SietzeimZamilienblätter Unterhalt»ng§beilage zum Gießener Anzeiger 3 il)rganö|929 Freitag, den <5. März Nummer 2[ Erste Frühlingsahnung. Don Christian Morgenstern Rosa Wallchen überm Wald wissen noch vom Abendrot dahinter — überwunden ist der Winter Frühling kommt nun bald. Unterm Monde silberweiß, zwischen Wipfeln schwarz und kraus fiügelt eine Fledermaus ihren ersten Kreis ... Rosa Wölkchen überm Wald wissen noch vom Abendrot dahinter — überwunden ist der Winter. Ein Ateiierbefuch. Von Max Geisenheyner. Das Haus stand in einer der großen Berliner Geschäftsstraßen. Seine Läden waren vom Glanz der Glühbirnen umzogen, die bis ins zweite Stockwerk der Architektur nachkletterten. In den Auslagen kostbare Kleider, seine Möbel, herrschaftliche Autos, leckere Delikatessen. „Gartenhaus" stand auf der Adresse. Ich tastete mich durch einen breiten Flur In einen kleinen Hof. Der war ein schwarzes, enges Loch. Die Wände gingen gleich steilen Bergzacken hoch an diesem Schacht, dessen Grundriß nicht großer war, als der einer mittleren Wohnung. Im zweiten Hostor, das einem finsteren Scheuneneingang glich, brannte eine kümmerliche Birne, nicht heller als eine Petroleumsunzel, aber trauriger von Ansehen. Eine Petroleumlampe kann nicht heller brennen als Docht und Nahrung es zulassen. Eine elektrische, verstaubte Birne, schon halb und halb am Verlöschen, deutete auf Vernachlässigung, Gleichgültigkeit, Armut. Und das hinter der Fassade dieses glänzenden Hauses, In dieser lichterstrahlenden Geschäftsstraße? Die Treppen eng und steil. Die Wände kalkig und mit jenen schrecklichen Ornamenten besät, mit denen «inst eine Kompagnie von Professoren di« Geburt des zwanzigsten Jahrhunderts begrüßte. Ich mußte sechs Treppen hinauf, aber ich merkte die Anstrengung nicht, denn ich stand aus jedem Treppenabsatz still. Beklommen von Küchenduft, Feuchtigkeit, Dunkelheit und Enge, betrachtete ich die Türen der Wohnungen. Es waren jedesmal vier auf einem Treppenabsatz. Rechts und links eine und zwei in der Mitte. Kaum eine Tür, an der nicht mindestens vier oder fünf Namen zu finden waren. Je höher ich stieg, um so ärmlicher wurden die Namensschilder. Waren sie weiter unten noch aus Messing und Porzellan gewesen, so sah man hier nur noch Pappdeckel, ai geklebte Papierfetzen oder mit verrosteten Renstiften de- ^0^ Visitenkarten. Die Treppenbeleuchtung wurde dunkler und •. Dazu eine tödliche Stille. Kein Laut war zu hören. Mir war's, als kröche ich im Schacht eines toten Hauses umher. Als ich im sechsten Stock vor der Sttetiertür einen Augenblick stille stand, hatte ich das Gefühl, als wäre ich einen Kreuzweg mit vielen Leidensstationen gegangen. Ich klopfte und ward eingelassen. Ein mäßig großer, viereckiger Raum, bis zur Decke mit schweren, hellgrauen Samtvorhängen ruhig umzogen. Nach der Straße ein großes Atelierfenster. Unter dem Fenster und links an der Wand, symmetrisch im Rechteck zueinanderstehend, große, gleichfalls mit grauem Rippelsamt Überzogene breite Sofas. In dem Winkel, den sie zueinander bildeten in oleiAer Höhe ein niedriger, viereckiger Tisch mit Büchern und Papieren. Der Boden mit grauem Velour ausgelegt, darauf als einziger Farbsleck ein Jndianerteppich, gelb, mit wenigen Streifen, in der Mitte von großen, roten, auf der Spitze stehenden Karos durchzogen. Zwei Tanzmas^en über einem indianischen Tuch an der Wand und in der rechten Ecke neben dem..Fenster ein Grammophon. Der Schriftsteller, ein verschwiegener, stiller Mann, sachlich, im Leben stehend, ohne Anhang, prominent von Natur und nicht durch Geste. Er hatte mich eingeladen, und so sprachen wir von diesen und jenen Dingen, die uns bewegten, in gedämpfter Rede und Gegenrede. Aber ich kam nicht von den 'Eindrücken los, die ich auf dem Treppenweg zu ihm empfangen. Ich sprach davon und mir war, als schwebte das Atelier gleich einer einzigen Wallfahrtskirche über diesem Hause und dieser Straße. Er lächelte etwas abwehrend, nickte ein bißchen, und dann legte er eine Grammophonplatte auf, einen Niggersong, ein Nigger sitzt am Rande des Urwaldes und ruft nach „Baby",'seiner Geliebten, die ihn verlassen will. Die Platte begann mit einer instrumentalen Einleitung, in der es von halben und Vierteltönen leise klang und rauschte. Ein Klagen im abendlichen Wald, dazwischen Tierstimmen, Vogelrufe und ganz verhalten der Bariton des Singenden. Keine Melodie, die im Gedächtnis blieb, fein Tanzrhythmus formte den wirren Fluß der Töne. Der Gesang schwebte leise und dann wieder sanft anschwellend über den Instrumenten, wand sich durch ihre Figuren und strömt« in einen klagenden Laut aus, der den Namen der Geliebten umschloß. In dieser Platte war die Seele eines gan^n Volkes und Landes eingefangen. Mir aber schien es, als säße der Neger, der dieses Lied sang, gar nicht so sehr weit fort. Als stiege die geheimnisvolle Stimme vielmehr aus dem schweren Steinleib dieses Baues, als sei sie nur so lange eingepreßt und stumm geblieben und habe eben erst die Möglichkeit gesunden, auf der schwarzen, rotierenden Platte dieses Lied zu singen, das zugleich ein Lied von den Bewohnern des Hauses war, die da unter uns, Stockwerk um Stockwerk in kleinen Zimmern hausten. So dicht beieinander, daß sie bei jedem Gang durch die Wohnung einander berühren mußten. Da klopfte es an die Tür. Ein kleines Mädchen kam herein. Sie schluchzte und stotterte dabei ein paar Worte, unverständlich und hastig, war zugleich in ihrem zu kurzen Kleidchen und den langen, schwarzen, wollenen Strümpfen, die oben mit Bindfaden zugebunden waren, rührend komisch anzusehen. Sie streckte ihren Finger aus, an dem ein kleiner Blutstreisen zu sehen war. Sie hatte sich geschnitten. Jetzt