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Droben in Estland, in prächtigen Forsten, lag das Besitztum ber Herren von Trockenbach. Die Trockenbachs waren von altersher eine lustige Sippe gewesen. Vom Urahn, der ben Kreuzschild ber Ordensritter als Knappe gegen die Wölfe und Heiden getragen hatte, gingen bie seltsamsten Mären um. Einst sollte er eine Wette geschlossen haben, zwanzig Humpen zu leeren unb so durstig zu bleiben, daß er im Bache schlafen müsse! Er legte sich nach zwanzig Humpen in einen Bergbach nieder, und der Zufall wollte es, daß in dieser Nacht ein Erdrutsch ben Lauf des Baches änderte unb ber Knappe im trockenen Steinbett erwachte. Er würbe sofort zum Ritter geschlagen und warb ber Stamm- Herr des Geschlechts von Trockenbach. Wir haben aus der unendlichen Chronik derer von Trockenbach nur diesen einen Moment herausgehoben, um einen Hintergrund zu schaffen, gegen den die wunderliche Schrulle unseres Barons begreiflich scheint. Der Baron war ein alter, jovialer Herr, ber nach drei Jahrzehnten der Lebenslast, ber Schüttren und Wechsel, im vierten Kraft genug besaß, seine Verhältnisse zu ordnen unb seinen beiben Söhnen ein Erbe zu sichern, nachbem seine schöne, leichtsinnige Frau ihn sterbend gebeten hatte, ben Jungens nicht mehr und nicht weniger zu hinterlassen, als er selber einst empfangen hatte. Die prachtvollen Forste von Zareiken hatte seit Generationen jeder Trockenbach einmal erworben und einmal verloren. — Soweit wäre alles gut gewesen, und bie Laune des Barons ein Maienwölkchen — aber es gab einen festen Punkt in feinem Leben, in bem ihm das Symbol der Ritter- und Mannestugend beschlossen schien — bas Brandmeisteramt. Bor bald zwanzig Jahren hatte die Gutsherrentagung des Distriktes dieses Amt und die goldbestickte Mütze dem Baron von Trockenbach verliehen. Die Feuerwehr bestand aus mehreren Spritzen und den Leuten der Güter und Gehöste. Kurz vor Amtsantritt des Barons hatte ein riesiger Waldbrand das nachbarliche Gut heimgesucht, dessen Besitzer zu dieser Zeit die goldbetreßte Mütze trug. Es war zwar fast der halbe Wald niedergebrannt, aber ber Branbmeister hatte unsterblichen Ruhm geerntet, Umsicht unb persönlichen Mut bewiesen, unb wahrscheinlich wäre er weit weniger berühmt geworden, hätte er den Brand im Keime erstickt. Zudem lag etwas Ordnungsgemäßes schon darin, daß er auf seinem eigenen Besitztum, die Feuertaufe erhielt. Da aber die Satzungen besagten, daß niemand länger als zwanzig Jahre die goldbestickte Mütze tragen durfte, war •»an zusammengekommen. Die Wahl war auf den Baron gefallen, und bei einer Festivität mit vielen Gängen und noch mehr Korken wurde . ihm die Mütze überreicht. Und wie der Baron, eine tadellose Erscheinung in tadellosem Frack, sich von seinem Sessel am offenen Kaminfeuer erhoben und den schwarzen Scheitel mit den Goldtressen bedeckt hatte und den verschiedenen Hoffnungen und Gedanken beredten Ausdruck zu verleihen gedachte, erfüllte ein brenzlicher Geruch das Zimmer. Unter schreck und Gelächter der Runde fingen die Rockschöße des Brandmeisters Feuer und lösten sich in der Nähe des Kamins unb in Anbetracht des Augenblicks in eine flammenbe Ovation auf. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich ben Frack vom Leibe zu reißen und zu den brennenden Scheiten auf den Rost zu werfen. Der Brandmeister stand in Hemdsärmeln da und konnte feine Rede nicht beenden, da das Ereignis ihm ben toten Faden abgefengt chatte und bas Manuskript in der Rocktasche «es Frackes luftig knisterte. . . Jetzt trug er die Brandmeisterwürde seit neunzehn Jahren, doch zu - 'einem Leidwesen hatte es niemals in seinem Distrikt gebrannt, was man allgemein als eine Nachlässigkeit empfinden mußte. Er stand mit feiner Mütze da wie eine Großmacht, die sich seit Jahren hinter Dreadnoughts und Tanks verschanzt und nie das Pulver im Felde roch. Und so kam es, daß der gute Baron bei seiner frommen und loyalen Gesinnung im Grunde seiner Seele den roten Hahn auf alle Dächer wünschte. Die Niedertracht seiner Söhne drückte den Stachel immer tiefer itt die väterliche Brust. Während man auf der Veranda Kasse trank, versteckte Fritz die Mütze unter Leinenstücken im Schrank, und ging bann die Sonne rot über Estlands Wälder nieder, so schrie Rolf wie ein Besessener aus dem Garten: „Feuer, Feuer im Westwald!" Der gute Baron eilte, feine Mütze zu suchend, wetterte, warf alle Schrankfächer durcheinander und erschien endlich mit der Mütze auf der Veranda, sah Gottes Sonne mit einem Kernfluch scheiden, tat die Mütze in die Ecke und den Stock hervor. Das Bild des Ahnen an der Wand sah so strenge, als hätte er nie im Bach geschlafen, der verdienten Züchtigung zu. Aber bie ftrafenbe Hanb mußte wirklich die Zuchtrute ber Liebe geschwungen haben; denn sie prügelte den Delinquenten nicht nur die Teufeleien aus, sondern so etwas wie Familiensinn unb Kinbesliebe ein. Die Jungens begannen zu fühlen, daß dies mit ber Branbmeisterei ber Lebensschmerz des Papas war. Vor der Hand geschah aber weiter nicht viel mehr, als daß ber Baron auf der Hasenjagd stolperte, und sich das Wadenbein brach, int Gipsverband bei einem Whisky-Soda auf der Veranda lag, vom Postboten einen gestempelten Brief empfing, der die Versammlung der Gutsherren zur Neuwahl des Sranbmeifteramtes einberief. Hierauf mixte der Baron sich einen Whisky a la half and half, unb der Brief flatterte über bie Vorfahrt unb Hecke auf den Garfenkies, wo Rolf als Trainer dreier Mistkäfer tätig war, bie immer wieder gegen die Regeln des Wettlaufs verstießen. Er nahm ben Brief auf und las ihn, als schon die Stimme des, Vaters ihn rief. Ein Schwamm unb Benzin fanden sich bald, unb