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Johanniskäfer nachts in Parkgebüschen glimmen, siehe: dann wandelt vor dem Spiegel sich dein Bild. Die Augen werden größer und ganz blank, das Haar ist trocken, warm und knistert leis, dein Mund ist wie in Wein getaucht und heiß, dein Blut geht fiebrig und ist doch nicht krank. Das macht: du stehst in Wolken von Jasmin und weißt: bald werden sie das Korn verladen am Rhein, im Harz, in Franken, im Tessin ... dich aber wird des Sommers blauer Baldachin mir Wärme, Glanz und Fruchtbarkeit begnaden. Süden und Norden. Von Wilhelm H a u s e n st e i n. Mit der elektrischen Bahn, die von Bozen nach Oberbozen und Klobenstein hinaufsährt, kommt man in einer guten Stunde mitten aus dem Süden mitten in den Norden. Durchgefroren von einem allzu nördlichen Frühjahr, das seiner spottete, hatte ich eine wahre Sucht nach Hitze. Ich fuhr, die Arbeit im Koffer, über den Brenner und wurde zufrieden zwischen Zedern, Zypressen und Palmen, zwischen Reben und Mandelbäumen, im Anblick kreidegrüner Agaven und rosengelb blühender Kakteen, die an der roten Porphyrwand hinter meinem Hotel hinauf gedeihen wie das anspruchslose Unkraut. Die Hitze nahm ich in mich, wo überall sie war: auf Feldwegen mittags zwischen Steinmäuerchen, auf der von Porphyrmehl staubigen Straße, die hinter den rasenden Autos trocken aufdampft, auf jenen sanften Promenaden mit rotem Sand, die gegen Süden, Westen, Osten, nur nicht gegen Norden gerichtet sind. So wurde ich zufrieden, so bin ich es noch, und so werde ich, wenn Gott will, noch eine Weile froh sein. Nicht etwa Ueberdruß an einer Glut, die sich um mich schloß, wie ein heißer und weicher Arm, gab mir den Gedanken ein, nach Klobenstein auszusahren. Absichtslos tat ich es, ja ohne einen Gedanken: es gehörte zur natürlichen Ausdehnung dieser Landschaft. Doch da geschah mir etwas Sonderbares; etwas, auf das ich nicht gefaßt war und das mir um so tieferen Eindruck machte. Es klingt gelesen vielleicht nicht merkwürdig und wichtig; aber ich muß versichern, daß die Auffahrt jenes Nachmittags mir selbst zu den wesentlichsten Erfahrungen gehört, die ich gemacht habe, und daß ich des Erlebnisses mit eigentümlicher Treue eingedenk bin. Zwar ist es für mich nicht einmal ein neues Erlebnis gewesen: wohl Dutzende von Malen habe ich es gehabt. Auch mangelte dem Erlebnis alle Heftigkeit; es war ein stilles Erlebnis, eins von den ereignislosen, und hatte keine Betonung. Allein während zwei Wochen wohltätigen Daseins im Süden, in einem sehr bestimmten, mit voller Tatsächlichkeit ausgerüsteten Süden hatte ich vergessen, daß man das Erlebnis haben kann, von dem ich erzählen will, und daß es also auch mir wohl wieder bevorstand; und am Ende ist die Wirkung von Erfahrungen nicht immer dann am stärksten, wenn die Erfahrungen grell sind; es gibt ruhige Erlebnisse, die mehr ausmachen als ein von Leidenschaft bewegtes Drama. Der Wagen fuhr sehr langsam bergan, und so hatte ich Zeit, mir eine zwar leise, sehr leise, aber ausführliche Rechenschaft zu geben. Es ging zuerst durch Weinberge, zwischen denen hin und wieder schlank, dicht und dunkel Zypressen aufstachen. Vor gekalkten Winzer- häufern von antiken einfachem Schnitt standen Oleander, die einen betäubenden Geruch wie von Vanille ins offene Wagenfenster sandten, und der Geruch war warm. In Bauerngärten standen viele blühende Blumen: große Sterne und Kelche und Bäusche von tiefer, entschiedener und deutlicher Farbigkeit und samtigem oder seidigem Ansehen. Der Staub, so fiel mir mit einem Male auf, hatte aufgehort. Zypressen, die drunten im Tal von unten bis oben dick bestäubt waren — hier waren sie rein: Ihr schwarzes Grün hatte seine reine Tiefe. Der Staub war fort; und so war ein Element des Südens fort, des Südens, ja, zu dessen Wesen die lagernde Dichtigkeit des Staubs gehört, die gipstge Patina des Staubs ... . . Und gar: der standfeste Süden fing zu wanken an — er selbst, im einzelnen und ganzen! Die alten romanischen Bergkirchen, deren schönste Schönheit ihr einfach-lotrechtes Stehen ist, schienen plötzlich bergwärts geneigt; meinem Auge standen sie schief, wie aus dem Lot sinkend — lauter schiefe Türme von Pisa, bereit, langsam zu fallen. Und das u.al m der Tiefe, das Tal um Eijack und Etsch begann, aus der Wagerechten zu weichen; die weiten Flächen hoben sich, lagen breit geneigt oder standen breit aufwärts. Ich wußte: es war die Täuschung meiner Augen, meines von der schrägen Rittnerbahn wie von einem Karussell verwirrten Gefühls. Jedoch es mutete symbolisch an — so ungefähr, als set der Süden selbst im Begriff, aus den Senkrechten, den Wagerechten und den Fugen zu taumeln ... Und dafür stand nun mit zunehmender Gewißheit der Norden auf. Dies waren schon die letzten Maronenbäume; über den schlanken, gezackten und blanken Blättern blühten sie noch in langen weißen Raupenblüten; im Juli taten sie es, als wäre Mai! Wir waren schon hoch. Das Grüne ringsumher wurde Heller und Heller; schier ein wenig blaß — im Vergleich mit den schwergrünen Tinten der Tiefe drunten. Keine Zypressen und Zedern mehr; der Stil eines Camposanto, der von diesen dunkelgrünen, ja trauerschwarzen Bäumen allem Süden gegeben wird, war versunken. Eichen fingen an, am Bahnsaum zu stehen, Buchen auch mit salatgrünem Laub, Birken mit silberweißen Stämmen, wahre Bäume des Nordens, und Lärchen mit dem mildgrünen Flor ihrer weichnadeligen, ein wenig sentimentalen Zweige! Und dies war wohl das rechte Wort: die Landschaft, vorhin schwarz oder brünett, wurde blond; die heroische Sinnlichkeit des südlichen Tales war in der süßeren Sinnlichkeit dieser blonden Höhen vergessen. Ich selbst, sonst ein Liebhaber des Dunklen, wurde mit einem Male ein Liebhaber des Blonden, das minder feierlich ist, aber duftiger und zärtlicher ... Nur eins betrübte mich: daß nun auch keine Reben mehr da waren; denn