Nummer 97 zrettag, den ^.Dezember Jahrgang 1929 Eichener Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger________ Oie Stimme. Von Anton Schnack, lieber einem Buch versunken Hör' ich eine Stimme draußen. Sind es schlammvergrab'ne Unken, Ist es nur ein Vogelsausen? Ist es Wind, vorbeigeslogen? Kommt sie aus dem Brunnenstein, Dessen Wasser fallt im Bogen Ewig in die Nacht hinein? Schweige, Stimme, geh' zur Ruhe, Mensch auf später Wanderschaft Löse dich von deinem Schuhe, Schlaf ist Güte, Schlaf ist Kraft! Oder ist es, daß ich schwanke Zwischen Wachheit, zwischen Traum, Tönt mir selber der Gedanke, Den ich denke, schwer unb kaum? Steigt die Stimme aus dem Buche, Spricht sie aus dem schwarzen Wort' Wo ich sie auch höre, suche, Immer ist sie nah und fort ... Oie Meerschaumpfeife von Teterow. Eine Anekdote von Wilhelm Schäfer. Als Leb recht von Blücher schon ein Jubelgreis war, will er in, Herbst von Doberan, wo er im Seebad war und lausig viel Gelb verspielt hat, zum Grasen Plessen nach Ivenack fahren: bei, Fürsten unb geliebten Fclb- marschall zu begrüßen, haben sich unterwegs Stabte unb Dörfer geschmückt. Auch in Teterow hängen bie Fahnen heraus, unb wo die Straße zur Stabt hereinkommt, zieht sich eine Girlanbe querüber mit einem Willkommenschild: hinter der Schule stehen Mädchen mit weißen Kleibern zum Singen bereit, unb der Bürgermeister will eine Ansprache halten, den ' Ehrentrunk der Stadt anzubieten. Damit sie in Teterow nicht durch die Ankunft Seiner Durchlaucht überrascht werben, haben sie bei den Scheuern ber Stabt gegen Güstrow hinaus ben Stnbtbiener Jochen Pitz als Wache mit einem Boller gestellt. Wenn er ben Blücher kommen sieht, muß er schießen; darauf sollen die andern Böller ben Salut beginnen, unb die Bürger haben Zeit, zum Rat- haus zu eilen. „ .... ..... So braucht nur einer zu schwitzen, statt uns allen!, hat der Bürgermeister gesagt; denn ber blaue Herbsttag ist warm, unb keiner weiß die Ankunst'des Fürsten genau. Der Jochen ist zuerst stolz auf bie Wache; er hat bie Sonntagsuniform an und späht vom höheren Straßenrand aus ben Sanbroeg entlang, ber vom Schatten der Baume quer überlegt ist wie eine Leiter. Äber als bas so eine unendliche Viertelstunde unb noch eine eine halbe unb eine ganze Stunbc gegangen ist, unb nichts kam des Weges als einmal ein Bauernfuhrwerk unb danach einer, der zwei störrische Pferde an ber Halster führte, wirb der Stabtbiener des Fürsten bereits ein wenig verdrießlich. Nicht einmal eine Pfeife darf er rauchen, weil er im Amt und weil es bei ben Scheuern sowieso verboten ist; unb Durst für einen Branntwein hatte er längst. Er hat sich schon em paarmal in ben Schatten gesetzt, unb zuletzt fängt er an, je hundert Schritt hm unb her zu wandern,'die er abgezählt hat; denn er muß bet dem Boller bleiben: in seinen Gedanken reitet der Felbmarschall wie em Sturmwind, er könnte ihm unvermutet angebrauft kommen. . Als auch bie zweite Stunde unendlich verfloßen unb bie butte bereits angebrochen ist, glaubt ber Jochen etwas zu höre», und eilig fprtngt er zurück an ben Böller, weil ihm fein Durst zu weit gegen Ort norge- trieben hat. Aber, wie er die Hände um die Augen legt, des er zu sehen ist es wieder nur eine Kalesche, die gemächlich über die Schattenleiter herab- klettert: und nun fängt er schon an zu schimpfen. Auch Fürsten sollten nicht machen dürfen, was ihnen einfällt! poltert er in feinen Sebanfin, und weil er darüber selber einen Schrecken kriegt, legt er dem Polter- gebanten rasch ein Brett zu ben Stabtvütern hinüber die irgendwo mi Schatten sitzen, gar ein Krug Bier trinken und ihn laßen sie hier in bei Hitze warten, wie cs der Bürgermeister ja selber gesagt hat. Unterbetten ist bie Kalesche über bie letzten Sprossen der Schatten eiter herabgekommen, unb es sitzen zwei alte Männer in Mänteln barin, als ob ie bei ber Hitze noch frören. Der zur Rechten lenkt die Gäule selber, und der zur Linken raucht vergnügt seine Pfeife, und als der eine mit der Peitsche vorauszeigt, wie wenn er lagen wollte: Das ist nun Teterow, nickt der andere nur. Auch bie Pferde, bie bas mit ber Peitsche mißverstehen unb Trab ansetzen wollen, merken gleich ihren Irrtum unb fallen wieder in ben schläfrigen Trott zurück, obwohl ihnen ber ©eifer am Gebiß hängt, als wären sie heute schon Trab gelaufen. So kommt bie Kalesche dem Jochen nicht eben ansehnlich vor unb gewiß nicht wie ein Sturmwind. Daß sie ihn enttäuscht hat, nimmt er ben 3m assen Übel, baß sie Überhaupt bcs Weges baherkornmen, ber für ben Felb- rnarfchall bestimmt ist, noch mehr. Unb weil er nicht ber ober jener, sondern der Stabtbiencr, also gewohnt unb von Amts wegen bestellt ist, Ungehörigkeiten zu rügen unb Uebertreter in Strafe zu bringen (biefer Mann aber raucht, was ihm doch selber verboten ist), hebt er ben wohlbeklcibeteii Arm bcs Gesetzes mit den blanken Knöpfen unb ruft Halt! Nu wat denn? fragt ber mit ber Peitsche unb braucht nicht an ben Zügeln zu rupfen, weil die Pferbe schon selber vernünftig genug sind, unter biesen Umständen stehen zu bleiben. Wer zwischen ben Scheuern von Teterow raucht, dekretiert Jochen, dem die Stimme von ber Hitze rauh unb heiser geworben ist: dem kostet es die Pfeife! Darüber fängt der mit ber Pfeife laut an zu lachen, als ob es em Spaß fein sollte, unb will bie Pferde wieder in Gang bringen. Aber nun hat ber Stabtbiener von Teterow feine ganze Stimme zurück: mit all ihrer Möglichkeit brüllt er ein zweites Halt! unb ist bereits tollerig rot geworden. . .. Wirklich? fragt ber anbere, unb nimmt die Pjeife aus bem Munb, bie von Meerschaum unb schön angeraudjt ist. Da haben sie dir also gefangen! wirft ihr noch einen wehmütigen Abschiebsblick zu und gibt sie dem Jochen. Eine nette Geschichte. Gott straf mir! seufzt er noch hinterher unb