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Das ist die Drossel, die da schlägt, Der Frühling, der mein Herz bewegt, Ich fühle, die sich hold bezeigen, Die Geister aus der Erde steigen. Das Leben fließet wie ein Traum — Mir ist wie Blume, Blatt und Baum. Dsr Schuster von Görlitz. Von Hermann Hesse. Seit dem Ende des Mittelalters finden sich in unserer Geschichte nur noch sehr selten Berichte von Männern, in deren Leben die geistige Berufung zum Außerordentlichen in deutlich schöner Bilderschrift wie in den Legenden aus den alten Heiligenzeiten sich ausdrückt, so daß wir ein wunderbares Märchen zu hören meinen, in welchem die Dinge unseres gewohnten Lebens verwandelt und in neuen strahlenden Bedeutungen auferstehen. Ein solches seltenes Beispiel ist das der Berufung des „Philosophus teutonius", des todjufters Jakob Boehme in Görlitz, wie sie in den Aufzeichnungen des Abraham von Fraiickenberg berichtet wird. t r ri m , Mehrmals trat Boehme, diesem schlichten und sanften, von Natur bescheidenen und schüchternen Manne, der Ruf zu feiner hohen geistigen Aufgabe in Vorzeichen und Erlebnissen entgegen, welche ihn ermutigten und schließlich zwangen, seinem Stern zu folgen und sich einem magtzch- frommem Denken zu ergeben, dessen Früchte oft in schwer zu lesender Sprache und seltsamem Kleide, in den Schriften des erleuchteten Schuhmachers niedergelegt sind und noch heute von manchen Gläubigen mit Eifer gelesen werden. . ....... . Jakob Boehme kam zur Welt in Alt-Seidenberg bet Gorlttz in der Ober-Lausitz als das Kind armer braver Bauersleute. Als kleiner Knabe mußte er das Vieh auf dem Felde hüten. Da verlockte ihn einstmals beim Hüten eine Stimme, daß er vom Vieh und von feinen Dorskame- raden weglief und einen Berg in jener Gegend, die Landeskrone genannt, beftica. Hier in der Einsamkeit und Oede aber fand er im rohen, roten Gestein ein Tor offenstehen, da ging er mit kindlichem Vertrauen alsbald hinein und sah im Innern der Höhle einen Schatz verwahrt, nämlich eine große Bütte voller Gold, worüber ihn ein Grausen ankam, daß er nichts davon anrührte und eilends wieder hinaus und davonging. Ob er nun wohl später zu mehreren Malen mit andern Hütejungen den Berg hinanstieg und die Stelle suchte und fand, wo ihm das Wunderliche begegnet war, es war doch kein Tor und Eingang mehr bajekßt und alles wild und verschlossen. Dies war der erste Ruf aus der andern Welt, der an ihn ergangen ist als Vorzeichen dessen, daß er, ein Schatzgräber, in verborgene Höhlen bringen und herrliche Schätze des Geistes hervorheben werde. Zum andern, da er einige Jahre älter und als Lehrbube bei einem Schustermeister war, begegnete ihm etwas Sonderbares. Er war eines Tages ganz allein in der Werkstatt, und weder Meister noch Meisterin zu Hause, da trat ein Fremder in den Laden, schlicht aber anständig gekleidet, der verlangte ein Paar Schuhe zu kaufen. Der Knabe Jakob aber, da er dazu nicht Vollmacht hatte, getraute sich nicht, das Verlangen des Mannes zu erfüllen, und weigerte sich. Der Fremde aber drang so ernstlich in ihn und hatte soviel Macht im Blick und Wesen, das er ihm endlich doch willfahren muhte. So gab er ihm dann ein Paar Schuhe, doch verlangte er, um ja den Meister zufriedenzustellen und keinen Fehler zu begehen, für die Schuhe einen außerordentlich hohen Preis, welchen der Fremde sofort und ohne Widerrede erlegte. Darauf ging der Mann davon, aber in einer gewissen Entfernung vom Hause blieb er stehen und rief mit lauter und ernster Stimme: „Jakob, komm heraus!" Darüber erschrak der junge Boehme im Herzen, daß ihn em Unbekannter, der ihn nie zuvor gesehen, mit seinem Taufnamen anrufe, raffte sich aber zusammen und kam zu ihm auf die Gasse hinaus. Da nahm der Fremde, mit freundlich-ernstem Gesicht und licht funkelnden Augen Boehms Hand, blickte ihn stark und durchdringend an unb'tagte: .Zakob, du bist klein, aber du wirst groß und gar ein anderer Mensch Und Mann werden, daß sich die Welt über dich verwundern wiro. Darum, so sei fromm, fürchte Gott und ehre sein Wort, insonderheit lies gerne in Heiliger Schrift, darinnen du Trost und Unterweisung hast, denn du wirst viel Not leiden, und du bist Gott lieb, und er ist dir gnädig. Worauf der Mann ihm die Hand drückte, ihm abermals stark m die Augen sah und seinen Weg dahinging. Boehme aber blieb bestürzt und befangen zurück und behielt diese Mahnung sein Leben lang tm Gemüt, unb wurde von Stunde an in all seinem Tun ernsthafter unb aufmerksamer. Nicht viel später, während seiner Wander- unb Gesellenzeit, als er ernstlicher nach der Wahrheit zu forschen begann, da fiel ihm einst der Spruch im Evangelium Lukas ins Auge: „Der Baker im Himmel wirb den Heiligen Geist geben denen, die ihn darum bitten." Da faßte er sich, fühlte sich im Innersten wie erweckt und tat wörtlich nach dem Spruch, bat Gott um seinen Geist, und fand sich alsbald in einen heiligen Sabbat und in eine Klarheit unb Ruhe ber Seele versetzt, daß er „mit göttlichem Lichte umfangen sieben Tage lang in höchster göttlicher Beschaulichkeit und Freudenreich gestanden." Jrn Jahre 1600, nachdem Boehme in Görlitz Meister und auch Ehemann geworden war, wurde er abermals vom göttlichen Licht ergriffen. Es fiel ihm zu einer Stunde unversehens ein zinnernes Gefäß ins Auge, darin sich das Licht spiegelt. Beim Anblick des Gefäßes unb des darin gespiegelten Lichtes riß ihm plötzlich ein Schleier vor feiner inneren Welt, und der Geist führte ihn bis ins innerste Herz und Geheimnis ber Natur. Unb als er, zum Zweifel geneigt, um sich diese vermeintliche Phantasie aus dem Kopfe zu schlagen, vor dem Tore ins Grüne hinaus wandelte, da zeigte sich seinem inneren Blick je länger je klarer die ganze