mehr als alle Landschaft entzückt mich der Anblick von Rebbergen und Weinäckern. Kiefern kamen, und schon waren sie zwerghaft klein. Sie rochen nach der Wärme des harzigen Holzes und der öligen Nadeln. Welch ein Staunen aber darüber, daß es auf einmal wieder Wiesen gab — Wiesen, Helle Wiesen und Kornfelder dazwischen und darumherl Di« Getreidegründe standen in verschiedenen Graden der Reife, je nach Saat und Gattung: tiefgoldgelb die einen, andere falb, fast sandfarben, einige noch fahl bläulichgrün mit champagnerfarbenem Schimmern, kaum von erster Reife angegilbt. Hin und wieder standen im schnittreifen Korn rüstige Tiroler Bauernmädchen mit hochglühenden Backen unter den weißen Kopftüchern und schoben große Stücke Schwarzbrot in den Mund und tranken aus Blechflaschen oder banden Garben. Auf der Schattenseite lag am Abhang ein Roggenfeld, das eben sich anließ, reif zu werden. Leichte blaue und rote Flecke waren wie hineingewischt mit Kornblume und Mohn. Es waren verwehte Flecke ohne Stoff und Umriß — und auch daran begriff ich wieder etwas vom Norden. Denn wie der Süden in der gleichsam mechanischen Schärfe der Konturen und in der gewichtigen Gestalt der Farben besteht, so regt sich nördliche Landschaft unendlich im atmosphärischen Fluß der Umrisse. Der Süden hat die Kraft der Form und der Entschiedenheit der Farbe. Der Norden hat den Zauber des Tons, und Form und Farbe scheinen darin zu vergehen wie im Grenzenlosen. Jenes Kornfeld mit Kornblumen und Mohn war wie eine Malerei des Renoir. Und eines stimmte sich zum andern. Der purpurblaue Himmel des Etschtales war nicht mehr, nun war der Himmel lavendelblau; er war der süße, duftige Himmel des Nordens mit Blaßblau, Lila und Silber. Ich war oben. Wiesen gab es jetzt auch um meine Sohlen und unter ihnen: Wiesen mit veilchenfarbenen Glockenblumen, mit goldgelber Arnika, mit dottergelbem Hahnenfuß, mit weißem Kälberkraute und weißen, auch violettroten Kleeblüten. O diese Kleeblüten, die nach Honig riechen: ihre" zarte Unscheinbarkeit, köstliches Gleichnis des Nordens, hätte mich bald zu Tränen gebracht. Im Föhrenwald war es kühl, gar gegen Norden. Es roch kräftig nach dem harzigen Schweiß der Bäume. Ich witterte Heimat, meinte die Wälder meines Schwarzwaldes zu riechen. Ich lag am Hang, sah vor mir den Schlern; den breiten Rücken, den steilen Sturz umspielten rosa und fliederfarben die Halbtöne der Lust. Ich dachte heimwärts, an den Feldberg, an die Vogesen. Freilich stand der Schlern mit seinem steilen Aufstieg und der breiten, flachen Plattform ein wenig exotisch da; er war ein absurder Dolomit, und auch die porphyrroten Erdpyramiden des Ritten waren wunderlich gewesen. Aber die lateinischen Kirchen hatten aufgehört, und statt ihrer drehten sich mit der barocken Willkür und Absonderlichkeit des Nordens jetzt bizarre Turmzwiebeln in die Luft, ochsenblutrot vor dem feinen Lilablau des Himmels, bizarr auch sie mit ihrem Barock, aber so sehr vertraut dem Auge und dem Herzen seit Jahrzehnten, wie ich es gar nicht aussprechen kann. Gröblich würde ich lügen, wenn ich verleugnen wollte, daß ich die Würfel der lateinischen Landkirchen, die primitiv geschlossenen Kegel und Pyramiden ihrer Glockentürme und die Zedern und Palmen, die Zypressen und die Magnolien mit den anbetungswürdigen weißen Riesenblüten, die nach Zitrone und Tuberose riechen — daß ich alle diese schweren, festen und klaren Schönheiten liebe, so sehr ich lieben kann; daß ich die Rebberge liebe, die jetzt blau oxidiert sind mit Vitriol, und daß ich den roten Porphyr, der Agaven und Kakteen trägt, mit ~ ' ■ F ' meiner stillsten, aller dichtesten Begeisterung umhege. Aber auch gröblich müßte ich lügen, wollte ich verleugnen, daß mir der Ausflug alpenwärts, nordwärts mitten durchs Herz ging. Den Norden, der mich geboren hat, trage ich zuunterst im Blut, und gegen den Süden kann ich ihn so wenig austauschen, wie ich mein Blut austauschen kann oder möchte; und ich weiß, daß ich jetzt im Süden so ruhig leben kann, weil es dahinten den erregten und erregenden Norden gibt. Ich würde den Süden, den ich liebe, an dem Tag nicht mehr ertragen, an dem es den Norden nicht mehr gäbe; er brächte mich zur Berzweiflung. Der Schwarze vom Luch. Von Th. v. W i l d u n g e n. Herrlich, wenn man hinausziehen kann, um sich in seinem Revier die frischgefegten Rehböcke nnzuschauen. Früher ging zwar die Jagd auf den Bock schon mit dem 1. Mai auf, der weidgerechte Jäger aber weiß, daß es in dem Lenzmonat noch nicht die rechte Zeit ist, einen guten Bock auf die Decke zu legen. Das Gehörn, namentlich bei den alten, kapitalen Burschen, ist noch nicht so blank gefegt, wie es sich gehört; die Spitzen müssen erst gelblich-weiß glänzen wie altes Elsenbein. Die Böcke haben auch noch nicht vollständig verfärbt. Im Mai lernt man seinen Rehstand wieder kennen, beobachtet die Wechsel und macht sich den „Urian" fest, den man frühestens Ende Mai oder Anfang Juni weib- werken will. In einem prachtvollen Revier, drüben im polnischen Wald, ging ich seit Jahren einem sehr starken Bock nach. In einer etwa 30jährigen, großen Eichenschonung und darin ein ausgedehntes Moorluch mit Erlen- ftockausschlag, Binsenkaupen und Sumpfporst, teilweise noch so, daß man darin versinken konnte, war jagdlich ein Dorado und gerade dort hatte der „Kapitale" seinen Stand. Regelmäßigen Wechsel hielt der alte Geselle nicht; Sommer und Winter, dunkler im Haar als das andere Rehwild, hatte er schon im vergangenen Jahr ein vollständig graues „Geäse" und mußte auch heuer ein knuffig starkes, zurückgesetztes Gehörn tragen. Bei der vorjährigen Pirsche hatte ich den „griefen" Burschen nur zweimal sozusagen schemenhaft gesichtet, so daß an Schießen gar nicht zu denken war. Ganz außerordentlich heimlich, trat er erst aus, wenn man Korn und Kimme nicht mehr zusammenbringen konnte; versuchte man es auf der Frühpirsch, dann