schüttelt ben Kopf; ber andere, als er feinen Galgenhumor sieht, schüttelt ben Kopf unb sagt auf eine stichelige Art: Also vorwärts! . , Unb während der Stabtbiener von Teterow bie Straße freigibt, trotten bie Gäule mit ben beiben Männern, bie unter die Obrigkeit gefallen sind, weiter gegen ben Ort, unter ber Girlanbe mit bem Willkornrnenschilb her, durch die fahnengefchmückten Straßen am Rathaus mit bem Ehrentrunk vorbei — aber er steht noch im Keller der Kühle wegen; unb ivieber hinaus auf Ivenack zu. Wo sie vorbeiklappern, fahren die Köpfe ans Fenster, um enttäuscht ins Dunkel zurückzufallen, baß es nur eine alte Kalesche ist, inbefjen sie auf ben Felbmarschall warten. Sic müssen noch lange unb schließlich vergebens warten, wie ber Jochen mit ber beschlagnahmten Meerschaumpfeise auch, benn als endlich nach einer weiteren halben Stunbc ein Wagen mit zwei wackeren Rossen kommt, daraus bie betreßten Diener sitzen, ist es der Gepäckwagen des Fürsten, unb als der Jochen auch ihm, aber diesmal mit Respekt anhalt: Ob der Felbmarschall balb nachkäme? fragen bie Diener verwunbert zuruck: Ob Seine Durchlaucht beim nicht angehalten habe? Er falle doch in Teterow begrüßt werden, und sie wollten indessen füttern! Da sagte ber Stabtbiener kopfschüttelnd: Seine Durchlaucht haben weder angehalten noch sind sie diirchgckommen! Läßt den Gepäckwagen passieren unb wartet verdrießlich über 'bie fürstliche Unpünktlichkeit weiter; nur ist er ivieber auf ben Grabcnrand gestiegen. . f .. _. Den Stabtvätern freilich geht ein anberes Licht auf, als bie Diener nach ber Vereinbarung abfüttern unb tränten wollen. Der Bürgermeister, der Rn großer und schwerer Mann ist, stampft mit bem Absatz, daß ber Stein Funken spritzt, unb ein Knabe soll den Stabtbiener holen, dem er bas Donnerwetter machen will: ber Fürst fei längst da und durch! Der Jochen als er das Stichwort hört, springt an den Böller, nicht lange, so tut cs’ben vereinbarten Knall, unb bie Tcterower fangen an, Seiner Durchlaucht, den Fürsten von Wahlstatt Salut zu schießen, indessen er längst auf ber Straße nach Ivenack ist, und sie haben nur noch feine ' Dienerschaft ba mit feinem Gepäck. . ,, . Das Gepäck — unb die Mecrfchaurnpseife, beim als ber verbutterte Jochen endlich heran geschrien ist: warm» er nicht zur rechten Zeit geschossen habe? zeigt er das bräunlich angerauchtc Ding als Beweis daß ber in ber Kalesche gar nicht ber Felbmarschall, fonbern ein Uebertreter bcs Gesetzes gewesen sei, ber zwischen ben Scheunen geraucht habe. Da konnten die Böller noch einmal losgegangen fern, fo tobt der Bürgermeister, so rot unb blaß werben die Ratsherrn, und so lachen die Diener. Weil aber bie Lächerlichkeit nicht auf Teterow liegen bleiben bars, ivirb eine rasche Ratsversammstmg abgebalten unb ber Beschluß gefaßt, daß noch zur selben Stunde eine' Deputation nach Ivenack muß, bem Felbmarschall bie beschlagnahmte Pfeife zu bringen. Die Frau Bürgermeister gibt ihr Sofakissen leihweise her, unb ber Jochen muß mit auf ben Leiterwagen, darauf sic gleich nach Mittag bie heiße Bußfahrt beginnen. Es ist schon spät am Nachmittag, als sie nach ihrer verrinn pelieit Fahrt in Ivenack ankommen unb den Gang ins Schloß wagen, tote finden nach schmierigen Umständen den alten Blücher auf der Terrasse sitzen, in Decken gewickelt, sich nicht zu verkühlen; auch sein Begleiter ist da, aber in einer Uniform, in der er noch gar kein alter Mann ist. Der Bürgermeister hält eine stotternde Rede, darin er kein Wort von der andern brauchen kann, und zuletzt muß der Jochen um Gnade bitten. Er tut es, indem er ins Knie fällt und auf dem Sofakissen der Bürgerineisterin dem Blücher die Meerschaumpfeife darbietet, denn so hat es der Rat beschlossen. Aber der Marschall Vorwärts ist nicht geneigt, Krebse zu fangen, was futsch ist, ist futsch! sagt er und läßt den Bürgern von Teterow seine Pfeife, die sie seitdem im Rathaus als Reliquie bewahren. Der Stadtdiener Jochen Pitz aber, dem sie das Ding schließlich verdanken, hat nur Schelte und fast Prügel davon erfahren. Madonna im Rosenhag. Ein Kapitel Akaricnkunst. Von Walther A p p e l t. Die Maria im Rosenhag — das ist einer der Stoffe biblischer Bilderkunst, mehr in Legenden und Liedern ihren Ursprung haben als in den Evangelien. In den Kreis der Weihnachtskunst dürfen sie dennoch einbezogen werden — um so mehr, als gerade sie von jener innigen Schlichtheit erfüllt sind, die im Grunde der Weihnachtsgedanke und die Marienverehrnng haben und, richtig verstanden, über Kultur-, Glaubens- und sogar über Weltanschauungsgrenzen hinweg immer behalten können: daß diese eine Mutter Maria Inbegriff ist aller Mütter aller Zeiten, dieses Kind über das Einzelpersönliche hinaus zum Sinnbild jeden Geboren- und Behütetseins gesteigert wird. Wenn daran glauben und davon ergriffen werden „fromm {ein" heißt, dann muß im Tiefsten feiner Empfindungen jeder Mensch fromm sein, der überhaupt ein menschliches Empfinden hat und sich zu ihm bekennt. In der italienischen Malerei find die „Madonnen im Rosenhag", — die nicht immer in der Kunstgeschichte unter diesem Namen gehen —, viel weniger populär geworden wie die andern, episodenreichen, in üppiger Ausmalung der Szene und der Szenerie schrvelgenden. Der Lebhaftigkeit und sprunghaften Sinnenfreudigkeii des Italieners hatten die mit Figuren und allegorifierendem Beiwerk überhäuften Bilder eines Filippo Lippi und gar eines Botticelli mehr zu sagen, weil sie ihnen mehr zeigten. Möglich auch, daß diese prunkende Kunst, deren Aeußerlichkeiten den wahren Gehalt nicht immer übertönen (restlos gelungen ist die Bereinigung der beiden, zunächst widerstrebenden Momente allerdings fast nur Raffael in seiner Sirtina) — möglich auch, daß diese schwelgerische Malerei vorwiegend repräsentativen