entsann ich mich: der Schriftsteller war einmal Arzt gewesen. „Sie kommen alle zu mir, wenn sie etwas haben," sagte er, „ich habe hier oben eine Art Sprechstunde am Samstag eingerichtet, damit es nicht die ganze Woche über so geht. Sie sind gerade zur rechten Zeit gekommen. Wir werden uns jetzt nicht mehr viel unterhalten können. Ich verschreibe natürlich keine Medizin, ich gebe nur Ratschläge und schicke die Leute, wenn es notwendig ist, zum Arzt. Aber wissen Sie, die meisten kommen gar nicht so sehr, weil sie eine besondere Krankheit plagt. Sie haben zwar alle irgend etwas, aber es ist meist gar nicht so schlimm. Sie werden bald selbst.dahinter kommen. Sehen Sie, die Kleine sitzt schon in der Ecke, hat jetzt ihr Heftpflaster auf dem Finger und nun betrachtet sie meine illustrierten Zeitschriften " Es klopfte in der nächsten Viertelstunde niehrmals. Ein großer breiter Bierkutscher mit Lederschürze, vollem, roten Gesicht, Schnauzbart und nach hinten geschobener Schirmmütze, unter der dicke, gesunde Haare her- vorguollen, trat fröhlich herein und erklärte, während der Boden von einen Schritten dumpf dröhnte, mit heiserer Stimme: „Mein Hals ist chon viel besser, Herr Doktor, der Kamillentee war großartig. Ich lasse :,n>ar nichts aus Bier kommen, aber beim Gurgeln schluckt man es zu leicht mit runter." Dabei lachte er, daß die großen, grauen Vorhänge sich leicht wie Segel vorm Winde bewegten. Ohne Umschweife setzte er sich auf den Sofarand und blies aus seiner kurzen Pfeife mächtige Rauchwolken, guckte zu dem breiten Atelierfenster und sagte: „Schöner Abend!" Der Doktor nickte, gab mir eine Zigarre und zündete sich dann selbst einen langen, schwarzen Tabak an. Es war alles so selbstverständlich, so vor- aussetzungslos und klar. Man schien sich hier zu Hause zu fühlen, genoß Wärme und Ruhe wie in einem Cafe. Es kamen nach und nach noch vier Leute. Darunter eine vergnügte Frau, die ein Kind auf dem Arm trug. Sie war kurz nach der Geburt des Kindes bei ihrer Schwester auf dem Lande gewesen und wollte es nun durchaus dem Do'tox zeigen, damit er sähe, wieviel es zugenommen habe. Dann kam ein junger Mensch, «in Packer aus einem Warenhaus, der sich Sportzeitschriften durchsah, und darauf «in uralter, fast mumienhafter Kerl, der in einer Dachkammer neben dem Atelier wohnte, und sich gleich dicht neben dem Gasofen hockte, weil es bei ihm drüben fo entsetzlich kalt sei. So saßen wir in dieser merkwürdigen Runde, in der jeder mit sich selbst beschäftigt schien. Aber es war, als warteten alle auf etwas, und der Atelierinhaber lachte auch schon seltsam und «in bißchen verschmitzt. Er zog den kleinen Mund an der Seite ein wenig hoch, und di« grauweißen Bartstoppeln rirng um die Lippen bekamen «inen Lichtschein vom Fenster. Er stand auf, und während ihm alle Blicke folgten, ging er bedächtig zu in Grammophon. Wie? Wollte er den Leuten etwa die traurige Negerplatte vorsnielen? Was würden Sie wohl dazu sagen? War das nicht grausam? Wollte er Studien an ihren Gesichtern machen? Ich wollte gerade ausstehen und Weggehen, da schnurrte auch schon die Nadel in feinen, kratzenden Tönen. Nicht der traurige Neger klagte um seine Baby! Jazzmusik, scharfer Rhythmus, fröhliche Clownstimmen dazwischen, Quieken und Quaken, schwellende und ebbende Saxophoniöne. Die Leute schienen die Platte zu kennen: sie lachten und nickten. Der Bierkutscher hob die schweren Deine mit den Stiilvenstiefeln beim Sitzen wie eiserne Stempel. Di« Frau mit dem Kinde stand in der Mitt« des Ateliers, wiegte sich hin und her und präsentierte das Kind im Takte wie ein Gewehr, küßte es bei den verführerischen Stellen und streckte ihm bei Quietschern die Zunge heraus. Der junge Mann las weiter in feinen Sportzeitschriften, aber er lächelte dabei, und seine Augen schweiften hin und wieder von dm Zeilen, ohne daß er die Kopfhaltung cindmte, zu dem Avparai. Dao Kind in der Ecke ftatf+te in Ne Hönde. Der Alte am Ofen schnarchte. Eine phantastisch« Gesellschaft! Als aber die Platte zu Ende ging, erhoben sich alle, als wär« das so verabredet, und gingen. Das Kind' und der Packm bekamen eine Z-eits^rift mit, die Frau erhielt einen freundschaftlichen Klaps, worüber her Bierkutscher so laut lachte, daß der Akte am Ofen aufwachte, erschreckt um sich sah und dann auch verschwand. „Sehen Sie, so geht es bei mir jeden Samstag zu. Manchmal kommen emch ander«. Es sind nicht immer dieselben. Es hat sich im Hause herum- gesprochen, daß ich mal Doktor war, daß ich hier oben ein bißchen Musik mache und daß es schön ruhig und warm bei mir ist. Manchmal spielen wir auch zwei oder drei Platten. Aber wenn ich Besuch habe, dann gehen g‘ schon nach der ersten. Manchmal bringt mir auch einer was mit, der ierkutscher eine Flasche Bi«r, der Packer eine Lage braunes Papier, damit ich was zum Einwickekn habe. Der hat die Flasche von seinem Wagen, der das Papier aus seinem Warenhaus. Wehe, wenn ich das nicht annähme. Ich kann auch getrost längere Zeit verreisen. Alle hier im Hinterhaus — es ist jo gar kein Gartenhaus, es heißt nur so — passen auf meine Wohnung auf, als wäre das ihre gute Stube." Als ich die Treppe wieder hinunterging, kam mir das schauerliche Haus lange nicht mehr so schauerlich vor wie beim Hinaufsteiaen, und als ich über den finsteren Hof in den Flur des jetzt festlich erleuchteten Vorderhauses trat und beim Treppenaufgang die Aufschrift las: „Nur für Herrfchaftenl", da fragte ich mich, ob sich nicht hinter dieser Fassade weniger menschliche Dinge ereigneten als in dem „Gartenhaus", in dessen Parterrewohnung und erstem Stock man schon vom Vormittag an Licht brennen mußte. Rückblick. Don Eduard Mörike. Bei jeder Wendung