war er lange schon bevor das Frühlicht ein« setzte, zu Holze gezogen. Die Waldarbeiter sahen ihn zu ganz unmöglichen Zeiten, mittags, wenn sie von der Arbeit kamen, oder am lichten Nachmittag zu ihrer Kafseepause. Er hieß allgemein wegen seiner dunklen Haarfärbung kurzweg nur der „Schwarze". Auch heute zieht es mich wieder hinaus in den Busch nach dem düsteren Luch, wo der Schwarze auch in diesem Jahre geht. Seine mir wohlbekannte, breite Fährte hatte ich dort bereits gespurt. Das Wetter ist besonders günstig, in den frühen Nachmittagsstunden war das erste Frühlingsgewitter niedergegangen. Die Luft ist so würzig rein, daß ich die Wegstunde bis zur Reviergrenze gerne zu Fuß mache. Besonders freut Jid) darüber mein brauner, deutscher, kurzhaariger Nimrod; er will sich viel lieber einmal in den Feldern zu beiden Seiten der Straße auslaufen als hinter dem Fahrrade hertraben. Nimrod hat ausgezeichneten Appell, darum darf ich es wagen, ihn auf die Pirsche mitzunehmen. Mit wohligem Behagen empfängt mich der kühlende Schatten des Buchenwaldes. Ich lade meinen Drilling, auf einen Wink geht Nimrod hinter mich, und nun wandere ich einen einsamen Pirschpfad entlang. Welch bunte Pracht hat hier die wärmende Frühlingsfonne hervorgezaubert! Der Lenz hat die schönsten Farben von seiner Palette gemischt und auf dem schwellend grünen Waldfries hat er seine liebsten Kinder in duftigen Kleidchen von weißer, blauer, gelber, roter und lila schimmernder Farbe gemalt. Eben höre ich die ersten Kuckucksrufe erschallen. Laut und kräftig balzt der alte, liebe Frühlingsbote, und, ein wenig abergläubisch rote alle Weidmänner, klopfe ich auf meine Geldtasche, um mir dadurch, wie der Volksaberglaube annimmt, zu ständigem, klingendem Inhalt für das laufende Jahr zu verhelfen. Ueberall ist munteres Leben im Busch. Ein schwarzes Eichhörnchen schwingt sich über den grüngoldenen Schirm einer Schwarzkiefer und zeigt seine raffinierten Kletterkünste. Ein großer Buntspecht arbeitet an einer Buche, kokett leuchtet sein rotes Käppchen und emsig ist er bemüht, sich seine Abendmahlzeit zu- sammenzuklopfen. Drüben am Rande einer Fichtenschonung leuchtet eine Schleedornhecke mit grünlichweißen Blütenwellen. Weiterhin beleben den schwarzgrünen Waldrand blendend weiß geputzte, gertenschlanke Birkenstämme. Sie prunken mit ihren lichten Frühlingskleidern und lassen ihre grünseidenen Sck)ärpen in der lauen Luft wehen. Wie eigenartig zierlich die zarten lichtgrünen Nadelbüschelchen der Lärchenbäume. Die Wacholderbüsche treiben junggrüne Spitzen, die Nadelhölzer stecken frische Blütenkerzen auf. Die Amsel läutet ihr Abendlied, die Frösche stimmen die Kehlen für die nächtliche Frühlingskantate. Ueberall in Wald und Feld frisches Grün, zauberhaftes Knospen und Blühen, ein heimliches Raunen und Flüstern, ein jauchzendes Leben und Lieben von tausend Freuden und heimlicher Lust. Welche Macht ist von Gott dem Frühling in die schaffenden Hände gelegt, die dieses gigantische Wunderwerk in wenigen Sonnentagen hervorgezaubert haben. Das Herz des denkenden Menschen wird beim Empfinden und Durchleben dieser einzigartigen Frühlingsschönheiten so frisch und frei, beseligt und froh und immer wieder aufs neue jung. Die Sonne sinkt, und wie ein Symbol machtvoller ewiger Urkraft taucht der rotglühende Feuerball in das Reich der Vergessenheit. Abendliches Leuchten geht über die grün und braun getönte Waldwiese; zwei Rehe äsen vertraut darauf, doch ein Blick durch mein gutes Pirschglas sagt mir, daß dort nur ein junger Springinsfeld, ein Knopfspießer und eine alte Ricke vorübergehend Freundschaft geschlossen haben. Versunken in soviel Naturschönheit fällt mein Blick auf de» braven Nimrod. Ich nickte ihm zu: „Gelt, Alter, du mahnst, an das Weidwerk zu denken!" Als ob er mich versteht, bewegt er freudig die stummelartig toupierte Rute und folgt mir, ebenso vorsichtig pirschend wie ich, nach dem düsteren Luch. An einer entwurzelten Erle, hinter zwei hohen Wacholderbüschen, schneide ich mir meinen Ansitz zurecht und Nimrod rollt sich hinter mir zusammen. In Frieden liegt der Wald. Der Spottvogel singt; es wird merklich kühler, das samtene Schwarzblau der Nacht zieht herauf. Da höre ich leises Brechen eines kleinen, trockenen Zweigleins und gleich banad) sehe ich, wie sich der schwarzbraune Kop eines Rehes mit grauem ©ring und zwei spielenden „Gehören" durch den mannshohen Stockausschlag schiebt. Er windet scharf nad) allen Seiten, doch ich habe meinen Platz mit gutem Winde gewählt, gaff atemlos verharre ich, rühre nicht das Auge im Kopfe, der Bock ist nut etwa 60 Schritte von mir entfernt. Jetzt erkenne ich den Kapitalen, — Donnerwetter, ist das ein Kerl! Auffallend schwarz im Haar, dicke schwarze Stangen zwischen den Gehören, nicht sehr hoch, aber ungewöhnlich stark und knuffig. Kein Zweifel, es ist der „Schwarze". Der Beck äst langsam ziehend von mir fort, ich muß mich mit dem Schießen beeilen. Lange Anschlagübungen könnte der „Schwarze" Übelnehmen und mit blitzartigem Verschwinden quittieren. Das Büchsenlicht wird schwächer, grabe zeigt mir der Bock das volle Blatt. Ich reiße den längst gestochenen Drilling hoch, und im nächsten Augenblick gellt der peitschenartige Knall von meinem Kugelschuß durch den nächtlichen Wald. Ich habe durch das Feuer gesehen, wie der kapitale Bock mit einer hohen Flucht auf den Schuß gezeichnet hat. Er hat die Kugel und kann nicht weit vorn Anschuß liegen. In aller Ruhe labe ich meinen Drilling roieber, stecke mir eine Zigarre an unb gehe auf ben Anschuß. Hier sinde id) reichlich hellroten, blasigen Lungenschweiß, ber mir sagt, baß die Kugel da fitzt, wo sie Men soll. Trotz schlechten Lichtes folge ich der Schweißspur unb nur enba 30 Schritt vorn Anschuß finbe id) bas Ziel meiner Sehnsucht. Da liegt er bereits vollkommen verendet, der „Schwarze". Mein erster Griff gilt dem Gehörn