Schöpfung, wie in Bildern, in Sineamenten, Figuren und Farben gleichwie durchsichtig bargeftellt und erklärt. Dies war die Stunde seines endgültigen Erwachens. Mit Freuden überschüttet, schwieg er stille, lebte Gott und trug freudig sein Licht in sich dahin, ohne jemandem davon zu sagen. Erst zehn Jahre später aber, im Jahre des Heils 1610 unb im 35. Jahr seines Alters, erneute sich dieses Berührtwerden von Gottes Licht in ihm so stark, daß er, um niemals wieder dessen zu vergessen, den Inhalt seiner ersten Erleuchtungen in einem Buche aufzuschreiben begann. Und vollendete im Jahre 1612 sein erstes Buch, das nannte er „Morgenröte im Aufgang". Das unsichtbare Prag. Von Gustav Meyrink. In uralter Zeit, lange vor der Regentschaft Königin Libuschas, die um das Jahr 700 Prag gegründet haben soll, sind sieben Mönche aus dem Innersten Asiens, dem Herzen der Welt, gewandert gekommen unb haben — wie sie auch sonst noch an anderen Orten der Erde zu geheimnisvollem Zweck gepflogen — auf einem Felsen auf der linken Seite der Moldau, dort, wo jetzt ber Hradschin, die Burg Prags, auf- ragt, ein Reis gepflanzt — so geht die Sage in Böhmen Es heißt im Volksmund, das Reis fei ein Zwergwacholder gewesen, jener in phantastischen Formen wagrecht hinwachsende Strauch, der aussieht, als fege ein für unsere Sinne nicht fühlbarer Sturmwind beständig darüber hin; das mag wohl auch der Grund fein, weshalb man in vergangenen Zeiten behauptete, dort, wo solche Pflanzen gediehen, bräche in Intervallen der Orkan großer Kriege aus der Erde. Seltsam ist, daß, wie ich viel später erfuhr, die Sage von den sieben wandernden Mönchen sich auch an die indische Stadt Allahabad knüpft. Allahabad trägt noch einen zweiten Namen: Prag!, unb heißt wie Praha (die tschechische Benennung für Prag) auf deutsch also wie: die Schwelle. * Ich kenne keine Stadt, die wie Prag, wenn man in ihr wohnt unb mit ihr geistig verwittert ist, einen so oft und in so merkwürdig zauberhafter Art lock, die Orte ihrer Vergangenheit aufzusuchen. Es ist, als riefen die Token uns Lebenden hin an die Stellen, wo sie einst ihr Dasein verbracht, um uns zuzuraunen, daß Prag nicht umsonst den Namen die „Schwelle" führt — daß es in Wirklichkeit eine Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits ist, eine Schwelle viel schmaler als an anderen Orten. * Dann geht man hin wie unter einem Zwang, man sieht unb hört nichts, was man nicht schon wüßte, aber ein Gefühl, das man nie mehr vergessen kann bis ins späteste Alter, trägt man heim — ein eigentümliches Empfinden, irgendwie über eine Schwelle getreten zu fein. * Eines Tages — es mag ungefähr 40 Jahre her fein — packte mich wieder, wie so oft schon, unvermittelt die gewisse unsichtbare Hand und zerrte mich unwiderstehlich fort von einer Partie Schach in einem Kaffeehaus hinüber über die Moldau auf das alte Klemfetteviertel, als harre meiner dort ein ungewöhnliches Erlebnis. Ich wußte genau, daß nichts dergleichen sich begeben würde, dennoch konnte ich das Ende ber Partie kaum erwarten. Zuerst zogen wie Schemen einer Gegenwart die keine war so wenig paßten sie in den Hauch der immer unheimlichen Stadt Bilder des täglichen Lebens an meinem Auge vorbei: Dbftftänbe mit großen Schirmen, behütet von uralten Weiblein, die im Schoße heimlich Rosenkranzperlen zählen und zugleich mit geifernden Lippen zwetschenstehlende Kinder der Gasse verscheuchten; böhmische Mädchen mit schwarzen Glutaugen und feingefchwungenen Livpen. auf Gitarre» das komisch verrückte Lied singend vom „neuen Schubkarren, den man mit Provenceöl schmieren muß"; eisgraue Juden mit Schläfenlocken und Kaftanen hinter Holzständen, bedeckt mit abgetragenen Hosen und Uniformen; eine kurze Fahrt über den Fluß auf einer Fähre, die ein schielender stummer Fährmann rudert; alte wundervolle Paläste mit prunkhaft geschnitzten Holztoren, darauf bisweilen in Kreide geschrieben steht, daß Mclniker Rotwein aus den fürstlichen Gütern beim Haus- nreister billig zu haben sei; ausgedehnte Gärten hinter bröckelnden Mauern, die hie und da durchbrochen sind von vergoldeten Gittern. Dann in der Ferne inmitten eines verwilderten Parkes die Daliborka, der uralte Hungerturm. Ich weiß nicht, wer mich hineinführt — ich glaube ein alter Mann mit einem Stelzbein, in eintönigem Singsang erzählt er mir, was ich so oft schon gehört habe: „Hier in diesem zwei Meter breiten lichtlosen Raum hat einst der Ritter Dalibor als Gefangener gelebt, bis er geköpft wurde. Mit einem eisernen krummen Nagel hat er im Laufe der Zeit eine tiefe Höhlung in die viele Ellen dicke Mauer gekratzt, um zu entfliehen; es fehlte nur noch ein Fuß breit, da hat man es entdeckt und ihn zum Schaffott gebracht. Und hier" — der Alte führt mich in einen kreisrunden Raum, in dessen Mitte ein Loch den Lichtschein der vergitterten Laterne frißt, wie ein Rachen der Erde — „Hier oben, gnädiger Herr, waren die Gefangenen eingesperrt, die man zum langsamen Hungertode verurteilt hatte. Die letzte, sagt man, war die Gräfin Zahradka. Sie wurde schuldig befunden, ihren Sohn vergiftet zu haben. Später wurde ruchbar, sie hätte es getan, weil er einer teuflischen ketzerischen Sekte, genannt die Asiatischen Brüder, angehört habe. Daraufhin wurde für ihre arme Seele eine Messe drüben im Dom gelesen und die Daliborka für alle Zeiten geschlossen." * Ich höre kaum hin, was der Führer da spricht, nur der Name „Asiatische Brüder" hallt mir im Ohre wieder. „Die Gegenwart ist ewig und bringt alle Antwort unversehrt in ihrem Schoß; wer Fragen stellt nach der Vergangenheit und auch nach der Zukunft, der kann sie losen jederzeit aus den Geschehnissen der Gegenwart, so er nur die Fragen richtig stellt und sie hinüberzurufen