SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1929 Montag, den 14. Oktober Nummer 80 Meiner Mutter. Von Alfred Bock. Wie war mein tiefstes Sein mit dir verwoben In Harmonie, die jedem Mißklang wich, Wie war mein Blick so oft zu dir erhoben Im Lebensdrang, denn du verstandest mich. In dir war eine frühlingshafte Helle, War einer schön gestimmten Glocke Klang, Dein Wesen ward "für mich zur Wunderquelle, Daraus mir Kraft und Mut und Friede sprang. Wir fühlten's, daß ein heiliges Gelübde Der Kunst, der himmlisch hohen, uns verband, Ach, daß dies Glück, das reine, ungetrübte, Vom Tod zerschellt, ein jähes Ende fand. Nun ziehn die Wolken über deinen Hügel, Mit weißen Rosen schmücke ich dein Grab, Es kommt der Tag und regt die goldnen Flügel, Cs kommt die Nacht, ein ewig Auf und Ab. Was bleibt mir, der ich einsam um dich klage, Und ohne dich mein Boot nun steuern soll? Daß ich dein Bild in meinem Herzen trage Und deinem Namen rufe, sehnsuchtsvoll. Daß ich mein Werk in deinem Geist vollende. Der fürder wirkt und unzerstörbar ist, Daß ich wie einst die Blicke zu dir wende und innerst spüre, daß du um mich bist! Alfred Bock. Zu seinem 7 0. Geburtstage. Von Dr. Hans Thyriot. „Alle echte Kunst ist bodenständig. Soll sie der Volksgesamtheit dienen, muß Weltgefühl in ihr lebendig sein." Alfred Bock. I. Befangenheit hemmt einem die Feder, wenn man selbst noch jung ist und sich der so ehrenvollen wie verpflichtenden Aufgabe gegenüber findet, einem berühmten Manne zu seinem 70. Geburtstage nicht allein vor aller Oeffentlichkeit Gruß und Glückwunsch darzubringen, sondern zugleich auch, — wie es der Brauch ist bei solchem Anlaß — über Wesen und Werk dieses Menschen Kwas auszusagen. Zumal wenn der, welchem Gruß, Glückwunsch und Würdigung heute gelten, einem nicht unpersönlich fernsteht und nicht, wie das meistens ist, nur durch sein Werk oder etwa ein trügerisches Bild vertraut wurde, ... sondern wenn man von Angesicht zu 'Angesicht ihn kennenlernte, sein Haus oft und gern betrat und immer mit einer Fülle von Anregungen, in Erinnerung an ein belebtes Gespräch, eine schöne Melodie oder eine heitere Anekdote verließ, wenn man viele Stunden mit ihm zusammen war, ihn erzählen, vorlesen oder meisterlich musizieren hörte, — dann ist das anders als sonst, wenn man zu einem Geburtstage die Feder in die Hand nimmt. Als ich vor vielen Jahren zum ersten Male einen Roman von Alfred Bock las, „Grete Fillunger" hieß er, da suchte ich mir, wie man das manchmal tut, wenn das Gelesene einen starken Eindruck hinterläßt, ein Bild von dem zu machen, der es schrieb. Das Bild ist fast immer falsch; so falsch wie hier war es selten. Dieser Mann, dachte ich, muß ein Bauer sein, oder ein Bauernsohn, oder ein Schullehrer oben im hohen Vogelsberg, mit braunen Händen, mit genagelten Schuhen und mit einer Pfeife im Gesicht. Die erste Begegnung und Bekanntschaft — bei der ich im Stillen übe? meine mißratene Phantasie habe lächeln müssen — warf das alles auf einmal über den Haufen. Das Bild hat sich längst gründlich geändert. Ich weiß heute, daß hier weder von Nagelschuhen noch von wetterharten Fäusten die Rede jein kann, nicht einmal von der Pfeife; daß Bock weder auf einem Bauernhof wohnt, noch in einer kleinen, weltabgeschiedenen Schulstube das Abc an die Tafel schreibt; ... sondern daß dieser Dichter ein Weltmann und ein Philosoph ist, daß er, in einem alten und schönen Patrizierheim voller Kultur und Tradition zuhause, mit tiefer Liebe und außerordentlicher Begabung der Musik verschrieben ist und manchmal sagt: vielleicht hätte ich doch Musiker werden sollen, ... daß er ein großes und gastliches Haus macht, in welchem man immer interessante, geistreiche, welterfahrene, oft sehr berühmte Menschen kennenlernen kann; daß er aller Kunst, aller Weisheit und allen Rätseln der Welt fein Herz öffnen möchte, daß er, von Büchern und Bildern umgeben, weit Ö ist und vieler Menschen Städte gesehen hat, ... daß er Gustav ig und Wilhelm Raabe, ja selbst den alten Ibsen noch besucht hat, und daß er Goethes Werk den Katechismus und Wegweiser seines Lebens nennt ... , II. Doch auch diesem neuen, richtigeren und wirklicheren Bilde aus größerer Blicknahe fehlt mancher Zug und letzte Rundung, — wie könnte es anders fein. Selbst die persönliche, freundschaftliche Annäherung und Vertrautheit wird nicht jenes unbestimmbare, feinste Fluidum zu durchdringen vermögen, das die Persönlichkeit umgibt, jene leise letzte Fremdheit und Unberührbarkeit: nicht des berühmten Mannes — „berühmt" sind heute manche —, sondern eines bedeutenden Menschen. Immer bleibt ein kleines Geheimnis, ein großes Rätsel, eine unausgesprochene Frage oder eine lächelnde Verwunderung zurück. Wenn man diese Empfindungen auf Alfred Bock beziehen will, so kann man sie vielleicht am ehesten als die fast bei jeder neuen Begegnung sich wiederholende, tiefe Betroffenheit über die Wesensunterschiede zwischen dem Dichter und einem Werk umschreiben. Man kann sich oft kaum vorstellen, wie ein olcher Mensch ein solches Werk hatte schaffen können; die Spanne zwi- chen seiner Persönlichkeit und seinen Gestaltungen scheint fast unüberbrückbar — und dennoch sind beide, Mensch und Dichtung, echt, wahr, in ihrer Lebendigkeit bestätigt und beglaubigt, sind atmende, wirkende Natur beide, Schöpfer und Geschöpf. III. lieber das Werk nun als solches ein Wort vorzubringen, erscheint fast als Wagnis angesichts der Fülle dessen, was bereits darüber gesagt und seit langem anerkannt ist — gut, gründlich, genau und aus berufenem Munde. In der autobiographischen Skizze „Blick auf meinen Lebensweg" (die man in der vorliegenden Nummer abgedruckt findet) ist zu lesen: „Mit dem Wort „Heimatkunst" wird gar häufig Mißbrauch getrieben" ..., und Alfred Bock hat es allezeit (mit Recht) abgelehnt, als „Heimatdichter" im landläufigen, oberflächlichen Sinne eingeordnet und — unterschätzt zu werden; am ehesten hat er, und wir mit ihm, eine Formulierung seiner künstlerischen Natur gelten lassen, die der Franzose Buriot-Darsiles geprägt hat*): „le M6rim6e ou le Mau- passant hessois". Nun ist gewiß nicht zu bestreiten und durch die Verleihung des Staatspreises an Alfred Bock gewissermaßen auch amtlich besiegelt worden, daß er seit langem der repräsentativste Dichter des Hessenlandes ist, daß er dieses Land und seine Leute recht eigentlich in die Literatur eingeführt und ihnen ihren Platz in der Geschichte der deutschen Dichtung angewiesen hat. Niemand wird leugnen mögen, daß Vocks Romane und Novellen, bereit man sich heute in ganz Deutschland erinnert, dem Boden seiner hessischen Heimat tief verwurzelt sind. Er selbst hat bekannt: „Alle echte Kunst ist bodenständig". Immer waren und sind noch heute seine schlichten und unpathetischen Helden und Heldinnen hessische Bauern und Kleinbürger, und sie reden alle ihre kernige und saftige Muttersprache. Aber reiht man Roman an Roman, Erzählung an Erzählung, und läßt man ihre Gestalten auftreten allesamt als eine große Familie in Glück und Leid, in Feindschaft und Freundschaft, von der Schelmensonne beschienen und vom Schicksal ihres Lebens beschattet: die Pflastermeisterin und die Fillungerin, den Flurschütz und den Olemotz, den alten Bar- barino und den „Napoleon", die Oberwälder und die Pariser, den Meister Fabri und die Annekett, den Elmedritschel und den Füsilier Stolzenberger, die Gritt und die Lene, die Mimet und die Bartet und wie sie alle heißen ..., dann sieht man sie vor sich mit Haut und Haar, mit Kind und Kegel, in all ihrem „Brast" und all ihrer „Erwet", mit ihrem Päckchen auf dem Buckel und mit ihrem Schalk im Nacken, mit ihrem „Gebabbel" und ihrem „Geschneubel", mit ihrem Glauben und ihrem Aberglauben, mit ihren Liedern und ihren Redensarten, mit ihrem Fluchen und ihrem Gebet, mit ihren Tränen und ihrem Gelächter ... sie passieren Revue in langer buntscheckiger Reihe, und jeder sieht und hört und fühlt, daß das alles hessische Menschen sind; aber auch über Hessenland wölbt sich der Himmel der Welt, und der Dichter legte in einer Schilderung stets auf beides Wert und Gewicht, auf das Hef- Kunb auf das Menschliche; er sah in seiner kleinen Welt stets ld und Spiegel jener größeren, die uns alle mit ihren Gesetzen und unter ihren Gestirnen regiert. *) In einem ausgezeichneten Auffaß der „Revue de l'Enseigtie- ment des Langues Vivantes"; Heft 4, 1926. stehengeblieben und zurückgeblieben in einer Vergangenheit, die ihm Gesetz und Richtung seines Daseins gab, sondern er hat, mitlebend und mit- erlebend, Schritt gehalten mit den Jahren nachher, und er nennt unsere — der Jüngeren — Gegenwart auch die seine und bekennt sich zu ihr. Gern ist er von ihnen, den Jungen und Gegenwärtigen, umgeben, und es ist eine Freude, zu empfinden, wie er an allen ihren Sorgen und Nöten teilnimmt und an den vielfältigen Fragen und Problemen, die so ganz anders beschaffen sind als jene, die zu seiner Zeit die Gemüter bewegten. Ihm kann man alles vortragen, was irgend mit unserer Gegenwart geistig oder menschlich zusammenhängt; er wird auf alles eingehen, bereit zur Erörterung und Auseinandersetzung — nicht aus Nachsicht oder gesellschaftlicher Verbindlichkeit, sondern aus echter > Anteilnahme heraus, — weil er sich zu uns gehörig fühlt und zu den Dingen, die uns am Herzen liegen; deshalb geht er nicht nur auf alles J ein, was ein jüngeres Geschlecht ihm zuträgt, sondern er findet zu ihm ; immer wieder den Weg von sich selber, aus jung gebliebenem Herzen und Geist, voller Güte, voller Verständnis und niemals versagender Hilfsbereitschaft. — Das tiefste, innerste Wesensbild eines Menschen — und eines Künstlers zumal — wird immer auch zu den großen Geheimnissen der uns umgebenden Welt gehören, wie die mancherlei alten und überkommenen Menschheitsfragen, denen der Dichter selbst in stillen Stunden nachhängt, und die, wie er oft im Gespräch bemerkt hat, kein erschasfner Geist ergründen werde — allem Triumph und Fortschritt unserer aufgeklärten Zeit zum Trotz. So haben wir uns zu bescheiden, und wir sind uns wohl bewußt, wie sehr diese Zeilen, soweit sie um eine Würdigung bemüht waren, Versuch oder Andeutung bleiben müssen; was aber Gruß und Glückwunsch betrifft zur Vollendung dieser gesegneten sieben Jahrzehnte, so kommt beides aus freudigem Herzen, und wir sind gewiß, daß beides heute weithin im Hessenlande und darüber hinaus im ganzen Reich ein vielstimmiges Echo finden werde. Tagebuchblatt. Von Alfred Bock. Mit Goethe stehe ich auf, mit Goethe lege ich mich nieder. Einzig dem Studium seiner Werke verdanke ich jene innere Freiheit, die der Meister seinen Jüngern verheißt. Ich verstehe darunter eine ruhige, klare Welt- r, betrachtung, die bedingungslose Anerkennung der Schranken, die unserm Dasein gesteckt sind, den festen Willen, nicht nach Idealen zu trachten, die unerreichbar sind, das unablässige Bemühen, unsere Gesühle sich zu Fähigkeiten entwickeln zu lassen, endlich Wahrhaftigkeit gegen sich und andere, f kurz, jene starke Geistesgesundheit, jene vielbesprochene und doch so wenig verstandene Goethische Objektivität. Blick auf meinen Lebensweg. . Von Alfred B o ck*. Ich bin in Gießen, der Hauptstadt