unb bieser Augenblick bes Erkennens einer wirklich kapitalen Jagbtrophäe entschäbigt mich in vollstem Maße für bie feit Jahren aufgemenbete Mühe Am Raube ber Eichenschonung breche ich ben „Schwarzen" auf, verpacke bie Leber als bas Recht bes Schützen zwischen Eichenlaub in einem Lebersäckchen, ber Bock aber wirb im Rucksack verstaut. Dann stecke ich ben wohlverbienten Eichenbruch an meinen Hut unb trete srohgenuit mit bem treuen Nirnrob an meiner Seite ben Heimweg an. Verschollene Opern. Lebendige Klange — tote Texte. Von Dr. Anton Mayer. Toscanini, der weltberühmte Dirigent der Mailänder Scaia, brachte mit dem Ensemble und dem Orchester des italienischen Opernhauses während der Berliner Festspielwochen einige musikdramatische Werke zu Gehör; unter diesen befand sich, neben allgemein bekannten Stücken wie „Troubadour", auch Donizettis „Lucia di Sammer* moor", eine einstmals außerordentlich berühmte Oper, die auf unserem Repertoir feit Jahrzehnten nicht mehr erschienen und fo gut wie verschollen ist. Wenn mid) mein Gedächtnis nicht trügt, so ist sie Mitte der neunziger Jahre bei Kroll anläßlich eines Gastspiels Marcella Sembrichs ober einer ähnlichen Gesangsgröße zum letzten Mal gegeben worden. Es war sehr interessant, ihre Wirkung zu erproben: denn das Urteil des Publikums hat sich selten einem Komponisten gegenüber derart gewandelt wie in bezug auf den erst allgemein bis zur Ekstase vergötterten, dann als „Dudelsack-Donizetti" verachteten Neapolitaner, dessen komische Opern, ber burch Caruso roieber bekannt gewordene Liebestrank", der bezaubernde „Don Pasquale" und die etwas banal französierende „Regimentstochter" immer wieder auf dem Spielplan zu finden sind. Lustspiele sind vergänglicher als ernste Dramen; mit dem Musikwerk verhält es sich umgekehrt. Komische Opern Aubers, Rossinis, Boildieus, Lortzings und anderer älterer unb neuerer Tonsetzer leben noch zum großen Teil ober erscheinen wenigstens ab unb zu auf bem Repertoir, währenb bie ernsten ober gar tragischen Werke ber klassischen unb romantischen Epoche bis auf einige zeitlose Meisterleistungen — Mozart, Beethoven, Weber — so gut wie völlig verschollen sinb. Die Erscheinung ist aus be.n fast stets unmöglichen, nur noch unfreiwillig komisch wirkenben Texten zu erklären; bazu kommt, bah auch in musikalischer Hinsicht bie Komponisten, vor allem auch die begabtesten Italiener, bie schaurigsten Szenen, bie tragischsten Momente in einen Koloraturgeschmückten, luftig hüpfenben Dreiachteltakt zu hüllen pflegen, besten liebenswürdige Melodie man am liebsten behaglich lächelnd mitfummen möchte, während auf der Bühne Väter ihre Töchter vergiften, grausame Nebenbuhler den edlen Liebhaber mit dem hohen C den greulichsten Foltern (nicht nur musikalischen) unterziehen ober holde Mäbchenblumen an gebrochenem Herzen sterben — grabe bas letzte tief« beklagenswerte Geschehnis pflegt, noch bei Verdi, unter den heitersten Walzermelodien vor sich zu gehen. Irrsinn und Verbrechen beherrschen die Bühne, Verschwörer-Flüsterchöre, eine besondere berüchtigte Eigentümlichkeit der alten großen Oper, erzählen in zischendem Pianissimo die indiskretesten Dinge über verruchte Anschläge auf sonst allgemein beliebte Fürsten und Statthalter, die gewöhnlich ein vorn links hinter einer Seitenkulisse stehender „Getreuer" voller Entsetzen mit anhört, aber, anstatt durch sofortige Meldung das Unheil abzuwehren, es vorzieht, einen effektvollen Kontrapunkt zu dem verräterischen Gebaren des Chores zu fingen — denn die ultima ratio tenoristischen Geschehens ist nicht die Logik, sondern ein paar wirksame hohe Töne, die, heldenhaft mit Bruststimme geschmettert ober vergehen!) mit Kopfstimme gesäuselt, ihren Einbruck auf bie Sentiments der Zuhörerschaft niemals verfehlen. Die Musik solcher Schauermären muß schon ganz ungewöhnlich gut sein, wenn bas betreffenbe Werk fick) halten sollwie z. B. bie Komposition bes „Troubabour", besten bestehenbe Weltgeltung ein Beweis für die Genialität seiner Vertonung ist, ba bie Hanblung gerabezu ein Musterbeispiel für bie Häufung unverstänblicher Gräßlichkeiten ist, unb noch niemanb begriffen hat, welches Kinb nun eigentlich gestohlen unb nicht verbrannt, ober verbrannt unb nicht gestohlen ist, ober in welch lästerlichem Verhältnis wahrsagenbe Zigeunerinnen mit tiefer Altstimme zu solch unglücklichen Geschöpfen zu stehen pflegen. Verdis Opus ist reich an ganz verschollenen Opern; die immer stek- aende Beliebtheit, deren sich der größte italienische Meister, einer der aa,n Großen aller Musikgeschichte, erfreut, hat in den letzten Jahren jen Kreis der aufgeführten Werke vergrößert. Trotzdem gibt es noch eine Menge Opern von feiner Hand, die heute völlig verges en sind, wie 2 B. „I Lombardi alla prima Crociata" („Die Lombarden aus dem ersten Kreuzzug"), deren Titel mehr an eine Doktordissertation als an eine Oper erinnert. Das Werk ist, wie man so sagt, eine wilde Sache; der Held bringt aus Versehen hinter der Szene seinen Vater um, nachdem sehr undurchsichtige und augenscheinlich auch unerfreuliche Familienverhältnisse unklar geblieben sind; plötzlich findet sich die ganze Gesellschaft in Palästina wieder — warum? „Keine Ahnung", sagt der Baron im „Nachtasyl". Dann ist auch Kreuzzug, ein Eremit tritt auf, den natürlich "das Publkum sofort als den verkleideten Helden erkennt, während alle auf der Bühne Beschäftigten mit Blind- und Blödheit geschlagen sind .. • Zuletzt wird dann gestorben — kurz, es ist höchst erquicklich. Typisch für die Art des jungen Verdi ist die Tatsache, daß eine Arie der zur Nonne gewordenen Sopranistin aus den „Lombardi", in der sie ihren gläubigen Gefühlen Ausdruck verleiht, später als — Liebeslied in die Oper „Ernani" übernommen worden ist: da es sich um ein höchst fidel-burschikoses Allegrostück handelt, patzt es für die Braut des Räuberhauptmannes auch ganz gut — aber für