Bedürfnissen hoch- gestellter Auftraggeber entsprach. Eine Wand, ein Raum sollte geschmückt, oft wohl auch von vornherein bewußt zur Sehenswürdigkeit gemacht werden. Dem mußten die Bilder Rechnung tragen ... und der Sinn der breiten Masse ist immer mehr in die Breite als in die Tiefe gegangen. Manches aber fpricbt dafür, daß daneben doch echte Frömmigkeit, der Künstler wie der Bildbetrachtenden, Werke verlangte und entstehen ließ, die Gegenstand und Ausgang stiller, hingebender Andacht fein konnten. Dafür spricht, beispielsweise, daß Francesco Francia eine „Thronende Madonna mit Heiligen" gemalt hat, tue' in ihrer Vielheit längst kein einheitliches Bild mehr ist — und daß der gleiche Künstler (Bologna, Ende 15. Jahrh.) eine „Madonna in Rosen" schuf, die zwar kühl aus uns wirkt (lange nicht so kühl wie die erwähnten andern Bilder), die aber doch das Wesentliche des besonderen Stosses aufweist: glückliches Alleinsein der Mutter mit ihrem Kinde, die beide hineingestellt sind in das Blühen und Reifenwollen her Flur — Leben und Lebensdrängen in der großen, sagen wir ruhig: heiligen Harmonie der Schöpfung. Weniger klar wird das in der „Madonna in Rosen" des Bernardino Luini, etwa gleichzeitig entstanden, der die Rosenhecke nur Beigabe, eigentlich sogar nur Raumfüllung ist. — Für diesen wie für viele andere Stoffe biblischer Legende sanden die Italiener nur tastend neben ihrer oben skizzierten „offiziellen" Kunst den entsprechenden Ausdruck. Es ist weiter nichts als eine Tatsachenfeststellung, daß dies, gleichzeitig oder schon vorher, deutschen (und holländischen) Künstlern in weit höherem Maße gelang. Bon M a r t i n Schongauer haben wir eine „Madonna im Rosenhag", in Colmar, die nicht so sehr von feiten der Maria als von feiten der Natur und ihrer zutraulichen Sommerlichkeit (die Rosenhecke ist schmetternd erfüllt von bunten Singvögeln) den Willen und die Bestiminung zum Einssein deutlich macht. Das muß der Maler selbst haben ausdrücken wollen, oder hat er es ungewollt empfunden. Wenn er schon nicht auf zwei Engel verzichten kann, die eine Riefenkrone halten, so hat er sie doch seinem Bilde mehr an- als eingefügt. Und so gewiß diese Krone eine Marienkrone ist, läßt doch gerade dieses Bild einer Madonna im Rosenhag vermuten, daß jenen Künstlern noch ein anderer Gedanke vorgeschwebt hat, deslen reichlich primitive, der Mystik verwandte Symbolik freilich nur aus ihrer Zeit heraus zu verstehen ist: daß die so jubelnde, lichtdurchflossene Rosenhecke letzten Endes schon auf die Dornenkrone der Passionsgeschichte hindeuten soll. Die erwähnten zwei Engel Schongauers sind schon eine entscheidende Zurückdrängung dieses Bildmoments gegenüber der ein Halbjabrhundert älteren „Madonna im Rosenhag" Stefan Lochncrs (München, Pinakothek). Lochner steckt noch dermaßen in Ueberlieferungen, daß er die gekrönte Maria im Bilde von Engeln umschwebt sein läßt, die ihr Rosen pflücken, wenn auch nicht aus einem Hag oder einer Hecke, sondern aus steingesaßteu Gartenbeeten. Ein Drum und Dran, bem sich bas heiter- kindhafte Marien-Antlitz nicht harmonisch einzufügen vermag. Fast das gleiche gilt für desselben Künstlers „Madonna in der Rosenlaubs" (Wallraf-Richartz-Museum, Köln), nur daß hier immerhin der Hintergrund dem Gedanken der Darstellung mehr Rechnung trägt. In ber Mitte zwischen den beiden abweichenden DarfteUungsarten Schongauers und Lochners, steht, etwa aus Lochners Zeit stammend, eine dritte, jetzt Im Solothurner Museum. Schongauer könnte von der Auffassung des unbekannten Künstlers ebenso beeinflußt sein wie dieser von Lochner. Hauptsächlich auf Schongauer fußend, haben bann noch Künstler wie Dürer und andere der Wende des 15. zum 16. Jahrhundert „Madonnen im Rosenhag" geschaffen. Auch r ü n e w a l d s Madonnen, sowohl die vom Idenheimer Altar als die Stuppacher, werden nicht zu Unrecht h er eingeordnet. Doch haben sie, wie auch die Niederländer, neues zu dem Thema nicht mehr beigesteuert. Nicht mehr besteuern können. Weil die besinnliche, schauende Htrgabefähigkeit mt den allgemeinen Zeitströmen gen mehr und mehr einer geräuschvollen Betriebsamkeit — auch in geistigen und geistlichen Dingen weichen mußte. Geschichtsforschung mit Sva*en und Bohrer. Rund um das RUtkelmeer. Von Professor Dr. Th. Wiegand, Direktor der staatlichen Antikensammlungen, Berlin. In seinen prachtvollen „Erinnerungen" bekennt Ulrich von Wila- m o w i tz - M o e l l e n d o r s erneut, was er schon vor dem Ph'.lologen- tag in Jena erklärt hatte: innerhalb der Altertumswissenschaft habe sich die Archäologie glücklicher entwickelt als die alte philologia classira, dank den Ausgrabungen, und sie habe daher das Recht auf die Führung. In der Tat ist die sprachlich-literarische und historische Seite der Altertumswissenschaft, soweit sie auf Schriftstellern beruht, seit Jahrhunderten von großen Mechern so ausgebaut worden, daß aus den Handschriften der Bibliotheken ein bedeutender Zustrom kaum mehr zu erwarten ist. Dieser kommt vielmehr von den ausgegrabenen Inschriften und Papyri, sie bringen uns Überraschendes Neues oder ergänzen die Schriftsteller in höchst willkommener Weise. So wurde zum Beispiel in Wiesbaden ein römisches M i l i tä r di p l o m (jetzt im Berliner Antiquarium) ausgegraben, durch welches ein Feldzug des Kaisers Despasian auf dem rechten Rheinuser (77 n. Ehr.) bestätigt wird, den wir bisher nur durch eine kurze Erwähnung bei Tacitus kannten. Auf diesem Kriegszug wurde die berühmte germanische Seherin Vcleda gefangen. Mit Ergriffenheit sah ich in Didyma einen Altar dem Boden entsteigen, den Diokletian dem Orakel zum Dank sür. die Ermutigung zur Christenverfolgung gestiftet hat. Der Erdboden ist der beste Konservator. Man sollte ihn gar nicht öffnen, wenn man nicht ganze und sorgfältige Arbeit