gelernt ober vielmehr hätte es lernen sollen unb können. Loqueris latine?" („Sprichst du Lateinisch?") wandte er sich gegen mich, „aber ich könnte es nicht fortfetjen. Es ist gar zu lange her. Das also nennen Sie meine Geschichte? Wie es kam? — Ja so! da ist denn freilich allerlei geschehen; nichts Besonderes, aber doch allerlei. Möchte ich mir’s doch selbst einmal wieder erzählen. Ob ich's nicht gar vergessen habe. Es ist noch früh am Morgen", fuhr er fort, wobei er in die Uhrtasche griff, in der sich freilich keine Uhr befand. — Ich zog die meine, es war kaum 9 Uhr. — „Wir haben Zeit, und fast kommt mich die Lust zu schwatzen an." Er war während des letzten zusehens ungezwungener geworden. Seine Gestalt verlängerte sich. Er nahm mir ohne zu große Umstände den Hut aus der Hand unb legte ihn aufs Bette; schlug sitzend ein Bein über bas anbere und nahm überhaupt die Lage eines mit Bequemlichkeit Erzählenden an. „Sie haben" — hob er an — „ohne Zweifel von dem Hosrate — gehört?" Hier nannte er den Namen eines Staatsmannes, ber in ber Hälfte bes vorigen Jahrhunderts unter dem bescheidenen Titel eines Bureauchefs einen ungeheuren, beinahe ministerähnlichen Einfluß ausgc« übt hatte. Ich bejahte meine Kenntnis des Mannes. „Er war mein Vater", fuhr er fort. — Sein Vater? des alten Spielmanns? des Bettlers? Der Einflußreiche, der Mächtige, fein Vater? Der Alte schien mein Erstaunen nicht zu bemerken, sondern spann, sichtbar vergnügt, den Faden seiner Erzählung weiter. „Ich war ber mittlere von drei Brüdern, die in Staatsdiensten hoch hinaufkamen, nun aber schon beide tot sind; ich allein lebe noch", sagte er und zupfte dabei an feinen fadenscheinigen Beinkleidern, mit niedergeschlagenen Augen einzelne Federchen davon herab- lesend. „Mein Vater war ehrgeizig unb heftig. Meine Brüder taten ihm genug. Mich nannte man einen langsamen Kopf; und ich war langsam. Wenn ich mich recht erinnere," sprach er weiter, unb babei senkte er, seitwärts geroanbt, wie in eine weite Ferne hinausblickenb, ben Kopf gegen die unterstützende linke Hand, — „wenn ich mich recht erinnere, so wäre ich wohl imstande gewesen, allerlei zu erlernen, wenn man mir nur Zeit und Ordnung gegönnt hätte. Meine Brüder sprangen wie Gemsen von Spitze zu Spitze in den Lehrgegenständen herum, ich konnte aber durchaus nichts hinter mir lassen, unb wenn mir ein einziges Wort fehlte, mußte ich wieder von vorne anfangen. So ward ich denn immer gedrängt. Das Neue sollte auf den Platz, den das Alte noch nicht verlassen hatte, unb ich begann stockisch zu werben. So hatten sie mir bie Musik, bie jetzt bie Freude und zugleich der Stab meines Lebens ist, geradezu verhaßt gemacht. Wenn ich abends im Zwielicht bie Violine ergriff, um mich nach meiner Art ohne Noten zu vergnügen, nahmen sie mir bas Instrument unb sagten, das verdürbe bie Applikatur (d. h. Fingersatz), klagten über Ohrenfolter unb verwiesen mich auf bie Lehr- ftunbe, wo bie Folter für mich anging. Ich habe zeitlebens nichts unb niemand so gehaßt, als ich damals die Geige haßte. „Mein Vater, aufs äußerste unzufrieden, schalt mich häufig unb drohte, mich zu einem Handwerke zu geben. Ich wagte nicht zu sogen, wie glücklich mich bas gemacht hätte. Ein Drechsler ober Schriftsetzer wäre ich gar zu gerne gewesen. Er hätte es ja aber doch nicht zugelassen, aus Stolz. Endlich gab eine öffentliche Schulprüfung, der man, um ihn zu begütigen, meinen Vater beizuwohnen beredet hatte, den Ausschlag. Ein unredlicher Lehrer bestimmte im voraus, was er mich fragen werde, unb so ging alles vortrefflich. Endlich aber fehlte mir — es waren auswendig zu sagende Verse des Horaz — ein Wort. Mein Lehrer, ber kopfnickend unb meinen Vater anlächelnd zugehört hatte, kam meinem Stocken zu Hilfe und flüsterte es mir zu. Ich aber, ber das Wort in meinem Innern und im Zusammenhänge mit dem übrigen suchte, hörte ihn nicht. Er wiederholte es mehreremal; umsonst. Endlich verlor mein Vater bie Gebuld. .Cachinnum' (b. h. Gewieher, Gelächter), so hieß das Wort, schrie er mir bonnernn zu. Nun war's geschehen. Wußte ich das eine, so hatte ich dafür das übrige vergessen. Alle Mühe, mich auf die rechte Bahn zu bringen, war verloren. Ich mußte mit Schande aufstehen, und als ich, der Gewohnheit nach, hinging, meinem Vater die Hand zu küssen, stieß er mich zurück, erhob sich, mochte der Versammlung eine kurze Verbeugung und ging. ,Ce gueux" (dieser Lump) schalt er mich, was ich damals nicht war, aber jetzt bin. Die Eltern prophezeien, wenn sie reden! Uebrigens war mein Vater ein guter Mann. Nur heftig unb ehrgeizig. „Von diesem Tage an sprach er kein Wort mehr mit mir. Seine Befehle tarnen mir durch die Hausgenossen zu. So kündigte man mir gleich des nächsten Tages an, daß es mit meinen Studien ein Ende habe. Ich erschrak heftig, weil ich wußte, wie bitter es meinen Vater kränken mußte. Ich tat den ganzen Tag nichts als meinen unb dazwischen jene lateinischen Verse rezitieren, die ich nun aufs Und wußte mit ben vorhergehenden und nachfolgenden dazu. Ich versprach, durch Fleiß den Mangel an Talenten zu ersetzen, wenn man mich noch ferner die Schule besuchen ließe, mein Vater nahm aber nie einen Entschluß zurück. „Eine Weile blieb ich nun unbeschäftigt im väterlichen Hause. Endlich tat man mich versuchsweise zu einer Rechenbehörde. Rechnen war aber nie meine Stärke gewesen. Den Antrag, ins Militär zu treten, wies ich mit Abscheu zurück. Ich kann noch jetzt keine Uniform ohne innerlichen Schauder ansehen. Daß man werte Angehörige allenfalls auch mit Lebensgefahr schützt, ist wohl gut und begreiflich; aber Blutvergießen unb Verstümmelung als Stanb, als Beschäftigung. Nein! Nein! Nein! Unb babei fuhr er mit beiden Händen über beide Arme, als fühlte er stechend eigene und fremde Wunden. (Fortsetzung folgt.) sche Univers itätS-Duch» und Etelkdruckerei, A. Lange, Gießen.