Oberhessens, geboren, wo meine Familie seit 150 Jahren ansässig ist. Ich besuchte das Gymnasium meiner Vaterstadt. Die Persönlichkeit der Lehrer war es, von der mein Interesse für die verschiedenen Unterrichtsgegenstände abhing. Wenn man der Schule in bezug auf die Charakterbildung eine größere, wirkende Kraft £ beimißt, muß man die Einschränkung gelten lassen: der Mensch entwickelt, was ihm angeboren ist; in seiner Gemütsart liegt sein Schicksal verankert. Alle Gefühls- und Willensakte hängen im letzten, tiefsten Grund von der 'i individuellen Bestimmtheit der Seele ab. Ich glaube, daß die Schule mancherlei helfen, doch nicht als entscheidender Faktor eingreifen kann. Wohl aber sind die Eindrücke, die das Kind in der häuslichen Umgebung empfängt, Fanale, die weit hinaus in sein Leben leuchten. Meine Eltern erzogen mich nicht in der Furcht, sie ehrten des Werdenden Eigenart und führten sein Streben so weit, bis es zu eignem Leben erwachte. Mein Vater war Klavierkünstler von bedeutender Meisterschaft. Daß das Musikalische mir im Geblüt liegt, verdanke ich ihm. Meiner Mutter war gegeben, eine Fülle von Daseinsfreude in sich zu erzeugen und ihre Umgebung damit zu beglücken. Sie dichtete; leicht flössen ihr die Verse zu. Sechzehnjährig schrieb sie in ihr AlbuM die Worte Schillers: „Ehe noch die Wahrheit ihr siegendes Licht in die Tiefen der Herzen sendet, sängt die Poesie ihre Strahlen auf, und die Gipfel der Menschen werden glänzen, wenn noch feuchte Nacht in den Tälern liegt." Mein Elternhaus war ein Sammelpunkt geistiger, insbesondere musikalischer Interessen. Gelehrte, Künstler gingen darin ein und aus. In solcher Atmosphäre ausgewachsen, muhten Eindrücke mannigfaltigster Art auf die Seele des Knaben wirken. Indem all die Menschen, die sich meinen Eltern verbunden fühlten, geneigt waren, mir Liebes und Gutes zu erweisen, mich zu belehren und zu fördern, begann etwas in mir zu schwingen, das mich über den Alltag hinaus auf eine goldene Ferne wies. An der hessischen Landes- universität studierte ich Philosophie und Literaturgeschichte. Meines Vaters Wunsch war, daß sein Sohn sich frühzeitig in der Welt umsehen sollte. So gab er mir schon in jungen Jahren die Mittel, die deutschen Lande zu bereisen. Mein erstes Versbüchlein in der Tasche, suchte ich Gustav Freytag auf, von dem beseligenden Gedanken erhoben, mich fortan ganz den Musen zu weihen. Gustav Freytag sah meine Gedichte durch und sprach: „Die Dame Lyrik ist sehr launisch, auch hat sie ihre hundertjährige Geschichte, und es ist sehr schwer, darin etwas Neues zu bringen. Was Sie jetzt schaffen, ist meist der Nachklang, die Nachwirkung irgendeiner Lektüre. Nach einigen Jahren lyrischen Herumwanderns werden Sie ohne festen Beruf der Unzufriedenheit verfallen. Erst der Beruf, der Sie mit dem Menschen und dem Leben zusammenbringt, kann Ihnen Festig- * Aus dem im Verlage der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stistung m Hamburg - Großborstel erschienenen Novellenbande „Schicksale und Schelme". Bocks Kunst, im Zeichen des europäischen Naturalismus geboren und großgeworden, hat sich im Laufe der Jahre stets weiter von den Grundprinzipien dieser einst mächtigen Strömung entfernt;.ihm war es nie um photographischen Abklatsch oder um den Fanatismus der Natur- treue zu tun, der vor lauter Wirklichkeit und Genauigkeit an der Oberfläche kleben bleibt und nur ein kühles Außenbild vermittelt; er sah — Wilhelm Busch zum Trotz — allezeit die Weste und das Herz; er vergaß über Kleid, Dialekt und Umwelt nie das Eigentliche und Innere, nie über den Ereignissen deren seelischen Ursprung und Antrieb. Und wenn er sagte: „Alle echte Kunst ist bodenständig", so setzte er sogleich hinzu: „Soll sie der Volksgesamtheit dienen, muh Weltgefühl in ihr lebendig sein." IV. Dieses Weltgefühl strahlen alle bedeutenden Dichtungen Alfred Bocks aus, und es rückt auch alle seine Gestalten und Ereignisse aus ihrem engen, bodenständigen Bezirk ins Allgemeine — er selbst würde vielleicht sagen: ins Kosmische, — und gibt ihnen so Maß und Wert, Beziehung und Rechtfertigung. Sein Weltgefühl ist im tiefsten Grunde ethisch, ist Glauben an eine sittliche Ordnung auf Erden, ist Güte, Versöhnlichkeit und, im goetheschen Sinne, Harmonie. „Wer meine Gestalten unbefangen betrachtet, dem kann es nicht entgehen, daß vom schlechtesten noch ein Steg zum Guten hinüberführt." Bock hat allezeit ja gesagt zu seinen Geschöpfen, er hat sie nicht besser und nicht schlimmer gemacht, als sie sind, und er ist auch keinem Konflikt und keiner Tragik aus dem Wege gegangen; aber er hat keinen Konflikt um seiner Wirkung willen, sondern aus Notwendigkeit gestaltet, und seine Tragik ist menschlich begründet und bestimmt vom Gesetz eines unverrückbaren Weltregimentes. Mir scheint sehr charakteristisch in diesem Zusammenhang ein unvergessenes Gespräch mit Alfred Bock in kleinem Kreise: es wurde ein aus dem täglichen Leben nächster Gegenwart gegriffener Konsliktsstoft (welcher dem Wesen und der künstlerischen Eigenart Bocks sehr fern liegen mußte) als literarisches Thema zur Diskussion gestellt; die möglichen Lösungen des Problems sollten erörtert werden. Wir waren da betroffen nicht sowohl von der pointierten Endgültigkeit und Rundung, von der literarischen Eleganz seines Vorschlages, als vielmehr von der Selbstverständlichkeit, mit welcher er eine durchaus harmonische Entwirrung und einen ganz versöhnlichen Ausklang sand, während den anderen nicht einmal von ferne die Möglichkeit eines „guten" Endes aufgetaucht war. V. Es hieße freilich Eulen nach Athen