macht. Noch vor 50 Jahren waren hastige und oberflächliche Grabungen nicht selten. Das erste große Beispiel einer erschöpfenden Ausgrabung des ganzen Objeits, mit sorgfältigster Aufnahme auch der architektonischen Ergebnisse liegt vor in der 1875 begonnenen Erforschung von Olympia. Wilhelm Doerpfeld ist cs, der von da ab der gesamten Archäologie den Weg praktisch-methodischer Beobachtung gewiesen hat. Es läßt sich in einem kurzen Aussatz gar nicht aussprechen, wie gewaltig die neuen Erkentnisse sind, die von den Ausgrabungen ausgehen. Italien steht voran, schon weil alle Vodensorschung dort von Italien selbst geleitet wird. Da entsteigen dem Nemi-See, dessen Spiegel um zehn Meter gesenkt werden mußte, die reich verzierten Neste des versunkenen Prachtschiffes des Kaisers Tiberius. Die Kosten der Hebung werden auf acht Millionen Lire geschätzt, die zum größten Teil von Privaten getragen werden. M u f f o I i n i 5 Energie hat sich sogar an das alte Herculaneum gewagt und die neuesten elektrischen Bohrmaschinen sind an der Arbeit. Ueberaus verfeinerte Methoden der Konservierung feiern in den neuen Grabungen zu Poinpei überraschende Triumphe. Selbst die verkoblten Balken oberer Stockwerke, die Balkong, Holzläden und Türen werden roiebergeroomten; die von den Wurzeln einstiger Bäume in den Ziergärten hinterlassenen Hohlräume werden mit Gips ausgegossen, man erkennt dann an der gewonnenen Form alsbald die Gattung des Baumes, der einst hier stand, und nun sind neue Platanen, Ulmen, Fruchtbäume an derselben Stelle gepflanzt, wo diese Arten vor 2000 Jahren standen. Ganze Stadtquartiere des heutigen Rom fielen der Spitzhacke zum Opfer, weil sie der Aufdeckung des TrojansforumS', des Augustustempels und des Marcellustheaters im Wege standen. lieber das Mittelmeer hinüber zur neuerworbenen Kolonie Tripolis ist italienische Liebe zu den großen Zeugen antiker Vergangenheit gewandert; Lepti's Magna, die Vaterstadt des Kaisers Septimus Severus und von diesem aufs herrlichste geschmückt, ist dem Wüstensand entrissen worden, die Säulen der Basiliken und Thermen sind wieder aufgerichtet. Ungleich bedeutsamer noch stellt sich die Aufdeckung von Kyrene dar, denn dies ist der Boden einer altdarischen Kolonie, altertümliche Architektur und Bildkunst paart sich mit römischen Prachtbauten, deren einer die vielbewunderte Aphrodite im Nationalmuseum zu Rom gespendet hat. Auch hier eine reiche Ausbeute wichtigster historischer Inschriften. In Griechenland hat Professor Georg Karo die Forschungen im T i r y n s wieder aufgenommen und das Ergebnis ist die Auffindung einer zu Füßen des Herrscherpalastes ausgebreiteten Festlandstadt. Aus der Insel Acgina ist einer der geschicktesten jüngeren Archäologen, Dr. Gabriel Welter, in die tiefsten Schichten der hellenischen Vorzeit gedrungen und hat überaus wertvolles neues Material für die Beurteilung der ältesten Keramik gefunden; soeben kommt überdies die Nachricht, daß ihm die Entdeckung einer reichen mykenischen Nekropole geglückt ist. Sehr wichtig wird für die älteste Chronologie die von dem schwedischen Gelehrten P e r f f o n unter Teilnahme des schwedischen Kronprinzen geleitete Ausgrabung in Asine (Peleponnes) mit ihrer Fülle keramischer Funde. Auf'der Insel Samos setzt das Deutsche Archäologische Institut die von mir begonnene Ausgrabung im Bezirk des Heratempels fort und hat die Arbeit auch auf Stadt und Burg des Polykrates ausgedehnt. In Akarnanien (Mittelgriechenland) zieht die alte Stadt Kalydon neuerdings die Aufmerksamkeit auf sich, weil dort in dänisch-ariechifcher Zu- fammenarbeit wichtige Entdeckungen, namentlich auf dem Gebiet der ältesten Tempelarchitektur mit ihrem reichen Terrakottaschmuck gemacht werden. Außerordentlich uinfassend gestaltet sich nach dem Kriege die arrl)äo= logische Tätigkeit auf dem Boden Kleinasiens. In Angora unternahm M. Schede mit D. Krencker neue baugeschichtltche und epigraphische Untersuchungen am Augustustempel, dessen Wände bekanntlich das Testa- nKiit des Kaisers in griechischer und lateinischer Schrift tragen. Dieselben |tf)-r haben die phryg.jche Landschaft Aizaoni untersucht, vor allem den herrlichen, zum Teil noch aufrecht stehenden Tempel. Sie fanden vor dessen Westgiebel einen 15 Tonnen schweren- Block, aus dem das von Randen umgebene Brustbild der großen Göttermutter, drei Meter hoch, ausgehauen war. Dieses Bild krönte die Spitze des Giebels. Zum Tempel sanden sich die Hallen eines großen rechteckigen Vorhofes und des angrenzenden Marktplatzes. Nirgends in Kleinasien könnte man so übersichtlich das Gesamtbild einer reichen römischen Landstadt bester Zeit aufklären, wie dort. Freilich, unvergleichlich großartiger ist das Bild, das sich durch die letzten Ausgrabungen zu Ephesus, dem langjährigen Schauplatz österreichischer Forschungen unter Rudolf Heberdeys und Joseph Keils Leitung ergeben hat. Zu dem bereits früher gefundenen Stadtbild iMärkte, Hafen, Thermen, Bibliothek, Theater, Odeion, Stadion, Artemistempel usw.) tritt neuerdings das riesenhafte Jsisheiligtum, ferner der Bezirk des Zeus und der Kybele und das Nymphäum mit seinen leichten dekorativen Tabernakeln. Alles das wird aber übertroffen durch die Entdeckungen auf frühchristlichem Gebiet: der großen von einer bifikikalen Fclskirche gekrönten Katakombe, die sich im Laufe von Jahrhunderten um die legendarischen Gräber der „Siebenschläfer" gebildet hat, jener Jünglinge, die sich bei einer Christenverfolgung in die Berghöhle flüchteten, dort ein- schliefrn und erst nach Jahrhunderten wieder erwachten. Von außerordentlicher Bedeutung ist auch die Freilegung der geradezu grandiosen Lo- hanneskirche, die sich als einer der schönsten Bauten des Kaisers Justinian erwies, und in der sich die Stätte gefunden hat, wo das Grab des