versteht über die Schwelle des Lebens" — so erinnere ich mich plötzlich, einmal in einem alten kabbalistischen Buch gelesen zu haben. Und ich beuge mich unwillkürlich vor über das Loch zu meinen Füßen, von dem Gefühl ergriffen, dort unten wisse der Moder der toten Gräfin eine Antwort auf meine halbe Frage, aber ich höre nur die eintönige Stimme des Führers hinter mir.' Ich will den Alten fragen, ob er nichts Näheres wisse über die Asiatischen Brüder, die er erwähnt hat. Er blickt mir ängstlich auf die Lippen, und ich sehe, was ich bis dahin nicht bemerkt: daß er stocktaub ist und mich nicht verstehen kann. Weshalb bin ich nur hierher gekommen? frage ich mich. Warum fühle ich mit einem Male so deutlich die unsichtbare Nähe der toten Greisin, deren Gebeine in der Tiefe längst zu Staub zerfallen sein mögen? Ihre Nähe umfängt mich deutlicher und gegenwärtiger, als alle die'Eindrücke gewesen waren, die ich vor einer Stunde noch — drüben — im Kafeehaus gehabt. Ich wandere zurück in die Neustadt, und an der Tür meiner Wohnung empfängt mich meine Dienerin mit der Nachricht, ein fremder Herr warte auf mich seit ein paar Minuten drin im Zimmer in einer wichtigen Angelegenheit. Es ist ein Mann, schäbig gekleidet, ungefähr 50 Jahre alt, mit dem unsicheren scheuen Blick eines Geisteskranken. Er springt auf, als ich eintrete, und hält mir zur Entschuldigung seiner Anwesenheit eine schmutzige Visitenkarte hin und stellt sich gleichzeitig vor. Ich glaube mich verhört zu haben; er murmelt: „Zahradka" und einen unverständlichen Vornamen dazu. Merkwürdig, wie tief sich dieser Name aus der Daliborka in meine Sinne eingefressen hat! sage ich mir und werfe zur Prüfung einen Blick auf die Karte; richtig: da steht „Zahradka" und darunter: Reisender der Wäschefabrik Weihwasser in Böhmen!" Der Mann ergießt einen konfusen Wortschwall über mich. Ich erwarte, er werde mir Waren zum Kauf anbieten. Nichts dergleichen geschieht. Er scheint den Zweck seines Hierseins vollkommen vergessen zu haben. Statt dessen erzählt er mir ein langes und breites: daß er in früheren Jahren einmal in „Kattun in Indien" gereist sei, dort zufällig und aus geschäftlichen Gründen einem Orden beigetreten fei, der Sat Bhai heiße, uralten Ursprungs, in grauer Vorzeit in unbekannter Absicht auf Wanderung von je sieben seiner Logenbrüder allerorten im Westen Niederlassungen gegründet habe, die stets den Namen „Die Schwelle" erhalten hätten Ich frage, ob es heutzutage irgendwo Mitglieder dieses Ordens gäbe. Herr Zahradka bejaht und gibt mir stockend und in seiner Erinnerung mühsam grübelnd, einige Adressen in England und in Orissa in Indien an. Ob der Orden gewisse Absichten verfolge, frage ich. Er zuckt die Achseln: man Jagt, wer beitritt, träte damit „über eine Schwelle", was damit gemeint sei, wisse er seiber nicht oder habe es vergessen. Er streicht sich über die Stirn, lächelt verlegen und murmelt: „Sie müssen entschuldigen, mein Gedächtnis hat drüben sehr gelitten". * Dann schwätzt er noch eine Weile verworrenes Zeug; steht plötzlich, auf die Uhr sehend, auf und eilt hinaus. Mir Wäsche ober dergleichen zum Kauf anzubieten, unterließ er. Wäre ich ihm spät r nicht noch oft auf der Straße begegnet, wer weiß, vielleicht hätte sich in mir die Vermutung festgesetzt, alles das nur geträumt zu haben Als ich mich über ihn erkundigte, hieß es, er fei nicht richtig im Kopf und ein Säufer und bilde sich ein, ein Nachkomme der legendenhaften Gräfin Zahradka zu fein, die in der Daliborka zum Hungertod verurteilt wurde. * Als ich sodann an die Adressen in England und Orissa schrieb, erfuhr ich, daß die Angaben des verrückten Wäschereisenden auf Wahrheit beruhten. Es gibt heute noch einen Orden dort, der den Namen Sat Bhai und Sikha führt; auch in Prag soll noch im Jahre 1760 eine Loge existiert haben, deren letzter Großmeister ein Graf Spork war Das Logengebäude stand in Prag dort, wo jetzt die Hauptpost steht. Mitglieder waren auch Cola Rienzo und Petrarka. Auch ein Graf Zahradka ist in den alten Annalen verzeichnet. Als ich eines Tages durch die sog, Opatowitzer Gasse ging, sah ich über dem Portal eines ehrwürdigen Primatorenhauses in Stein gehauen das Wappen der Sat Bhai — der Asiatischen Brüder —, seltsamerweise war eine Papstkrone darüber angebracht. Ob jemals zu Tag kommen wird, was es damit für eine Bewandtnis hat? Wilde Tiere als Patienten. Von Ludwig Zukowfky. Die bunt zusammengewürfelte Gesellschaft der vierbeinigen und geflügelten Pfleglinge in den Tiergärten ist manchen Unpäßlichkeiten, Verstimmungen und Krankheiten unterworfen, die auf die Einflüsse des hiesigen Klimas und auf die veränderte Lebensweise, nämlich den Futterwechsel und den Mangel an Bewegung, zurückzuführen sind. Andererseits aber können bakterielle Erreger gelegentlich die Ursache komplizierter Erkrankungen sein oder auch Unglücksfälle die größtenteils kostbaren, aus fernen Ländern stammenden Insassen unserer Tiergärten befallen. Es ist ohne weiteres wohl verständlich, daß sich eine zur Beseitigung des lästigen Uebels eingeleitete Behandlung bei gefangen gehaltenen wilden Tieren wesentlich schwieriger gestaltet als bei den Haustieren, zumal oft genug vom Tierarzt kaum die richtigen Diagnosen gestellt werden können und die teilweise äußerst bewehrten und kräftigen Tiere nur gefesselt eine Untersuchung zulassen und diese bei größeren Raubtieren und anderen gefährlichen Tieren nur durch das Gitter vor sich gehen kann. Kenntnis und Methode sind bei der Behandlungsweise wilder Tiere die Grundbedingung und ein enges Zusammenarbeiten zwischen Tierarzt und Zoologen ist ein notwendiges Erfordernis. Außerordentlich schwierige Aufgaben stellen besonders die Operationen von