tragen, wollte man es hier unternehmen, noch einmal das Lebenswerk Alfred Bocks, wie es heute von uns liegt, vom ersten Gedichtbuch bis zum eben erschienenen No- vellenbande „Wege im Schatten", von der „Pflastermeisterin" und dem „Gymnasialdirektor" bis zu den jüngsten, noch unvollendeten Romanmanuskripten, Band für Band zu besprechen und zu werten. Wir haben versucht, das Werk in seiner Gesamtheit zu deuten und es aus seiner geistigen Einheit und seinen metaphysischen Wurzeln zu bestimmen. Auch über die dichterische Konzeption und den eigentümlichen Stil, in dem alle Bücher Alfred Bocks geschrieben sind, ist kaum ein Wort zu verlieren. Es sei denn dies: daß seine Schöpfung nie aus dem heute so glatt und geschäftig gewordenen Literaturbetrieb erwächst, nie aus der Eitelkeit und der Sucht des „Arrivierten", alljährlich im Herbst oder zu Weihnachten eine Neuerscheinung „auf den Markt zu werfen". Bock hat es weder nötig noch ist er leichtfertig genug, seinen künstlerischen Ruf durch falsch verstandene Aktualitäten, durch Halbfertiges, Unausgereiftes oder Ueberflüffiges in Mißkredit zu bringen. Und er laßt sich auch — was andere oft ihr ganzes Leben lang nicht lernen — auf keinerlei Experimente mit sich selber ein; in der landschaftlichen ober thematischen Begrenzung seiner Stoffe und seines Motivkreises liegt zugleich seine Stärke und Sicherheit, auch sein äußerer Erfolg beschlossen; Bock weiß ebenso genau, was er kann, was vielleicht außer ihm niemand kann, wie er instinktiv alles ablehnt, was ihm nicht liegt ober was ihm mißlingen könnte; bas klingt sehr simpel und selbstverständlich, aber es gibt so viele Beispiele für gegenteilige Fälle, baß es vielleicht erlaubt ist, einmal barauf hinzuweifen. Sprache unb Stil entsprechen ber oben angebeuteten künstlerischen Gesamtentwicklung. Bocks Stil ist aus ber Anschauung geboren, aus bem lebenbigen Bild von Mensch und Ding. Dabei hat er nie die Vollständigkeitswut ober bie (oft lächerlich wirkende) Priizisionsmanie einer überholten naturalistischen Schule; er begnügt sich mit Beispiel und Andeutung; er kann ber Restlosigkeit in ber Schilderung entraten, weil sie Treffsicherheit besitzt. Unb außerdem soll, wie er selber gesagt hat, ber Phantasie bes Lesers noch etwas zu gestalten übrigbleiben. Er arbeitet nicht langsam, oft überraschend schnell, stets aber mit einer wachen Bebachtsamkeit, bie nichts Ungeglättetes aus ber Werkstatt entläßt. Jeber Satz ist mit einem sehr empfindlichen Gefühl auf feine rhythmische Gültigkeit geprüft, ehe er gutgeheißen wird. So entsteht dieser ungemein prägnante, knappe Stil, die ganz unverwechselbare Diktion seiner Erzählungen, die kräftige, anschauliche und volkstümliche Sprache, deren Schöpfer, nach Luthers weiser Regel, der Mutter int Hause und dem gemeinen Mann auf dem Markte aufs Maul gesehen hat. — VI. Jenes Gespräch, an das wir uns vorhin erinnerten, scheint auch für einen anderen Wesenszug des Dichters sehr bezeichnend und beispielhaft zu fein, dessen man gerade heute, zum 70. Geburtstage, gedenken sollte: für die immer wieder überraschende Jugendlichkeit nämlich, die sich ber Dichter bis zur Stunde bewahrt hat; sie scheint sich am vornehmsten zu bestimmen in allen, oft ganz impulsiven Steuerungen seines stets wachen, ledhasten, anregenden und angeregten Geistes. Alfred Bock ist, obwohl weltanschaulich und generationenmäßig tief in der Zeit vor dem Kriege wurzelnd, unb in biefer Zeit auch zu seiner eigentlichen menschlichen und künstlerischen Wesensform herangereift, nicht Sie dreiß schrei Bei i mit verlo feit i dem weni doch Prof niede das! Leich es kr komn werd in m Stab Er stand den mein ich d schen bas J V Dilet zu ti lerisä stelle, senke zum aus. Bem Jene I fteim die L Wol! Scha sich i fern wie daß Und schaf Dich Wel Aug nach So war dem jetzt 3eig: Gen Kun ab ! das teil und Stetigkeit geben. Aus dem Leben heraus sollen Sie schildern, aus dem Kreis, der Ihnen naheliegt und vertraut ist. Goethe war Jurist. So wenig er sich aus der Jurisprudenz gemacht haben mag, so hat sie ihn doch befähigt, die Geschäfte des Ministers sachkundig zu leiten. Schillers Professur zeigte ihm die Wohltat einer geregelten Tätigkeit. Daß er sie niederlegte, war nur die Folge seiner ungenügenden Vorbereitung für das Dozentenamt. Nehmen Sie Walter Scott, der mit einer unglaublichen Leichtigkeit produzierte. Er war Advokat. Denken Sie an Byron, der von seinem ungestümen lyrischen Empfinden hin und her geworfen wurde. Sie werden finden, seinen Gestalten fehlt der Charakter, das feste Gepräge, ohne das ein vollendetes Kunstwerk unmöglich ist. Ich felbst war dreißig Jahre alt und hatte meinen Privatdozenten hinter mir, als ich zu schreiben anfing. Ich hatte einen intimen Freund, der Kaufmann war. Bei ihm lernte ich Handel und Wucher kennen. Dann beschäftigte ich mich mit der Landwirtschaft, und darauf schrieb ich „Soll und Haben". „Die verlorene Handschrift" ist unmittelbar aus meinen Beziehungen zu Höfen hervorgegangen. Die Universität kannte ich, alles war erlebt'und wurde verarbeitet. Ich wiederhole, es ist gleichgültig, ob Sie Beamter find, Kaufmann oder Landwirt — einen Beruf müssen Sie haben. Ich sage sogar, es kräftigt das Talent, wenn es mit dem nüchternen Leben in Berührung kommt. Und wenn Sie das Gefühl haben, etwas Eigenartiges zu leisten, werden Sie von selbst zur Produktion gedrängt." Ich schrieb die bedeutsamen Worte Gustav Freytags gedächtnistreu nieder und habe sie wohl beherzigt: das bunte, drängende, stürmende Leben hat das Schöpferische in mir geweckt. An einem schwülen Sommerabend