eine fromme Tochter des Himmels? Der manchmal sehr witzige Wiener Kritiker H a n s l i ck, der in den siebziger und achtziger Jahren eine große Rolle spielte, referiert, daß in Italien ein Männerchor „von ausgesuchter Gemeinheit Popularität erlangt" habe; wir werden also an diesem Werk ebenso wenig verlieren, wie an Verdis Oper „Stiffelio", die, in Deutschland spielend, einen Helden mit Namen Müller („Müller! O mio Müller!" singt die Geliebte — tatsächlich) und einen Jüngling enthält, der „il Klopstock" in der Hand haltend, auftritt und vermutlich den „Messias" vortragen will. Immerhin ist es'zu bedauern, wenn eine ganze Kategorie von Werken einfach ausgelöscht und unzugänglich gemacht wird, da bei der außerordentlichen Erfindungsgabe der Italiener sich auch in Rossinis, Verdis, Donizettis und gar Bellinis verschollenen Opern eine Menge der schönsten Melodien sinden, deren kostbares Gut gerade in unserer an wirklicher, nicht Kitsch- oder konstruierter Melodie bettelarmen Zeit nicht achtlos beiseite geworfen werden sollte. Von der gesamten, völlig unübersehbaren Oprenproduktion des 17. und 18. Jahrhunderts ist so gut wie nichts übrig geblieben — einige Arien Monteverdis, Alessandro Scarlattis, Paisiellos und weniger anderer Komponisten hört man im Konzertsaal. Auch hier ist es die Banalität und Konventionalität der immer wieder komponierten, klassisch-mythologischen Texte (Orpheus", „Aeneas", „Scipio", „Iphigenie" usw.) trotz ihren manchmal sehr schönen lyrischen Arientexten — Metastasio, der Hauptautor ihrer Lebretti, war in der Tat ein bedeutender Beherrscher des Wortes — die einer Wiederbelebung im Wege stehen; musikalisch sind viele dieser Werke von außerordentlichem Reichtum, wie z. B. Marcantonio C e st i s „La Dori" oder Giovanni Legrenzis „Eteocle Polinice", um nur aufs Gratewohl ein paar Werke zu nennen. Auch hier liegen noch eine Menge ungehobener Schätze und warten auf ihre Entdeckung, die allerdings nicht immer leicht ist, da eine große Anzahl der Barockopern nur für eine Saison berechnet waren (welch moderner „Betrieb" im Venedig des 17. Jahrhunderts!) und niemals gedruckt worden sind, so daß sie nur in Handschriften der Bibliotheken oder Archive vorliegen. Der Konsum an Musikdramen war außerordentlich; in Venedig spielten acht Operntheater abendlich, und zwar mit gutem Kassenrapport! Einige leider heutzutage verschollene Opern gibt es, deren schleunige Wiederaufnahme in das Repertoir Ehrenpflicht der großen Theater fein müßte; zu ihnen gehört in erster Linie Mozarts „Jdomeneo", ein herrliches Werk und als erster großer Wurf des genialsten aller Musiker von außerordentlicher Bedeutung. Aber auch neuere und sogar moderne Opern sollten einer unverdienten Vergessenheit entrissen werden; ich nenne nur T h u i l l e s bedeutenden „Lobetanz", W u r m - fers entzückende Pantomime „Der verlorene Sohn", Humperdincks graziöse und musikalisch sehr wertvolle Komödie „Die Heirat wider Willen" und S ch i l l i n g s' lebensvollen, witzigen und melodienreichen „Pfeifertag" — mögen sich unsere musikalischen Bühnen ihrer erbarmen! Mutter Schulzen. Erzählung von Ewald Gerhard S e e l i g e r. (Nachdruck verboten.) So arg wie die Hexe im Psesferkuchenhäuschen sah sie nicht aus. Klein von Statur, den Rücken gekrümmt, die Augen rotgerändert, zwei bedeutende Warzen im Gesicht, die eine unterhalb des rechten Mundwinkels, die andre mitten aus der Stirn, diese in schwarzen, jene in grauen Härlein ausstrahlend, die braune lederartige Haut voller Risse und Runzeln, wie ein Gletscher, der über ein paar Hügel kriecht, die hakenförmige Nase scharf nach unten gezogen; das gab ein Bild, weder verlockend noch anziehend. Wer aber besser zusah und tiefer schürfte, mußte bald einsehen, daß Mutter Schulzen gar nicht anders aussehen konnte. Um diese körperlichen Eigenheiten schloß sich ihre Kleidung als würdiger Rahmen. Der glockenförmige Rock hatte längst die erste Jubelfeier hinter sich, Flicken saß an Flicken von den abenteuerlichsten Farben und Formen: hing er des Abends zum Trocknen am Ofen, sah er aus, wie eine Wandkarte vom alten Deutschland. Auf der Schürze überwog her Flächeninhalt der Löcher den des noch vorhandenen Stoffes fast 'mmer um die Hälfte. Die formlose Jacke, die ihr um den schmächtigen "w schlotterte, verriet nur aus einer ganz bestimmten Entfernung und unter einem ganz bestimmten Beleuchtungs- und Beobachtungswinkel etnen leisen Schimmer des gelbgrünen quadratischen Musters, das in vergangenen Jahren ihr Stolz gewesen war. Mutter Schulzens Leder- nhuhe kamen nur bei sehr feierlichen Gelegenheiten ans Tageslicht. In der Stube schlich sie auf Strümpfen, deren Löcher sie mit groben Seinem fegen zuflickte; auf der Schwelle aber standen stets ein Paar gewichtig? Holzlatschen, mit denen sie im Kuhstall und im Freien herumpaniofselte. Das Merkwürdigste aber war ihr wollenes Kopftuch. Das freundliche Hellblau seiner Jugend hatte sich unter der Witterung allmählich in ein schmutziges Aschgrau verwandelt. Kein Mensch hatte es jemals anderswo als auf Mutter Schulzens Frisur gesehen. Dicht an die niedrige Stirn schloß es sich, fiel mit langem Zipfel bis auf den Rücken und wurde unter dem spitzen Kinn zusammengehalten durch einen starken Knoten, dessen beide Enden ihr wehmütig auf die Busengegend zu- baumelten. An diesem Kopftuch zupfte die Neugier der Dörfler schon jahrelang herum, doch es wich nicht von seinem Platze. Daß Mutter Schulzen damit zu Bett ging, stand historisch fest. Aber den Grund dafür, daß sie an schrecklichem Ohrreißen litte, wollte ihr niemand abnehmen. Die schöne Nachrede, daß Mutter Schulzen einen Kahlkopf hätte, wurde bald darauf durch einige grauweiße Haarschwänzchen, die unter dem Rückenzipfel bervorzüngelien, als elende Verleumdung gebrandmarkt. Dann wurde der Verdacht laut, sie wolle ihren Kamm schonen, was immerhin möglich schien, denn