wilden Tieren in der Gefangenschaft an den behandelnden Veterinär. Stets wird es sich für notwendig erweisen, den Patienten und den zu behandelnden Teil an eine bestimmte Stelle zu fixieren, um dem Arzt die schwierige Tätigkeit zu ermöglichen. Bei allen Fesselungsarten ist natürlich in erster Linie darauf zu achten, daß dem zu behandelnden Tier kein Schaden zugefügt, sondern größte Schonung zuteil wird; außerdem sind durchaus zuverlässige und erprobte Leute notwendig, um einen guten Verlauf dieser Manipulation sicherzustellen. Besonders interessant gestatten sich erklärlicherweise die durch Unglücks- oder Krankheitsfälle sich als notwendig erweisenden Operationen an großen, wehrhaften Tieren. So müssen beispielsweise gelegentlich Krallenoperationen von Löwen, Tigern, Leoparden und Bären vorgenommen werden. Eine zu stark einwärts gerichtete Kralle oder ein verwachsenes Zehengtted sind hier die Erzeuger von bösartigen Entzündungen, Geschwüren und Eiterungen. Je nach Art und Umfang der in Mitleidenschaft gezogenen Stellen muß dann die Kralle beschnitten, abgenommen oder gar das Krallengtted amputiert werden. Sind die Operationen schwerer Natur und von großer Dauer, so versucht man den Patienten zu betäuben. Da natürlich eine allgemeine Betäubung durch Chloroform aus naheliegenden Gründen nicht gut möglich ist, greift der Tierarzt, nachdem sein Patient 24 Stunden gedurstet hat, zum Chloral- Hydrat, das dem Trinkwasser in bestimmter Menge zugesetzt wird. Das Tier verfällt nach dem Genuß dieses Mittels in einen merkwürdigen Dämmerzustand und wird oftmals völlig betäubt. Häufig verweigert aber auch der Patient die Annahme des Chloralhydrats, und es ist guter Rat teuer. Bei kleineren Operationen werden örtliche Betäubungen mit Novocain herbeigeführt. Ist es in der Regel verhältnismäßig schwierig, den Raubtieren ein Betäubungsmittel einzugeben, so betäuben sich die größten unserer Land- [äugetiere, die Elefanten, leicht durch das Einnehmen größerer Mengen von Rum, Kognak oder Arrak. Wenn einer dieser grauen Rüssetträger mehrere Liter Alkohol in seinem Magen aufgenommen hat, so legt er sich behäbig auf den dickhäutigen Bauch, um feinen Rausch auszuschlafen; bei dieser Gelegenheit ist das Tier leicht auf die erforderliche Weise zu fesseln und die Operation, die sich bei den Elefanten meist auf die Stoßzähne, die Hufe und die Haut erstreckt, kann erfolgen. Aber nicht immer gehen die Operationen an Elefanten fo glimpflich ab; es sei nur an den Fall im Zoologischen Garten zu Rom erinnert, bei dem der Tierarzt seinen Tod fand. Zu den gelegentlich vorkommenden Unglücksfüllen gehören die Knochen- zapsen- und Rosenstock- oder Bastgeweihbrüche bei Hirschen. Das Geweih der Hirsche ist besonders im Baste sehr empfindlich, wenn das Blut der Hauptschlagader durch die noch weiche, unfertige Anlage zirkuliert, die trotz der Empfindlichkeit oft genug durch Dummscheu oder Angst ihrer Träger gebrochen wird. Die danach erfolgende Blutung ist gewöhnlich sehr stark, und es muh als Hauptaufgabe des Tierarztes gelten, die Stange wieder in der natürlichen Lage auf der Rose zu befestigen, was durch Umwicklungen mit reichlich von Holzteer getränkten Mullbinden erzielt wird. Ist der Rosenstock, der Ursprung und Nährboden des Geweihs, verletzt, so können monströse Wachstumsbildungen nicyt vermieden werden, und es bleibt abzuwarten, in welcher Gestatt sich der Aufbau des Kopfschmuckes vollzieht. Eine häßliche Unart langschwänziger Tiere, besonders der Affen und Kleinbären, veranlaßt sie, vornehmlich bei Wunden am Schwänze, die Schwanzspitze resp. die Wunde zu nagen und nach und nach abzubeißen. Wenn diese Tiere nicht rechtzeitig durch Bestreichen der wunden Teile mit Stinkessenzen oder im vorgeschrittenen Stadium durch Wegnahme einiger Schwanzglieder, Ausbrennen der Wunde, Bestreichen mit Holzteer usw. behandelt werden, wird die Folge ein allmähliches Weiterfressen der unartigen Träger sein. Interessant ist, daß Assen sehr schwierig zu operieren sind, sich äußerst ungebärdig benehmen und jeden Verband in der kürzesten Zeit zu entfernen wissen. — Zu den speziellen Fällen von Tieroperationen gehört die in den Tiergärten sehr häufig vorgenommene einseitige Amputation der Fingerglieder von Stelz- und Schwimmvögeln, nämlich derjenigen Knochen, an welchen die äußersten, sog. „Handschwingen" befestigt sind, dusch bereu Verlust der Vogel das Flugvermögen verliert. Aus diese -uset|e macht man die Tiere für eine Haltung im Freien geeignet, ohne W her Besitzer befürchten müßte, jemals einen Vogel durch Entfliegen zu verlieren; schwingt sich ein solcher Einflügler aber dennoch einmal in die Lust so gelingen ihm nur einige ungeschickte Purzelbäume oder Kreis- Nüge Will der Besitzer die Vögel vollfiederig erhalten, so genügt auch das einfache Stutzen der Handschwingen, um den geschilderten Zweck zu erreichen. Indes muh von Zeit zu Zeit dieses Verfahren wiederholt werden, da die Federn schnell nachwachsen. Flußpferde leiden oft an ausgewachsenen, in verkehrter Richtung in den Rachen gewachsenen Eckzähnen, so daß eine Verkürzung unbedingt notwendig ist. Man läßt diese Dickhäuter in einen Knüppel beißen, ver- B zwei Schlingen seitlich in den Rachen zu legen und bindet den rkiefer nach unten und den Unterkiefer oben fest, so daß der Tierarzt seine Arbeit verrichten kann. Der Zahnschmelz bei diesen Tieren ist so fest und glatt, daß meist mit Feilen vorgearbeitet werden muß; selbst die härtesten Knochensägen sind für den Zweck der Schmelzbeseitigung nicht zu gebrauchen. Zu den am häufigsten vorkommenden Handhabungen gehören neben den Injektionen die Eingabe von Arzneien, das Verabfolgen von Darrn- spülungen und das Elektrisieren. Impfungen