wanderte ich, daß Weichbild der Stadt Gießen hinter mir lassend, durch kühle Forsten der ehemaligen Deutschordenskommende Schiffenberg zu. Ein Bauer gesellte sich zu mir. Er erzählte mir die unglückliche Ehegeschichte einer älteren Frau in seinem Dorf, die einen jungen Pflastergesellen geheiratet hatte. Plötzlich stand wie eine Vision meine „Pslastermeisterin" vor mir. Ich schrieb dann den Roman in wenigen Monaten nieder. Von jenem Tag an begann meine Kunst im Boden des Hessenlandes Wurzel zu fassen. Hier konnte ich die Harmonie meiner Kräfte finden, Wesen und Schicksal der Menschen gestalten. Das Volk verstehen und lieben lernen, schien mir fortan das Höchste. Mit dem Wort „Heimatkunst" wird gar häufig Mißbrauch getrieben. Dilettanten, die Gebräuche und Sitten ihrer Heimat sammeln, treten als „Heimatdichter" auf. Alle echte Kunst ist bodenständig. Soll sie der Volksgesamtheit dienen, muß Weltgefühl in ihr lebendig sein. Immer, wenn ich schreibe, ist es mir nicht um besondere Spannung zu tun, sondern um Klarheit der Motive und Anschaulichkeit, um künstlerische Objektivität. Ich möchte, daß die Menschen, die ich auf den Plan stelle, leibhaft vor dem Leser stehen. In ihre Charaktere mich zu versenken, gilt mir als höchstes Gebot. Wer meine Gestalten unbefangen betrachtet, dem kann es nicht entgehen, daß vom Schlechtesten noch ein Steg zum Guten hinüberführt. Gegen übermäßige Breite der Darstellung sträubt sich mein künstlerisches Gefühl. Der nachschasfenden Phantasie des Lesers soll etwas überlassen bleiben. Die Beschäftigung mit dem Metaphysischen füllt mir viele Stunden aus. Die Worte William James': „Die Welt unseres gegenwärtigen Bewußtseins ist nur eine von vielen existierenden Bewuhtseinswelten. Jene anderen Welten müssen Erfahrungen enthalten, die auch für unser Leben von Bedeutung sind", diese Worte sind die Orgeltöne meines Glaubensregisters. In meiner Vaterstadt war's, daß ich bei finkendem Tag über die alte steinerne Lahnbrücke schritt. Im Westen, hinter glühenden Kuppen, ging die Sone zur Rüste. Auf dem Strom spielten gelbrote Lichter. Eine dunkle Wolke schob sich vor. Donner rollte. Den Talgrund überflogen bleigraue Schatten. Die Feuer auf den Höhen erloschen. Mit einem Male öffnete sich die schwarze Schicht, eine Welle schillernden Purpurs brach hervor; fern von rosigem Blau überwölkt, erschien ein traumhaft schönes Gefild wie das biblische Land der Verheißung. Hunderte und aber Hunderte hosteten auf der Brücke an mir vorüber, schwatzend, lärmend oder in sich gekehrt, nur einer war stehengeblieben, ein alter Mann mit verwittertem Gesicht und ^erarbeiteten Händen, andachtsvoll in den Anblick des flammenden Himmels versunken. Ich wußte nicht, wer der Alte war, aber ich fühlte, daß er zu mir gehörte, daß er der Natur etwas ablauschen wollte, daß er hinter der Flucht der Erscheinungen sehnsüchtig das Ewige suchte. Und da ich weiterschritt, grüßte meine Seele ihn: „Mein Weggenosse, mein Bruder!" Alfred Bock in seinem Heim. Von Dr. Else Hoppe, Braunschweig. In langer Fahrt von Niedersachsen nach Gießen; die wechselnde Landschaft ist Sinnbild des wechselnden Menschenschlages. Der Freund und Dichter steht auf dem Bahnsteig. Stattlich und elegant, ein Mann von Welt. Der Mund ist der eines Lebemannes, will es. scheinen. Aber das Auge, das so schelmisch lachen kann im Gespräch, ist meistens traurig und nach innen gekehrt. Und die Hände sind die des Künstlers, die Klavierhände des Musikers. Immer erst verführt uns gesellschaftliche Gewöhnung und Scheu, die wesentlicheren seelischen Bezirke zu betreten, anfangs zur Konversation. So kommen wir an den Garte». In ihm liegt das Haus. Stille. Alt- ererbter Besitz. Der Großvater schuf ihn, der Kaufmann. Der Sohn schon war mehr Künstler. Der Enkel ist es ganz. Aber Wirklichkeitssinn blieb dein Geschlecht; der Besitz wurde durch alle Generationen erhalten, und letzt verwaltet ihn der Urenkel des Gründers. Der Dichter, der ihn mir 3eigt, tut es mit Selbstverständlichkeit. Und doch mit einer ganz kleinen Geniertheit; denn immer noch steckt da ein geheimer Widerspruch zwischen Kunst und Brot, zwischen Geist und Besitz. So rückt Alfred Bock etwas ab von den schönen Dingen, an denen er zwar seine Freude hat; aber bas Künstlerische hat bas' Materielle immer bei ihm in den Hintergrund gedrängt. Die goldgerahmten Gemälde, wertvolle Niederländer und Fa- wilienporträts, und die schönen alten Möbel stammen von den Eltern und Großeltern. Rot herrscht vor. Gibt Wärme und tiefen Glanz. Dabei ist Platz und Bewegungsfreiheit für viele, too sind die Gesellschaftsräume. Vergangener Stil, Schönheit und gepflegte Kultur. Sie rufen nach eleganten Menschen, nach ästhetischen Tees und spielerischem Gespräch. Dah sie das moderne Leben in sich einlassen, das ist dem jetzigen Herrn dieser Werte zu danken, der sich wie ein Liebhaber im Museum unter ihnen bewegt. Nur wenn er in diesen weiten und schönen Räumen am Flügel sitzt, ist er von eigentlicher Gelöstheit. Fülle, Rundheit, glänzende Pracht des Klanges entströmt seinem Spiel. Kein Grübler wühlt hier in Tönen wie im Chaos der komischen Unbegreiflichkeiten, aber ein wesenhaft musikalischer Mensch mit unmittelbarer Hingabe an den Rausch der Melodie und die absolute Schönheit des Tons wirkt mächtig sich aus. Das Antlitz des Spielenden ist verschlossen gegen die Welt, aber die Seele hat sich aufgetan. So gelöst ist er nicht einmal in den Dichterstübchen des oberen Stocks, in die er einen schnell entführt. Sie haben heimliche schräge Wände und niedrige Decken. Bücher, Bücher, Bücher, auf