deiner Lebensbahn, Auch wenn sie glückverheißend sich erweitert, Und du verlierst, um Größeres zu gewinnen: Betroffen stehst du plötzlich still, den Blick Gedankenvoll auf das Vergangene heftend; Die Wehmut lehnt an deine Schulter sich Und wiederholt in deine Seele dir. Wie lieblich alles war, und daß es nun Damit vorbei auf immer sei, auf immer. Io, liebes Kind, und dir sei unverhohlen: Was vor dir liegt von künft'gem Jugendglück, Die Spanne mißt es einer Mädchenhand. Doch also ward des Lebens Ordnung uns Gesetzt von Gott: den schreckt sie nimmermehr, Der einmal recht in seinem Geist gefaßt. Was unser Dasein soll. Du, freue dich Gehabter Freuden! Andere Freuden folgen. Den Ernst begleitend; dieser aber sei Der Kern und sei die Mitke deines Glücks! Das Erbs der Düse. Don Robert Neumann. Italienische Kleinstadt: eine Gegenwart, die wenig interessant und sehr schmutzig die verfteinte Einsamkeit eines adelig kühnen Riesendomes umlärmt. Am Goldstuck des alten Theatersaales kleben noch — kichert es ous den Winkeln? — die Affichen des Kinos, das gestern seinen Schattentanz hier zu End« getaumelt hat. Und heute hängt schon ein veritabler Borhang zwischen Parkett und Bühne, eine grellgelbe Leinwand, di« sich in Riesenlettern auf den poetisch rostbraunen Segeln von hundert Fischerbarken verewigt hat. Darüber, transparent beleuchtet, die Aufschrift: Teatre Düse. Es ist das berühmte Theater der Düse, zum Teil noch di« Truppe, wie die große Tote sie zusammengestellt hat — ein wenig zerfallen zwar, ein wenig schäbig geworden, aber noch immer achtunggebietender Träger der Tradition. Soweit man Tradition haben kann, wenn man für eine Woche «ingezogen ist im Saal einer Kleinstadt, für eine Woche zwischen Florenz und Venedig und zwischen der Kinovorstellung von gestern und der BöckerversamMlung von übermorgen. Man wird sich heute in einem schmutzigen ^Bretterverschlag von Garderobe vor dem einen erblindeten Spiegel drängen, und man wird dennoch mit dem gleichen strahlenden Lächeln auf die Szene hinaustreten, das man vor ein paar Tagen zu Venedig im Teatre Fenice mitten zwischen Glanz, Pracht und Reichtum auf den Zügen getragen hat. Hat man nicht die Tradition, so hat man wenigstens doch das Blut des Theaters. Vater, Großvater, Urgroßvater des Schauspielers waren Schauspieler. Zunft ohne Scholle, ein Leben lang auf der Wanderschaft. So ist an diesen Menschen nichts endgültig, nichts auf Dauer gestellt. Und wie ihr Leben ist auch ihre Kunst provisorisch, bleibt geniales Komödiantentum, eine Art planvoller Improvisation. Es gibt im vereinigten Italien nicht eine einzige ständige Bühn« in unserem Sinne. Kein Theater vaut und bildet fich ein Ensemble. Das Land wird sommers und winters durchzogen von Schauspielertruppen, von reisenden, reifigen Kompagnien. Der künstlerische Leiter ist zugleich auch pnmo atiore — Star-Direktor. Er ist aber oft auch nur engagiert wie die Schauspieler und der eigentliche Dirigent, dem Risiken und Chancen des Unternehmens zufallen, der Capocomico, ist meist nur Geldmann. Er zieht mit, er mietet die Säle, er sitzt oft persönlich an der Kasse, er schlägt sich mit den Lieferanten herum — und er verschwindet, wenns ihm zuviel wird. Ihm sind die Schauspieler von Karneval zu Karneval mit Kontrakt gegen fixe Gage verpflichtet. Selten finden sich Korporationen, wird auf Teilung gespielt. « Truppe beim ersten Konflikt auseinander. Keine ^Eevkasien, kein Pensionsinstitut, keine Gleichstellung in der Gesellschaft. Ich tomme einst in einen Kreis vornehmer und gebildeter Menschen, hoher Beamter, Akademiker — Verbeugungen, Vorstellung, Namen. werden genannt; auf eine Dame deutend, sagt der Hausherr: 'J. : eine Künstlerin, eine Schauspielerin. Namenlos. Sie lächelt. Sie kennt es nicht anders. Man ist also jahraus, jahrein auf der Reise. Nimmt Abschied, um nach drei Stunden Bahnfahrt neue Menschen kennenznlernen. Fuhrt in riesigen Koffern Garderobe mit sich — Geschmackvollstes, Kostbarstes, Modernstes. Auch hier ein Problem: eine Schauspielerin, die etwas auf s sich halt, muß auch bei einer kleinen Truppe mindestens dreißig tadellose Toiletten besitzen: dazu Hüte und Schuhe. Jeden Abend, für jeden Akt etwas anderes. Schneider und Schuster wird man bezahlen, bis ma,i Geld hat. Inzwischen spart man am Essen, wohnt in kleinen Dachkammern zu vier Lire die Nacht und wartet auf den Ruhm. » Das Programm dieser Wandertheater ist solchen Verhältnissen ange- paßt. Da es einen Star bei der Truppe gibt, können nur Stücke gegeben werden, deren Hauptrollen „ihm" liegen; denn daß ein anderer als der primo attore eine .Hauptrolle spielt, kommt nicht vor. In gleicher Weise wahrt die Primadonna ihr Vorrecht; so sieht man durchaus nicht selten „jugendliche Liebhaberinnen" im kanon.schen Alter. Dann: ist man gezwungen, allabendlich etwas Neues und möglichst Artverschiedenes auf- zuführen, hat man überdies nichts Nennenswertes an Dekoration, jo gibt es keine Regiekunst. Und gibt es keine Regie, so ist alles auf persönlichste, wenig vorbereitete Leistung gestellt — eben auf Komödiantentum. Komödiantenstücke werden gespielt, Tragödien von außerordentlicher und handgreiflicher Tragik, Komödien, deren oft nicht unpoetische, ja tiefsinnige Anlage von Situationskomik und grotesker Improvisation überwuchert wird. — Die Beschäftigung m l dem Theater ist hier — trotz Pirandello — nicht Angelegenheit der Literatur. Dennoch sind manch« dieser Komödien — im Gegensatz zu den tragischen Stücken — der Beachtung nicht unwert. Man nehme etwa Carlo Venezianis „Der Ahnherr". Der letzt« Sproß eines Ädelsgeschlechts, verschuldet, ernüchtert, moderner Stadtmensch, stößt in seinem halbverfallenen