da der Plan auch fertig war, so fehlte — zumal Wind unb Sonne war — nur noch dec Ruck zur Tat, der ihn mit dem Mut ber Sittlichkeit über sein pochendes Knabenherz hinaustrieb. Schnell war er wieder durch die Dachluke zurückgekrochen, auf Umwegen durch die Hecke in den Garten geschlüpft, und kam fünf Minuten später durch bie Pforte gelaufen. Er setzte sich auf bie Veranba, ruhig zum Vater, währenb ihm jeder Puls bis in die Kehle sprang. Funken tanzten vor seinen Augen, und er glaubte Knistern im Wind zu fjören.: „Du siehst fiebrig aus, Rolf," sagte ber Vater, „geh heute früh schlafen, mein Jung." Dann kam es! Die alte Helmine, die seit tausend Jahren Gemüse zog, kam schreiend und gestikulierend gelaufen, Tränen, Schluchzen, Worte kochten durcheinander, und als einziger verständlicher Brocken aus dem Klagebrei wimmerte bas Wort: „Feuer, Feuer!" Die magere Hand wies zum Dachfirst. Der Baron sah auf fein Gipsbein unb erbleichte. Rolf sprang bie Stufen hinab — richtig: sechs Meter breit auf dem Dachfirst tanzte bas Feuer, trügerisch klein im Sonnenlicht. Rolf schlug an ben Gong unb schrie: „Vater, bleib sitzen unb stütze dein Bein auf. Lauf zum Verwalter, Helmine, er soll bie Glocke schlagen! Fritz! Fritz!" Unb weg war er. Der Baron sah das, Aergste voraus. Die Hitze hatte den Brunnen getrocknet, das Einzige war der schlammige Enten- tümpel. — Er schleppte sich zum Telephon und gab die Alarmworte ans Amt. Rings auf den Gehöften rissen die Knechte die Pferde aus dem Stall, Kannen und Eimer von den Haken und unter den Eutern der Kühe hervor, die Milch schäumte die Kotrinne entlang. Im Galopp flogen bie Gefährte durch die Alleen. Von ben Feldern des Gutes Trockenbach eilten die Knechte herbei, die Jungens hatten die Mägde zu einer Kette zum Ententümpel geordnet, die Eimer wanderten. Rolf stand auf. dem First, fast in den Flammen, und leerte Eimer nach Eimer. Die heißen Ziegel brannten seine Sohlen. Seine Hand blutete. Er hatte zu hastig die Dachluke aufgestoßen, bie zurückfallenb und splitternd seine Hanb zerschnitt. Das Blut aus ben Schnittwunden und ber Enten- schlamm liefert Fritz übers Gesicht, der auf einer Leiter stand und zureichte. Die leeren Eimer ließen sie das schräge Dach hinabrollen. Kinder trugen sie zur Kette. Das Poltern ber leeren Eimer verursachte ein schreckliches Getöse, unb der Baron am Telephon glaubte, der Dachstuhl breche zusammen. Rolf stand im Feuer, Blut und Schweiß wie ein heiliger Florian. Seine Augenbrauen waren versengt. Da sah er quer durch das Korn die Wagen von Zareiken kommen. Leitern schlugen an die Dachrinnen, Köpfe, Eimer tauchten auf. Bravorufen. Im verzwanzigfachten Wassersturz starb allmählich das Feuer. Während die Knechte noch nachlöschten, kletterte Rolf hinab. Unten standen viele Menschen unb wuschen unb bewunderten Fritz um des Schlammes und Blutes willen, Kos' Rolf auf Ihn verströmt hatte. Da erschien auch Rolf und badete in der Ovation der Menge. Er war blutig, bleich und selig. In diesem Augenblick erschien der Baron, der den völligen Zusammenbruch des Hauses nur noch für eine Frage von Sekunden hielt, aus der Veranda. Er stand da mit seinem unseligen Gipsbem, hatte das Bild des Urahnen unter dem Arm und die Dienstmütze auf dem Kopf. Ein donnerndes Hoch der Rettungsmannschaften, die serne Jungens auf den Schultern trugen, brauste ihm entgegen. Abends im Saal saßen der Baron und die Gäste. Der Brand war gelöscht, der Baron glücklich, die Ehre gerettet, der Name unsterblich! Die Jungens waren die Sensation des Abends. Man sprach von einer Medaille. Und der Ahne an der Wand, stolz und feierlich, als hatte er niemals im Bach gelegen, sah zu, wie Rolf das erste Glas Champagner seines Lebens trank. Dom Pilgerführer zum Baedeker. Aus der Geschichte des deutschen Reisehandbuches. Von Dr. Kurt Haack. Unsere unentbehrlichen Begleiter auf der Reise sind heute jene handlichen Bücher, mit deren allgemeiner Einsührung und vorzüglicher Aus- aestaltuna sich der Verlag von Karl Baedeker einen Weltruhm erworben hat. Aber dieses Universalgenie der Reiseliteratur, das unserer im Zeichen des Verkehrs und der Reisen stehenden Zeit würdig ist, wäre unmöglich ohne seine zahlreichen Vorgänger, die nicht nur in älteren Auslagen, sondern auch in den Reisehandbüchern früherer Zeiten bestehen. Der Baedeker blickt auf eine stattliche Reihe von Ahnen zuruck, die ihn an Umfang und Materialsülle oft überbieten, an praktischer Brauchbarkeit aber soweit hinter ihm zurückbleiben, wie eine Postkutsche hinter einem Auto. Wenn wir die lange Entwicklung dieser deutschen Reiseführer überblicken, erhalten wir zugleich einen Einblick in Geschichte und Art des Reisens. Die Reisemanie der römischen Kaiserzeit hatte auch eine große Anzahl von Jtinerarien, die Reiserouten genau beschrieben, und Aufzählungen von allerlei Sehenswürdigkeiten entstehen lassen. Ein außerordemlich schwatzhaftes, aufs Sensationelle berechnetes Reisehandbuch für Griechenland ist uns in dem Werk des Pausanias erhalten. Im ganzen aber florierten die mündlichen Reiseführer, die an allen vielbesuchten Orten mit ihrer Gelehrsamkeit aufwarteten, mehr als die schriftlichen. Als im frühen Mittelalter durch den Verfall der antiken Kultur jede Möglichkeit des Reisens aufhörte, war es natürlich auch mit jedem Gedanken an eine Anleitung zum Reisen vorbei. Erst die sich immer stärker regende Sehnsucht nach dem heiligen Lande und dem Grabe des Herrn, die sich in den Pilgerfahrten und Kreuzzügen äußerte, führte auch wieder zu den Anfängen einer Reiseliteratur. So sind aus dem 13. und 14. Jahrhundert „Unterweisungen an einen jungen Kreuzfahrer für die Reise" und „Ratschläge für eine