Tischen und an den Wänden in langen Regalen. Besonders in der Bibliothek nebenan. Neuerscheinungen und Besprechungsexemplare in endloser Zahl — das ist der Zusammenhang dieser stillen Stube mit der Gegenwart. Unter den Werken der Vergangenheit beherrschend Goethe — das ist die Liebe eines Lebens und die Verwurzelung in der geistigen Tradition eines Volkes. Im Mittelpunkt des Zimmers der Schreibtisch mit dem Blick ins Freie über Dächer und auf den beliebten Baum, dessen mit den Jahreszeiten wechselnde Erscheinung von größter Stimmungsbedeutung für den Dichter ist, da fein Blick tagaus tagcin auf ihm ruht. An den Wänden die Bilder befreundeter Menschen; berühmte Männer und schöne Frauen. Ein köstlicher heimlicher Fleck zu in sich versunkener Arbeit und auch zu freundschaftlichem Gespräch. So gesprächig Alfred Vock [ein kann, es bleibt das Gefühl, daß er sich nicht ganz gibt. Er horcht auf die anderen, beobachtet, erkennt freudig an und ist vor allem der wissenschaftlichen Leistung gegenüber von einer aufrichtigen Bewunderung. Aber irgendwie ist er den Singen entrückt, so sehr er am Gespräch beteiligt scheint. Ost habe ich darüber nachgedacht, wieso dieser Mann, der ein so gepflegtes und kulturnahes Leben führt, mit Wissenschaft und Literatur so engen Zusammenhang hält, es liebt, weltmännisch in geistiger Gesellschaft zu verkehre», der Dichter des Volkes geworden ist. Es schien, als wäre ein Bruch in der Persönlichkeit zu befürchten. Aber nun ich diesen Rest von Fremdheit in feinem Gebaren beobachte, sehe ich sie plötzlich gänzlich schwinden und völliger Gelöstheit weichen; das geschieht, als er aus der geladenen Gesellschaft und ihrem klugen Gespräch eilig sich entfernt, um dafür zu sorgen, daß eine zu Besuch gekommene frühere Köchin und ihre Kinder ordentlich mit Kaffee und Kuchen versorgt werden. Da gab sich eine Natur einfach und offen, ohne Hemmung und intellektuelle Wenoung. Denn so viel Bewunderung und Interesse er für de» geistigen Menschen hegt, den er gern in feiner Nähe sieht, die Liebe hängt an der gewachsenen Natur, wie sie als hessischer Volkstypus in feinem Werk künstlerisches Leben gewann. Dieser Mensch ist empfinbfam genug, an vielem zu leiden. Aber nichts hat ihn verbittern können. Das gütige Verstehen des wahrhaft Weifen entkleidet alles persönliche Leid seiner Härten und hebt es in die Region des menschlich Allgemeinen. Das ist die Hilfe, die sein Gespräch der Jugend bedeutet. Denn der ungewöhnlich spannkräftige Siebzigjährige liebt es, mit Jugend zusammen zu fein. Er hat nicht die eitle Manier derer, die durch den Zusammenhang mit einer jüngeren Generation dartun wollen, daß sie noch nicht überholt sind. Dazu ruht er zu sicher im eigenen Wesen, wäre auch zu klug und zu stolz. Er paßt ganz einfach zur Jugend, weil er für sich viel von dem bereits hat, was mir am Typus des Gegenwartsmenschen für erstrebenswert halten: die Weite der Toleranz des von der Relativität alles Geschehens durchdrungenen Weisen und die Wahrhaftigkeit des sich nicht hinter verschleiernde Illusionen und enge Vorurteile verkriechenden Tapferen. Bei aller egozentrischen Haltung des Künstlermenschen hilft Alfred Bock gern, fragt schonend, rät gut und versagt auch nicht, wenn es aufs Handeln ankommt. Der Sohn ist um einen Vater zu beneiden, der sich aufs gutmütigste von ihm necken läßt, um nur achselzuckend zu quittieren: „Das ist die neue Generation". Ernsthaft steckt hinter dieser Freundschaft für die Jüngeren die Achtung eines in leichteren Zeiten ausgewachsenen Mannes vor der Generation derer zwischen dreißig und vierzig, die recht eigentlich bas nationale Unglück ausbaben muß: mit ihrem Leben einst im Krieg, mit ber letzten Kraft ihrer Nerven und ihres Arbeitsvermögens jetzt und in Zukunft. So viel Gerechtigkeit vllein schon muß die Jungen zu ihm ziehen, denn darin sind sie wahrlich nicht verwöhnt. Ich habe Alfred Bock oft erlebt als Mittelpunkt ber Gesellschaft, in echt hessischer Gesprächigkeit bie bezaubernden Anekdoten aus seinem Leben erzählend, in denen Dichtung und Wahrheit gerade noch durchsichtig gemischt sind, in ein wenig selbstironisierender Haltung und doch auch in vollem Genuß des eigenen Erzählertalents. In feinem Haus als Gastgeber tritt er zurück und bringt geschickt den Gast zur Geltung, Liebenswürdigkeit der Gesinnung und Kultur des gesellschaftlichen Umgangs in solcher chandlungsweise verneinend. Denn nicht der bekannte Dichter ist es, der sich in seinem schönen Hause zur Schau stellt. Aber ein vornehmer Herr, ber außerdem von gütigem Wesen und freiem Geist ist, ber sogar unversehens abzugleiten vermag in bie überroältigenbe Darstellung seines Wesens durch die Musik, empfängt Besuch. Wer von ihm geht, ist seltsam beglückt durch die Art der Behandlung, die ihm zuteil wurde. Und wenn er’s sich recht überlegt, was ihm in diesem Heim eines Dichters zum Erlebnis wurde, so ist es diese Verleugnung des bekannten Namens in der Rolle des kultivierten Gastgebers und des anteilnehmenden Freunde». Und außerdem der tiefe Eindruck, den dieses Kulturzentrum in einer kleinen Stadt auf einen ausübt. Noch braucht man die kleinen Stäbti nicht zu Heben, wenn man Alfreb Bock unb fein Gießen verläßt. Aber man wirb gelernt haben, daß ber, ber zu geben hat, in jeber Umgebung Inseln geistiger Werte um sich zu schassen vermag. Oie Spulerin. Von Alfred Bock. Die nachfolgende Erzählung ist dem bei der Deutschen Landbuchhandlung, Berlin SW 11, soeben erschienenen Novellenbande „Wege im Schatten" entnommen. I. Der Werkmeister Gutermuth erstattete seinem Herrn, dem Fabrikbesitzer