finden gleichfalls sehr häufig statt, insbesondere bei solchen Geschöpfen, die für bestimmte Krankheiten und Seuchen in unseren Breitengraden empfänglich sind. So wurden mit dem bekannten Friedmann-Tuberkulose-Heilstosf frappante Erfolge bei den stark zu Tuberkulose neigenden Affenarten erzielt. Die Anwendung dieses Heilmittels hat sich auch bei unseren Menschenaffen hervorragend bewährt. Die Handhabung bei der Injektion ist sehr ein« ach, indem die erwachsenen, wehrhaften Paviane in einem Sackketscher ^sangen und einfach durch diesen hindurch geimpft werden, während üngere Stücke mit auf dem Rücken gekreuzten Armen vom Wärter gehalten werden und auf diese Weise den feinen Nadelstich erhalten. Andere Tiere müssen gefesselt werden. Der Tierarzt lernt allmählich die Eigenheiten nicht nur jeder Tierart, sondern auch bestimmter Patienten und auch die Gefahren im Umgang mit gewissen Vertretern der Tierwelt und die Schwierigkeiten in der Behandlung kennen. Aus diesen kurzen Beispielen kann der Fernerstehende die Schwierigkeiten ersehen, die sich dem Tiergärtner bei der Behandlung seiner Patienten entgegenstellen. Der Beweggrund einer schnellen und sicheren Abhilfe ist nicht in erster Linie in der Vermeidung von Verlusten zu erblicken, sondern um die meist stumm leidenden vierbeinigen und gebügelten Genossen von ihren Quoten zu befreien. Vorbedingung für eine solche Behandlung ist: Liebe zur Kreatur. Da den Tieren wenig Ausdrucksfähigkeit eigen ist, sie aber andererseits oft äußerst schwierig zu untersuchen sind, so ist manchmal das sichere Erkennen von Krankheiten sehr in Frage gestellt, und hier ist es nur dem Tierfreund und -kenner, besonders bei Fehlen von bestimmten äußerlichen Anzeichen, gegeben, aus dem ganzen Bild des Tieres einigermaßen die Krankheit zu erkennen. Jedes Tier hat gewöhnlich im Augenblick erkannt, ob es von dem vor ihm Stehenden Gutes ober Schlechtes zu erwarten bat und aus dieser feinsühligen Beurteilungsfähigkeit erklärt sich auch Die Ab- und Zuneigung zu einzelnen Personen, gibt es doch besonders unter den intelligenteren Geschöpfen solche, die in bestimmten, selbst schmerzhaften, aber lindernden Behandlungsweisen Wohltaten erblicken und dem Tierarzt dadurch Gelegenheit zu ruhiger Arbeit geben. Aber es gibt gerade unter den größten und wehrhaftesten Tieren Patienten von stumpfsinnigem, ungebärdigem und wildem Charakter und in solchem Falle kann eine noch so geschickt geleitete Behandlung zu einer Katastrophe führen. Technik des Nacht-Luftverkehrs. Von Dipl.-Jng. Dr. Arthur Hamm. Während es in früheren Jahren als unmöglich galt, des Nachts zu fliegen, hat sich feit dem Jahre 1924 in Deutschland ein lebhafter Nacht- lustverkehr entwickelt. Diese Entwicklung war wirtschaftlich geboten, weil man sich darüber klar wurde, daß die wertvolle Eigenschaft des Flugzeuges, seine große Schnelligkeit, nur voll ausgenutzt werden könne, wenn der Flugverkehr auch in der Nacht durchgeführt würde. Namentlich auf den langen, transkontinentalen Flugstrecken ist der Nachtflugverkehr für die Wirtschaftlichkeit von ganz besonderer Bedeutung, da hierdurch Die Reisegeschwindigkeit, das ist die Durchschnittsgeschwindigkeit zwischen Ansangs- und Endpunkt der Reise, erheblich gesteigert werden kann. So wurden in den Jahren 1924/25 aus den Strecken Berlin—Warnemünde und Berlin—Hamburg die ersten Nachtslugversuche gemacht, wobei zunächst nur Post befördert wurde. Die günstigen Erfahrungen führten dazu, daß im Jahre 1926 aus der Flugstrecke Berlin—Königsberg des Nachts auch der Fahrgastoerkehr eingerichtet wurde. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, daß sowohl der Personen- wie auch der Frachtverkehr mit vollkommener Sicherheit durchgeführt werden kann. Unter den deutschen Strecken, die des Nachts beflogen werden, ist auch heute noch die Strecke Königsberg—Berlin—Hannover die wichtigste und längste. Sie wird wahrscheinlich schon sehr bald bis Köln fortgesetzt werden, während von Berlin' eine Abzweigung nach Leipzig (Schkeuditz) projektiert ist, die auch des Nachts beflogen werden soll. Weitere für ben Nachtluftverkehr in Aussicht genommene Strecken sind München—Nürnberg und Gleiwitz—Breslau, die wahrscheinlich alle beide ihre natürliche Fortsetzung nach "Berlin noch finden werden. Ein solcher Nachtluftverkehr erfordert natürlich ganz besondere technische Einrichtungen. Nicht nur eine gute Bodenorganisation ist Vorbedingung für das Gelingen, sondern man muß den Fliegern eine mühelose Orientierung auf der Strecke, leichtes Auffinden des Landungsplatzes und ein gefahrlofes Landen ermöglichen. Nicht zu vergessen ist, daß auf der Strecke Notlandeplätze eingerichtet werden müssen. Bei der Einrichtung dieser Nachtflughäfen griff man naturgemäß auf die Erfahrungen der Schiffahrt zurück, und so kommt es, daß manche Einrichtungen, die man früher nur an den Küsten kannte, wie Leuchtfeuer und Leuchttürme, in ben verschiedensten Abänderungen jetzt auch mitten im Lande zu finden sind. Natürlich kann man nicht die Bauweise der Küstenfeuer ohne weiteres Übernehmen, da diese ja für ganz andere Verhältnisse gebaut sind. Die Kennzeichnung der Flugstrecken durch Lichtsignale bei Nacht ist für bas Flugzeug insbefonbere bei dunklem und diesigem Wetter unerläßlich. Bei Hellem Mondschein und sichtigem Wetter können alle Straßen, größere Wasserläufe und Seen, Bahnhöfe mit ihren vielen Weichenlaternen usw., die Eisenbahnstrecken mit ihren Signallichtern eine recht gute Orientierungsmöglichkeit bieten. Versagen diese aber, so ist der Flugzeugführer vollständig auf die Lichtsignale angewiesen, die j,ur Beleuchtung seiner Flugstrecke eigens ausgestellt worden sind. Eine eichte Orientierung