Mutter Schulzen liebte die Sparsamkeit fo sehr wie sie die übertriebene Reinlichkeit verabscheute. Als sich mit den Jahren die Anzeichen mehrten, daß Mutter Schulzen geizig sei, da baute man aus das unschuldige Kopstüchlein die kühnsten Behauptungen. Eine ihrer Gevatterinnen, die sich mit ihr entzweit hatte, war sogar bombenfest davon überzeugt, daß Mutter Schulzen jeden Sonntagmorgen die Feder- fetzchen, die sich die Woche über in dem geheimnisvollen Tüchlein gegangen hatten, sorgsam zusammenlas und einzeln ins Kopskissen wieder hineinbesörderte, aus dem sie entschlüpst waren. Mutter Schulzen kümmerte sich nicht darum. In ihr eignes Leben lieh sie sich von niemand hineinreden. Sie arbeitete und schuftete Woche ein und Woche aus, Winter und Sommer mit gleicher Ausdauer und Rührigkeit. Trotz ihres Alters waren ihre Bewegungen rasch und zu- sahrend, manchmal hatten sie geradezu etwas Rattenhaftes an sich. Darin .unterschied sie sich von der behaglichen und schwerfälligen Art ihrer Nachbarn. In ihrer unermüdlichen Betriebsamkeit und Betätigungswut lebte sich ihr unruhiges Zigeunerblut aus, mit dem sie einer ihrer Vor- sahren, ein dunkler Ehrenmann, beglückt hatte, und das sich schon in der merkwürdigen Form ihres Gesichts, besonders ihrer Nase anmeldete. Verbittert vom Leben und verschlossen, vermochte sie nur nach zwei Seiten hin ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Wurde sie gereizt, dann zog sie alle Schleusen, und wie ein Wolkenbruch schlug es über dem Unglücklichen zusammen, der ihr gerade in den Wurf kam. Bedauerte sie jemand, dann ergoß sich ein Strom zustimmender Wehklagen durch das Lückengehege ihrer Zähne. War sie allein, so konnte sie stundenlang murmelnd und brummend vor sich hin schelten. Und sie hatte auch wirklich genügend Grund dazu. Jeden Groschen, den sie auf die hohe Kante legte, nahm „Fernand", ihr Mann und Vater ihres einzigen Jungen, von dort herunter und wechselte ihn in der Schenke gegen „Korn mit Rum" ein. Fernand war ein nachgiebiger Mensch, nur in diesem einen Punkte war er widerspenstig und hartnäckig. Er muhte trinken, weil er sich in her Nüchternheit die Welt nicht zusammenreimen konnte. Im Rausch gelang es ihm bis auf seine Frau, die wollte auch dort hinein nicht passen. Deshalb trank er auch manchmal bis zur Besinnungslosigkeit. Ohne die Flasche wäre er ein musterhafter Staatsbürger und Familienvater gewesen, denn vor der Arbeit hatte er sich noch nie gefürchtet. Mutter Schulzen sah sich's eine Weile an, dann schritt sie mit gewohnter Energie dagegen ein. Fernand, den das Feuerwasser immer sehr weichmütig und fügsam stimmte, mußte sich in der nahgelegenen Stadt in einer Fabrik Arbeit suchen. Da er nur Nachtschicht bekam, verschlief er den Tag und trat seiner Frau nicht mehr unter die Augen. Sein Bild von der Welt wurde dadurch bedeutend geklärt. Er verdiente mehr Geld. Auch vermittelte ihm die neue Umgebung immer wieder neue und tiefere Widersprüche des Lebens, die er durch eingehendere Versenkung in die Flasche zu ergründen strebte. Hatte er einmal eine freie Nacht, so verschlief er sie nicht, um nicht aus der Ordnung zu kommen, sondern beschäftigte sich bis zum Morgen mit seinen geistigen Problemen. Er verlor die Haare, wurde schnell alt, setzte Fett an und sand die Harmonie der Welt in einem leichten Tod. Mutter Schulzen weinte nicht, die Trennungsschmerzen hatte sie schon vor Jahren überwunden, sondern wirtschaftete mit Fleiß und Emsigkeit weiter in Stall und Garten und Feld. Sie blieb mit ihrem Gottlieb allein, der sich bei seines Vaters Begräbnis die erste Hofe zerrissen hatte. Mit einer immer feuchten Stumpfnase und zwei wasserblauen Aeuglein beschaute er sich fröhlich die Welt, mit deren Ergründung sich sein Vater ein ganzes Leben geplagt hatte. Konnte Fernand, der Vater, immer trinken, konnte Gottlieb, der Sohn, immerfort essen, und bei Mutter Schulzens sehr sparsamer Haushaltung gedieh sein Appetit immer prächtiger. Bald lernte er über Zäune und auf Bäume klettern, wobei er feine zweite Hose zerriß. Dafür bekam er zum Abendbrot nur eine hölzerne Bohnenstange zu schmecken, die Mutter Schulzen als erstes und hauptsächlichstes Erziehungsmittel hinter dem Ofen handgerecht aufbewahrte. Gottlieb mußte darauf wegen Hofenmangels drei Tage lang das Bett hüten, was feine Laune nicht im geringsten beschädigte. Ein Siegen« bocksell von ansehnlicher Stärke und Widerstandsfähigkeit vertrat seitdem bei ihm die Stelle des Hosenbodens. Das hob feinen guten Mut außerordentlich. Damit zog er auch in die Schule ein und polierte feinen Platz auf das säuberlichste. Er lernte die ersten beiden Jahre mit Andacht. Dann aber wendete sich seine Aufmerksamkeit Dingen zu, die nicht auf dem pädagogischen Stoffplan standen. Die Rechenkunst und besonders das Einmaleins fand er durchaus ungenießbar. Dafür tummelte er sich.gern auf dem großen, weiten Anger hinter dem Dorse, war hinter allem Getier her, was Flügel und Beine und Flossen hat, und im Spiel der „Ritter und Räuber" steigerte sich fein und feiner Genossen Tatendrang zu Kampfszenen, die bas ganze Dorf in Aufruhr brachten. Ohne ein Dutzend blutiger Nasen und Ohren lief es selten ab. Mutter Schulzen spürte den Witterungsumschlag zeitig genug und legte zu der Bohnenstange hinter dem Ofen ein schlankes Reservestanglein Dann nahm sie ihren Gottlieb vor und wies ihm vielbedeutend die beiden Heilmittel. Aber so leicht bekehrte er sich nicht von dem, was er für Recht erachtete. Währenddessen trieb Mutter Schulzens Geiz immer sonderbarere Blüten. Aus allem und jedem suchte sie etwas herauszu- chlagen, je mehr, desto besser. Keinen Faden, keine Nadel ließ sie liegen, und ihre Augen waren scharfsichtig trotz der immer entzündeten Lider. Jedes Stückchen Kohle, war es auch noch so winzig, hob sie auf und steckte es in die Tasche; jeden Zweig, war er auch noch so dünn