Apostels Johannes verehrt wurde. Nur die größten byzantinischen Bauten von Ko stantinopel, Salonik oder Ravenna können in i diesem neuen Fund verglichen werden. Deutsche Mittel haben zur Freilegung nicht ausgereicht: amerikanische Hilfe, die Adolf D e i ß m a n n vermittelte, war entscheidend. Wandern wir südwärts nach Syrien, so ist der höchst interessanten französischen Grabung in Byblos zu gedenken. Von dort bezogen dis alten Aegypter die Libanonzedern als Bauholz, wie auch König Salomo für den Tempel in Jerusalem. Dort stand ein altäayptischer Jsistempel, und, was wichtiger ist: es fanden sich die ältesten phönikischen, schon im 12. Jahrhundert geschriebenen Schriftzeichen! Bisher hatte man die Schrift der Phönilier für viel jünger gehalten. Auch in Palästina sind Ueberraschungen zu verzeichnen: Professor Sellin und Dr. Weltzer haben die durch den Weltkrieg unterbrochenen Ausgrabungen in L-ichem wieder ausgenommen, haben die gewaltige Stadtmauer mit zwei großen Toren sestgestellt und sind im Innern auf einen Bezirk gestoßen, in dem sich allem Anschein nach ein Turmtempel (Zickurat) erhob. Die Grabungen sind bis ins 14. Jahrhundert v. Ehr. vorgedrungen. Sie zeigen übereinander altkanaanäische, jü- bifdje und griechische Schichten. Endlich sei der wichtigen Entdeckungen gedacht, die der Leiter des orientalischen Instituts zu Jerusalem, Pater Dr. Mader, an der allehrwürdigen Stätte des Haines Mamre gemacht hat, wo nach der Bibel Abraham die göttlichen Verheißungen empfing. Die Stelle eines Brunnens, wo der auch von Flavius Josephus erwähnte gewaltige Terebinthen- baum stand, ist festgestellt. Es fanden sich dabei die Reste des von Hero- des erbauten Tempels, der nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus ebenfalls zerstört wurde und verwüstet liegen blieb, bis 135 n. Ehr. Kaiser Hadrian ein nun nicht mehr ausschließlich jüdisck)es Heiligtum errichtete. Dieses ließ wiederum Konstantin der Große niederreißen und erbaute aus den Werkstücken eine große griechische Basilika, die erst 614 von den Neupersern zerstört wurde. Noch die Kreuzfahrer verehrten den Ort als „Hain Mamre". Geheimnisse der Tiefsee. Von Dr. Hellmut Thomasius. Im Gegensatz zur Eroberung des Lustmeers schreitet die der Tiefsce nur sehr langsam vorwärts. Das ist nicht nur aus wissenschaftlichen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen zu bedauern, denn es ist anzunehmen, daß auf dein Grund des Ozeans mancherlei Schätze verborgen liegen, die der Menschheit bei ihrem Kampf ums Dasein gute Dienste leisten könnten. Ob es möglich sein wird, sie herauf,zuholen und ob wir, wie manche Optimisten glauben, jemals Metalle, Kohle und vielleicht noch manches andere aus dem Meresgrund zu gewinnen imstande sein werden, kann heute außer Erörterung bleiben. Vorerst ist es wichtig, zu wissen, wie es dort unten aussieht. Erst diese Erkenntnis kann Richtlinien für ein weiteres Vorgehen geben. Viel ist hier zu ergründen, denn etwa zwei Drittel der Erdoberfläche find vom Meere bedeckt. Bei allem, rvas wir bisl)er über die Tieffee erforschten und aus ihr entnahmen, handelte es sich nur um Stichproben. Unsere technischen Hilfsmittel roaren unzulänglich. Wir ließen Lote hinab, um die Tiefe zu messen und ersetzten sie später durch die Schallwellen künstlich herbeigeführter Explosionen. Der Meeresgrund wirft den Schall zurück. Aus der Zeit, die zwischen der Explosion und seiner Rückkehr vergeht, läßt sich die Tiefe berechnen. Wir fischten mit Hilfe besonderer Einrichtungen allerlei Getier und Pflanzen heraus. Wir entnahmen Gcsteinsproben vom Meeresgrund und find dadurch über feine Beschaffenheit — allerdings sehr lückenhaft — unterrichtet. Auch versunkene Schiffe haben wir gehoben. Aber nur dann, wenn sie ziemlich nahe an der Oberfläche des Wassers lagen. Im Laufe der Zeiten sind mit den Schissen zugleich ungeheure Schatze, wertvolle Ladungen von Gold und Silber in die Tiefe gesunken. Von vielen dieser „Goldschiffe" weiß man, wo sie liegen. Aber es fehlt >edc Möglichkeit, zu ihnen hinabzustcigen. Freilich haben sich unsere Tanchereinrichtungen im Laufe der Zeiten sehr verbessert. Die Technik des Tiefseetauchens hat wesentliche Fortschritte gemacht. Mit Taucheranzügen kommt man bis etwa 90 Meter in die Tiefe. In einzelnen Fällen ist man sogar weiter vorgedrungen. Besondere Einrichtungen ermöglichen cs sogar, daß die Taucher in 60 bis 70 Meter Tiefe stundenlang arbeiten können. Aber was sind diese Zahlen gegen die großen Tiefen der Ozeane, bei "denen es sich um Tausende von Metern handelt! Der Wunsch, noch weiter vorzudringen, führt zu allerlei technischen Neuerungen. Eiserne Kammern wurden gebaut, große Kugeln, in deren Wände Scheiben aus dickem Glas eingelassen wurden. Diese Kugeln versenkte man von Schiffen aus ins Meer. Oben setzte man an ihnen Rohre an. Je tiefer die Kugel Hinabjank, desto mehr 'wurden die Rohre verlängert. So entsteht schließlich ein Schacht, durch den man von oben her in die Kugel hinabsteigen kann. Durch die Fenster hindurch wird die Umgebung mit elektrischen Scheinwerfern erleuchtet. Allerlei Werkzeuge, die außen an der Kugel angebracht werden, können von innen in Tätigkeit gesetzt werden. Aus diese Weise kam man bis über 150 Meter in die Tiefe. Aber schließlich gibt es auch hier ein Ende. Wird der Schacht zu lang, so wird er zu schwer und gefährdet das Schiff. Andere technischen Einrichtungen wurden erdacht. Anstatt den Taucher in einen wasser- dichten Anzug zu stecken, hüllte man ihn in eine Art von Ritterrüstung ein. Aber auch damit kommt man nur bis zu einer bestimmten Grenze. Die große Tiefe bleibt nach wie vor unzugänglich. Jetzt endlich ist es zum ersten Male gelungen, mit Hilfe ganz neuartiger technischer Einrichtungen das bisher für unmöglich gehaltene