wird am besten erzielt, wenn eine Kette von An- teuerungsfeuern in der graben Linie zwischen Anfangs- unb Endpunkt )er Reife aufgestellt werden. Um sicheres Steuern nach dieser Linie zu erzielen, muß der Pilot beim Ueberfliegen eines Feuers bereits das nächste vor sich sehen. Noch besser ist es natürlich, wenn er schon die wei nächsten sieht, dann hat er eine gerade Linie vor sich, die er anliegen kann, unb von ber ein Ab irren nahezu unmöglich ist. Da die wirtschaftlichen Möglichkeiten ber Aufstellung von Leuchtfeuern nicht unbegrenzt finb, muß man einerseits trachten, ihre normale Entfernung möglichst groß zu machen, anbererfeits sie so kräftig gestalten, daß sie auf große Entfernungen sichtbar sinb. Dabei soll ihr Energieverbrauch natürlich nicht allzu groß sein. Unbedingt zu fordern ist, daß sie mit anderen Lichtern nicht verwechselt werden können, also z. B. mit Automobil- ober Lokomotivscheinwerfern. Auf biejen Punkt ist ganz besonders Die Entfernung, in der man solche Leuchtfeuer voneinander auf« teilen kann, ist noch begrenzt durch die sog. Sichtweite, d.h. die Entfernung auf die hin ein Feuer wegen ber Krümmung ber Erde überhaupt noch gesehen werden kann. Trotz der großen Flughöhe sind diese Sichtweiten keineswegs übermäßig groß. So beträgt z. B. bei einer Flughöhe von 1500 Meter die Sichtweite 147 Kilometer, d.h. wenig mehr als die Entfernung zwischen Berlin und Bitterfeld, trotz dieser außerordentlich großen Flughöhe. Des Nachts kommen nun schon der niedrig hängenden Wolken wegen solche Flughöhen gar nicht in Frage, sondern höchstens 400 Meter. Hier beträgt die Sichtweite 76 Kilometer. Da nun dieser Wert lediglich theoretische Bedeutung hat, insofern als bei etwas unsichtigem Wetter längst nicht solche Entfernungen erreicht werden, folgt daraus, daß man die Leuchtfeuer in sehr geringerem Abstand voneinander aufstellen muß. Das Normale dürften Entfernungen von 30 bis 40 Kilometer fein, so daß bei sehr gut sichtigem Wetter der Pilot beim Ueberfliegen eines Leuchtfeuers die zwei nächsten vor sich hat, bei unsichtigem Wetter aber wenigstens eins. Außer von der Erdkrümmung hängt aber die Dichtigkeit eines Leuchtfeuers vor allem von dem Zustand ber Atmosphäre ab. Bekanntlich gilt für bie Abschwächung eines Lichtes mit ber Entfernung bas quabratische Gesetz, bas schon Newton aufgestellt hat, wonach bei doppelter Entfernung bie Lichtintensität auf ben vierten Teil sinkt. Leider trifft bas gerabe für diese Leuchtfeuer eben nur bei gut sichtigem Wetter zu, während bei allen Trübungen der Atmosphäre bie Abnahme viel schneller vor sich geht. Währenb bei normalem, trockenem Wetter in Mitteleuropa bie Verluste durch Absorption in ber Lust zu etwa 10 v. H. je Kilometer angenommen werden können, wachsen sie bei regnerischem und nebligem Wetter derart an, daß fast alles Licht auf kurze Entfernungen verschluckt wird. Man könnte dem etwa begegnen, in dem man intensives rotes Licht verwendet, das bekanntlich Nebel und Dunst besonders leicht durchbringt, aber bas ist aus anberen Grünben, bie später erörtert werden sollen, schwer möglich. So bleibt nichts anderes übrig, als bie Lichtquellen außerorbentlich stark zu machen, unb man ist auf einen Normalwert von etwa 5 Millionen Hefnerkerzen gekommen. Wenn man be- bentt, daß unsere normalen Zimmerlampen nicht mehr als etwa 50 bis 100 HK haben, so kann man sich bie Intensität einer solchen Licht- quelle vorstellen. Es wirb in ber Hauptsache wohl nur Bogenlicht in Frage kommen, schon bes geringeren Stromverbrauchs wegen, ber gegenüber auch ben besten Glühlampen noch sehr gering ist. Um Leuchtfeuer unverwechselbar zu machen, hat bie Schisfahrt eine ganze Anzahl Systeme entwickelt. Die meisten bestehen darin, daß nur ein bestimmter, verhältnismäßig kleiner Winkel des ganzen Raumes ausgeleuchtet wird, daß aber der ihn beleuchtende Strahl entweder in bestimmten Zeitabständen erlischt unb wieber ausleuchtet ober sich breht. Das gleiche System ist für Nachtslugplätze nicht ohne weiteres anwenb- bar, weil es darauf berechnet ist, horizontal gesehen zu werden. Besser bewährt hat sich eine zweite Art van Ansteuerungsfeuern, bei denen gleichzeitig über die ganze obere Hemisphäre Licht ausgestrahlt wird, das aber in irgendeinem bestimmten Takte erlischt. Als Kennzeichen dafür wird meistens ein Morfebuchstabe gewählt, der zugleich für den Piloten das Kennzeichen des Flugplatzes ist, den er ansteuert. Auch farbiges Licht könnte zur Kennzeichnung solcher Nachtftugzeuge gewählt werden. Leider kann man farbiges Licht nicht anders erzeugen, als indem man aus dem weißen Licht durch farbige Scheiben (Filter) eine bestimmte Farbe ausfiltriert. Infolgedessen wird nur ein kleiner Teil des erzeugten Lichtes tatsächlich verwendet. Der Energieverbrauch solcher farbigen Leuchtfeuer wird daher außerordentlich hoch. Die unmittelbare Erzeugung farbigen Lichtes wäre möglich durch die bekannte Neonröhre mit ihrem kennzeichnenden roten Licht. Leider ist ihre Leuchtftärke so gering, daß man damit größere Reichweiten nicht erzielen kann. Sie ist daher nur für foa. Zwifchcnfeuer verwendbar. Bei den Hauptflugplätzen hat sich für nächtliche Beleuchtung fchon eine bestimmte Technik entwickelt, die darin besteht, daß ein sehr lichtstarkes Drehfeuer, ähnlich den Küstenleuchttürmen, als Hauptansteuerungsfeuer aufgestellt wird, daneben ein schwächeres Feuer mit Ausstrahlung nach oben, das im Takt eines Morsebuchstabens erlischt. Auf große Entfernung sieht ber Pilot schon den Lichtblitz des Hauptfeuers, das bei einem hinreichend starken Scheinwerfer sehr große Entfernungen erreichen kann. Kommt er näher, so erkennt er an dem Morsebuchstaben bes Nebenfeuers, über welchem Flughafen