und grün, schleppte sie heim und legte ihn auf den Reisighaufen unter, der Dachtraufe. Ihre Gänseherde verdoppelte und verdreifachte sich in wenigen Jahren, bald stand eine zweite Kuh im Stalle neben der ersten, im Koben grunzten jetzt drei Schweine, und im Verschlag daneben meckerten drei Ziegen. Sogar einen Kaninchenhecke legte sie an. Alles nur aus Geiz. All das Vieh schrie von morgens bis abends nach Futter. Mutter Schulzen arbeitete, als hätte sie hundert Hände.. Noch vor Sonnenaufgang war sie aus den Federn, melkte und brachte die Milch auf dem Handkarren nach der Stadt. Mit einem großen Faß Küchenabfällen war sie noch vormittags wieder daheim. Vermengt mit Schlempe, Treber und Häcksel gab das ein Futter, das zwar nicht immer empfehlenswert war, aber den Vorzug der Billigkeit hatte, und das gab bei Mutter Schulzen den Ausschlag. Die Gänse bekamen davon nichts ab, die jagte sie jeden Morgen hinaus auf den Anger, da mochten sie sehen, wie sie sich den Magen füllten. Mutter Schulzens Gänse waren deshalb auch die klügsten, listigsten und verschlagensten unter den geflügelten Zweibeinern des ganzen Dorfes. Wohl zehnmal am Tage patrouillierten sie die Dorfstraße auf und ab, und wehe, sie erspähten die offenstehende Tür eines Gemüsegartens! Fangen ließen sie sich nicht; witterten sie die Bäuerin, so flogen sie mit schrillem Gigack über alle Zäune. Auf diese Weise machte Mutter Schulzen sogar das Gemüse, das in andrer Leute Gärten wuchs, zu Geld. Auf immer neue Profitgedanken verfiel sie. Nur durfte es nichts kosten. Schöpferischer Unternehmergeist war bei ihr nicht vorhanden. Sie raffte die Taler nur zusammen, um sie in den Strumpf zu versenken, den sie an sicherm Ort aufbewahrte. In ihrer Schlafkammer stand nämlich ein halbverfallener Kachelofen, in den eine kupferne Wasserblase eingemauert war. Dort drin verbarg sie ihren Schatz, der von Jahr zu Jahr länger wuchs und dicker schwoll. Ihr Gottlieb aber zeigte für solches Tun nicht das geringste Verständnis. Er bückte sich nach keinem Kohlenstückchen, und ein Weidenzweig erschien ihm nur dann nützlich und des Aufhebens wert, wenn feine Rinde zu einer Flöte geeignet war. Mutter Schulzen erkannte in Gottliebs Gleichgültigkeit ganz richtig die ersten Anzeichen der lockern väterlichen Erbschaft. Aber wie oft und andauernd sie auch die Bohnenstange schwang, Gottlieb hing auch hierin mit Zähigkeit an seiner Ueber- 3eU@ine besondere Einnahme im Frühjahr verschaffte sich Mutter Schulzen durch den Verkauf von bunten Bohnen an die spiellustige Dorfjugend. War nämlich erst der letzte Schnee weggetaut und die Erde an einigen Stellen notdürftig trocken, begann das Bohnenspiel. Ein faustgroßes Loch, die Ducke, wurde am Fuß eines Zaunbrettes in die Erde gebohrt, und Jungen und Mädel im bunten Gemisch versuchten nun nacheinander ihre Kunstfertigkeit, von einem möglichst weit entfernten Standpunkt möglichst viel Bohnen gleichzeitig in die Ducke hineinzuwerfen. Wer die meisten hineinbekam, hatte den gesamten Inhalt der Ducke gewonnen und durfte sie räumen. Da galt es nun, die kleinen Wurfgeschosse nach Gestalt und Gewicht recht zu wägen, denn je verschiedenartiger sie waren, um so weniger Lust zeigten sie, durch die Lust in geschlossener Kolonne in die enge Ducke hineinzumarschieren. Höhere Wellen schlug der Spieleifer, wenn zwei gleich Gewitzte um die gefüllte Ducke rangen. Dann vergrößerte sich bei jedem Wurf der Ab- tand um einen ganzen Sprung, daß man zuletzt kaum noch die Ducke ehen konnte. Hielten sie sich auch hier noch die Waage, dann wurde ge- chippelt. Da tnußte von einem möglichst weit entfernten Prellstein eine Bohne durch Schnellen mit dem Zeigefinger in möglichst wenig Sätzen nach der Ducke befördert werden. . Das war ein Spiel, dem sich Jungen und Mädel mit gleicher Leidenschaft Hingaben. Ging einem die Bohnenkasse aus, lief man zu Mutter Schulzen und kaufte sich für einen Reichspfennig eine ganze Handvoll neuer Spielbanknoten. .. Denn Mutter Schulzen hatte hinter dem Ofen einen schier unergründlichen Bohnensack hängen. Darin waren die schönsten und buntesten Bohnen der Welt: Türken, Russen, Mohren, Schwarz-, Weih- und Rotbärte, Tiger, Füchse, Eierlein, Hexebeinchen und viele, viele andre Sorten, die noch gar keinen Namen haben. Mutter Schulzen zog die wunderbaren Bohnen jedes Jahr in ihrem kleinen Vorgärtchen, auf dem Feld zwischen den Kartoffelfurchen, überall wo nur ein geschütztes Fleckchen dafür vorhanden war, sammelte sie im Herbst, wenn sie reif waren, in den riesengroßen Beutel, und jedes Frühjahr fanden sich mehr Abnehmer, als sie befriedigen konnte. Nur Gottlieb bekam keine einzige davon. Wie er auch bettelte und flehte, Mutter Schulzen warf kein bares Geld zum Fenster hinaus. Unter strömenden Tränen erschien Gottlieb wieder bei den andern und wurde tüchtig geneckt. Das schmerzte ihn sehr, und mit gebrochenem Herzen setzte er sich wieder neben das Spielloch, um sein altes Amt als Duckenkratzer wieder aufzunehmen. Der hatte nämlich für die Sauberkeit der Ducke zu sorgen, wofür ihn nach jedem Spiel der Gewinner eine Bohne zu zahlen verpflichtet war. Es dauerte sehr lange, bis Gottlieb so viel beisammen hatte, daß er mitspielen konnte, denn er hatte merkwürdigerweise trotz des großen Bohnensackes seiner Mutter keinen Kredit. Kam aber an ihn die Reihe zum Wurf, dann war er so aufgeregt, daß es der Zufall schon sehr gut mit ihm meinen mußte, wenn sich von seinen sauer verdienten Bohnen eine ober gär zwei In die Ducke verirrten. Dann ließ er stets die Unterlippe hängen und schlich betrübt zum Reinigungsamt zurück. Einmal über wollte ihm das Glück wohl. Die Taschen bauschten sich von dem schwellenden Reichtum seiner Gewinne so stark, daß er die Mütze zu Hilfe nehmen muhte, den Segen zu bergen. Er wurde übermütig und forderte seinen Hauptgegner auf eine Mützevoll zum Schippel- duell. Aber da hatte