möglich zu machen und die im Verhältnis zu den bereits erzielten Leistungen ungeheure Tiefe von 850 Meter zu erreichen. Dieser Bahnbrecher der Tiefsee ist der Ingenieur Dr. Hans Hartmann aus Neuyork. Er erdachte eine Tauchvorrichtung, die sich von allen dagewesenen wesentlich unterscheidet und ließ sie nach seinen Plänen in Deutschland bauen. Sie entsprach allen in sie gesetzten Erwartungen und hat bei den im Mittelmeer vorgenommenen Tauchversuchen die Probe glänzend bestanden. Die Versuche werden im nächsten Frühjahr und Sommer fortgesetzt werden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß dann noch größere Tiefen erreicht werden. Die Berechnungen, die dem Bau der Hart'mannschen Ticfsee-Kammer zugrunde gelegt wurden, sehen eine Widerstandsfähigkeit gegen einen Wasserdruck vor, der einer Tiefe von etwa 1800 Meter entspricht. Gelingt es, bis hierher vorzudringen, so bedeutet das einen Fortschritt, dessen Folgen sich heute überhaupt noch nicht übersehen lassen. Bon etwa 150 Meter bis auf 1800 Meter ist ein gewaltiger Sprung, der neue Aussichten eröffnet. Die Hartmannsche Tauchkammer unterscheidet sich von allen bisher dagewesenen Taucheinrichtungen dadurch, daß sie nicht durch ihr eigenes Gewicht in die Tiefe sinkt. Sie stellt einen zylinderförmigen Hohlkörper aus Stahl dar, der oben und unten durch Halbkugeln abgeschlossen ist. Dieser Hohlkörper ist so gebaut, daß er schwimmen muß, daß er stets seinen Auftrieb behält. Er wird nicht durch sein eigenes Gewicht, sondern durch eine Wasserschraube in die Tiefe hinobgefuhrt, die durch einen Elektromotor angetrieben wird. Der Propeller sitzt an einer senkrechten, am untersten Teil der Kammer angebrachten Welle und wird durch einen aus Stahlstangen gebildeten Korb gegen Beschädigungen von außen her geschützt. Wird er in Umdrehungen versetzt, so zieht er die Kammer in die Tiefe. Der zum Betrieb nötige Strom wird durch ein Kabel zugeführt, das im Begleitschiff an einen Stromerzeuger angeschlosfen ist. Sollte dieses Kabel einmal reißen, so hat das weiter nichts zu sagen. In diesem Falle würde die Tauchkammer durch ihren eigenen Auftrieb sofort an die Meeresoberfläche emporsteigen. Damit dieses Emporsteigen nicht allzu rasch erfolgt, was unter Umständen unerwünscht sein kann, führt die Kammer noch eine Akkumulatorenbatterie mit sich. Diese übernimmt sofort die Speisung des Ekektromotors mit Strom und damit die Regelung der Drehzahl des Propellers. Die Kammer kommt langsam in die Höhe. Das Stromkabel enthält, auch eine Fernsprechleitung, die den Verkehr mit dem Begleitschiff ermöglicht. Dadurch, daß dieses Kabel an irgendeiner Stelle reiht, könnte eine Gefahr entstehen. Reißt es hoch oben, so sinkt das abgerissene Stück in die Tiefe. Es kann bei großer Länge so schwer sein, daß sein Gewicht die Kammer mit in die Tiefe zieht. Um dies zu verhüten, hak Dr. Hartmann eine sehr bemerkenswerte Einrichtung erdacht. Das Kabel endet kurz oberhalb der Tauchkammer in eine als Elektromagnet ausgebildete Schale. Diese Schale zieht das obere entsprechend geformte Ende des kurzen an der Tauchkammer befindlichen Kabelstückes an. Cs hält dieses Ende so lange fest, als Strom fließt. Reißt das Kabel irgendwo, so hört der Stromfluß auf. Die elektromagnetische Schale wird unmagnetifd) und läßt das untere Kabelstückchen los. Damit ist die Kammer vom Gewicht des Kabels frei. Sie kann nun unter Verwendung ihrer Akkumulatorenbatterie aufsteigen. Das Kabel liefert auch den Strom für die elektrische Beleuchtung, die für gewöhnlich durch zwei an der Außenseite der Kammer angebrachte große Leuchtröhren erfolgt. Diese Leuchtröhren sind, damit sie durch den Druck des Wassers nicht zerdrückt werden, nochmals in Röhren aus starkem Glas eingeschlossen. Sie genügen, um die Umgebung in ziemlich weitem Umkreis aufziihellen. Zwischen ihnen befinden sich zwei Fenster, durch die der im Innern der Kammer Sitzende die Umgebung überblicken kann. Sollen photographische oder kinematographische Aufnahmen gemacht werden, so werden außen an der Kammer noch zwölf Scheinwerfer in Betrieb gesetzt, die zusammen ein sehr starkes Licht liefern. Die Aufnahmekamera sitzt gleichfalls außen an der Taiichkammer und ist hier elektromagnetisch festgehalten. Dies hat den Zweck, sie im Falle der Verschmutzung oder wenn schnell entwickelt werden soll, um zu sehen, ob die Aufnahmen gelungen sind, ohne weiteres aufsteigen lassen zu können. Der Strom wird abgeschaltet und die Kamera steigt empor. Die Tiefsee-Kammer ist von oben her zugänglich. Sie kann nur eine Person aufnehmen. Ist diese eingestiegen, so wird der Deckel verschraubt. Im Innern sind Vorrichtungen angebracht, die die Lust ständig durch Reinigungsvorrichtungen treiben. In diesen wird die ausgeatmete Kohlensäure entfernt und der verbrauchte Sauerstoff ergänzt, so daß die gleiche Menge Luft ständig atembar bleibt. Es scheint nicht ausgeschlossen, daß mit dieser Kammer eine neue Stufe der Entwicklung für die Eroberung der Tiefsee anhebt. Wenn ein Vergleich möglich ist, so bedeutet sie für die Meere vielleicht das gleiche wie das Flugzeug für die Luft. Nußknacker und Mausekönig. Ein Märchen von E. T. A.