Valentin Dörner, in dessen Geschäftszimmer über die Wartung der Webstühle Bericht. Vor kurzem war man zum elektrischen Antrieb übergegangen. Die Webstühle konnten nun ohne Verluste, die bei Transmissionen unvermeidlich waren, mit einer großen Tourenzahl laufen. Schon jetzt erkannte man, daß die Anschaffung der Motoren sich auf die Dauer bezahlt machen würde. Die Websäle hatten nach Einführung der elektrischen Kraft ein helleres, freundlicheres Ansehen gewonnen. Die Arbeiter aber, die nicht mehr einzeln, sondern zu zweit einen Stuhl bedienten, klapperten, wie der Werkmeister sich ausdrückte, unaufhörlich Klagelieder. Aus dem einfachen Grund, weil, sie bei dem neuen Verfahren weniger verdienten. ,,3d) habe mit meinem Neffen gesprochen," sagte der Fabrikherr, „die Leute werden Zuschläge erhalten." Der Werkmeister hob den Kopf. „Dann wird ein anderer Wind in den Websälen wehen, und der Vorteil, Herr Dörner, ist auf Ihrer Seite!" „Sie wissen wohl, Gutermuth, ich habe noch nie mit den Löhnen geknausert. Mein Grundsatz ist: Leben und leben lassen. Wenn jeder nur seine Pflicht tun wollte. Ich habe heute früh im Vordersaal festgestellt, daß Oeltropfen auf die Stoffbahnen fielen. Das ist skandalös! Ich kann Ihnen den Vorwurf nicht ersparen: es fehlt im Betrieb an der nötigen Reinlichkeit!" „Ich predige den Frauenzimmern Tag für Tag," verteidigte sich der Werkmeister, „daß sie die Reibflächen sauber halten und nicht zu stark ölen. Ihre Zungen sind länger als ihre Hände. Eher hat der Rhein kein Wasser, als daß sie nicht eine Ausrede finden." „Sie haben die Aufsicht", fuhr Dörner heraus. „Niemand wird Ihnen die Augen verbinden. Ich muß Sie für eine peinlich sorgsame Ueberwachung der Webstühle verantwortlich machen!" Gutermuth schaute zur Seite, als fühlte er den stechenden Blick seines Herrn. Er steckte den Wischer ein. Nach einer Weile hob er an: „Die Spulerin Feldbusch steht vor der Tür. Sie will den Herrn Dörner sprechen." „Was hat sie?" fragte der Fabrikant. „Das ist eine sonderbare Geschichte. Zwei Jahre ist ihr der Bäcker- gesell Dotzauer nachgestiegen. Sie hat ihn abgestrichen. Der Mensch war ganz durcheinander, ist in seiner Kümmernis nach Amerika ausgewandert. Nun fing sie eine Liebschaft mit dem Handschuhmacher Wollrab an. Das war einer von der unrechten Sorte und mächtig scharf. Ihr Verstand hatte Feiertage. Es dauerte nicht lang, und sie ging mit einem Kind. Eh' das geboren war, hatte sich der Wollrab aus dem Staub gemacht. Sie saß dann mit ihrem Bankert da. Der Dotzauer aber, den sie hatte durchplumpen lassen, schrieb ihr aus Neuyork, er könnte sie nicht vergessen; sie lüg' ihm alsfort im Sinn. Sie schrieb ihm wieder, rückte mit allem, was sie pexierj hatte, frei heraus. Er antwortete, seine Liebe hielte den Puff aus, sie sollte mit ihrem Bübchen zu ihm kommen. Er stochert in Amerika nicht im Nebel herum, er schiebt nach wie vor seine Brote in den Ofen und hat reichlich zu leben. Das Geld für die Ueber- fahrt hat er gleich mitgeschickt. Jetzt läuft die Feldbusch auf Kohlen, sieht aus wie eine Katze im Donnerwetter. Sie war schon zweimal in meiner Wohnung. In so einer Sache ist nicht leicht zu raten. Die gehört vor einen Gescheiteren wie ich einer bin. „Bitten Sie unseren Herrn um seinen Rat", hab' ich ihr gesagt. „Der weiß, wo die Zäume hängen!" „Den besten Rat muß sie bei sich selber suchen", versetzte Dörner mit verstecktem Selbstgefühl. „Immerhin, rufen Sie das Mädchen herein!" Der Werkmeister entfernte sich. Gleich darauf trat die Spulerin in das Zimmer, eine blaßwangige Blondine, um deren Augen tiefe Schatten lagerten. Der Fabrikherr, dessen Miene bekundete, daß er nicht viel Federlesens machen würde, richtete an seine Arbeiterin das Wort. „Wie lang Sind Sie in unserm Betrieb?" „Fünf Jahre", antwortete sie leise. „Ihre Mutter ist die Nähfrau Feldbufch in der Mainzer Gasse. „Jawohl." „Bei der sind Sie?" „Ja." „Auch ihr Kind?" Sie senkte den Blick. „Auch mein Bübchen." „Der Werkmeister hat mir alles erzählt. Sind Sie sicher, daß Ihr alter Verehrer es ehrlich mit Ihnen meint?" Sie schlang die Hände ineinander. „Ja, das glaub' ich." „Und er verdient in Neuyork so viel, daß er eine Familie ernähren kann?" „Seinen Briefen nach, ja." „Dann wär's eine große Torheit von Ihnen, wenn Sie nicht Ihre Siebenfachen packten und mit Ihrem Frühbirnchen nach Amerika gingen." Sie holte tief Atem. „Ich häng' als noch am Vater von meinem Kind", preßte sie hervor. Der Fabrikherr reckte den Kopf steif aus dem Nacken. „An dem Garstvogel hängen Sie noch, der feine Vaterpflicht abge- fchoben und sich abscheulich gegen Sie benommen hat? Bringen Sie nicht so ausgetüftelte Schrullen aufs Tapet, wo Ihnen der Zucker in den Kessel fällt. Merken Sie sich ein für allemal: was nicht mit Vernunft geschieht, hat keinen Bestand in der Welt." In ihren Augen standen Tränen. „Meine Mutier sagt ja auch, ich sollt' den Dotzauer nehmen. Ich setz' den Fall, wir werden drüben kopuliert, den Wollrab, wenn er sich auch durch die Aest' gemacht hat, hab' ich ewig.gern!" „Sie haben gehört, wie ich über die Sache denke", sagte der Fabrikherr rauh, „Gefühlsduseleien auszupacken, ist hier wirklich nicht der Ort." „Großen Dank, Herr Dörner, lispelte sie und ging. Der Fabrikant, ein hoher Vierziger mit stark gewölbter Stirn ünd ein wenig gebogener Nase, nahm fein Kalkulatiansbuch zur Hand, legte es aber bald beifeite und stützte nachdenkfam das volle Kinn auf die fleischigen Finger. Das Leben warf mit Komödien um sich wie der Schmied mit Funken. Einen Garstvogel hatte er eben den Verführer der