er sich befinbet. Daß diese Einrichtungen völlig ausreichen, um Sicherheit zu gewähren, hat bie Erfahrung von zwei Jahren bewiesen, Er, wie Male, kam in großer ook nich in de Verantwortlich: vr. Hans Thyrivt. - Druck und Verlag: Vrühl'lche Universitars-Vuch, und Steindruckerei, A. Lange, G'eb-n. „Weet nid)." ~ „ „3d will geihn un en beten an sine Dhor bullern. ,Loa, dat dhu man." Und wirklich, Male ging, um ihn zu wecken. Aber sie Aufregung wieder. „He is nich doa, nich in de Vor- un Hinnerstuw. Mens open un keene Dhör to." „Un sien Bett?" fragte Ede. , „Mens glatt un ungeknüllt. He's goar mch in west. Ede kam nun auch in Unruhe. Was war zu tun? hatten ein unbestimmtes Gefühl, daß etwas ganz Absonderliches geschehen sein müsse, worin sie sich durch den schließlich ebenfalls erscheinenden Jakob nur noch bestärkt sahen. Rach einigem Beraten kam man uberem, daß Jakob zu Kunicke hinübergehen und wegen des Abends vorher anfragen solle; Kunicke rnüss' es wissen, der sei immer der Letzte. Male dagegen solle rasch nach dem Krug laufen, wo Gendarm Geelhaar um diese Stunde zu frühstücken und der alten Krügerschen, die manchen Sturm erlebt hatte, schöne Dinge zu sagen pflegte. Das geschah denn auch alles, und keine Viertelstunde, so sah man Geelhaar die Dorfstrahe herunterkommen, mit ihm Schulze Woytasch, der sich, einer abzuhaltenden Versammlung halber, zufällig ebenfalls im Kruge befunden hatte. Vor Hradschecks Tür trafen beide mit Kunicke zusammen. Man begrüßte sich stumm und überschritt mit einer gewissen Feierlichkeit die Schwelle. Drin im Hause hatte sich mittlerweile die Szene verändert. Ede, der noch eine Zeitlang in allen Ecken und Winkeln umhergesucht hatte, stand jetzt, als die Gruppe sich näherte, mitten auf dem Flur und wies auf ein großes Oelfaß, das um ein geringes vorgerollt war, nur zwei Fingerbreit, nur bis an den großen Eisenring, aber doch gerade weit genug, um die Falltür zu schließen. „Doa sitt he In', schrie der Junge. „Schrei' nicht so!" fuhr ihn Schulze Woytasch an. Und Kunicke setzte mit mehr Derbheit, aber auch mit größerer Gemütlichkeit hinzu: „Halts Maul, Junge." Dieser jedoch war nicht zur Ruh' zu bringen, und sein bißchen Schläfenhaar immer mehr in die Höh' schiebend, fuhr er in demselben Weimertone fort: „Ick weet allens. Dat's de Spök. De Spök hett noah em grappscht. Un denn wull he 'rut un tunn nich." Um diese Zeit war auch Eccelius aus der Pfarre herübergetommen, leichenblaß und so von Ahnungen geängstigt, daß er, als man das Faß jetzt zurüügeschoben und die Falltür geöffnet hatte, nicht mit hinuntersteigen mochte, sondern erst in den Laden und gleich danach auf die Dorf- gajse hinaustrat. Geelhaar und Schulze Woytasch, schon von Amts wegen auf besjere Nerven gestellt, hatten inzwischen ihren Abstieg bewerkstelligt, während Kunicke, mit einem Licht in der Hand, von oben her in den Keller hin- einleuchtete. Da nicht viele Stufen waren, so konnte er das Nächste be- gucm sehen: unten lag Hradscheck, allem Anscheine nach tot, ein Grabscheit in der Hand, die zerbrochene Laterne daneben. Unser alter Anno- Drelzehner sah sich bet diesem Anblick seiner gewöhnlichen Gleichgültig- teil entrissen, erholte sich aber und kroch, unten angekommen, in Gemeinschaft mit Geelhaar und Woytasch auf die Stelle zu, wo hinter einem Lattenvei schlage Der Weinkeller war. Die Tür stand auf, etwas Erde war aufgegraben, und man sah Arm und Hand eines hier Verscharrten. Alles andere war noch verdeckt. Aber freilich, was sichtbar war. war gerade genug, um alles Geschehene klar zu legen. Keiner sprach ein Wort, und mit einem scheuen Seitenblick auf den entseelt am Boden Liegenden stiegen alle drei die Treppe wieder hinauf. Rur das Nötigste wurde fcstgestellt. Dann verließ man das durch jo viele Jahre hin m.t Vorliebe besuchte Haus, das nun für jeden ein Haus des Sch eckens geworden war Kunicke schritt quer über den Damm auf seine Wohnung, Eccelius auf seine Pfarre zu. Woytasch war mit ih,n. , Das Küstriner Ger cht," hob Eccelius an, „wird nur noch wenig zu sagen haben. Alles ist klar und doch ist nichts bewiesen. Er steht vor einem höheren Richte: , . , Woytasch nickte. „Höchstens noch, was aus Der Erbschaft raub , bemerkte dieser und sah vor sich hin. „Er hat keine Verwandte hier herum und die Frau, so mir recht is, auch nich. Vielleicht, daß es der Pohlsche wiederkriegt. Aber das werden die Tschcchiner nich wollen." Eccelius erm.berte: „Das alles macht mir keine Sorge. Was mir Sorge macht, ist bloß das: wie kriegen wir ihn unter die Erde und wo. Sollen wir ihn unter die guten Leute legen, das geht nicht, das leiden die Bauern nicht und machen uns eine Kirchhofsrevolte. Und was das Sch'unmste ist, haben auch recht dabei. Und sein Feld wird auch keiner dazu hetgeben wollen. Eine solche Stelle mag niemand auf seinem ehrlichen Acker haben." .. , „Ich denke," sagte der Schulze, „wir bringen ihn aus den Kirchhof. Bewiesen ist am Ende nichts. Im Garten liegt der Franzos, und im Keller liegt der Polsche. Wer will sagen, wer ihn da hingelegt hat? Keiner weiß es, nicht einmal die Jeschke. Schließlich ist alles bloß Verdacht Auf den Kirchhof muß er also. Aber seitab, wo die Nesseln stehen und der ' Schutt liegt." Geelhaar war im o)-aüscheckschen Hause zurückgeblieben. Er hatte den Polizei-Kehrmichnichtdran und machte nicht viel von der Sache. Was war es denn auch groß? Ein Fall mehr. Darüber ging die Welt noch lange nicht aus den Fugen. Und jo ging er denn in den Laden, legre die Hand auf Edes Kopf und sagte: „Hör', Ede, das war heut ein bißchen scharf: So zwei Dodige gleich morgens um neun! Na, schenk' mal was ein. Was nehmen wir beim?" , „Na, 'nen Rum, Herr Geelhaar." , . „Nei, Rum is