Waldkastell — er sucht es nur aus, weil er es zu Geld machen will, — auf eine verschlossene Eisentür. Er sprengt sie, — und heraus tritt der Ahnherr, der Ritter, der Gründer des Geschlechts, der dort seit neunhundert Jahren gefangensitzt. Was sich jetzt abspieit, ist tragischer Ulk. Der Alte fragt nach Kind und Kindeskind — der Junge kennt nicht di« Namen. Der Alte fragt nach den Weltgeschehnissen — der Junge reicht ihm den „Corriere della Serra". Der Alte weiß nichts damit anzusangen; aber er gerät nicht so leicht aus der Fassung. Sein Geschlecht ist bedrängt? Geldverlegenheit? Unglückliche Liebe? — Jungfrauen rauben! Gläubiger niederstechen! Städte plündern! Nun, er schickt sich auch an, danach zu verfahren. Und er zerbricht, abstrakt gesprochen, an der modernen Technik. Automobil, elektrisches Licht, Grammophon — eine Welt des Entsetzens. Er wankt, er flieht, er flüchtet vermummt ins Zimmer mit der eisernen Tür zunick. Star-Rollen also, Star-Stücke. Man muh gesehen haben, wie Aldo Silva ni — er war zuletzt Direktor des Theaters Düse — dergleichen hinlegte. Voll adeliger Schmerzlichkeit noch in Ulk und Gelächter, in ernsten Partien immer wieder an Conrad Veidts sparsam traurige Mimik erinnernd. Man muß seine Prima attrice, die P« rbellini, gesehen haben. Vierundzwanzigjährig, seit fünf Jahren beim Theater, seit zweieinhalb Jahren an der Spitze der Truppe. Eine schöne, hochgewachsene Frau mit wunderbaren Augen und einer Leidenschaftlichkeit des Ausdrucks, die frappiert und hinreißt. Aber, andere Gesicher, Menschen, Spiele ziehen vorüber, drängen näher. Man kann, deutscher Mensch, in diesen Trubel geratend, nicht fassen, wieviel Lebenskraft und Begabung sich hier verspielt und vergeudet. Doch jeder Versuch, da festzustellen, zu ordnen, zu leiten, wäre vergeblich. Raturkraft verschwendet sich. Pirandellos jüngster Versuch, mit Hilfe des neuen Regimes drei ständige Nationaltheater ins Leben zu rufen, wird daran nichts ändern. Deutschland? Gewiß, man achtet die deutsche Kunst. Man hat unlängst „Onore" („Ehre") von Sudermann gespielt. Andere? Gewiß. Ibsen! Welche Stücke? „Gespenster", „Frau vom Meere", „Wildente". Sonst? „Die Weber", schlägt einer vor. Aber ein anderer weiß: das ist ja von Hauptmann. Auch seinen „Detturino Henschel" l„Fuhr- mann Henschel") kennen sie. Ebenso „La Fiamma" („Die Flamme"). Aber das ist wieder von Hans Müller. — Weiter? Man kennt Molnar. Molnar kennt man genau. Der gehört selbstverstäntllich auch zu den Deutschen. Strindberg: den andern ist der Name neu. Silvani hat von ihm gehört. Einer wollte ihn übersetzen. Wedekind? Nein, der Name ist unbekannt. Aber deutsche Schauspieler kennt man! Bor allem Alessandro Moissi. Man war in Triest mit ihm zusammen. Aber er wurde deutsch erzogen, hat nie recht italienisch gekonnt. Ob man ihn spielen gesehen hat? Nein! „Wir wollen ihn nicht", sagt die Perbellini. „Warum?^ Darüber scheint man verschiedener Ansicht zu sein. Eine Auseinandersetzung beginnt, in jenem Tempo, dem folgen zu können, man jenseits der Alpen geboren fein müßte. Ich Höne nur immer wieder das Wort „Moskau" aiis dem Stimmengewirr. Man ist bei allem Nationalistischen kosmopolitisch, man ist tolerant, man ist sogar deutschfreundlich: aber Moskau... Andere Schauspieler? Nein. Aber doch wenigstens Reinhardt, versuche ich. Ob das auch ein Schauspieler sei? Nein, ein — (wer weiß, wie man Regisseur auf italienisch sagt?) Umständliche Erklärung. Man versteht sich nicht. Regie führt der Direktor. Ader ein Direktor, der nicht selbst spielt? Also ein Capocomico vielleicht! Aber ein Capocomico, der Künstler Ist? Ich gebe es auf. Aber Ida Roland kennt man. Sie ist mit einem Grafen verheiratet, erzählt man mir. Sie ist die deutsche Dusel Ob das wahr ist? Da ich (bei aller Hochschätzung der Roland) ein wenig verlegen werde, kwlt man die lebte Nummer der „Comedia" herbei. Richtig, dort steht es fchwarz auf weiß: sie ist unsere Düse. Warum nicht? » Wenn sich ein Theaterdirektor fände, der den Mut hätte, diese Leute — für wenig Geld, denn man ist in Italien gewohnt, beim Theater wenig zu verdienen — zu uns zu bringen, so wäre dos neben wirklicher Anregung und einem Kunstgenuß besonderer Art, vielleicht auch gor kein übles Geschäft. Aber dazu hat man wohl keine Zeit. Man hat alle Hände voll zu tun, „Bridri" von Robert de Farce und Camille Idiot in Szene zu setzen. Kreuz und quer durch die Camargue. Bon Prof. Dr. Walter Bombe. An der Rhonemündung erstreckt sich ein seltsames Stück Land, das iedes Jahr wächst, und aus dem vielleicht dermaleinst ein zweites Holland erstehen wrrd, wie es ein solches an der Mündung des Rheins gibt, die Camargue. In ganz Frankreich, wie weit man auch Umschau halten maq, findet sich kein einsameres Erdenfleckchen als diese vom Rhonedelta gebildete Insel. In nächster Nähe der von der Natur so überreich gesegneten französischen Riviera mit ihrer dichten Besiedlung dehnen sich hier endlose öde Steppen, an die römisch« Campagna gemahnend, und, wie diese, von rauhen Pferde- und Rinderhirten bewohnt, die halbwilde Stiere und Pferde vor sich hertreiben und in dieser schwermütigen und menschenfeindlichen Landschaft ihr Leben verbringen. Gewiß kein beneidenswertes Leben, aber sie hängen mit leidenschaftlicher Liebe an ihrer Scholle. Es find wahre Prachtgestalten von hohem Wuchs und wildem, selbstbewußten Aussehen, diese Vertreter der „Nazioun Gordiano", den Kataloniern stammverwandt, am Hergebrachten hängend, ihre eigene Sprache redend, die ein seltsames Gemisch von altfranzösischen, spanischen und italienischen Elementen ist. Sic sind wie die Katalonier, von einem unbezähmbaren Drange nach politischer und kultureller