Pilgerfahrt nach dem Orient" erhalten, in denen der einzuschlagende Weg, die günstigste Jahreszeit, die wichtigsten Stationen, die bequemsten Transportmittel angeführt werden; des weiteren werden Angaben über Proviant und medizinische Schutzmittel gegen das tropische Klima gemacht; man erfährt, was man sich in einzelnen Städten an Kuriositäten ansehen soll, wie man sich gegen die Mohammedaner und den Dogen von Venedig zu verhalten hat. Viele sagenhafte und phantastische Dinge treten uns hier neben praktischen Erfahrungen und wirklich fördernden Mitteilungen entgegen. Die Welt der Dichtung und des Wunders überwiegt dann in den großen Reisebeschreibungen, deren Repräsentant das lange Zeit verschlungene, in viele Sprachen übersetzte Buch des nach Palästina pilgernden Ritters John Maundeville war, der in schmucklos naiver Erzählung seine Erlebnisse zu Rutz und Frommen künftiger Wallfahrer aufzeichnete. Viel Tatsächliches ließ sich allerdings aus der romanhaft spannenden Darstellung nicht lernen: als praktischen Begleiter benutzte man schlichtere, knapp orientierende „Wegweiser". Alle diese Werke enthielten jedoch nur Angaben für Reisen nach einem bestimmten Ziel für einen bestimmten Zweck; sie beschränkten sich auf Pilgerfahrten und wurden ganz selten wohl auch für eine Geschäftsreise gebraucht. n . Eine größere Verbreitung gewann das Reisen erst im Laufe des 16. Jahrhunderts, als durch die großen Entdeckungen unbekannter Weltteile der Horizont erweitert und die Sehnsucht nach fernen Ländern entfacht wurde. Nun entwickelte sich eine ganz neue Wissenschast, die Apo- demik, d.h. „die Anleitung, wie man auf Reifen das Nützliche mit dem Angenehmen und Bequemen verbinden könne". Die ersten Werke dieser Art, das des Italieners Grataroli von 1562, das den Reisenden zu Schis und zu Wagen, zu Roh und zu Fuß Auskunft versprach, die von Pic- torius und Zwinger waren lateinisch geschrieben und nur gelehrteren Kreisen verständlich. Einer dieser Reisetraktate, der des Thomas Erpenius „Ueber die praktische Einrichtung der Reise nach Frankreich" war für Kavallerie bestimmt, die zur Erlangung des „höheren Schliffs" nach - dem „Lande des guten Tons" gingen. Um 1600 find diese lateinischen „Reißbücher" schon ganz eingebürgert, werden schön gedruckt und mit fein gestochenen Landkarten versehen, bald auch ins Deutsche übersetzt. Solch ein „Allgemeines oder General-Rayhbuch und Wegweiser" erschien 1603; es enthielt die Wege von den größeren deutschen Städten nach den vornehmsten Orten aller europäischen Länder, von Moskovien bis Spanien, und zwar, wie es auf dem Titel hieß, „alles zu dienstlichem Wohlgefallen allen Herren und Fürstlichen Abgesandten, Kaufherren, Wander- und Handwerksgesellen, Reitende und gehende Boten". Bei den einzelnen Städten waren schon auch einige historische Notizen beigefügt; so wurde etwa der Name von Hamburg auf seinen Ursprung hin mit skurriler Gelehrsamkeit untersucht und es hieß dann lakonisch weiter: „Ist eine berhumte Kauffstat, und sehr vest". Während sich solche Bücher an ein möglichst breites reisendes Publikum wandten und daher nur dürftige gelehrte Angaben machten, wurden andererseits die umfänglichen lateinischen Reisebücher, die im 17. Jahrhundert sehr zahlreich waren, der Tummelplatz polyhistorischer Launen und Ungeheuerlichkeiten. Die „Entzückungen" von Frankreich uni) Spanien wurden unter einem Berge von Zitaten, einem Wust von Sagen und Legenden begraben. Ein Mittelweg zwischen diesen pedantisch- gelehrten und nüchtern-praktischen Werken mußte in deutsch geschriebenen und anschaulich belebten Darstellungen gesucht werden; ihn erprobte 1622 Heinrich Kilian Neumaier in seiner „Reise durch Welschland und Hispanien"; ihn beschritt darauf mit noch größerem Erfolg der Topograph Martin Zeiller, der „Baedeker des 17. Jahrhunderts". Im Jahre 1632 erschien zu Straßburg in zwei Bänden sein „Reißbuch und Be- chreibung Deutschlands und angrenzender Länder", daß den Ruhm beanspruchen darf, das erste deutsche Reisehandbuch im heutigen Sinne zu ein Andere Werke über Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien olgten. Einen Auszug aus all diesen Büchern veranstaltete Zeiller 1651 n seinem nach des Aeneas treuen Begleiter genannten „Fides Achates oder getreuer Reisegefärt", der die größte Verbreitung fand. Der kenntnisreiche Verfasser, der hübsch von seinen eigenen Wanderungen und Reiseerfahrungen plaudert, berichtet nicht immer als Augenzeuge; er hat vielerlei Quellen benutzt, neben fremden geschriebenen Reisetagebuchern, die ihm von Reisenden zur Benutzung zugesandt wurden, auch viele historische und geographische Werke. In langen Einleitungskapiteln wurden die Geschichte, Volk, Staat und Gliederung des betreffenden Landes gründlich abgehandelt, denn „die vornehmste Absicht beim Reisen ist, daß man dadurch politische Weisheit und, wie es an andern Orten her- S erfahre". Daneben aber kommt auch der beschreibende, praktische 'zu seinem vollen Recht. Zeillers Anordnung und Schilderung mutet hier merkwürdig modern an. Ganz wie von unserm Baedeker werden wir in die äußerst beschwerlichen Paß- und Zollverhältnisse eingeweiht, mit den Beförderungsmitteln bekannt gemacht, auf bestimmte Herbergen hm- qewiesen, in denen man gute Unterkunft findet; ja sogar über Preise erhält man Fingerzeige. Freilich, auch Zeiller war ein Sohn seiner Zell. Wer in seinen Büchern nach Hinweisen sucht auf Schönheiten der Natur, auf heute gefeierte Kunstwerke, der wird eine bittere Enttäuschung erleben. Nach seiner Meinung kann man z.B. sämtliche Sehenswürdigkeiten Roms in vier Tagen absolvieren, wobei aber von Raffael und Michelangelo Nicht die Rede