kleinen Spulerin genannt. Vor zwanzig Jahren, wenn er der Wahrheit die Ehre geben wollte, hatte er selbst zu dieser Gilde gezählt. Freilich war er mit der Lina Schlinkmann im Badergäßchen glimpflicher umgegangen wie der Handschuhmacher mit der Spulerin. Auf den Rat seines Vaters, dem er Farbe bekannte, zahlte er dem Mädchen fünftausend Mark. Damit kam seine Liebesgeschichte zu Ende. Der Haarkünstler Wiffler heiratete die Lina Schlinkmann und bewährte sich als guter Ehemann. Begegnete Dörner der ehemaligen Freundin, erwiderte sie feinen Gruß mit großer Höflichkeit. Sie hatte ein Trüppchen Kinder, dessenungeachtet sah sie noch merkwürdig frisch, fast konnte man sagen, mädchenhaft aus. Dörner zog die Oberlippe breit, lächelte wie jemand, der mit Behagen an ein angenehmes, wenn auch weit zurückliegendes Erlebnis denkt. So eine alte Liebe rostete nicht, mochte sie zwanzig Jahre im Schornstein hängen. Die Fabrikfchelle schrillte. Es war Mittag. Alsbald stellten die Motoren ihr Surren ein. Auf den Flurgängen trällerten Arbeiter und Arbeiterinnen hin und her. Einige, die vom Land in die Fabrik kamen, begaben sich in den Speiseraum. Die meisten gingen in die nahe Stadt, das Mittagbrot bei ihren Angehörigen zu verzehren. Auch der Fabrikherr machte Schicht. — Nach der Unterredung mit ihrem Brotherrn hatte Hermine Feldbusch, die Spulerin, sich noch lange bedacht, wie sie ihr künftiges Leben ein- richten sollte. Endlich faßte sie den Entschluß, dem Rufe ihres Verehrers und Freiers, des Bäckers Dotzauer in Neuyork, zu folgen. Der Kaufmann Rombach am Markt, der sich neben feinem Kolonialwarengeschäft als Agent für Auswanderer betätigte, verschaffte ihr die nötigen Unterlagen, vor allem die Einreiseerlaubnis in die Vereinigten Staaten. Der Tag, an dem Hermine Feldbusch mit ihrem Bübchen in Bremerhaven an Bord gehen sollte, war festgesetzt. Eines Abends lud sie die Spulerinnen aus der Weberei Valentin Dorners, die im selben Saal mit ihr schafften, zu einer Abfchiedsfeier in die Wohnung ihrer Mutter. Aus der Nachbarschaft fand sich der Bäcker Gimborn ein, bei dem Dotzauer sieben Jahre den Teig geknetet hatte. Hermine Feldbusch setzte ihren Gästen Kaffee und Kuchen vor, danach ein Glas Lagerbier. In der elften Stunde kam der alte Wingeroth, der im Häuschen der Nähfrau zwei Stuben innehatte. Er war Siebziger, aber von einer erstaunlichen Rüstigkeit. Fragte man ihn, wodurch er sich so jung erhalten, antwortete er: „Durch Bewegung, Ruhe und Mäßigkeit. Macht rnir's nach, und ihr werdet so alt wie Methusalem!" Sohn eines städtischen Beamten, hatte er in Marburg Philologie studiert, war dann, ohne ein Examen bestanden oder den Doktorgrad erworben zu haben, nach Amerika ausgewandert, wo er an deutschen Schulen unterrichtete. Während des Weltkriegs kehrte er völlig abgebrannt nach Deutschland zurück und gab in seinem Heimatstädtchen Nachhilfestunden. Sein Versuch, eine Reihe von Vorträgen über „Pioniere des Deutschtums in Amerika" zu halten, scheiterte an »der Gleichgültigkeit der Bürgerschaft. Er führte ein stilles, .einsiedlerisches Leben. Als ihm der Drogenhändler Offergeld einmal scherzhaft vorhielt: „Herr Wingeroth, man sieht Sie in keinem Wirthaus, Sie spielen keinen Skat, Sie sind nicht normal!", erwiderte er gelassen: „Das stimmt, ich denke, Sie erlauben mir, daß ich in meinem Hirnkasten bleibe." Hermine Feldbusch, für die er eine Vorliebe hatte, deren Bübchen fein Hätschelhans war, eine kleine Abschiedsrede zu halten, betrachtete er als feine Pflicht. Es dauerte denn auch nicht lange, da klopfte er an fein Glas, neigte den kräftigen Kopf mit dem straffen weißen Haar ein wenig vor und sprach: „In wenigen Tagen, liebe Hermine, werden Sie mit Dampsesmacht das Meer durchpflügen. Die Treue des guten Dotzauer leuchtet wie ein himmlisches Licht über das große Wasser. Erwartung auf ein üppiges Leben treibt Sie, die fleißige Arbeiterin, nicht von uns fort. Was «sie suchen, ist Glück und Zufriedenheit an der Seite eines braven Mannes. Ich will von Dotzauer eine Geschichte erzählen, die für feine Gemütsart bezeichnend ist. Er hatte von der verstorbenen Witwe Schüßler, die sich auf Krücken stützte und mit bitteren Sorgen quälte, eine Truhe im Stil des achtzehnten Jahrhunderts gekauft. Die schaffte er in feine Stube. Wie er sie öffnete und säuberte, entdeckte er unter allerlei Plunder einen schön gebundenen alten Folianten. Obwohl er keinen Augenblick im Zweifel war, daß Frau Schüßler das Alleinrecht darauf hatte, brachte er mir, ehe er es zurückgab, das Buch. Ich erkannte sogleich, daß es sehr wertvoll war. Mit Zustimmung der Frau Schüßler verkaufte ich es an einen Antiquar in Frankfurt. Der zahlte so viel, daß die arme Witfrau mit dem Betrag ihre rückständige Miete decken konnte. Ich sehe noch das strahlende Gesicht des guten Dotzauer vor mir. Er war so vergnügt, als hätte er selbst das große Los gewonnen. Sie dürfen rnir’s glauben, liebe Hermine, Sie bekommen einen prächtigen Mann. Ich behaupte keineswegs, daß Sie als Ehefrau mit dem Pantoffel knarren. Die Gewißheit haben Sie, Sie können Ihren Ehegnoffen an einem Zwirnsfaden leiten. Eins leg’ ich Ihnen ans Herz: Ihr Junge mag drüben feine natürlichen Anlagen entwickeln, mag dem Land, das ihn aufnimmt, treulich dienen. Ihre Mutterpflicht ist: halten Sie den deutschen Sinn in ihm wach. Liebe Hermine, meine Wünsche für Sie wollen hoch hinaus. Dreimal Heil und glückliche Fahrt!" (Schluß folgt) Verantwortlich: Dr. Hans Thhrtvt — Druck und Verlag: Drühl'sche AniversitSts-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, «Dietzen.