Selbständigkeit beseelt. Selten in meinem Leben sah ich einen schöneren Menschenschlag. Namentlich bei den Frauen, die ja Rasseneigenschaften immer in größerer Reinheit bewahren als die Männer, ließen sich deutlich die drei Haupttypen der ursprünglichen Siedler unterscheiden: zwei von ausgesprochen klassischem Gepräge, der zierlichere und schlanke der Griechin, der majestätischere der Römerin ^und der orientalisch anmutende, dunkelhäutige der Sarazenin. Das weiße Spitzentuch aus dem braunen oder schwarzen Haar, das voll und reich den Kopf umrahmt, trägt noch dazu bei, den phantastischen Eindruck dieser schönen Frauen zu erhöhen. Ein starkes und eigenartiges Volkstum hat sich hier, dem sonst in Frankreich alles gleichmachenden Pariser Boulevard-Typus den Zutritt verwehrend, durchzufetzcn vermocht. Die berühmten Stiere der Camargue sollen unmittelbar von den alten Chaldäern als Gottheiten verehrt worden sein. In einem besonders schönen Stier lebt der Apis der alten Aegypter und der von den Römern adoptierte Mithras fort, so hört man die Bewohner der Camargue ost sagen, und wenn der Apis- oder Mithrasstier stirbt, so findet sich ein anderer, aber niemals finden sich ihrer zwei. Sie werden in den meist unblutig verlaufenden Stierkämpsen der Provence gebraucht An Geschicklichkeit nehmen die Hirten der Camargue es mit jedem spanischen Stierkämpfer auf. Ich habe gesehen, wie sie dem wütenden Stier in rasendem Laus eine Kokarde von der Stirn nahmen und wie sie den jungen Stier einmal hoch zu Roß und dann zu Fuß umwarfen, während die Frauen und Mädchen das Tier durch Zurufe und Tücherschwenkon reizten und mit bewundernden Blicken dem unb'utigen Kampfe folgten. An demfelben Tage hatte ein wütender Zuchtstier seinen Rivalen aus die Hörner genommen und getötet — die beiden Kämpfer zu trennen, war unmöglich. Solche Eisersuchtsdramen sollen sich oft ereignen. Stundenlang bin ich durch die Einsamkeit der Camargue gewandert, ohne einem menschlichen Wesen zu begegnen, nur hier und dort am Wege bemerkte ich ein Tier, das sich sein armseliges Futter suchte. Wildes Gestrüpp von Ginster, Heidekraut und Moos, selten eine Pinie mit breitem Schirm ober eine düstere Zypresse, auf öden Dünenhügeln des Strandes Meerhafer und Seegras. Der angeschwcmmte, sumpfige, von Salzlachen und toten Flußarmen durchzogene Boden ist zwar durch Deiche gegen Ucberschwemmungen geschützt und wie In Holland an einzelnen Stellen In fettes Marschland verwandelt, aber wenig angebaut, ein Fieberherd im Sommer. Namentlich gegen Süden, und an den Küsten, wo die Strand- feen 210 Quadratkilometer einnehmen, ist der Boden noch vielfach morastig. Unzählige Wasservögel nisten hier ungestört, auch Biber kommen noch vor. Hoher Baumwuchs ist selten, an seiner Stelle tritt das un° durchdringllche Gestrüpp der Macchia, des Buschwaldes, hervor, mit vielen stark duftenden Würzkräutern. Diese Macchia ersetzt die einst reichen Wälder, ober, besser gesagt, sie stellt das noch verschont gebliebene Unterholz dieser Waldungen dar. Mastixsträucher, Terebinthen, bis zu vier Meter hohe Baum-Erika und der Erdbeerstrauch mit seinen gelben Früchten verleihen der Macchia einen unbeschreiblichen Reiz. Die Sonne ging schon zur Rüste, als ich ein schönes Bauernmädchen sah, das mit seinen Schafen heimkehrte. Es trug das malerische Kostüm der Camargue, und der Wind blähte seinen Rock. Als es mich freundlich begrüßte, konnte ich mich nicht enthalten, .qm Thöophile Gautiers Verse zuzurufen: „Dites, la jeune belle, oü vouiez-vous aller? — La voile ouvre son alle, la brise va souffler.“ Die Brise wehte vielleicht sogar etwas zu heftig, aber das Mädchen verstand mich nicht, weil für die Gardianerin Französisch eine fremde Sprache war. Die einzig nennenswerte Ortschaft aus der Insel selbst, die einen Flächeninhalt von etwa 750 Kilometer aufweist, ist Saintes-Maries de la mer, ein vielbesuchter Gnadenort. Hier ist der Legende zufolge im Jahre 45 n. Ehr. Maria Magdalena, die Büßerin, mit den beiden anderen Marien gelandet, um die Provence zum Christentum zu bekehren. An zwei toten Armen der Rhone, außerhalb der Camargue, aber noch zum Departement Gard gehörig, liegt das stimmungsvolle Aigues-Mortes, die »Stadt der toten Wasser", umgeben von Salzsümpfen, mit wohlerhaltener mittelalterlicher Etadtbesestigung und einem Standbild König Ludwigs des Heiligen, der von hier aus 1248 und 1270 feine Kreuzzüge angetreten hat. Die „Nazioun Gardiano" ist stolz darauf, in dem riesigen Pont du Gard den König aller römischen Aquädukte zu besitzen. Ein gewaltiges, unversehrt erhaltenes Werk! Eine dreifach übereinander getürmte Bogenreihe von fünfzig Meter Höhe spannt sich über das tief eingeschnittene Kalk- felfental des Gard. Unten zählen mir sechs, in der, Mitte elf, und oben fünfunddreißig Bogen, fast ganz aus Kalksteinquadern aufgetürmt, nur oben Ziegelmauerwerk. Durch einen zwei Meter tiefen Kanal ist feit den ^Wen des Kaisers Augustus das Wasser der Eure und des Airon nach RImes geflossen, 41 Kilometer lang war die Leitung, und in der Richeinen dicken graugrünen Flausrock hineinge- feine Mütze vom Riegel und einen Pikenstock schlaf hielt. „Stör' dich nicht gern um diese Zett, Kunicke; Schlaf ist mir allemal heilig, und nun gar deiner! Aber es hilft nichts, wir müssen hinaus. Der Friedrichsauer Amtsrat war eben da und sagte mir, daß ein Fuhrwerk in der Oder liege. Mein Gott, wenn es Szulski wäre!" „Wird wohl," gähnte Kunickc, dem der Schlaf noch in eßen Gliedern steckte, „wird wohl ... Aber er wollte ja nicht hören, als ich ihm gestern Abend sagte: „nicht so früh, Szulski, nicht so früh Denke doch bloß voriges Jahr, wie die Post 'runter fiel und der