ist. Das ästhetische und auf schöngeistig-künstlerische Kenntnisse gerichtete Bildungswesen des 18. Jahrhunderts tritt schon deutlicher hervor in dem von vielen Deutschen auf der Pariser Tour benutzten Buch von Joachim Nemeitz „Sejour de Paris oder getreue Anleitung, welchergestalt Reisende von Kondition sich zu verhalten haben ..." (Straßburg 1717.) Winkelmann bediente sich auf seiner Italienfahrt, die den Deutschen ein neues „gelobtes Land" erschließen sollte, noch englischer Reisebücher. Sein Plan, eine mustergültige Anleitung zum Besuch Italiens zu schreiben, kam zwar nicht zur Ausführung, aber der klassische Führer aller der großen Italien-Reisenden, eines Lessing und Goethe, wurde der Hamburger I. I. Volkmann in seinen „historisch- kritischen Nachrichten aus Italien" (1770), einem inhaltsreichen übersichtlichen Werke, das freilich vielen Reisenden von heut zu gelehrt er- scheinen dürfte, in dem aber schon die Begeisterung für die Kunst glüht. Nur für die Schönheiten der itaüenifdjen Natur hatte der Freund Winkelman noch kein Auge. Die Wunder der Natur werden erst durch eine Reihe von Reifehandbüchern entdeckt, die sich mit einer Gegend beschäftigt, der sich damals die Neigung zuzuwenden begann: der Schweiz. Das Musterhandbuch für die Schweizer Reifen wurde I. G. Ebels 1793 zuerst erschienene „An- leitung, die Schweiz zu bereisen". Ebel ist der erste, der einen Sremben. ström in die Alpengegenden gelockt, der eigentliche Begründer des Weltruhms der Schweiz; in einer längeren Einleitung führte er aus, daß Reisen und Aufenthalt in der Schweiz „die körperliche und moralische Gesundheit" fördere, gab Anweisungen über „Milch-, Molken- und Badekuren", über die Reisekosten, Ausrüstung usw. Ferner unterrichtete er über Geschichte, Geographie, Naturgeschichte, Handel, Künste, Munz- sorten, über deutsch-schweizerische Ausdrücke, über die romanische und speziell die rätische Sprache u. a. m. Alles im ersten Band seines Werkes. In drei weiteren Bänden folgen die Beschreibungen der einzelnen Städte, Täler, Berge usw. Der „Ebel" war also etwas „schweres Geschütz , aber von unerreichter Gründlichkeit. Nicht so ausführlich, aber aicht minder beliebt und über ganz Europa verbreitet waren die Reisehandbücher des Gothaer Geheimen Kriegsrats H. A. O. Reichard, eines viel gereiften und noch mehr belesenen Mannes. Sein „Handbuch für Reisende aus allen Ständen" erschien zuerst in Leipzig 1785; es ward später von ihm zu einzelnen französisch geschriebenen „Guides des voyageurs en Europe umgearbeitet, von denen jeder Band ein Land behandelte und die überall benutzt wurden. Noch handlicher und übersichtlicher war sein „Passagier auf der Reise nach Deutschland und den angrenzenden Ländern, der innerhalb von 30 Jahren sieben Auflagen erlebte. Reichards „Passagier ist wohl von seinen großen Nachfolgern Murray und Baedeker injbt’ nauigkeit der Angaben und Anpassung an moderne Bedürfnisse ub«= flügelt worden, aber durch seine treffliche Anordnung und systematiW Verarbeitung des Stoffes, Muster und Grundlage aller späteren Beists Handbücher geblieben. Reichardts Beispiel ahmte der Londoner Buchhändler John Murray nach, als er seine „roten Bücher" herausgab, oi seitdem mit dem Bilde des reisenden Engländers verknüpft sind, weim „Handbooks kor travellers" bringen alles, was die Apodemik von: Zei- ler bis Reichard den Reifenden' vorgesetzt; sie stellen jedoch noch em anderes Ideal auf; unbedingteste Zuverlässigkeit, die sich nur auf bi sichersten Gewährsmänner verläßt. Karl Baedeker aber, der auf ™urr”) weiterbaute, steckte sich sein Ziel noch höher: er wollte alles mit eigen Augen sehen! So waren denn seine Handbücher, die sich juno^lt ' strohelben Gewände präsentieren, noch exakter und gtaubwuroigr als die englischen. Was die Reklame von Murray sagte: „Von Peter- bürg bis Sevilla, von Ostende bis Konstantinopel erblaßt jeder GastY r besitzer bei dem Namen Murray!", das traf»für Baedeker wirklich 3' und so wurde er der rechte Reiseführer unseres Volkes, das stets e Sehnsucht nach fremden Ländern gehabt und im Reisen eines der vef Bildungsmittel, einen der edelsten Genüsse erkannt hat. Das Dorf einer Königin. Von Liesbet Dill. Paretz, im Sommer. Mitten in der Stadt steigt man ein. Die Musik spielt „Nun ade du mein lieb Heimatland". Jeder Dampfer hat seine Kapelle, das gehört dazu, das macht Stimmung. Der kleine weiße Dampfer hält oft unterwegs, längs der Spree. Man sieht die Kulissen der großen Stadt, das morgentlich arbeitende Berlin, Häse und Kaffeegärten bis an die Spreeufer. Der Lehrter Bahnhof, das Reichstagsgebäude, Kohlenlager und Holzplätze ziehen vorbei, Charlottenburg mit seinen -nüchternen Mietskasernen, Spandau mit seinen Schornsteinen und Fabriken, Ruhleben mit der Trabrennbahn, Pichelsdorf mit Badeanstalten und Bootsständen. Dann weitet sich der Blick, wir sind aus dem Pichelssee ... Kleine Eartenhäuschen am Ufer, lustig und bunt in Liliputgärtchen, weiße Segelboote flitzen über das Wasfer, Paddler, braungebrannt von der Sonne, junge Damen in weiß, die am Steuer stehen, Motorboote, elegant eingerichtet. Der Diener serviert den Herrschaften den Tee. Villen in Gärten tauchen auf. Immer weiter wird der See, immer weiter entfernen sich die Ufer, bernsteingelb schimmert das Wasser. Ein Himmel blau und wolkenlos, gutes Wetter für eine Schiffahrt. In Wannfee liegen die Badenden im Sand an dem mehrere tausend Meter langen breiten Strand, dann schwimmt die stille Pfaueninsel näher, das Teehäuschen der Königin Luise erscheint und schon sind wir von Poesie und Romantik umfangen. Sie weht von der reizenden grünumbuschten Insel herüber, an der das weiße Schiff vorbeigleitet ... Moorlake erscheint, Potsdams Türme recken sich aus, die Gärten von Neubabelsberg, Blumen hängen von den Terrassen, Trauerweiden neigen sich ins Wasser, Möwen flattern am Strand. Rechts und links tauchen Kasfeestationen auf mit kühnen Namen, Römerschanze und Schweizerhaus. Dann wird die Gegend einsam und slach, ein Idyll von gelben wogenden Getreideseldern und Wiesen. Schilfränder an den Ufern. Still wird's hier und traurig ... Paretz ist in den meisten Reisebüchern vergessen, ein Ort, an den es viele hinzieht. Die schöne kranke Königin Luise hat dort ihre liebsten Tage verbracht. Sie war eine mecklenburgische Prinzessin, und sicher war es die Aehnlichkeit dieses märkischen, einsamen Dorfes mit ihren heimatlichen Dorfbildern, die sie so liebte. Vier Stunden fährt der Dampfer von Berlin bis Paretz. Wie lange mögen im vorigen Jahrhundert die schwerfälligen Kaleschen gebraucht haben, welche die Königin mit ihren Kindern nach Paretz trugen? Eine flache Umgebung, Getreidefelder wogen im heißen Sommerwind. Der Park von Paretz schwimmt näher, eine Lindenallee führt zum Schloß ... Eine sandige Dorsstraße, von grünen Hecken umzäunt, ein altes Kirchlein, gotisch, aus einem Grasplatz, eine Oberförsterei, ein paar Gasthäuser, zum „Gothischen Haus" und zur „Luisenquelle", ein paar niedrige Dorfhütten und das Schloß, das ist das ganze Paretz. Das Schloß, zweistöckig, von Efeu umklammert bis unters Dach, einfach, die Fenster wie aus der Efeuwand herausgefchnitten. Ringsum Park, Wiefen und Weiden. Ein Storchnest auf dem Dach eines Hauses, aus dem sechs Störche schwarzweiß gucken. Um den Rasen oval gestutzte Eichen und vor der einfachen weißen Türe stehen, wie zwei Grenadiere, zwei Eichen. Primitivste Einrichtung innen, kleine getünchte Vorzimmerchen, niedrig. 1797 wurde das Schloß gebaut, für die Königin. Sie hat sich diesen Platz ausgesucht. Es gab sicher landschaftlich viel schönere in der Nähe Berlins, aber sie wollte hier sein, einfach, ländlich, in der Stille, wo einen nichts mehr erreichte, vom Hof und der Stadt und der Politik. Es ist ein melancholischer Besuch. Ueberall hängen welke Kränze, von den zarten Händen der Königin gewunden, an den Wänden. Die bunten Tapeten Handdruck, Pariser Farben, primitive Kamine, wie ein großes Ei in die Wände gehöhlt, ein Kupfergitter davor, ein Loch, das in den Schornstein leitet, ein paar Holzscheite liegen da. Man war nur im Sommer hier draußen. Das Schloß hat Kaiser Friedrich dem Prinzen Heinrich von Preußen geschenkt und dessen Sohn Adalbert hat es geerbt, sagt die Kastellanin. Er besucht es öfters und wohnt tagelang hier in den einfachen Fremdenzimmern oben im ersten Stock. Da steht der Schreibtisch der Königin, ihre Ledermappe liegt da, ihr Tintenfaß aus Alabaster, ihr Nähkörbchen, ein Rohrgeflecht mit gesticktem Rand, ihr Spinett, ein Billardzimmer, in dessen Wänden ein Kranz hängt aus Eichenblättern, die wie Schaumgold wirken, den die Königin flocht, als sie Paretz zum letztenmal vor ihrem Tode besuchte... Englische, bunte Kupferstiche bedecken die Wände. Nichts ist kostbar, alles ärmlich, aber vornehm und geschmackvoll. Preußen war ja damals so arm. Auch Königinnen konnten sich keinen Luxus erlauben. Nirgendwo ein Bad, nirgendwo sieht man einen Waschtisch ... Das Schlafzimmer mit dem Ehebett, grüne vermottete Seidendecken, eingesunken und alt geworden, das ist alles. Unter einem grauverstaubten weißen Himmel von Musselin. Alle Fenstervorhänge sind noch da, sonnen- verschossen, wenn man dran rührt, riefelt Staub ... In diesen drei einfachen Zimmern hat einst Zar Alexander gewohnt... Vor den erblindeten, zusammengesetzten Spiegeln Vasen aus Milchglas, Pit bunten Blumensträußen bemalt. In jenem Kabinett sind die königlichen Prinzen ausgewachsen, die Wände mit bedrucktem Kattun bespannt, Sanapes mit blumiger Kretonne bezogen. Der Toilettentisch der Königin Einfach und armselig, weißer Tupfenmull umspannt den kleinen Tisch. Das Bild ihres Vaters, des Herzogs von Mecklenburg, hängt über einem ®ofa, die Wände der Gänge und Vorzimmer sind gelb getüncht. Aus oieje Holztreppe stieg sie ost hinaus, die Königin, müden Schritts, schwer - mmend schon ... Oben ist ihr Schlafzimmer. Da steht der große gelbe Wandschirm noch, für den sie mit ihren Kindern Bilder ausfchnitt und >hn beklebte. Lustig sieht das aus, kindlich, reizend, naiv, etwas chinesisch mutet es an. An der Wand gepreßte Sommerblumen unter Glas, auf »en Wiesen gesammelt und zum Strauß vereint. Niedrige Decken. Brette Fledermausfenster lassen uns die Ebene üdev> schauen. Das Weiherchen, das Teehäuschen, den Park mit seinen Schlängelwegen, den man in fünf Minuten durchwandert hat. Weihe Wandschränke auf der Diele. Im Arbeitszimmer Kaiser Wilhelms, einer Mansarde nach dem Park, steht ein einfacher Schreibtisch. Ein Pastell von Schroeder von Luise hängt da, das ihr am ähnlichsten sein soll, ungeschmeichelt, etwas hart, nur Prosil und die schönen Schultern, das blonde, geknotete Haar ... Poetisch, wie alles, was diese Frau umgab ... Ein abgeschabter Ledersessel, gestickte Teppiche, Sommermöbel, kein Prunk, keine Seide, kein Gold, eine kleine Pendule unter Glasstur), Tapeten hängen in Fetzen von der Wand, weiß gescheuerte Dielen, so ländlich und gesund alles ... Das Kinderzimmer der Prinzessin Charlotte, dieser reizenden Frau, die später Zarin von Rußland wurde, die kleine Kanone, mit der die Prinzen mit den Paretzer Bauernjungens gespielt haben, das Gartenzimmer mit gemalten bunten Wänden und Runddiwans. Aus dem runden Tisch im chinesischen Saal liegt noch das Spielzeug der Prinzen^ eine Mühle, ein Schach, ein Lotto, Tischtennisschläger und Reifen ...» Das