$) offmann. (Fortsetzung.) Als dann Marie den Paten Drosselmeier in seinem gelben Röckchen erblickte, kam ihr das Bild jener Nacht, als Nußknacker die Schlacht wider die Mäuse verlor, gar lebendig vor Augen, und> unwillkürlich rief sie laut dem Obergerichtsrat entgegen: „O, Pate Droßelmeier, du bist recht häßlich gewesen; ich habe dich wohl gesehen, wie du aus der Uhr saßest und sie mit deinen Flügeln bedecktest, daß sie nicht laut schlagen sollte weil sonst die Mäuse verscheucht worden wären; ich habe es wohl gehört wie du dem Mausekönig riesest! — Warum kamst du dem Nußknacker, warum kamst du mir nicht zu Hilfe, du häßlicher Pate Droßel- meier! Bist du denn nicht allein schuld, daß ich verwundet und krank im Bette liegen muß?" — Die Mutter fragte ganz erschrocken? „Was ist dir denn, liebe Marie?" Aber der Pate Drosselmeier schnitt sehr seltsame Gesichter und sprach mit schnarrender, eintöniger Stimme: „Perpendikel mußte schnurren; — picken — wollte sich nicht schicken; Uhren Uhren — Uhrenperpentikel — müssen schnurren, leise schnurren, — schlagen Glocken laut kling klang — hink und hont und honk und honk und Hank — Puppenmädchen, sei nicht bang! — schlagen Glocklein — ist geschlagen — Mausekönig fortzujagen — kommt die Eul' in schnellem Flug — pak und pik und pik und put — Glöcklein bim bim — Uhren schnurr schnurr! — Perpendikel müssen schnurren; — picken — wollte sich nicht schicken; — — schnarr und schnurr und pirr und purr!" Marie sah den Paten Drosselmeier starr mit großen Augen an, weil er ganz anders und noch viel häßlicher aussah als sonst und mit dem rechten Arm hin und her schlug, als würd' er gleich einer Drahtpuppe gezogen. Es hätte ihr ordentlich grauen können vor dem Paten, wenn die Mutter nicht zugegen gewesen wäre, und wenn nicht endlich Fritz, der sich unterdessen hereingeschlichen, ihn mit lautem Gelächter unterbrochen hatte. — — ,Ei Pate Drosselmeier," rief Fritz, „du bist heute wieder auch gar zu possierlich; du gebärdest dich ja wie mein Hampelmann, den ich langst hinter den Ofen geworfen." Die Mutter blieb sehr ernsthaft und sprach: „Lieber Obergerichtsrat, das ist ja ein recht seltsamer Spaß; was meinen Sie denn eigentlich?" — „Mein Himmel!" erwiderte Drosselmeier lachend, „kennen Sie denn nicht mehr mein hübsches Uhrmacherliedchen? Das pfleg' ich immer zu fingen bei solchen Patienten wie Marie." Damit setzte er sich schnell dicht an Mariens Bette und sprach: „Sei nur nicht böse, daß ich nicht gleich dem Mausekönig alle vierzehn Augen ausgehuckt; aber es konnte nicht sein. Ich will dir auch statt, dessen eine rechte Freude machen. Der Obergerichtsrat langte mit diesen Worten in die Tasche, und was er nun leise, leise hervorzog, war — der Nußknacker, dem er sehr geschickt die verlorenen Zähnchen fest eingesetzt und den lahmen Kinnbacken cmge- renkt hatte. Marie jauchzte laut auf vor Freude; aber die Mutter sagte lächelnd: „Siehst du nun wohl, wie gut es Pate Drosselmeier mit deinem Nußknacker meint?" — „Du muht es aber doch eingestehen, Marie," unterbrach der Obergerichtsrat die Medizinalrätin, „daß Nußknacker nicht „ eben zum besten gewachsen und sein Gesicht nicht eben schon zu nennen ist. Wie sothane Häßlichkeit in seiner Familie gekommen und vererbt worden ist das will ich dir wohl erzählen, wenn du es anhören willst. Oder weißt du vielleicht schon die Geschichte von der Prinzessin Pirlipat, der Hexe Mauserinks und dem künstlichen Uhrmacher?" — „Hör' mal," fiel hier Fritz unversehens ein, „Pate Drosselmeier, die Zähne hast du dem Nußknacker richtig eingesetzt, und der Kinnbacken ist auch nicht mehr so wackelig; aber warum fehlt ihm das Schwert, warum hast du ihm kein Schwert umgehängt?" — „Ei," erwiderte der Obergerichtsrat ganz unwillig, „du mußt an allem mäkeln und tadeln, Junge! — Was geht mich Nußknackers Schwert an? Ich habe ihn am Leibe kuriert, mag er sich nun selbst ein Schwert schaffen, wie er will!" — „Das ist wahr," rief Fritz, „ist's ein tüchtiger Kerl, so wird er schon Waffen zu finden wissen." — „Also, Marie," fuhr der Obergerichtsrat fort, „sage mir, ob du die Geschichte weißt von der Prinzessin Pirlipat!" — „Ach nein," erwiderte Marie, „erzähle, lieber Pate Drosselmeier, erzähle!" — „Ich hoffe," sprach die Medi- zinalräti», „lieber Herr Obergerichtsrat, daß Ihre Geschichte nicht so graulich sein wird, wie gewöhnlich alles ist, was Sie erzählen?" — „Mit Nichten, teuerste Frau Medizinalrätin!" erwiderte Drosselmeier; „im Gegenteil ist das gar spaßhaft, was ich vorzutragen die Ehre haben werde." — „Erzähle, o erzähle, lieber Pate!" so riefen die Kinder, und der Ober- gerichtsrat fing also an: Das Märchen von der harken Nuß. Pirlipats Mutter war die Frau eines Königs, mithin eine Königin, und Pirlipat selbst in demselben Augenblick, als sie geboren wurde, eine geborene Prinzessin. Der König war außer sich vor Freude über das schöne Töchterchen, das in der Wiege lag; er jubelte laut auf, er tanzte und schwenkte sich aus einem Beine und schrie einmal über das andre: „Heisa! — hat man was Schöneres jemals gesehen als mein Pirli- paichen?" — Aber alle Minister, Generale und Präsidenten und Stabsoffiziere sprangen wie der Landesvater auf einem Beine herum und schrien sehr: „Nein, niemals!" Zu leugnen war es aber auch in der Tat gar nicht, daß wohl, solange die Welt steht, teilt schöneres Kind geboren wurde als eben Prinzessin Pirlipat. Ihr Gesichtchen war wie von zarten, lilienweißen und rosenroten Seidenflocken gewebt, die Aeugelein lebendige funkelnde Azure, und es stand hübsch, daß die Löckchen sich in lauter glänzenden Goldfaden kräuselten. Dazu hatte Pirlipatchen zwei Reihen kleiner Perlzähnchen auf die Welt gebracht, womit sie zwei Stunden nach der Geburt dem Reichskanzler in den Finger biß, als er die ßineamente näher untersuchen wollte, so daß er laut aufschrie: „O jemine!" Andre behaupten, er habe „Au weh!" geschrien; die Stimmen sind noch heutzutage darüber sehr geteilt. Kurz, Pirlipatchen biß wirklich dem Reichskanzler in den Finger, und das entzückte Land wußte nun, daß auch Geist, Gemüt und Verstand in Pirlipats kleinem engelschönen Körperchen wohne. Wie gesagt, alles war vergnügt; nur die Königin war sehr ängstlich und unruhig, niemand wußte warum. Vorzüglich fiel es auf, daß sie Pirlipats Wiege fo forglich bewachen ließ. Außerdem, daß die Türen von Trabanten besetzt waren, mußten — die beiden Wärterinnen dicht