arme Kerl von Postillon gleich mausetot. Und der kannte doch unfern Damm! Und nu solch Pohlscher, jolch Bruder Krokauer. Na, wir werden ja sehen." Inzwischen hatte sich Kunicke zurecht gemacht und war erst in hohe Bruchstiefel und dann in <■*--" 2'..... fahren. Und nun nahm er seine Mütze vom aus der Ecke. „Komm!" _ Damit traten er und Hradscheck vom Flur her auf die treppen- rampe hinaus. Der Wind blies immer stärker, und als beide, jo gut es gmg, von oben her sich umsahen, sahen sie, daß Schulze Woytasch, der schon anderweitig von dem Unglück gehört haben mußte, die Dorfstraße hnunterkam. Er hatte seine Ponys, brillante kleine Traber, einspannen lassen und fuhr, aller Polizeiregel zum Trotz, über den aufgeschütteten Gangweg hin, was er sich als Dorfobrigkeit schon erlauben konnte. Zudem durst er sich mit Dringlichkeit entschuldigen. Als er dicht an Kunickes Rampe heran war, hielt er und rief beiden zu: „Wollt auch hinaus? Natürlich. Immer aufsteigen. Aber rasch." Und im nächsten Augenblicke ging es auf dcm aufgeschütteten Wege in vollem Trabe weiter, auf Orths Gehöft und die Mühle zu. Hradscheck saß vorn neben dem Kutscher, Kunicke neben dem Schulzen. Das war so Regel und Ordnung, denn ein Bauerngut geht vor Gasthaus und Kramladen. Gleich hinter der Mühle begann die langsam und allmählich zum Damm ansteigende Schrägung. Oben war der Weg etwas bester, aber immer noch schlecht genug, so daß es sich empfahl, dicht am Dammrand tung auf die Stadt setzt sie sich in einem mehrere hundert Meier durch den grauen Kalkfeljcn getriebenen Tunnel fort. Auch Arles, die Hauptstadt des Departements der Rhonemündungen, hat ihren römischen Aquädukt. Dazu kommt noch eine römische Arena, ein antikes Theater, ein Obelisk und die bedeutenden Reste eines, Palastes Kaiser Konstantins des Großen, der Arles sogar zu seiner Residenz erheben wollte. Ohne unmittelbar am Meere zu liegen, war Arkes durch zwei Arme des Rhone-Deltas Mit der See verbunden. Schon in Römerzeiten lag draußen an der Via Aureliana eine große Begräbnrsftelle, die der heilige Trophime, der Schutzpatron der Stadt, in einen christlichen Friedhof verwandelte. Aber als er die Bischöfe der NackbarWbte zu- sammenrief, wagte keiner von ihnen aus übergroßer Bescheidenheit, die Weihung vorzunehmen. Da erschien Christus selbst, so sagt die Legende, und segnete die Begräbnisstätte. In der Folge war es ein Wunsch aller frommen Christen des Landes, in den Alyscainps, den elysäifchen Gefilden von Arles, bestattet zu werden; inan sandte aus weiter tyerne die Toten hierher, lud sie sogar, mit einem Obolus versehen, auf Kahne und ließ sie die Rhone hinabtreiben. Die frommen Arleser über fischten die Leichen aus und gaben ihnen ein christliches Begräbnis. Dante, öer Arles einst besuchte, vergleicht in seinem Inferno die Menge der Grüber mit dem Felde der glühenden Särge in der Hölle. Das spätere Mittelalter hat die Gräber vernachlässigt, und danach waren die Sarkophage der Alyscainps lange ein Gegenstand des Kunst- Handels. Als dann gar seit 1848 die Eisenbahn durch die Alyscamps hindurchgelegt wurde,' bot dieser uralte Begräbnisplatz ein Bild völliger Zerstörung; erst in den letzten Jahrzehnten hat man die noch vorhandenen schlichten steinernen Särge gesammelt und zu beiden Seiten der Allee des Tombeaux wieder ausgestellt, so daß sie nun wie eine Arleser Via Appia anmuten. Eine überaus malerische und melancholische Gräberstraße dehnt sich jetzt da, beschattet von hohen Pappeln und Zypressen. Auf den Trümmern des römischen Prätoriums erhebt sich die romanische Kirche St.. Trophime, dem ersten Bischof und Schutzpatron von Arles, einem Jünger des Apostels Paulus aus Ephesus geweiht. Ihr reiches Portal mit dem Weltgericht und zahlreichen Apostel- und Heiligenfiguren gehört zu den bedeutendsten Biidhauerwerken des zwölften Jahrhunderts in Frankreich. In dem zugehörigen Kloster ist der prachtvolle Kreuzgang bemerkenswert. Berühmt von altersher ist die Schönheit der Frauen von Arles. Ihre eigenartige Volkstracht — Krawatte mit großer Schleife — fiel mir als besonders reizvoll auf, als ich an einem Sonntag den Kirchgang der Arleserinnen anzusehen Gelegenheit hatte. Die Arleser sind alle ohne Ausnahme leidenschaftliche Naturfreunde. Jeder hat, wenn er es sich irgend leisten kann, draußen in der Camargue feine Bestide, das Wochenendhaus, ober wenigstens seinen Cabonon, wo er die Jagd ausüben kann, denn die Camargue ist mit ihrem Reichtum an Wasservögeln und Feldhühnern ein wahres Iägerparadies. Unterm Birnbaum. Von Theodor Fontane. (Fortsetzung.) „Gott im Himmel, ist es möglich! Aber wollen der Herr Amtsrat nicht bei Schulze Woytasch mit vorsahren?" „Kann nicht, Hradscheck; ist mir zu sehr aus der Richt. Der Reitweiner Graf erwartet mich und habe , mich schon verspätet. Und zu helfen ist ohnehin nicht mehr, so viel hab' ich gesehen. Ader alles muß doch seinen Schick haben, auch Tod und Unglück. Adieu ... Vorwärts!" Und damit gab er dem Kutscher einen Tipp auf die Schulter, der seine Trakehner wieder antrieb und wenigstens einen Versuch machte, trotz der grundlosen Wege das Versäumte nach Möglichkeit wieder einMbringen. Hradscheck machte gleich Lärm und schickte Jakob zu Schulze Woytasch, während er selbst zu Kunicke hinüberging, der eben feinen Mittags- entlang zu fahren, wo, wegen des weniger aufgeweichten Bodens, die Näder auch wenig.r tuf ein|djmtten. „Patz Achtung," |ugiv Wuytasch, „sonst liegen wir auch unten " Und der Kutichcr, Dun lelber angsitich jein mochte, lenkte sofort auf die Mitte des Damms hinuoer, trotzdem er hier langiamer fahren mußte. Sah man von der Fahritch-eck der Situation ad, so war es eine raun- dervolle Fahrt und das sich weckhin darbietende Bild von einer gewissen Grotzartigceit. Rechtshin g.