kleine Wohnzimmer der Königin in Blau mit Bildern ihrer Lieblingspferde, eine Seidenstickerei hängt da, welche die „Vergänglichkeit" darftellt. Eine Sanduhr, ein Totenkopf, eine brennende Kerze und Blumen, die welken ... „lieber das Loos des Vergänglichen erheben dich Königin deine Tugenden." Im Arbeitszimmer des Königs steht eine spaßhafte Karikatur des Königs von Hannover mit Lord Gloster. Ein von der Königin gestricktes Tuch hängt über einem Stuhl aus braungrünen Streifen, mit Satin gefüttert, das sie morgens im Garten trug. Eine bescheidene kleine Bibliothek, Lafontaines „moralische Erzählungen", französische und englische Reifebücher. In einer Kammer an der Wand die Jagdgewehre des Königs. In der Ecke steht ein vermottetes Fähnchen, das die Dorfjungens einst dem Kronprinzen Wilhelm zum Geburtstag anbrachten. „Wir prefentieren die Armee und tun dir gratulieren, aber wenn du uns willst kommandieren, mußt du zuerst uns salutieren ..." In einer Ecke des Parks, der jetzt verwildert und unkrautdurchwachsen ist, steht ein chinesischer Tempel, in dem die Königin Nachmittags ihren Tee trank. Man überschaut hier das stille Land. Verschlossen sind die blahblauen Läden, unterhalb dieses Tempels, eine Grotte, die von Kinderhänden gewundene Kränze schmücken „Gedenket der Abgeschiedenen". — Unnötige Mahnung. Der Geist der schonen Königin schwebt noch überall, in den einfachen stillgewordenen Zimmern, in diesem kleinen mückenverseuchten Park ... Paretz ... Einige Schisse kommen angezogen wie weiße Schwäne und landen.hier. Man trinkt Kafsee unter schattigen Bäumen, man geht auch in das stille, schmale Kirchlein, setzt sich in die engen Bänke. Durch einen roten Vorhang fällt blutrot die Sonne und erfüllt die Kirche mit feurigem Licht. Der einzige Schmuck der Wände, einige Tafeln mit den Namen der Paretzer Jugend, die fürs Vaterland fiel ... „In Schönheit sterben ..." Ich bin keine große Frau, werde nie berühmt fein, sagte Luise einmal von sich. Nein, aber ihre Bilder, ihre Briese, ihre Erinnerungen verblassen nicht, sie leuchten uns immer, sie umschweben diese Stätten, die ihr schöner Fuß betrat, und sie sind da selbst in dem stillen einsam gelegenen Dorf Paretz ... Die Iudenbuche. Ein Sittengemälde aus dem gebirgigsten Westfalen. Von Annette v. Droste-Hülshofs. (Fortsetzung.) In diesem Augenblicke trat Johannes Niemand in die Kammer; dünn und lang wie eine Hopfenstange, aber zerlumpt und scheu, wie wir ihn vor fünf Jahren gesehen. Sein Gesicht war noch bleicher als gewöhnlich. „Friedrich," stotterte er, „du sollst sogleich zum Ohm kommen; er hat Arbeit für dich; aber sogleich." — Friedrich drehte sich gegen die Wand. — ,^ch komme nicht," sagte er barsch, „ich bin krank." — „Du mutzt aber kommen," keuchte Johannes; „er hat gesagt, ich müßte dich mlt- b ringen." Friedrich lachte höhnisch auf: „das will ich doch sehen!" — „Laß ihn in Ruhe, er kann nicht," seufzte Margret, „du siehst ja, wie es steht." — Sie ging aus einige Minuten hinaus; als sie zurückkam, war Friedrich bereits angekleidet. — „Was fällt dir ein?" rief sie, „du kannst, du sollst nicht gehen!" — „Was fein muß, schickt sich wohl," versetzte er und war schon zur Tür hinaus mit Johannes. — „Ach Gott," seufzte die Mutter, „wenn die Kinder klein sind, treten sie uns in den Schoß, und wenn sie groß sind, ins Herz!" Die gerichtliche Untersuchüng hatte ihren Anfang genommen, die Tat lag klar am Tage; über den Täter aber waren die Anzeichen so schwach, daß, obschon alle Umstände die Blaukittel dringend verdächtigten, man doch nicht mehr als Mutmaßungen wagen konnte. Eine Spur schien Licht geben zu wollen: doch rechnete man aus Gründen wenig daraus. Die Abwesenheit des Gutsherrn hatte den Gerichtsschreiber genötigt, auf eigene Hand die Sache einzuleiten. Er saß am Tische; die Stube war gedrängt voll von Bauern, teils neugierigen, teils solchen, von denen man in Ermangelung eigentlicher Zeugen einigen Aufschluß zu erhalten hoffte. Hirten, die in derselben Nacht gehütet, Knechte, die den Acker in der Nähe bestellt, alle standen stramm und fest,' die Hände in den Taschen, gleichsam als stillschweigende Erklärung, daß sie nicht einzuschreiten gesonnen seien. , Acht Forstbeamte wurden vernommen. Ihre Aussagen waren völlig gleichlautend: Brandis habe sie am zehnten abends zur Runde bestellt, da ihm von einem Vorhaben der Blaukittel müsse Kunde zugekommen fein; doch habe er sich nur unbestimmt darüber geäußert. Um zwei Uhr in der Nacht seien sie ausgezogen und auf manche Spuren der Zerstörung gestoßen, die den Oberförster sehr übel gestimmt; sonst fei alles still gewesen. Gegen vier Uhr habe Brandls gesagt: „Wir sind angeführt, loht uns helmgehen." — Als sie nun um den Bremerberg ge- wendet und zugleich der Wknd mngeschkagen, Habe man deukkich im Masterholz fällen gehört und aus der schnellen Folge der Schläge geschlossen, daß die Blaukittel am Werk seien. Man habe nun eine Weile beratschlagt, ob es tunlich sei, mit so geringer Macht die kühne Bande anzugreifen, und sich dann ohne bestimmten Entschluß dem Schalle langsam genähert. Nun folgte der Austritt mit Friedrich. Ferner: nachdem Brandts sie ohne Weisung fortgeschickt, seien sie eine Weile vorangeschritten und dann, als sie bemerkt, daß das Getöse im noch ziemlich weit entfernten Walde gänzlich aufgehört, stillegestanden, um den Oberförster zu erwarten. Die Zögerung habe sie verdrossen, und nach etwa zehn Minuten seien sie weitergegangen und so bis an den Ort der Verwüstung. Alles sei vorüber gewesen, kein Laut mehr im Walde, von zwanzig gefällten Stämmen noch acht vorhanden, die übrigen bereits fortgeschafft. Es sei ihnen unbegreiflich, wie man