an der Wiege abgerechnet — noch sechs andere Nacht für Nacht ringsumher in der Stube sitzen. Was aber ganz närrisch schien und was niemand begreifen konnte: jede dieser sechs Wärterinnen mußte einen Kater auf den Schoß nehmen und ihn die ganze Nacht streicheln, daß er immerfort zu spinnen genötigt wurde. Es ist unmöglich, daß ihr erraten könnt, warum Pirlipats Mutter all diese Anstalten machte; ich weiß es aber und will es euch gleich sagen. Es begab sich, daß einmal an dem Hofe von Pirlipats Vater viele vortreffliche Könige und sehr angenehme Prinzen versammelt waren, weshalb es denn sehr glänzend herging und viel Ritterspiele, Komödien und Hofbälle gegeben wurden. Der König, um recht zu zeigen, daß es ihm an Goldu nd Silber gar nicht mangle, wollte nun einmal einen recht tüchtigen Griff in den Kronschatz tun und was Ordentliches daraufgehen lassen. Er ordnete daher, zumal er von dem Oberhosküchenmeister insgeheim erfahren, daß der Hofastronom die Zeit des Einschlachtens angekündigt, einen großen Wurstschmaus an, warf sich in den Wagen und lud selbst'sämtliche Könige und Prinzen — nur auf einen Löffel Suppe ein, um sich der Ueberraschung mit dem Köstlichen zu erfreuen. Nun sprach er sehr sreundlich zur Frau Königin: „Dir ist ja schon bekannt, Liebchen, wie ich die Würste gern habe." — Die Königin wußte schon, was er damit sagen wollte; es hieß nämlich nichts andres, als sie selbst solle sich, wie sie auch sonst schon getan, dem sehr nützlichen Geschäft des Wurstmachens unterziehen. Der Oberschatzmeister mußte sogleich den großen goldenen Wurstkessel und die silbernen Kasserollen zur Küche abliefern, es wurde ein großes Feuer von Sandelholz angemacht; die Königin band ihre damastene Küchenfchürze um, und bald dampften aus dem Kessel die süßen Wohlgerüche der Wurstsuppe. Bis in den Staatsrat drang der anmutige Geruch; der König, von innerem Entzücken erfaßt, konnte sich nicht halten. „Mit Erlaubnis, meine Herren!" rief er, fprang schnell nach der Küche, rührte etwas mit dem goldenen Zepter in dem Kessel und kehrte dann beruhigt in den Staatsrat zurück. Eben war nun der wichtige Punkt gekommen, daß der Speck in Würfel geschnitten und auf silbernen Rosten geröstet werden sollte. Die Hofdamen traten ab, weil die Königin dies Geschäft aus treuer Anhänglichkeit und Ehrfurcht vor dem königlichen Gemahl allein unternehmen wollte. Allein soivie der Speck zu bra'ten anfing, ließ sich ein ganz feines, wisperndes Stimmchen vernehmen: „Von dem Brütlein gib mir auch, Schwester! — will auch schmausen, bin ja auch Königin, — gib mir von dem !Brab (ein!" — Die Königin wußte wohl, daß es Frau Mauserinks war, die also sprach. Frau Mauserinks wohnte schon seit vielen Jahren in des Königs Palast. Sie behauptete, mit der königlichen Familie verwandt und selbst Königin in dem Reiche Mausolien zu sein; deshalb hatte sie auch eine große Hofhaltung unter dem Herde. Die Königin war eine gute, mildtätige Frau; wollte sie daher auch sonst Frau Mauserinks nicht gerade als Königin und als ihre Schwester anerkennen, so gönnte sie ihr doch von Herzen an dem festlichen Tage die Schmauserei und ries: „Kommt nur hervor Frau Mauserinks! Ihr möget immerhin von meinem Speck genießen. Da kam auch Frau Mauserinks sehr schnell und luftig hervorgehüpft, sprang auf den Herd und ergriff mit den zierlichen kleinen Pfötchen em Stückchen Speck nach dem andern, das ihr die Königin hinlangte. Aber nun kamen alle Gevattern und Muhmen der Frau Mauserinks hervorgesprun- aen und auch sogar ihre sieben Söhne, recht unartige Schlingel; die machten sich über den Speck her, und nicht wehren konnte ihnen die erschrockene Königin. Zuin Glück kam die Oberhosmeisterin dazu und verjagte die zudringlichen Gäste, so daß noch etwas Speck übrigblieb, weicher nach Anweisung des herbeigerusenen Hofmathematikers sehr künstlich aus alle Würste verteilt wurde. Pinken und Trompeten erschallten; alle anwesenden Potentaten und Prinzen zogen in glänzenden Feierkleidern zum Teil auf weißen Zeltern, zum Teil in kristallenen Kutschen zum Wurstschmause. Der König empfing fic mit herzlicher Freundlichkeit und Huld und setzte sich bann, als^Landes- lierr mit Kron' und Zepter angetan, an die Spitze des Tisches. Schon in der Station der Leberwürste sah man, wie der König immer mehr und melir erblaßte, wie er die Augen gen Himmel hob — leise Seuszer ent flohen feiner Brust — ein gewaltiger Schmerz schien in seinem Innern zu wühlen! Doch in der Station der Blutwürste sank er laut schluchzend und ächzend in den Lehnsessel zurück; er hielt beide Hände vors Gesicht, er jammerte und stöhnte. — Alles fprang auf von der Tafel; der Leibarzt bemühte sich vergebens, des unglücklichen Königs Puls zu erfassen; ein tiefer, namenloser Jammer schien ihn zu zerreißen. Endlich, endlich, nach vielem Zureden, nach Anwendung starker Mittel, als da sind gebrannte Federposen und dergleichen, schien der König etwas zu sich selbst zu kommen; er stammelte kaum hörbar die Worte: „Zu wenig «peck! Da warf sich die Königin trostlos ihm zu Füßen und schluchzte: „O, mein armer unglücklicher königlicher Gemahl! — O, welchen Schmerz mutzten Sie dulden! — Aber sehen Sie hier die Schuldige zu ihren Fußen, — strafen, strafen Sie hart! — Ach! — Frau Mauserinks mit ihren sieben Söhnen, Gevattern und Muhmen hat den speck aufgefressen und ... — damit fiel die Königin rücklings über in Ohnmacht. Aber der König sprantz voller Zorn auf mid rief laut: „Oberhosmeisterin, roie ging das zu?" Die Oberhosmeisterin erzählte, so viel sie wußte, und der König beschloß, Rache zu nehmen an der Frau Mauserinks und ihrer Familie, die ihm den speck aus der Wurst weggefressen hatten. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts'Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.