üne Wintersaat, soweit das Auge reichte, nur mit einzelnen Tümpel», Häusern und Pappelweiden dazwischen, zur Linken aber die von Rcge. gössen hoch angeschwollene Oder, mehr ein Haff setzt als ein Strom. Wütend kam der Süüost vom jenseitigen Ufer herüber und trieb die gmugelben Wellen mit solcher Gewalt an den Damm, daß es wie eine Blandung war Und m eben dieser Brandung standen gekröpfte Weiden, nur noch den häßlichen Kopf über dem Wasser, während, auf der neumärkijchen Seite, der blaujchwarze Strich einer Kie- fernwaldung in grellem, uiiheimlichem Sonnenscheine dalag. Bis dahm war außer des Schulzen Anruf an den Kutscher kein Wort laut geworden, jetzt aber sagte Hradscheck, indem er sich zu den beiden hinter ihm Sitzenden umdrehte: „Der Wind wird ihn runter geweht haben." „Unsinn!" lachte Woytasch, „Ihr müßt doch sehen, Hradscheck, der Wind kommt ja von da, von drüben. Wenn der schuld wäre, läge er hier rechts vom Damm und nicht nach links hin in der Oder ... Aber seht nur, da wanke» ja schon welche herum und halten sich die Hüte fest. Fahr zu, daß wir nicht die letzten sind." Und eine Minute daraus hielten sie gerad' an der Stelle, wo das Unglück sich zugetragen hatte. Wirklich, Orth war schon da, mit ihm ein paar seiner Mühlknechte, desgleichen Mietzel und Ouaas, deren ausgebaute Gehöfte ganz in der Nähe lagen. Alles begrüßte sich und kletterte dann gemeinschaftlich den Damm hinunter, um unten genau zu sehen, wie's stünde. Die Böschung war g att, aber man hielt sich an dem Werft und Weidengestrüpp, das überall stand." Unten angekommen, sah man be- !tätigt, was von Anfang an niemand bezweifelt hatte: Szulskis Gin- pänner lag wie getenteri im Wasser, das Verdeck nach unten, die Räder nach oben; von dem Pferde sah man nur dann und wann ein von den Wellen überschäumtes Stück Hinterteil, während die Schere, darin es ein- gespannt gewesen, wie em Wahrzeichen aus dem Strom aufragte. Den Mantelsack hatten die Wellen an den Damm gespült und nur von Szulski selbst lieh sich nichts entdecken. „Er ist nach Kienitz hin weggejchwemmt", sagte Schulze Woytasch. „Aber weit weg kann er nicht sein; die Brandung geht ja schräg gegen den Damm" Und dabei marjch.erte man truppweise weiter, von Gestrüpp zu Gestrüpp, und durchsuchte jede Stelle. „Der Pelz muß doch obenauf schwimmen." „Ja, der Pelz", lachte Kunicke. „Wenn's bloß der Pelz wär. Aber der Pohlsche steckt ja drin." Es war der Kunickesche Trupp, der so plauderte, ganz wie bei Dachs graben und Hühnerjag -, während der den andern Trupp führende Hrad- scheck mit einem Male rief: „Ah, da ist ja seine Mütze!" Wirklich, Szulskis Pelzmütze hing an dem kurzen Geäst einer Kropfweide. „Nun, haben wir die," fuhr Hradscheck fort, „so werden wir ihn auch selber bald haben." „Wenn wir nur ein Boot hätten. Aber es kann hier nich^ tief sein, und wir müssen immer peilen und Grund suchen." Und so geschah's auch. 2(ber alles Messen und Peilen half nichts und es blieb bei der Mütze, die der eine der beiden Müllerknechte mittlerweile mit einem Haken herarg.cholt hatte. Zugleich wurde der Wind immer schneidender und kälter, so daß Kunicke, der noch von Möckern und Mont- mirail her einen Rhrumoti mus hatte, keine Lust mehr zur Fortsetzung verspürte. Schulze Woytasch auch nicht. „Ich werde Genda m Gcelhaar nach Kienitz und Güstebiese schicken", sagte dieser. „Irgendwo muß er doch antreiben. Und bann wollen wir ihm ein ordentliches Begräbnis machen. Nicht wahr, Hradscheck? Die Hälfte kann die Gerne "/"e geben." „Und die andere Hö'f e geben wir", setzte Kunicke hinzu. „Denn wir sind doch eigentlich ein bißchen schuld. Oder eigentlich ganz gehörig. Er war gestern Aben^ reri'-emmi fißlig und man bloß noch so so. War er denn woh". kattolsch?" „Natürlich war er“, sagte Woytasch. „Wenn einer Szulski heißt und aus Krakau kommt, ist er kattolsch. Aber das schad't nichts. Ich bin für Aufklärung. Der alte Fritze war auch für Aufklärung. Jeder nach seiner Fasson .. " „Versteht sich", sagte Kunicke. „Versteht sich. Und dann am Ende, wir wissen auch nicht, das heißt, ich meine, so ganz bestimmt wißen wir nicht, ob er ein Kattolsch r war oder nicht. Un was man nich weiß, macht einen »ich heiß. N'ch' wahr, Oüaas?" „Nein, nein. Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß. Und Duaafen auch nich^" Alle lachten und se'bst Hradscheck, der bis dahin eine würdige Zurückhaltung gezeigt hatte, stimmte mit ein. IX. Der Tote fand sich nicht, der Wagen aber, den man mühsam aus dem Wasser herausgeholt hatte, wurde nach dem Dorfe geschafft und in Ku- nickes große Sch-une g.stclli. Da stand er nun schon zwei Wochen, um entweder obgeholt oder auf Antrag der Krakauer Firma versteigert zu werden. , Im Dorfe gab es irzw scheu viel Gerede, das aller Orten darauf hinauslief: „es sei was passiert und es stimme nicht mit den Hradschccks. Hradscheck sei freilich rin seiner Vogel und Spaßmacher und könne Witz- chen und Gesch'ch^n '"Vcn, aber er hab es hinter den Ohren, und was die Frau Hradscheck arg.he, die vor Vornehmheit nicht sprechen könne, so Verantwort!, i s Thyriot. — Bruck und Verlag; Brühl ' wisse feder, stille Wasser seien tief. Kurzum es fei beiden nicht recht zu trauen und der Pohlsche werde wohl ganz wo anders liegen als m der Oder" Zum Ueberfluß griff auch noch unser Freund, der Kantorsjohn, der sich jedes Skandals mit Vorliebe bemächtigte, in die Saiten seiner Leier, und allabendlich, wenn die Knechte, mit denen er auf du und du stand, vom Kruge her durchs Dorf zogen, fangen sie nach bekannter Melodie: Morgenrot! Abel schlug den Kain tot. Gestern noch bei vollen