dieses ins Werk gestellt, da keine Wagenspuren zu finden gewesen. i Auch habe die Dürre der Jahreszeit und der mit Fichtennadeln bestreute Boden keine Fußstapfen unterscheiden lassen, obgleich der Grund ringsumher wie festgestampft war. Da man nun überlegt, daß es zu nichts nützen könne, den Oberförster zu erwarten, sei man rasch der ändern Seite des Waldes zugeschritten, in der Hoffnung, vielleicht noch einen Blick von den Frevlern zu erhaschen. Hier habe sich einem von ihnen beim Ausgange des Waldes die Flaschenschnur in Brombeerranken verstrickt, und als er umgeschaut, habe er etwas im Gestrüpp blitzen sehen: es war die Gurtschnalle des Oberförsters, den man nun hinter den Ranken liegend fand, grab ausgestreckt, die rechte Hand um den Flintenlauf geklemmt, die andere geballt und die Stirn von einer Axt gespalten. Dies waren die Aussagen der Förster: nun kamen die Bauern an die Reihe, aus denen jedoch nichts zu bringen war. Manche behaupteten, um vier Uhr noch zu Hause oder anderswo beschäftigt gewesen zu sein, und keiner wollte etwas bemerkt haben. Was war zu machen? Sie waren sämtlich angesessene, unverdächtige Leute. Man mußte sich mit ihren negativen Zeugnissen begnügen. Friedrich ward hereingerufen. Er trat ein mit einem Wesen, das sich durchaus nicht von seinem gewöhnlichen unterschied, weder gespannt noch keck. Das Verhör währte ziemlich lange und die Fragen waren mitunter ziemlich schlau gestellt: er beantwortete sie jedoch alle offen und bestimmt und erzählte den Vorgang zwischen ihm und dem Oberförster ziemlich der Wahrheit gemäß, bis auf das Ende, das er geratener fand, für sich zu behalten. Sein Alibi zur Zeit des Mordes war leicht erwiesen. Der Förster lag am Ausgange des Masterholzes; über dreiviertel Stunden Weges von der Schlucht, in der er Friedrich um vier Uhr angeredet und aus der dieser seine Herde schon zehn Minuten später ins Dorf getrieben. Jedermann hatte dies gesehen; alle anwesenden Bauern beeiferten sich, es zu bezeugen; mit diesem hatte er geredet, jenen zu- genickt. Der Gerichtsschreiber saß unmutig und verlegen da. Plötzlich fuhr er mit der Hand hinter sich und brachte etwas Blinkendes vor Friedrichs Auge. „Wern gehört dies?" — Friedrich sprang drei Schritt zurück. „Herr Jesus! ich dachte, Ihr wolltet mir den Schädel einschlagen." Seine Augen waren rasch über das tödliche Werkzeug gefahren und schienen momentan auf einem ausgebrochenen Splitter am Stile zu haften. „Ich weiß es nicht", sagte er fest. — Es war die Axt, die man in dem Schädel des Oberförsters eingeklammert gefunden hatte. — „Sieh sie genau an," fuhr der Gerichtsschreiber fort. Friedrich faßte sie mit der Hand, besah sie oben, unten, wandte sie um. „Es ist eine Axt wie andere", sagte er dann und legte sie gleichgültig auf den Tisch. Ein Blutfleck ward sichtbar; er schien zu schaudern, aber er wiederholte noch einmal sehr bestimmt: „Ich kenne sie nicht." Der Gerichtsschreiber seufzte vor Unmut. Er selbst wußte nun nichts mehr, und hatte nur einen Versuch zu möglicher Entdeckung durch Ueberraschung machen wollen. Es blieb nichts übrig, als das Verhör zu schließen. Denjenigen, die vielleicht auf den Ausgang dieser Begebenheit gespannt sind, muß ich sagen, daß diese Geschichte nie aufgeklärt wurde, obwohl noch viel dafür geschah und diesem Vorhöre mehrere folgten. Den Blaukitteln schien durch das Aufsehen, das der Vorgang gemacht und die darauffolgenden geschärften Maßregel der Mut genommen; sie waren von nun an wie verschwunden, und obgleich späterhin noch mancher Holzfrevler erwischt wurde, fand man doch nie Anlaß, ihn der berüchtigten Bande zuzuschreiben. Die Axt tag zwanzig Jahre nachher als unnützes corpus delicti im Gerichtsarchiv, wo sie wohl noch jetzt ruhen mag mit ihren Rostflecken. Es würde in einer erdichteten Geschichte unrecht sein, die Neugier des Lesers so zu täuschen. Aber dies alles hat sich wirklich zugetragen; ich kann nichts davon ober dazu tun. Am nächsten Sonntage stand Friedrich sehr früh auf, um zur Beichte zu gehen. Es war Mariä Himmelfahrt und die Pfarrgeistlichen schon vor Tagesanbruch im Beichtstühle. Nachdem er sich im Finstern angekleidet, verließ er so geräuschlos wie möglich den engen Verschlag, der ihm in Simons Hause eingeräumt war. In der Küche mußte sein Gebetbuch auf dem Sims liegen und er hoffte, es mit Hilfe des schwachen Mondlichtes zu finden; es war nicht da. Er warf die Augen suchend umher und fuhr zusammen; in der Kammertür stand Simon, fast unbekleidet, seine dürre Gestatt, fein ungekämmtes, wirres Haar und die vom Mondschein verursachte Blässe des Gesichts gaben ihm ein schauerlich verändertes Ansehen. „Sollte er nachtwandeln?" dachte Friedrich, und verhielt sich ganz still. — „Friedrich, wohin?" flüsterte der Alte. — „Ohm, seid Jhr's? ich will beichten gehen." — „Das dacht' ich mir; geh in Gottes Namen, aber beichte wie ein guter Christ." — „Das will ich", sagte Friedrich. — „Denk an die zehn Gebote: du sollst kein Zeugnis ablegen gegen deinen Nächsten." — „Kein falsches!" — „Nein, gar keines; du bist schlecht unterrichtet; wer einen anbeffi Tfi M Velchke anffagl, Lek empfängt bas Sakrament un- würdig." Beide schwiegen. — „Ohm, wie kommt Ihr darauf?" sagte Friedrich bann; „Eu'r Gewissen ist nicht rein; Ihr habt mich belogen." — „Jch? fo?" — „Wo ist Eure Axt?" — „Meine Axt? auf der Tenne." — „Habt Ihr einen neuen Stiel hineingemacht? wo ist der alte?" — „Den kannst du heute bet Tage im Holzschuppen finden." „Geh," fuhr er verächtlich fort, „ich dachte, du seist ein Mann: aber du bist ein altes Weib, bas gleich meint, bas Haus brennt, wenn ihr Feuertopf raucht. Sieh," fuhr er fort, „wenn ich mehr von der