mir heute zu schwach. Gib erst neu Kognak. Und dann e’n $iie‘ttentte mit zuiernder Hand ein. Geelhaars Hand aber war um so sicherer. Als er ein paar Gläser geleert hatte, ging er in den Garten und |parierte drin auf und ab, als ob nun alles jein wäre. Das ganze Grundstück erschien ihm wie herrenloser Besitz, drin man sich ungeniert ergehen könne. Die Jeschke, wie sich denken läßt, ließ auch nicht lange auf sich warten, i Sie wußte schon alles und sah mal wieder über den Zaun. „Dag, Geelhaar " „Dag, Mutter Jeschke . . Nu, was macht Line?" , „ „De kömmt to Martini. Se brutt sich joa nu nich mihr to jru(en. „Vor Hradscheck?" lachte Geelhaar. „Joa. Vor Hradscheck. Awers nu sttt he joa fast." „Das tut er. Und gefangen in seiner eigenen Falle." „Joa, joa. De oll Voß! Nu tümmt he nich wedder rut. Fien wiyr he. Awers to fien, loat man fien!" Was noch geschehen mußte, geschah still und rasch, und schon um die neunte Stunde des folgenden Tages trug Eccelius nachstehende Notiz w das Tschechiner Kirchenbuch ein: ‘ f Heute, den 3. Oktober, früh vor Tagesanbrucy, wurde der »au, mann und Gasthoftbesitzer Abel Hradscheck ohne Sang und Klang in den hiesigen Kirchhofsacker gelegt. Nur Schulze Woytasch, GendaM Geelhaar und Bauer Kunicke wohnten dem stillen Begräbnisakte vei. Der Tote, so nicht alle Zeichen trügen, wurde von der Hand Gottes getroffen, nachdem es ihm gelungen war, den schon früher gegen >yn wach gewordenen Verdacht durch eine besondere Klugheit wieoer zu schwichtigen. Er verf.ng sich aber schließlich in seiner List und grub! G mit dem Grabscheit in der Hand, in demselben Augenblicke sein - - in dem er hoffen durfte, sein Verbrechen für immer aus der 2veu 8 schafft zu sehen. Und bezeugte dadurch aufs neue die Spruchwewye^ ,Es ist nichts so fein gesponnen, ’s kommt doch alles an die Sonnen^ Unterm Birnbaum. Son Theodor Fontane. (Schluß.) Ede war schon zu Bett geschickt und in dem weiten Hause herrschte Totenstille. Hradscheck schritt auf und ab in seiner Stube, mußte sich aber fttzen denn der Aufregungen dieses Tages waren so viele gewesen, daß er sich trotz fester Nerven, einer Ohnmacht nahe fühlte. So lang er Drüben Geschichten erzählt hatte, munterer und heiterer, jo wenigstens schien es, als je zuvor, war kein Tropfen Wein über feine Lippen gekommen, setzt aber nahm er Kognak und Wasser und fühlte, wie Kraft und Entjchlosjen- heit ihm rasch wiederkehrten. Er ging auf das Schubfach zu, drin er das Käpselchen versteckt hatte, zog gleich danach seine Schuh aus und pulverte von dem Farnkrautsamen hinein. ftnb nun stand er wieder in seinen Schuhen und lachte. „Will doch mal die Probe machen! Wenn ich jetzt unsichtbar bin, muß ich mich auch selber nicht sehen können." Und das Licht Mr Hand nehmend, trat er vor den schmalen Trumeau mit dem weißlackierten Rahmen und sah hinein und nickte seinem Spie- aelbllde zu. „Guten Tag, Abel Hradscheck. Wahrhaftig, wenn alles soviel hilft wie der Farntrautsamen, so werd' ich nicht weit kommen und bloß noch das angenehme Gefühl haben, ein Narr gewesen zu sein und ein Dummkopf, den ein altes Weib genassührt hat. Die verdammte Hexe! Warum lebt sie? Wäre sie weg, jo hält' ich längst Ruh' und brauchte diesen Unsinn nicht. Und brauchte nicht ..." Ein Grusel überlief ihn, denn Das Furchtbare, was er vorhatte, stand mit einem Male wieder vor seiner Seele. Rasch aber bezwang er sich. „Eins kommt aus dem andern. Wer 21 sagt, muß B sagen." Und als er so gesprochen und sich wieder zurecht geruckt hatte, ging er auf einen kleinen Eckschrank zu und nahm ein Laternchen heraus das er sich schon vorher durch Uebertleben mit Papier in eine Art Blendlaterne umgewandelt hatte. Die Alte drüben sollte den Lichtschimmer nicht wieder sehen und ihn nicht zum wievielsten Male mit ihrem „ick weet mch, Hradscheck, wihr et in be Stuw or wihr et in n Keller in Wut und Verzweiflung bringen. Und nun zündete er das Licht an, kmpste Die Laternentür wieder zu und trat rasch entschlossen auf den Flur hinaus. Was er brauchte, darunter auch ein Stück alter Teppich, aus langen Tuch- ftreifen geflochten, lag längst in Bereitschaft. „Vorwärts, Hradscheck!" . „ „ Und zwischen den großen Oelsässern hin ging er bis an den Keller- einganq, hob die Falltür auf und stieg langsam und oorsichtig die Stufen hinunter Als er aber unten war, sah er, daß die Laterne, trotz Der angebrachten Verblendung, viel zu viel Licht gab und nach oben hin, wie aus einem Schlot, einen Hellen Schein warf. Das durfte nicht jein unb jo fticn er bic 2>rcppc toieber fyinciuf, blieb über in fyolber fte^en unb griff bloß nach einem ihm in aller Bequemlichkeit zur Hand liegenden Brett bas hier an bas nächstliegende Oelfaß herangejchoben war, um die ganze Reihe der Fässer am Rollen zu verhindern. Es war nur schmal, aber doch gerade breit genug, um unten das KeUerfenster zu schueßen. Nun mag sie sich Drüben die Augen ausgucken. Meinetwegen. Durch : ein "Brett wird sie ja wohl nicht sehen können. Ein Brett ist besser als Farnkrautsamen..." t .. , .. . Unb bamit schloß er die Falltür unb stieg wieder die Stufen hinunter. Ede war früh auf unb bediente seine Kunden. Dann unb wann sah er nach ber kleinen im Nebenzimmer hängenden Uhr, bte schon auf ein Viertel nach acht zeigte. „Wo der Alle nur bleibt?" Ede durfte die Frage schon tun, benn für gewöhnlich erschien Hrad- scheck mit bem Glockenschlage sieben, wünschte guten Morgen unb öffnete die nach ber Küche führende kleine Tür, was für die Kcchin allemal bas Zeichen war, bah sie ben Kaffee bringen folle. Heute aber ließ sich kein Hradscheck sehen, und als es nah an neun heran war, steckte statt seiner nur Male ben Kopf in den Laben hinein unb sagte: „Wo he man blierot, Ede?"