er grausames Pech, [eine Schippelbohne sprang mitten in die Pfütze, während die seines Feindes in kühnem Flug das nasse Hindernis nahm. Nach wenigen Sekunden konnte er sich wieder die Mütze auf den blonden Scheitel stülpen. Er hatte gejobbert und alles verloren. Seine Augen flackerten, sein Atem keuchte ihm zwischen den zu- sammengepreßten Zähnen hervor. Jetzt noch in das Amt eines Duckenkratzers zurückzugehen, hielt er für eine Schmach. Auf der Ferse drehte er sich herum, lief ins Haus, langte den großen Vohnensack hinter dem Ofen hervor, schleppte ihn unter dem Jubelgeschrei aller Beteiligten auf die Straße und spielte wie toll drauf los. Je mehr die Schatten der Straßenlinden in die Länge wuchsen, desto mehr kroch Mutter Schulzens gigantischer Bohnensack unter Gottliebs schöpfenden Händen in sich selbst zusammen. Denn Gottlieb verspielte nicht nur mit einer Ausdauer sondergleichen, er verschenkte auch seiner Mutter teure Bohnen mit vollen Händen. Besonders Kathrina Krause brauchte ihn nur mit ihren roten Lippen und ihren weißen Mausezähnen anzulachen, wobei sie immer den schmalen Kopf mit den dicken schweren flachsblonden Zöpfen leicht auf die Seite neigte, da hatte sie auch schon die ganze Schürze voll. lieber Gottlieb war der Rausch des Schenkens gekommen, wahllos warf er seine Schätze umher. Seine Wangen glühten rot wie die Abendsonne, die hinter dem Dorfe zwischen den beiden ersten der schlanken Pappelbäume mitten im Straßenstaube saß. Und vor diese liebliche goldne Sonne schob sich plötzlich unbemerkt von der nahen Seitengasse her, drohend wie ein Gespenst, Mutter Schulzen mit ihren trägen Kühen, die den beladenen Wagen zogen. Im Augenblick überschaute sie die Größe des Unheils, das über ihren geliebten Bohnensack hereingebrochen war. Mit einem Schrei durchbrach sie den Kinderknäuel, riß den leeren Satt vom Boden auf, schlug ihn mit Windeseile dem verblüfften Gottlieb ein halbes Dutzendmal um die Ohren und stürzte sich wie ein hungriger Geier auf die Bohnenräuber. Mit einer Gewandtheit sondergleichen haschte sie die Kinder, immer zwei auf einmal, und säuberte ihnen die gestrafften Taschen von unrechtem und rechtem Gut. Die Kinder wagten weder zu fliehen noch sich zu widersetzen, denn das böse Gewissen lähmte sie. Nur Kathrina Krause entsprang ihr lachend über den tiefen Graben und rannte wie ein Wiesel davon, daß der Staub unter ihren nackten Fußsohlen aufwirbelte und ihr die Rocksäume um die braunen Knie flatterten. Ein schmerzensreiches Strafgericht ergoß sich hernach über den armen Sünder. Die erste Bohnenstange hatte bald genug und brach mitten durch, die zweite handhabte Mutter Schulzen etwas vorsichtiger. Gottlob biß die Zähne zusammen und hielt aus. Als er bann hungrig ins Bett marschieren mußte, freute er sich sogar darüber, daß Kathrina Krause ihre Bohnen gerettet hatte. Er rieb sich bann noch einige hervorragend schmerzliche Stellen, schlief darüber ein und erwachte am andern Morgen mit feiner alten guten unverwüstlichen Laune. Er stellte keine tiefsinnige Betrachtungen an, warum er eine solche starkhändige Mutter habe und warum manches so viel anders sei, als es eigentlich hätte sein sollen. Er nahm, was ihm das Leben brachte, Schmerz und Lust mit vollen dankbaren Händen, und die Harmonie der Welt war ihm schon längst in seinem frohen Herzen aufgegangen. Er verstand die Kunst, sich über ein Nichts zu freuen, und alle Maßnahmen, die seine Mutter traf, um ihm das auszutreiben und ihn zu ihrer grämlichen und hastenden Lebensanschauung zu bekehren, scheiterten an seinem Lächeln, bas nach jeder Trauer reiner und schöner wiederkam. Aber Mutter Schulzen bekämpfte den Leichtsinn ihres toten Fernands in feinem Sohne mit Ausdauer und manchmal bis aufs Blut. War Gottlieb ins Wasser gefallen, hatte er auch nur eine Viertelstunde in nutzlosem Spiel verbracht oder den Kaninchen, deren Beaufsichtigung ihm zugewiesen war, zuviel Futter gegeben, immer hatte die Bohnenstange freies Tanzen. Und es ist wohl begreiflich, daß Gottlieb weiterhin die weise Vorsicht gebrauchte, in die beängstigenden Bohnenstangen hinter dem Ofen ein paar tiefe, aber unauffällige Einschnitte zu machen. Doch er blieb dabei nicht stehen. Mit jedem Millimeter, der ferner Kürze zugelegt wurde, ohne daß er darum sorgte, wuchsen auch seine List und Schläue, mit denen er Mutter Schützens klappernder Erziehungsmühle das Wasser abzugraben versuchte. Hinter Mutter Schützens Häuschen dehnte sich ein großer, wohige- pflegter Obstgarten aus. Er war eine der ergiebigsten Geldquellen jur bas strumpsene Sammelbecken in ber kupfernen Ofenblase. Mitten drin ftanb Mutter Schulzens größter Stolz: ber Vutterapfelbaum. Er Hane breiunbzwanzig Aeste, und jeher Ast hatte mindestens eine Stütze. Blühte er, so sah er von weitem aus wie eine Riesenmütze aus weißem Pudelfell. Doch dafür hatte Mutter Schulzen keine Augen. Daß er aber seine Blüten trieb, wenn die andern Bäume noch schliefen, daß feine Aepfel von einer märchenhaften Süße und Mildhejt waren und fdjon m« den Kirschen reiften, und daß er diese konkurrenzlosen uni) barum begehrten Früchte mit zäher Beharrlichkeit in unzählbaren Mengen trug, bas allein waren bie Grünbe ihres Stolzes. Sobald sie anflngen z reifen, und das geschah kurz vor den großen Ferien, verfiel Mum Schulzen in eine fieberhafte Tätigkeit. Morgens trabte sie mit U)‘ • Wägelchen nach dem städtischen Markte, brachte ihre Naturschätze an Hausfrau, sammelte die Küchenabfälle und quietschte mit ihrer so wieder heim, denn aus Sparsamkeitsgründen bekamen die vier au ■ schwachen Räder keinerlei Fettstoffe als Schmiere zu riechen, gefa)1® denn zu schmecken. Nur Wasser wurde ihnen gespendet, aber nur, w sie reichlich ausgetrocknet waren und auseinanderzufallen drohten. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Univerf itäts-Duch- und Steindruckerei, V. Lange, Gießen.