Geschichte weiß, als der Türpfosten da, so will ich ewig nicht selig werden. Längst war ich zu Haus", fügte er hinzu. — Friedrich stand beklemmt unb' zweifelnd. Er hätte viel darum gegeben, seines Ohms Gesicht sehen zu können. Aber während sie flüsterten, hatte der Himmel sich bewölkt. „Ich habe schwere Schuld," seufzte Friedrich, „daß ich ihn den unrechten Weg geschickt — obgleich — doch, dies l)ab’ ich nicht gedacht, nein, gewiß nicht. Ohm, ich habe Euch ein schweres Gewissen zu danken." — „So geh, beicht'I" flüsterte Simon mit bebender Stimme; „verunehre das Sakrament durch Angeberei und setze armen Leuten einen Spion auf den Hals, der schon Wege finden wird, ihnen das Stückchen Brot aus den Zähnen zu reißen, wenn er gleich nicht reden darf — geh!" Friedrich stand unschlüssig; er hörte ein leises Geräusch, die Wolken verzogen sich, das Mondlicht fiel wieder auf die Kammertür: sie war geschlossen. Friedrich ging an diesem Morgen nicht zur Beichte. Der Eindruck, den dieser Vorfall auf Friedrich gemacht, erlosch leibet nur zu halb. Wer zweifelt daran, daß Simon alles tat, seinen Adoptivsohn dieselben Wege zu leiten, die er seiber ging? Und in Friedrich lagen Eigenschaften, die dies nur zu sehr erleichterten: Leichtsinn, Erregbarkeit und vor allem ein grenzenloser Hochmut, der nicht immer den Schein verschmähte, unb bann alles daransetzte, durch Wahrmachung des Usurpierten möglicher Beschämung zu entgehen. Seine Natur war nicht unedel, aber er gewöhnte sich, die innere Schande der äußern vorzuziehen. Man darf nur sagen, er gewöhnte sich zu prunken, während seine Mutter darbte. Diese unglückliche Wendung seines Charakters war indessen das Werk mehrerer Jahre, in denen man bemerkte, daß Margret immer stiller über ihren Sohn ward und allmählich in einen Zustand der Verkommenheit versank, den man früher bei ihr für unmöglich gehalten hätte. Sie wurde scheu, saumselig, sogar unordentlich, unb manche meinten, ihr Kopf habe gelitten. Friedrich ward desto lauter; er versäumte keine Kirchweih ober Hochzeit, und da ein sehr empfindliches Ehrgefühl ihn die geheime Mißbilligung mancher nicht übersehen ließ, war er gleichsam immer unter Waffen, der öffentlichen Meinung nicht sowohl Trotz zu bieten, als sie den Weg zu leiten, der ihm gefiel. Er war äußerlich ordentlich, nüchtern, anscheinend treuherzig, aber listig, prahlerisch unb oft roh, ein Mensch, an dem niemand Freude haben konnte, am wenigsten seine Mutter, und der dennoch durch seine gefürchtete Kühnheit unb noch mehr gefürchtete Tücke ein gewisses Uebergewicht im Dorfe erlangt hatte, das um so mehr anerkannt wurde, je mehr man sich bewußt war, ihn nicht zu kennen und nicht berechnen zu können, wessen er am Ende fähig fei. Nur ein Bursch im Dorfe, Wilm Hülsmeyer, wagte im Bewußtsein seiner Kraft unb guter Verhältnisse ihm bie Spitze zu bieten; und da er gewandter in Worten war als Friedrich, unb immer, wenn der Stachel saß, einen Scherz daraus zu machen wußte, so war dies der einzige, mit dem Friedrich ungern zusammentraf.-- Vier Jahre waren verflossen; es war im Oktober; der milde Herbst von 1760, der alle Scheunen mit Korn und alle Keller mit Wein füllte, hatte seinen Reichtum auch über diesen Erdwinkel strömen lassen, unb man sah mehr Betrunkene, hörte von mehr dummen Streichen als je. Ueberhaupt gab es Lustbarkeiten; der blaue Montag kam in Aufnahme, und wer ein paar Taler erübrigt hatte, wollte gleich eine Frau dazu, die ihm heute essen und morgen hungern helfen könne. Da gab es im Dorfe eine tüchtige, solide Hochzeit, und die Gäste durften mehr erwarten, als eine verstimmte Geige, ein Glas Branntwein unb, was sie an guter Laune selber mitbrachten. Seit früh war alles auf den Seinen; vor jeder Tür wurden Kleider gelüftet, und B. glich den ganzen Tag einer Trödelbude. > Es war sieben Uhr abends unb alles in vollem Gange: Jubel unb Gelächter an allen Enden, die niederen Stuben zum Ersticken angefüllt mit blauen, roten und gelben Gestalten, gleich Pfandställen, in denen eine zu große Herde eingepfercht ist. Auf der Tenne ward getanzt, bas heißt, wer zwei Fuß Raum erobert hatte, drehte sich darauf immer rundum und suchte durch Jauchzen zu ersetzen, was an Bewegung fehlte. Das Orchester war glänzend, die erste Geige als anerkannte Künstlerin prädominierend, die zweite und eine große Baßviola mit drei Saiten von Dilettanten ad libitum gestrichen; Branntwein unb Kaffee in Ueberfluß, alle Gäste von Schweiß tricfenb, ' Friedrich stolzierte umher wie ein Hahn, im neuen himmelblauen Rock, und machte fein Recht als erster Elegant geltend. Als auch die Gutsherrschaft anlangte, faß er gerade hinter der Baßgeige und strich die tiefste Saite mit großer Kraft und vielem Anstand. „Johannes!!" rief er gebieterisch, und heran trat sein Schützling von dem Tanzplatze, wo er auch seine ungelenken Beine zu schlenkern unb eins zu jauchzen versucht hatte. Friedrich reichte ihm den Bogen, gab durch eine stolze Kopfbewegunq seinen Willen zu erkennen und trat zu den Tanzboden. „Nun luftig, Musikanten: den Popen von Istrup!" — Der beliebte Tanz ward gespielt und Friedrich machte Sätze vor den Augen seiner Herrschaft, daß die Kühe an der Tenne die Hörner zurück- zogen und Kettengeklirr und Gebrumme an ihren Ständen herlief. Fußhoch über die anderen tauchte sein blonder Kopf auf und nieder, wie ein Hecht, der sich im Wasser überschlägt; an allen Enden schrien Mädchen auf, denen er zum Zeichen der Huldigung mit einer raschen Kopsbewegung sein langes Flachshaar ins Gesicht schleuderte. (Fortsetzung folgt.) ___ Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts^Buch« und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.