Flaschen, Morgens ausgeleerte Taschen, Und ein kühles, kühles Gra—ab. All dies kam zuletzt auch dem Küstriner Gericht zu Ohren, und wiewohl es nicht viel besser als Klatsch war. dem alles Beweiskrästige fehlte, so sah sich der Vorsitzende des Gerichts, Justizrat Vowinkel, doch veranlaßt, an feinen Duz- und Logenbruder Eecelius einige Fragen zu richten und dabei Erkundigungen über das Vorleben der Hradjchecks einzuziehen. Das war am 7. Dezember, und noch am selben tage schrieb Eeee- lius zurück: „Sieber Bruder. Es ist mir sehr willkommen, in dieser Sache das Wort nehmen und Zeugnis zugunsten der beiden Hradschecks ablegen zu können. Man verleumdet sie, weil man sie beneidet, besonders die Frau. Du kennst unsere Brücher; sie sind hochfahrend und steigern ihren Dünkel bis zum Haß gegen alles, was sich ihnen gleich oder wohl gar überlegen glaubt. Aber ad rem. Er, Hradscheck, ist kleiner Leute Kind aus Neu- Lewin und, wie sein Name bezeugt, von böhmischer Extraktion. Du weißt, daß Neu-Lewin in den 80er Jahren mit böhmischen Kolonisten besetzt wurde. Doch dies beiläufig. Unsres Hradscheck Vater war Zimmerütann, der, nach Art solcher Leute, den Sohn für dasselbe Handwerk bestimmte. Und-unser Hradscheck soll denn auch wirklich als Zimmermann gewandert und in Berlin beschäftigt gewesen fein. Aber es mißfiel ihm, und so fing er, als er vor etwa 15 Jahren nach Neu-Lewin zurückkehrte, mit einem Kramgeschäft an, das ihm auch glückte, bis er, um eines ihm unbequem werdenden „Verhältnisses" willen, den Laden aufgab und den Entschluß faßte, nach Amerika zu gehen. Und zwar über Holland. Er kam aber nur bis ins Hannöversche, wo er, in der Nähe von Hildesheim, also katholische Gegend, in einer großen gasthausartigen Dorfherberge Quartier nahm. Hier traf es sich, daß an demselben Tage die seit Jahr und Tag in der Welt umhergezogene Tochter des Hauses krank und elend von ihren Fahrten und Abenteuern — sie war mutmaßlich Schauspielerin gewesen — zurückkam und eine furchtbare Szene mit ihrem Vater hatte, der ihr nicht nur die bösesten Namen gab, sondern ihr auch Zuflucht und Aufnahme verweigerte. Hradscheck, von dem Unglück und wahrscheinlich mehr noch von dem eigenartigen und gewinnenden Wesen der jungen Frau gerührt, ergriff Partei für sie, hielt um ihre Hand an, was dem r ivanmit? nur gelegen iam, und heiratete sie, nachdem er seinen Auswanderungsplan aufgegeben hatte. Bald danach, um Martini herum, übersiedelten beide hierher, nach Tschechin, und schon am ersten Adventssonntage kam die junge Frau zu mir und sagte, daß sie sich zur Landeskirche halten und evangelisch getraut sein wolle. Was denn auch geschah und damals (es geht jetzt ins zehnte Jahr) einen großen Eindruck auf die Bauern machte. Daß der kleine Gott mit dem Bogen und Pfeil in dem Leben beider eine Rolle gespielt hat, ist mir unzweifelhaft, ebenso daß beide seinen Versuchungen unterlegen sind. Auch sonst noch, wie nicht bestritten werden soll, bleiben einige dunkle Punkte, trotzdem es an anscheinend offenen Bekenntnissen nie gefehlt bat. Aber wie dem auch sein möge, mir liegt es pflichtmäßig ob zu bezeugen, daß es wohlanständige Leute sind, die, so lang ich sie kenne, sich gut gehalten und allzeit in einer christlichen Ehe gelebt haben. Einzelnes, was ihm, nach der entgegengesetzten Seite hin, vor längerer oder kürzerer Zeit nachgesagt wurde, mag auf sich beruhen, um so mehr als mir Sittenstolz und Tugendrichierei von Grund aus verhaßt sind. Die Frau hat meine besondere Sympathie. Daß sie den alten Aberglauben abgeschworen, hat sie mir, wie Du begreifen wirst, von Anfang an lieb und wert gemacht." S'e Wirkung dieses Eeeeliusschen Briefes war, daß das Küstriner Gericht die Sache vorläufig fallen ließ; als demselben aber zur Kenntnis kam, „daß Nachtwächter Mewissen, nach neuerdings vor Schulze Woytasch gemachten Aussagen, an jenem Tage, wo das Unglück sich ereignete, so zwischen fünf und sechs (um die Zeit also, wo das Wetter am tollsten gewesen) die Frau Hradscheck zwischen den Pappeln an der Mühle gesehen haben wollte, ganz so, wie wenn sie halb verbiestert vom Damm her käme", — da waren die Verdachtsgründe gegen Hradscheck und seine Frau doch wieder so gewachsen, daß das Gericht einzuschreiten beschloß. Aber freilich auch jetzt noch unter Vermeidung jedes Eklats, weshalb Vowinkel an (Eecelius, dem er ohnehin noch einen Dankesbri<-f schuldete, die folgenden Zeilen richtete: „Habe Dank, lieber Bruder, für Deinen ausführlichen Brief vorn 7 d. M, dem ich, soweit er ein Urteil abgibt, in meinem Herzen zustimme. Hradscheck ist ein durchaus netter Kerl, weit über , feinen Stand hinaus, und Du wirst Dich entfinnnen, daß er den letzten Winter sogar in Vorschlag war, und zwar auf meinen speziellen Antrag. Das alles steht fest. Ader zu meinem Bedauern will die Geschichte mit dem Polen nicht aus der Welt, ja, die Verdachtsgründe haben sich gemehrt, seit neuerdings auch euer Mewissen gesprochen hat. Andererseits freilich ist immer noch zu wenig Substanz da, um ohne weiteres eine Verhaftung eintreten zu lassen, weshalb ich vorhabe, die Hradscheckschen Dienstleute, die doch schließlich alles am besten wissen müssen, zu vernehmen und von ihrer Aussage mein weiteres Tun oder Nichttun abhängig zu machen. Unter allen Umständen aber wollen wir alles, was Aufsehen machen könnte, Nach Möglichkeit vermeiden. Ich treffe morgen gegen 2 Uhr in Tschechin ein, fahre gleich bei Dir vor und bitte Dich, Sorge zu tragen, daß ich den Knecht Jakob samt den beiden anderen Personen, deren Name» ich vergessen, in Deinem Hause vorfinde." (Fortsetzung folgt.)___________________ 'sche Univers itätS^Duch« und Sletndruckerei, R. Lang«, Gießen.